Chapter 6
Das ist gewisslich ein schöner Beruf. Gerechtigkeit walten zu lassen, den Geringen zu schirmen gegen den Mächtigen, den Schwachen zu beschützen vor der Übermacht des Starken, das Lamm des Armen zurückzufordern aus den Ställen des fürstlichen Räubers ... siehe, das Herz möchte einem erglühen vor Genuss bei dem Gedanken, dass man berufen ward zu etwas so schönem! Und wer in den javanischen Binnenlanden bisweilen unzufrieden sein mag mit dem Orte seiner Stationierung oder mit seinem Solde, der wende sein Auge auf die erhabene Pflicht, die auf ihm ruht, auf die herrliche Genugthuung, die die Erfüllung solch einer Pflicht mit sich bringt, und er wird keinen weiteren Sold begehren.
Allein ... leicht ist diese Pflicht nicht. Zuerst suche man richtig zu beurteilen, wo der »Brauch« aufgehalten hat, um »Missbrauch« Platz zu machen. Und ... wo der »Missbrauch« besteht, wo wirklich Raub und Willkür gepflogen ist, sind vielfach die Schlachtopfer selbst hieran mitschuldig, sei es aus zu weit getriebener Unterwürfigkeit, sei es aus Furcht, sei es aus geringem Vertrauen auf den Willen oder die Macht der Person, die sie schützen soll. Jeder weiss, dass der europäische Beamte jeden Augenblick in eine andere Stellung berufen werden kann, und dass der Regent, der mächtige Regent, dableibt. Ferner, wie viele Methoden giebt's, um sich das Eigentum eines armen, einfältigen Menschen zuzueignen! Wenn ein Mantrie ihm sagt, dass der Regent sein Pferd begehre, mit der Wirkung, dass das begehrte Tier alsbald in den Ställen des Regenten Platz erhalten hat, so beweist solches durchaus noch nicht, dass dieser nicht die Absicht hatte, dafür--o, sicher!--einen hohen Preis zu bezahlen ... nach einiger Zeit. Wenn Hunderte arbeiten auf den Feldern eines Häuptlings, ohne dafür Bezahlung zu empfangen, so folgt hieraus keineswegs, dass er dies geschehen liess zu seinem Vorteil. Konnte er nicht die Absicht haben, ihnen die Ernte zu überlassen, in der menschenfreundlichen Berechnung, dass sein Grund besser gelegen, fruchtbarer wäre als der ihre und also ihre Arbeit freigebiger belohnen würde?
Überdies, wo schafft der europäische Beamte die Zeugen her, die den Mut haben, eine Erklärung gegen ihren Herrn abzugeben, den gefürchteten Regenten? Und, wagte er eine Beschuldigung, ohne sie beweisen zu können, wo bleibt dann das Verhalten als »älterer Bruder«, der in solchem Fall seinen »jüngeren Bruder« ohne Grund in seiner Ehre gekränkt haben würde? Wo bleibt die Gunst der Regierung, die ihm Brot giebt für seine Dienste, aber ihm das Brot aufsagen, ihn verabschieden würde als ungeschickt, wenn er eine so hochgestellte Person wie einen Tommongong, Adhipatti oder Pangerang verdächtigt oder angeklagt hätte mit Leichtfertigkeit?
Nein, nein, leicht ist diese Pflicht nicht! Das giebt sich schon daraus zu erkennen, dass die Neigung der Inländischen Häuptlinge, die Grenzen des erlaubten Verfügens über Arbeit und Eigentum ihrer Unterthanen zu überschreiten, überall ohne Einschränkung als bestehend anerkannt wird ... dass alle Assistent-Residenten den Eid ablegen, dieser verbrecherischen Gepflogenheit entgegentreten zu wollen, und ... dass doch nur sehr selten ein Regent angeklagt wird wegen Willkür oder wegen Missbrauchs seiner Gewalt.
Es scheint also wohl eine fast unüberwindliche Schwierigkeit zu bestehen, dem Eide gemäss zu handeln, dass man »der inländischen Bevölkerung Schutz bieten werde vor Aussaugung und Erpressung«.
