Max Havelaar

Chapter 24

Chapter 243,328 wordsPublic domain

Eines Tages, als die Aufständischen aufs neue geschlagen waren, schweifte er suchend in einem Dorf umher, das eben durch das Niederländische Heer erobert war und also in Flammen stand. Saïdjah wusste, dass der Haufe, der dort vernichtet worden war, grossenteils aus Leuten von Bantam bestanden hatte. Wie ein Spuk irrte er unter den Häusern umher, die noch nicht ganz verbrannt waren, und fand den Leichnam von Adindas Vater, mit einer Klewang-Bajonettwunde in der Brust. Neben ihm fand Saïdjah Adindas drei Brüder ermordet liegen, Jünglinge, beinahe Kinder noch, und ein wenig weiter lag der Leichnam Adindas, nackt, abscheulich misshandelt ...

Es war ein schmaler Streifen blauer Leinwand in die klaffende Brustwunde eingedrungen, die langer, verzweifelter Abwehr ein Ende gemacht zu haben schien ...

Da stürzte sich Saïdjah einigen Soldaten entgegen, die mit gefälltem Gewehr die noch lebenden Aufständischen in das Feuer der brennenden Häuser trieben. Er umfasste die breiten Säbelbajonette, schob sich mit Allgewalt vorwärts und drängte noch mit einem letzten grossen Kraftaufwand die Soldaten zurück, indem die Säbelknäufe ihm bis gegen die Brust vordrangen ...

Und um Geringes später war da in Batavia gross Gejubel über den neuen Sieg, der wieder so viele Lorbeeren zu den alten Lorbeeren der Niederländisch-Indischen Armee gefügt hatte. Und der Landvogt schrieb heim ins Mutterland, dass die Ruhe in den Lampongs wiederhergestellt sei. Und der König von Niederland, erleuchtet durch seine Staatsdiener, belohnte wiederum soviel Heldenmut mit vielen Ritterkreuzen.

Und wahrscheinlich stiegen da aus den Herzen der Frommen, in der Sonntagskirche oder in der Betstunde, Dankgebete gen Himmel, als man vernahm, dass »der Herr der Heerscharen« wieder einmal mitgestritten hatte unter dem Banner der Niederlande ...

"Doch Gott, der alles Weh ersicht, Erhörte dieses Tages Opfer nicht."

Ich habe den Schluss der Geschichte von Saïdjah kürzer gemacht, als ich hätte thun können, wenn ich Gefallen daran fand, Grausiges zu schildern. Der Leser wird wahrgenommen haben, wie ich bei der Beschreibung des Wartens unter dem Ketapan verweilte, als schreckte ich zurück vor der traurigen Lösung, und wie ich über sie mit Scheu hingeglitten bin. Und doch war dies gar nicht meine Absicht, als ich begann, über Saïdjah zu reden. Denn anfänglich fürchtete ich, ich würde stärkere Farben nötig haben, um bei dem Leser Rührung zu erzielen mit der Schilderung so sonderlicher Zustände. Im Laufe der Sache jedoch empfand ich, dass es eine Beleidigung für mein Publikum sein würde, wenn ich glaubte, mehr Blut in meine Schilderung bringen zu müssen.

Doch hätte ich dies thun können, denn ich habe hier Dokumente vor mir liegen ... doch nein: lieber ein Bekenntnis.

Ja, ein Bekenntnis, Leser! Ich weiss nicht, ob Saïdjah Adinda lieb hatte. Nicht, ob er nach Batavia ging. Nicht, ob er in den Lampongs ermordet wurde von Niederländischen Bajonetten. Ich weiss nicht, ob sein Vater erlag unter den Stockprügeln, die ihm gegeben wurden, weil er Badur ohne Pass verlassen hatte. Ich weiss nicht, ob Adinda die Monde zählte, indem sie Kerben in ihren Reisblock schnitt ...

Dies alles weiss ich nicht!

