Chapter 26
Diese Bitte, die Schuldigen nicht in Schutz zu nehmen, empfing der Resident unterwegs. Eine Stunde nach seiner Ankunft stattete er dem Regenten einen kurzen Besuch ab und fragte bei dieser Gelegenheit: was er gegen den Assistent-Residenten vorbringen könne? und dann: ob er, der Adhipatti, Geld nötig habe? Auf die erste Frage antwortete der Regent: »Nichts, das kann ich beschwören!« Auf die zweite antwortete er zustimmend, worauf der Resident ihm ein paar Banknoten gab, die er--für den vorkommenden Fall mitgebracht!--aus seiner Westentasche zog. Man wird verstehen, dass dies gänzlich ohne Wissen Havelaars vor sich ging, und bald werden wir erfahren, wie diese schändliche Handlungsweise ihm bekannt wurde.
Als der Resident Slymering bei Havelaar abstieg, war er bleicher als gewöhnlich, und seine Worte standen weiter voneinander denn je. Es war denn auch keine geringe Sache für jemanden, der sich so auszeichnete durch 'Schippern' und jährliche Ruheberichte, so plötzlich Briefe zu empfangen, worin sich weder eine Spur fand vom gebräuchlichen offiziellen Optimismus, noch von künstlicher Verdrehung der Sache, noch von einiger Furcht vor der Unzufriedenheit der Regierung über die »Belästigung« mit ungünstigen Berichten. Der Resident von Bantam war erschrocken, und wenn man mir das unedle Bild um seiner Korrektheit willen verzeihen will, habe ich Lust, ihn mit einem Gassenjungen zu vergleichen, der sich über Verletzung urgrossväterlicher Gewohnheiten beklagt, weil ein excentrischer Kamerad ihn ohne voraufgehende Schimpfworte geschlagen hat.
Er begann damit, den Kontrolleur zu fragen, warum er nicht versucht habe, Havelaar von seiner Anklage zurückzuhalten. Der arme Verbrugge, dem die ganze Anklage unbekannt war, gab dies an, fand aber keinen Glauben. Der Herr Slymering konnte das Eine nicht begreifen, wie jemand ganz allein, auf eigene Verantwortung und ohne in die Länge gezogene Erwägungen oder 'Rücksprachen' zu so unerhörter Pflichterfüllung hatte übergehen können. Da gleichwohl Verbrugge--vollkommen wahrheitsgemäss--dabei blieb, dass er keine Wissenschaft von den Briefen besitze, die Havelaar geschrieben hatte, so musste der Resident nach vielen Ausrufen voll ungläubiger Verwunderung endlich sich darein finden, und er ging--ich weiss nicht, warum--dazu über, diese Briefe zu verlesen.
Was Verbrugge beim Anhören derselben litt, ist schwer zu beschreiben. Er war ein ehrlicher Mann und würde sicher nicht gelogen haben, wenn Havelaar sich auf ihn berufen hätte, um die Wahrheit des Inhalts der Briefe festzustellen. Aber auch abgesehen von dieser Ehrlichkeit, er hatte in vielen schriftlichen Rapporten nicht immer vermeiden können, die Wahrheit zu sagen, auch hin und wieder da, wo sie gefährlich war. Was würde es geben, wenn Havelaar davon Gebrauch machte?
Nach dem Verlesen der Briefe erklärte der Resident, es würde ihm angenehm sein, wenn Havelaar diese Schriftstücke zurücknähme, um sie als nicht geschrieben betrachten zu können, was dieser mit höflicher Bestimmtheit von sich wies. Nachdem er vergebens versucht hatte, ihn hierzu zu bewegen, sagte der Resident, dass ihm dann nichts anderes übrig bliebe, als eine Untersuchung über die Begründetheit der erhobenen Klagen anzustellen, und dass er also Havelaar ersuchen müsste, die Zeugen aufrufen zu lassen, die seinen Beschuldigungen Halt geben könnten.
