Max Havelaar

Chapter 3

Chapter 33,642 wordsPublic domain

Am Tage nach der Gesellschaft bei den Rosemeyers, die in Zucker machen, rief ich Fritz und gebot ihm, mir das Paket von Shawlmann zu bringen. Ihr müsst wissen, Leser, dass ich in meiner Familie sehr ängstlich auf Religion und Sittlichkeit sehe. Nun, am Abend zuvor, gerade als ich meine erste Birne geschält hatte, las ich auf dem Gesicht von einem der Mädchen, dass etwas in dem Gedicht vorkam, das nicht schicklich war. Ich selbst hatte nicht hingehört nach dem Kram, aber ich bemerkte, dass Betsy ihr Brot verkrümelte, und das war mir genug. Ihr werdet einsehen, Leser, dass ihr es mit jemandem zu thun habt, der weiss, wie es in der Welt zugeht. Ich liess mir also von Fritz das schöne Stück vom vorhergehenden Abend vorlegen und ich fand sehr bald die Stelle, die Betsys Brot verkrümelt hatte. Es wird da gesprochen von einem Kind, das an der Brust der Mutter liegt--das geht ja noch--aber: »das kaum dem mütterlichen Schoss entstiegen ist«, sieh, das fand ich nicht gut--dass man davon spricht, mein' ich--und meine Frau auch nicht. Marie ist dreizehn Jahr. Von Adebars wird bei uns nicht gesprochen, auch nicht von Kohlköpfen oder den Teichen, wo die Kinder herkommen sollen, aber so die Sachen beim Namen zu nennen, finde ich ungehörig, denn mein ganzes Trachten ist durchaus auf Sittlichkeit gerichtet. Ich liess mir von Fritz, der das Ding nun einmal »auswendig wusste«, wie Stern das nennt, versprechen, dass er es nicht wieder aufsagen würde--wenigstens nicht, bevor er Mitglied von »Doctrina« ist, denn dahin kommen keine jungen Mädchen--und dann barg ich es in meinem Schreibtisch ... das Gedicht, mein' ich. Doch ich musste wissen, ob nicht noch mehr in dem Paket war, das Anstoss erregen konnte. Da ging ich ans Suchen und Blättern. Alles lesen konnte ich nicht, denn ich fand Sprachen darin, die ich nicht verstehe; doch ei! da fiel mein Auge auf ein dickes Heft: »Bericht über die Kaffeekultur in der Residentschaft Menado«.

Mein Herz hüpfte vor Freude, weil ich Makler in Kaffee bin--Lauriergracht No. 37--und »Menado« ist eine gute Marke. Also dieser Shawlmann, der so unsittliche Verse machte, hatte auch in Kaffee gearbeitet! Ich sah nun das Paket mit ganz andern Augen an, und ich fand Stücke darin, die ich wohl nicht alle begriff, die aber wirklich Geschäftskenntnis verrieten. Es fanden sich da Listen, Angaben, ziffernmässige Berechnungen, an denen nichts von Reim zu erkennen war, und alles war mit so viel Sorgfalt und Genauigkeit bearbeitet, dass ich, geradeaus gesagt--denn ich halte was von der Wahrheit--auf die Idee kam, dass dieser Shawlmann, wenn es mit dem dritten Kontoristen mal nichts mehr wäre--was schon kommen kann, da er alt und stümperig wird--ganz gut dessen Platz würde ausfüllen können. Es versteht sich von selbst, dass ich mir erst Informationen einholen würde über Ehrlichkeit, Glauben und Betragen, denn ich nehme niemand aufs Kontor, bevor ich darüber nicht Sicherheit habe. Das ist ein fester Grundsatz bei mir. Ihr habt das aus meinem Brief an Ludwig Stern ersehen.

