Max Havelaar

Chapter 4

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Wie ich so über dem Schreiben nachdenke, kommt es mir vor, dass selbst die Schiffsreedereien einigermassen dabei interessiert sind, und die Kauffahrteiflotte ... gewiss, so ist es! Und die Segelmacher auch, und der Finanzminister, und die Armenbehörden, und die andern Minister, und die Zuckerbäcker, und die Galanteriewarenhändler, und die Frauen, und die Schiffsbaumeister, und die Grossisten, und die Detailhändler, und die Hauswärter, und die Gärtner.

Und--merkwürdig doch, wie einem die Gedanken so unterm Schreiben aufkommen--mein Buch geht auch die Müller an, und die Pastoren, und die Verkäufer von Schweizerpillen, und die Liqueurfabrikanten, und die Ziegelbrenner, und die Menschen, die von der Staatsschuld leben, und die Pumpenmacher, und die Reepschläger, und die Weber, und die Schlächter, und die Schreiber auf den Maklerkontoren, und die Aktionäre von der »Niederländischen Handelsgesellschaft«, und eigentlich, recht betrachtet, alle andern auch.

Und den König auch ... ja, den König vor allem!

Mein Buch muss in die Welt. Dagegen ist nichts zu machen! Lass es auch meinetwegen Busselinck & Waterman in die Finger kriegen ... Abgunst ist meine Sache nicht. Aber Pfuscher und hinterlistige Hallunken sind sie, das sage ich! Ich habe es heute noch dem jungen Stern gesagt, als ich ihn in »Artis«, unsere zoologische Garten-Gesellschaft, introduzierte. Er mag es ruhig seinem Vater schreiben.

So sass ich denn noch vor ein paar Tagen arg im Dustern mit meinem Buch, und sieh doch, Fritz hat mir auf den Weg geholfen. Ihm selbst habe ich dies nicht gesagt, weil ich es nicht gut finde, jemanden merken zu lassen, dass man ihm verpflichtet ist--dies ist ein Grundsatz bei mir--aber wahr ist es. Er sagte, dass Stern so ein tüchtiger Junge wäre, dass er so schnell Fortschritte in der Sprache mache und dass er deutsche Verse von Shawlmann ins Holländische übersetzt hätte. Ihr seht, die Welt war auf den Kopf gestellt in meinem Hause: der Holländer hatte in deutscher Sprache geschrieben, und der Deutsche übersetzte das ins Holländische. Wenn jeder sich an seine eigene Sprache gehalten hätte, wäre Mühe gespart worden. Aber, dachte ich, wenn ich mein Buch von diesem Stern schreiben liesse? Wenn ich was hinzuzufügen habe, schreibe ich selbst von Zeit zu Zeit ein Kapitel. Fritz kann auch helfen. Er hat eine Liste von Wörtern, die mit zwei e's geschrieben werden, und Marie kann alles ins Reine schreiben. Dies ist gleichzeitig für den Leser eine Garantie gegen alle Unsittlichkeit. Denn das begreift ihr wohl, dass ein anständiger Makler seiner Tochter nichts in die Hände geben wird, was sich nicht mit Sitte und Anstand verträgt!

Ich habe dann zu den Jungen über meinen Plan gesprochen, und sie fanden ihn gut. Nur schien Stern, bei dem man--wie bei vielen Deutschen--einen Stich ins Litterarische wahrnehmen kann, Stimme haben zu wollen in Bezug auf die Art der Ausführung. Dies gefiel mir nun zwar nicht sehr, doch weil die Frühjahrsauktion vor der Thür steht und ich von Ludwig Stern noch keine Ordres habe, wollte ich ihm nicht zu stark widersprechen. Er sagte, dass: »wenn die Brust ihm erglühte vom Gefühl für das Wahre und Schöne, keine Macht der Welt ihn hindern könne, die Töne anzuschlagen, die mit diesem Gefühl übereinstimmten, und dass er viel lieber schwiege, als seine Worte von den entehrenden Fesseln der Alltäglichkeit gebändigt zu sehen.«--Ich fand dies nun wohl recht närrisch von Stern, aber mein Fach geht allem vor, und der Alte ist ein gutes Haus. Wir setzten also fest:

