Max Havelaar

Chapter 25

Chapter 253,685 wordsPublic domain

Dieser Shawlmann ist ein gemeiner Lump! Du musst wissen, Leser, dass Bastians wieder sehr oft nicht aufs Kontor kommt, weil er die Gicht hat. Da ich nun eine Gewissenssache aus dem Wegschmeissen der Kapitalien der Firma--Last & Co.--mache ... denn in Grundsätzen bin ich unerschütterlich ... kam ich vorgestern auf den Gedanken, dass Shawlmann doch eine leidlich gute Hand schreibe, und da er so power aussieht und also für mässigen Lohn wohl zu kriegen wäre, drängte es sich mir auf, dass ich der Firma verpflichtet sei, auf die wohlfeilste Art für den Ersatz Bastians zu sorgen. Ich ging also nach der Langen-Leydener-Querstrasse. Die Frau von dem Laden war vorn, schien mich jedoch nicht wiederzuerkennen, obschon ich ihr unlängst recht deutlich gesagt hatte, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler in Kaffee, von der Lauriergracht. Es berührt immer beleidigend, wenn man nicht wiedererkannt wird, doch da es jetzt weniger kalt ist und ich das vorige Mal mein Pelzwerk anhatte, schreibe ich es dem zu und ziehe es mir nicht an ... die Beleidigung, meine ich. Ich sagte also noch einmal, dass ich M'nheer Droogstoppel sei, Makler in Kaffee, von der Lauriergracht, und ersuchte sie, doch nachzusehen, ob der Shawlmann zu Hause wäre, weil ich nicht wieder wie unlängst mit seiner Frau zu thun haben wollte, die stets unzufrieden ist. Doch das Trödelweib weigerte sich, nach oben zu gehen. »Sie könnte nicht den ganzen Tag Treppen klettern für das Bettelvolk, sagte sie, ich sollte nur selbst nachsehen.« Und darauf folgte wieder eine Beschreibung der Treppen und Flure, die bei mir durchaus nicht nötig war, denn ich erkenne stets einen Ort wieder, wo ich einmal war, weil ich überall mein Auge habe. Das habe ich mir so bei den Geschäften angewöhnt. Ich kletterte also die Treppen hinauf und klopfte an die bekannte Thür, die von selbst wich. Ich trat ein, und da ich niemanden im Zimmer fand, sah ich mich mal um. Nun, viel zu sehen war da nicht. Es hing ein halbes Höschen mit gestickter Borde über einem Stuhl ... was brauchen solche Menschen gestickte Hosen zu tragen? In einer Ecke stand ein nicht sehr schwerer Reisekoffer, den ich in Gedanken beim Henkel erfasste, und auf dem Kaminsims lagen einige Bücher, die ich einsah. Eine wunderliche Sammlung! Ein paar Bände von Byron, Horaz, Bastiat, Béranger, und ... rat einmal? Eine Bibel, eine komplette Bibel, mit den apokryphen Büchern noch dazu! Das hatte ich bei Shawlmann nicht erwartet. Und es schien auch drin gelesen zu sein, denn ich fand viele Notizen auf losen