Part 1
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MAZEDONIEN
ERLEBNISSE UND BEOBACHTUNGEN EINES NATURFORSCHERS IM GEFOLGE DES DEUTSCHEN HEERES
VON
DR. FRANZ DOFLEIN o. ö. PROFESSOR DER ZOOLOGIE AN DER UNIVERSITÄT BRESLAU
MIT 279 ABBILDUNGEN IM TEXT UND 4 FARBIGEN UND 12 SCHWARZEN TAFELN
JENA VERLAG VON GUSTAV FISCHER 1921
ALLE RECHTE VORBEHALTEN
DEN MANNSCHAFTEN, ÄRZTEN UND OFFIZIEREN DES MAZEDONISCHEN HEERES GEWIDMET
VORWORT
Wie nach meiner amerikanischen und ostasiatischen Reise, war es nach meinem Aufenthalt in Mazedonien in den Jahren 1917 und 1918 mir ein seelisches Bedürfnis das, was ich dort erlebt und erfahren hatte, in einem Werk zusammenzufassen. Vielleicht ist es mehr eine künstlerische Neigung, welche sich in dem Drang ausspricht, einem großen, nachhaltigen Erlebnis eine Form zu geben; dem Gelehrten, dem Naturforscher hätte es näher gelegen, die Bearbeitung aller Forschungsresultate abzuwarten, um nach einer Reihe von Jahren die Gesamtergebnisse zusammengefaßt vorzulegen.
Überlegungen zweierlei Art waren es, welche mich veranlaßten, kurz nach meiner Heimkehr an die Ausarbeitung und Darstellung von Mazedonien heranzutreten. Zunächst, wie bei meiner „Ostasienfahrt‟ der Wunsch, noch unter dem frischen Eindruck meiner Erlebnisse die geeignetste Form der Darstellung zu finden. Während noch die Buntheit der Landschaften, die Bewegtheit der Vorgänge ungealtert in meinem Bewußtsein hafteten, sollten sie Gestaltung finden.
Dazu kam die Verpflichtung gegenüber den einstigen Angehörigen der mazedonischen Armee, die mir draußen soviel geholfen hatten, ihnen ein zusammenfassendes Bild des Landes zu geben, in welchem sie Jahre ihres Lebens in treuer Pflichterfüllung verbracht hatten, in militärischem Dienst, als Ärzte und Beamte. Es gibt keine solche Darstellung in deutscher Sprache; es ist doch eine merkwürdige Tatsache, daß Mazedonien in Europa vor dem Kriege zu den unbekanntesten Teilen der Erde gehörte, und daß es keine zusammenfassende Schilderung dieses Landes gab. Ich habe das Bewußtsein, durch mein Buch ein Stück von Europa, welches bisher nur einem kleinen Kreis von Spezialisten mehr oder minder bekannt war, vor den Augen einer größeren Öffentlichkeit zu entschleiern.
Was die Resultate der Forschungen anlangt, so ist an ihnen während des Krieges eine größere Anzahl von Fachleuten in den verschiedensten Wissenszweigen beteiligt gewesen. Deren Veröffentlichung wird sich auf Jahrzehnte erstrecken. Das konnte und wollte ich nicht abwarten. Die zoologischen Ergebnisse konnten sich dank der Mitarbeit zahlreicher Fachmänner soweit sichten lassen, daß ein Überblick über sie in meinem Buch gegeben werden konnte. Auch von den botanischen Forschungen stand mir alles, was für meine Darstellung wesentlich war, durch das kollegiale Entgegenkommen von Prof. _Bornmüller_ zur Verfügung. So war ich in der Lage, in einem Naturforscherbuch ein Bild des Landes, einen Umriß der Probleme, die dem Biologen das Zentrum der Balkanhalbinsel bietet, zu entwerfen.
Dabei bin ich einer ganzen Reihe von Mitarbeitern zu Dank verpflichtet. Diejenigen, welche draußen mitwirkten, sind in den einzelnen Kapiteln genannt, so auch die verschiedenen Gelehrten, welche mitgebrachtes Material schon so weit bearbeiteten, daß die Resultate angeführt werden konnten.