1. Dass er alle Woche ein paar Kapitel für mein Buch liefern solle.

2. Dass ich an dem, was er schreibe, nichts verändern dürfe.

3. Dass Fritz die Sprachfehler verbessern solle.

4. Dass ich dann und wann ein Kapitel schreiben solle, um dem Buch einen soliden Anstrich zu geben.

5. Dass der Titel sein solle: »Die Kaffeeauktionen der Niederländischen Handelsgesellschaft.«

6. Dass Marie die Reinschrift für den Druck machen solle, dass man aber Geduld mit ihr haben würde, wenn grosse Wäsche wäre.

7. Dass die fertigen Kapitel jede Woche auf dem Kränzchen vorgelesen werden sollten.

8. Dass alle Unsittlichkeit vermieden werden solle.

9. Dass mein Name nicht auf dem Titel stehen solle, denn ich bin Makler.

10. Dass Stern eine deutsche, eine französische und eine englische Übersetzung meines Buches herausgeben könne, weil--so behauptete er--solche Werke besser im Auslande verstanden würden als bei uns.

11. (Darauf drang Stern sehr stark:) Dass ich Shawlmann ein Ries Papier, ein Gross Federn und eine Kruke Tinte schicken sollte.

Ich erklärte mich mit allem einverstanden, denn es hatte grosse Eile mit meinem Buch. Stern hatte am folgenden Tag sein erstes Kapitel fertig, und so siehst du nun die Frage beantwortet, Leser, wie es kommt, dass ein Makler in Kaffee--Last & Co., Lauriergracht 37--ein Buch schreibt, das mit einem Roman Ähnlichkeit hat.

Kaum hatte Stern mit seiner Arbeit begonnen, und er stiess auf Schwierigkeiten. Ausser der Mühe, aus so viel Baustoffen das Nötige herauszusuchen und alles aneinanderzureihen, kamen noch fortwährend in den Manuskripten Wörter und Ausdrücke vor, die er nicht verstand und die auch mir fremd waren. Es war meistens javanisch oder malayisch. Auch waren hier und da Abkürzungen angebracht, die schwer zu entziffern waren. Ich sah ein, dass wir Shawlmann nötig hatten, und da ich es für einen jungen Menschen nicht gut finde, dass er unrechte Konnexionen anknüpft, wollte ich weder Fritz noch Stern zu ihm senden. Ich nahm einige Konfektstücke mit, die vom letzten Abendkränzchen übrig geblieben waren--denn ich denke stets an alles--und ich suchte ihn auf. Glänzend war seine Behausung nicht, doch die Gleichheit für alle Menschen, also auch was die Wohnungen angeht, ist ein Hirngespinst. Er selbst hatte das gesagt in seiner Abhandlung über die Ansprüche auf Glück. Überdies, ich halte nichts von Menschen, die ewig unzufrieden sind.

Seine Wohnung befand sich in der Langen-Leydener-Querstrasse, nach hinten liegend. Im Unterhause wohnte ein Trödler, der alle möglichen Dinge verkaufte, Tassen, Schüsseln, Möbel, alte Bücher, Glaswaren, Bildnisse von Van Speyk und dergleichen mehr. Ich hatte Angst, dass ich was zerbräche, denn in solchem Fall fordern die Menschen immer mehr Geld für die Sachen, als sie wert sind. Ein kleines Mädchen sass auf der Schwelle und kleidete ihre Puppe an. Ich fragte, ob M'nheer Shawlmann dort wohnte. Sie lief weg, und die Mutter kam.

--Ja, der wohnt hier, M'nheer. Gehn Sie nur die Treppe rauf nach 'n ersten Flur und dann die Treppe nach 'n zweiten Flur und dann noch 'ne Treppe und dann sind Sie da, denn Sie kommen ganz von selbst hin. Minchen, sag' doch mal eben Bescheid, dass 'n Herr da ist. Was kann sie sagen, wer da ist, M'nheer?

Ich sagte, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler in Kaffee, von der Lauriergracht, doch dass ich mich wohl gleich selbst vorstellen würde. Ich kletterte so hoch, wie mir gesagt war, und hörte auf dem dritten Flur eine Kinderstimme singen: »Gleich kommt Vater, mein süsser Papa«. Ich klopfte, und die Thür wurde von einer Frau geöffnet, oder einer Dame--ich weiss selbst nicht recht, was ich aus ihr machen soll. Sie sah sehr bleich aus. Ihre Züge trugen Spuren von Müdigkeit und liessen mich an meine Frau denken, wenn sie die Wäsche hinter sich hat. Sie war gekleidet in ein langes weisses Hemd, oder in eine Jacke ohne Taille, die ihr bis an die Knie hing und an der Vorderseite mit einer schwarzen Nadel befestigt war. An Stelle eines Kleides oder Rocks, wie es sich gehört, trug sie darunter ein Stück dunkel geblümter Leinwand, das einige Male um den Leib gewickelt schien und ihre Hüften und Kniee ziemlich eng umschloss. Keine Spur von Falten, von genügender Weite oder Umfang, wie sich das doch für eine Frau ziemt. Ich war froh, dass ich Fritz nicht geschickt hatte, denn ihre Kleidung kam mir sehr unschicklich vor, und der sonderbare Eindruck wurde noch verstärkt durch die Ungeniertheit, mit der sie sich bewegte, als fühlte sie sich ganz wohl so. Das Weib schien keineswegs zu wissen, dass sie nicht aussah wie andere Frauen. Auch kam es mir so vor, als wenn mein Kommen sie keineswegs verlegen machte. Sie versteckte nichts unterm Tisch, rückte nicht mit den Stühlen und that nichts, was man doch sonst zu thun pflegt, wenn ein Fremder von nobler Erscheinung kommt.

Sie hatte die Haare hintenüber gekämmt wie eine Chinesin und sie hinten auf dem Kopf zu einer Art Schlinge oder Knoten zusammengebunden. Später habe ich vernommen, dass ihre Kleidung eine Art indischer Tracht ist, die sie dazulande »Sarong« und »Kabaai« nennen, aber ich fand es doch sehr hässlich.

--Sind Sie Frau Shawlmann? fragte ich.

--Wen habe ich die Ehre zu sprechen? sagte sie, und zwar in einem Ton, der mir anzudeuten schien, dass auch ich etwas mehr »Ehre« in meine Frage hätte legen dürfen.

Nun, Komplimente sind nicht meine Sache. Mit einem Geschäftskunden ist das was anderes, und ich bin zu lange geschäftlich thätig, um meine Welt nicht zu kennen. Aber viel Bücklinge zu machen auf einer dritten Etage, das hielt ich nicht für nötig. Ich sagte also kurz, dass ich M'nheer Droogstoppel wäre, Makler in Kaffee, Lauriergracht 37, und dass ich ihren Mann sprechen wollte. Was brauchte ich denn da viel Umstände machen!

Sie bot mir einen Küchenstuhl an und nahm ein kleines Mädchen auf den Schoss, das auf dem Boden sass und spielte. Der kleine Junge, den ich hatte singen hören, sah mich stramm an und beguckte mich von oben bis unten. Der schien mir auch durchaus nicht verlegen! Es war ein Bengel von etwa sechs Jahren, auch schon so sonderbar gekleidet. Sein weites Höschen reichte knappernot bis zur Mitte des Schenkels, und die Beine waren von da ab bloss bis auf die Knöchel. Sehr unanständig finde ich das. »Kommst du, um Papa zu sprechen?« fragte er auf einmal, und mir wurde da sofort klar, dass die Erziehung von dem Jungen viel zu wünschen übrig liess, sonst hätte er »Kommen Sie« gesagt. Doch weil ich mich in meiner Situation nicht recht wohl fühlte und was reden wollte, antwortete ich:

--Ja, Kerlchen, ich komme, um deinen Papa zu sprechen. Wird er wohl bald kommen, denkst du?

--Das weiss ich nicht. Er ist aus und sucht Geld, um mir einen Tuschkasten zu kaufen.