Stücken Papier, die sich auf die SCHRIFT bezogen--er sagt, dass Eva zweimal zur Welt kam ... der Kerl ist verrückt--nun, alles war von derselben Hand wie die Manuskripte in dem verwünschten Paket. Vor allem schien er das Buch Hiob eifrig studiert zu haben, denn da klafften die Blätter. Ich denke, dass er die Hand des HERRN zu fühlen beginnt, und darum durch Lektüre in den Heiligen Büchern sich mit GOTT versöhnen will. Ich habe nichts dagegen. Doch wie ich so wartete, fiel mein Auge auf einen Nähkasten, der auf dem Tisch stand. Ohne Hintergedanken besah ich mir ihn. Es waren ein paar halbfertige Kinderstrümpfe darin und eine Anzahl alberner Verse. Auch ein Brief an Shawlmanns Frau, wie ich aus der Adresse ersah. Der Brief war geöffnet und sah aus, als wenn man ihn in Erregung zusammengeknutscht hätte. Nun habe ich den festen Grundsatz, niemals etwas zu lesen, was nicht an mich gerichtet ist, weil ich es nicht anständig finde. Ich thue es denn auch nie, wenn ich kein Interesse daran habe. Aber nun wurde mir eine Eingebung, dass es meine Pflicht wäre, mal Einsicht in diesen Brief zu nehmen, weil sein Inhalt mir vielleicht einen Fingerzeig gewährte bei der menschenfreundlichen Absicht, die mich zu Shawlmann führte. Ich dachte daran, wie doch der HERR allzeit den Seinen nah ist, da Er mir hier unerwartet die Gelegenheit gab, etwas mehr über diesen Mann zu erfahren, und mich also vor der Gefahr behütete, einer unsittlichen Person eine Wohlthat zu erweisen. Ich gebe genau acht auf solche Fingerzeige des HERRN, und das hat mir oftmals viel Nutzen im Geschäft gebracht. Zu meiner grossen Verwunderung sah ich, dass die Frau des Shawlmann aus sehr geachteter Familie war, wenigstens war der Brief von einem Blutsverwandten unterzeichnet, dessen Name angesehen ist in Niederland, und ich war in der That auch entzückt von dem schönen Inhalt dieses Schreibens. Es schien jemand zu sein, der eifrig für den HERRN arbeitet, denn er schrieb, »dass die Frau des Shawlmanns sich scheiden lassen müsse von solch einem Elenden, der sie Armut leiden liesse, der sein Brot nicht verdienen könne, der obendrein ein Schurke wäre, denn er hätte Schulden ... dass der Schreiber des Briefes um ihren Zustand bekümmert sei, wiewohl sie sich dieses Los durch eigene Schuld auf den Hals geladen hätte, indem sie den HERRN verliess und Shawlmann anhing ... dass sie zum HERRN zurückkehren müsse, und dass dann vielleicht die ganze Familie die Hände dazu verbinden würde, ihr Näharbeit zu verschaffen. Doch vor diesem allen müsse sie von dem Shawlmann lassen, der eine wahre Schande für die Familie bedeute«.

