Max Havelaar

Chapter 20

Chapter 203,505 wordsPublic domain

Furcht vor eigenem Leiden hatte keinen Anteil an seinen Zweifeln. Denn wusste er auch, wie ungern im allgemeinen die Regierung einen Regenten angeklagt sieht, und wieviel leichter es manchem fällt, den Europäischen Beamten brotlos zu machen, als einen Inländischen Häuptling zu strafen, er hatte doch einen besonderen Grund, zu glauben, dass gerade in diesem Augenblick bei der Beurteilung der vorliegenden Sache andere Grundsätze als die gewohnten sich geltend machen würden. Es ist wahr, dass er auch ohne diese Meinung ebensowohl seine Pflicht gethan haben würde, ja, um so lieber, als er die Gefahr für sich und die Seinen grösser denn jemals erachtete. Es wurde schon gesagt, dass Schwierigkeiten eine Anziehung auf ihn ausübten und wie ihn dürstete nach Aufopferung. Doch er war der Ansicht, dass hier das Verlockende eines Selbstopfers nicht bestehe, und fürchtete, dass er--schliesslich gezwungen, zum ernsthaften Kampf gegen das Unrecht überzugehen--des ritterlichen Hochgefühls sich werde entschlagen müssen, diesen Kampf begonnen zu haben als der Schwächere.

Ja, das fürchtete er. Er war der Meinung, es stünde an der Spitze der Regierung ein Generalgouverneur, der sein Bundesgenosse sein würde, und es war wieder eine Eigentümlichkeit seines Charakters, dass diese Meinung ihn von strengen Massregeln zurückhielt, und zwar länger, als irgend etwas anderes ihn abgehalten haben würde, weil sein Wesen es nicht zuliess, das Unrecht in einem Augenblick anzugreifen, da er das Recht für stärker hielt denn gewöhnlich. Sagte ich nicht schon, als ich versuchte, sein Naturell zu beschreiben, dass er naiv war bei all seinem Scharfsinn?

Wir wollen sehen, wie Havelaar zu dieser Meinung gekommen war.

Es können sich sehr wenige europäische Leser eine rechte Vorstellung bilden von der Höhe, auf der ein Generalgouverneur als Mensch stehen muss, um nicht unter der Höhe seines Amtes zu bleiben, und man sehe es denn auch nicht als ein strenges Urteil an, wenn ich zu der Meinung neige, dass sehr wenige, niemand vielleicht, einer so schweren Forderung gerecht werden konnten. Um nun nicht all die Qualitäten des Kopfes wie des Herzens, die hierfür nötig sind, sich aufzählen zu lassen, erhebe man nur das Auge zu der schwindelerregenden Höhe, auf die so über Nacht der Mann erhoben wird, der, gestern noch einfacher Bürger, heute Macht hat über Millionen Unterthanen. Er, der vor kurzem noch in seiner Umgebung unterging, ohne durch Rang oder Macht über sie hinauszuragen, fühlt sich auf einmal, meist unerwartet, über eine Menge erhoben, die unendlich viel grösser ist als der kleine Kreis, der ihn früher dennoch ganz dem Auge verbarg, und ich glaube, dass ich nicht mit Unrecht die Höhe schwindelerregend nannte, denn sie lässt den Schwindel jemandes empfinden, der unerwartet einen Abgrund vor sich sieht, oder die Blindheit, die uns befällt, wenn wir aus tiefem Dunkel mit Schnelligkeit in scharfes Licht übergeführt werden. Solchen Übergängen sind die Nerven des Gesichts oder Gehirns nicht gewachsen, mögen sie selbst von aussergewöhnlicher Stärke sein.