Doch ich weiss mehr als dies alles. Ich weiss und kann beweisen, dass es viele Adindas gab und viele Saïdjahs, und dass, was Erdichtung im Einzelfall, Wahrheit wird im allgemeinen. Ich sagte bereits, dass ich die Namen von Personen angeben kann, die, wie die Eltern von Saïdjah und von Adinda, durch Unterdrückung aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Es liegt nicht in meiner Absicht, in diesem Werk Auseinandersetzungen zu geben, wie sie vor einen Gerichtshof gehörten, der einen Spruch zu fällen hätte über die Art und Weise, in welcher die Niederländische Autorität in Indien ausgeübt wird, Auseinandersetzungen, die nur für den Beweiskraft haben würden, der die Geduld hätte, sie mit Aufmerksamkeit und Interesse durchzulesen, wie es nicht erwartet werden kann von einem Publikum, das Zerstreuung in seiner Lektüre sucht. Darum habe ich an Stelle dürrer Namen von Personen und Plätzen mit den Daten dabei, an Stelle einer Abschrift der Liste von Diebstählen und Erpressungen, die vor mir liegt, eine ungefähre Schilderung dessen zu geben gesucht, was vorgehen kann in den Herzen der armen Leute, die man dessen beraubt, was zum Unterhalt ihres Lebens nötig ist, oder gar: ich habe dies nur den Leser ahnen lassen, in der Befürchtung, mich zu sehr täuschen zu können in der Zeichnung der Umrisse von Empfindungen, die ich selber nie erfahren.

Aber was die Hauptsache betrifft? O, dass ich aufgerufen würde, um zu beweisen, was ich schrieb! O, dass man sagte: »du hast diesen Saïdjah erdichtet ... er sang niemals das Lied ... es wohnte keine Adinda in Badur!« Nur wünschte ich, dass es gesagt werde mit der Macht und mit dem Willen, Recht zu schaffen, sobald ich bewiesen haben würde, dass aus mir nicht die Lästerzunge spricht!

Ist es lügenhaft, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, weil vielleicht niemals ein ausgeplünderter Reisender in ein samaritanisches Haus aufgenommen wurde? Ist sie wohl lügenhaft, die Parabel vom Säemann, weil kein Landbauer seine Saat auf einen Felsen auswerfen wird? Oder--um auf die Ebene zu gelangen, in der mein Buch liegt--will man die Wahrheit nicht gelten lassen, die die Hauptsache von »Onkel Toms Hütte« ausmacht, weil vielleicht niemals eine Evangeline bestanden hat? Wird man zu der Verfasserin dieses unsterblichen Plaidoyers--unsterblich nicht wegen der Kunst oder wegen des Talentes, sondern wegen der Tendenz und wegen der Wirkung--wird man zu ihr sagen: »Du hast gelogen, die Sklaven werden nicht misshandelt, denn--es ist Unwahrheit in deinem Buch: es ist ein Roman!«? Musste nicht auch sie an Stelle einer Aufzählung von dürren Thatsachen eine Geschichte bieten, die diese Thatsachen einkleidete, um die Einsicht der Notwendigkeit einer Besserung eindringen zu lassen bis in die Herzen? Hätte man ihr Buch gelesen, wenn sie ihm die Form eines Aktenstückes gegeben hätte? Ist es ihre Schuld--oder die meine--dass die Wahrheit, um Zugang zu finden, so oft das Kleid der Lüge borgen muss?

Und jene, die vielleicht behaupten, dass ich Saïdjah und seine Liebe idealisiert habe, muss ich fragen, wie sie das wissen können? Gewiss erachten es nur sehr wenige Europäer der Mühe wert, sich niederzubeugen, um die Empfindungen der Kaffee- und Zuckerwerkzeuge wahrzunehmen, die man 'Eingeborene' nennt. Doch wäre immerhin ihr Einwurf begründet: wer solche Bedenken als Beweis gegen die Haupttendenz meines Buches anführt, verschafft mir einen grossen Triumph. Denn sie lauten übersetzt: »Das Übel, das du bekämpfst, besteht nicht, oder besteht nicht in so hohem Masse, weil der Inländer nicht ist wie dein Saïdjah ... es liegt in der Misshandlung der Javanen jetzt kein so grosses Verbrechen, wie darin liegen würde, wenn du deinen Saïdjah richtiger gezeichnet hättest. Der Sundanese singt solche Lieder nicht, liebt nicht so, fühlt nicht so, und also ...

Nein, Minister der Kolonien, nein, ihr Generalgouverneurs im Ruhestande, nicht das habt ihr zu beweisen! Ihr habt zu beweisen, dass die Bevölkerung nicht misshandelt wird, gleichgültig, ob es sentimentale Saïdjahs unter dieser Bevölkerung giebt oder nicht. Oder solltet ihr zu behaupten wagen, Büffeldiebstahl sei gestattet gegenüber Leuten, die nicht lieben, die keine schwermütigen Lieder singen, die nicht sentimental sind?