Kurz, selbst in der Kirche war nicht mehr Erbauung zu holen, als da in diesem Briefe stand.

Ich wusste genug und war dankbar, dass ich auf so wunderbare Weise gewarnt war. Ohne diese Warnung wäre ich sicher wieder das Schlachtopfer meines guten Herzens geworden. Ich beschloss also nochmals, Bastians nur zu behalten, bis ich einen passenderen Ersatzmann fände, denn ich setze nicht gern jemanden auf die Strasse, und wir können im Augenblick auch keinen von den Leuten entbehren, weil unser Geschäft so flott geht.

Der Leser wird gewiss neugierig sein, zu erfahren, wie ich es gemacht habe auf dem letzten Kränzchen, und ob ich das Triolett gefunden habe. Ich bin nicht auf dem Kränzchen gewesen. Es sind wundersame Dinge vorgefallen: ich bin nach Driebergen gewesen, mit meiner Frau und Marie. Mein Schwiegervater, der alte Last, der Sohn von dem ersten Last--als die Meyers noch drin waren, aber die sind nun lange raus--hatte schon so oft gesagt, dass er meine Frau und Marie mal sehen möchte. Nun war es ziemlich gutes Wetter, und meine Angst vor der Liebesgeschichte, mit der Stern gedroht hatte, brachte mir auf einmal diese Einladung wieder in Erinnerung. Ich sprach mit unserm Buchhalter darüber, der ein Mann von viel Erfahrung ist und mir nach gründlicher Beratung in Erwägung gab, meinen Plan zu beschlafen. Das nahm ich mir sofort vor, denn ich bin schnell in der Ausführung meiner Beschlüsse. Bereits den folgenden Tag sah ich ein, wie weise der Rat gewesen war, denn die Nacht hatte mich auf den Gedanken gebracht, dass ich nicht besser thun könnte, als den Entschluss bis Freitag hinauszuschieben. Kurzum, nachdem ich reiflich alles erwogen--es sprach viel dafür, aber auch viel dagegen--sind wir gegangen Sonnabend Mittag und sind Montag Morgen zurückgekehrt. Ich würde das ja alles nicht so ausführlich erzählen, wenn es nicht in enger Beziehung zu meinem Buche stände. Zum ersten liegt mir daran, dass ihr wisst, warum ich nicht protestiere gegen die Albernheiten, die Stern letzten Sonntag gewiss wieder ausgekramt hat.--Was ist das nur für eine Geschichte von einem Menschen, der noch was hören sollte, als er schon tot war? Marie sprach davon. Sie hatte es von den jungen Rosemeyers, die in Zucker machen.--Zum zweiten bin ich so ausführlich, weil ich wiederum aufs neue die sichere Überzeugung gewonnen habe, dass all diese Erzählungen über Elend und Unruhe in Ostindien ganz offenbare Lügen sind. Da sieht man wieder, wie das Reisen einem Gelegenheit giebt, recht auf den Grund der Dinge zu kommen.

Samstag Abend nämlich hatte mein Schwiegervater eine Einladung bei einem Herrn angenommen, der früher in Ostindien Resident war und nun auf einem grossen Landsitz wohnt. Da sind wir gewesen, und wahrlich, ich kann den liebenswürdigen Empfang nicht genug rühmen. Er hatte sein Fuhrwerk geschickt, um uns abzuholen, und der Kutscher hatte eine rote Weste an. Nun war es wohl noch etwas zu kalt, um den Landsitz zu besichtigen, der im Sommer prächtig sein muss, aber im Hause selbst blieb einem nichts zu wünschen übrig, denn es war von allem, was das Leben angenehm macht, vollauf da: ein Billardsaal, ein Bibliotheksaal, eine überdeckte eiserne Glasgalerie als Gewächshaus, und der Kakadu sass auf einem Ständer von Silber. Ich hatte niemals sowas gesehen und ersah sogleich wieder daraus, wie gutes Betragen doch immer belohnt wird. Der Mann hatte gehörig auf seine Sachen gepasst, denn er hatte wohl drei Orden. Er besass einen herrlichen Landsitz und obendrein noch ein Haus in Amsterdam. Beim Souper war alles getrüffelt, und auch die Dienerschaft, die uns servierte, hatte rote Westen an, gerade wie der Kutscher.

Da mich indische Angelegenheiten sehr interessieren--wegen des Kaffees--brachte ich das Gespräch darauf, und sah sehr bald, woran ich mich zu halten hatte. Der Resident hat mir gesagt, dass er's im Osten immer sehr gut gehabt hat, und dass also kein wahres Wort ist an all den Erzählungen über die Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Ich brachte das Gespräch auf Shawlmann. Er kannte ihn, und zwar von einer sehr ungünstigen Seite. Er versicherte mir, dass man sehr recht daran that, den Mann wegzujagen, denn er war eine sehr unzufriedene Person, die stets an allem was auszusetzen hatte, während überdies sehr über sein eigenes Betragen Klage zu führen war. Er entführte nämlich oft Mädchen und brachte sie dann zu seiner eigenen Frau, und er bezahlte seine Schulden nicht, was doch sehr unanständig ist. Da ich nun aus dem Brief, den ich gelesen hatte, so gut wusste, wie begründet all diese Beschuldigungen waren, war es mir eine grosse Genugthuung, zu sehen, dass ich die Dinge so gut beurteilt hatte, und war ich sehr zufrieden mit mir selbst. Dafür bin ich denn auch bekannt an meinem Börsenpfeiler--dass ich stets so richtig urteile, meine ich.