Ihr armen Leute, die ihr euch verwundet hattet an den Dornsträuchen in dem Ravijn, wie angstvoll würden eure Herzen geklopft haben, wenn ihr von diesem Verlangen hättet hören können!
Armer Verbrugge, du, erster Zeuge, Hauptzeuge, Zeuge ex officio, Zeuge kraft Amtes und Eides! Zeuge, der du schon Zeugnis abgelegt hattest durch schriftlichen Bericht! Durch schriftlichen Bericht, der dalag, auf dem Tisch, unter Havelaars Hand ...
Havelaar antwortete:
»Resident, ich bin Assistent-Resident von Lebak, ich habe gelobt, die Bevölkerung zu schirmen gegen Erpressung und Gewaltthat, ich klage den Regenten an und seinen Schwiegersohn zu Parang-Kudjang, ich werde die Begründetheit meiner Anklage beweisen, sobald mir dazu die Gelegenheit gegeben wird, die ich in meinen Briefen erbat, ich bin schuldig der Verleumdung, wenn meine Beschuldigung falsch ist!«
Wie Verbrugge aufatmete!
Und wie sonderbar der Resident Havelaars Worte fand!
Die Unterhaltung dauerte lange. Mit Höflichkeit--denn höflich und wohlerzogen war der Herr Slymering--suchte er Havelaar zu bewegen, von so verkehrten Grundsätzen abzulassen. Doch mit ebenso grosser Höflichkeit blieb dieser unerschütterlich. Das Ende war, dass der Resident sich darin fügen musste, und als Bedrohung sagte, was für Havelaar ein Triumph war: dass er sich dann genötigt sähe, die fraglichen Briefe der Regierung zu unterbreiten.
Die Sitzung wurde aufgehoben. Der Resident besuchte den Adhipatti--wir sahen schon, was er da zu verrichten hatte!--und nahm darauf das Mittagmahl an dem dürftigen Tische der Havelaars ein. Gleich darauf kehrte er nach Serang zurück, mit grosser Eile: Weil. Er. So. Besonders. Drängend. Zu thun. Habe.
Am folgenden Tage empfing Havelaar vom Residenten von Bantam einen Brief, dessen Inhalt ersichtlich wird aus der Antwort, die ich hier abschreibe:
»No. 93. Rangkas-Betung, den 28. Februar 1856. Geheim.
Ich habe die Ehre gehabt, Ihre Eilmissive vom 26. dieses, La O, geheim, zu empfangen, in der Hauptsache Mitteilung enthaltend:
dass Sie Gründe hätten, nicht den Vorschlägen Gewähr zu geben, die ich in meinen Amtsschreiben vom 24. und 25. dieses, No. 88 und 91, machte;
dass Sie vorher vertrauliche Mitteilung gewünscht hätten;
dass Sie meine Handlungen, wie sie in den beiden Briefen umschrieben sind, nicht billigten;
und zum Schluss einige Befehle.
Ich habe nun die Ehre, wie es bereits in der vorgestrigen Konferenz mündlich geschah, nochmals und zum Überfluss zu versichern:
dass ich vollkommen die Legitimität Ihrer Autorität respektiere, wo es sich um die Wahl handelt, meinen Vorschlägen Gewähr zu geben oder nicht;
dass den empfangenen Befehlen mit Genauigkeit und nötigenfalls mit Selbstverleugnung nachgekommen werden wird, als wären Sie zugegen bei allem, was ich thue und sage, oder genauer: bei allem, was ich nicht thue und nicht sage.
Ich weiss, dass Sie auf meine Loyalität bezüglich dessen vertrauen.
Doch ich erlaube mir die Freiheit, auf das feierlichste zu protestieren gegen den geringsten Schein von Missbilligung bezüglich einer einzigen Handlung, eines einzigen Wortes, eines einzigen Satzes, von mir in dieser Angelegenheit verrichtet, gesprochen oder geschrieben.
Ich habe die Überzeugung, dass ich meine Pflicht gethan habe, sowohl was die Absicht, als auch was die Art der Ausführung angeht, vollkommen meine Pflicht, nichts als meine Pflicht ohne die mindeste Abweichung.
