Max Havelaar

Chapter 7

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Aber nun habe ich selbst euch derartiges vorzuführen. Ich muss von Zeit zu Zeit jemanden auf die Bretter bringen--ich werde es so selten wie möglich thun--der in der That eine Art zu sprechen hatte, welche mich fürchten lässt, dass ich in den Verdacht eines missglückten Versuchs, euch zum Lachen zu bringen, komme, und darum muss ich euch ausdrücklich versichern, dass es nicht meine Schuld ist, wenn Hochwohlgeboren der Herr Resident von Bantam, von dem hier die Rede ist, sich so sonderbar in ihrer Art zu sprechen zeigten, dass mir eine Wiedergabe, ohne den Schein auf mich zu lenken, als suchte ich den Effekt der Witzigkeit in einem »tic«, grosse Schwierigkeiten macht. Er sprach nämlich in einem Tonfall, als ob hinter jedem Wort ein Punkt stände, oder gar ein langes Ruhezeichen, und ich kann für den Raum zwischen seinen Worten keinen besseren Vergleich finden als den mit der Stille, die nach einem langen Gebet in der Kirche auf das »Amen« folgt, das, wie jedermann weiss, ein Signal ist, dass man Zeit hat, den Platz zu wechseln, zu husten oder sich zu schnäuzen. Was er sagte, war gewöhnlich gut überlegt, und wenn er sich die unzeitigen Ruhepunkte hätte abgewöhnen können, so würde meistens das Gesagte, aus einem dialektischen Gesichtspunkte wenigstens, ein gesundes Ansehen gehabt haben. Aber all das Brockenweise, Stotterige und Holperige machte das Anhören beschwerlich. Man stolperte denn auch manchmal darüber. Denn gewöhnlich, wenn man begonnen hatte zu antworten, in der guten Meinung, dass sein Satz zu Ende sei und dass er die Ergänzung des Fehlenden dem Scharfsinn seiner Zuhörer überlasse, kamen die noch fehlenden Worte als Nachzügler eines geschlagenen Heeres hintenan und liessen empfinden, dass man ihm in die Rede gefallen war, was immer unangenehm ist. Das Publikum des Hauptplatzes Serang, sofern es nicht in Diensten der Regierung stand--ein Umstand, der die meisten etwas vorsichtig macht--nannte sein Sprechen »schleimig«. Ich finde dies Wort nicht sehr geschmackvoll, doch muss ich zugeben, dass es die Haupteigenschaft von des Residenten Wohlberedtheit einigermassen treffend wiedergab.

Ich habe von Max Havelaar und seiner Frau--denn das waren die beiden Personen, die nach dem Residenten mit ihrem Kinde und dessen Wärterin, der 'babu', aus dem Wagen gekommen waren--noch nichts gesagt, und vielleicht würde es genügen, die Feststellung ihrer Erscheinung und ihres Charakters dem Lauf der Ereignisse und des Lesers eigener Vorstellung zu überlassen. Da ich gleichwohl nun einmal am Beschreiben bin, will ich euch sagen, dass Mevrouw Havelaar nicht schön war, dass aber bei ihr in Blick und Sprache viel Anmut lag, und dass sie in der leichten Ungezwungenheit ihrer Manieren untrüglich erkennen liess, dass sie in der Welt gewesen und in den höheren Klassen der Gesellschaft zuhause war. Sie hatte nicht das Steife und Unbehagliche des bürgerlichen Anstandes, der, um für »distinguiert« durchzugehen, sich und andere mit »gêne« glaubt plagen zu müssen, und sie hing denn auch nicht an viel Äusserlichkeiten, die für manch andere Frau Wert zu haben scheinen. Auch in ihrer Kleidung war sie ein Muster von Einfachheit. Ein weisses Baadju von Mousselin mit blauer Einfassung--ich glaube, dass man in Europa so ein Kleidungsstück ein Morgenkleid nennen würde--war ihr Reisekleid. Um den Hals trug sie eine dünne seidene Schnur, an der zwei kleine Medaillons hingen, die man aber nicht zu sehen bekam, da sie in den Falten vor ihrer Brust verborgen waren. Die Haare trug sie à la chinoise, und ein Kränzchen von Melattiblumen schmückte ihren Kondeh ... das war all ihre Toilette.