Dieser Resident und seine Frau waren liebe, herzliche Menschen. Sie erzählten uns viel von ihrer Lebensweise in Ostindien. Es muss doch wohl angenehm dort sein. Sie sagten, dass ihr Landsitz bei Driebergen nicht halb so gross wäre als ihr »Erbe«, wie sie es nannten, in den Binnenlanden von Java, und dass zur Unterhaltung desselben wohl an die hundert Menschen nötig waren. Doch--und das ist wohl ein Beweis dafür, wie beliebt sie waren--das thaten diese Leute ganz umsonst und rein aus Wohlwollen für sie. Auch erzählten sie, dass bei ihrem Abzug von dort der Verkauf ihrer Möbel wohl zehnmal mehr aufgebracht hätte, als dieselben wert waren, weil die Inländischen Häuptlinge so gern ein Andenken an einen Residenten kaufen, der wohlwollend gegen sie gewesen ist. Ich sagte Stern später davon, der behauptete, dass es durch Zwang geschehe, und dass er dies aus Shawlmanns Paket beweisen könnte. Doch ich habe ihm gesagt, dass der Shawlmann ein Verleumder ist, dass er Mädchen entführt hat--gerade wie der junge Deutsche bei Busselinck & Waterman--und dass ich auf sein Urteil durchaus keinen Wert legte, denn ich hätte nun von einem Residenten selbst gehört, wie die Dinge ständen, und hätte also von M'nheer Shawlmann nichts zu lernen.

Es waren dort noch mehr Leute aus Ostindien, unter anderm ein Herr, der sehr reich war und noch immer viel Geld an Thee verdient, den die Javanen ihm für wenig Geld liefern müssen und den die Regierung ihm für einen hohen Preis abkauft, um die Arbeitsamkeit dieser Javanen anzuregen. Auch dieser Herr war sehr bös auf all die unzufriedenen Menschen, die fortwährend gegen die Regierung reden und schreiben. Er konnte die Verwaltung der Kolonien nicht genug rühmen, denn er sagte, er sei überzeugt, dass man viel Verlust hätte an dem Thee, den man von ihm kaufte, und dass es also ein wahrer Edelmut sei, dass man dauernd einen so hohen Preis für einen Artikel bezahle, der eigentlich geringen Wert hätte und den er selbst denn auch nicht gern möchte, denn er tränke stets chinesischen Thee. Auch sagte er, dass der Generalgouverneur, der die sogenannten Theeverträge verlängert hätte, trotz seiner Nachrechnung, dass das Land so bedeutenden Verlust bei diesem Artikel habe, so ein befähigter, braver Mensch sei, und vor allem denen ein so treuer Freund, die ihn früher schon gekannt hätten. Denn dieser Generalgouverneur hätte sich den Teufel um das Gerede gekümmert, dass an dem Thee soviel Verlust wäre, und er hätte ihm, als von Einziehung dieser Verträge--ich glaube im Jahre 1846--die Rede war, einen grossen Dienst erwiesen, indem er bestimmte, dass man nur immer fortfahren solle, seinen Thee zu kaufen. »Ja, rief er aus, das Herz blutet mir, wenn ich so edle Menschen beschimpfen höre! Wenn er nicht gewesen wäre, liefe ich nun zu Fuss mit Frau und Kindern.« Darauf liess er sein »barouchet« vorfahren, und das sah doch so apart aus, und die Pferde waren so wohlgenährt, dass ich recht gut begreifen kann, wie man glüht vor Dankbarkeit gegen so einen Generalgouverneur. Es thut in der Seele wohl, wenn man das Auge auf so liebreiche Empfindungen richtet, vor allem, wenn man einen Vergleich anstellt mit dem verfluchten Murren und Klagen von Geschöpfen, wie dieser Shawlmann eins ist.