Für die Durchführung der Expeditionen bin ich außer der Heeresleitung, deren Entgegenkommen an vielen Stellen des Buches hervorgehoben ist, dem badischen Kultusministerium und der Bayerischen Akademie der Wissenschaften für Zuweisung von Geldmitteln zu Dank verpflichtet, welche einige der Gebirgsexpeditionen ermöglichten. Ersterem habe ich ferner die Großzügigkeit bei der Urlaubsgewährung zu danken.
Der reiche Bilderschmuck des Buches besteht meist aus von mir selbst gefertigten photographischen Aufnahmen von Landschaften und Naturgegenständen. Dazu kommen vier farbige Bilder nach meinen Aquarellen. Eine Anzahl Photographien verdanke ich den Kameraden beim Mazedonischen Heer Dr. _Laser_, Dr. _Burmester_, Dr. _Nachtsheim_, Prof. _Müller_, Dr. _Gripp_, Dr. _Hansen_, Dr. _Frischholz_. Ihnen allen sei an dieser Stelle gedankt. Manche nicht im Text genau nach Urheber bezeichnete Bilder rühren von Soldaten her, deren Namen ich nicht weiß, oder haben andere mir unbekannte Urheber. Das sind aber nur einige wenige. Die Tierbilder sind von den Frls. _Gottschalk_, _Schönfeld_ und _Limprecht_, die meisten von dem Maler _P. Rose_ angefertigt.
Meinem Verleger Dr. _Gustav Fischer_ bin ich für sein Entgegenkommen bei der Ausstattung des Werkes, die heutzutage etwas ganz Besonderes darstellt, sehr zu Dank verpflichtet.
_Breslau_, im November 1920.
INHALTSVERZEICHNIS.
Seite
Erstes Kapitel: Im Wardartal. Frühling in Mazedonien 1
Zweites Kapitel: Kaluckova und das Forscherhaus 10
Drittes Kapitel: Die Ebene von Hudova 26
Viertes Kapitel: Mravinca und sein Feldlazaret. Mazedonische Schildkröten und Fische 42
Fünftes Kapitel: Die Plaguša Planina 57
Sechstes Kapitel: Das Nikolatal 78
Siebentes Kapitel: Fahrt ins Gebiet der Mala Rupa 96
Achtes Kapitel: Regenwürmer und Ackererde in Mazedonien 119
Neuntes Kapitel: Das geliebte Veles 130
Zehntes Kapitel: Am Doiransee 141
Elftes Kapitel: Die mazedonischen Ameisen und ihre Bauten 158
Zwölftes Kapitel: Die Schluchten des Balkan 182
Dreizehntes Kapitel: Im Hain Mamre. Strumiza. Belasiza Planina. Gewgeli 198
Vierzehntes Kapitel: Die Expedition in den Schardakh 116
Fünfzehntes Kapitel: Die Bevölkerung Mazedoniens 245
Sechzehntes Kapitel: Üsküb als Standquartier 256
Siebzehntes Kapitel: Die Bulgaren in Mazedonien 270
Achtzehntes Kapitel: Der Tschifflik von Bardovce 284
Neunzehntes Kapitel: Beobachtungen an mazedonischen Spinnen 301
Zwanzigstes Kapitel: Das Chrombergwerk von Radusche 319
Einundzwanzigstes Kapitel: Der Katlanovosee 324
Zweiundzwanzigstes Kapitel: Besuch bei den Albanern 335
Dreiundzwanzigstes Kapitel: Der Wodno, die Treskaschlucht und das Kloster Markova 341
Vierundzwanzigstes Kapitel: Neresi (Über die Kirchen, Klöster und Feste der Mazedonier) 354
Fünfundzwanzigstes Kapitel: Bienen Mazedoniens 369
Sechsundzwanzigstes Kapitel: Die Erforschung der Golesniza Planina 380
Siebenundzwanzigstes Kapitel: Stip und das Ovče Polje 421
Achtundzwanzigstes Kapitel: Klima und Seuchen in Mazedonien 431
Neunundzwanzigstes Kapitel: Prilep und seine Pässe (Babuna und Pletwarpaß) 448
Dreißigstes Kapitel: Ameisenlöwen 473
Einunddreißigstes Kapitel: Krusevo als Aromunenstadt 484
Zweiunddreißigstes Kapitel: Gopes 492
Dreiunddreißigstes Kapitel: Sommer in Mazedonien 502
Vierunddreißigstes Kapitel: Der Peristeri. Die mazedonischen Alpen 516
Fünfunddreißigstes Kapitel: Am Prespasee 530
Sechsunddreißigstes Kapitel: Ritt über den Tomoros 536
Siebenunddreißigstes Kapitel: Die Wirbeltiere Mazedoniens 543
Achtunddreißigstes Kapitel: Ochrida 554
Neununddreißigstes Kapitel: Der Ochridasee 566
Vierzigstes Kapitel: Ende des Feldzuges und der Forschungarbeiten in Mazedonien 586
Anmerkungen zu den Kapiteln 580
ERSTES KAPITEL
IM WARDARTAL.
