Chapter 18
Eine solche Parteinahme war denn auch in Wahrheit nicht anzunehmen in dem Sinne, wie es Havelaar meinte, nicht so nämlich, als ob dem Residenten irgend ein Vorteil oder Gewinn aus diesen Vergehen zufiele. Allein, es bestand doch eine Ursache, die ihn bewog, nur sehr ungern auf die Klagen von Havelaars Vorgänger Recht zu schaffen. Wir haben gesehen, wie dieser Vorgänger mehrfach mit dem Residenten über die herrschenden Missbräuche gesprochen--»abouchiert« nannte es Verbrugge--und wie wenig es ihm geholfen hatte. Es ermangelt also nicht des Interesses, zu untersuchen, warum ein so hochgestellter Beamter, der als Haupt der ganzen Residentschaft ebensosehr wie der Assistent-Resident, ja, mehr noch als dieser besorgt sein musste, dass Recht geschähe, fast immer Gründe zu haben meinte, dieses Rechtes Lauf aufzuhalten.
Schon in Serang, als Havelaar dort im Hause des Residenten verweilte, hatte er mit diesem über die Lebakschen Missbräuche geredet und hierbei zur Antwort bekommen: »dass all dies in höherem oder geringerem Masse überall der Fall wäre«. Das konnte Havelaar nun nicht leugnen. Wer wollte wohl behaupten, dass er ein Land gesehen habe, wo kein Unrecht geschähe? Doch er war der Meinung, dass das kein Beweggrund sei, die Missbräuche, wo man sie fand, bestehen zu lassen, vor allem nicht, wenn man ausdrücklich berufen war, ihnen entgegenzutreten, und meinte auch, dass nach allem, was er von Lebak wüsste, hier keine Rede wäre von höherem oder geringerem, sondern vielmehr von sehr hohem Masse, worauf ihm der Resident unter anderm antwortete: »dass es in der Abteilung Tjiringien--auch zu Bantam gehörend--noch ärger bestellt sei«.
Wenn man nun annimmt, wie man annehmen kann, dass ein Resident keinen direkten Vorteil von Erpressung und willkürlicher Verfügung über die Bevölkerung hat, so tritt die Frage auf, was denn so viele bewegt, im Widerspruch mit Eid und Pflicht solche Missbräuche bestehen zu lassen, ohne der Regierung hiervon Kenntnis zu geben? Und wer hierüber nachdenkt, muss es schon sehr sonderbar finden, dass man so kaltblütig die Existenz dieser Missbräuche zugiebt, als hätte man mit etwas zu thun, das ausser Bereich oder Zuständigkeit läge. Ich will versuchen, die Ursachen hiervon darzulegen.
Im allgemeinen schon ist das Überbringen einer schlechten Nachricht eine unangenehme Sache, und es scheint gar, als wenn von dem ungünstigen Eindruck, den sie hervorruft, etwas an dem kleben bliebe, dem die verdriessliche Aufgabe zufiel, solche Nachrichten mitzuteilen. Wenn nun dies allein schon für manchen ein Grund sein würde, gegen besseres Wissen das Bestehen eines ungünstigen Umstandes zu leugnen, wieviel mehr wird dies dann der Fall, wenn man Gefahr läuft, nicht allein sich die Ungnade auf den Hals zu laden, die nun einmal das Los des Überbringers schlechter Berichte scheint, sondern zugleich auch als die Ursache des ungünstigen Zustandes angesehen zu werden, den man pflichtgemäss offenbart.