Am folgenden Tag erwiederte der Resident den Besuch, und ebenfalls der Herr, für den die Javanen Thee bauen. Es sind die allerbesten Menschen und doch von ganz besonderem Ansehen! Beide fragten sie gleichzeitig, mit welchem Zuge wir in Amsterdam anzukommen gedächten. Wir begriffen nicht, was dies auf sich hatte, doch später wurde es uns klar, denn als wir am Montag Morgen dort ankamen, waren zwei Bediente am Bahnhof, einer mit einer roten Weste, und ein anderer mit einer gelben Weste, die beide aussagten, sie hätten per Depesche Auftrag erhalten, uns mit Fuhrwerk abzuholen. Meine Frau war ganz aus dem Häuschen, und ich dachte daran, was Busselinck & Waterman wohl gesagt haben würden, wenn sie das gesehen hätten ... dass zwei Fuhrwerke zugleich für uns da waren, meine ich. Aber es war nicht leicht, eine Wahl zu treffen, denn ich konnte mich nicht entschliessen, eine von den Parteien zu kränken, indem ich eine so liebe Aufmerksamkeit abwies. Guter Rat war teuer. Aber ich habe mich aus dieser höchst schwierigen Situation schon wieder gerettet. Ich habe meine Frau und Marie im roten Fuhrwerk Platz nehmen lassen--in dem Wagen von der roten Weste meine ich--und ich habe mich ins gelbe gesetzt--ins Fuhrwerk, meine ich.

Was die Pferde nur liefen! In der Weesperstrasse, wo es immer so schmutzig ist, flog der Dreck rechts und links haushoch, und, als wenn's wieder so sein sollte, da lief der lumpige Shawlmann, in gebückter Haltung, den Kopf gesenkt, und ich sah, wie er mit dem Ärmel seines schäbigen Rockes sein bleiches Gesicht von den Dreckspritzen zu reinigen suchte. Ich bin selten so famos ausgewesen, und meine Frau fand es auch.

NEUNZEHNTES KAPITEL.

In dem privaten Schreiben, das der Herr Slymering an Havelaar sandte, teilte er diesem mit, dass er ungeachtet seiner »dringenden Geschäfte« am folgenden Tage nach Rangkas-Betung kommen werde, um zu erwägen, was gethan werden müsste. Havelaar, der nur allzu gut wusste, was solche Erwägungen zu bedeuten hatten--sein Vorgänger hatte so oft mit dem Residenten von Bantam »abouchiert«!--schrieb den nachfolgenden Brief, den er dem Residenten entgegenschickte, damit dieser ihn gelesen haben sollte, bevor er den Hauptplatz von Lebak erreichte. Ein Kommentar zu diesem Schriftstück erübrigt sich.

»No. 91. Rangkas-Betung, den 25. Februar 1856, Geheim. Eilig. abends 11 Uhr.

Gestern mittag um 12 Uhr hatte ich die Ehre, meine Eilmissive No. 88 an Sie abzusenden, im wesentlichen des Inhalts:

dass ich nach langer Untersuchung und nach vergeblichen Bemühungen, den Betreffenden durch Güte von seinem unrechten Wandel abzubringen, mich kraft meines Amtseides verpflichtet fühlte, den Regenten von Lebak zu beschuldigen des Gewaltmissbrauchs, und dass ich ihn verdächtig hielte der Erpressung.

Ich war so frei, in dem Briefe Ihnen vorzustellen, diesen Inländischen Häuptling nach Serang zu berufen, mit dem Zwecke, nach seiner Abreise und nach Neutralisierung des verderblichen Einflusses seiner ausgebreiteten Familie eine Untersuchung einzuleiten über die Begründetheit meiner Beschuldigung und meiner Vermutung.

Lange, oder richtiger gesagt: viel hatte ich nachgedacht, ehe ich zu diesem Entschluss kam.

Es war Ihnen durch mich selbst bekannt geworden, dass ich getrachtet habe, durch Ermahnungen und Androhungen den alten Regenten vor Unglück und Schande zu bewahren, und mich selbst vor dem tiefen Schmerz, hiervon--sei es auch nur die unmittelbar voraufgehende--Ursache zu sein.

Doch ich sah an der andern Seite die seit Jahren ausgesogene, tief niedergebeugte Bevölkerung, ich dachte an die Notwendigkeit eines Beispiels--denn viele andere Bedrückungen werde ich Ihnen zu rapportieren haben, wenn nicht zum mindesten diese von mir angefasste Sache durch Ihren Einfluss denselben ein Ende macht--und, ich wiederhole es, nach reiflicher Überlegung habe ich gethan, was ich für Pflicht hielt.

In diesem Augenblick erhalte ich Ihr freundliches und geehrtes Privatschreiben, enthaltend die Mitteilung, dass Sie morgen hierherkommen werden, und zugleich einen Wink, dass ich diese Sache lieber vorher privat und vertraulich hätte behandeln sollen.

Morgen werde ich also die Ehre haben, Sie zu sehen, und just darum nehme ich mir die Freiheit, Ihnen dieses entgegenzusenden, um vor unserer Begegnung das Folgende zu konstatieren.

Alles, was ich bezüglich der Handlungen des Regenten einer Untersuchung unterwarf, war tief geheim. Nur er selbst und der Patteh wussten davon, denn ich habe ihn loyal verwarnt. Sogar der Kontrolleur weiss jetzt nur erst zum Teil den Ausfall meiner Untersuchungen. Diese Geheimhaltung hatte einen doppelten Zweck. Erst, als ich noch hoffte, den Regenten von seinem Wege abzubringen, beobachtete ich sie, um, wenn ich damit Erfolg hatte, ihn nicht zu kompromittieren. Der Patteh hat mir in seinem Namen--es war am 12. dieses--ausdrücklich für diese Diskretion Dank gesagt. Doch später, als ich an dem Erfolg meiner Versuche zu verzweifeln begann, oder besser, als das Mass meiner Entrüstung durch einen eben gehörten Vorfall überlief, als längeres Schweigen Mitverantwortlichkeit bedeutet hätte, da war diese Geheimhaltung meinethalben nötig, denn auch gegen mich selbst und die Meinen habe ich Pflichten zu erfüllen.

Gewiss wäre ich nach dem Schreiben der Missive von gestern unwürdig, dem Gouvernement zu dienen, wenn das darin Ausgesprochene hinfällig, unbegründet, aus der Luft gegriffen wäre. Und würde oder wird es mir möglich sein, zu beweisen, dass ich gethan habe, »was einem guten Assistent-Residenten zu thun obliegt«, wie es mein Amtseid vorschreibt, zu beweisen, dass ich als Person nicht unter dem Niveau des Postens stehe, der mir gegeben ward, zu beweisen, dass ich nicht unbedacht und leichtfertig siebenzehn mühevolle Dienstjahre aufs Spiel setze, und was mehr sagt, das Wohl von Frau und Kind ... wird es mir möglich sein, das alles zu beweisen, wenn nicht tiefe Geheimhaltung meine Nachforschungen verbirgt und den Schuldigen hindert, sich, wie man es nennt, zu 'decken'?

Bei dem geringsten Argwohn sendet der Regent einen Express an seinen Neffen, der schon unterwegs ist und interessiert an der Erhaltung des Regenten. Er verlangt von ihm, auf wessen Kosten immer, Geld, teilt es aus mit verschwenderischer Hand an jeden, den er in der letzten Zeit benachteiligt hat, und die Folge würde sein--ich hoffe, nicht sagen zu brauchen: wird sein--dass ich ein leichtfertiges Urteil gefällt habe und mit einem Wort ein unbrauchbarer Beamter bin, um es nicht ärger auszudrücken.

Mich gegen diese Eventualität zu sichern, dient dieses Schreiben. Ich habe die grösste Hochachtung vor Ihnen, aber ich kenne den Geist, den man 'den Geist der Ost-Indischen Beamten' nennen könnte, und ich besitze diesen Geist nicht!