FRÜHLING IN MAZEDONIEN.
In den ersten Tagen des Monats Mai 1917 trug mich der Balkanzug südwärts durch das Moravatal Mazedonien entgegen und damit nahte für mich die Erfüllung eines Herzenswunsches. Ich durfte meine eigene Wissenschaft, meine Arbeitskraft in den Dienst meines Vaterlandes stellen! Als Naturforscher wurde ich von der deutschen Heeresgruppe nach Mazedonien gerufen, um dort ihre Zwecke durch Forschungen in meinen Arbeitsgebieten zu fördern.
Ein kurzer Aufenthalt in _Nisch_, der alten Hauptstadt Serbiens, führte mich in die Kreise der Etappeninspektion XI ein, deren Kommandeur, Generalleutnant _von Krane_ mich als frischer Soldat mit starkem Interesse und vollem Verständnis für meine Absichten empfing. In seinem Stab traf ich mit Generaloberarzt Ludolf _Brauer_, dem beratenden inneren Kliniker der Heeresgruppe, dem Direktor des Eppendorfer Krankenhauses in Hamburg, zusammen. Er war der Geschäftsführer der neu begründeten Mazedonischen Landeskundlichen Kommission beim Oberkommando Scholtz; ich war als eines der ersten Mitglieder auf dem Kriegsschauplatz erschienen und beriet sofort die Organisation unserer Kommission mit ihm. Ich erfuhr, daß ich in voller Freiheit meine Pläne durchführen könne und daß mir nur der Wunsch ausgesprochen würde, ich möge mich durch Forschungen auf zoologischem Gebiet auch an der Bekämpfung der für unser Heer so gefährlichen Seuchen beteiligen.
Ich beschloß, sofort an die Arbeit zu gehen, über Üsküb ins südliche Wardartal zu reisen und mir dort in der für meine Forschungen geeignetsten Gegend als Gast des deutschen Heeres ein Standquartier auszusuchen. Überall, wo ich mit Heeresstellen in Berührung kam, fühlte ich Verständnis und Entgegenkommen heraus, und machte mich mutig auf den Weg.
Schon von Nordserbien aus war es deutsche Militär-Eisenbahn, der ich mit meiner wissenschaftlichen Ausrüstung anvertraut war. Die Militär-Eisenbahn-Direktion 7 mit ihrem so pünktlichen und sicheren Verkehr habe ich bei den Reisen der nächsten zwei Jahre bis zum traurigen Abschied von Mazedonien stets gesegnet. Aber jetzt bei der Ausreise südwärts schien nicht alles von vornherein sicher und glatt vor sich gehen zu sollen. Serbische Banden waren tags vorher bei _Ristowac_ aufgetaucht, gut bewaffnet und von serbischen Offizieren geführt. Sie hatten die Eisenbahnbrücke zerstört und es hatte an der Eisenbahnstation ein regelrechtes Gefecht stattgefunden, welches von dem alten, begeisterten deutschen Bahnhofskommandanten siegreich geführt worden war. Die Serben hatten 20 Mann und einen Offizier von ihren etwa 300 Mann tot am Platze gelassen, während auf unserer Seite auch 11 Bulgaren und 5 Deutsche gefallen waren. So wurde mir denn gleich zum Bewußtsein gebracht, daß meine Tätigkeit auf einem Kriegsschauplatz sich vollziehen sollte.