Ich sagte, dass sie nicht schön war, und doch möchte ich nicht gern, dass ihr das Gegenteil glaubtet. Ich hoffe, dass ihr sie schön finden werdet, sobald ich Gelegenheit habe, sie euch in ihrer Entrüstung zu zeigen über das, was sie »Verkennung des Genies« nannte, wenn ihr angebeteter Max im Spiel war, oder wenn sie ein Gedanke beseelte, der mit der Wohlfahrt ihres Kindes zu thun hatte. Zu oft schon ist gesagt worden, dass das Antlitz der Spiegel der Seele ist, als dass man noch etwas gäbe auf den Porträtwert eines unbeweglichen Gesichts, das nichts abzuspiegeln hat, weil der Widerschein einer Seele mangelt. Nun, sie hatte eine schöne Seele, und man musste wohl blind sein, um nicht auch ihr Gesicht schön zu finden, wenn diese Seele darauf zu lesen war.

Havelaar war ein Mann von fünfunddreissig Jahren. Er war schlank, und behende in seinen Bewegungen. Ausser seiner kurzen und beweglichen Oberlippe und seinen grossen blassblauen Augen, die, wenn er in ruhiger Stimmung war, etwas Träumerisches hatten, doch Feuer sprühten, wenn ein grosser Gedanke ihn beherrschte, war seiner Erscheinung nichts Besonderes anzumerken. Seine blonden Haare hingen glatt an den Schläfen herunter, und ich kann mir vorstellen, dass wenige, die ihn zum erstenmale sahen, auf den Gedanken kommen würden, dass sie jemanden vor sich hätten, der, was Kopf und Herz angeht, zu den Seltenheiten gehört. Er war ein »Gefäss voll Widersprüchen«. Scharf wie eine Lanzette und sanft wie ein Mädchen, fühlte er selbst immer am ersten die Wunde, die seine bitteren Worte geschlagen hatten, und er litt darunter mehr als der Verletzte. Er war schnell im Begreifen, erfasste sogleich das Höchste, Verwickeltste, spielte gern mit der Lösung schwieriger Fragen, wandte dafür alle Mühe, alles Studium, alle Kraftanstrengung auf ... und manchmal begriff er doch die einfachste Sache nicht, die ein Kind ihm hätte auslegen können. Voll Liebe für Wahrheit und Recht, vernachlässigte er manchmal seine einfachsten, nächstliegenden Pflichten, um ein Unrecht wieder gut zu machen, das höher oder ferner oder tiefer lag und das durch die vermutlich grössere Anstrengung in diesem Streite ihn mehr anlockte. Er war ritterlich und mutig, doch vergeudete er wie ein zweiter Don Quixote seine Tapferkeit manchmal an eine Windmühle. Er glühte von unersättlichem Ehrgeiz, der ihm allen herkömmlichen Unterschied im gesellschaftlichen Leben als nicht bestehend erscheinen liess, und doch lag ihm das grösste Glück in einem ruhigen, häuslichen, abseitsliegenden Leben. Dichter im höchsten Sinne des Worts, erträumte er sich Sonnensysteme aus einem Funken, bevölkerte sie mit Geschöpfen seiner Erfindung, fühlte sich Herr einer Welt, die er selbst ins Leben gerufen ... und doch konnte er gleich darauf ohne die mindeste Träumerei sehr gut ein Gespräch führen über den Preis des Reises, über Sprachregeln, über die ökonomischen Vorteile einer ägyptischen Hühnerbrutvorrichtung. Keine Wissenschaft war ihm ganz fremd. Er ahnte, was er nicht wusste, und besass in hohem Masse die Gabe, das Wenige, das er wusste--jeder weiss wenig, und er, vielleicht mehr wissend als mancher andere, machte von dieser Regel keine Ausnahme--das Wenige in einer Weise anzuwenden, die das Mass seiner Kenntnisse vermannigfachte. Er war pünktlich und ordentlich und dabei ausserordentlich geduldig, allein deswegen gerade, weil Pünktlichkeit, Ordnung und Geduld ihm schwerfielen, da sein Geist etwas Wildes hatte. Er war langsam und vorsichtig in der Beurteilung von Dingen, wiewohl sich das niemandem verriet, der so eilig ihn seine Schlussfolgerungen äussern hörte. Seine Eindrücke waren zu lebendig, als dass man sie für dauernd halten mochte, und doch bewies er manchmal, dass sie dauernd waren. Alles, was gross und erhaben war, lockte ihn an, und zugleich war er naiv und unschuldig wie ein Kind. Er war ehrlich, vor allem wo Ehrlichkeit in Grossmut überging, und hätte Hunderte, die er schuldig war, unbezahlt gelassen, weil er Tausende weggeschenkt hatte. Er war geistsprühend und unterhaltend, wenn er fühlte, dass sein Geist begriffen würde, aber sonst zugeknöpft und zurückgezogen. Herzlich seinen Freunden ergeben, machte er--zu schnell bisweilen--zu seinem Freunde alles, was litt. Er war empfänglich für Liebe und Anhänglichkeit ... treu seinem gegebenen Wort ... schwach in Kleinigkeiten, doch standhaft bis zum Eigensinn, wo es ihm der Mühe wert schien, Charakter zu zeigen ... demütig und wohlwollend denen gegenüber, die sein geistiges Übergewicht anerkannten, doch ein hartnäckiger Gegner, wenn man den Versuch machte, sich gegen dasselbe aufzulehnen ... offenherzig aus stolzer Unbekümmertheit, doch ebenso auch manchmal zurückhaltend, wo er fürchtete, man werde seine Aufrichtigkeit für Unverstand ansehen ... für sinnlichen wie für geistigen Genuss gleicherweise empfänglich ... bedrückt und schlecht bei Worten, wo er glaubte, nicht begriffen zu werden, aber einer ausserordentlichen Sprache mächtig, wenn er fühlte, dass seine Worte auf willigen Boden fielen ... lässig, wenn nicht ein Reiz aus der eigenen Seele ihn antrieb, aber eifrig, feurig und durchgreifend, wo dies wohl der Fall war ... dazu freundlich, gebildet in seinen Manieren und untadelhaft im Wandel: so mögt ihr euch Havelaar ungefähr denken!