SECHSTES KAPITEL.
Der Kontrolleur Verbrugge war ein guter Mensch. Wenn man ihn dasitzen sah in seinem blauen Tuchfrack mit den gestickten Eichen- und Orangezweigen auf Kragen und Ärmelaufschlägen, war es schwer, in ihm den Typus zu verkennen, der vorherrscht unter den Holländern in Indien ... nebenbei erwähnt, ein Menschenschlag, der sich sehr unterscheidet von den Holländern in Holland. Träg, so lange es nichts zu thun gab, und fern von der kleinlichen, auch ohne Anlass entwickelten Ameisengeschäftigkeit, die in Europa für Eifer gilt, aber eifrig, wo Bethätigung nötig war ... einfach, aber herzlich gegenüber denen, die zu seiner Umgebung gehörten ... mitteilsam, hilfsbereit und gastfrei ... von guten Manieren, doch ohne Steifheit ... empfänglich für gute Einwirkungen ... ehrlich und aufrichtig, ohne gleichwohl Lust zu empfinden, zum Märtyrer dieser Veranlagungen zu werden ... kurz, er war ein Mann, der, wie man zu sagen pflegt, überall auf seinem Platze sein würde, ohne dass man jedoch auf den Gedanken kommen könnte, das Jahrhundert nach ihm zu benennen, was er denn auch nicht begehrte.
Er sass in der Mitte der Pendoppo am Tisch, der weiss gedeckt und mit Speisen besetzt war. Wohl einigermassen ungeduldig, fragte er von Zeit zu Zeit den 'mandoor'-Aufpasser, d. h. das Oberhaupt von den Polizei- und Bureaudienern der Assistent-Residentschaft, ob nichts im Anzug sei. Dann stand er 'mal auf, versuchte vergebens, seine Sporen klirren zu lassen auf dem gestampften Kleiboden der Pendoppo, steckte zum zwanzigstenmal seine Zigarre an und nahm, wie nicht recht zufrieden, seinen Platz wieder ein. Er sprach wenig.
Und doch hätte er sprechen können, denn er war nicht allein. Ich meine hiermit nun gerade nicht, dass er die Gesellschaft der zwanzig oder dreissig Javanen hatte, Bediente, Mantries und Aufpasser, die auf dem Boden hockend in und ausserhalb der Pendoppo sassen, noch der vielen, die anhaltend aus- und einliefen, noch der grossen Menge Eingeborener von verschiedenem Range, die da draussen die Pferde festhielten oder umherritten ... nein, der Regent von Lebak selbst, Radhen Adhipatti Karta Natta Negara sass ihm gegenüber.
Warten ist immer langweilig. Eine Viertelstunde wird zur Stunde, eine Stunde zum halben Tag. Verbrugge hätte wohl etwas gesprächiger sein können. Der Regent von Lebak war ein gebildeter alter Mann, der über vieles mit Verstand und Urteil zu sprechen wusste. Man brauchte ihn nur anzusehen, um überzeugt zu sein, dass die meisten Europäer, die mit ihm in Berührung kamen, mehr von ihm zu lernen hatten, als er von ihnen. Seine lebendigen, dunklen Augen widersprachen mit ihrem Feuer der Müdigkeit seiner Gesichtszüge und der Greisheit seiner Haare. Was er sagte, war gewöhnlich lange überdacht--so recht eine Eigenart, die beim gebildeten Orientalen allgemein ist--und wenn man mit ihm im Gespräch war, fühlte man, dass man seine Worte als Briefe anzusehen hatte, von denen er die Urschrift in seinem Archiv hatte, um, wenn nötig, darauf zu verweisen. Das mag nun jemandem, der den Umgang mit javanischen Grossen nicht gewohnt ist, unangenehm scheinen, doch ist es nicht schwierig, alle Gesprächsgegenstände, die Anstoss geben könnten, zu vermeiden, vor allem, da sie ihrerseits nie in brüsker Weise dem Lauf der Unterhaltung eine andere Richtung geben werden, da das nach orientalischen Begriffen in Widerstreit mit dem guten Ton wäre. Wer also Ursache hat, die Berührung eines bestimmten Punktes zu vermeiden, braucht nur über unbedeutende Dinge zu reden, und er kann versichert sein, dass ein javanischer Häuptling ihn nie durch eine unerwünschte Wendung des Gesprächs auf ein Terrain ziehen wird, das er lieber nicht beträte.
