Chapter 23
Saïdjah kam in Batavia an. Er bat einen Herrn, dass er ihn in Dienst nehme, und dieser that es auf der Stelle, weil er Saïdjah nicht verstand. Denn in Batavia hat man gern Bedienstete, die noch kein Malayisch sprechen und also noch nicht verdorben sind wie die andern, die schon länger mit der europäischen Kultur in Berührung stehen. Saïdjah lernte bald Malayisch, aber er passte brav auf, denn er dachte stets an die zwei Büffel, die er kaufen wollte, und an Adinda. Er wurde gross und stark, weil er alle Tage ass, was in Badur nicht immer möglich war. Er war beliebt im Stall und wäre sicher nicht abgewiesen worden, wenn er die Tochter des Kutschers zum Weibe begehrt hätte. Sein Herr selbst hielt so viel von Saïdjah, dass er gar bald zum Hausbedienten erhoben wurde. Man erhöhte seinen Lohn und gab ihm obendrein fortwährend Geschenke, weil man so besonders zufrieden mit seinen Diensten war. Mevrouw hatte den Roman von Sue gelesen, der so viel Aufsehen machte, und wurde nun stets an den Prinzen Djalma erinnert, wenn sie Saïdjah sah. Auch die jungen Damen des Hauses begriffen nun besser als früher, wie der javanische Maler Radhen Saleh zu soviel Glück und Ehren in Paris gelangen konnte.
Doch fand man Saïdjah undankbar, als er nach beinahe dreijährigem Dienst seine Entlassung begehrte und um ein Zeugnis ersuchte, dass er sich gut betragen habe. Man konnte es ihm jedoch nicht verweigern, und Saïdjah ging fröhlichen Herzens auf die Reise.
Er ging an Pising vorbei, wo lange vorher einst Havelaar wohnte. Aber dies wusste Saïdjah nicht. Und hätte er es auch gewusst, er trug etwas ganz anderes in der Seele, das ihn beschäftigt hielt. Er zählte die Schätze, die er mit heimbrachte. In einer Bambusrolle hatte er seinen Pass und das Zeugnis seines guten Betragens. In einem Köcher, den er an einem ledernen Riemen trug, schien unaufhörlich etwas Gewichtiges gegen seine Schulter zu schlagen, aber er fühlte es gern ... ich glaube es schon, darin waren doch dreissig Spanische Dollars, genug also, um drei Büffel zu kaufen. Was Adinda wohl sagen würde! Und das war noch nicht alles. Auf seinem Rücken sah man die mit Silber beschlagene Scheide eines Dolches, den er am Gürtel trug. Der Griff war sicher aus feingeschnitztem Kamuning-Holz, denn er hatte ihn sorgfältig mit einer seidenen Hülle umwickelt. Und er besass noch mehr Schätze. In den Falten des Kahin um seine Lenden bewahrte er einen Leibgurt von silbernen Gliedern, mit goldener Agraffe. Es ist wahr, der Gürtel war nur kurz, aber sie war auch so schlank ... Adinda!
Und an einem Schnürchen um den Hals, unter seinem Vor-Baadju, trug er ein seidenes Beutelchen, darin einige vertrocknete Melatti waren.