Wenn also die Ernennung zum Generalgouverneur an sich schon meistens die Ursachen des Verderbs mit sich führt, des Verderbs selbst eines Menschen, der durch Verstand und Gemüt hervorragte, was ist dann wohl zu erwarten von Personen, die schon vor dieser Ernennung an vielen Gebrechen litten? Und nehmen wir immerhin einen Augenblick an, dass der König stets gut unterrichtet ist, wenn er seinen hohen Namen unter die Akte zeichnet, in der er sagt, dass er von der »guten Treu, dem Eifer und der Tauglichkeit« des ernannten Statthalters überzeugt sei, nehmen wir immer an, dass der neue Unterkönig eifrig, treu und tauglich ist, dann noch bleibt es die Frage, ob dieser Eifer, und vor allem, ob diese Tauglichkeit bei ihm in einem Masse vorhanden ist, hoch genug erhoben über Mittelmässigkeit, um den Ansprüchen seiner hohen Berufung zu genügen.

Denn es kann gar nicht die Frage sein, ob der Mann, der im Haag zum erstenmal als Generalgouverneur das Kabinett des Königs verlässt, in diesem Augenblick die Tauglichkeit besitzt, die für sein neues Amt nötig sein wird ... das ist unmöglich! Mit der Bezeugung des Vertrauens zu seiner Tauglichkeit kann nur die Meinung ausgesprochen sein, dass er in einem ganz neuen Wirkungskreise, in einem gegebenen Augenblick, durch Eingebung, wenn's nicht anders ist, wissen werde, was er im Haag nicht gelernt haben kann. Mit andern Worten: dass er ein Genie ist, ein Genie, das mit einem Male kennen muss und können, was es weder kannte noch konnte. Solche Genies sind selten, sogar selten unter Personen, die bei Königen in Gunst stehen.

Wo ich hier von Genies spreche, wird es begreiflich sein, dass ich übergehen möchte, was über so manchen Landvogt zu sagen wäre. Es schiene mir auch nicht entsprechend, meinem Buche Blätter einzufügen, die den ernsthaften Zweck dieses Werkes durch den Verdacht des Skandalinteresses als fragwürdig erscheinen lassen würden. Ich lasse also die Besonderheiten, die auf bestimmte Personen entfallen würden, beiseite; aber als allgemeine Krankheitsgeschichte der Generalgouverneurs meine ich angeben zu können:

Erstes Stadium: Schwindel. Weihrauchtrunkenheit. Grössenwahn. Unmässiges Selbstvertrauen. Minderachtung anderer, vor allem der durch langen indischen Aufenthalt Eingebürgerten.

Zweites Stadium: Ermattung. Furcht. Mutlosigkeit. Neigung zu Schlaf und Ruhe. Übermässiges Vertrauen auf den Rat von Indien. Abhängigkeit vom Allgemeinen Sekretariat. Heimweh nach einem holländischen Landsitz.

Zwischen diesen beiden Stadien, als Übergang--vielleicht gar als Ursache dieses Übergangs--liegen dysenterische Bauchbeschwerden.

Ich vertraue, dass viele in Indien mir dankbar sein werden für diese Diagnose. Sie ist nutzbar zu verwerten, denn man kann als sicher annehmen, dass der Kranke, der durch Überspannung in der ersten Periode an einer Mücke ersticken würde, später--nach der Bauchkrankheit!--sonder Beschwer Kamele vertragen wird. Oder, um deutlicher zu reden, dass ein Beamter, der »Geschenke annimmt, nicht in der Absicht sich zu bereichern«--z. B. einen Büschel Bananen im Werte einiger Heller--mit Schmach und Schande wird fortgejagt werden in der ersten Periode der Krankheit, dass aber jemand, der die Geduld hat, den letzten Zeitabschnitt abzuwarten, sehr ruhig und ohne irgend welche Furcht vor Strafe sich zum Herrn des Gartens wird machen können, wo die Bananen wachsen, mit den Gärten, die daran liegen ... zum Herrn der Häuser, die in der Nachbarschaft liegen ... zum Herrn dessen, was in diesen Häusern ist ... und zum Herrn des einen und andern mehr, ad libitum.

Jeder benutze diesen pathologisch-philosophischen Hinweis zu seinem Vorteil und halte meinen Rat geheim, um allzugrosser Mitbewerbung vorzubeugen ...

Verflucht, dass Entrüstung und Betrübtheit so oft sich kleiden müssen in das Schelmenkleid der Satire! Verflucht, dass eine Thräne, um begriffen zu werden, von Grinsen begleitet sein muss! Oder liegt die Schuld an meiner Ungeschicktheit, dass ich, um ein Mass für die Tiefe der Wunde zu finden, die krebsartig an unserer Staatsverwaltung frisst, keine Worte finde, ohne meinen Stil bei Figaro oder Polichinel zu suchen?

Stil ... ja! Da vor mir liegen Schriftstücke, worin Stil ist! Stil, der verriet, dass ein Mensch in der Nähe war, ein Mensch, dem die Hand zu reichen der Mühe wert gewesen wäre! Und was hat dieser Stil dem armen Havelaar geholfen? Er übersetzte seine Thränen nicht in Gegrinse, er spottete nicht, er suchte nicht durch grelle Buntheit der Farben zu fesseln oder durch die tollen Spässe des Ausrufers vor der Jahrmarktsbude ... was hat es ihm geholfen?

Könnte ich schreiben wie er, ich würde anders schreiben als er.

Stil? Habt ihr gehört, wie er zu den Häuptlingen sprach? Was hat es ihm geholfen?

Könnte ich reden wie er, ich würde anders reden als er.

Fort mit der friedfertigen Sprache, fort mit Milde, Offenherzigkeit, Deutlichkeit, Einfalt, Gefühl! Fort mit allem, was erinnert an des Horatius »justum ac tenacem«! Trompeten hier etwa und scharfes Gellen von Beckenschlag und Gezisch von Raketen und Schrillen von falschen Saiten und hier und da ein wahres Wort, dass es mit einschlüpfe wie verbotene Ware unter Bedeckung von soviel Getrommel und Gepfeife!

Stil? Er hatte Stil! Er hatte zuviel Seele, um seine Gedanken zu ertränken in dem »ich habe die Ehre« und den »Edelgestrengheiten« und dem »ehrerbietig zur Erwägung geben«, wie es die Wollust der kleinen Welt ausmachte, in der er sich bewegte. Wenn er schrieb, durchdrang einen etwas beim Lesen, das liess verstehen, wie da Wolken trieben bei diesem Unwetter, und dass man da nicht das Poltern eines blechernen Theaterdonners hörte. Wenn er Feuer aus seinen Gedanken schlug, fühlte man die Glut von diesem Feuer, es sei denn, dass man geborene Schreiberseele war oder Generalgouverneur oder Verfasser des allerjämmerlichsten Berichts über »ruhige Ruhe«. Und was hat es ihm geholfen?

Wenn ich also gehört werden will--und verstanden vor allem!--muss ich anders schreiben als er. Aber wie dann?

Sieh, Leser, ich suche nach Antwort auf dieses »wie«, und darum hat mein Buch ein so scheckiges Aussehen. Es ist eine Musterkarte: triff deine Wahl. Nachher werde ich dir gelb oder blau oder rot geben, wie du es wünschest.

Havelaar hatte die Gouverneurskrankheit schon so häufig wahrgenommen, an soviel Patienten--und oft 'in anima vili', denn es giebt analog Residenten-, Kontrolleurs- und Surnumerairskrankheiten, die sich zu der ersteren verhalten wie Masern zu Pocken, und endlich: er selbst hatte an dieser Krankheit gelitten!--schon so häufig hatte er das alles wahrgenommen, dass die bezüglichen Erscheinungen ihm ziemlich gut bekannt geworden waren. Er hatte den gegenwärtigen Generalgouverneur beim Beginn der Krankheit weniger schwindelig gefunden, als die meisten andern vor ihm, und glaubte hieraus schliessen zu dürfen, dass auch der fernere Lauf der Krankheit eine andere Richtung nehmen würde.

Da lag der Grund, dass er fürchtete, er werde der stärkere sein, wenn er schliesslich als Verteidiger des guten Rechts der Einwohner von Lebak würde auftreten müssen.

SECHZEHNTES KAPITEL.

Havelaar erhielt einen Brief vom Regenten von Tjanjor, worin dieser ihm mitteilte, dass er seinem Ohm, dem Adhipatti von Lebak, einen Besuch darzubringen wünsche. Diese Nachricht war ihm sehr unangenehm. Er wusste, dass die Häuptlinge in den Preanger Regentschaften einen grossen Wohlstand zur Schau trugen, und dass der Tjanjorsche Tommongong solch eine Reise nicht ohne ein Gefolge von vielen Hunderten machen würde, die alle mit ihren Pferden beherbergt und bewirtet werden mussten. Er hätte also gern diesen Besuch verhindert, doch er sann vergeblich auf Mittel, die dem zuvorkommen konnten, ohne dass sie den Regenten von Rangkas-Betung kränkten, da dieser sehr stolz war und sich tief beleidigt gefühlt haben würde, wenn man seine verhältnismässige Armut als zu entscheidendes Moment angeführt hätte, ihn nicht zu besuchen. Und wenn dieser Besuch nicht zu umgehen war, so musste er unausbleiblich Veranlassung zur Erschwerung des Druckes geben, unter dem die Bevölkerung gebeugt ging.

Es ist zweifelhaft, ob Havelaars Ansprache einen bleibenden Eindruck auf die Häuptlinge gemacht hatte. Bei vielen war dies sicher nicht der Fall, worauf er selbst denn auch nicht gerechnet hatte. Doch ebenso gewiss ist, dass es in den Dörfern freudig von Mund zu Mund gegangen war, dass der Tuwan, der zu Rangkas-Betung Macht hätte, Recht thun wolle, und hatten also auch seine Worte nicht die Kraft gehabt, vor Verbrechen zurückzuschrecken, sie hatten doch den Schlachtopfern derselben den Mut gegeben, sich zu beschweren, geschah es immerhin auch nur zaghaft und verstohlenerweise.

Sie krochen abends durch den Ravijn, und Tine, in ihrem Zimmer sitzend, wurde mehrfach durch unerwartetes Geräusch aufgeschreckt, und sie gewahrte, hinausblickend durchs offene Fenster, dunkle Gestalten, die mit scheuem Tritt vorbeischlichen. Bald erschrak sie nicht mehr, denn sie wusste, was es auf sich hatte, wenn diese Gestalten so spukhaft ums Haus irrten und Schutz suchten bei ihrem Max! Dann winkte sie ihm, und er stand auf, um die Kläger zu sich zu rufen. Die meisten kamen aus dem Distrikt Parang-Kudjang, wo des Regenten Schwiegersohn Häuptling war, und wiewohl dieser Häuptling gewiss nicht versäumte, seinen Teil vom Erpressten zu nehmen, so war es doch für niemanden ein Geheimnis, dass er meistens im Namen und für den Niessbrauch des Regenten raubte. Es war rührend, wie die armen Betroffenen auf Havelaars Ritterlichkeit bauten und überzeugt waren, er werde sie nicht rufen, dass sie am folgenden Tage öffentlich wiederholten, was sie in der Nacht oder am Abend vorher bei ihm im Zimmer gesagt hatten. Denn dies hätte Misshandlung bedeutet für alle, und für viele den Tod! Havelaar zeichnete auf, was sie sagten, und darauf gebot er den Klägern, dass sie in ihr Dorf zurückkehrten. Er versprach, dass Recht geschehen würde, wenn sie nur nicht zur Gewalt griffen und nicht auswanderten, wie es die meisten im Sinne hatten. Meistens war er kurz darauf an dem Ort, wo das Unrecht geschah, ja, oft war er bereits dagewesen und hatte--gewöhnlich des Nachts--die Sache untersucht, bevor noch der Kläger selbst an seine Wohnstätte zurückgekehrt war. So besuchte er in dieser ausgedehnten Abteilung Dörfer, die zwanzig Stunden von Rangkas-Betung entfernt waren, ohne dass der Regent noch selbst der Kontrolleur Verbrugge wussten, dass er vom Hauptplatze abwesend war. Er bezweckte damit, die Gefahr der Rache von den Klägern abzuwenden und zugleich dem Regenten die Beschämung einer öffentlichen Untersuchung zu ersparen, die unter ihm sicher nicht wie früher mit einer Einziehung der Klage abgelaufen wäre. So hoffte er noch immer, dass die Häuptlinge den gefährlichen Weg verlassen würden, den sie schon so lange begingen, und es hätte in diesem Falle für ihn sein Bewenden damit gefunden, dass er die Schadlosstellung der Beraubten forderte ... sofern die Vergütung des erlittenen Schadens möglich sein würde.

Doch jedesmal, nachdem er aufs neue mit dem Regenten gesprochen hatte, erlangte er die Überzeugung, dass die Versprechungen der Besserung eitel waren, und er war bitter betrübt über das Missglücken seiner Bemühungen.

Wir werden ihn nun einige Zeit dieser Betrübtheit und seiner mühevollen Arbeit überlassen, um dem Leser die Geschichte von dem Javanen Saïdjah in der Dessah Badur zu erzählen. Ich entnehme den Namen des Dorfes und den des Javanen aus den Aufzeichnungen von Havelaar. Es wird darin Rede sein von Erpressung und Raub, und wenn man einer dichterischen Schöpfung--was ihren Hauptzweck angeht--Beweiskraft absprechen möchte, so gebe ich die Versicherung, dass ich im stande bin, die Namen von zweiunddreissig Personen allein im Distrikt Parang-Kudjang anzugeben, denen in der Zeit eines Monats sechsunddreissig Büffel abgenommen sind für den Niessbrauch des Regenten. Oder, noch treffender ausgedrückt: dass ich die Namen nennen kann von zweiunddreissig Personen aus diesem Distrikt, die in einem Monat sich zu beklagen den Mut gehabt haben, und deren Klage von Havelaar untersucht und begründet befunden ist.

Solcher Distrikte sind fünf in der Abteilung Lebak ...

Wenn man nun anzunehmen beliebt, dass die Anzahl geraubter Büffel minder gross war in den Landschaften, die nicht die Ehre hatten, von einem Schwiegersohn des Adhipatti verwaltet zu werden, will ich dem nicht widersprechen, wie sehr es die Frage bleibt, ob nicht die Unverschämtheit von anderen Häuptern auf gleich festem Untergrunde ruhte wie auf hoher Verwandtschaft. Der Distriktshäuptling zum Beispiel von Tjilang-Kahan an der Südküste konnte in Ermangelung eines gefürchteten Schwiegervaters sich stützen auf die Schwierigkeit des Einbringens einer Klage für arme Leute, die einen Weg von vierzig bis sechzig »Pfählen« zurückzulegen hatten, ehe es ihnen möglich war, sich abends im Ravijn nahe Havelaars Hause zu verbergen. Und wenn man dazu die vielen berücksichtigt, die sich auf den Weg machten, ohne jemals das Haus zu erreichen ... die vielen, die nicht einmal aus ihrem Dorfe sich aufmachten, abgeschreckt durch eigene Erfahrung oder das Los gewahrend, das anderen Klägern erblühte, dann, glaube ich, würde sich die Meinung als unrichtig herausstellen, dass die Multiplizierung der Zahl gestohlener Büffel aus einem Distrikt mit fünf einen zu hohen Massstab ergäbe für den, der nach der Statistik der Anzahl Rinder verlangt, die jeden Monat in fünf Distrikten geraubt wurden, um den Erfordernissen in der Hofhaltung des Regenten von Lebak zu dienen.

Und nicht nur Büffel waren es, die gestohlen wurden, noch war gar Büffelraub das hauptsächlichste, das in Frage kam. Es ist--besonders in Indien, wo noch immer »Herrendienst« gesetzlich besteht--ein geringeres Mass von Unverschämtheit nötig, um die Bevölkerung ungesetzlicherweise zu unbezahlter Arbeit aufzurufen, als erforderlich ist, um Eigentum wegzunehmen. Es ist leichter, der Bevölkerung weiszumachen, dass die Regierung ihrer Arbeit bedürfe, ohne sie bezahlen zu wollen, als von dieser Regierung zu sagen, dass sie ihre Büffel verlange für nichts und wieder nichts. Und würde auch der furchtsame Javane nachzuspüren wagen, ob der sogenannte »Herrendienst«, den man von ihm verlangt, mit den diesbezüglichen Vorschriften in Einklang steht, dann noch würde ihm dies unmöglich sein, da der eine nicht vom andern weiss und er also nicht berechnen kann, ob die festgestellte Zahl Personen nicht zehn-, ja, fünfzigfach überschritten ist. Wo also die mehr gefährliche, leichter zu entdeckende That mit solcher Vermessenheit ausgeführt wird, was ist da von den Missbräuchen zu denken, deren man sich bequemer schuldig machen kann und die minder der Entdeckungsgefahr ausgesetzt sind?

Ich sagte, dass ich übergehen würde zu der Geschichte des Javanen Saïdjah. Zuvor jedoch bin ich zu einer der Abschweifungen genötigt, die bei der Schilderung von Zuständen, die dem Leser gänzlich fremd sind, so schwer zu vermeiden sind. Ich werde gleichzeitig die sich bietende Gelegenheit ergreifen, auf eins der Hindernisse hinzuweisen, die das rechte Beurteilen Indischer Angelegenheiten nicht-indischen Personen so besonders schwierig machen.

Wiederholt habe ich von Javanen gesprochen, und wie natürlich dies dem europäischen Leser vorkommen möge, diese Benennung wird doch wie ein Fehler in den Ohren desjenigen geklungen haben, der auf Java Bescheid weiss. Die westlichen Residentschaften Bantam, Batavia, Preanger, Krawang und ein Teil von Cheribon--zusammen Sundahlande genannt--werden nicht als zum eigentlichen Java gehörig betrachtet, und in der That ist, um nun nicht von den über die See hergekommenen Fremdlingen in diesen Gegenden zu reden, die dort heimische Bevölkerung eine ganz andere als die auf Mittel-Java und in der sogenannten Ostecke. Kleidung, Volkssitte und Sprache sind so ganz anders als mehr ostwärts, sodass der Sundanese oder Orang Gunung gegen den eigentlichen Javanen mehr Unterscheidung zeigt als ein Engländer gegen den Holländer. Solche Unterschiede geben Veranlassung zu Abweichungen in der Beurteilung Indischer Angelegenheiten. Man wird wohl, wenn man sich überzeugt, dass Java allein schon so scharf in zwei ungleich geartete Teile abgeteilt ist, ohne noch auf die vielen Unterstufen dieser Zweiteilung zu achten, man wird gewiss daraus berechnen können, wie gross der Unterschied bei Volksstämmen sein muss, wenn sie weiter voneinander wohnen und gar durch die See geschieden sind. Wem Niederländisch-Indien allein von Java her bekannt ist, der kann sich ebensowenig eine rechte Vorstellung von dem Malayen, dem Amboinesen, dem Battah, dem Alfur, dem Timoresen, dem Dajak, dem Bugie oder dem Makassar bilden, wie wenn er niemals Europa verlassen hätte, und es ist für jemanden, dem Gelegenheit wurde, den Unterschied zwischen diesen Völkern wahrzunehmen, häufig ergötzlich, die Gespräche von Personen anzuhören--toll und betrübend zugleich, ihre Redensarten gedruckt sehen zu müssen!--von Personen, die ihre Erfahrungen in Indischen Angelegenheiten in Batavia oder in Buitenzorg erwarben. Oftmals habe ich mich über den Mut gewundert, mit dem zum Beispiel ein gewesener Generalgouverneur in der Volksvertretung seinen Worten durch angeblichen Anspruch auf Platzkenntnis und -erfahrung Gewicht beizulegen sucht. Ich habe hohe Achtung vor Wissenschaft, die durch ernsthaftes Studium im Studierzimmer erworben ist, und oft verwunderte ich mich über die Ausgedehntheit der Kenntnis von Indischen Dingen, die manche im Besitz zeigen, ohne jemals Indischen Boden betreten zu haben. Sobald nun bei einem gewesenen Generalgouverneur zu erkennen ist, dass er sich derartige Kenntnis auf diese Weise zu eigen gemacht, gebührt ihm die Achtung, die der rechtmässige Lohn vieljähriger, unverdrossener, fruchtbarer Arbeit ist. Grösser noch sei vor ihm die Achtung als vor dem Gelehrten, der geringere Schwierigkeiten zu überwinden hatte, da er aus der Entfernung ohne Anschauung weniger Gefahr lief, in die Irrtümer zu verfallen, die die Folge einer mangelhaften Anschauung sind, wie sie unvermeidlich dem gewesenen Generalgouverneur zu teil wurde.

Ich sagte, dass ich erstaunte über den Mut, den manche bei der Behandlung Indischer Angelegenheiten an den Tag legten. Sie wissen doch, dass ihre Worte auch von andern Leuten gehört werden, als nur von denen, die da vielleicht meinen, dass ein paar Jahre Aufenthalt in Buitenzorg hinreichen, um Indien zu kennen. Es muss ihnen doch bekannt sein, dass diese Worte auch von Personen gelesen werden, die in Indien selbst Zeugen ihrer Unerfahrenheit waren und die ebensosehr wie ich stutzen müssen über die Keckheit, mit der jemand, der noch so kurze Zeit vorher vergeblich seine Untauglichkeit unter dem hohen Range zu verstecken suchte, den ihm der König gab, jetzt auf einmal so spricht, als ob er wirklich Kenntnis von den Dingen besässe, die er in seiner Rede behandelt.

Oft hört man denn auch Klagen über unbefugte Einmengung. Oft wird diese oder jene Richtung in der kolonialen Politik bekämpft, indem dem Betreffenden, der solche Richtung vertritt, die Kompetenz abgesprochen wird, und vielleicht wäre es nicht uninteressant, eine Nachforschung nach den Eigenschaften anzustellen, die jemanden befugt machen, über Befugtheit zu urteilen. Meistens wird eine wichtige Frage nicht an der Sache geprüft, um die es sich bei dieser Frage handelt, sondern sie wird bemessen nach dem Wert, den man der Meinung des Mannes beimisst, der darüber das Wort führt, und da dies meistens die Person ist, die als eine »Spezialität« gilt, in der Regel jemand, »der in Indien eine so gewichtige Stellung bekleidet hat«, so folgt hieraus, dass das Resultat einer Abstimmung meistens die Couleur der Irrtümer trägt, die nun einmal von »diesen gewichtigen Stellungen« untrennbar scheinen. Wenn dies schon seine Geltung hat, wo der Einfluss sothaner Spezialität von einem Mitglied der Volksvertretung ausgeübt wird, wie gross wird dann erst die Gewissheit verkehrter Urteilsbildung, wenn solcher Einfluss gepaart geht mit dem Vertrauen des Königs, der sich zwingen liess, solch eine Spezialität an die Spitze seines Ministeriums für die Kolonien zu setzen.