Über die beste Art, mit diesen Häuptlingen zu verkehren, bestehen übrigens verschiedene Meinungen. Mir scheint, dass einfache Aufrichtigkeit, ohne Streben nach diplomatischer Vorsicht, den Vorzug verdient.
Wie dem sei, Verbrugge begann mit einer trivialen Bemerkung über das Wetter und den Regen.
--Ja, m'nheer de kontroleur, es ist Westmusson.
Dies wusste Verbrugge nun wohl: es war Januar. Aber was er über den Regen gesagt hatte, wusste der Regent auch. Darauf folgte wieder einiges Schweigen. Der Regent winkte mit einer kaum sichtbaren Kopfbewegung einem der Bedienten, die am Eingang der Pendoppo niedergekauert sassen. Ein kleiner Junge, allerliebst gekleidet in blausammtne Blouse und weisse Hose, mit goldenem Leibgurt, der seinen kostbaren Sarong um die Lenden festhielt, und auf dem Kopf den gefälligen Kain-kapala, unter dem seine schwarzen Augen so schelmisch hervorleuchteten, kroch kauernd bis an die Füsse des Regenten, setzte die goldene Dose nieder, die den Tabak, den Kalk, die Sirie, den Pinang und den Gambier enthielt, machte den Slamat, indem er beide Hände gefaltet aufhob bis zur tiefniedergebeugten Stirn, und bot darauf seinem Herrn die kostbare Dose dar.
--Der Weg wird beschwerlich sein nach soviel Regen, sagte der Regent, wie um für ihr langes Warten eine Erklärung zu geben, und bestrich dabei ein Betelblatt mit Kalk.
--Im Pandeglangschen ist der Weg so schlecht nicht, antwortete Verbrugge, der, wenigstens wenn er nicht ein unangenehmes Thema berühren wollte, diese Antwort wohl etwas unbedacht gab. Denn er hätte bedenken müssen, dass ein Regent von Lebak nicht gern die Wege von Pandeglang rühmen hört, wenn diese auch wirklich besser sind als die lebakschen.
Der Adhipatti beging nicht den Fehler einer übereilten Antwort. Der kleine Leibpage des Regenten, ein junger Adliger, war bereits, immer kauernd, rückwärts zurückgekrochen bis an den Eingang der Pendoppo, wo er unter seinen Kameraden Platz nahm ... der Regent hatte schon seine Lippen und etliche Zähne mit dem Speichel seiner Sirie braunrot gefärbt, und er sagte dann endlich:
--Ja, es ist viel Volk in Pandeglang.
Jemandem, der den Regenten und den Kontrolleur kannte und dem der Zustand von Lebak kein Geheimnis war, hätte es sich deutlich herausgestellt, dass das Gespräch schon ein Streit geworden war. Eine Anspielung nämlich auf den besseren Zustand der Wege in einer benachbarten Abteilung schien die Fortsetzung vergeblicher Versuche zu sein, auch in Lebak die Anlegung derartiger besserer Wege oder die bessere Instandhaltung der bestehenden zu veranlassen. Doch hierin hatte der Regent Recht, dass Pandeglang dichter bevölkert war, vor allem im Verhältnis zu seinem viel kleineren Flächeninhalt, und dass also da die Arbeit an den grossen Wegen durch Vereinigung der Kräfte leichter war als im Lebakschen, einer Abteilung, die auf hunderten von »Pfählen« Fläche nur siebzigtausend Einwohner zählte.
--Das ist wahr, sagte Verbrugge, wir haben wenig Volk hier, aber ...