Die Regierung von Niederländisch-Indien schreibt mit Vorliebe an ihre Vorgesetzten im Mutterland, dass alles nach Wunsch gehe. Die Residenten melden dies gern an ihre Regierung. Die Assistent-Residenten, die selbst von ihren Kontrolleuren fast nur günstige Berichte empfangen, senden auch ihrerseits am liebsten keine unangenehmen Nachrichten an die Residenten. Daraus entspringt in der offiziellen und schriftlichen Behandlung der Geschäfte ein gekünstelter Optimismus, im Widerspruch nicht allein mit der Wahrheit, sondern auch mit den eigenen Äusserungen dieser Optimisten selbst, sobald sie dieselben Angelegenheiten mündlich behandeln, und--noch sonderbarer--häufig selbst in Widerspruch mit ihren eigenen geschriebenen Berichten. Ich würde viele Beispiele von Rapporten anführen können, die den günstigen Zustand einer Residentschaft bis in den Himmel erheben, jedoch zugleich, besonders wo die Zahlen reden, sich selbst Lügen strafen. Diese Beispiele würden, wenn nicht die Sache wegen der schliesslichen Folgen zu ernst wäre, Anlass zu Spott und Gelächter geben, und man stutzt über die Naivetät, mit der häufig in solchem Fall die gröbsten Unwahrheiten aufrecht erhalten und hingenommen werden, bietet gleichwohl der Schreiber wenige Sätze weiter die Waffen, mit denen diese Unwahrheiten sich bekämpfen lassen. Ich werde mich auf ein einziges Beispiel beschränken, das ich um sehr viele andere vermehren könnte. Unter den Schriftstücken, die mir vorliegen, finde ich den Jahresbericht einer Residentschaft. Der Resident rühmt den Handel, der dort blüht, und behauptet, dass in der ganzen Landschaft grösste Wohlfahrt und Betriebsamkeit wahrgenommen werde. Indessen ein wenig weiter, wo er über die geringen Mittel spricht, die ihm zur Verfügung stehen, um dem Schmuggel zu wehren, will er im selben Moment dem unangenehmen Eindruck zuvorkommen, der bei der Regierung erreicht werden würde durch die Meinung, dass ihr also in dieser Residentschaft viel Einfuhrzoll entginge. »Nein, sagt er, darum braucht man nicht besorgt zu sein! Es wird in meiner Residentschaft wenig oder nichts durch Schmuggel eingeführt, denn ... es ist in diesen Gegenden so geringer Geschäftsumsatz, dass niemand hier sein Kapital in Handel anzulegen wagen würde.«
Ich habe einen Bericht dieser Art gelesen, der anfing mit den Worten: »Im abgelaufenen Jahr ist die Ruhe ruhig geblieben.« Solche Wendungen zeugen freilich von einer sehr ruhigen Beruhigung darüber, dass die Regierung jedem stille halten werde, der ihr unangenehme Nachrichten erspart, oder der, wie der terminus lautet, »ihr nicht lästig fällt« mit unangenehmen Berichten!
Wo die Bevölkerung nicht zunimmt, ist dies Ungenauigkeiten in den Zählungen der früheren Jahre zuzuschreiben. Wo die Abgaben nicht steigen, macht man sich ein Verdienst daraus: die Absicht ist, durch niedrige Einschätzung den Landbau zu ermutigen, der sich gerade nun zu entwickeln beginne, und alsbald--meistens, wenn der Berichterstatter abgetreten ist--unerhörte Früchte abwerfen müsse. Wo Ordnungsstörung auftrat, die nicht verborgen bleiben konnte, war dies das Werk einiger weniger Übelgesinnter, die in Zukunft nicht mehr zu fürchten seien, da »allgemeine« Zufriedenheit herrsche. Wo Mangel oder Hungersnot die Bevölkerung gelichtet hatte, war dies eine Folge von Misswuchs, von Trockenheit, Regen oder ähnlichem, niemals von schlechter Verwaltung.
Die Note von Havelaars Vorgänger, worin er »die Verminderung des Volksbestandes im Distrikt Parang-Kudjang weitgehendem Missbrauch« zuschrieb, habe ich vor mir liegen. Diese Note war inoffiziell, und sie umfasste Punkte, über die dieser Beamte mit dem Residenten von Bantam zu sprechen hatte. Aber vergebens suchte Havelaar im Archiv nach einem Beweise, dass sein Vorgänger dieselbe Sache ritterlich in einem offenbaren Dienstschreiben beim wahren Namen genannt hatte.
Kurz, die offiziellen Berichte der Beamten an das Gouvernement, und also auch die darauf gegründeten Rapporte an die Regierung im Mutterland sind zum grössten und wichtigsten Teile: unwahr.
Ich weiss, dass diese Beschuldigung gewichtig ist, doch ich halte sie aufrecht und fühle mich vollkommen im stande, sie mit Beweisen zu stützen. Wer erzürnt sein mag über diese unverschleierte Äusserung meiner Meinung, der bedenke, wie viele Millionen aus dem Staatssäckel und wie viele Menschenleben England erspart worden wären, wenn man zeitig der Nation die Augen geöffnet hätte für den wahren Gang der Dinge in Britisch-Indien, und wie grosse Dankbarkeit man dem Manne schuldig gewesen wäre, der den Mut gezeigt hätte, der Hiobsbote zu sein, ehe es zu spät war, den Elementen des Irrtums wieder ihre rechten Bahnen zu weisen auf weniger blutige Art, als es nun wohl notwendig geworden war.