War es ein Wunder, dass er sich in Tangerang nicht länger aufhielt als nötig war, den Bekannten seines Vaters zu besuchen, der die feinen Strohhüte flocht? War es ein Wunder, dass er nicht viel zu den Mädchen sagte, die ihn auf dem Wege fragten: »wohin, woher?«, wie der Gruss in diesen Gegenden lautet? Dass er Serang nicht mehr so schön fand, da er doch Batavia kennen gelernt hatte? Dass er sich nicht mehr, wie er es vor drei Jahren that, ins Gestrüpp verkroch, als der Resident vorüberritt, er, der den viel grösseren Herrn gesehen hatte, der zu Buitenzorg wohnt und der 'Grossvater' des Susuhunan zu Solo ist? War es ein Wunder, dass er wenig acht gab auf die Erzählungen derer, die ein Stück Weges mit ihm gingen und von allem Neuen in Bantan-Kidul sprachen? Dass er kaum hinhörte, als man ihm berichtete, dass die Kaffeekultur nach vielen unbelohnten Mühen nun ganz eingezogen sei? Dass das Distriktshaupt von Parang-Kudjang wegen Raubes auf öffentlicher Strasse zu vierzehn Tagen Arrest, im Hause seines Schwiegervaters abzusitzen, verurteilt war? Dass der Hauptplatz nach Rangkas-Betung verlegt war? Dass ein neuer Assistent-Resident gekommen sei, weil der vorige vor einigen Monaten starb? Wie der neue Beamte auf der ersten Sebah-Versammlung gesprochen hatte? Wie da seit einiger Zeit niemand mehr wegen seiner Klagen bestraft worden sei und dass man hoffe, dass alles Gestohlene wiedergegeben oder vergütet werde?
Nein, er hatte schönere Bilder vor dem Auge seiner Seele. Er suchte den Ketapanbaum in den Wolken, zu fern noch, um ihn in Badur suchen zu können. Er griff in die Luft, die ihn umgab, als wollte er die Gestalt umfassen, die ihn unter dem Baume erwarten würde. Er malte sich Adindas Antlitz aus, ihren Kopf, ihre Schultern ... er sah den schweren Kondeh, so glänzend schwarz, in der eigenen Schlinge gefangen auf den Nacken herabhängend ... er sah ihr grosses Auge, in dunklem Wiederschein leuchtend ... die Nasenflügel, die sie so trotzig-stolz aufzog als Kind, wenn er--wie war's möglich!--sie plagte, und den Winkel zwischen ihren Lippen, in dem sie ein Lächeln bewahrte. Er sah ihre Brust, die nun schwellen werde unter der Kabaai ... er sah, wie der Sarong, den sie selbst gewoben hatte, ihre Hüften eng umschloss und, dem Schenkel in gebogener Linie folgend, in herrlichem Wurf am Knie herunterfiel bis auf den kleinen Fuss ...
Nein, er hörte wenig von dem, was man ihm sagte. Er hörte ganz andere Töne. Er hörte, wie Adinda sagen würde: »Sei willkommen, Saïdjah! Ich habe an dich gedacht beim Spinnen und Weben und beim Stampfen des Reises in dem Block, der drei-mal-zwölf Kerben trägt von meiner Hand. Hier bin ich unter dem Ketapan, am ersten Tage des neuen Monds. Sei willkommen, Saïdjah: ich will deine Frau sein!«
Das war die Musik, die so herrlich in seinen Ohren wiederklang und die ihn hinderte, auf all das Neue zu hören, das man ihm auf seinem Wege erzählte.
Endlich sah er den Ketapan. Oder vielmehr, er sah einen dunklen Fleck, der viele Sterne vor seinem Auge verdeckte. Das musste der Djatiwald sein, in der Nähe des Baumes, bei dem er Adinda wiedersehen sollte, am folgenden Tage nach Sonnenaufgang. Er suchte im Dunkel umher und betastete viele Stämme. Alsbald fand er eine ihm bekannte Unebenheit an der Südseite eines Baumes, und er legte den Finger in einen Spalt, den Si-panteh mit seinem Parang hineingehackt hatte, um den Pontianak zu beschwören, der das Zahnweh von Si-pantehs Mutter verschuldete, das diese kurz vor der Geburt seines Brüderchens befiel. Das war der Ketapan, den er suchte.
Jawohl, das war der Fleck, wo er zuerst Adinda anders angesehen hatte als seine übrigen Spielgenossen, weil sie sich da zuerst geweigert hatte, an einem Spiel teilzunehmen, das sie doch noch kurz zuvor mit allen Kindern--Knaben und Mädchen--mitgespielt hatte. Da hatte sie ihm die Melatti gegeben.
Er setzte sich an den Fuss des Baumes nieder und schaute zu den Sternen auf. Als einer herniederschoss, nahm er das als einen Gruss bei seiner Wiederkunft zu Badur auf. Und er dachte: ob Adinda nun wohl schläft? Und ob sie wohl sorgfältig die Monde in ihren Reisblock geschnitten hat? Es würde ihn schmerzen, wenn sie einen Mond überschlagen hätte; als wenn das nicht genügte ... sechsunddreissig! Und ob sie schöne Sarongs und Slendangs gebatikt haben werde? Und auch fragte er sich, wer nun wohl in seines Vaters Hause wohnen werde? Und seine Jugend trat ihm vor den Geist, und seine Mutter, und wie der Büffel ihn vor dem Tiger rettete; und er bedachte, was doch wohl aus Adinda geworden sein möchte, wenn der Büffel minder treu gewesen wäre.
Er gab sehr auf das Sinken der Sterne im Westen acht, und bei jedem Stern, der am Himmelsrande verschwand, berechnete er, wieviel näher jetzt die Sonne ihrem Aufgang im Osten sei, und wieviel näher er selbst dem Wiedersehen mit Adinda.
Denn beim ersten Strahle gewiss werde sie kommen, ja, beim Dämmern des Morgens schon werde sie da sein ... ach, warum war sie nicht schon am Tage vorher gekommen?
Es betrübte ihn, dass sie ihm nicht vorausgeeilt war, dem schönen Augenblick, der drei Jahre lang seiner Seele mit unbeschreiblichem Glanz vorgeleuchtet hatte. Und, unbillig in der Selbstsucht seiner Liebe, schien es ihm so, als hätte Adinda da sein müssen, um auf ihn zu warten, der nun sich beklagte--und vor der Zeit schon!--dass er auf sie warten müsste.
Aber er beklagte sich zu Unrecht. Denn noch war nicht die Sonne aufgegangen, noch hatte das Auge des Tages keinen Blick auf die Ebene geworfen. Wohl verblichen die Sterne dort oben in der Höhe, beschämt, dass ihrer Herrschaft so bald ein Ende gemacht werde ... wohl fluteten da seltsame Farben über die Spitzen der Berge, die um so dunkler erschienen, je schärfer sie von dem lichteren Grunde sich abhoben ... wohl flog hier und da durch die Wolken im Osten ein glühender Strahl--Pfeile von Gold und Feuer, die hin und wieder über den Horizont schossen--aber sie verschwanden wieder und schienen hinter den undurchdringbaren Vorhang niederzufallen, der dem Auge Saïdjahs noch immer den Tag verbarg.
Doch wurde es allmählich lichter und lichter um ihn her. Er schaute schon die Landschaft, und schon konnte er die Kronen des kleinen Klappahains unterscheiden, in dem Badur versteckt lag ... da schlief Adinda!
Nein, sie schlief nicht mehr! Wie sollte sie wohl schlafen können? Wusste sie nicht, dass Saïdjah ihrer warte? Gewiss, sie hatte die ganze Nacht nicht geschlafen. Sicher hatte die Dorfwache an ihre Thür geklopft, um zu fragen, warum die Pelitah in ihrem Häuschen noch fortbrenne, und mit liebem Lächeln hatte sie dann gesagt, dass ein Gelübde sie wach halte; sie müsse den Slendang noch abweben, an dem sie arbeite, und am ersten Tage des neuen Mondes müsse er fertig sein.
Oder sie hatte die Nacht im Finstern verbracht, auf ihrem Reisblock sitzend und mit begierigem Finger zählend, ob auch wirklich sechsunddreissig tiefe Kerben nebeneinander darin eingeschnitzt waren. Und sie hatte sich spielend an dem Schrecken ergötzt, dass sie sich vielleicht verrechnete, dass vielleicht noch ein Einschnitt fehle, um noch und noch einmal und immer wieder in der herrlichen Gewissheit zu schwelgen, dass da wohlgezählte drei-mal-zwölf Monde vergangen seien, seit Saïdjah sie zum letztenmal sah.
