Max Havelaar

Chapter 9

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Sie hatte sehr jung ihre Eltern verloren und war bei Angehörigen von ihr aufgezogen. Als sie heiratete, teilte man ihr mit, dass sie ein kleines Vermögen besitze, und man zahlte es ihr auch aus; doch Havelaar entdeckte aus einzelnen Briefen früherer Zeit und aus einigen losen Aufzeichnungen, die sie in einer von ihrer Mutter ererbten Kassette aufbewahrte, dass ihre Familie sowohl von väterlicher wie mütterlicher Seite sehr reich gewesen war, ohne dass ihm gleichwohl deutlich werden wollte, wo, wodurch oder wann dieser Reichtum verloren gegangen war. Sie selbst, die sich nie um Geldsachen bekümmert hatte, wusste wenig oder nichts zu antworten, als Havelaar sich angelegen sein liess, bezüglich der früheren Besitzverhältnisse ihrer Verwandten einige Auskunft von ihr zu erlangen. Ihr Grossvater, der Baron van W., war mit Wilhelm V. nach England entwichen und im Heer des Herzogs von York Rittmeister gewesen. Er schien mit den entkommenen Gliedern der Statthalterfamilie ein lustiges Leben geführt zu haben, was denn auch von vielen als Ursache des Niederganges seiner günstigen Vermögensverhältnisse angegeben wurde. Später, bei Waterloo, fiel er bei einem Angriff unter den Husaren von Boreel. Rührend war es, die Briefe ihres Vaters zu lesen--damals eines Jünglings von achtzehn Jahren, der als Leutnant bei diesem Korps in demselben Angriff einen Säbelhieb über den Kopf bekam, an dessen Folgen er acht Jahre später im Irrsinn sterben sollte--Briefe an seine Mutter, in denen er ihr sein Weh klagte, wie er ergebnislos auf dem Schlachtfelde nach dem Leichnam seines Vaters gesucht hatte.

Was ihre Abkunft mütterlicherseits angeht, erinnerte sie sich, dass ihr Grossvater auf sehr ansehnlichem Fusse gelebt hatte, und aus einigen Papieren wurde ersichtlich, dass dieser im Besitz des Postbetriebes in der Schweiz gewesen war, in der Art wie jetzt noch in einem grossen Teile Deutschlands und Italiens dieser Einkommenszweig die »Apanage« der Fürsten von Thurn und Taxis ausmacht. Dies liess ein grosses Vermögen voraussetzen, aber auch hiervon war durch gänzlich unbekannte Ursachen nichts oder wenigstens sehr wenig auf das zweite Glied übergegangen.

Havelaar vernahm das wenige, was darüber zu vernehmen war, erst nach seiner Eheschliessung, und bei seinen Nachforschungen erweckte es seine Verwunderung, dass die Kassette, von der ich soeben sprach--und die sie mit dem Inhalt aus einem Gefühl der Pietät aufbewahrte, ohne zu ahnen, dass darin Stücke enthalten sein könnten, die in geldlicher Hinsicht von Wert waren--auf unbegreifliche Weise verloren gegangen war. Wie uneigennützig auch, er gründete auf diese und viele andere Umstände die Meinung, dass dahinter ein 'roman intime' sich verstecke, und man mag es ihm nicht übel deuten, dass er, der er für seine kostspielige Veranlagung viel nötig hatte, mit Freude diesen Roman ein glückliches Ende hätte nehmen sehen. Wie es nun auch sein möge mit dem wirklichen Bestehen dieses Romans, und ob nun »Raub« stattfand oder nicht, gewiss ist, dass in Havelaars Phantasie etwas geboren wurde, was man einen »Millionentraum« nennen könnte.