Der Adhipatti sah ihn an, als wartete er einen Ausfall ab. Er wusste, dass nach dem »aber« etwas folgen konnte, das unangenehm klingen würde für ihn, der seit dreissig Jahren Regent von Lebak gewesen war. Es schien, dass Verbrugge in diesem Augenblicke keine Lust hatte, den Streit fortzusetzen. Wenigstens brach er das Gespräch ab und fragte wieder den Mandoor-Aufpasser, ob er nichts kommen sähe.
--Ich sehe noch nichts von der Seite Pandeglangs her, mynheer de kontroleur, aber da drüben an der andern Seite reitet jemand zu Pferde ... das ist der Tuwan kommendaan.
--Freilich, Dongso, sagte Verbrugge nach draussen äugend, das ist der Herr Kommandant! Er jagt in dieser Gegend und ist heute morgen schon früh ausgezogen. He, Duclari ... Duclari!
--Er hört Sie schon, Mynheer, er kommt hierher. Sein Junge reitet hinter ihm, mit Wild, einem Kidang, hinter sich auf dem Pferd.
--Pegang kudahnja tuwan kommendaan!--halte das Pferd des Herrn Kommandanten fest--gebot Verbrugge einem der Bediensteten, die draussen sassen. Bonjour, Duclari! Bist du nass? Was hast du geschossen? Komm herein!
Ein kräftiger Mann von dreissig Jahren und straffer militärischer Haltung, wiewohl er nicht Uniform trug, trat in die Pendoppo. Es war der Oberleutnant Duclari, Kommandant der kleinen Garnison von Rangkas-Betung. Verbrugge und er waren befreundet, und ihre Vertraulichkeit war um so grösser, als Duclari vor einiger Zeit in Abwartung der Vollendung eines neuen Forts Verbrugges Wohnung bezogen hatte. Er drückte diesem die Hand, grüsste den Regenten mit Höflichkeit und setzte sich mit der Frage: »nun, was habt ihr denn hier so?«
--Willst du Thee, Duclari?
--Ach nein, ich bin warm genug! Habt ihr keine Kokosmilch? Die ist erfrischender.
--Die lass ich dir nicht geben. Wenn man erhitzt ist, halte ich Kokosmilch für sehr nachteilig. Man wird steif und gichtig davon. Sieh mal die Kulis, die schwere Lasten über die Berge tragen: sie halten sich flink und geschmeidig durch Trinken von heissem Wasser, oder von Koppi dahun. Aber Ingwerthee ist noch besser ...
--Was? Koppi dahun, Thee von Kaffeeblättern? Das hab ich noch niemals gesehen.
--Weil du nicht auf Sumatra gedient hast. Da trinkt man's.
--Lass mir dann nur Thee geben ... aber nicht von Kaffeeblättern und auch keinen Ingwerthee. Ja, du bist auf Sumatra gewesen ... und der neue Assistent-Resident auch, nicht wahr?
Dies Gespräch wurde in Holländisch geführt, einer Sprache, die der Regent nicht verstand. Es sei, dass Duclari eine Unhöflichkeit darin zu sehen vermeinte, dass man ihn so von der Unterhaltung ausschloss, oder sei es, dass er hiermit etwas anderes beabsichtigte, auf einmal fuhr er, sich an den Regenten wendend, auf Malayisch fort:
--Weiss m'nheer de Adhipatti, dass m'nheer de kontroleur den neuen Assistent-Residenten kennt?
--O nein, das habe ich nicht gesagt, fiel Verbrugge ein. Ich habe ihn niemals gesehen. Er diente einige Jahre vor mir auf Sumatra. Ich habe dir nur gesagt, dass ich da viel über ihn reden hörte, das ist alles!
--Na, das kommt aufs selbe hinaus. Man braucht jemanden gerade nicht zu sehen, um ihn zu kennen. Wie denkt m'nheer de Adhipatti hierüber?
Der Adhipatti hatte gerade nötig, einen Bedienten zu rufen. Es verstrich also erst einige Zeit, bis er sagen konnte: dass er dem Herrn Kommandanten beistimme, dass es aber doch manchmal nötig sei, jemanden zu sehen, bevor man ihn beurteilen könne.