Ich sagte, dass ich meine Beschuldigungen mit Beweisen stützen könne. Wo es nötig ist, werde ich zeigen, dass häufig Hungersnot herrschte in Gegenden, die als Muster von Wohlfahrt gerühmt wurden, und dass mehrmals eine Bevölkerung, die als ruhig und zufrieden angegeben wird, auf dem Punkte stand, in Raserei auszubrechen. Es liegt nicht in meinem Plan, diese Beweise in diesem Buche zu liefern, vertraue ich gleich, dass man es nicht aus der Hand legen wird, ohne zu glauben, dass sie vorhanden sind.
Für den Augenblick beschränke ich mich darauf, noch ein einziges Beispiel von dem lächerlichen Optimismus zu geben, dessen ich vorher Erwähnung that, ein Beispiel, das von jedem, sei er nun vertraut oder nicht vertraut mit den Angelegenheiten in Indien, leicht verstanden werden kann.
Jeder Resident reicht monatlich einen Rapport von dem Reis ein, der in seine Landschaft eingeführt oder aus dieser nach anderswohin versandt ist. Bei diesem Rapport wird die Ausfuhr in zwei Teilen aufgeführt, je nachdem sie sich auf Java selbst beschränkt oder sich weiter erstreckt. Wenn man nun die Menge Reises ins Auge fasst, welche nach diesen Rapporten übergeführt ist aus Residentschaften auf Java nach Residenschaften auf Java, wird man feststellen, dass diese Menge viele Tausende Pikols mehr beträgt als der Reis, der--nach denselben Rapporten--in Residentschaften auf Java aus Residentschaften auf Java eingeführt ist.
Ich übergehe nun mit Stillschweigen, was man zu denken hat von dem Scharfsinn der Regierung, die solche Rapporte annimmt und publiziert, und will den Leser nur auf die Absicht bei dieser Fälschung aufmerksam machen.
Die prozentweise Belohnung, die europäischen und eingeborenen Beamten für Produkte zusteht, die in Europa verkauft werden sollen, hat den Reisbau derart in den Hintergrund gedrängt, dass in etlichen Landschaften eine Hungersnot aufgetreten ist, die den Augen der Nation durch kein Kunststück mehr entzogen werden konnte. Ich habe bereits gesagt, dass darauf Vorschriften erlassen worden sind, dass man die Dinge nicht wieder so weit kommen lassen dürfe. Zu den vielen Gefolgschaften dieser Vorschriften gehörten auch die von mir genannten Rapporte über aus- und eingeführten Reis, damit die Regierung fortwährend ein Auge auf Ebbe und Flut dieses Lebensmittels haben könne. Ausfuhr aus einer Residentschaft bedeutet: Wohlstand, Einfuhr: entsprechenden Mangel.
Wenn man nun die Rapporte untersucht und vergleicht, stellt sich heraus, dass der Reis überall so im Überfluss ist, dass alle Residentschaften zusammen mehr Reis ausführen als in allen Residentschaften zusammen eingeführt wird. Ich wiederhole, dass hier keine Rede ist von Ausfuhr über See, der im Rapport ein besonderer Platz angewiesen ist. Der logische Schluss hiervon ist also die widersinnige Behauptung: dass mehr Reis auf Java ist, als Reis dort ist. Das ist doch Wohlstand!
Ich sagte schon, dass die Sucht, der Regierung niemals andere als nur gute Berichte zu bieten, ins Lächerliche übergehend erscheinen würde, wenn nicht die Folgen von dem allen so traurig wären. Wie ist denn Genesung von den vielen Irrtümern zu erhoffen, wenn von vornherein der Plan besteht, in den Berichten an die Vorgesetzten alles zu verkehren und zu verdrehen? Was ist zum Beispiel von einer Bevölkerung zu erwarten, die, ihrem Wesen nach sanft und schmiegsam, seit Jahren, Jahren über Unterdrückung klagt, wenn sie die Residenten einen nach dem anderen mit Urlaub oder Pension abtreten oder in ein anderes Amt berufen sieht, ohne dass irgend etwas für die Beseitigung des Kummers geschieht, unter dem sie gebeugt geht! Muss nicht die gespannte Feder endlich zurückspringen? Muss nicht die so lange unterdrückte Unzufriedenheit--unterdrückt, damit man fortfahren könne, sie zu leugnen!--endlich in Wut umschlagen, in Verzweiflung, in Raserei? Wartet nicht eine Jacquerie am Ende dieses Weges?