Ich wollte Fritz nichts davon merken lassen, dass ich dem Inhalt des Pakets Wichtigkeit beizumessen anfing, und schickte ihn deshalb weg. Es wurde mir wirklich duselig im Kopf, wie ich so die verschiedenen Teile einen nach dem andern aufnahm und die Überschriften las. Es ist wahr, viel Verse waren darunter, aber auch viel Nützliches, und ich musste staunen über die Verschiedenheit der behandelten Gegenstände. Ich gebe zu--denn ich gebe was auf Wahrheit--dass ich, der ich immer in Kaffee gemacht habe, nicht im stande bin, den Wert von dem allen zu beurteilen, aber auch ohne diese Beurteilung: allein die Liste der Überschriften war schon kurios. Da ich euch die Geschichte von dem Griechen erzählt habe, wisst ihr schon, dass ich in meiner Jugend einigermassen latinisiert worden bin, und wie sehr ich mich auch in der Korrespondenz aller Citate enthalte--was auf einem Maklerkontor auch nicht recht am Platz ist--so dachte ich doch, als ich dies alles sah: »Multa, non multum«. Oder: »De omnibus aliquid, de toto nihil.«

Doch das kam eigentlich mehr von einer Art Drang zu widersprechen und von einem gewissen Bedürfnis, die Gelehrsamkeit, die da vor mir lag, in Latein anzusprechen, als dass ich es genau so meinte. Denn wo ich längere Einsicht in das eine oder andere Stück nahm, musste ich mir gestehen, dass der Autor wohl auf der Höhe seiner Aufgabe zu stehen schien, und sogar, dass er grosse Solidität in seinen Beweisführungen an den Tag legte.

Ich fand da Abhandlungen und Aufsätze:

Über das Sanskrit als Mutter der germanischen Sprachzweige.

Über die Strafbestimmungen, Kindesmord betreffend.

Über den Ursprung des Adels.

Über den Unterschied in den Begriffen: Unendliche Zeit und Ewigkeit.

Über die Wahrscheinlichkeitsrechnung.

Über das Buch Hiob. (Ich fand noch etwas über Hiob, aber das waren Verse.)

Über Protëine in der atmosphärischen Luft.

Über die Politik Russlands.

Über die Vokale.

Über Zellengefängnisse.

Über die alten Hypothesen vom »horror vacui«.

Über das Wünschenswerte der Abschaffung von Strafbestimmungen, die die Beleidigung betreffen.

Über die Ursachen des Aufstandes der Niederländer gegen Spanien, nicht zu suchen in dem Streben nach Gewissensfreiheit und politischer Freiheit.

Über das »perpetuum mobile«, die Quadratur des Zirkels und die Wurzel von wurzellosen Zahlen.

Über die Schwere des Lichts.

Über den Rückgang der Kultur seit dem Entstehen des Christentums. (Nanu?)

Über die isländische Mythologie.

Über den »Emile« von Rousseau.

Über die »Civile Rechtsforderung« in Sachen des Kaufhandels.

Über den Sirius als Mittelpunkt eines Sonnensystems.

Über das Einfuhrbesteuerungs-Gesetz, als unzweckmässig, rücksichtslos, ungerecht und unsittlich. (Davon hatte ich niemals etwas gehört.)

Über Verse als die älteste Sprache. (Das glaube ich nicht.)

Über weisse Ameisen.

Über das Widernatürliche in Schuleinrichtungen.

Über die Prostitution in der Ehe. (Das ist ein schändliches Stück!)

Über hydraulische Einrichtungen in Verbindung mit der Reiskultur.

Über das scheinbare Übergewicht der Westlichen Kultur.

Über Kataster, Registratur und Stempelwesen.

Über Kinderbücher, Fabeln und Märchen. (Dies will ich mal lesen, weil er auf Wahrheit dringt.)

Über Zwischenglieder im Handel. (Dies gefällt mir ganz und gar nicht. Ich glaube, er will die Makler abschaffen. Aber ich habe es doch zur Seite gelegt, weil das eine und andere darin vorkommt, das ich für mein Buch gebrauchen kann.)

Über das Erbschaftsrecht, eine der besten Besteuerungen.

Über die Erfindung der Keuschheit. (Dies verstehe ich nicht.)

Über Vermannigfachung, Multiplikation. (Dieser Titel klingt ganz einfach, aber es steht viel in dem Stück, woran ich früher nie gedacht hatte.)