Ich sage: ungefähr. Denn wenn überhaupt schon alle Festlegungen schwierig sind, so gilt dies vor allem von der Beschreibung einer Person, die sehr weit von der alltäglichen Grundform abweicht. Dem Umstande wird es auch wohl zuzuschreiben sein, dass Romandichter ihre Helden gewöhnlich zu Teufeln oder zu Engeln machen. Schwarz oder weiss lässt sich leicht ein Bild entwerfen, aber schwieriger ist die exakte Wiedergabe von Schattierungen, die dazwischen liegen, wenn man sich an die Wahrheit bindet und also die Farbe weder zu dunkel noch zu hell halten will. Ich fühle, dass die Skizze, die ich von Havelaar zu geben versuchte, höchst unvollkommen ist. Die Baustoffe, die mir vorliegen, sind in ihrer Art so voneinander abweichend, dass sie mich durch Übermass von Reichtum in meinem Urteil zurückhalten, und ich werde also vielleicht, indem ich die Geschehnisse aufrolle, die ich mitzuteilen wünsche, zur Ergänzung auf dies Gebiet zurücklenken. Das ist gewiss, er war ein aussergewöhnlicher Mensch und wohl die Mühe der Ergründung wert. Ich bemerke nun schon, dass ich versäumt habe, als einen seiner Hauptzüge anzugeben, dass er die lächerliche und die ernste Seite der Dinge gleich schnell und zu gleicher Zeit erfasste, welcher Eigenschaft seine Weise zu sprechen, ohne dass er selbst dies wusste, eine Art Humor entlehnte, der seine Zuhörer fortwährend in Zweifel brachte, ob sie gerührt waren von dem tiefen Gefühl, das in seinen Worten lebte, oder ob sie lachen sollten über die Komik, die auf einmal dem Ernst der Sache Abbruch that.