Doch eigenartig war es wiederum, dass er, der so genau und scharf dem Rechte eines andern--wie tief es auch begraben sein mochte unter staubigen Akten und dicken Gespinnsten von Advokatenkniffen--nachgespürt und es verteidigt haben würde, dass er hier, wo sein eigenes Interesse im Spiel war, nachlässig den Augenblick verpasste, wo vielleicht die Sache hätte angefasst werden müssen. Er schien eine gewisse Scham zu empfinden, hier, wo es seinen eigenen Vorteil galt, und ich glaube bestimmt, wenn 'seine Tine' mit einem anderen verheiratet gewesen wäre, mit jemandem, der sich an ihn mit dem Ersuchen gewendet hätte, er möchte das Spinnengewebe zerstören, worin der grossväterliche Wohlstand hängen geblieben war, ich glaube, dass es ihm geglückt wäre, 'die interessante Waise' in den Besitz des Vermögens zu setzen, das ihr gehörte. Doch nun war diese interessante Waise seine Frau, ihr Vermögen war das seine, und so fand er etwas Kaufmännisches, Entwürdigendes darin, in ihrem Namen zu fragen: »Seid ihr mir nicht noch etwas schuldig?«

Und doch konnte er diesen Millionentraum nicht von sich schütteln, und wäre dies auch nur gewesen, um eine Rechtfertigung dafür bei der Hand zu haben, wenn er, was häufig vorkam, es an sich tadelte, dass er zu viel Geld ausgab.

Erst kurz vor der Rückkehr nach Java, als er schon viel gelitten hatte unter dem Drucke des Geldmangels, als er sein trotziges Haupt hatte beugen müssen unter die furca caudina so manchen Gläubigers, war es ihm gelungen, seine Trägheit oder seine Scheu zu überwinden, um die Millionen gegenständlich zu machen, die er noch zu gute zu haben meinte. Und man antwortete ihm mit einer alten Rechnungsaufstellung ... ein Argument, wie man weiss, gegen das nichts ins Feld zu führen ist.

Doch sie würden so sparsam sein zu Lebak! Und warum auch nicht? Es irren in so einem unkultivierten Lande nicht spät abends Mädchen über die Strasse, die ein wenig Ehre zu verkaufen haben für ein wenig Essen. Es schwärmen da nicht so viel Menschen herum, die von problematischen Berufen leben. Da kommt es nicht vor, dass eine Familie auf einmal zu Grunde geht durch Schicksalswendung ... und derart waren doch gewöhnlich die Klippen, an denen die guten Vorsätze Havelaars scheiterten. Die Zahl der Europäer in dieser Abteilung war so gering, dass sie nicht in Anschlag kam, und der Javane in Lebak zu arm, als dass er--bei welcher Wendung des Loses immer--die Aufmerksamkeit erregen könnte durch noch grössere Armut. Tine überdachte dies alles wohl nicht so--hierzu hätte sie sich doch deutlicher, als sie es aus Liebe zu Max thun mochte, Rechenschaft geben müssen von den Ursachen ihrer nicht sehr günstigen Verhältnisse--aber es lag in ihrer neuen Umgebung etwas, das Ruhe atmete, und es mangelten hier alle Anlässe, die--mit mehr oder minder romanhaftem Hintergrunde--früher Havelaar so oftmals hatten sagen lassen:

--Nicht wahr, Tine, das ist nun doch ein Fall, dem ich mich nicht entziehen kann?

Und worauf sie stets geantwortet hatte:

--Freilich nein, Max, dem kannst du dich nicht entziehen!

Wir werden sehen, wie das einfache, scheinbar unbewegte Lebak Havelaar mehr kostete als alle früheren Exzesse seines Herzens zusammengenommen. Aber das wussten sie nicht! Sie sahen mit Vertrauen in die Zukunft und fühlten sich so glücklich in ihrer Liebe und im Besitz ihres Kindes ...

--O, sieh doch, wieviel Rosen in dem Garten, rief Tine, und da auch Rampeh und Tjempaka, und so viel Melattis, und sieh mal die schönen Lilien ...

Und, Kinder, die sie waren, hatten sie eine unschuldige Freude an ihrem Hause. Und als abends Duclari und Verbrugge nach einem Besuch bei Havelaars nach ihrer gemeinschaftlichen Wohnung zurückkehrten, sprachen sie viel über die kindliche Fröhlichkeit der neu angekommenen Familie.