--Im ganzen ist das vielleicht wahr, fuhr nun Duclari in holländischer Sprache fort--sei es, dass diese ihm vertrauter war und er der Höflichkeit Genüge gethan zu haben meinte, sei es, weil er allein von Verbrugge verstanden werden wollte--das mag im allgemeinen wahr sein, aber was Havelaar betrifft, da ist wahrhaftig kein persönliches Bekanntsein nötig ... der ist doch verrückt!
--Das habe ich nicht gesagt, Duclari!
--Nein, du hast das nicht gesagt, aber ich sage es nach alledem, was du mir von ihm erzählt hast. Ich nenne jemanden, der ins Wasser springt, um einen Hund vor den Haien zu retten, verrückt.
--Nun ja, vernünftig ist das gewiss nicht. Aber ...
--Und dann, hör mal, das Gedicht auf den General Vandamme ... das war keine Sache!
--Es war witzig ...
--Zugegeben! Aber ein junger Mensch hat nicht witzig zu sein gegenüber einem General.
--Du musst nicht vergessen, dass er noch sehr jung war ... es war vor vierzehn Jahren. Er war da erst zweiundzwanzig Jahre alt.
--Und dann der Kalekutenhahn, den er stahl?
--Das that er, um den General zu ärgern.
--Gut! Ein junger Mensch hat einen General nicht zu ärgern, der obendrein noch als Zivilgouverneur sein Chef war. Das andere Gedicht find' ich ja drollig, aber ... das ewige Duellieren!
--Er that's gewöhnlich für einen andern. Er ergriff stets Partei für den Schwächeren.
--Nun, lass jeden für seine Person sich duellieren, wenn man es nun durchaus will! Ich für mich glaube, dass selten ein Duell nötig ist. Wo es unvermeidlich wäre, würde auch ich eine Forderung annehmen, in bestimmten Fällen selbst fordern, doch daraus sozusagen einen Beruf zu machen ... ich danke! Es ist zu hoffen, dass er sich in dieser Beziehung geändert hat.
--Na gewiss, daran ist nicht zu zweifeln! Er ist nun soviel älter, dabei seit langem verheiratet und ist Assistent-Resident. Überdies, ich habe stets gehört, dass sein Herz gut ist und dass er ein warmes Gefühl hat für Recht.
--Nun, das kommt ihm zustatten in Lebak! Da ist mir gerade etwas passiert, das ... ob der Regent uns auch versteht?
--Ich glaub's nicht. Doch zeige mir was aus deiner Jagdtasche, dann denkt er, dass wir darüber sprechen.
Duclari nahm seine Jagdtasche, zog ein paar Waldtauben daraus hervor, und, die Vögel befühlend, als spräche er über die Jagd, teilte er Verbrugge mit, dass ihm soeben auf dem Felde ein Javane nachgelaufen sei, der ihn gefragt hätte, ob er nichts thun könne, um den Druck zu erleichtern, unter dem die Bevölkerung seufze.
--Und, fuhr er fort, das ist sehr stark, Verbrugge! Nicht dass ich mich wundere über die Sache selbst. Ich bin lange genug im Bantamschen, um zu wissen, was hier vorfällt, aber dass der geringe Javane, der gewöhnlich so vorsichtig und zurückhaltend ist, wo es sich um seine Häuptlinge handelt, so etwas von jemandem verlangt, der nichts damit zu schaffen hat, das befremdet mich!
--Und was hast du geantwortet, Duclari?
--Nun, dass es mich nichts anginge. Dass er zu dir gehen müsste, oder zu dem neuen Assistent-Residenten, wenn er in Rangkas-Betung angekommen sei, und da seine Klagen vorbringen.
--Jenie apa tuwan-tuwan datang!--d. h.: Da kommen die Herren an!--rief auf einmal der Aufpasser Dongso. Ich sehe einen Mantrie, der mit seinem Tudung schwenkt.
Alle standen auf. Duclari, der nicht durch seine Gegenwart in der Pendoppo den Schein erregen wollte, als sei auch er an den Grenzen zur Bewillkommnung des Assistent-Residenten, der wohl im Range über ihm stand, doch nicht sein Chef und obendrein für ihn »verrückt« war, stieg zu Pferde und ritt, gefolgt von seinem Bedienten, davon.
Der Adhipatti und Verbrugge stellten sich an den Eingang der Pendoppo, und sie sahen einen von vier Pferden gezogenen Reisewagen sich nähern, der alsbald, stark von Schlamm überzogen, bei dem Bambusgebäude stillhielt.
Es würde schwer gefallen sein, zu raten, was der Wagen alles enthalten mochte, bevor Dongso, unterstützt durch die Läufer und eine Anzahl Bedienter, die zum Gefolge des Regenten gehörten, all die Riemen und Knoten losgemacht hatte, die das Fuhrwerk eingeschlossen hielten mit einem schwarzledernen Futteral, das an die Diskretion erinnerte, mit der in früheren Jahren Löwen und Tiger in die Stadt kamen, als die Zoologischen Gärten noch umherziehende Menagerien waren. Nun, Löwen und Tiger waren in diesem Wagen nicht. Man hatte nur alles so sorgfältig geschlossen, weil es Westmusson war und man also auf Regen gefasst sein musste. Nun ist das Herausklettern aus einem Reisewagen, in dem man eine gute Strecke Wegs hin und her gerüttelt ist, nicht so leicht, wie jemand, der nie oder wenig gereist ist, sich wohl vorstellen mag. Ungefähr wie bei den Sauriern der Urwelt, die durch langes Warten zuletzt einen integrierenden Bestandteil des Thons oder Lehms ausmachen, in den sie anfänglich nicht mit der Absicht gekommen waren, darin zu verbleiben, ist auch bei Reisenden, die ein bisschen eng zusammengepökelt und in gezwungener Haltung zu lange in einem Reisewagen gesessen haben, etwas zu konstatieren, was ich Assimilierung zu nennen vorschlagen möchte. Man weiss schliesslich nicht recht mehr, wo das lederne Wagenkissen aufhört und wo die Ichheit anfängt, ja, mir ist die Vorstellung nicht fremd, dass man in so einem Wagen Zahnschmerz oder Krampf haben kann, den man für Mottenfrass in der Reisedecke hält, oder umgekehrt.
Es giebt wenig Verhältnisse in der stofflichen Welt, die dem denkenden Menschen nicht Veranlassung gäben, auf der Ebene des Verstandes adaequate Schlüsse zu ziehen, und so habe ich mich oft gefragt, ob nicht viele Irrtümer, die unter uns Kraft des Gesetzes haben, ob nicht viele »Schiefheiten«, die wir für »Recht« halten, daraus resultieren, dass man zu lange mit derselben Gesellschaft in demselben Reisewagen gesessen hat. Das Bein, das du da links so weit ausstrecken musstest zwischen die Hutschachtel und den Korb mit Kirschen ... die Kniee, die du gegen den Wagenschlag gedrückt hieltest, damit die Dame dir gegenüber nicht auf den Gedanken kam, dass du einen Anfall auf Krinoline oder Tugend im Sinne habest ... der mit Hühneraugen geschmückte Fuss, der so bange war vor den Absätzen des Commis voyageur neben dir ... der Hals, den du so lange links wenden musstest, weil es tröpfelte auf der rechten Seite ... sieh, das werden auf diese Weise schliesslich alles Hälser und Kniee und Füsse, die so etwas Verdrehtes bekommen. Ich halte es für gut, von Zeit zu Zeit mal Wagen, Sitzplatz und Mitreisende zu wechseln. Man kann dann seinen Hals mal anders wenden, bewegt dann und wann seine Kniee, und vielleicht sitzt auch mal eine Jungfer mit Tanzschuhen neben uns, oder ein kleiner Junge, dessen Beinchen nicht bis auf den Boden reichen. Man hat dann mehr Aussicht, dass man gerade sieht und gerade läuft, sobald man wieder festen Boden unter die Füsse kriegt.
Ob auch in dem Wagen, der nun vor der Pendoppo stillhielt, sich etwas der »Aufhebung der Kontinuität« widersetzte, weiss ich nicht, doch gewiss ist, dass es lange dauerte, bis etwas zum Vorschein kam. Es schien da ein Höflichkeitswettstreit geführt zu werden. Man vernahm die Worte: »bitte schön, Mevrouw!« und »bitte schön, Herr Resident!« Einerlei, endlich stapfte ein Herr heraus, der in Haltung und Erscheinung wohl etwas verriet, das an die Saurier erinnerte, von denen ich eben sprach. Da wir ihn später wiedersehen werden, will ich euch nur gleich sagen, dass seine Unbeweglichkeit nicht ausschliesslich der Assimilierung mit dem Reisewagen zugeschoben werden darf, sondern dass er, wenn auch in Meilenferne kein Fuhrwerk in der Nähe war, eine Ruhe, eine Langsamkeit und eine Bedächtigkeit an den Tag legte, die manchen Saurier neidisch machen würde und die in den Augen von vielen die Kennzeichen von Gediegenheit, Mässigung und Weisheit sind. Er war, wie die meisten Europäer in Indien, sehr bleich, was aber in dieser Gegend keineswegs als ein Zeichen von nur mässiger Gesundheit gilt, und er hatte feine Züge, die wohl von Entwicklung des Verstandes zeugten. Nur lag eine gewisse Kälte in seinem Blick, etwas, das an die Logarithmentafel erinnerte, und obwohl seine Erscheinung im ganzen nicht unvorteilhaft oder abstossend war, konnte man sich doch nicht des Verdachtes erwehren, dass seine ziemlich grosse, magere Nase sich auf dem Gesicht langweile, weil so wenig darauf vorging.
Mit Höflichkeit bot er seine Hand einer Dame, um ihr beim Aussteigen behülflich zu sein, und nachdem diese von einem Herrn, der noch im Wagen sass, ein Kind in Empfang genommen hatte, einen kleinen blonden Jungen von etwa drei Jahren, traten sie in die Pendoppo ein. Darauf folgte der Herr selbst, und wer auf Java Bescheid wusste, dem würde es als eine Sonderlichkeit aufgefallen sein, dass er am Wagenschlag wartete, um einer alten javanischen 'babu', einer Kindsmagd, das Aussteigen zu erleichtern. Einige Bediente, drei an der Zahl, hatten sich selbst aus ihrem wachsledernen Kasten frei gemacht, der hinten am Wagen klebte wie eine junge Auster auf dem Rücken ihrer Mutter.
Der Herr, der zuerst ausgestiegen war, hatte dem Regenten und dem Kontrolleur Verbrugge die Hand geboten, die sie mit Ehrerbietung annahmen, und ihrer ganzen Haltung war das Gefühl anzumerken, dass sie der Gegenwart einer gewichtigen Person unterworfen waren. Es war der Resident von Bantam, dem grossen Komplex, von dem Lebak eine Abteilung, eine Regentschaft, oder, wie man offiziell sagt, eine Assistent-Residentschaft ist.
Beim Lesen erdichteter Geschichten habe ich mich mehrfach über die geringe Achtung der Autoren vor dem Geschmack des Publikums geärgert und vor allem da, wo sie die Absicht merken liessen, dass sie etwas schaffen wollten, das possenhaft oder burlesk heissen müsste, um hier nicht von Humor zu sprechen, diesem eigentümlichen Etwas, das beinahe durchgängig aufs allerjämmerlichste mit dem Komischen in einen Topf geworfen wird. Man führt eine Person redend ein, die die Sprache nicht versteht oder sie schlecht spricht, man lässt einen Franzosen das wunderlichste Kauderwelsch reden. In Ermangelung eines Franzmanns nimmt man jemanden, der stottert, oder man schafft eine Person, die ihr Steckenpferd reitet mit ein paar stetig wiederkehrenden Worten. Ich habe ein fabelhaft dummes Vaudeville »durchschlagen« sehen, weil darin jemand vorkam, der ewig sagte: »Mein Name ist Meyer.« Mich dünken solche Witzigkeiten etwas wohlfeil, und, um die Wahrheit zu sagen, ich bin bös auf euch, Leser, wenn ihr so etwas spasshaft findet.