Bei einem Angriff auf litterarischem Gebiet würde ich die Korrektheit der Zeichnung meines Saïdjah verteidigen, aber auf politischem Boden streiche ich sogleich vor allen Aussetzungen bezüglich dieser Korrektheit die Segel, um zu verhindern, dass die grosse Frage auf ein verkehrtes Terrain verschleppt werde. Es ist mir vollkommen gleichgültig, ob man mich für einen ungeschickten Zeichner hält, wenn man mir nur zugiebt, dass die Misshandlung des Eingeborenen eine "weitgehende" ist; so lautet doch das Wort in der Note des Vorgängers von Havelaar, die von diesem dem Kontrolleur Verbrugge unterbreitet wurde: eine Note, die vor mir liegt!

Doch ich habe andere Beweise! Und das ist ein Glück, denn auch Havelaars Vorgänger konnte sich geirrt haben.

O Gott, wenn er sich irrte, wurde er für diesen Irrtum sehr hart gestraft. Er wurde ermordet.

ACHTZEHNTES KAPITEL.

Es war Nachmittag. Havelaar trat aus dem Zimmer und fand seine Tine in der Vorgalerie mit dem Thee auf ihn wartend. Mevrouw Slotering trat aus ihrem Hause und schien sich nach Havelaars begeben zu wollen, doch auf einmal wendete sie sich nach dem Zaune und wies dort mit ziemlich heftigen Geberden einen Mann zurück, der ebenzuvor eingetreten war. Sie blieb stehen, bis sie sich versichert hatte, dass er nach draussen zurückgegangen war, und kehrte darauf dem Rasen entlang nach Havelaars Haus zurück.

»Ich will doch endlich mal wissen, was das bedeutet!« sagte Havelaar, und als die Begrüssung vorüber war, fragte er in scherzhaftem Tone, damit sie nicht meine, er missgönne ihr das bisschen Autorität auf einem Erbe, das früher das ihre war:

--Bitte, Mevrouw, sagen Sie mir doch mal, warum Sie nur immer die Leute, die das Erbe betreten, zurückschicken! Wenn der Mann da eben gerade einer war, der Hühner zu verkaufen hatte oder sonst irgendwas, was man in der Küche braucht?

Da zeigte sich auf dem Gesicht der Mevrouw Slotering ein schmerzlicher Zug, der Havelaars Blick nicht entging.

--Ach, sagte sie, es giebt soviel schlechtes Volk!

--Gewiss, das giebt's überall. Doch wenn man es den Menschen so schwierig macht, werden die Guten auch wegbleiben. Nun, Mevrouw, erzählen Sie mir doch nun mal ganz offen, warum Sie so streng Aufsicht üben über das Erbe!

Havelaar sah sie an und suchte vergebens die Antwort zu lesen in ihrem feuchten Auge. Er drang etwas stärker auf Erklärung ... die Witwe brach in Thränen aus und sagte, dass ihr Mann im Hause des Distriktshauptes von Parang-Kudjang vergiftet worden wäre.

--Er wollte Gerechtigkeit üben, M'nheer Havelaar, fuhr die arme Frau fort, er wollte ein Ende machen der Misshandlung, unter der die Bevölkerung seufzt. Er ermahnte und bedrohte die Häupter, in Versammlungen und schriftlich ... Sie müssen doch wohl seine Briefe gefunden haben im Archiv?

Es war so. Havelaar hatte diese Briefe gelesen, von denen Abschriften vor mir liegen.

--Er sprach mehrfach mit dem Residenten, sagte weiter die Witwe, doch immer vergeblich. Denn da es allgemein bekannt war, dass die Erpressung statthatte zu Nutzen und unter dem Schutze des Regenten, den der Resident nicht bei der Regierung anklagen wollte, so führten alle diese Unterredungen zu nichts anderm als zur Misshandlung der Kläger. Darum hatte mein armer Mann gesagt, dass er, falls keine Besserung eintrete vor Jahresschluss, sich direkt an den Generalgouverneur wenden werde. Das war im November. Er ging kurz darnach auf eine Inspektionsreise, nahm das Mittagmahl im Hause des Dhemang von Parang-Kudjang ein, und wurde kurz darauf in erbarmungswürdigem Zustande nach Haus gebracht. Er rief, auf den Magen deutend: »Feuer, Feuer!«, und wenige Stunden später war er tot, er, der immer ein Muster von Gesundheit gewesen war.