Über eine gewisse Art von Geist und Scharfsinn bei den Franzosen, eine Folge der Armut ihrer Sprache. (Das lasse ich gelten. Witzigkeit und Armut ... er kann es wissen.)

Über die Beziehungen zwischen den Romanen von August Lafontaine und der Schwindsucht. (Das will ich mal lesen, da von diesem Lafontaine Bücher auf dem Boden liegen. Doch er sagt, dass der Einfluss sich erst im zweiten Geschlecht zeigt. Mein Grossvater las nicht.)

Über die Macht der Engländer ausserhalb Europas.

Über das Gottesgericht im Mittelalter und jetzt.

Über die Rechenkunst bei den Römern.

Über Armut an Poesie bei Tonsetzern.

Über Pietisterei, Benebelung und Tischrücken.

Über epidemische Krankheiten.

Über den Maurischen Baustil.

Über die Kraft der Vorurteile, sichtbar an Krankheiten, die durch Zug verursacht sein sollen. (Hab' ich nicht gesagt, dass die Liste kurios ist?)

Über die deutsche Einheit.

Über die Länge auf See. (Ich denke, dass auf See wohl alles ebenso lang sein wird wie an Land.)

Über die Pflichten der Regierung bezüglich öffentlicher Lustbarkeiten.

Über die Übereinstimmung in den schottischen und friesischen Sprachen.

Über Prosodie.

Über die Schönheit der Frauen zu Nîmes und zu Arles, mit einer Untersuchung über das Kolonisierungssystem der Phönicier.

Über Landbauverträge auf Java.

Über das Saugvermögen einer Pumpe neuen Modells.

Über Legitimität von Dynastien.

Über die Volkslitteratur bei javanischen Rhapsoden.

Über die neue Art des Segelreffens.

Über die Perkussion, angewendet auf Hand-Granaten. (Dieses Stück datiert von 1847, also aus einer Zeit vor Orsini!)

Über den Ehrbegriff.

Über die apokryphen Bücher.

Über die Gesetze von Solon, Lycurgus, Zoroaster und Confucius.

Über die elterliche Gewalt.

Über Shakespeare als Geschichtsschreiber.

Über die Sklaverei in Europa. (Worauf er hier hinaus will, begreife ich nicht. Nun, dergleichen ist da mehreres!)

Über Schrauben-Wassermühlen.

Über das souveräne Recht der Begnadigung.

Über die chemischen Bestandteile des Zimmtes von Ceylon.

Über die Zucht auf Kauffahrteischiffen.

Über die Opiumpacht auf Java.

Über die Bestimmungen bezüglich des Verkaufs von Gift.

Über den Durchstich der Landenge von Suez und die Folgen hiervon.

Über die Entrichtung von Landrenten in natura.

Über die Kaffeekultur zu Menado. (Dies habe ich schon genannt.)

Über die Auflösung des Römischen Reichs.

Über die »Gemütlichkeit« der Deutschen.

Über die skandinavische Edda.

Über die Pflicht Frankreichs, sich im Indischen Archipel ein Gegengewicht gegenüber England zu schaffen. (Dieses war in Französisch geschrieben. Warum, weiss ich nicht.)

Über das Essigmachen.

Über die Verehrung von Schiller und Goethe im deutschen Mittelstande.

Über die Ansprüche des Menschen auf Glück.

Über das Recht des Aufstandes bei Unterdrückung. (Dies war in Javanisch. Ich habe den Titel erst später erfahren.)

Über ministerielle Verantwortlichkeit.

Über einige Punkte in der kriminellen Rechtsforderung.

Über das Recht eines Volks, zu fordern, dass die aufgebrachte Steuer zu seinem Besten verwendet werde. (Das war wieder in Javanisch.)

Über das doppelte A und das griechische ETA.

Über das Bestehen eines unpersönlichen Gottes in den Herzen der Menschen. (Eine infame Lüge!)

Über den Stil.

Über eine Konstitution des Reiches INSULINDE. (Ich habe niemals von diesem Reich gehört.)

Über den Mangel an Ephelkustik in unsern grammatikalischen Regeln.