Als ich in _Ristowac_ ankam, war die Brücke schon wiederhergestellt, wir konnten glatt durchfahren. In den Bergen brannten mehrere Dörfer als Folgeerscheinung einer bulgarischen Strafexpedition, bei der ein ganzes Armeekorps gegen die ziemlich zahlreichen serbischen Banden aufgestellt war. Es war eine von unseren Gegnern von Saloniki aus eingeleitete Aufstandsbewegung größeren Stils, welche zeitweise sogar _Nisch_ bedrohte, von den Bulgaren aber blutig unterdrückt wurde. Im Eisenbahnzug hörte ich von den deutschen Offizieren schon mancherlei Bemerkungen über die grausame Kriegführung der Bulgaren.
Die Reise ging aber durch die Ereignisse unbehindert weiter. Ich kam auch im Angesicht der reizvollen Landschaft nicht dazu, mich über die militärischen und politischen Angelegenheiten weiter zu unterrichten. Die Bahn fährt das Moravatal hinauf. Der Fluß führte damals reichlich durch Regengüsse gelbbraun gefärbtes Wasser. In vielen Windungen laufen Fluß und Bahn durch ein sehr reizvolles Tal, dessen Wände von Bergen mittlerer Höhe gebildet sind. Die ausgedehnten Buchenwälder standen in sommerlicher Pracht; die Felder waren gut bepflanzt, das Getreide schon hoch, Weißdorn blühte, die Obstbäume waren schon abgewelkt, in Sümpfen standen gelbe Schwertlilien. Im ganzen erinnerte die Landschaft an sommerliches Mitteldeutschland, etwa an Thüringer Flußtäler.
Der Fluß wurde kleiner, die Landschaft immer sommerlicher, höhere Bergketten traten im Süden auf, zum Teil noch mit Schnee bedeckt. Schließlich verließ die Bahn das Moravatal, überschritt die Wasserscheide und trat in der Nähe von _Kumanovo_ in das mazedonische Gebiet ein, was sich in dem ganzen Charakter der Landschaft kundgab. Die Berge waren zurückgetreten, eine weite Ebene breitete sich aus. Wald fehlte hier, während die Felder schon einen vorgeschrittenen Zustand aufwiesen, Gerste und Roggen standen mit fertigen Ähren, einzelne blühende Mohnfelder verrieten den südlicheren Charakter des Landes.
Weite Getreideäcker, Obsthaine und Dörfer mit Lehmhütten füllten die Ebene, die der Zug durchfuhr, um die Stadt _Üsküb_, slawisch _Skopje_ genannt, zu erreichen. Bei der Einfahrt überraschte der _Wardar_ als breiter Fluß, Minarets, Moscheen und die hochragende Zitadelle gaben der Stadt ein orientalisches Gepräge. Das malerische Bild der Gebäude wurde sehr gehoben durch die Menge stattlicher Pappeln, die sich hinter den Häusermassen erhoben; rings um die Stadt ziehen sich Ketten von schöngeformten Gebirgen, von denen einige jetzt Mitte Mai noch tief beschneit waren. Vor ihnen dehnt sich eine hügelige Ebene voll reicher Pflanzungen aus.
Von dem bunten orientalischen Leben Üskübs, von dem ich in einem späteren Kapitel erzählen werde, riß ich mich bald los, um zu meinem Standquartier zu gelangen, in welchem ich mich für mehrere Wochen niederlassen wollte. Zu diesem Zweck reiste ich wardarabwärts mit der Bahn nach Süden. Diese bleibt immer nahe am _Wardar_, so daß man bei der Fahrt einen guten Überblick über dessen Lauf gewinnt. Sie führt zuerst durch das weite _Becken von Üsküb_, in welches der Wardar von Westen eintritt, nachdem seine Wassermasse durch den Zufluß der _Treska_ ganz erheblich vermehrt wurde. Etwa bei _Selenikovo_ tritt der Fluß in die Enge von _Veles_, die sich bis _Krivolac_ hinzieht. Hier fließt der Wardar durch eine wechselvolle Landschaft mit vielen malerischen Schönheiten. Prachtvolle enge Schluchten mit steilen Felswänden wechseln mit breiteren Talstellen, in denen ein oft üppiger Baumwuchs absticht von der Öde und Kahlheit, die sonst für den vom Norden kommenden Reisenden das auffallendste Merkmal Mazedoniens zu sein scheint. Im Westen sieht man hohe Berge aufragen, auch diese (jetzt Mitte Mai) noch tief im Schnee. Damals schon faßte mich die Sehnsucht, diese wie Alpen sich darstellenden Gebirge zu erforschen, ein Wunsch, den das nächste Jahr mir erfüllen sollte. Auch die eigenartige Pflanzenwelt der Talwände lockte schon bei der Durchreise zum Aussteigen. Ich werde von ihr später mancherlei zu erzählen haben.