--Haben Sie den Arzt von Serang rufen lassen? fragte Havelaar.

--Ja, doch er hat meinen Gatten nur kurze Zeit behandelt, weil er bald nach seinem Eintreffen gestorben ist. Ich wagte dem Doktor meine Vermutung nicht mitzuteilen, weil ich besorgte, ich würde wegen meines Zustandes diesen Ort nicht schnell verlassen können, und auch Rache fürchtete. Ich habe gehört, dass Sie ebenso wie mein Gatte den Missbräuchen entgegentreten, die hier herrschen, und darum habe ich keinen ruhigen Augenblick. Ich hatte dies alles vor Ihnen verbergen wollen, um Sie und Mevrouw nicht ängstlich zu machen, und beschränkte mich also auf die Überwachung von Garten und Erbe, damit keine Fremden Zutritt zur Küche erlangten.

Nun wurde es Tine deutlich, warum Mevrouw Slotering ihre eigene Haushaltung weiter führte und selbst keinen Gebrauch von der Küche machen wollte, »die doch so geräumig sei«.

Havelaar liess den Kontrolleur rufen. Inzwischen richtete er an den Arzt in Serang ein Ersuchen um Angabe der Erscheinungen bei Sloterings Tode. Die Antwort, die er auf diese Frage erhielt, war nicht in dem Sinne der Vermutung von der Witwe. Dem Arzte nach war Slotering gestorben an einem »Abscess in der Leber«. Es ist nicht zu meiner Wissenschaft gelangt, ob ein derartiges Leiden so plötzlich auftreten und den Tod verursachen kann binnen weniger Stunden. Ich glaube hier der Erklärung der Mevrouw Slotering Beachtung schenken zu müssen, dass ihr Ehegatte früher immer gesund gewesen war. Doch wenn man solcher Erklärung keinen Wert beimisst, weil die Auffassung des Begriffes 'Gesundheit' vor allem bei Nicht-Heilkundigen eine ziemlich grobsinnliche und auch unterschiedliche ist--so bleibt doch die gewichtige Frage bestehen, ob jemand, der heute stirbt an einem »Abscess in der Leber«, sich gestern noch zu Pferde setzen konnte mit der Absicht, einen bergigen Landstrich zu inspizieren, der in einzelnen Richtungen zwanzig Stunden breit ist? Der Arzt, der Slotering behandelte, kann ein tüchtiger Heilkundiger gewesen sein und nichtsdestoweniger sich getäuscht haben in der Beurteilung der Erscheinungen der Krankheit, unvorbereitet wie er war, ein Verbrechen zu vermuten.

Wie dem sei, ich kann nicht beweisen, dass Havelaars Vorgänger vergiftet wurde, da man Havelaar die Zeit nicht gelassen hat, diese Sache zur Klarheit zu bringen. Wohl aber kann ich beweisen, dass seine Umgebung ihn für vergiftet hielt, und dass diese Vermutung sich stützte auf des Vorgängers Leidenschaft, Unrecht entgegenzutreten.

Der Kontrolleur Verbrugge trat bei Havelaar ein. Dieser fragte kurzab:

--Woran ist M'nheer Slotering gestorben?

--Das weiss ich nicht.

--Ist er vergiftet?

--Das weiss ich nicht, aber ...

--Sprechen Sie deutlich, Verbrugge!

--Aber er suchte den Missbräuchen entgegenzutreten, wie Sie, M'nheer Havelaar, und ... und ...

--Nun? Weiter?

--Ich bin überzeugt, dass er ... vergiftet worden wäre, wenn er noch länger hier geblieben wäre.

--Schreiben Sie das auf!

Verbrugge hat diese Worte aufgeschrieben. Seine Erklärung liegt vor mir!

--Noch etwas. Ist es wahr oder ist es nicht wahr, dass gewuchert und erpresst wird in Lebak?

Verbrugge antwortete nicht.

--Antworten Sie, Verbrugge!

--Ich wage es nicht.

--Schreiben Sie auf, dass Sie's nicht wagen!

Verbrugge hat es aufgeschrieben: es liegt vor mir!

--Gut! Noch etwas: Sie wagen nicht zu antworten auf die letzte Frage, doch sagten Sie mir unlängst, als die Rede von Vergiftung war, dass Sie die einzige Stütze Ihrer Schwestern zu Batavia seien, nicht wahr? Liegt darin vielleicht die Ursache Ihrer Furcht, der Grund dessen, was ich stets Halbheit nannte?