Über Pedanterie. (Ich glaube, dass dies Stück mit viel Sachkenntnis geschrieben ist.) [2]

Über die Verpflichtung Europas gegenüber den Portugiesen.

Über Stimmen des Waldes.

Über Brennbarkeit von Wasser. (Ich denke, dass er »Feuerwasser« und sonstige starke Essenzen im Auge hat.)

Über den Milchsee. (Ich habe davon niemals gehört. Es scheint in der Nähe von Banda zu sein.)

Über Seher und Propheten.

Über Elektrizität als Motorkraft, ohne weiches Eisen.

Über Ebbe und Flut der Kultur.

Über den epidemischen Niedergang in Staatshaushalten.

Über bevorrechtete Handelsgesellschaften. (Hierin kommt dieses und jenes vor, das ich für mein Buch nötig habe.)

Über Etymologie als Hülfsquelle bei ethnologischen Forschungen.

Über die Vogelnestklippen an der javanischen Südküste.

Über die Stelle, wo der Tag beginnt. (Begreife ich nicht.)

Über persönliche Begriffe als Massstab der Verantwortlichkeit in der sittlichen Welt. (Lächerlich! Er sagt, dass jeder sein eigner Richter sein solle. Wo kämen wir da hin!)

Über Galanterie.

Über den Versbau der Hebräer.

Über das »Century of inventions« vom Marquis von Worcester.

Über die nicht-essende Bevölkerung des Eilandes Rotti bei Timor. (Es muss da billig leben sein.)

Über die Menschenfresserei der Battahs und über die Kopfjägerei der Alfuren.

Über das Misstrauen gegenüber der öffentlichen Sittlichkeit. (Er will, glaube ich, die Schlosser (als Hersteller der Schlösser) abschaffen. Ich bin dagegen.)

Über »das Recht« und »die Rechte«.

Über Béranger als Philosophen. (Dies versteh' ich wieder nicht.)

Über die Abneigung der Malayen gegen die Javanen.

Über die Wertlosigkeit des Unterrichts auf den sogenannten Hochschulen.

Über den lieblosen Geist unserer Vorfahren, sichtbar an ihren Begriffen über Gott. (Schon wieder ein gottloses Stück!)

Über den Zusammenhang der Sinneswerkzeuge. (Es ist wahr, als ich ihn sah, roch ich Rosenöl.)

Über die »Spitzwurzel« des Kaffeebaums. (Dies habe ich für mein Buch auf die Seite gelegt.)

Über Gefühl, Mitgefühl, 'sensiblerie', Empfindelei u. s. w.

Über die begriffliche Verwirrung von Mythologie und Religion.

Über den Palmwein auf den Molukken.

Über die Zukunft des niederländischen Handels. (Dies ist eigentlich das Stück, das mich bewogen hat, dies Buch zu schreiben. Er sagt, dass nicht immer so grosse Kaffeeauktionen werden abgehalten werden, und ich lebe für mein Fach.)

Über Genesis. (Ein infames Stück!)

Über die geheimen Gesellschaften bei den Chinesen.

Über das Zeichnen als natürliche Schrift. (Er sagt, dass ein neugebornes Kind zeichnen kann!)

Über Wahrheit in Poesie. (Ei gewiss!)

Über die Unbeliebtheit der Reisschälmühlen auf Java.

Über den Zusammenhang von Poesie und mathematischen Wissenschaften.

Über die Wajangs der Chinesen.

Über den Preis des Java-Kaffees. (Das habe ich zur Seite gelegt.)

Über ein europäisches Münzsystem.

Über Berieselung von Gemeindefeldern.

Über den Einfluss der Rassenmischung auf den Geist.

Über Gleichgewicht im Handel. (Er spricht darin von Wechselagio. Ich habe es für mein Buch auf die Seite gelegt.)

Über die Beständigkeit von asiatischen Gewohnheiten. (Er behauptet, dass Jesus einen Turban trug.)

Über die Ideen von Malthus bezüglich der Bevölkerungszahl in Verbindung mit den Unterhaltsmitteln.

Über die ursprüngliche Bevölkerung von Amerika.

Über die »havenhoofden« (Hafenköpfe, gemauerte Wälle am Eingange eines Hafens) von Batavia, Samarang und Surabaja.

Über Baukunst als Ausdruck von Ideen.

Über das Verhältnis der europäischen Beamten zu den Regenten auf Java. (Hiervon kommt das eine und andere in mein Buch.)

Über das Wohnen in Kellern zu Amsterdam.

Über die Kraft des Irrtums.

Über die Arbeitslosigkeit eines höheren Wesens bei vollkommenen Naturgesetzen.

Über das Salzmonopol auf Java.

Über die Würmer in der Sagopalme. (Die werden gegessen, sagt er ... bbä!)

Über die Sprüche, den Prediger, das Hohelied und über die Pantuns der Javanen.

Über das 'jus primi occupantis'.

Über die Armut der Malkunst.

Über die Unsittlichkeit des Angelns. (Wer hat davon jemals gehört?)

Über die Sünden der Europäer ausserhalb Europas.

Über die Waffen der schwächeren Tierarten.

Über das 'jus talionis'. (Schon wieder ein infames Stück! Mit einem Gedicht von einem andern, das ich gewiss für das allerschandbarste erklärt haben würde, wenn ich es ausgelesen hätte.)

Und das war noch nicht alles! Ich fand, um von den Versen nicht zu sprechen--es waren deren in vielerlei Sprachen--eine Anzahl von Stücken, denen der Titel fehlte, Romanzen in malayischer Sprache, Kriegsgesänge in Javanisch, und was nicht noch alles! Auch Briefe fand ich, wovon viele in Sprachen, die ich nicht verstand. Einige waren an ihn geschrieben, oder besser, es waren nur Abschriften, doch er schien damit einen bestimmten Zweck zu verbinden, denn es war alles von anderen Personen gezeichnet als: »gleichlautend mit dem Original«. Dann fand ich noch Auszüge aus Tagebüchern, Aufzeichnungen und lose Gedanken--einzelne wirklich sehr lose.

Ich hatte, wie ich bereits sagte, einige Stücke auf die Seite gelegt, weil sie mir in mein Fach zu schlagen schienen, und für mein Fach lebe ich. Doch ich muss zugeben, dass ich wegen des übrigen in Verlegenheit war. Zurücksenden konnte ich das Paket nicht, denn ich wusste nicht, wo er wohnte. Es war nun einmal offen. Ich konnte nicht leugnen, dass ich Einblick genommen hatte, und das würde ich auch nicht gethan haben, da es mir immer sehr um die Wahrheit zu thun ist. Auch glückte es mir nicht, es wieder so zu schliessen, dass von dem Öffnen nichts zu sehen war. Überdies kann ich nicht verhehlen, dass einige Stücke, die über Kaffee nämlich, mir Interesse einflössten, und dass ich gern davon Gebrauch gemacht hätte. Ich las täglich hier und da einige Seiten, und ich kam je länger je mehr zu der Überzeugung, dass man Makler in Kaffee sein muss, um so recht zu erfahren, was in der Welt vorgeht. Ich bin überzeugt, dass die Rosemeyers, die in Zucker machen, niemals so etwas unter die Augen bekommen haben.

Ich fürchtete nun, dass dieser Shawlmann plötzlich wieder vor mir stehen würde und mir wieder etwas zu sagen haben möchte. Jetzt fing es mich an zu verdriessen, dass ich an jenem Abend in den Kapelsteg eingebogen war, und ich sah ein, dass man niemals den anständigen Weg verlassen muss. Natürlich hätte er mich um Geld gefragt und hätte von seinem Paket gesprochen. Ich hätte ihm vielleicht etwas gegeben, und wenn er mir dann am folgenden Tag die Masse Schreiberei zugeschickt hätte, so wäre es mein rechtliches Eigentum gewesen. Ich hätte dann den Weizen von der Spreu scheiden können, ich hätte die Nummern zurückbehalten, die ich für mein Buch nötig hatte, und den Rest verbrannt oder in den Papierkorb geworfen, was ich nun nicht thun kann. Denn wenn er zurückkäme, müsste ich es abliefern, und wenn er sähe, dass ich an ein paar Stücken von seiner Hand Interesse zeigte, würde er sicher zu viel dafür fordern. Nichts giebt dem Verkäufer mehr Übergewicht, als die Entdeckung, dass dem Käufer an seiner Ware gelegen ist. So eine Position wird denn auch von einem Kaufmann, der sein Fach versteht, so viel wie möglich vermieden.

Ein anderer Gedanke--ich sprach schon davon--der beweisen möge, wie empfänglich für menschenfreundliche Anwandlungen einen das Besuchen der Börse lassen kann, war dieser: Bastians--das ist der dritte Schreiber, der so alt und stümperig wird--war die letzte Zeit von den dreissig Tagen sicher keine fünfundzwanzig auf dem Kontor gewesen, und wenn er ins Kontor kommt, macht er seine Arbeit oft noch schlecht. Als ehrlicher Mann bin ich der Firma gegenüber--Last & Co., seit die Meyers raus sind--verpflichtet, dafür zu sorgen, dass jeder seine Arbeit thut, und ich darf nicht aus verkehrt angewendetem Mitleid oder aus Überempfindlichkeit das Geld der Firma wegwerfen. So ist mein Grundsatz. Ich gebe lieber dem Bastians aus meiner eigenen Tasche ein Dreiguldenstück, als dass ich fortfahre, ihm die siebenhundert Gulden auszuzahlen, die er nicht mehr verdient. Ich habe ausgerechnet, dass der Mann seit vierunddreissig Jahren an Einkommen--sowohl von Last & Co., wie von Last & Meyer, aber die Meyers sind raus--die Summe von beinah fünfzehntausend Gulden genossen hat, und das ist für einen Mann von seinem Stande ein anständiges Sümmchen. Es giebt wenige unter den kleinen Bürgersleuten, die so viel besitzen. Recht zu klagen hat er also nicht. Ich bin auf diese Berechnung gekommen durch Shawlmanns Stück über die Multiplikation.

Dieser Shawlmann schreibt eine gute Hand, dachte ich. Überdies, er sah ärmlich aus und wusste nicht, wie spät es war ... wie wär's, dachte ich, wenn ich ihm die Stelle von Bastians gäbe? In diesem Falle würde ich ihm sagen, dass er mich »M'nheer« nennen müsse, aber er würde wohl selbst schon dahinterkommen, denn es geht doch nicht, dass ein Angestellter seinen Prinzipal bei Namen anredet, und ihm wäre vielleicht fürs Leben geholfen. Er könnte mit vier- oder fünfhundert Gulden anfangen--unser Bastians hat auch lange gearbeitet, bis er zu siebenhundert aufstieg--und ich hätte eine gute That gethan. Ja, mit dreihundert Gulden würde er wohl beginnen können, denn da er niemals vorher in einem Geschäft Stellung hatte, kann er wohl die ersten Jahre als Lehrzeit betrachten, was nur billig wäre, denn er kann sich nicht in einen Rang stellen mit Menschen, die viel gearbeitet haben. Ich bin überzeugt, dass er mit zweihundert Gulden zufrieden sein würde. Aber ich hatte noch keine Garantien wegen seines Betragens ... er hatte einen Shawl um. Und zudem, ich wusste nicht, wo er wohnte.

Ein paar Tage darauf waren der junge Stern und Fritz zusammen im »Wappen von Bern« auf einer Bücherauktion gewesen. Fritz hatte ich verboten, etwas zu kaufen, doch Stern, der reichlich Taschengeld hat, kam mit einigen Schmökern nach Haus. Das ist seine Sache. Doch sieh, da erzählte Fritz, dass er Shawlmann gesehen hätte, der bei dem Verschleiss angestellt schien. Er hätte die Bücher aus den Schränken genommen und sie auf dem langen Tisch dem Auktionator zugeschoben. Fritz sagte, dass er sehr bleich aussah, und dass ein Herr, der da die Aufsicht zu haben schien, ihn ausgezankt hätte, weil er ein paar Jahrgänge von der »Aglaja« hatte fallen lassen, was ich denn auch sehr ungeschickt finde, denn das ist eine allerliebste Sammlung von Damenhandarbeiten. Marie hält sie zusammen mit den Rosemeyers, die in Zucker machen. Sie macht Knüpfarbeit daraus ... aus der »Aglaja«, meine ich. Aber unter dem Zanken hatte Fritz gehört, dass er fünfzehn Stüber den Tag verdiente. »Denken Sie, dass ich Lust habe, fünfzehn Stüber täglich für Sie aus'm Fenster zu schmeissen?« hatte der Herr gesagt. Ich rechnete aus, dass fünfzehn Stüber täglich--ich denke, dass die Sonn- und Festtage nicht mitzählen, sonst hätte er ein Monats- oder Jahresgehalt genannt--zweihundertfünfundzwanzig Gulden im Jahr ausmachen. Ich bin schnell in meinen Entschlüssen--wenn man so lange Geschäftsmann ist, weiss man immer sofort, was man zu thun hat--und am andern Morgen früh war ich bei Gaafzuiger. So heisst der Buchhändler, der die Auktion veranstaltet hatte. Ich fragte nach dem Mann, der die »Aglaja« hätte fallen lassen.

--Der hat seinen Laufpass, sagte Gaafzuiger. Er war faul, dünkelhaft und kränklich.

Ich kaufte ein Schächtelchen Oblaten und beschloss sogleich, es mit unserm Bastians noch mal anzusehen. Ich konnte es nicht übers Herz bringen, einen alten Mann so auf die Strasse zu setzen. Strenge, doch, wo es sein kann, milde und gütig, das ist immer mein Grundsatz gewesen. Ich versäume aber niemals, mich über etwas zu unterrichten, was dem Geschäfte zugute kommen kann, und darum fragte ich Gaafzuiger, wo der Shawlmann wohnte. Er gab mir die Adresse, und ich schrieb sie auf.

Ich dachte andauernd über mein Buch nach, doch da ich auf Wahrheit sehe, muss ich geradeaus sagen, dass ich nicht wusste, was ich da anzufangen hatte. Ein Ding steht fest: die Baustoffe, die ich in Shawlmanns Paket gefunden hatte, hatten grosses Interesse für die Makler in Kaffee. Die Frage war nur, wie ich handeln musste, um diese Baustoffe gehörig auszuwählen und aneinanderzureihen. Jeder Makler weiss, von welchem Gewicht eine gute Sortierung der einzelnen Ballen ist.

Doch schreiben--ausgenommen die Korrespondenz mit den Geschäftshäusern--liegt so gar nicht in meinem Beruf; und doch fühlte ich, dass ich schreiben müsste, denn vielleicht hängt die Zukunft der ganzen Branche davon ab. Die Angaben, die ich in dem Paket von Shawlmann fand, sind nicht von einer Art, dass Last & Co. den Nutzen davon für sich allein behalten könnten. Wenn dies so wäre, so würde ich mir nicht, das begreift jeder, die Mühe machen, ein Buch drucken zu lassen, das Busselinck & Waterman auch in die Hände kriegen, denn wer einem Konkurrenten auf die Beine hilft, kann seine fünf Sinne nicht haben. Das ist ein fester Grundsatz bei mir. Nein, ich sah ein, dass eine Gefahr droht, dass der ganze Kaffeemarkt zu Grunde gehen würde, eine Gefahr, welche nur durch die vereinten Kräfte aller Makler abgewehrt werden kann; ja, es ist möglich, dass diese Kräfte dazu nicht einmal ausreichend sind und dass auch die Zuckerraffinadeure--Fritz sagt: »raffineure«, aber ich schreibe »nadeure«; das thun die Rosemeyers auch, und die machen in Zucker. Ich weiss wohl, dass man sagt: raffinierter Schelm und nicht: raffinadierter Schelm, aber das kommt daher, dass jeder, der mit Schelmen zu thun hat, sich so schnell wie möglich von der Sache drückt--dass dann auch die Raffinadeure und die Händler in Indigo dabei nötig sein werden.