Lange hatte ich nachgedacht, bevor ich handelte--das heisst: bevor ich »untersuchte, rapportierte und Vorschläge machte«--und wenn ich in etwas auch nur im geringsten gefehlt haben sollte ... aus Übereilung fehlte ich nicht.
In gleichen Umständen würde ich wiederum ... etwas schneller jedoch ... ganz, buchstäblich ganz dasselbe thun und lassen.
Und wäre es selbst, dass eine höhere Macht denn die Ihre etwas missbilligte von dem, was ich that--ausgenommen vielleicht die Eigenart meines Stils, die einen Teil meiner selbst ausmacht, ein Gebrechen, für das ich so wenig verantwortlich bin, wie ein Stotterer für das seine--wäre es das immerhin ... doch nein, dies kann es nicht sein, aber wäre es auch so: ich habe meine Pflicht gethan!
Gewiss thut es mir--gleichwohl ohne befremdet zu sein--leid, dass Sie hierüber anders urteilen--und was mich selbst angeht, ich würde mich sogleich dabei beruhigen, dass eine Verkennung meiner Person stattfand--doch es ist ein Prinzip in Frage, und ich habe Gewissensgründe, die es fordern, dass festgestellt werde, welche Meinung richtig ist, die Ihre oder die meine.
Anders dienen, als ich zu Lebak diente, kann ich nicht. Wünscht also das Gouvernement anders bedient zu werden, dann muss ich als ehrlicher Mann ehrerbietig darum ersuchen, dass man mich verabschiede. Dann muss ich in einem Alter von sechsunddreissig Jahren danach streben, aufs neue eine Laufbahn mir zu erkämpfen. Dann muss ich--nach siebenzehn Jahren, nach siebenzehn schweren, mühevollen Dienstjahren, nachdem ich meine besten Lebenskräfte dem zum Opfer gebracht habe, was ich für meine Pflicht hielt--aufs neue die Gesellschaft fragen, ob sie mir Brot geben will für Frau und Kind, Brot in Tausch für meine Gedanken, Brot vielleicht in Tausch für Arbeit mit Schubkarren oder Spaten, wenn der Kraft meines Arms mehr Wert zuerkannt wird als der Kraft meiner Seele.
Doch ich kann und will nicht glauben, dass Ihre Meinung von Seiner Excellenz dem Generalgouverneur geteilt wird, und ich bin also verpflichtet, ehe ich übergehe zu dem Bittersten und Äussersten, das ich in dem vorhergehenden Absatz niederschrieb, Sie ehrerbietig zu ersuchen, dem Gouvernement vorzustellen:
es möge dem Residenten von Bantam Befehl geben, dass er annoch die Handlungen des Assistent-Residenten, wie sie in dessen Missives vom 24. und 25. dieses, No. 88 und 91, umschrieben sind, gutheisse.
Oder aber:
es möge genannten Assistent-Residenten zur Verantwortung aufrufen gegen die vom Residenten von Bantam zu formulierenden Punkte der Missbilligung.
Ich habe die Ehre, Ihnen zum Schluss die dankbare Versicherung zu geben, dass, wenn etwas mich abbringen könnte von meinen lang durchdachten und ruhig, doch ebenso mit Leidenschaft verfolgten Prinzipien in dieser Frage ... wahrlich, es würde dies nur der rücksichtsvollen, einnehmenden Weise gelungen sein, in der Sie in der Konferenz von ehegestern diese Prinzipien bekämpft haben.
Der Assistent-Resident von Lebak,
Max Havelaar.