--Ja!

--Schreiben Sie das auf.

Verbrugge schrieb es auf: seine Erklärung liegt vor mir!

--Es ist gut, sagte Havelaar, nun weiss ich genug.

Und Verbrugge konnte gehen. [6]

Havelaar trat ins Freie und spielte mit dem kleinen Max, den er mit besonderer Innigkeit küsste. Als Mevrouw Slotering weggegangen war, schickte er das Kind fort und rief Tine zu sich ins Zimmer.

--Liebe Tine, ich habe eine Bitte an dich! Ich möchte, dass du mit Max nach Batavia gingest: ich klage heute den Regenten an.

Und sie fiel ihm um den Hals und war zum erstenmal ungehorsam und rief schluchzend:

--Nein, Max! nein, Max! das thue ich nicht ... wir essen und trinken zusammen!

Hatte Havelaar unrecht, als er behauptete, dass sie ebensowenig recht zum Nasenschnauben hätte wie die Frauen zu Arles?

Er schrieb und versandte den Brief, von dem ich hier eine Abschrift gebe. Nachdem ich einigermassen die Verhältnisse geschildert, unter denen dies Schriftstück verfasst wurde, glaube ich nicht nötig zu haben, auf die beherzte Pflichterfüllung hinzuweisen, die daraus hervorstrahlt, und ebensowenig auf die edle Milde, die Havelaar bewog, den Regenten vor allzu schwerer Strafe in Schutz zu nehmen. Doch nicht so überflüssig wird es sein, dabei seine kluge Umsicht zu betonen, die ihn kein Wort verlieren liess über die soeben gemachte Entdeckung, damit er die Bestimmtheit und Zuverlässigkeit seiner Anklage nicht durch die Ungewissheit einer wohl bedeutungsvollen, doch noch unbewiesenen Beschuldigung abschwäche. Seine Absicht war, die Leiche seines Vorgängers ausgraben und wissenschaftlich untersuchen zu lassen, sobald der Regent entfernt und sein Anhang unschädlich gemacht sein würde. Doch man hat ihm hierzu die Gelegenheit nicht gelassen.

In den Abschriften von offiziellen Schriftstücken--Abschriften, die übrigens buchstäblich übereinstimmen mit den Originalen--glaube ich die thörichten Titulaturen durch einfache Pronomina ersetzen zu dürfen. Von dem guten Geschmack meiner Leser erwarte ich, dass sie diese Änderung bereitwillig hinnehmen.

»No. 88. Rangkas-Betung, den 24. Februar 1856. Geheim. Eile.

An den Residenten von Bantam.

Seit ich vor einem Monat meine Stellung hier antrat, habe ich mir hauptsächlich die Untersuchung angelegen sein lassen über die Art und Weise, wie die Inländischen Häupter ihre Verpflichtungen gegenüber der Bevölkerung im Punkte des Herrendienstes, des 'Pundutan' und dergleichen erfüllen.

Sehr bald entdeckte ich, dass der Regent auf eigene Autorität und zu seinem Nutzen Menschen in einer Zahl aufrufen liess, die die gesetzlich ihm zustehende Anzahl von Pantjens und Kemits weit überschritt.

Ich schwankte zwischen der Wahl, sofort offiziell zu rapportieren, und dem lebhaften Wunsche, durch Milde oder später selbst durch Drohungen diesen Inländischen Hauptbeamten hiervon abzubringen, um mit diesem letzteren schliesslich das doppelte Ziel zu erreichen: dass dieser Missbrauch aufhörte und dass gleichzeitig dieser alte Diener des Gouvernements nicht gleich allzu streng behandelt würde, vor allem in Ansehung der schlechten Beispiele, die, wie ich glaube, ihm mehrfach gegeben worden sind, und sodann in Berücksichtigung des besonderen Umstandes, dass er Besuch erwartete von zwei Verwandten, den Regenten von Bandung und von Tjanjor, zum mindesten von dem letzteren--der, wie ich meine, schon mit grossem Gefolge unterwegs ist--und er also mehr als sonst der Versuchung ausgesetzt war--und angesichts des beschränkten Status seiner Geldmittel sozusagen der Notwendigkeit--durch ungesetzliche Mittel für die durch diesen Besuch nötigen Vorbereitungen Vorsorge zu treffen.