Auffallend war es, dass sein Äusseres und selbst sein Empfinden so wenig Spuren von seinem vergangenen Leben trugen. Das Rühmen der Erfahrung ist ein lächerlicher Gemeinplatz geworden. Es giebt Leute, die fünfzig oder sechzig Jahre mittrieben in dem Strome, in dem sie zu schwimmen behaupten, und die von all dieser Zeit wenig anderes zu erzählen wüssten, als dass sie von der A-gracht nach der B-strasse verzogen waren. Nichts ist alltäglicher, als dass man auf seine Erfahrung pochen hört, und just vonseiten jener, die ihre grauen Haare so leichterweise erwarben. Andere wieder meinen ihre Ansprüche auf Erfahrung auf wirklich erlittene Schicksalswendungen gründen zu dürfen, ohne dass aber an irgend etwas es sich zeigte, dass sie durch diese Veränderungen in ihrem Seelenleben berührt wurden. Ich kann mir vorstellen, dass das Zugegensein bei wichtigen Geschehnissen, ja, selbst das unmittelbare Berührtwerden von denselben wenig oder keinen Einfluss hat auf eine grosse Gattung von Gemütern, die nicht zugerüstet sind mit der Empfänglichkeit, Eindrücke aufzufangen und zu verarbeiten. Wer daran zweifelt, frage sich doch, ob man Erfahrung all den Bewohnern Frankreichs zuzusprechen hat, die vierzig oder fünfzig Jahre alt waren im Jahre 1815? Und sie alle waren doch Menschen, die das so bedeutsame Drama, das 1789 begann, nicht allein hatten aufführen sehen, sondern sogar in mehr oder minder gewichtigen Rollen dieses Drama mitgespielt hatten.

Und umgekehrt, wie viele werden von einer ganzen Reihe von Empfindungen berührt, ohne dass die äusseren Umstände hierzu Veranlassung zu geben scheinen. Man denke an die Crusoe-Romane, an Silvio Pellicos Gefangenschaft, an das allerliebste »Picciola« von Saintine, an den Kampf in der Brust einer 'alten Jungfer', die ihr ganzes Leben hindurch eine Liebe hegte, ohne je durch ein Wort zu verraten, was in ihrem Herzen umging, an die Empfindungen des Menschenfreundes, der, ohne äusserlich mit dem Lauf der Geschehnisse verknüpft zu sein, ein feuriges Interesse hat am Wohlsein von Mitbürger oder Mitmensch. Man stelle sich vor, wie er wechselnd hofft und fürchtet, wie er jede Veränderung beobachtet, sich begeistert für einen schönen Gedanken und glüht vor Entrüstung, wenn er ihn verdrängt und zertreten sieht von den vielen, die, für einen Augenblick wenigstens, stärker waren als jener schöne Gedanke. Man denke an den Philosophen, der von seiner Zelle aus das Volk zu lehren trachtet, was Wahrheit ist, wenn er bemerken muss, dass seine Stimme überschrieen wird von pietistischer Heuchelei oder von gewinnsüchtigen Quacksalbern. Man stelle sich Sokrates vor--nicht, da er den Giftbecher leert, denn ich meine hier die Erfahrung des Gemüts, und nicht diejenige, die unmittelbar durch äussere Umstände veranlasst wird--wie bitter betrübt seine Seele gewesen sein muss, dass er, der das Gute und Wahre suchte, sich »einen Verderber der Jugend und einen Verächter der Götter« nennen hörte.

Oder besser noch: man denke an Jesus, wie er so traurig auf Jerusalem hinschaut und darüber klagt, »dass es nicht gewollt habe«.

Solch ein Schmerzensschrei--vor Giftbecher oder Kreuzholz--löst sich nicht aus einem unverwundeten Herzen. Da muss gelitten sein, viel gelitten, da ist Erfahrung!