Ohne ein Urteil auszusprechen über den guten Grund des Argwohns der Witwe Slotering, die Ursache betreffend, die ihre Kinder zu Waisen machte, und indem ich allein annehme, was beweisbar ist, dass nämlich in Lebak eine enge Beziehung besteht zwischen Pflichterfüllung und Gift--mochte auch immer diese Beziehung nur in bestimmter Leute Meinung bestehen--so wird doch jeder einsehen, dass Max und Tine kummervolle Tage nach des Residenten Besuch zu durchleben hatten. Ich glaube, ich habe nicht nötig, die Angst einer Mutter zu schildern, die, wenn sie ihrem Kinde Nahrung reicht, sich stets die Frage vorlegen muss, ob sie vielleicht ihren Liebling ermorde? Ach, war er doch ein »abgebetetes Kind«, der kleine Max, der sieben Jahre nach der Verehelichung ausgeblieben war, als hätte der Schalk gewusst, dass es keinen Vorteil bedeute, als Sohn von solchen Eltern zur Welt zu kommen!
Neunundzwanzig lange Tage hatte Havelaar zu warten, ehe der Generalgouverneur ihm mitteilte ... doch wir sind so weit noch nicht.
Kurz nach des Residenten vergeblichen Versuchen, Havelaar zur Einziehung seiner Briefe zu bewegen, oder zum Verrat der armen Leute, die auf seine Grossmut vertraut hatten, trat Verbrugge einmal bei ihm ein. Der brave Mann war totenbleich und konnte nur mit Mühe sprechen.
--Ich bin beim Regenten gewesen, sagte er ... das ist infam ... doch verraten Sie mich nicht.
--Was? Was soll ich nicht verraten?
--Geben Sie mir Ihr Wort, keinen Gebrauch machen zu wollen von dem, was ich Ihnen jetzt sagen werde?
--Wieder Halbheit, sagte Havelaar. Doch ... gut! Ich gebe mein Wort.
Und darauf erzählte Verbrugge, was dem Leser bereits bekannt ist, dass nämlich der Resident an den Adhipatti die Frage gestellt hatte, ob er gegen Havelaar etwas vorzubringen wüsste, und dass er ihm gleichzeitig ganz unerwartet Geld angeboten und ihm auch gegeben hatte. Verbrugge wusste es von dem Regenten selbst, der ihn fragte, welche Gründe den Residenten hierzu veranlasst haben könnten. Havelaar war entrüstet, allein ... er hatte sein Wort gegeben.
Am folgenden Tage kam Verbrugge wieder und sagte, dass Duclari ihm vorgehalten, wie unedel es war, Havelaar, der mit solchen Gegnern zu kämpfen hätte, so ganz allein zu lassen, worauf er nun komme, ihn von seinem gegebenen Wort zu entbinden.
--Gut, rief Havelaar, schreiben Sie das auf!
Verbrugge schrieb es auf. Auch diese Erklärung liegt vor mir.
Der Leser hat gewiss schon längst eingesehen, warum ich so leicht allen Ansprüchen auf juridische Echtheit der Geschichte Saïdjahs entsagen konnte.
Es war recht bemerkenswert, wie der furchtsame Verbrugge--vor Duclaris Mahnung--auf Havelaars Wort ohne weiteres baute, und doch in einer Sache, die zum Wortbruch so stark nötigte!
Und noch etwas. Es sind seit den Geschehnissen, die ich erzähle, Jahre dahingegangen. Havelaar hat in dieser Zeit schwer gelitten, er hat seine Familie leiden sehen--die Schriftstücke, die vor mir liegen, zeugen davon!--und es scheint, dass er auf etwas wartete ... nun, ich teile hier, nach dem Original von seiner Hand, folgende Aufzeichnung mit:
»Ich habe in den Zeitungen gelesen, dass der Herr Slymering zum Ritter des Niederländischen Löwen ernannt ist. Er scheint jetzt Resident von Djokjakarta zu sein. Ich würde also nun ohne Gefahr für Verbrugge auf die Lebakschen Angelegenheiten zurückkommen können.«
ZWANZIGSTES KAPITEL.
Es war Abend. Tine sass lesend in der Binnengalerie, und Havelaar zeichnete ein Stickmuster. Der kleine Max zauberte ein 'Legebild' ineinander und wurde ganz erregt, dass er »den roten Leib von der Frau« nicht finden konnte.