Dies alles stimmte mich zur Milde bezüglich dessen, was schon geschehen war, doch keineswegs war ich geneigt zur Nachgiebigkeit gegenüber weiteren Fällen.

Ich drang auf augenblickliche Unterlassung jedweder Ungesetzlichkeit.

Von diesem vorläufigen Versuch, den Regenten durch Güte auf den Weg seiner Pflicht zu bringen, habe ich Ihnen unter der Hand Kenntnis verschafft.

Ich habe jedoch erfahren müssen, dass er mit brutaler Unverschämtheit alles in den Wind schlägt, und ich fühle mich kraft meines Amtseides verpflichtet, Ihnen mitzuteilen:

dass ich den Regenten von Lebak, Radhen Adhipatti Karta Natta Negara, beschuldige des Missbrauchs der Amtsgewalt durch ungesetzliches Verfügen über die Arbeit der ihm Unterstellten, und verdächtig erkläre der Erpressung durch die Forderung von Aufwendungen in natura ohne oder gegen willkürlich festgestellte, unausreichende Bezahlung;

dass ich im weiteren den Dhemang von Parang-Kudjang--seinen Schwiegersohn--verdächtig erkläre der Mitschuld an den genannten Thatsachen.

Um beide Sachen gehörig einleiten zu können, nehme ich mir die Freiheit, Ihnen vorzustellen, dass Sie mir befehlen:

1. den obengenannten Regenten von Lebak mit grösster Eile nach Serang zu senden und dafür Sorge zu tragen, dass er weder vor seiner Abreise noch unterwegs die Gelegenheit habe, durch Bestechung oder auf andere Art die Zeugnisse zu beeinflussen, die ich werde einholen müssen;

2. den Dhemang von Parang-Kudjang vorläufig in Arrest zu nehmen;

3. gleiche Massregel anzuwenden auf solche Personen niedrigeren Ranges, die, zur Familie des Regenten gehörend, Einfluss auf den geordneten Verlauf der anzustellenden Untersuchung ausüben könnten;

4. diese Untersuchung sofort stattfinden zu lassen und von dem Ausfall ausführlichen Bericht einzureichen.

Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen weiterhin in Erwägung zu geben, den Besuch des Regenten von Tjanjor abzubestellen.

Zum Schlusse habe ich die Ehre--zum Überfluss für Sie, der Sie die Abteilung Lebak besser kennen, als es mir schon möglich ist--die Versicherung zu geben, dass aus einem politischen Gesichtspunkt der streng gerechten Behandlung dieser Sache nicht das mindeste im Wege steht, und dass ich eher Gefahr besorgen möchte, falls sie nicht zur Klarheit gebracht wird. Denn ich bin informiert, dass der gemeine Mann, der, wie ein Zeuge mir sagte, »pussing« ist (also: ratlos und in Verwirrung gebracht) durch all die Plackerei und Bedrückung, schon lange nach Rettung ausschaut.

Ich habe die Kraft zu der beschwerlichen Pflicht, die ich mit dem Schreiben dieses Briefes erfülle, zum Teil geschöpft aus der Hoffnung, dass es mir vergönnt sein wird, zu seiner Zeit das eine und andere zur Schonung des alten Regenten beizubringen, mit dessen Position, wie sehr er sie durch eigene Schuld verursacht, ich gleichwohl tiefes Mitleid fühle.

Der Assistent-Resident von Lebak,

Max Havelaar.«

Folgenden Tags antwortete ihm ... der Resident von Bantam? O nein, der Herr Slymering, privatim!

Diese Antwort ist ein kostbarer Beitrag für die Kenntnis der Art und Weise, wie in Niederländisch-Indien die Verwaltung gehandhabt wird. Der Herr Slymering beklagte sich, »dass Havelaar ihm von der Sache, die vorkäme in dem Briefe No. 88, nicht erst mündlich Kenntnis gegeben hätte«. Natürlich weil dann mehr Möglichkeit gewesen wäre, zu »schipperen«. Und weiterhin: »dass Havelaar ihn in seinen dringenden Geschäften störe«!

Der Mann war gewiss mit einem Jahresbericht über »ruhige Ruhe« beschäftigt! Ich habe diesen Brief vor mir liegen und traue meinen Augen nicht. Ich lese noch einmal den Brief des Assistent-Residenten von Lebak ... ich stelle ihn und den Residenten von Bantam, Havelaar und Slymering, nebeneinander . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .