Chapter 2
... dass ich die Ehre gehabt hätte, von dem Herrn Saffeler zu vernehmen--Saffeler reist für Stern--dass der geehrte Chef der Firma, der Herr Ludwig Stern, einen Sohn hätte, den Herrn Ernst Stern, der zur Vervollständigung seiner kaufmännischen Kenntnisse einige Zeit in einem Holländischen Hause plaziert sein möchte. Dass ich mit Rücksicht darauf ...
Hier wiederholte ich wieder all die Unsittlichkeit und erzählte die Geschichte von der Tochter von Busselinck & Waterman. Nicht, um jemanden anzuschwärzen ... nein, jemanden verklatschen, das liegt nun ganz und gar nicht in meiner Manier! Aber ... es kann nichts schaden, dass sie's wissen, dünkt mich.
... dass ich mit Rücksicht darauf nichts lieber wünschte, als den Herrn Ernst Stern mit der Deutschen Korrespondenz unseres Hauses betraut zu sehen ...
Aus Zartgefühl vermied ich alle Anspielung auf Honorar oder Salair. Aber ich fügte noch hinzu:
Dass, wenn der Herr Ernst Stern damit vorlieb nehmen wolle, in unserm Hause--Lauriergracht No. 37--zu wohnen, meine Frau sich bereit erklärte, wie eine Mutter für ihn zu sorgen, und dass seine Wäsche im Hause besorgt werden würde.
Das ist die reine Wahrheit, denn Marie stopft und thut recht nett. Und zum Schluss:
Dass bei uns dem Herrn gedient werde.
Das mag er sich nur einstecken, denn die Sterns sind lutherisch. Und ich schickte meinen Brief ab. Ihr begreift wohl, dass der alte Stern nicht gut zu Busselinck & Waterman überspringen kann, wenn der junge Stern bei uns auf dem Kontor ist. Ich bin sehr neugierig auf die Antwort.
Nun zurück zu meinem Buch. Vor einiger Zeit komme ich abends durch die Kalverstraat und bleibe vor dem Laden eines Krämers stehen, der beschäftigt war mit dem Sortieren einer Partie »Java«, »ordinair«, »schön-gelb«, »Cheribon-Marke«, etwas Bruch mit Kehrichtabfall, was mich sehr interessierte, denn ich achte stets auf alles. Da kam mir auf einmal ein Herr zu Gesicht, der dicht dabei vor einer Buchhandlung stand und mir bekannt vorkam. Er schien auch mich wiederzuerkennen, denn unsere Blicke trafen sich fortwährend. Ich muss bekennen, dass ich zu sehr in des Krämers Kaffeekehricht vertieft war, um sogleich zu bemerken, was ich nämlich erst später sah, dass er recht dürftig gekleidet war. Sonst hätte ich es dabei bewenden lassen. Doch auf einmal kam es mir in den Kopf, dass er vielleicht Reisender eines Deutschen Hauses sei, der einen soliden Makler suchte. Er schien mir auch etwas von einem Deutschen zu haben, und auch was von einem Reisenden. Er war sehr blond, hatte blaue Augen und in Haltung und Kleidung etwas, das den Fremden verriet. An Stelle eines gehörigen Winterrocks hing ihm eine Art Shawl oder Plaid über die Schulter, als wenn er von der Reise käme. Ich meinte einen Kunden zu sehen und gab ihm eine Adresskarte: Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht No. 37. Er las sie bei der Gaslaterne und sagte: »Ich danke Ihnen, aber ich habe mich geirrt. Ich dachte das Vergnügen zu haben, einen alten Schulkameraden vor mir zu sehen, aber ... Last? Das ist der Name nicht.«
--Pardon, sagte ich--denn ich bin immer höflich--ich bin M'nheer Droogstoppel, Batavus Droogstoppel. Last & Co. ist die Firma, Makler in Kaffee, Lauriergr....
--Nun, Droogstoppel, kennst du mich nicht mehr? Sieh mich mal ordentlich an.
Je mehr ich ihn ansah, desto mehr erinnerte ich mich, dass ich ihn öfters gesehen hatte. Doch, sonderbar, sein Gesicht wirkte auf mich, wie wenn ich fremde Parfumerien röche. Lache nicht darüber, Leser, alsbald wirst du sehen, wie das kam. Es ist mir sicher, dass er keinen Tropfen Parfum bei sich trug, und doch roch ich etwas Angenehmes und Starkes, etwas, das mich erinnerte an ... da hatte ich es!
--Sind Sie es, der mich von dem Griechen befreit hat?
--Ei gewiss, sagte er, das war ich. Und wie geht es Ihnen?
Ich erzählte, dass wir unser dreizehn auf dem Kontor seien und dass so tüchtig bei uns zu thun sei. Und darauf fragte ich, wie es ihm ginge, was mich später ärgerte, denn er schien sich nicht in guten Verhältnissen zu befinden, und ich achte arme Menschen nicht besonders, weil da gewöhnlich eigne Schuld mit unterläuft, denn der Herr würde nicht jemanden verlassen, der ihm treu gedient hat. Hätte ich einfach gesagt: »Wir sind unser dreizehn, und ... guten Abend auch!« dann wäre ich ihn los gewesen. Aber durch das Fragen und Antworten wurde es je länger je schwieriger, von ihm los zu kommen. Andererseits muss ich auch wieder darauf hinweisen, dass ihr dann dies Buch nicht zu lesen gekriegt hättet, denn es ist eine Folge dieser Begegnung. Ich halte etwas davon, dass man das Gute anerkennt, und die das nicht thun, das sind unzufriedene Menschen, die ich nicht leiden kann.
Ja ja, er war es, der mich aus den Händen des Griechen befreit hatte! Denkt nun nicht, dass ich je von Seeräubern gefangen genommen bin, oder dass ich Streit gehabt hätte in der Levante. Ich habe euch bereits gesagt, dass ich nach meiner Hochzeit mit meiner Frau nach dem Haag gegangen bin. Da haben wir das Mauritshaus gesehen und Flanell gekauft in der Veenestraat. Das ist die einzige Erholungsreise, die mir je meine Geschäfte erlaubt haben, weil bei uns so tüchtig zu thun ist. Nein, in Amsterdam selbst hatte er um meinetwillen einem Griechen die Nase blutig geschlagen. Denn er kümmerte sich stets um Dinge, die ihn nichts angingen.
Es war im Jahre drei- oder vierunddreissig, glaube ich, und im September, denn es war gerade Jahrmarkt in Amsterdam. Da meine Eltern vorhatten, einen Prediger aus mir zu machen, lernte ich Latein. Später habe ich mich oft gefragt, warum man Lateinisch verstehen muss, um in unserer Sprache zu sagen: »Gott ist gut«? Genug, ich war auf der Lateinschule--nun sagen sie »Gymnasium«--und da war Jahrmarkt ... in Amsterdam, mein' ich. Auf dem Westermarkt standen Buden, und wenn du ein Amsterdamer bist, Leser, und ungefähr von meinem Alter, wirst du dich erinnern, dass darunter eine war, die sich durch die schwarzen Augen und die langen Zöpfe eines Mädchens auszeichnete, das wie eine Griechin gekleidet war. Auch ihr Vater war ein Grieche, oder wenigstens: er sah so aus wie ein Grieche. Sie verkauften allerlei Parfumerien.
Ich war just alt genug, um das Mädchen schön zu finden, gleichwohl ohne den Mut zu haben, sie anzusprechen. Das würde mir auch wenig geholfen haben, denn Mädchen von achtzehn Jahren betrachten einen Jungen von sechzehn als ein Kind. Und hierin haben sie sehr recht. Doch kamen wir Jungens von Quarta des Abends stets auf den Westermarkt, um das Mädchen zu sehen.
Nun war der, der da vor mir stand mit seinem Shawl, einmal dabei, obschon er ein paar Jahre jünger war als die andern und also noch zu kindlich, um nach der Griechin zu schauen. Aber er war der Primus unserer Klasse--denn tüchtig war er, das muss ich sagen--und spielen, balgen und raufen, das war sein Fall. Darum war er bei uns. Derweil wir also--wir waren wohl unser zehn--in sehr weiter Entfernung von der Bude standen, um nach der Griechin zu gucken, und berieten, wie wir es anlegen müssten, um mit ihr Bekanntschaft zu machen, wurde beschlossen, Geld zusammenzuschiessen, um etwas in der Bude zu kaufen. Aber da war guter Rat teuer, wer in die stolzen Stiefel steigen und das Mädchen ansprechen sollte. Jeder mochte gern, aber niemand wagte. Es wurde gelost, und das Los fiel auf mich. Ich will nur gleich sagen, dass ich mich jetzt nicht mehr Gefahren aussetze. Ich bin Mann und Vater, und halte jeden, der die Gefahr aufsucht, für einen Narren, was auch in der Schrift steht. Es ist mir wirklich angenehm, die Wahrnehmung zu machen, wie ich mir in meinen Ansichten über Gefahr und dergl. Dinge gleich geblieben bin, da ich jetzt diesbezüglich noch just derselben Meinung huldige, wie an jenem Abend, als ich da bei der Bude des Griechen stand, mit den zwölf Stübern in der Hand, die wir zusammengelegt hatten. Doch aus falscher Scham scheute ich mich, zu sagen, dass ich es nicht wagte, und überdies, ich musste schon dran, denn meine Kameraden drängten mich, und mit einem Male stand ich vor der Bude.
Das Mädchen sah ich nicht: ich sah nichts! Es wurde mir alles grün und gelb vor den Augen. Ich stammelte einen Aoristus primus von ich weiss nicht welchem Zeitwort ...
--Plaît-il? sagte sie.
Ich sammelte mich einigermassen und fuhr fort:
--»Meenin aeide thea«, und ... Egypten sei ein Geschenk des Nil.
Ich bin überzeugt, dass es mir geglückt wäre, mit dem Mädchen vertrauter zu werden, wenn nicht in diesem Augenblick einer meiner Kameraden in seiner jungsmässigen Ausgelassenheit mir einen so harten Stoss in den Rücken gegeben hätte, dass ich sehr unsanft gegen den Ausstellkasten anflog, der in halber Mannshöhe die Vorderseite des Krams abschloss. Ich fühlte einen Griff in meinen Nacken ... einen zweiten Griff weiter unten ... ich schwebte einen Augenblick ... und bevor ich recht begriff, wie die Sachen standen, war ich in der Bude des Griechen, der in verständlichem Französisch sagte, dass ich ein »gamin«, ein Gassenjunge sei, und dass er die Polizei rufen werde. Nun war ich wohl recht dicht bei dem Mädchen, doch Vergnügen machte es mir nicht. Ich weinte und bat um Gnade, denn ich war schrecklich in Angst. Doch es half nichts. Der Grieche hielt mich am Arm fest und schüttelte und knuffte mich. Ich sah mich nach meinen Kameraden um--wir hatten gerade den Morgen viel mit Scaevola zu thun gehabt, der seine Hand ins Feuer hielt, und in ihren lateinischen Aufsätzen hatten sie das so sehr schön gefunden--jawohl! Niemand war dageblieben, um für mich eine Hand ins Feuer zu stecken ...
So glaubte ich. Doch sieh, da flog auf einmal mein Shawlmann durch die Hinterthür zur Bude herein. Er war nicht gross und stark und so seine dreizehn Jahre alt, aber er war ein behendes und tapferes Kerlchen. Noch sehe ich seine Augen blitzen--sonst sahen sie matt in die Welt--gab dem Griechen einen Faustschlag, und ich war gerettet. Später habe ich gehört, dass der Grieche ihn tüchtig geschlagen hat, aber da ich von jeher den festen Grundsatz habe, mich nicht in Dinge zu mischen, die mich nichts angehen, so bin ich sofort weggelaufen. Ich habe es also nicht gesehen.
Das sind die Gründe, warum seine Züge mich so an Parfum erinnerten, und weshalb man in Amsterdam Streit mit einem Griechen kriegen kann. Wenn auf späteren Jahrmärkten dieser Mann wieder mit seiner Bude auf dem Westermarkt stand, suchte ich mein Vergnügen anderswo.
Da ich viel von philosophischen Betrachtungen halte, muss ich dir doch eben sagen, Leser, wie wunderbar doch die Dinge dieser Welt miteinander verknüpft sind. Wenn die Augen dieses Mädchens weniger schwarz gewesen wären, wenn sie kürzere Zöpfe gehabt hätte, oder wenn man mich nicht gegen den Ausstellkasten geschuppst hätte, so würdest du nun dies Buch nicht lesen. Sei also dankbar, dass es so gekommen ist. Glaube mir, alles in der Welt ist gut, so wie es ist, und unzufriedene Menschen, die fortwährend klagen, sind meine Freunde nicht. Da hast du z.B. Busselinck & Waterman ... doch ich muss fortfahren, denn mein Buch muss vor der Frühjahrsauktion fertig sein.
Geradeaus gesagt--denn ich gebe was auf Wahrheit--mir war das Wiedersehen mit dieser Person nicht angenehm. Ich bemerkte sogleich, dass es keine solide Konnektion war. Er sah sehr bleich aus, und als ich ihn fragte, wie spät es sei, wusste er es nicht. Das sind Dinge, auf die ein Mensch achtet, der so seine Jahre zwanzig die Börse besucht und schon so viel mitgemacht hat. Ich hab' schon manches Haus purzeln sehen.
Ich glaubte, dass er rechts gehen werde, und sagte daher, dass ich links müsste. Aber o weh, er ging auch links, und ich konnte also einem Gespräch nicht aus dem Wege gehen. Aber es ging mir nicht aus dem Sinn, dass er nicht wusste, wie spät es war, und obendrein bemerkte ich, dass sein Rock bis unters Kinn dicht zugeknöpft war--was ein sehr schlechtes Zeichen ist--so dass ich den Ton unserer Unterhaltung etwas kalt bleiben liess. Er erzählte mir, dass er in Indien gewesen war, dass er verheiratet sei, dass er Kinder habe. Ich hatte nichts dagegen, doch fand es auch nicht besonders von Wichtigkeit. Beim Kapelsteg--ich gehe sonst niemals durch diese Gasse, weil sich das für einen anständigen Mann nicht passt, finde ich--doch diesmal wollte ich den Kapelsteg hinein rechts abschwenken. Ich wartete, bis wir die kleine Strasse beinah vorbei waren, damit es sich gut herausstellte, dass sein Weg geradeaus führte, und darauf sagte ich sehr höflich ... denn höflich bin ich stets, man kann nicht wissen, wie man später jemanden nötig hat:
--Es war mir besonders angenehm, Sie wiederzusehen, M'nheer ... r ... r! Und ... und ... und ... ich empfehle mich! Ich muss hierher.
Darauf guckte er mich ganz verdutzt an und seufzte und fasste mich auf einmal bei einem Knopf von meinem Rock ...
--Bester Droogstoppel, sagte er, ich muss Sie um etwas bitten.
Es ging mir ein Schauder durch die Glieder. Er wusste nicht, wie spät es war, und wollte mich um etwas bitten! Natürlich antwortete ich, dass ich keine Zeit hätte und nach der Börse müsste, obwohl es Abend war. Aber wenn man so seine Jahre zwanzig die Börse besucht hat ... und jemand will dich um etwas bitten, ohne zu wissen, wie spät es ist ...
Ich machte meinen Knopf los, grüsste sehr höflich--denn höflich bin ich stets--und bog in den Kapelsteg ein, was ich sonst nie thue, weil es nicht anständig ist, und Anstand geht mir über alles. Ich hoffe, dass es niemand gesehen hat.
DRITTES KAPITEL.
Als ich tags darauf von der Börse kam, sagte Fritz, dass jemand da gewesen sei, der mich sprechen wollte. Der Beschreibung nach war es der Shawlmann. Wie er mich gefunden hatte ... nun ja, die Adresskarte! Ich überlegte mir, ob ich nicht meine Kinder von der Schule nehmen sollte, denn es ist lästig, dass einem noch zwanzig, dreissig Jahre später von einem Schulkameraden nachgesetzt wird, der einen Shawl trägt statt eines Überziehers, und der nicht weiss, wie spät es ist. Auch habe ich Fritz verboten, nach dem Westermarkt zu gehen, wenn Buden dort stehen.
Den folgenden Tag empfing ich einen Brief mit einem grossen Paket. Ich werde euch den Brief lesen lassen:
Werter Droogstoppel!
Ich finde, dass er wohl hätte sagen können: »Hochgeehrter Herr Droogstoppel, wo ich doch Makler bin.
Ich bin gestern bei Ihnen gewesen mit der Absicht, Sie um etwas zu ersuchen. Ich glaube, dass Sie in guten Verhältnissen verkehren ...
Das ist wahr, wir sind unser dreizehn auf dem Kontor.
... und ich möchte Ihren Kredit in Anspruch nehmen, um eine Sache zustande zu bringen, die für mich von grosser Bedeutung ist.
Sollte man nicht denken, dass es sich um eine Ordre auf die Frühjahrsversteigerung handelt?
Durch vielerlei verwickelte Umstände bin ich im Augenblick einigermassen um Geld verlegen.
Einigermassen? Er hatte kein Hemd an. Das nennt er 'einigermassen'!
Ich kann meiner lieben Frau nicht alles geben, was nötig ist, um das Leben angenehm zu machen, und auch die Erziehung meiner Kinder ist, aus finanziellen Gründen, nicht so, wie ich es wohl möchte.
Das Leben angenehm zu machen? Erziehung der Kinder? Meint ihr, dass er seiner Frau eine Loge in der Oper mieten und seine Kinder auf ein Institut in Genf geben wollte? Es war Herbst und recht kalt ... nun, er wohnte unterm Dach, in ungeheiztem Raum. Als ich den Brief empfing, wusste ich dies nicht, aber später bin ich bei ihm gewesen, und jetzt noch kann ich mich nicht genug wundern über den albernen Ton in seinem Schreiben. Zum Donnerwetter, wer arm ist, kann sagen, dass er arm ist! Arme muss es geben, das ist nötig in der Gesellschaft, und es ist Gottes Wille. Wenn er nur kein Almosen verlangt und niemandem lästig fällt, hab' ich durchaus nichts dagegen, dass er arm ist, aber diese Ziererei bei der Sache finde ich nicht angebracht. Hört weiter:
Da auf mir die Verpflichtung ruht, für die Bedürfnisse der Meinen zu sorgen, habe ich beschlossen, ein Talent auszunutzen, das, wie ich glaube, mir gegeben ist. Ich bin Dichter ...
Puh! Ihr wisst, Leser, wie ich und alle verständigen Menschen darüber denken.
... und Schriftsteller. Seit meiner Kindheit drückte ich meine Empfindungen in Versen aus, und auch später schrieb ich täglich nieder, was umging in meiner Seele. Ich glaube, dass unter dem allen einige Sachen sind, die Wert haben, und ich suche dafür einen Verleger. Aber das ist just das Schwierige. Das Publikum kennt mich nicht, und die Verleger beurteilen die Arbeiten mehr nach dem gefestigten Namen des Autors, als nach ihrem Inhalt.
Geradeso wie wir den Kaffee nach dem Renommée der Marken. Na gewiss! Wie sonst wohl?
Wenn ich nun annehmen darf, dass meine Arbeit nicht ganz ohne Verdienst ist, so würde sich das doch erst wirklich zeigen nach der Herausgabe, und die Buchhändler verlangen die Bezahlung von Druckkosten u. s. w. im voraus ...
Darin haben sie sehr recht.
... was mir in diesem Augenblick nicht gelegen kommt. Da ich gleichwohl überzeugt bin, dass meine Arbeit die Kosten decken würde und ruhig darauf mein Wort verpfänden dürfte, so bin ich, ermutigt durch unsere vorgestrige Begegnung ...
Das nennt er ermutigen!
... zu dem Entschluss gekommen, Sie zu fragen, ob Sie für mich bei einem Buchhändler Bürgschaft leisten wollen für die Kosten einer ersten Auflage, sei es auch nur eines kleinen Bändchens. Ich überlasse die Auswahl bei diesem ersten Versuch ganz Ihnen. In dem Paket, das anbei folgt, werden Sie viele Manuskripte finden und daraus ersehen, dass ich viel gedacht, gearbeitet und durchgemacht habe ...
Ich habe nie gehört, dass er irgendwie Geschäfte machte.
... und wenn die Gabe, meine Empfindungen auszudrücken, mir nicht ganz und gar mangelt, ist gewiss nicht der Mangel an Eindrücken schuld, dass ich keinen Erfolg haben sollte.
In Erwartung einer freundlichen Antwort verbleibe ich Ihr alter Schulkamerad ...
Und sein Name stand darunter. Doch den verschweige ich, weil ich nicht darauf erpicht bin, jemanden in der Leute Mund zu bringen.
Werte Leser, ihr begreift gewiss, was ich für ein Gesicht zog, als man mich so auf einmal zum Makler in Versen erhöhen wollte. Mir ist gewiss, dass dieser Shawlmann--so will ich ihn nur fortan nennen--wenn der Mann mich bei Tage gesehen hätte, sich nicht mit solch einem Ersuchen an mich gewendet haben würde. Denn Würde und Achtbarkeit lassen sich nicht verbergen. Doch es war Abend, und ich ziehe es mir also nicht an.
Es ist selbstverständlich, dass ich von diesen Possen nichts wissen wollte. Ich hätte das Paket durch Fritz zurückbringen lassen, aber ich wusste seine Adresse nicht, und er liess nichts von sich hören. Ich dachte, er sei krank, oder tot, oder sonst was.
Vorige Woche nun war Kränzchen bei den Rosemeyers, die in Zucker machen. Fritz war zum erstenmal mitgegangen. Er ist sechzehn Jahre, und ich finde es gut, dass ein junger Mensch in die Welt kommt. Sonst läuft er nach dem Westermarkt oder thut sonst was. Die Mädchen hatten Piano gespielt und gesungen, und beim Dessert neckten sie sich mit etwas, was im Vorderzimmer passiert zu sein schien, als wir hinten beim Whist sassen, und es schien sich dabei um Fritz zu handeln. »Ja, ja, Luise«, rief Betsy Rosemeyer, »geweint hast du! Papa, Fritz hat Luise zum Weinen gebracht.«
Meine Frau sagte darauf, dass Fritz dann in Zukunft nicht mehr mit sollte aufs Kränzchen. Sie dachte, dass er Luise gekniffen hätte oder sonst etwas, was sich nicht schickte, und auch ich machte mich daran, ein herzhaftes Wort beizufügen, als Luise rief:
--Nein, nein, Fritz ist sehr lieb gewesen! Ich möchte, dass er es noch einmal thäte!
Was denn?--Er hatte sie nicht gekniffen, er hatte deklamiert, da habt ihr's.
Natürlich sieht die Frau vom Hause gern, dass beim Nachtisch eine kleine Artigkeit zum Besten gegeben wird. Das macht die Sache voll. Mevrouw Rosemeyer--die Rosemeyers lassen sich Mevrouw nennen, weil sie in Zucker machen und an einem Schiff Anteile haben--Mevrouw Rosemeyer erkannte, dass etwas, das Luise zu Thränen brachte, auch uns ergötzen müsse, und verlangte ein Dacapo von Fritz, der errötete wie ein Puter. Ich konnte um alles in der Welt nicht spitz kriegen, was er wohl vorgebracht haben mochte, denn ich kannte sein Repertoire auf ein Haar. Dieses war: »Die Götterhochzeit«, »Die Bücher des Alten Testaments, in Reime gesetzt«, und eine Episode aus der »Hochzeit des Kamacho«, die die Jungen immer so gern haben, weil etwas von einem »geheimen Gemach« darin vorkommt. Was unter dem allen sein konnte, das Thränen entlockte, war mir ein Rätsel. Es ist ja wahr, so'n Mädchen weint ja bald.
»Man zu, Fritz! Ach ja, Fritz! Komm, Fritz!« So ging es, und Fritz begann. Da ich nichts davon halte, dass des Lesers Neugier raffiniertermassen in Spannung gehalten wird, will ich nur gleich sagen, dass sie zu Hause das Paket von Shawlmann geöffnet hatten, und daraus hatten Fritz und Marie eine Naseweisheit und eine Sentimentalität sich angeeignet, die mir später viel Schwierigkeiten ins Haus gebracht haben. Doch muss ich bekennen, Leser, dass dies Buch auch seinen Ursprung in dem Paket hat, und ich werde mich seinerzeit gehörig dieserhalb verantworten, denn ich gebe was darauf, dass man mich als jemanden betrachte, der die Wahrheit lieb hat und der auf seine Geschäfte achtgiebt. Unsere Firma ist Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht No. 37.
Darauf rezitierte Fritz ein Ding, das aus lauter Unsinn zusammenhing. Nein, es hing nicht zusammen. Ein junger Mensch schrieb an seine Mutter, dass er verliebt gewesen wäre, und dass sein Mädchen sich mit einem andern verheiratet habe--woran sie sehr recht that, finde ich--dass er aber, ungeachtet dessen, stets viel von seiner Mutter hielte. Sind diese paar Worte deutlich oder nicht? Findet ihr, dass da viel Weitläufigkeit nötig ist, um das zu sagen? Nun, ich habe ein Brötchen mit Käse gegessen, darauf zwei Birnen geschält, und ich hatte gut halb die dritte verspeist, als Fritz mit seiner Erzählung erst zu Rande war. Aber Luise weinte wieder, und die Damen sagten, dass es sehr schön sei. Darauf erzählte Fritz, der, wie ich glaube, der Meinung war, ein grosses Stück verrichtet zu haben, dass er das Ding in dem Paket von dem Mann gefunden habe, der einen Shawl trüge, und ich setzte den Herren auseinander, wie dasselbe in mein Haus gekommen war. Aber von der Griechin sagte ich nichts, da Fritz zugegen war, und ebenso nichts von dem Kapelsteg. Jeder fand, dass ich ganz recht gehandelt hatte, indem ich mich von dem Mann losmachte. Das Ding, das Fritz rezitierte, war 1843 in Indien in der Gegend von Padang geschrieben, und das ist eine minderwertige Marke. Der Kaffee, meine ich. Aber gleich werdet ihr sehen, dass in dem Paket auch andere Dinge von mehr solider Art waren, und davon kommt das eine und andere auch in diesem Buche vor, da die Kaffeeauktionen der Handelsgesellschaft damit in Verbindung stehen. Denn ich lebe für mein Fach.
VIERTES KAPITEL.
Bevor ich weiter gehe, habe ich euch zu sagen, dass der junge Stern gekommen ist. Es ist ein artiger Bursche. Er scheint gewandt und tüchtig, aber ich glaube, dass er ein bisschen schwärmt. Marie ist dreizehn Jahr. Seine Einkleidung ist recht ansehnlich. Ich habe ihn ans Kopierbuch gesetzt, damit er sich im holländischen Stil üben kann. Ich bin neugierig, ob nun bald Ordres von Ludwig Stern kommen werden. Marie soll ein Paar Pantoffeln für ihn sticken ... für den jungen Stern, mein' ich. Busselinck & Waterman haben hinter den Reusen gefischt. Ein anständiger Makler benutzt keine Schleichwege, das sage ich!