--Wird es nun so gut sein, Tine? fragte Havelaar. Sieh, ich habe die Palme etwas grösser gemacht ... es ist nun die leibhaftige 'line of beauty' von Hogarth, nicht wahr?
--Ja, Max! Aber die Schnürlöcher stehen zu dicht aneinander.
--So? Wie sind sie denn bei dem andern Besatz? Max, lass mich deine Hose mal sehen! Ei, hast du den Besatz dran? Ach, ich weiss noch, wo du das gestickt hast, Tine!
--Ich nicht. Wo denn?
--Es war im Haag, wie Max krank war und wir so erschreckt waren, weil der Doktor sagte, dass er einen so ungewöhnlich geformten Kopf hätte, und dass sehr viel Sorgfalt nötig wäre, um Andrang nach dem Gehirn zu verhüten. Gerade in den Tagen arbeitetest du an dieser Stickerei.
Tine stand auf und küsste den Kleinen.
--Ich hab' ihren Bauch, ich hab' ihren Bauch! rief das Kind fröhlich, und die rote Frau war komplett.
--Wer hört da einen Tontong schlagen? fragte die Mutter.
--Ich, sagte der kleine Max.
--Und was bedeutet das?
--Schlafengehen! Aber ... ich hab' noch nicht gegessen.
--Erst kriegst du zu essen, das versteht sich.
Und sie stand auf und gab ihm sein einfaches Mahl, das sie aus einem gut verschlossenen Behälter in ihrem Zimmer geholt zu haben schien, denn man hatte das Schnappen von vielen Schlössern gehört.
--Was giebst du ihm da? fragte Havelaar.
--O, sei ruhig, Max: es ist Zwieback aus einer Blechdose von Batavia! Und auch der Zucker ist immer unter Verschluss gewesen.
Havelaars Gedanken wendeten sich wieder dem Punkte zu, wo sie abgebrochen waren.
--Weisst du auch, dass wir dem Doktor von damals die Rechnung noch nicht bezahlt haben? O, das ist sehr hart!
--Lieber Max, wir leben hier so sparsam, bald werden wir alles abthun können! Überdies, du wirst gewiss bald Resident werden, und dann ist alles binnen kurzer Zeit geregelt.
--Das ist nun gerade eine Sache, die mir Kummer macht, sagte Havelaar. Ich würde so sehr ungern Lebak verlassen ... das will ich dir erklären. Meinst du nicht, dass wir nach seiner Krankheit noch mehr von unserm Max hielten? Nun, so werde ich auch das arme Lebak lieben nach der Genesung von dem Krebs, woran es seit so vielen Jahren leidet. Der Gedanke an Beförderung lässt mich erschrecken: man kann mich hier nicht entbehren, Tine! Und doch, andererseits, wenn ich wieder bedenke, dass wir Schulden haben ...
--Alles wird schon gut gehen, Max! Müsstest du jetzt auch fort von hier, dann kannst du Lebak später helfen, wenn du Generalgouverneur bist.
Da kamen wüste Streifen in Havelaars Stickmuster! Es war Zorn in dieser Blume, die Schnürlöcher wurden eckig, scharf, sie bissen einander ...
Tine begriff, dass sie etwas Ungehöriges gesagt hatte.
--Lieber Max ... begann sie freundlich.
--Verflucht! Willst du die armen Teufel so lange hungern lassen? Kannst du leben von Sand?
--Lieber Max!
Doch er sprang auf. Es wurde nicht mehr gezeichnet den Abend. Er ging zornig auf und nieder in der Binnengalerie, und endlich sagte er in einem Tone, der jedem Fremden rauh und hart geklungen haben würde, doch von Tine ganz anders aufgenommen wurde:
--Verflucht, diese Lauheit, diese schändliche Lauheit! Da sitze ich nun schon einen Monat und warte auf Recht, und inzwischen muss das arme Volk furchtbar leiden. Der Regent scheint darauf zu rechnen, dass niemand etwas gegen ihn wagt! Sieh ...
Er ging in sein Bureau und kam zurück mit einem Brief in der Hand, einem Brief, der vor mir liegt, Leser!