Und wo werden dann die Beamten sein, die seit Jahren aufeinander folgten, ohne jemals auf den Gedanken gekommen zu sein, dass etwas Höheres besteht denn die »Gunst der Regierung«? Etwas Höheres als die »Zufriedenheit des Generalgouverneurs«? Wo werden sie dann sein, die Verfasser der flauen Berichte, die die Augen der Regierung mit ihren Unwahrheiten blendeten? Werden dann die, die früher des Mutes entbehrten, ein herzhaftes Wort zu Papier bringen, zu den Waffen eilen und die Niederländischen Besitzungen Niederland erhalten? Werden sie Niederland die Schätze wiedergeben, die nötig sein werden zur Dämpfung von Aufruhr, zur Verhütung von Umwälzung? Werden sie das Leben den Tausenden wiedergeben, die fielen durch ihre Schuld?
Und diese Beamten, die Kontrolleure und Residenten, sind nicht die am meisten Schuldigen. Es ist die Regierung selbst, die, mit unbegreiflicher Blindheit geschlagen, zur Einreichung günstiger Berichte ermutigt und verlockt und sie belohnt. Vor allem ist dies der Fall, wo es sich um Unterdrückung der Bevölkerung durch eingeborene Häuptlinge handelt.
Von vielen wird dies Inschutznehmen der Häuptlinge der unedlen Berechnung zugeschrieben, dass diese, die Glanz und Pracht entfalten müssen, um auf die Bevölkerung den Einfluss auszuüben, der für die Regierung zur Aufrechterhaltung ihrer Autorität nötig ist, dass diese Häuptlinge hierfür eine viel höhere Besoldung würden geniessen müssen, als es jetzt der Fall ist, wenn man ihnen nicht die Freiheit liesse, das Fehlende durch die ungesetzliche Verfügung über das Besitztum und die Arbeit des Volkes zu ergänzen. Wie dem sei, die Regierung geht nur notgedrungen zur Anwendung der Bestimmungen über, die nach der Meinung Uneingeweihter den Javanen vor Erpressung und Raub schützen. Meistens weiss man in unbeurteilbaren und häufig aus der Luft gegriffenen Gründen der Politik eine Ursache zu finden, um diesen Regenten oder jenen Häuptling zu schonen, und es besteht denn auch in Indien die zum Sprichwort geeichte Meinung, dass die Regierung lieber zehn Residenten entlasse als einen Regenten. Auch die vorgeschützten politischen Gründe--wenn sie sich überhaupt auf etwas gründen--sind gewöhnlich auf falsche Angaben gestützt, da jeder Resident Interesse hat, den Einfluss seines Regenten auf die Bevölkerung recht hoch darzustellen, damit er sich hinter diesem Umstande verkriechen kann, wenn später einmal ein Tadel auf seine zu grosse Nachsicht gegenüber diesen Häuptlingen fallen sollte.
Ich will mich nun nicht weiter verbreiten über die abscheuliche Heuchelei der human lautenden Bestimmungen--und der Eide!--die den Javanen gegen Willkür schützen ... auf dem Papier, und ersuche den Leser, sich zu erinnern, wie Havelaar beim Nachsprechen dieser Eide ein Verhalten zeigte, das an Geringachtung denken liess. Im Augenblick will ich nur auf die schwierige Situation des Mannes hinweisen, der sich, so ganz anders als kraft einer gesprochenen Formel, an seine Pflicht gebunden erachtete.