Auch sie strengte nun wohl, wo es so hell wurde, ihre Augen mit fruchtlosem Bemühen an, die Blicke über den Horizont hinweg zu senken, dass sie der Sonne begegnen möchten, der trägen Sonne, die wegblieb ... wegblieb ...
Da kam ein Streif bläulichen Rots herauf, der sich an die Wolken klammerte, und die Ränder wurden licht und glühend, und es begann zu blitzen, und wieder schossen da feurige Pfeile durch den Luftraum, doch sie fielen diesmal nicht nieder, sie hefteten sich an den dunklen Grund fest und teilten ihre Glut in grösseren und grösseren Kreisen mit, und begegneten einander, kreuzten, verschlangen, wendeten sich und vereinigten sich zu Strahlenbündeln, und wetterleuchteten in goldenem Glanz auf einem Grunde von Perlmutter, und es war da Rot und Gelb und Blau und Silbern und Purpurn und Azurn in diesem allen ... o Gott, das war die Morgenröte: das war das Wiedersehen mit Adinda!
Saïdjah hatte nicht beten gelernt, und ihn es zu lehren, wäre auch unnütz gewesen, denn heiligeres Gebet und ein feurigerer Dank, als da in dem sprachlosen Entzücken seiner Seele lag, war nicht in menschliche Sprache zu fassen.
Er wollte nicht nach Badur hinein. Das Wiedersehen mit Adinda selbst schien ihm minder schön als die Sicherheit, dass er sie nun alsbald sehen werde. Er setzte sich an den Fuss des Ketapan und liess das Auge über die Landschaft schweifen. Die Natur lachte ihm zu und schien ihn willkommen zu heissen wie eine Mutter ihr zurückkehrendes Kind. Und ebenso wie diese ihre Freude äussert durch das eigenwillige Erinnern an vorübergegangenen Schmerz beim Vorzeigen dessen, was sie während der Trennung als Andenken bewahrte, so ergötzte auch Saïdjah sich an dem Wiedererkennen so vieler Örtlichkeiten, die Zeugen seines kurzen Lebens waren. Aber wie seine Augen oder seine Gedanken auch umherschweiften, immer fielen Blick und Verlangen zurück auf den Pfad, der von Badur nach dem Ketapanbaum führt. Alles, was seine Sinne wahrnahmen, hiess Adinda. Er sah den Abgrund links, wo die Erde so gelb ist, wo einmal ein junger Büffel in die Tiefe sank: da hatten sich die Bewohner des Dorfes versammelt, um das Tier zu retten--denn es ist keine geringe Sache, einen jungen Büffel zu verlieren!--und sie hatten sich an starken Rottanstricken hinuntergelassen. Adindas Vater war der mutigste gewesen ... o, wie sie in die Hände klatschte, Adinda!
Und drüben an der andern Seite, wo das Kokoswäldchen seine Kronen über den Hütten des Dorfes schaukelt, da irgendwo war Si-unah aus dem Baum gefallen und hatte den Tod gefunden. Wie weinte seine Mutter: »weil Si-unah noch so klein war«, jammerte sie ... als ob sie sich minder betrübt hätte, wenn Si-unah grösser gewesen wäre! Doch klein war er, das ist wahr, denn er war kleiner und schwächer noch als Adinda ...
Niemand betrat den schmalen Weg, der von Badur nach dem Baum leitete. Gleich aber werde sie kommen; o gewiss, es war noch früh.
Saidjah sah einen Badjing [5], der mit ausgelassener Hurtigkeit hin und wieder sprang gegen den Stamm eines Klappabaums. Das Tierchen--ein Ärgernis für den Eigner des Baumes, aber doch so lieb in Gestalt und Bewegung--kletterte unermüdlich auf und nieder. Saïdjah sah es und zwang sich, es im Auge zu behalten, weil dies seinen Gedanken Ablenkung gab von der schweren Arbeit, die sie seit dem Aufgange der Sonne verrichteten--Ruhe nach dem ermüdenden Warten. Sehr bald äusserten sich seine Eindrücke in Worten, und er sang, was in seiner Seele vorging. Es wäre mir lieber, euch sein Lied in Malayisch vorlesen zu können, dem Italienisch des Ostens; doch hier ist die Übertragung:
Sieh, wie der Badjing Atzung sucht Auf dem Klappabaum. Er steigt auf und ab, hopst links und rechts, Er kreist um den Baum, springt, fällt, klimmt und fällt wieder: Er hat keine Flügel und ist doch hurtig wie ein Vogel.