Havelaar begab sich auf sein Bureau und blieb dort die Nacht über bis zum folgenden Morgen.

ACHTES KAPITEL.

Havelaar hatte den Kontrolleur ersucht, die Häuptlinge, die in Rangkas-Betung anwesend waren, zu veranlassen, dass sie noch bis zum folgenden Tage dort verweilten, um der Sebah beizuwohnen, die er belegen wollte. Solch eine Versammlung fand gewöhnlich einmal im Monat statt, doch sei es, dass er einzelnen Häuptlingen, die etwas weit vom Hauptplatze entfernt wohnten--denn die Abteilung Lebak ist sehr ausgedehnt--das unnötige Hin- und Herreisen ersparen wollte, oder sei es, dass es sein Wunsch war, sogleich und ohne den festgesetzten Tag abzuwarten in feierlicher Weise zu ihnen zu sprechen ... er hatte den ersten Sebah-Tag für den folgenden Tag angesetzt.

Links vor seiner Wohnung, doch auf demselben »Erbe« und gegenüber dem Hause, das Mevrouw Slotering bewohnte, stand ein Gebäude, das zum Teil die Bureaux der Assistent-Residentschaft enthielt, wozu auch die Landeskasse gehörte, und zum andern Teil aus einer ziemlich geräumigen, offenen Galerie bestand, die recht geeignet war zur Abhaltung solch einer Versammlung. Dort waren denn auch den folgenden Morgen die Häuptlinge frühzeitig vereinigt. Havelaar trat ein, grüsste und nahm Platz. Er empfing die geschriebenen Monatlichen Berichte über Landbau, Viehstand, Polizei und Gerichtspflege und legte sie zu näherer Prüfung beiseite.

Jeder erwartete hierauf eine Ansprache gleich der, welche der Resident am Tage zuvor gehalten hatte, und es ist nicht so ganz und gar sicher, dass Havelaar selbst die Absicht hatte, etwas anderes zu sagen; doch man musste ihn bei solchen Gelegenheiten gehört und gesehen haben, um sich vorstellen zu können, wie er bei Ansprachen wie dieser sich begeisterte und durch seine eigene Art zu reden den bekanntesten Dingen eine neue Farbe verlieh, wie sich dann seine Haltung aufrichtete, wie sein Blick Feuer sprühte, wie seine Stimme vom schmeichelnd-sanften überging zu Lanzettenschärfe, wie die Bilder von seinen Lippen flossen, als streue er Kleinodien um sich her, die ihn doch nichts kosteten, und wie ihn, wenn er anhielt, jeder anstarrte mit offenem Munde, als wolle er fragen: »Mein Gott, wer bist du?«

Es ist wahr, dass er selbst, der bei solchen Gelegenheiten sprach wie ein Apostel, wie ein Seher, später nicht wusste, wie er gesprochen hatte, und seine grosse Beredtheit hatte denn auch mehr die Eigenschaft, Erstaunen hervorzurufen und zu packen, als durch Bündigkeit der Beweisführung zu überzeugen. Er hätte die Kriegslust der Athener, sobald der Krieg gegen Philippus beschlossen war, anfeuern können bis zu vernichtender Raserei, doch nicht so gut wäre es ihm wahrscheinlich, falls es seine Aufgabe war, gelungen, sie durch logische Folgerungen zu diesem Kriege zu bewegen. Seine Ansprache an die Häuptlinge von Lebak wurde natürlich in malayischer Sprache gehalten, und sie entlehnte dem Umstande noch um so mehr Eigenart, als die Einfachheit der orientalischen Sprachen vielen Ausdrücken eine Kraft verleiht, die unseren Idiomen durch litterarische Gekünsteltheit verloren gegangen ist, während auf der andern Seite wieder das süssfliessende des Malayischen schwerlich in irgend einer anderen Sprache wiederzugeben ist. Man bedenke überdies, dass die Mehrzahl seiner Zuhörer aus einfältigen, doch keineswegs dummen Menschen bestand, und zugleich, dass es Orientalen waren, deren Eindrücke sehr verschieden sind von den unseren.