Kurz vor _Veles_ erweitert sich das Tal und gestattet wieder Ausblicke westwärts auf die Gebirge, über welche die Pässe gegen _Prilep_ und _Monastir_ führen. Schon dicht bei der Stadt _Veles_ wird das Flußbett des Wardar wieder fast zur engen Klamm. Die Stadt klettert in malerischer Schönheit die Felsenhänge hinan; enge Gassen münden in die Seitenschluchten, Minarets erheben sich über die roten Ziegeldächer der untereinander sehr gleichartigen Häuser, in Felsspalten erscheinen weiße Klöster eingebaut. Von all diesen Steinmassen der Berge und Häuser strahlt pralle Hitze ins Tal und läßt auf den kahlen Felsen keine Pflanzenwelt aufkommen. Im Fluß drehen sich schlanke Räder, welche Wasser zur Bewässerung der Felder in die Höhe schöpfen.
Bis _Krivolac_, wo die Bulgaren den Franzosen im Jahre 1916 eine ordentliche Niederlage beigebracht haben, fährt der Zug vielfach an kahlen Bergen entlang, die einen öden, menschenleeren Eindruck machen. _Gradsko_, das riesige Lager mit seinen Magazinen, Baracken und Zelten, von Staubwolken verdüstert, machte keinen freundlichen Eindruck.
Am Bahndamm sah man schon in Serbien, wie jetzt an der ganzen Strecke bulgarische Soldaten als Bahnbewachung. Kleine elende Häuschen aus Lehm und Stroh waren von Stacheldraht und seichten Gräben umgeben, die gegen einen Bandenüberfall wohl nur ein mäßiger Schutz gewesen wären. Die bulgarischen Landsturmsoldaten in ihren zerrissenen, schmutzigen Uniformen waren zunächst nicht geeignet, einen günstigen Eindruck von ihrem Volke zu erwecken.
Südlich von _Krivolac_ durchläuft die Eisenbahn mit dem Wardar ein weites Becken, welches von einem Kranze kahler Berge eingeschlossen ist. Nur in weiter Ferne sieht man im Südwesten die schönen Formen schneebedeckter Berge hervorragen. Die näher liegenden Berge zeigen an ihren Hängen alle Zeichen einer weitgehenden Erosion. Steile Abstürze mit den scharfen Schatten der vom Regenwasser gerissenen Schluchten strahlten im Scheine der Nachmittagssonne in den stärksten Farben: ziegelrote, orangegelbe und violette neben braunen und weißen Hängen. Ein geradezu phantastisches Bild: bizarre Formen und eigenartige grelle Farben. Das waren ganz ungewohnte Landschaftsbilder, die mich an Gegenden erinnerten, wie ich sie in Mexiko und am Roten Meer gesehen hatte.
Vor den Bergen dehnte sich eine gutbebaute Ebene aus, deren Gerstenfelder schon leise gelblich zu schimmern begannen; die zahlreichen Mohnpflanzungen waren im Verblühen, an manchen Stellen waren die Kapseln schon gut entwickelt.
Zug und Landstraße gingen direkt auf steile hohe Felsenwände zu; das tat auch der Wardar, der sich in diese Felsen eine steilwandige mächtige Schlucht gegraben hat. Es ist _Demir-Kapu_, das Eiserne Tor von Mazedonien. Durch gelbrote Wände hat der Fluß sich gearbeitet, die so steil aus seinem Wasser aufragen, daß Straße und Bahn nur durch Tunnels hier an ihm vorbeigeführt werden können. Wir werden diese eigenartige, grandiose Landschaft des Wardardurchbruchs später noch genauer kennen lernen.
Einige hundert Meter ist diese Flußwildnis lang; hinter ihr treten die Berge nicht stark zurück und zeigen immer noch schöne wildzerissene Steilwände. Täler münden von beiden Seiten ein, die zum Teil in schön bewaldete Mittelgebirge führen. Hier durfte ich als Naturforscher interessante Beobachtungen erwarten. Aber schnell führte mich der Zug jetzt an diesen Tälern vorbei, an Dörfern, die im Schatten von Obstbäumen und Pappeln friedlich lagen, an mächtigen Schotterbänken entlang, welche die Bäche aus den Seitentälern zum Wardar geschwemmt hatten und die von der Wucht der in diesem Gebiet herrschenden Naturkräfte zeugten.