--Still, meine Junge, sagte die Frau. Spiele mal mit deinen Bildern oder mit der chinesischen Spieldose.

--Du weisst doch, dass der Herr gestern alles mitgenommen hat.

Auch seine Mutter nannte er »du«, was in Holland gerade nicht als feine Sitte gilt, und es schien ein »Herr« dagewesen zu sein, der alles »mitgenommen hatte« ... ein spassiger Besuch! Die Frau schien auch nicht bei Laune, denn sie wischte sich heimlich die Augen, als sie das kleine Mädchen zu ihrem Bruder hinbrachte. »Da, sagte sie, spiel' 'n bisschen mit Nonni.« Ein seltsamer Name. Und das that er.

--Nun, Frau Shawlmann, fragte ich, erwarten Sie Ihren Mann bald zurück?

--Ich kann nichts Bestimmtes sagen, antwortete sie.

Da liess auf einmal der kleine Junge seine Schwester, mit der er »Kahnfahren« gespielt hatte, im Stich und fragte mich:

--M'nheer, warum sagst du zu Mama: »Frau«?

--Wie denn, Bürschchen, was muss ich denn sonst sagen?

--Na ... so wie andere Menschen! Die »Frau« ist unten. Die verkauft Schüsseln und Brummkreisel.

Nun bin ich Makler in Kaffee--Last & Co., Lauriergracht No. 37--wir sind unser dreizehn auf dem Kontor, und wenn ich Stern mitzähle, der kein Salair empfängt, sind es vierzehn. Nun wohl, meine Ehefrau ist »Frau«, und ich sollte nun zu solchem Weib »Mevrouw« sagen? Das ging doch nicht! Jeder muss in seinem Stande bleiben, und, was mehr bedeutet, gestern hatten die Gerichtsvollzieher den ganzen Kram weggeholt. Ich fand mein »Frau« also gut, und blieb dabei.

Ich fragte, warum Shawlmann nicht bei mir vorgesprochen hätte, um sein Paket wieder abzuholen. Sie schien davon zu wissen und sagte, dass sie auf Reisen gewesen wären, nach Brüssel. Dass er da für die »Indépendance« gearbeitet habe, dass er jedoch nicht hätte bleiben können, weil seine Artikel Ursache waren, dass das Blatt an der französischen Grenze so oft zurückgewiesen wurde. Dass sie vor einigen Tagen nach Amsterdam zurückgekehrt seien, weil Shawlmann hier eine Stellung erhalten sollte ...

--Gewiss bei Gaafzuiger? fragte ich.

Ja, so war es. Doch das war nichts Rechtes, sagte sie. Nun, hiervon wusste ich mehr als sie selbst. Er hatte die »Aglaja« fallen lassen und war faul, dünkelhaft und kränklich ... nur darum war er weggejagt.

Und, fuhr sie fort, gewiss werde er dieser Tage zu mir kommen und vielleicht jetzt gerade zu mir hin sein, um sich Antwort auf das von ihm gestellte Ersuchen zu holen.

Ich sagte, dass Shawlmann ruhig mal kommen könne, doch dass er nicht klingeln solle, denn das ist so unbequem für das Mädchen. Wenn er einen Augenblick wartete, sagte ich, würde die Thür wohl mal offen gehen, wenn jemand heraus müsste. Und darauf ging ich fort und nahm meine Zuckersachen wieder mit, denn, geradeaus gesagt, es gefiel mir da nicht. Ich fühlte mich nicht wohl dort. Ein Makler ist doch kein Dienstmann, dünkt mich, und ich kann doch wohl behaupten, dass ich anständig aussehe. Ich hatte meinen Rock mit Pelzgarnitur an, und doch sass sie da so kommode und plauderte so ruhig mit ihren Kindern, wie wenn sie allein gewesen wäre. Obendrein, sie schien geweint zu haben, und unzufriedene Menschen kann ich nicht vertragen. Auch war es kalt und unbehaglich--gewiss weil der ganze Hausstand weggeholt war--und ich gebe viel auf Behaglichkeit in einem Zimmer. Während ich nach Hause ging, beschloss ich, es noch einmal mit Bastians anzusehen; denn ich setze nicht gern jemanden auf die Strasse.