Diese Tirade ist mir entschnappt ... sie steht nun einmal da und sie bleibe. Havelaar hatte viel durchgemacht. Wollt ihr etwas, das den Umzug von der A-gracht aufwiegt? Er hatte Schiffbruch gelitten, mehr denn einmal. Er hatte Feuersbrunst, Aufruhr, Meuchelmord, Krieg, Duelle, Lebensglanz, Armut, Hunger, Cholera, Liebe und »Lieben« in seinem Tagebuch stehen. Er hatte viele Länder besucht und Umgang gehabt mit Leuten von allerlei Rasse und Stand, Sitten, Vorurteilen, Religionen und Gesichtsfarbe.

Was also die Lebensumstände angeht, konnte er viel erfahren haben. Und dass er wirklich viel erfahren hatte, dass er nicht durch das Leben gegangen war, ohne die Eindrücke aufzufangen, die es ihm so im Überfluss anbot, dafür möge uns die Beweglichkeit seines Geistes und die Empfänglichkeit seines Gemüts Bürge sein.

Nun erweckte es Verwunderung bei allen, die wussten oder vermuten konnten, wie viel er erlebt und erlitten hatte, dass hiervon so wenig auf seinem Gesicht zu lesen war. Wohl sprach aus seinen Zügen etwas wie Müdigkeit, doch das liess eher auf frühreife Jugend als auf nahendes Alter schliessen. Und nahendes Alter musste es dennoch wiederum sein, denn in Indien ist der Mann von fünfunddreissig Jahren nicht jung mehr.

Auch sein Empfinden, sagte ich, war jung geblieben. Er konnte wie ein Kind mit einem Kinde spielen, und mehrfach klagte er, dass 'der kleine Max' noch zu jung sei, Drachen steigen zu lassen, denn er, 'der grosse Max', hatte viel Vergnügen hieran. Mit Jungens übte er 'Bockspringen', und er zeichnete sehr gern ein Muster für die Stickereiarbeit der Mädchen. Er nahm gar mehrfach diesen die Nadel aus der Hand und hatte seinen Spass an dieser Arbeit, obschon er öfters sagte, dass sie wohl etwas Besseres thun könnten als dies 'maschinelle Stichezählen'. Bei jungen Leuten von achtzehn Jahren war er ein junger Student, der gern sein 'Patriam canimus' mitsang oder 'Gaudeamus igitur' ... ja, ich bin mir dessen nicht ganz sicher, ob er nicht noch sehr kurze Zeit vorher, als er mit Urlaub zu Amsterdam war, ein Firmenschild abbrach, das ihm nicht behagte, weil ein Neger darauf gemalt war, der niedergekauert sass zu den Füssen eines Europäers mit einer langen Pfeife im Mund, und worunter natürlich zu lesen stand: 'de rookende jonge koopman'.

Die Babu, der er aus dem Wagen geholfen hatte, glich allen Babus in Indien, wenn sie alt sind. Wenn ihr diese Art von Dienstpersonal kennt, brauche ich euch nicht erst zu sagen, wie sie aussah. Und wenn ihr sie nicht kennt, kann ich es euch nicht sagen. Von anderen Kindermädchen in Indien unterschied sie nur, dass sie sehr wenig zu thun hatte. Denn Mevrouw Havelaar war ein Muster von Fürsorge für ihr Kind, und was es für den kleinen Max oder mit ihm zu thun gab, that sie selbst, zur grossen Verwunderung vieler anderer Damen, die es nicht gut fanden, dass man sich zur 'Sklavin seiner Kinder' mache.

SIEBENTES KAPITEL.

Der Resident von Bantam stellte den Regenten und den Kontrolleur dem neuen Assistent-Residenten vor. Havelaar begrüsste beide Beamte höflich. Dem Kontrolleur--die Begegnung mit einem neuen Chef hat immer etwas Peinliches--nahm er durch ein paar freundliche Worte seine Befangenheit, als wollte er von vornherein eine Art Vertraulichkeit einführen, die den Verkehr erleichtern sollte. Dem Regenten begegnete er, wie es am Platze war gegenüber einer Person, die den goldenen Pajong führt, aber gleichzeitig auch sein »jüngerer Bruder« sein sollte. Mit feiner Liebenswürdigkeit sprach er seinen Tadel über dieses Mannes allzu feurigen Diensteifer aus, der in solch einem Wetter ihn bis an die Grenzen seiner Abteilung geführt hätte, was denn auch, strikt genommen, der Regent nach den Vorschriften der Etikette nicht hätte thun brauchen.

--Wahrlich, m'nheer de Adhipatti, ich bin bös auf Euch, dass Ihr Euch um meinetwillen soviel Mühe gegeben habt! Ich dachte Euch erst in Rangkas-Betung zu begegnen.

--Ich hatte den Wunsch, den Herrn Assistent-Residenten sobald wie möglich zu sehen, um Freundschaft mit ihm zu schliessen, sagte der Adhipatti.

--Gewiss, gewiss, ich fühle mich sehr geehrt! Doch ich sehe nicht gern einen Mann von Eurem Rang und Euren Jahren sich allzusehr bemühen. Und dazu noch zu Pferde!

--Ja, M'nheer de Assistent-Resident! Wo der Dienst mich ruft, bin ich noch immer stark und gut auf den Beinen.

--Das ist zu viel von Euch selbst verlangt! Nicht wahr, Resident?

--Der Herr Adhipatti. Ist. Sehr.

--Gut, aber es giebt da eine Grenze.

--Eifrig, schleppte der Resident hinterher.

--Gut, aber es giebt da eine Grenze, musste Havelaar noch einmal sagen, gleich als wolle er seine ersten Worte als nichtgesagt wieder zurückschlucken. Wenn Sie's für gut befinden, Resident, werden wir Platz im Wagen machen. Die Babu kann hier bleiben, wir werden ihr von Rangkas-Betung aus einen Tandu schicken. Meine Frau nimmt Max auf den Schoss ... nicht wahr, Tine? Und dann haben wir Platz genug.

--Es. Ist. Mir.

--Verbrugge, wir werden auch für Sie einen Platz haben. Ich seh nicht ein ...

--Recht! sagte der Resident.

--Ich seh nicht ein, warum Sie ohne zwingenden Grund zu Pferde durch den Morast kleppern sollen ... es ist für uns alle Platz genug. Wir können dann sogleich mit einander Bekanntschaft machen. Nicht wahr, Tine, wir werden uns schon einrichten! Hier, Max ... Sehen Sie mal, Verbrugge, ist das nicht ein famoses Kerlchen? Das ist unser Junge ... unser Max!

Der Resident hatte mit dem Adhipatti in der Pendoppo Platz genommen. Havelaar rief Verbrugge, um ihn zu fragen, wem der Schimmel mit roter Schabracke gehöre. Und wie Verbrugge sich dem Eingang der Pendoppo genähert hatte, um zu sehen, welches Pferd er meine, legte Havelaar ihm die Hand auf die Schulter und fragte:

--Ist der Regent immer so diensteifrig?

--Er ist ein rüstiger Mann für seine Jahre, M'nheer Havelaar, und Sie begreifen wohl, dass er gern einen guten Eindruck auf Sie machen möchte.

--Ja, das begreife ich. Ich habe viel Gutes von ihm gehört ... er besitzt Bildung, nicht wahr?

--O ja ...

--Und er hat eine grosse Familie, wie?

Verbrugge sah Havelaar an, als begriffe er diesen Übergang nicht. Das war denn auch manchmal für jemanden, der ihn nicht kannte, schwierig. Die Behendigkeit seines Geistes liess ihn in Gesprächen häufig einige Glieder in der logischen Kette überschlagen, und wenn dieser Übergang auch in seinen Gedanken ohne Stockung vor sich ging, so war es doch jemandem, der nicht so schnell auffasste oder solche Behendigkeit nicht gewohnt war, nicht übel zu deuten, wenn er bei solcher Gelegenheit ihn anstarrte mit der unausgesprochenen Frage auf den Lippen: bist du verrückt ... oder wie soll ich das sonst verstehen?

So etwas konnte man denn auch in den Zügen Verbrugges gewahren, und Havelaar musste die Frage wiederholen, bevor er antwortete:

--Ja, er hat eine sehr ausgebreitete Familie.

--Und sind Medjiets in der Abteilung in Bau begriffen? fuhr Havelaar fort, wieder in einem Ton, der, ganz in Widerspruch mit den Worten selbst, anzudeuten schien, dass ein Zusammenhang bestünde zwischen diesen Moscheen und der 'grossen Familie' des Regenten.

Verbrugge antwortete, dass in der That viel an Moscheen gearbeitet werde.

--Ja, ja, das wusste ich wohl! rief Havelaar. Und sagen Sie mir nun einmal, ob da viel rückständig ist in der Bezahlung der Landrenten?

--Ja, das könnte wohl besser sein ...

--Freilich, und vor allem im Distrikt Parang-Kudjang, sagte Havelaar, als fände er es bequemer, selbst zu antworten. Wie hoch ist der Anschlag von diesem Jahr? fuhr er fort; und bemerkend, dass Verbrugge sich einigermassen unentschlossen zeigte, als wolle er sich auf die Antwort besinnen, kam ihm Havelaar zuvor und setzte seine Rede in einem Atem also fort:

--Gut, gut, ich weiss es schon ... sechsundachtzigtausend und einige hunderte ... fünfzehntausend mehr als im vorigen Jahr ... doch nur sechstausend über das Jahr '55. Das ist seit '53 nur um achttausend gestiegen ... und auch die Bevölkerung ist sehr dünn ... nun ja, Malthus! In zwölf Jahren sind wir nur elf Prozent gestiegen, und auf diese Schätzung ist noch kein Verlass, denn die Zählungen waren früher sehr ungenau ... und sind's noch! Von '50 zu '51 besteht sogar ein Rückgang. Auch der Viehbestand macht keine Fortschritte ... das ist ein schlechtes Zeichen, Verbrugge! Ei Teufel, sehen Sie doch, wie das Pferd da springt; ich glaube, es hat den Koller ... wollen mal hingehen, Max!

Verbrugge nahm wahr, dass er den neuen Assistent-Residenten wenig zu lehren haben würde, und dass nicht die Rede sein konnte von einem Übergewicht durch 'lokale Anciennetät', was der gute Junge denn auch nicht begehrt hatte.

--Aber es ist natürlich, fuhr Havelaar fort, indem er Max auf den Arm nahm. Im Tjikandischen und im Bolangschen ist man sehr erfreut darüber ... und die Aufständischen in den Lampongs auch. Ich möchte Sie recht gern als Mitarbeiter gewinnen, M'nheer Verbrugge! Der Regent ist schon ein bejahrter Mann, und wir müssen also ... sagen Sie doch, ist sein Schwiegersohn noch immer Distriktshäuptling? Alles in allem halte ich ihn für eine Person, die Rücksicht verdient ... der Regent, meine ich. Ich freue mich recht, dass hier alles so zurückgeblieben und so ärmlich ist, und ... hoffe hier lange zu bleiben.

Hierauf reichte er Verbrugge die Hand, und dieser, mit ihm an den Tisch zurückkehrend, an dem der Resident, der Adhipatti und Mevrouw Havelaar sassen, merkte schon etwas deutlicher als fünf Minuten früher, dass »der Havelaar so verrückt nicht war«, wie der Kommandant meinte. Verbrugge war keineswegs von Verstande entblösst, und er, der die Abteilung Lebak kannte, wohl so gut, wie ein so grosser Komplex, wo nichts gedruckt wird, von einer Person überhaupt gekannt werden kann, er begann einzusehen, dass doch Beziehungen herrschten zwischen den scheinbar zusammenhanglosen Fragen Havelaars, und gleichzeitig, dass der neue Assistent-Resident, wiewohl er nie die Abteilung betreten hatte, unterrichtet sei von dem, was da vorging. Wohl begriff er noch immer nicht diese Freude über die Armut in Lebak, doch redete er sich ein, dass er diesen Passus verkehrt verstanden haben müsse. Später allerdings, als Havelaar mehrfach dasselbe zu ihm sagte, sah er ein, wieviel Grösse und Adel hinter dieser Freude steckte.