Ihr Wink, dass die Sache vorher besser »privat« wäre behandelt worden, lässt mich Befürchtungen hegen vor einer mündlichen Besprechung. Was ich in meinem Briefe von gestern gesagt habe, ist wahr. Doch vielleicht würde es unwahr scheinen, wenn die Sache in einer Weise behandelt würde, die die Offenbarwerdung meiner Beschuldigung wie meines Vermutens veranlasste, bevor der Regent von hier entfernt ist.

Ich mag Ihnen nicht verhehlen, dass sogar Ihr unerwartetes Kommen in Verbindung mit dem gestern von mir nach Serang gesandten Express mich befürchten lässt, dass der Schuldige, der früher meine Ermahnungen in den Wind schlug, jetzt vor der Zeit aufmerksam werden und versuchen wird, wenn möglich die Beweise seiner Schuld, tant soit peu, zu verwischen.

Ich habe die Ehre, mich noch jetzt buchstäblich auf meine Missive von gestern zu beziehen, doch erlaube ich mir die Freiheit, dabei ausdrücklich zu bemerken, dass diese Missive auch den Vorschlag enthielt: vor der Untersuchung den Regenten zu entfernen und die von ihm Abhängigen vorläufig unschädlich zu machen. Ich vermeine nicht weiter verantwortlich zu sein für das, was ich vorher andeutete, wenn Sie nicht meinem Vorschlage betreffs der Art und Weise der Untersuchung--d. i. unparteiisch, öffentlich, und vor allem frei--zuzustimmen belieben.

Diese Freiheit besteht nicht, ehe nicht der Regent entfernt ist, und nach meiner bescheidenen Meinung liegt hierin nichts Gefährliches. Ihm kann doch gesagt werden, dass ich ihn beschuldige und verdächtig erkläre, dass ich Gefahr laufe und nicht er, wenn er unschuldig ist. Denn ich selbst bin der Ansicht, dass ich aus dem Dienst entlassen zu werden verdiene, wenn sich herausstellt, dass ich leichtfertig oder selbst nur voreilig gehandelt habe.

Voreilig! Nach Jahren, Jahren schwersten Missbrauchs!

Voreilig! Als wenn ein ehrlicher Mensch schlafen könnte und leben und geniessen, solange die, über deren Wohlergehen zu wachen er berufen ist, sie, die im höchsten Sinne seine 'Nächsten' sind, vergewaltigt werden und ausgesogen!

Es ist wahr, ich bin hier erst kurze Zeit, doch ich hoffe, dass die Frage einmal sein wird: was man gethan hat, ob man es gut gethan hat, und nicht, ob man es in zu kurzer Zeit gethan hat. Für mich ist jede Spanne Zeit zu lang, die gekennzeichnet ist durch Erpressung und Unterdrückung, und schwer wiegt mir die Sekunde, die durch meine Nachlässigkeit, durch meine Pflichtversäumnis, durch meinen 'Geist des 'Schipperns'' in Elend verbracht wäre.

Mich quälen die Tage, die ich verstreichen liess, ehe ich Ihnen offiziell Rapport erstattete, und ich bitte um Vergebung wegen dieses Versäumnisses.

Ich nehme mir die Freiheit, Sie zu ersuchen, dass Sie mir die Gelegenheit geben, mein Schreiben von gestern zu rechtfertigen und mich zu sichern vor dem Missglücken meiner Versuche, die Abteilung Lebak von dem Wurm zu befreien, der seit Menschengedenken an ihrem Wohlergehen nagt.

Hier liegt die Ursache, dass ich aufs neue so frei bin, Sie zu ersuchen, meine Handlungen diesangehend--die ja wahrlich ganz nach Vorschrift der Instruktion allein bestehen in Untersuchung, Rapport und Vorschlag--gütigst gutheissen zu wollen, den Regenten von Lebak, ohne voraufgehende direkte oder indirekte Warnung, von hier zu entfernen, und darauf eine Untersuchung bezüglich dessen einzuleiten, was ich in meinem Schreiben von gestern, No. 88, mitteilte.

Der Assistent-Resident von Lebak,

Max Havelaar.«