Nun folgt die erste Woche von Stern. Es ist selbstverständlich, dass viel drin vorkommt, das mir nicht gefällt. Aber ich muss mich an Artikel 2 halten, und die Rosemeyers haben es gut gefunden. Ich glaube zu bemerken, dass sie sich viel Mühe um Stern geben, weil er einen Onkel in Hamburg hat, der in Zucker macht.

Shawlmann war in der That dagewesen. Er hatte Stern gesprochen und ihm einige Wörter und Dinge erklärt, die er nicht verstand. Die Stern nicht verstand, meine ich. Ich ersuche nun den Leser, sich durch die folgenden Kapitel durchzuarbeiten, dann verspreche ich, dass ich hinterher wieder etwas von mehr solider Art bringen werde, von mir, Batavus Droogstoppel, Makler in Kaffee: Last & Co., Lauriergracht No. 37.

FÜNFTES KAPITEL.

Es war des Morgens um zehn Uhr eine ungewöhnliche Bewegung auf dem grossen Wege, der die Abteilung Pandeglang verbindet mit Lebak. »Grosser Weg« ist vielleicht etwas zu viel gesagt von dem breiten Fusspfad, den man, aus Höflichkeit und Ermangelung eines bessern, den »Weg« nannte. Doch wenn man mit einem vierspännigen Fuhrwerk von Serang, dem Hauptplatz der Residentschaft Bantam, verzog, mit der Absicht, sich nach Rangkas-Betung zu begeben, dem neuen Hauptplatz im Lebakschen, konnte man einigermassen sicher sein, nach einiger Zeit dort anzukommen. Es war also ein Weg. Wohl blieb man fortwährend im Morast stecken, der in den Bantamschen Tieflanden schwer, lehmig und klebrig ist, wohl war man oft genötigt, die Hülfe der Bewohner der nächstgelegenen Dörfer anzurufen--waren sie auch nicht sehr nahe, denn die Dörfer sind nur dünn gesäet in diesen Gegenden--aber wenn es einem dann endlich geglückt war, an die zwanzig Landbauer aus der Umgegend beisammen zu kriegen, so dauerte es gewöhnlich nicht sehr lange, bis man Pferde und Wagen wieder auf festen Grund gebracht hatte. Der Kutscher knallte mit der Peitsche, die Läufer--in Europa würde man, glaube ich, »palfreniers« sagen, oder richtiger vielleicht, es besteht in Europa nichts, das diesen Läufern entsprechen würde--die unvergleichlichen Läufer also mit ihren kurzen, dicken Peitschen sprangen wieder neben dem Viergespann her, stiessen unbeschreibliche Töne aus und schlugen den Pferden anfeuernd unter den Bauch. So rumpelte man dann einige Zeit weiter, bis der verdriessliche Moment wieder da war, dass man bis über die Achsen in den Moder sank. Dann fing das Rufen um Hülfe aufs neue an. Man wartete geduldig, bis die Hülfe kam, und ... krebste weiter.

Oftmals, wenn ich diesen Weg entlang ging, war es mir, als müsste ich hier und da einen Wagen finden mit Reisenden aus dem vorigen Jahrhundert, die in den Schlamm gesunken und vergessen waren. Aber das ist mir niemals vorgekommen. Ich vermute also, dass alle, die je diesen Weg entlang kamen, endlich dort angelangt sein werden, wo sie sein wollten.

Man würde sich sehr irren, wenn man sich von dem ganz grossen Weg auf Java eine Vorstellung nach dem Massstabe dieses Weges im Lebakschen bilden wollte. Die eigentliche Heerstrasse mit ihren vielen Abzweigungen, die der Marschall Daendels mit Opferung von viel Volk anlegen liess, ist in der That ein prächtiges Stück Arbeit, und man steht wie gebannt vor der Geisteskraft des Mannes, der, ungeachtet aller Schwierigkeiten, die seine Neider und Widersacher im Mutterland ihm in den Weg legten, dem Unwillen der Bevölkerung und der Unzufriedenheit der Häuptlinge zu trotzen wagte, um ein Ding zustande zu bringen, das noch heute jedermanns Bewunderung erregt und verdient.

Keine der mit Pferden betriebenen Überland-Posten in Europa--selbst nicht in England, Russland oder Ungarn--kann denn auch der auf Java gleichgestellt werden. Über hohe Bergrücken, hart an Abgründen vorbei, die dich erschauern lassen, fliegt der schwerbepackte Reisewagen in einem Galopp dahin. Der Kutscher sitzt wie auf den Bock genagelt, Stunden geht es, ja, ganze Tage hintereinander fort, und er schwenkt die schwere Peitsche mit eisernem Arm. Er weiss genau zu berechnen, wo und wieviel er die dahinrasenden Pferde mit dem Zügel bändigen muss, um nach einer wahren Höllenfahrt den Bergabhang hinunter drüben an jener Ecke ...

--Mein Gott, der Weg ist ... weg! Wir sausen in einen Abgrund! schreit der unerfahrene Reisende. Da ist kein Weg ... da ist die Tiefe!

Ja, so scheint es. Der Weg macht eine Biegung, und just da, wo einen Galoppsprung weiter dem Vorspann der feste Boden unter den Füssen schwinden würde, wenden die Pferde und schleudern das Fuhrwerk die Ecke herum. Sie fliegen die Berghöhe hinauf, die ihr einen Augenblick früher nicht sahet, und ... der Abgrund liegt hinter euch.

Es giebt bei solcher Gelegenheit Augenblicke, wo der Wagen allein auf den Rädern an der Aussenseite der Kurve ruht, die ihr beschreibt: die zentrifugale Kraft hat die inneren Räder vom Boden gehoben. Es gehört Kaltblütigkeit dazu, dass man die Augen nicht schliesse, und wer zum erstenmal auf Java reist, schreibt an seine Familie in Europa, dass er in Lebensgefahr geschwebt habe. Aber wer dort zu Hause ist, lacht über diese Angst.

Es ist nicht meine Absicht, vor allem nicht hier am Anfang meiner Erzählung, den Leser lange mit der Beschreibung von Plätzen, Landschaften oder Gebäuden aufzuhalten. Ich fürchte ihn durch Dinge, die langweilig wirken, zu sehr abzuschrecken, und erst später, wenn ich fühle, dass er für mich gewonnen ist, wenn ich an Blick und Haltung bemerke, dass das Los der Heldin, die irgendwo vom Balkon eines vierten Stockwerks springt, ihm Interesse einflösst, dann lasse ich sie, mit stolzer Verachtung aller Gesetze der Schwerkraft, zwischen Himmel und Erde schweben, bis ich meinem Herzen Luft gemacht habe in der sorgfältigen Schilderung der Schönheiten der Landschaft, oder des Gebäudes, das da an irgend einer Stelle hingestellt zu sein scheint, um einen Vorwand für eine viele Seiten fassende Charakterisierung mittelalterlicher Architektur an die Hand zu geben. All diese Burgen sind einander ähnlich. Durchgängig sind sie von heterogener Bauart. Das »corps de logis«, das Hauptgebäude, datiert stets von einigen Regierungen früher als die Anhängsel, die unter diesem oder jenem späteren König angefügt sind. Die Türme sind in verfallenem Zustande ...

Werter Leser, es giebt keine Türme. Ein Turm ist ein Gedanke, ein Traum, ein Ideal, ein Ersonnenes, unerträgliche Übertreibung! Es giebt halbe Türme, und ... Türmchen.

Die Schwärmerei, die glaubte Türme setzen zu müssen auf die Gebäude, die aufgerichtet wurden zu Ehren dieses oder jenes Heiligen, dauerte nicht lange genug, um sie zu vollenden, und die Spitze, die den Gläubigen nach dem Himmel weisen soll, ruht, gewöhnlich ein paar Stockwerke zu tief, auf der massiven Basis, was an den Mann ohne Hüften erinnert, der auf dem Jahrmarkt zu sehen ist. Einzig Türmchen, auf Dorfkirchen kleine Spitzgiebelchen, hat man zustande gebracht.

Es ist wahrlich nicht schmeichelhaft für die Kultur des Westens, dass selten der Gedanke, ein grosses Werk vollbringen zu wollen, sich lange genug hat lebendig erhalten können, um das Werk vollendet zu sehen. Ich rede hier nicht von Unternehmungen, deren Zuendeführung nötig war, um die Kosten zu decken. Wer recht wissen will, was ich meine, sehe sich den Dom zu Köln an. Er gebe sich Rechenschaft von der stolzen Vorstellung des Bauwerks, wie sie in der Seele des Baumeisters Gerhard von Riehl lebendig war ... vom Glauben im Herzen des Volks, das ihn in den Stand setzte, das Werk anzufangen und fortzusetzen ... von der Kraft des Innenlebens, das solch einen Koloss nötig hatte, um als sichtbarer Ausdruck des unsichtbaren religiösen Gefühls zu dienen ... und er vergleiche diesen hohen Schwung mit der Lauheit, die es einige Jahrhunderte später dazu kommen liess, dass das Werk stillstand.

Es liegt eine tiefe Kluft zwischen Erwin von Steinbach und unseren Baumeistern! Ich weiss, dass man seit einigen Jahren daran ist, diese Kluft auszufüllen. Auch an dem Kölner Dom baut man wieder. Aber wird man den abgerissenen Faden wieder anknüpfen können? Wird man wiederfinden in unseren Tagen, was damals die Kraft ausmachte von Kirchenvoigt und Bauherrn? Ich glaube es nicht. Geld wird wohl aufzubringen sein, und hierfür ist Stein und Kalk feil. Man kann den Künstler bezahlen, der einen Plan entwirft, und den Maurer, der die Steine fügt. Doch nicht ist für Geld feil das irrende und doch ehrerbietungswürdige Gefühl, das in einem Bauwerk eine Dichtung sah, eine Dichtung von Granit, die laut sprach zum Volke, eine Dichtung in Marmor, die dastand wie ein unbewegliches, unaufhörliches, ewiges Gebet.--

Auf der Grenze zwischen Lebak und Pandeglang also war eines Morgens eine ungewöhnliche Bewegung. Hunderte von gesattelten Pferden bedeckten den Weg, und tausend Menschen mindestens--was viel war für diesen Fleck--liefen in geschäftiger Erwartung hin und her. Hier sah man die Häuptlinge der Dörfer und die Distriktshäuptlinge aus dem Lebakschen, alle mit ihrem Gefolge, und zu urteilen nach dem schönen, reich gesattelten Araberbastard, der auf seiner silbernen Trense herumbiss, war auch ein Häuptling höheren Ranges hier am Platze. Das war denn auch der Fall. Der Regent von Lebak, Radhen Adhipatti Karta Natta Negara, hatte mit grossem Gefolge Rangkas-Betung verlassen und trotz seines hohen Alters die zwölf oder vierzehn »Pfähle« zurückgelegt, die zwischen seinem Wohnort und den Grenzen der benachbarten Abteilung Pandeglang lagen.

Es wurde ein neuer Assistent-Resident erwartet, und der Brauch, der in Indien mehr denn sonst irgendwo Gesetzeskraft hat, will, dass der Beamte, der mit der Verwaltung einer Abteilung betraut ist, bei seiner Ankunft festlich eingeholt werde. Auch der Kontrolleur war hier anzutreffen, ein Mann mittleren Alters, der seit einigen Monaten nach dem Tode des vorigen Assistent-Residenten als Nächster im Range die Verwaltung wahrgenommen hatte.

Sobald die Zeit der Ankunft des neuen Assistent-Residenten bekannt geworden war, hatte man in aller Eile eine Pendoppo, ein indisches Zeltdach, aufrichten lassen, einen Tisch und einige Stühle dahin gebracht und einige Erfrischungen bereit gesetzt. In dieser Pendoppo erwartete der Regent mit dem Kontrolleur die Ankunft des neuen Chefs.