Havelaar muss ungefähr also gesprochen haben:

--Mynheer de Radhen Adhipatti, Regent von Bantan-Kidul, und Ihr, Radhens Dhemang, die Ihr Häupter seid der Distrikte in dieser Abteilung, und Ihr, Radhen Djaksa, der Ihr die Justiz zum Amte habt, und auch Ihr, Radhen Kliwon, der Ihr Autorität übt am Hauptplatze, und Ihr, Radhens, Mantries und alle, die Ihr Häupter seid in der Abteilung Bantan-Kidul ... ich grüsse Euch!

Und ich sage Euch, dass ich Freude fühle in meinem Herzen, nun ich hier Euch alle versammelt sehe, lüsternd nach den Worten von meinem Munde.

Ich weiss, dass da unter Euch welche sind, die hervorragen durch Kenntnis und durch Vortrefflichkeit des Herzens: ich hoffe meine Kenntnis durch die Eure zu vermehren, denn sie ist nicht so gross, wie ich wohl wünschte. Und ich habe wohl die Vortrefflichkeit lieb, doch manchmal gewahre ich, dass in meinem Gemüte Mängel sind, die die Vortrefflichkeit überschatten und ihr den fröhlichen Wuchs nehmen ... Ihr alle wisset, wie der grosse Baum den kleinen verdrängt und ihn tötet. Darum werde ich schauen auf die unter Euch, die durch ihre Tugend hervorragen, um zu versuchen, besser zu werden, als ich bin.

Ich grüsse Euch alle sehr.

Als der Generalgouverneur mir gebot, zu Euch zu gehen, dass ich Assistent-Resident sei in dieser Abteilung, da war mein Herz sehr erfreut. Es kann Euch bekannt sein, dass ich niemals Bantan-Kidul betreten hatte. Ich liess mir Schriftwerk geben, das über Eure Abteilung handelt, und ich habe gesehen, dass viel Gutes ist in Bantan-Kidul. Euer Volk besitzt Reisfelder in den Thälern, und es sind Reisfelder auf den Bergen. Und Ihr wünschet in Frieden zu leben und begehret nicht zu wohnen in Landstrichen, die bewohnt werden von andern. Ja, ich weiss, dass da viel Gutes ist in Bantan-Kidul!

Aber nicht darum allein war mein Herz erfreut. Denn auch in andern Geländen würde ich viel Gutes gefunden haben.

Doch ich gewahrte, dass Eure Bevölkerung arm ist, und hierüber war ich froh im Innersten meiner Seele.

Denn ich weiss, dass Allah den Armen lieb hat und dass Er Reichtum giebt dem, den Er prüfen will. Doch zu den Armen sendet Er, wer sein Wort spricht, auf dass sie sich aufrichten in ihrem Elend.

Giebt Er nicht Regen, wo der Halm verdorrt, und einen Tautropfen in den Blumenkelch, der Durst hat?

Und ist es nicht schön, ausgesendet zu werden, dass man die Ermüdeten suche, die zurückblieben nach der Arbeit und niedersanken am Wege, da ihre Kniee nicht stark mehr waren, hinaufzugehen nach dem Orte des Lohnes? Sollte ich nicht erfreut sein, die Hand reichen zu dürfen dem, der in die Grube fiel, und einen Stab zu geben dem, der die Berge erklimmt? Sollte nicht mein Herz aufspringen vor Lust, wenn es sich erwählet sieht unter vielen, aus Klagen ein Gebet zu machen und Danksagung aus Weinen?

Ja, ich bin froh aus Herzens Grunde, gerufen zu sein nach Bantan-Kidul!

Ich habe gesagt zu der Frau, die meine Sorgen teilt und mein Glück grösser macht: freue dich, denn ich sehe, dass Allah Segen giebt auf das Haupt unseres Kindes! Er hat mich gesendet an einen Ort, wo nicht alle Arbeit abgelaufen ist, und er schätzte mich würdig, da zu sein vor der Zeit der Ernte. Denn nicht im Schneiden des Padie ist die Freude: die Freude ist im Schneiden des Padie, den man gepflanzt hat. Und die Seele des Menschen wächst nicht vom Lohne, sondern von der Arbeit, die den Lohn verdient. Und ich sagte zu ihr: Allah hat uns ein Kind gegeben, das dereinstmals sagen wird: »Wisset Ihr, dass ich sein Sohn bin?« Und dann werden da welche sein im Lande, die ihn grüssen mit Liebe und die die Hand auf sein Haupt legen werden, und sie werden sagen: »Setze dich nieder zu unserm Mahl, und bewohne unser Haus, und nimm deinen Teil von dem, was wir haben, denn ich habe deinen Vater gekannt.«

Häupter von Lebak, es ist viel zu arbeiten auf Eurem Landstrich!

Sagt mir, ist nicht der Landmann arm? Reift nicht Euer Padie so oft zur Speise für die, die nicht gepflanzt haben? Sind da nicht viele Verkehrtheiten in Eurem Lande? Ist nicht die Anzahl Eurer Kinder gering?

Ist nicht Scham in Euren Seelen, wenn der Bewohner von Bandung, das da gen Osten liegt, Eure Landschaft besucht und fragt: »Wo sind die Dörfer und wo die Besteller des Landes? Und warum höre ich den Gamlang nicht, der Freudigkeit spricht mit kupfernem Munde, noch das Gestampfe des Padie von Euren Töchtern?«

Ist es Euch nicht bitter, von hier zu reisen nach der Südküste und die Berge zu sehen, die kein Wasser tragen auf ihren Seiten, oder die Flächen, wo nimmer ein Büffel den Pflug zog?

Ja, ja, ich sage Euch, dass Eure und meine Seele darüber betrübt ist! Und darum just sind wir Allah dankbar, dass Er uns Macht gegeben hat, hier zu arbeiten.

Denn wir haben in diesem Lande Äcker für viele, obschon der Bewohner wenige sind. Und es ist nicht der Regen, der mangelt, denn die Gipfel der Berge saugen die Wolken des Himmels zur Erde nieder. Und nicht überall sind Felsen, die der Wurzel Platz verwehren, denn an vielen Stellen ist der Grund weich und fruchtbar und schreit nach dem Samenkorn, das er uns wiedergeben will in gebogenem Halm. Und es ist kein Krieg im Lande, der den Padie zertritt, wenn er noch grün ist, noch Krankheit, der Euren lockernden Patjol nutzlos macht. Noch sind da Sonnenstrahlen, die heisser wären als nötig ist, das Getreide reifen zu lassen, das Euch und Eure Kinder nähren soll, noch Banjirs, deren wilde Wogen alles überfluten und niederreissen und Euch jammern lassen: »Zeig' mir den Platz, wo ich gesäet habe!«

Wo Allah Wasserströme sendet, die die Äcker wegnehmen ... wo Er den Boden hart macht wie trockenen Stein ... wo Er Seine Sonne glühen lässet, dass alles versenget werde ... wo Er Krieg sendet, der die Felder niederlegt ... wo Er schlägt mit Krankheiten, die die Hände erschlaffen lassen, oder mit Trockenheit, die die Ähren tötet ... da, Häupter von Lebak, beugen wir demütig das Haupt und sagen: »Er will es so!«

Doch nicht also in Bantan-Kidul!

Ich bin hierher gesandt, Euer Freund zu sein, Euer älterer Bruder. Würdet Ihr Euren jüngeren Bruder nicht warnen, wenn Ihr einen Tiger sähet auf seinem Wege?

Häupter von Lebak, wir haben wohl öfter Fehlgriffe gethan, und unser Land ist arm, weil wir so viele Fehler begingen.

Denn in Tjikandi und Bolang und im Krawangschen und in der Umgegend von Batavia sind viele, die geboren sind in unserem Lande und die unser Land verlassen haben.

Warum suchen sie Arbeit fern von dem Platz, wo sie ihre Eltern begruben? Warum fliehen sie die Dessah, wo sie die Beschneidung empfingen? Warum wählen sie die Kühle des Baumes, der dort wächst, vor dem Schatten unserer Haine?

Und dort im Nordwesten jenseit der See sind viele, die unsere Kinder sein müssten, doch die Lebak verlassen haben, um herumzuirren in fremden Landstrichen mit Kris und Klewang und Schiessgewehr. Und sie kommen elendig um, denn es ist Macht von der Regierung da, die die Aufständischen erschlägt.

Ich frage Euch, Häuptlinge von Bantan-Kidul, warum sind da so viele, die weggingen, um nicht begraben zu werden, wo sie geboren sind? Warum fragt der Baum, wo der Mann sei, den er als Kind spielen sah an seinem Fusse?

Havelaar hielt hier einen Augenblick inne. Um einigermassen den Eindruck zu begreifen, den seine Sprache machte, hätte man ihn hören und sehen müssen. Als er von seinem Kinde sprach, war in seiner Stimme etwas Sanftes, etwas unbeschreiblich Rührendes, das zu der Frage lockte: »Wo ist der Kleine? Jetzt schon will ich das Kind küssen, das seinen Vater so sprechen lässt!« Doch als er kurz darauf, scheinbar mit wenig Planmässigkeit in dem allen, überging zu den Fragen, warum Lebak arm sei und warum so viele Bewohner dieser Gegenden anderswohin verzögen, da nahm seine Stimme einen Klang an, der an das Kreischen des Bohrers erinnert, der mit Kraft in hartes Holz geschraubt wird. Dennoch sprach er nicht laut, noch betonte er einzelne Worte besonders, und sogar eintönig schien seine Stimme, aber--sei hier nun Absicht oder Natur im Spiel--gerade diese Eintönigkeit verstärkte den Eindruck seiner Worte auf Gemüter, die so besonders empfänglich waren für solche Sprache.

Seine Bilder, die stets aus dem Leben genommen waren, das ihn umringte, waren für ihn wirklich Hülfsmittel zum Begreiflichmachen dessen, was er im Auge hatte, und nicht, wie sonst so häufig, lästige Anhängsel, die die Sätze der Redner beschweren, ohne nur einige Deutlichkeit dem Begriff der Sache hinzuzufügen, die man zu erklären vorgiebt. Wir sind jetzt gewöhnt an den bei uns gar nicht gerechtfertigten Ausdruck: »stark wie ein Löwe«; doch wer in Europa dies Bild zuerst anwendete, zeigte, dass er seinen Vergleich nicht aus der Seelenpoesie geschöpft hatte, die Bilder giebt für logische Folgerungen und nicht anders sprechen kann, sondern dass er seinen Gemeinplatz einfach aus diesem oder jenem Buch--aus der Bibel vielleicht--abgeschrieben hatte, worin ein Löwe vorkam. Denn niemand seiner Zuhörer hatte jemals die Stärke des Löwen erfahren, und es wäre also viel eher nötig gewesen, sie diese Stärke erkennen zu lassen durch Vergleich des Löwen mit etwas, dessen Kraft ihnen aus Erfahrung bekannt war, als umgekehrtermassen.

Man wird belehrt, dass Havelaar wirklich Dichter war. Jeder fühlt, dass er, von den Reisfeldern sprechend, die auf den Bergen wären, die Augen dorthin richtete durch die offene Seite der Halle und dass er die Felder in der That sah. Man sieht ein, als er den Baum fragen liess, wo der Mann sei, der als Kind an seinem Fusse gespielt, dass dieser Baum dastand und in der Einbildung von Havelaars Zuhörern in Wirklichkeit fragend umherspähte nach den ausgewanderten Bewohnern von Lebak. Auch ersann er nichts: er hörte den Baum sprechen und glaubte nur nachzusagen, was er in seiner dichterischen Auffassung so deutlich verstanden hatte.

Wenn vielleicht jemand die Bemerkung machen sollte, dass die Ursprünglichkeit in Havelaars Art zu sprechen nicht so unbestreitbar sei, da seine Sprache an den Stil der Propheten des Alten Testaments erinnert, den muss ich daran erinnern, dass ich schon gesagt habe, wie er in Augenblicken der Entrücktheit wirklich etwas von einem Seher hatte. Genährt durch die Eindrücke, die das Leben in Wäldern und auf Bergen ihm zu teil werden liess, umgeben von der poesie-ausströmenden Atmosphäre des Ostens, und also aus gleichartiger Quelle schöpfend wie die mahnenden und richtenden Seher des Altertums, mit denen ihn zu vergleichen man sich bisweilen genötigt sah ... da vermuten wir, dass er nicht anders gesprochen haben würde, auch wenn er niemals die herrlichen Dichtungen des Alten Testaments gelesen hätte. Finden wir nicht schon in den Versen, die aus seiner Jugendzeit datieren, Zeilen wie die folgenden, die auf dem Salak geschrieben waren--einem der Riesen, doch nicht der grösste, unter den Bergen der Preanger Regentschaften--worin gleichfalls wieder der Beginn die Sanftheit seiner Empfindungen darthut, um auf einmal überzugehen in das Nachsprechen des Donners, den er unter sich hört:

Wie herrlich ist's, hier seinen Schöpfer laut zu loben ... Wie freudig schwingt von Höh' zu Höh' sich dein Gebet ... Mehr denn im Thal wächst hier das Herz nach oben: Du fühlst von Gottes Nähe dich umweht! Hier schuf Er Selbst sich in Altar und Tempelchören, Wo noch kein Priester Gottes Wort geschmäht, Hier lässt Er sich in grollenden Gewittern hören ... Und rollend ruft sein Donner: Majestät! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

... und fühlt man nicht, dass er diese letzten Verse nicht so hätte schreiben können, wenn er nicht wirklich hören und verstehen zu können glaubte, wie Gottes Donner ihm diese Worte in prasselndem Widerhall, an den erbebenden Bergwänden zurief?

Doch er liebte Verse nicht. »Es wäre ein hässliches Schnürleib«, sagte er, und wenn er dazu bewegt wurde, etwas vorzulesen von dem, was er, wie er sich ausdrückte, »begangen« hatte, so suchte er sein Vergnügen darin, sein eigenes Werk zu verderben, indem er es entweder in einem Tone vortrug, der es lächerlich machen musste, oder indem er auf einmal, gewöhnlich bei einem hochernsten Passus, abbrach und ein Witzwort dazwischen warf, das die Zuhörer peinlich berührte, doch bei ihm nichts anderes war als eine blutige Satire auf die schlechte Übereinstimmung zwischen diesem Schnürleib und seiner Seele, die sich so beengt darin fühlte.

Es waren unter den Häuptlingen nur wenige, die sich der herumgereichten Erfrischungen bedienten. Havelaar hatte nämlich durch einen Wink befohlen, den bei derartigen Gelegenheiten unvermeidlichen Thee mit Maniessan herumzureichen. Es schien, dass er mit Vorbedacht nach den letzten Worten seiner abgebrochenen Ansprache einen Ruhepunkt eintreten liess. Und hierzu war Grund. »Wie--mussten die Häuptlinge denken--er weiss schon, dass so viele unsere Abteilung verliessen, mit Bitterkeit im Herzen? Schon ist ihm bekannt, wie viele Familien in benachbarte Gegenden auswanderten, um der Armut zu entweichen, die hier herrscht? Und sogar weiss er, dass soviel Bantamer sind unter den Banden, die in den Lampongs die Fahne des Aufstandes entrollt haben gegen die Niederländische Herrschaft? Was will er? Was bezweckt er? Wem gelten seine Fragen?«

Und es waren welche, die sahen Radhen Wiera Kusuma an, das Distriktshaupt von Parang-Kudjang. Doch die meisten schlugen die Augen zur Erde.