--Sieh, in diesem Briefe untersteht er sich, mir mit Vorschlägen zu kommen über die Art von Arbeit, die er verrichten lassen will von den Menschen, die er ungesetzlich aufgerufen hat. Ist das nicht die Unverschämtheit zu weit getrieben? Und weisst du, was für Leute das sind? Es sind Frauen mit kleinen Kindern, mit Säuglingen, schwangere Frauen, die von Parang-Kudjang nach dem Hauptplatze getrieben sind, um für ihn zu arbeiten! Männer sind nicht mehr da! Und sie haben nichts zu essen, und sie schlafen am Wege, und sie essen Sand! Kannst du Sand essen? Sollen sie Sand essen, bis ich Generalgouverneur bin? Verflucht!
Tine wusste sehr gut, auf wen Max eigentlich böse war, wenn er so sprach mit ihr, die er so lieb hatte.
--Und, fuhr Havelaar fort, das fällt alles meiner Verantwortung zur Last! Wenn in diesem Augenblick da draussen welche von den armen Wesen umherirren ... wenn sie den Schein sehen von unsern Lampen, so werden sie sagen: »da wohnt der Elende, der uns beschützen sollte, da sitzt er ruhig bei Frau und Kind und zeichnet Stickmuster, und wir liegen hier wie Buschhunde auf dem Wege, um zu verhungern mit Frau und Kindern!« Ja, ich hör' es wohl, ich hör' es wohl das Rufen nach Rache über mein Haupt! Komm her, Max, komm her!
Und er küsste sein Kind mit einer Wildheit, die es erschreckte.
--Mein Kind, wenn man dir sagen wird, dass ich ein Elender sei, der nicht den Mut hatte, Recht zu schaffen ... dass so viele Mütter gestorben seien durch meine Schuld ... wenn man dir sagen wird, dass das Zögern deines Vaters dir den Segen vom Haupt stahl ... o Max, o Max, zeuge du dann davon, was ich litt!
Und er brach in Thränen aus, die Tine abküsste. Sie brachte darauf den kleinen Max in sein Bettchen--eine Strohmatte--und als sie zurückkam, fand sie Havelaar im Gespräch mit Verbrugge und Duclari, die soeben eingetreten waren. Das Gespräch drehte sich um die erwartete Entscheidung von der Regierung.
--Ich begreife sehr gut, dass der Resident sich in einer schwierigen Situation befindet, sagte Duclari. Er kann dem Gouvernement nicht empfehlen, Ihren Vorstellungen Folge zu geben, denn dann würde zu viel an den Tag kommen. Ich bin schon lange im Bantamschen und weiss viel hiervon, mehr noch als Sie selbst, M'nheer Havelaar! Ich war schon als Unteroffizier in dieser Gegend, und dann erfährt man von Dingen, die der Inländer nicht so leicht den Beamten zu sagen wagt. Doch wenn nun nach einer öffentlichen Untersuchung das alles an den Tag kommt, wird der Generalgouverneur den Residenten zur Verantwortung rufen und von ihm Erklärung darüber fordern, wie es kommt, dass er in zwei Jahren nicht entdeckt hat, was Ihnen sofort ins Auge fiel. Er muss also natürlich einer derartigen Untersuchung zuvorzukommen suchen ...
--Das habe ich eingesehen, antwortete Havelaar, und, aufmerksam geworden durch seinen Versuch, den Adhipatti zu bewegen, etwas gegen mich geltend zu machen--was ein Zeichen scheint, dass er versuchen möchte, die Frage zu verdrehen, indem er z. B. mich beschuldigt des ... was weiss ich, welchen Vergehens--ich habe mich also hiergegen gedeckt, indem ich Abschriften von meinen Briefen direkt an die Regierung sandte. In einem derselben ist das Ersuchen enthalten, man möge mich zur Verantwortung rufen, wenn vielleicht vorgegeben werden möchte, dass ich in etwas mich vergangen hätte. Wenn nun der Resident mich antastet, kann darauf nach herkömmlicher Billigkeit kein Beschluss erfolgen, ohne dass man mich zuvor hört. Das ist man selbst einem Verbrecher schuldig, und da ich nichts verbrochen habe ...
--Da kommt die Post! rief Verbrugge.
Ja, es war die Post! Die Post, die nachfolgenden Brief brachte, einen Brief des Generalgouverneurs von Niederländisch-Indien an den gewesenen Assistent-Residenten von Lebak, Havelaar:
»Kabinett. Buitenzorg, den 23. März 1856.
No. 54.
Die Art und Weise, wie von Ihnen bei der Entdeckung oder Vermutung von üblen Praktiken der Häupter in der Abteilung von Lebak zu Werke gegangen ist, und die Haltung, die Sie dabei gegenüber Ihrem Chef, dem Residenten von Bantam, annahmen, haben in hohem Masse meine Unzufriedenheit erregt.
In Ihren diesbezüglichen Handlungen werden ebensosehr massvolle Überlegung, Einsicht und Vorsicht vermisst, die so sehr erforderlich sind bei einem mit Ausübung der Autorität in den Binnenlanden bekleideten (sic) Beamten, als auch der rechte Begriff von Subordination unter Ihren unmittelbaren Vorgesetzten.
Bereits wenige Tage nach Ihrem Amtsantritt haben Sie beliebt, ohne voraufgehende Beratschlagung des (sic) Residenten das Haupt der Inländischen Verwaltung in Lebak zur Zielscheibe ihm beschwerlicher Untersuchungen zu machen.
In diesen Untersuchungen haben Sie, ohne selbst Ihre Beschuldigungen gegen dieses Haupt durch Thatsachen, viel weniger noch durch Beweise zu stützen, Veranlassung gefunden, Vorschläge einzubringen, die darauf hinzielten, einen Inländischen Beamten von der Bedeutung eines Regenten von Lebak, einen sechzigjährigen, doch noch eifrigen Landesdiener, der benachbarten, angesehenen Regentengeschlechtern verschwägert ist und über den stets günstige Zeugnisse ausgefertigt wurden, einer ihn moralisch völlig vernichtenden Behandlung zu unterwerfen.
Darüber hinaus haben Sie, als der Resident sich nicht geneigt zeigte, Ihren Vorschlägen sogleich Folge zu geben, sich geweigert, dem billigen Verlangen Ihres Chefs zu entsprechen, unumwundene Erklärungen bezüglich dessen abzugeben, was Ihnen in Bezug auf die Handlungen der Inländischen Verwaltung bekannt war.
Solche Handlungen verdienen alle Missbilligung und lassen sehr leicht auf Untauglichkeit für die Bekleidung eines Amtes bei der Binnenländischen Verwaltung schliessen.
Ich habe mich verpflichtet gesehen, Sie der ferneren Erfüllung des Amtes eines Assistent-Residenten von Lebak zu entheben.
Gleichwohl habe ich in Ansehung früher empfangener günstiger Rapporte über Sie in dem Vorgefallenen keinen Grund finden wollen, Ihnen die Aussicht auf eine Wiederplacierung bei der Binnenländischen Verwaltung zu benehmen. Ich habe Sie daher vorläufig mit der Wahrnehmung des Amtes eines Assistent-Residenten von Ngawi betraut.
Es wird ganz von Ihren ferneren Handlungen in diesem Amte abhängen, ob Sie bei der Binnenländischen Verwaltung werden angestellt bleiben können.«
Und darunter stand der Name des Mannes, auf dessen »Eifer, Tüchtigkeit und gute Treue« der König sich verlassen zu können vorgab, als er desselben Ernennung zum Generalgouverneur von Niederländisch-Indien unterzeichnete.
--Wir gehen von hier fort, beste Tine, sagte Havelaar gelassen, und er reichte den Kabinettsbrief Verbrugge, der das Schriftstück mit Duclari las.
Verbrugge hatte Thränen in den Augen, sprach aber nicht. Duclari, ein sehr gebildeter Mensch, brach in einen wilden Fluch aus: