Chapter 22
Ich werde mir Mühe geben, nichts von diesem Saïdjah zu hören, und hoffe, dass der Mann schnell heiratet, wenigstens wenn er der Held der Liebesgeschichte ist. Es ist nur gut von Stern, dass er vorher gewarnt hat, es werde eine eintönige Geschichte sein. Wenn er dann später mit etwas anderm beginnt, werde ich wieder zuhören. Aber das Herunterreissen der Indischen Verwaltung missfällt mir fast ebensosehr wie Liebesgeschichten. Man sieht aus allem, dass Stern jung ist und wenig Erfahrung hat. Um die Dinge recht zu beurteilen, muss man alles aus der Nähe sehen. Zur Zeit meiner Verheiratung bin ich selbst im Haag gewesen und habe mit meiner Frau das Moritzhaus besucht. Ich bin dort mit allen Gesellschaftsständen in Berührung gekommen, denn ich habe den Finanzminister vorbeifahren sehen, und wir haben zusammen Flanell gekauft in der Veenestraat--ich und meine Frau, meine ich--und nirgends habe ich auch nur das geringste Zeichen von Unzufriedenheit mit der Regierung wahrgenommen. Die Frau in dem Laden sah glücklich und zufrieden aus, und da nun im Jahre 1848 einzelne uns weiszumachen suchten, dass im Haag nicht alles so stände wie es sich gehörte, habe ich auf dem Kränzchen über diese Unzufriedenheit unumwunden meine Meinung gesagt. Ich fand Glauben, denn jeder wusste, dass ich aus Erfahrung sprach. Auch auf der Rückreise mit der Postkutsche hat der Postillon »Freut euch des Lebens« geblasen, und das würde der Mann doch nicht gethan haben, wenn es so übel stand. In dieser Weise habe ich auf alles geachtet und wusste also sofort, was man im Jahre 1848 von all dem Murren zu denken hatte.
Uns gegenüber wohnt eine Frau, deren Vetter in Ostindien einen »Toko« offen hält, wie sie dort einen Laden nennen. Wenn also alles so schlecht stände, wie Stern sagt, so würde sie doch auch wohl etwas davon wissen, und es scheint doch, dass sie sehr zufrieden ist mit den Geschäften, denn ich höre sie niemals klagen. Im Gegenteil, sie sagt, dass ihr Vetter da auf einem Landsitz wohnt, und dass er Mitglied vom Kirchenrat ist, und dass er ihr einen pfauenfedernen Zigarrenbehälter geschickt hat, den er selbst aus Bambus gemacht hätte. Dies alles zeigt doch deutlich, wie unbegründet das Gejammer über schlechte Zeiten ist. Gleichfalls ersieht man daraus, dass für jemanden, der nur aufpassen will, in dem Lande wohl noch was zu verdienen ist, und dass also dieser Shawlmann auch da schon faul, dünkelhaft und kränklich gewesen ist, sonst würde er nicht so arm nach Haus gekommen sein und hier ohne Winterrock herumlaufen. Und der Vetter von der Frau uns gegenüber ist nicht der einzige, der im Osten sein Glück gemacht hat. Im »Café Polen« hier bei uns in Amsterdam, wo so viele Börsenbesucher verkehren, sehe ich viele, die dort gewesen sind und wirklich verflucht nobel auftreten. Aber selbstverständlich, aufs Geschäft muss man acht geben, da drüben so gut wie hier. Auf Java werden die gebratenen Tauben niemandem in den Mund fliegen: es muss gearbeitet werden! Wer das nicht will, ist arm und bleibt arm, das ist wohl selbstredend, und es ist auch gut so.
SIEBZEHNTES KAPITEL.
Saïdjahs Vater hatte einen Büffel, mit dem er sein Feld bestellte. Als nun dieser Büffel durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang ihm abgenommen wurde, war er sehr betrübt und sprach viele Tage lang kein Wort. Denn die Zeit des Pflügens war nahe, und es war zu befürchten, dass, wenn man die Sawah nicht zeitig bearbeitete, auch die Zeit des Säens vorübergehen werde, und endlich, dass kein Reis geschnitten und im Lombong des Hauses geborgen werden könnte.
Ich muss hierbei für Leser, die wohl Java, jedoch nicht Bantam kennen, die Bemerkung machen, dass in dieser Residentschaft »persönliches Grundeigentum« besteht, was anderswo nicht der Fall ist.
Saïdjahs Vater also war sehr bekümmert. Er fürchtete, dass seine Frau Reis nötig haben werde, und auch Saïdjah, der noch ein Kind war, und die Brüderchen und Schwesterchen von Saïdjah.
Auch werde das Distriktshaupt ihn beim Assistent-Residenten verklagen, wenn er in der Bezahlung seiner Landrenten zurückbleiben würde, denn darauf steht Gesetzesstrafe.
Da nahm Saïdjahs Vater einen Kris, der ein Pusaka von seinem Vater war. Der Kris war nicht sehr schön, aber es waren silberne Bänder um die Scheide gelegt, und auch die Spitze der Scheide war mit Silber plattiert. Er verkaufte diesen Dolch an einen Chinesen, der am Hauptplatze wohnte, und kam nach Hause mit vierundzwanzig Gulden, für welches Geld er einen anderen Büffel kaufte.
Saïdjah, der damals etwa sieben Jahre alt war, hatte mit dem neuen Büffel schnell Freundschaft geschlossen. Nicht ohne Absicht sage ich: Freundschaft, denn es ist in der That rührend, zu sehen, wie der javanische Kerbo dem kleinen Jungen, der ihn hütet und versorgt, anhängt. Das starke Tier beugt willig den schweren Kopf rechts, links oder nach unten auf den Fingerdruck des Kindes, das es kennt, das es versteht, mit dem es aufgewachsen ist.
Solche Freundschaft hatte denn auch der kleine Saïdjah dem neuen Gast sehr bald einzuflössen gewusst, und Saïdjahs ermutigende Kinderstimme schien dem kraftvollen Nacken des gewaltigen Tieres noch mehr Kraft zu geben, wenn es den schweren Kleigrund aufriss und seinen Weg in tiefen, scharfen Furchen zeichnete. Der Büffel wendete willig um, wenn er das Ende des Ackers erreicht hatte, und verlor nicht eines Daumens Breite Grund beim Zurückpflügen der neuen Furche, die jedesmal neben der alten lag, als wäre die Sawah ein von einem Riesen geharkter Gartengrund.
Daneben lagen die Sawahs von Adindas Vater, dem Vater des Kindes, das mit Saïdjah einst ehelichen sollte. Und wenn Adindas Brüderchen an die zwischenliegende Grenze kamen und just auch Saïdjah da war mit seinem Pflug, dann riefen sie einander fröhlich zu und rühmten um die Wette die Kraft und die Willigkeit ihrer Büffel. Doch ich glaube, dass Saïdjahs der beste war, vielleicht wohl weil dieser ihm besser zuzusprechen wusste als die andern. Denn Büffel haben viel Gefühl für ein gutes Wort.
Saïdjah war neun Jahre alt geworden und Adinda sechs Jahre, als dieser Büffel Saïdjahs Vater durch das Distriktshaupt von Parang-Kudjang abgenommen wurde.
Saïdjahs Vater, der sehr arm war, verkaufte nun zwei silberne Klambuhaken--Pusakas von den Eltern seiner Frau--für achtzehn Gulden. Und für dieses Geld kaufte er einen neuen Büffel.
Aber Saïdjah war betrübt. Denn er wusste von den kleinen Brüdern Adindas, dass der vorige Büffel nach dem Hauptplatz getrieben worden war, und er hatte seinen Vater gefragt, ob er das Tier nicht gesehen habe, als er dort war, die Klambuhaken zu verkaufen. Auf diese Frage hatte ihm sein Vater nicht antworten wollen, darum fürchtete er, dass sein Büffel geschlachtet war, wie die andern Büffel, die das Distriktshaupt der Bevölkerung abnahm.
Und Saïdjah weinte viel, wenn er an den armen Büffel dachte, mit dem er zwei Jahre lang so innig umgegangen war. Und er konnte nicht essen, lange Zeit nicht, denn seine Kehle war zu eng, wenn er schluckte.
Man bedenke, dass Saïdjah ein Kind war.
Der neue Büffel lernte Saïdjah kennen und nahm in der Geneigtheit des Kindes sehr schnell den Platz seines Vorgängers ein. Allzu schnell eigentlich. Denn ach, die Wachseindrücke unseres Herzens werden so leicht glattgestrichen, um Platz zu machen für spätere Schrift! Wie dem auch sei, der neue Büffel war nicht so stark wie der vorige ... wohl war das alte Joch zu weit für seinen Nacken ... aber das arme Tier war willig wie sein Vorgänger, der geschlachtet war, und konnte gleich Saïdjah beim Zusammentreffen an der Grenze mit Adindas Brüderchen die Kraft seines Büffels nicht besonders rühmen, er behauptete doch, dass kein anderer den seinen an gutem Willen überträfe. Und wenn die Furche nicht so gradlinig wie früher war oder wenn Erdklumpen undurchschnitten zur Seite geblieben waren, so besserte er gern mit seinem Patjol, so viel er konnte. Obendrein, kein Büffel hatte ein User-useran wie der seine. Der Penghulu selbst hatte ja gesagt, dass da Ontong sei in dem Lauf der Haarwirbel auf den Hinterblättern.
Einstmals auf dem Felde rief Saïdjah seinem Büffel vergebens zu, eilig am Werk zu sein. Das Tier stand wie angewurzelt da. Überrascht über so grosse und vor allem so ungewohnte Widerspenstigkeit, konnte er sich nicht enthalten, einen Schimpf auszustossen. Er sagte: a. s. Jeder, der in Indien gewesen ist, wird mich verstehen. Und wer mich nicht versteht, gewinnt nur dabei, wenn ich ihm die Erklärung eines groben Ausdrucks erspare.
Saïdjah meinte gleichwohl nichts Böses damit. Er sagte es nur, weil er es so mehrmals von andern hatte sagen hören, wenn sie über ihre Büffel ungehalten waren. Aber er hätte nichts zu sagen brauchen, denn es half nichts: sein Büffel that keinen Schritt vorwärts. Er schüttelte den Kopf, als wollte er das Joch abwerfen ... man sah ihn den Atem aus seinen Nüstern blasen ... er schnob, bebte, schauderte ... Angst war in seinem blauen Auge, und die Lefze war aufgezogen, sodass das Zahnfleisch bloss lag ...
»Fliehe, fliehe,« riefen auf einmal Adindas Brüderchen, »Saïdjah, fliehe! da ist ein Tiger!«
Und alle entledigten ihre Büffel der Pflugjoche und schwangen sich auf die breiten Rücken und galloppierten davon durch Sawahs, über Galangans, durch Schlamm, durch Krüppelholz und Buschwerk und hohes Alanggras, längs der Felder und Wege, und als sie schnaubend und schwitzend ins Dorf Badur einritten, war Saïdjah nicht unter ihnen.
Denn als dieser wie die andern seinen vom Joch befreiten Büffel bestiegen hatte, um wie sie die Flucht zu ergreifen, hatte ein unerwarteter Sprung des Tieres ihm das Gleichgewicht genommen und ihn zur Erde geworfen. Der Tiger war sehr nahe ...
Saïdjahs Büffel, durch eigene Schwungkraft vorwärtsgetrieben, schoss um einige Sätze an dem Fleck vorbei, wo seines kleinen Herrn der Tod wartete. Das Tier war nur infolge seiner heftigen Fahrt und ohne seine Absicht weiter an Saïdjah vorbeigesaust. Denn kaum hatte es die Kraft überwunden, die allen Stoff beherrscht, auch nachdem die treibende Ursache wirkungslos geworden ist, da kam es zurück, setzte auf seine ungeschlachten Füsse den ungeschlachten Leib gleich einem Dach über das Kind und kehrte seine gehörnte Stirn dem Tiger zu. Dieser sprang ... aber er sprang zum letztenmal. Der Büffel fing ihn mit seinen Hörnern auf, er selbst verlor nur ein Stück Fleisch, das der Tiger ihm am Halse ausschlug. Der Angreifer lag da mit aufgeschlitztem Bauch, Saïdjah war gerettet. Wirklich war da Ontong gewesen in dem User-useran dieses Büffels!
Als dieser Büffel Saïdjahs Vater abgenommen war und geschlachtet ...
ich habe dir gesagt, Leser, dass meine Geschichte eintönig ist!
... als dieser Büffel geschlachtet war, zählte Saïdjah schon 12 Jahre, und Adinda wob schon Sarongs, und »batikte« sie mit Kapalas. Sie hatte schon Gedanken in den Lauf ihres 'Farbschiffchens' zu bringen, und sie zeichnete Betrübtheit auf ihr Gewebe, denn sie hatte Saïdjah sehr traurig gesehen.
Und auch Saïdjahs Vater war sehr betrübt, doch seine Mutter am meisten. Hatte diese doch die Wunde am Halse des treuen Tieres geheilt, das ihr Kind unversehrt nach Hause gebracht hatte, während sie auf die Erzählung von Adindas Brüderchen geglaubt hatte, dass es von dem Tiger davongeschleppt sei. Sie hatte die Wunde so oft mit dem Gedanken betrachtet, wie tief wohl die Krallen, die so weit in die rauhen Fasern des Büffels eindrangen, in den weichen Leib ihres Kindes eingedrungen sein möchten, und oft, wenn sie frische Heilkräuter auf die Wunde gelegt hatte, streichelte sie den Büffel und sprach ihm einige freundliche Worte zu, damit das gute, treue Tier doch wissen sollte, wie dankbar eine Mutter ist. Sie hoffte später, dass der Büffel sie doch verstanden haben möchte, denn dann hätte er auch ihr Jammern begriffen, als er weggeführt wurde, um geschlachtet zu werden, und er hätte dann gewusst, dass es nicht Saïdjahs Mutter war, die ihn schlachten liess.
Einige Zeit darnach flüchtete Saïdjahs Vater aus dem Lande. Denn er hatte grosse Furcht vor der Strafe, wenn er seine Landrente nicht bezahlen würde, und er hatte kein Pusaka mehr, um einen neuen Büffel zu kaufen, da seine Eltern stets in Parang-Kudjang gewohnt hatten und ihm also wenig nachlassen konnten. Auch die Eltern seiner Frau wohnten dauernd im selben Distrikt. Nach dem Verlust des letzten Büffels hielt er sich gleichwohl noch einige Jahre aufrecht, indem er mit gemieteten Pflugtieren arbeitete. Doch das ist ein sehr undankbares Arbeiten, und vor allem verdriesslich für jemanden, der im Besitz von einigen Büffeln gewesen. Saïdjahs Mutter starb vor Kummer, und da war es, dass sein Vater sich in einem Augenblick der Mutlosigkeit aus Lebak und aus Bantam fortmachte, um im Buitenzorgschen Arbeit zu suchen. Er wurde mit Stockschlägen bestraft, weil er Lebak ohne Pass verlassen hatte, und durch die Polizei nach Badur zurückgebracht. Hier wurde er ins Gefängnis gebracht, weil man ihn für irrsinnig hielt, was nicht so befremdend gewesen wäre, und weil man fürchtete, er werde, in einem Anfall von matah-glap, amokh machen oder andere Verkehrtheiten begehen. Doch er war nicht lange gefangen, indem er kurz darauf starb.
Was aus den Brüdern und Schwestern Saïdjahs geworden ist, weiss ich nicht. Das Häuschen, das sie zu Badur bewohnten, stand einige Zeit leer und fiel dann schnell ein, da es nur von Bambus gebaut und mit Atap gedeckt war. Ein bisschen Staub und Schutt bedeckte den Fleck, wo so viel erduldet wurde. Es giebt viele solcher Orte in Lebak.
Saïdjah war fünfzehn Jahre alt, als sein Vater nach Buitenzorg verzog. Er hatte ihn nicht dahin begleitet, weil er sich mit grösseren Plänen trug. Man hatte ihm gesagt, dass in Batavia sehr viele Herren seien, die in Bendies führen, sodass er also dort leicht eine Stelle als Bendiejunge finden müsse, wozu man gewöhnlich jemanden wählt, der noch jung und unausgewachsen ist, um nicht durch zu grosse Last hinten auf dem zweirädrigen Fuhrwerk das Gleichgewicht aufzuheben. Es wäre, hatte man ihm versichert, bei guter Führung ein gut Stück Geld bei solchem Dienste zu gewinnen. Vielleicht gar würde er auf diese Weise binnen drei Jahren genug ersparen können, um zwei Büffel zu kaufen. Diese Aussicht lachte ihm entgegen. Mit selbstbewusstem Schritt, wie jemand, der grosse Dinge im Sinne hat, trat er nach der Abreise seines Vaters bei Adinda ein und teilte ihr seinen Plan mit.
--Denk' doch, sagte er, wenn ich wiederkomme, werden wir alt genug sein, zu freien, und wir werden dann zwei Büffel haben!
--Prächtig, Saïdjah, ich will gern zu dir gehen, wenn du wiederkommst. Ich werde spinnen und Sarongs und Slendangs weben und batiken und sehr fleissig sein die ganze Zeit.
--O, ich glaube dir, Adinda! Aber ... wenn ich dich verheiratet finde?
--Saïdjah, du weisst doch sehr gut, dass ich mit niemandem ehelichen werde. Mein Vater hat mich deinem Vater zugesagt.
--Und du selbst?
--Ich werde dich heiraten, dessen sei sicher!
--Wenn ich zurückkomme, werde ich von ferne rufen ...
--Wer soll es hören, wenn wir im Dorfe Reis stampfen?
--Das ist wahr. Doch Adinda ... das ist besser: erwarte mich bei dem Djatigehölz, unter dem Ketapanbaum, wo du mir die Melattiblume gegeben hast.
--Aber, Saïdjah, wie kann ich wissen, wann ich hingehen muss, um dich bei dem Ketapan zu erwarten?
Saïdjah bedachte sich einen Augenblick und sagte:
--Zähl' die Monde. Ich werde drei-mal-zwölf Monde ausbleiben. Dieser Mond rechnet nicht mit. Sieh, Adinda, schneide eine Kerbe bei jedem neuen Mond in deinen Reisblock. Wenn du drei-mal-zwölf Kerben eingeschnitten hast, werde ich den Tag, der darauf folgt, bei dem Ketapan ankommen. Gelobst du, dass du da bist?
--Ja, Saïdjah, ich werde unter dem Ketapan beim Djatigehölz sein, wenn du zurückkommst.
Nun riss Saïdjah einen Streifen von seinem blauen Kopftuch, das sehr verschlissen war, und er gab das Stückchen Leinwand Adinda, damit sie es als Pfand bewahre. Und darauf verliess er sie und Badur.
Er lief viele Tage hindurch. Er ging an Rangkas-Betung vorbei, das derzeit noch nicht der Hauptplatz von Lebak war, und an Warang-Gunung, wo damals der Assistent-Resident wohnte, und folgenden Tages sah er Pandeglang, das da liegt wie in einem Garten. Wieder einen Tag später kam er in Serang an, und er stand überwältigt von der Pracht eines so grossen Platzes mit vielen Häusern, gebaut aus Stein und gedeckt mit roten Ziegeln. Saïdjah hatte dergleichen nie gesehen. Er blieb dort einen Tag, weil er ermüdet war, aber in der Kühle der Nacht marschierte er weiter und kam am folgenden Tag nach Tangerang, noch bevor der Schatten bis auf seine Lippen gesunken war, wiewohl er den grossen Tudung trug, den sein Vater ihm hinterlassen hatte.
In Tangerang badete er sich nahe bei der Überfahrt im Flusse, und er ruhte aus im Hause eines Bekannten seines Vaters, der ihn unterwies, wie man Strohhüte flicht, gerade solche, wie sie von Manilla kommen. Er blieb dort einen Tag, um dies zu lernen, und er dachte, hiermit später sich etwas verdienen zu können, falls er in Batavia etwa kein Glück haben würde. Den folgenden Tag gegen Abend, als es kühl wurde, dankte er seinem Gastherrn sehr und ging weiter. Sobald es ganz dunkel war, sodass niemand mehr es sehen mochte, brachte er das Blatt zum Vorschein, worin er die Melatti bewahrte, die Adinda ihm unter dem Ketapanbaum gegeben hatte. Denn er war betrübt geworden, weil er sie nun so lange Zeit nicht sehen würde. Den ersten Tag und auch den zweiten hatte er minder stark gefühlt, wie allein er war, da seine Seele noch gänzlich von dem grossen Gedanken erfüllt war, dass er Geld verdienen und hiermit zwei Büffel kaufen werde, wo doch selbst sein Vater nie mehr als einen besessen hatte; auch richteten sich seine Gedanken zu viel auf das Wiedersehen mit Adinda, als dass sie der Betrübtheit über den Abschied viel Raum bieten konnten. Er hatte in überspannter Hoffnung Abschied genommen und ihn in seinen Gedanken schon mit dem endlichen Wiedersehen unter dem Ketapanbaum verknüpft. Denn eine so grosse Rolle spielte die Aussicht auf das Wiedersehen in seinem Herzen, dass er, als er bei der Abreise von Badur an diesem Baum vorüberging, eine Fröhlichkeit in sich fühlte, als wären sie schon vorbei, die sechsunddreissig Monde, die ihn von diesem Augenblicke schieden. Es war ihm vorgekommen, als brauche er nur umzukehren, als sei er schon von der Reise zurück und sehe nun dort unter dem Baume Adinda seiner harren.
Doch je weiter er sich von Badur entfernte und je mehr er inne wurde, wie furchtbar lang ein Tag sein kann, um so mehr empfand er die grosse Dauer der sechsunddreissig Monde. Es war etwas in seiner Seele, das ihn minder schnell fortschreiten liess. Er fühlte Unlust in seinen Knieen, und war es auch nicht Mutlosigkeit, was ihn da überfiel, so doch eine Wehmut, die nicht fern ist von Mutlosigkeit. Er dachte daran, zurückzukehren; doch was sollte dann Adinda von so geringer Beherztheit sagen?
Also schritt er rüstiger zu, wenn auch nicht so schnell wie am ersten Tage. Er hatte die Melatti in der Hand und drückte sie gar manches Mal gegen die Brust. Er war seit drei Tagen viel älter geworden und begriff nicht mehr, wie er früher so ruhig gelebt hatte, wo doch Adinda ihm so nahe war und er sie sehen konnte, so oft und so lange er begehrte. Denn nun würde er nicht so ruhig sein, wenn er erwarten könnte, dass sie da stracks vor ihm stehen werde. Und auch begriff er nicht, dass er nach dem Abschied nicht noch einmal umgekehrt war, um ihr noch einmal ins Gesicht zu schauen! Auch kam es ihm in den Sinn, wie er noch kurz zuvor mit ihr wegen der Schnur gezankt hatte, die sie für den Lalayang, den Drachen ihrer Brüderchen, gesponnen hatte, und die gebrochen war, weil, wie er meinte, ein Fehler in ihrem Gespinnst war, wodurch eine Wette gegen die Kinder aus Tjipurut verloren ging. »Wie war's möglich«, dachte er, »deswegen bös zu werden auf Adinda! Denn hätte sie auch einen Fehler in die Schnur gesponnen, und wäre auch wirklich hierdurch die Wette von Badur gegen Tjipurut verloren worden, und nicht durch die Glasscherbe--so hinterlistig und geschickt sie immer durch den kleinen Djamien aus seinem Versteck hervor geworfen sein mochte--hätte ich selbst dann so hart gegen sie sein und sie mit ungehörigen Namen benennen dürfen? Was ist nun, wenn ich in Batavia sterbe, ohne sie um Vergebung für so grosse Grobheit gebeten zu haben? Ist es nicht, als wenn ich ein schlechter Mensch sei, der ein Mädchen mit Schimpfworten bewirft? Und wird nicht in Badur, wenn man hört, dass ich in fremdem Lande gestorben bin, ein jeder sagen: es ist gut, dass Saïdjah starb, denn er hat einen grossen Mund gehabt gegen Adinda?«
So nahmen seine Gedanken einen Lauf, der sich von der voraufgegangenen Gehobenheit sehr unterschied, und unwillkürlich äusserten sie sich, erst in halben, in sich hinein gesprochenen Worten, dann im Selbstgespräch, und schliesslich in dem wehmütigen Sang, von dem ich hier die Übersetzung folgen lasse. Meine Absicht war zunächst, etwas Mass und Reim in die Wiedergabe zu bringen, doch finde ich es schliesslich besser, das Schnürleibchen wegzulassen.
Ich weiss nicht, wo ich sterben soll. Ich habe die grosse See gesehn am Südrand, da ich da war mit meinem Vater, Salz zu machen. Wenn ich sterbe auf der See und wenn man meinen Leichnam wirft ins tiefe Wasser, werden Haie kommen. Sie werden um meine Leiche schwimmen und fragen: wer von uns wird den Leichnam verschlingen, der da im Wasser treibt? Ich werd's nicht hören.
Ich weiss nicht, wo ich sterben soll. Ich habe das Haus brennen sehen des Pa-ansu, das er selbst ansteckte, weil er matah-glap war. Wenn ich in einem brennenden Hause sterbe, werden glühende Stücke Holz auf meinen Leichnam niederfallen. Und draussen vorm Hause wird ein gross Geruf von Menschen sein, die Wasser werfen, um den Brand zu töten. Ich werd's nicht hören.
Ich weiss nicht, wo ich sterben soll. Ich habe den kleinen Si-unah fallen sehen aus dem Klappa-Baum, als er einen Klappa pflückte für seine Mutter. Wenn ich aus einem Klappa-Baum niederfalle, werd' ich tot niederliegen an seinem Fuss, in den Sträuchern, wie Si-unah. Dann wird meine Mutter nicht weinen, denn sie ist tot. Doch andre werden rufen mit harter Stimme: »Siehe, da liegt Saïdjah!« Ich werd's nicht hören.
Ich weiss nicht, wo ich sterben soll. Ich habe den Leichnam von Pa-lisu gesehen, der an hohem Alter starb, denn seine Haare waren weiss. Wenn ich vor Alter sterbe, mit weissen Haaren, werden die Klagefrauen um meine Leiche stehn. Und sie werden wehklagen wie die Klagefrauen an Pa-lisus Leiche, und auch die Enkelkinder werden weinen, sehr laut. Ich werd's nicht hören.
Ich weiss nicht, wo ich sterben soll. Ich habe viele gesehn zu Badur, die gestorben waren. Man kleidete sie in ein weiss Kleid und begrub sie in den Grund. Wenn ich sterbe zu Badur und man begräbt mich ausserhalb der Dessah ostwärts gegen den Hügel, wo das Gras hoch ist, Dann wird Adinda dort vorbeigehn, und der Saum ihres Sarongs wird leise über das Gras schleifen ... Ich werd' es hören.