Viel Glück, mein Badjing, ich wünsch' dir Heil! Sicher wirst du finden die Atzung, die du suchst ... Doch ich sitze allein bei dem Djatibusch, Wartend auf Atzung für mein Herz.
Lang' schon ist der kleine Bauch meines Badjing gesättigt ... Lang' schon ist er zurückgekehrt in sein Nestchen ... Doch immerdar noch ist meine Seele Und mein Herz bitter betrübt ... Adinda!
Noch war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Ketapanbaum leitete.
Saïdjahs Auge fiel auf einen Falter, der sich zu freuen schien, weil es warm zu werden begann:
Sieh, wie der Falter dort rundflattert. Seine Schwingen prangen wie eine vielfarbige Blume. Sein Herz ist verliebt in die Kenarieblüte: Gewiss sucht er sein wohlriechendes Liebchen.
Viel Glück, mein Falter, ich wünsch' dir Heil! Sicher wirst du finden, was du suchst ... Doch ich sitze allein bei dem Djatibusch, Wartend auf die, die mein Herz lieb hat.
Lang' schon hat der Falter geküsst Die Kenarieblume, die er so lieb hat ... Doch immerdar noch ist meine Seele Und mein Herz bitter betrübt ... Adinda!
Und es war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Baum leitete.
Die Sonne begann auf die Höhe zu klimmen ... es war schon heiss in der Luft.
Sieh, wie die Sonne leuchtet dort in der Höhe, Hoch über dem Waringi-Hügel. Sie fühlt sich zu warm und wünscht niederzusteigen, Dass sie schlafe in der See wie im Arm eines Gatten.
Viel Glück, o Sonne, ich wünsch' dir Heil! Was du suchst, wirst sicher du finden ... Doch ich sitze allein bei dem Djatibusch, Wartend auf Ruh für mein Herz.
Lang' schon wird die Sonne untergegangen sein Und schlafen in der See, wenn alles dunkel ist ... Und immerdar noch wird meine Seele Und mein Herz bitter betrübt sein ... Adinda!
Noch war niemand auf dem Wege, der da von Badur her nach dem Ketapan leitete.
Wenn nicht länger Falter werden rundflattern, Wenn nicht die Sterne mehr werden glänzen, Wenn die Melatti nicht mehr wohlriechend sein wird, Wenn da nicht länger Herzen betrübt sind, Nicht mehr sein wird wildes Getier in dem Wald ... Wenn die Sonne verkehrt wird laufen, Und der Mond vergessen, was Ost und West ist ... Wenn dann Adinda noch nicht gekommen ist, Dann wird ein Engel mit blinkenden Flügeln Niederkommen zur Erde, dass er suche, was da allein blieb. Dann wird mein Leichnam hier liegen unter dem Ketapan ... Meine Seele ist bitter betrübt ... Adinda!
Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Baum leitete.
Dann wird mein Leichnam von dem Engel gesehn werden. Er wird ihn seinen Brüdern mit dem Finger weisen:
"Sehet, dort ist ein gestorb'ner Mensch vergessen, Sein erstarrter Mund küsst eine Melattiblume. Kommt, dass wir ihn aufnehmen und gen Himmel tragen, Ihn, der Adindas harrte, bis er tot war. Fürwahr, er darf nicht allein dahierbleiben, Dessen Herz die Kraft hatte, so zu lieben!"
Dann soll noch einmal mein erstarrter Mund sich öffnen, Um Adinda zu rufen, die mein Herz lieb hat ... Noch einmal will ich die Melatti küssen, Die sie mir gab ... Adinda ... Adinda!
Und noch immer war da niemand auf dem Pfade, der von Badur nach dem Ketapan führte.
O, sie war gewiss gegen Morgen hin in Schlaf gefallen, ermüdet von all dem Wachen während der Nacht, vom Wachen vieler Nächte! Sicher hatte sie seit Wochen nicht geschlafen: so war es!
Sollte er aufstehen und nach Badur gehen? Nein! Möchte es nicht scheinen, als ob er an ihrem Kommen zweifelte?
Wenn er den Mann anriefe, der da einen Büffel aufs Feld trieb? Der Mann war zu fern. Überdies, Saïdjah wollte nicht sprechen über Adinda, nicht fragen nach Adinda ... er wollte sie wiedersehen, sie allein, sie zuerst! O sicher, sicher musste sie nun gleich kommen!
Er sollte warten, warten ...
Aber wenn sie krank wäre oder ... tot?
Wie ein angeschossener Hirsch flog Saïdjah den Pfad entlang, der von dem Ketapan nach dem Dorf führt, wo Adinda wohnte. Er sah nichts und er hörte nichts, und doch hätte er etwas hören können, denn es standen Menschen auf dem Wege am Eingang des Dorfes, die riefen: »Saïdjah, Saïdjah!«
Doch ... war es seine Hast, seine Leidenschaft, die ihn hinderte, Adindas Haus zu finden? Er war schon bis ans Ende des Weges, wo das Dorf aufhört, dahingeflogen, und wie toll kehrte er um und schlug sich vor den Kopf, dass er an ihrem Hause vorbeilaufen konnte, ohne es zu sehen. Aber wieder war er am Dorfeingang, und--mein Gott, war es ein Traum?--wieder hatte er Adindas Haus nicht gefunden! Noch einmal flog er zurück, und plötzlich blieb er stehen, griff mit beiden Händen an seinen Kopf, als wollte er den Wahnsinn herausreissen, der ihn packte, und rief laut: »Von Sinnen, betrunken, ich bin betrunken!«
Und die Frauen von Badur kamen aus ihren Häusern und sahen mit Erbarmen Saïdjah da stehen, denn sie erkannten ihn und begriffen, dass er Adindas Haus suche, und wussten, dass ein Haus Adindas nicht im Dorfe Badur sei.
Denn als das Distriktshaupt von Parang-Kudjang Adindas Vater den Büffel weggenommen hatte ...
ich hab' dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte eintönig ist!
... da war Adindas Mutter gestorben vor Kummer. Und ihr jüngstes Schwesterchen war gestorben, weil es keine Mutter hatte, die es säugte. Und Adindas Vater, der sich vor der Strafe fürchtete, als er seine Landrenten nicht bezahlen konnte ...
weiss wohl, weiss wohl, dass meine Geschichte eintönig ist!
... Adindas Vater war fortgegangen aus dem Lande. Er hatte Adinda mitgenommen und auch ihre Brüder. Aber er hatte vernommen, wie Saïdjahs Vater in Buitenzorg mit Stockschlägen gestraft worden war, weil er Badur ohne Pass verlassen hatte. Und darum war Adindas Vater weder nach Buitenzorg gegangen, noch nach Krawang, noch nach Preanger, noch in die Bataviaschen Ommelande ... er war nach Tjilangkahan gegangen, dem Distrikt von Lebak, der an die See grenzt. Da hatte er sich in den Wäldern versteckt gehalten und die Ankunft von Pa-ento, Pa-lontha, Si-uniah, Pa-ansiu, Abdul-isma und noch einigen andern abgewartet, die durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang ihrer Büffel beraubt worden waren und die Alle Strafe fürchteten, wenn sie ihre Landrenten nicht bezahlten. Da hatten sie sich bei Nacht zum Herrn eines Fischerewers gemacht und waren in See gestochen. Sie steuerten westlich und liessen das Land rechts liegen, bis nach Javapunt. Von hier hatten sie sich nordwärts gewendet, bis sie Tanah-itam vor sich sahen, das die europäischen Seeleute Prinseneiland nennen. Sie hatten das Eiland an der Ostseite umsegelt und steuerten auf die Kaiserbai, indem sie den hohen Pik in den Lampongs zur Richtung nahmen. Wenigstens war so der Weg, den man sich im Lebakschen flüsternd ins Ohr sagte, wenn über offiziellen Büffelraub und unbezahlte Landrenten gesprochen wurde.
Doch der verwirrte Saïdjah verstand nicht deutlich, was man ihm sagte. Selbst den Bericht von seines Vaters Tode begriff er nicht völlig. Es war ein Gebrause in seinen Ohren, als hätte man in seinem Kopfe einen Gong angeschlagen. Er fühlte, wie das Blut stossweise durch die Adern gegen seine Schläfen geschleudert wurde, die unter der Wucht so schweren Anstürmens zu zerspringen drohten. Er sprach nicht und starrte mit erstorbenem Blick umher, ohne zu sehen, was um ihn und wer bei ihm war, und brach endlich in grausiges Gelächter aus.
Eine alte Frau nahm ihn mit nach ihrem Häuschen und verpflegte den armen Schelm. Dann lachte er nicht mehr so schaurig, aber doch sprach er nicht. Nur des Nachts wurden die Hausgenossen durch seine Stimme aufgeschreckt, wenn er tonlos sang: »Ich weiss nicht, wo ich sterben soll«, und einige Bewohner von Badur legten Geld zusammen, um den Boajas des Tjudjung-Gewässers ein Opfer für die Genesung Saïdjahs zu bringen, den sie für wahnsinnig hielten. Doch wahnsinnig war er nicht.
Denn eines Nachts, als der Mond heller leuchtete, stand er vom Baleh-baleh auf, verliess leise das Haus und suchte nach der Stelle, wo Adinda gewohnt hatte. Es war nicht leicht, sie zu finden, weil so viele Häuser eingestürzt waren. Doch er meinte, den Platz an der bestimmten Weite des Winkels zu erkennen, die etliche Lichtungen, die durch das Gehölz liefen, bei ihrer Begegnung in seinem Auge bildeten, wie der Seemann seinen Stand nach Leuchttürmen und hervorragenden Bergspitzen berechnet.
Ja, hier musste es sein ... hier hatte Adinda gewohnt!
Über halbverfaulten Bambus und Stücke des niedergestürzten Daches strauchelnd, bahnte er sich einen Weg zu dem Heiligtume, das er suchte. Und wirklich, er fand noch einen Rest der aufrechtstehenden Wand, neben welcher Adindas Baleh-baleh gestanden hatte, und es steckte gar noch der kleine Bambuspflock darin, an dem sie ihr Kleid aufhängte, wenn sie sich schlafen legte ...
Aber der Baleh-baleh war, wie das Haus, eingestürzt und beinahe zu Staub vergangen. Er nahm eine Handvoll davon, drückte ihn an seine geöffneten Lippen und atmete sehr tief ...
Tags darauf fragte er die alte Frau, die ihn gepflegt hatte, wo der Reisblock sei, der auf dem Erbe von Adindas Haus gestanden hätte. Die Frau war erfreut, dass sie ihn reden hörte, und lief im Dorfe herum, um den Block zu suchen. Als sie Saïdjah den neuen Eigner bezeichnen konnte, folgte er ihr schweigend, und beim Reisblocke angelangt, zählte er an ihm zweiunddreissig Kerbschnitte ...
Darauf gab er der Frau so viele spanische Dollars, wie zum Kauf eines Büffels erforderlich waren, und verliess Badur. In Tjilangkahan kaufte er einen Fischerewer und erreichte damit nach einigen Tagen Segelns die Lampongsche Küste, wo die Aufständischen sich gegen die Niederländische Herrschaft empörten. Er schloss sich einem Trupp von Bantamern an, weniger um des Kampfes willen, als um Adinda zu suchen. Denn er war sanftmütig von Art und eher Betrübtheit zugänglich als Bitterkeit.