In der Ferne sah man das Tal in eine weite Ebene ausmünden, die im Süden sich wieder zu einem Bergpaß schloß. Es war die Ebene von _Hudova_, die mich jetzt für einige Monate beherbergen sollte. Wir liefen in den Bahnhof von _Hudova_ ein den ein ungeheures Barackenlager umgab. Dies war das letzte große Etappenlager vor der Front gegen Saloniki. Etwa 100 km von Hudova aus gegen Süden und Südosten erstreckt sich noch das Wardartal, bis der Fluß westlich Saloniki ins Ägäische Meer mündet. An die Ebene von Hudova schließt sich noch ein Schluchtgebiet des Wardar an, hier von weniger stattlichen Bergen eingeschlossen. In Friedenszeiten wäre die Bahn bis Saloniki durchgelaufen. Jetzt fand sie in _Miletkovo_ ihren Abschluß; etwas weiter flußabwärts lagen _Negorci_ und _Gewgeli_; etwa 15 Kilometer südlich dieser Stadt verlief die feindliche Front, welche meiner Forschungsarbeit eine durchaus nicht natürliche Grenze setzte.
An jenem Maiabend stieg ich aber in _Hudova_ aus dem Zug; Wagen mit Soldaten holten mich und mein Gepäck ab. Nach wenigen Minuten rollten sie durch mächtige Staubwolken ein Stück südwärts, um dann nach Osten scharf um die Ecke zu biegen, der östlichen Talwand entgegen. Den Staub von Hudova sollte ich in dem nahenden Sommer noch zur Genüge kennen lernen. Jetzt kamen wir bald an den Baracken der Etappenmagazine, an einer Feldwetterwache, einer Feldbäckerei und Fliegerlagern vorbei gegen eines der östlich in die Bergwand eindringenden Tälchen.
Vor uns dehnten sich im Tal von Hudova vor allem große Maulbeerpflanzungen aus; zwischen den Bäumen war Getreide gepflanzt. Die Maulbeeren waren zum Teil noch in Blüte. Unser Weg führte zwischen blühenden Rosen-, Brombeer- und Weißdornhecken und war so eng, die Hecken so dicht und üppig, daß bei der flotten Fahrt Zweige und Blüten den Pferden und mir ins Gesicht schlugen. Vom Wegrand dufteten die mannigfaltigsten Blüten, umsummt von einer Menge von Insekten. Vögel vieler Arten machten auf sie Jagd. Aus den dichten Gebüschen begann der Gesang zahlreicher Nachtigallen sich zu erheben, während allmählich der Abendsonnenschein sich durch das Tal ergoß und fern hinter mir auf dem Wardarfluß sich spiegelte. Noch weiter westlich grenzte ein in zarten Farben verschwimmendes Hochgebirge, dessen Gipfel noch breite Schneefelder trugen, in schönen dachsteinähnlichen Formen die Ferne ab.
Vor mir im Osten, allmählich sich immer stattlicher erhebend, ragte ein eigenartig herbes Gebirge empor. Eine Bergkette von harten Umrißlinien, mit scharfen Kanten, die von den Gipfeln zu Tale liefen, von zahllosen Schluchten durchfurcht, steinig und dürr, baumlos, nur von Buschwerk an den Flanken bedeckt, so schien es, während ich im Abendschein mich ihm näherte, immer höher vor mir aufzusteigen. Die Beleuchtung ließ es fast wie Alpenberge erscheinen, obwohl es nicht viel über 1000 m sich erhob. Es war die _Plaguša Planina_, in deren Schutz ich nun mein Standquartier aufschlagen wollte. Auf deren Gipfeln und in ihren Schluchten wartete manches Erlebnis, manche wissenschaftliche Entdeckung auf mich.
Über dem weiten Geröll- und Sandbett eines ausgetrockneten Schluchtbaches rollte nun unser Wagen in das Tälchen ein, in dessen Südflanke in einer Mulde das Dorf _Kaluckova_ lag.
ZWEITES KAPITEL
KALUCKOVA UND DAS FORSCHERHAUS