Und für ihn war diese Schwierigkeit grösser noch, als sie für manchen andern gewesen wäre, da sein Gemüt sanft war, ganz im Gegensatz zu seinem Verstande, den der Leser nun wohl als einen recht scharfen kennen gelernt haben wird. Er hatte also nicht nur mit Befürchtungen vor den Menschen oder mit der Sorge um Laufbahn und Beförderung zu kämpfen, noch auch allein mit den Pflichten, die er als Ehegemahl und Familienvater zu erfüllen hatte: er musste einen Feind in seinem eigenen Herzen überwinden. Er konnte nicht ohne eigenes Leid leiden sehen, und es würde mich zu weit führen, wollte ich die Beispiele anführen, wie er stets, auch wo er gekränkt und beleidigt war, den Part eines Widersachers verteidigte gegen sich selbst. Er erzählte Duclari und Verbrugge, wie er in seiner Jugend soviel Verlockendes am Duell mit dem Säbel gefunden, was auch Wahrheit war ... doch er sagte nicht dabei, wie er nach Verwundung seines Gegners gewöhnlich weinte und seinen gewesenen Feind bis zur Genesung wie eine barmherzige Schwester pflegte. Ich könnte erzählen, wie er zu Natal den Kettengänger, der auf ihn geschossen hatte, zu sich nahm, dem Mann freundlich zusprach, ihn beköstigen liess und ihm Freiheiten gab vor allen andern, weil er zu entdecken vermeinte, dass die Erbitterung dieses Verurteilten die Folge eines anderswo gefällten zu strengen Urteils war. Gewöhnlich wurde die Sanftheit seines Gemüts entweder nicht zugestanden, oder sie wurde lächerlich gefunden. Nicht zugestanden von dem, der Herz und Geist bei ihm nicht auseinanderzuhalten wusste. Lächerlich gefunden von dem, der nicht begreifen konnte, wie ein verständiger Mensch sich Mühe gab, eine Fliege zu retten, die ins Gewebe einer Spinne geraten war. Nicht zugegeben wieder von jedem--ausser von Tine--der ihn darauf über die »dummen Tiere« schimpfen hörte und über die »dumme Natur«, die solche Tiere schuf.
Doch es gab noch eine andere Art, um ihn von dem Piedestal herunterzuholen, auf das seine Umgebung--man mochte ihn lieben oder nicht--wohl gezwungen war, ihn zu setzen. »Ja, er ist geistvoll, aber ... es ist Flüchtigkeit in seinem Geiste.« Oder: »er ist verständig, doch ... er wendet seinen Verstand nicht gut an.« Oder: »ja, er ist gutherzig ... doch er kokettiert damit!«
Für seinen Geist, für seinen Verstand nehme ich nicht Partei. Aber sein Herz? Arme, zappelnde Fliegen, von ihm gerettet, wenn er gänzlich allein war, wollet ihr dieses Herz verteidigen gegen die Beschuldigung der Koketterie?
Doch ihr seid davongeflogen und habt euch nicht bekümmert um Havelaar, die ihr nicht wissen konntet, dass er einmal euer Zeugnis nötig haben würde!
War es Koketterie von Havelaar, da er zu Natal einem Hunde--Sappho hiess das Tier--in die Flussmündung nachsprang, weil er befürchtete, dass das noch junge Tier nicht gut genug schwimmen könne, um den Haien zu entgehen, die dort so zahlreich waren? Ich kann an ein derartiges Kokettieren mit Gutherzigkeit schwerer glauben, als an die Gutherzigkeit selbst.
Ich rufe euch auf, ihr vielen, die ihr Havelaar gekannt habt--wenn ihr nicht erstarrt seid durch Winterkälte und Tod ... wie die geretteten Fliegen, oder vertrocknet durch die Hitze da jenseits unter der Linie!--ich rufe euch auf, dass ihr Zeugnis ableget von seinem Herzen, ihr alle, die ihr ihn gekannt habt! Jetzt vor allem rufe ich euch auf mit Vertrauen, da ihr nicht mehr suchen braucht, wo das Seil eingehakt werden muss, um ihn herunterzuholen von welcher geringen Höhe auch immer.
Inzwischen werde ich, wie bunt es auch scheinen mag, hier einigen Zeilen von seiner Hand Raum geben, die solche Zeugnisse vielleicht überflüssig machen. Max war einmal weit, weit weg von Frau und Kind. Er hatte sie in Indien zurücklassen müssen und befand sich in Deutschland. Mit der Fixigkeit, die ich an ihm eigentümlich finde, ohne indes Lust zu haben, sie zu verteidigen, wenn man sie antastet, machte er sich zum Meister der Sprache des Landes, in dem er sich einige Monate aufgehalten hatte. Hier sind also die Verse, die gleichzeitig die Innigkeit verraten, mit der er den Seinen zugethan war:
--Mein Kind, da schlägt die neunte Stunde, hör! Der Nachtwind säuselt, und die Luft wird kühl, Zu kühl vielleicht für dich; dein Stirnchen glüht! Du hast den ganzen Tag so wild gespielt Und bist wohl müde. Komm, dein Tikar harret.
--Ach, Mutter, lass mich noch 'nen Augenblick! Es ist so sanft zu ruhen hier ... und dort, Da drin auf meiner Matte, schlaf' ich gleich, Und weiss nicht einmal, was ich träume! Hier Kann ich doch gleich dir sagen, was ich träume, Und fragen, was mein Traum bedeutet ... Hör, Was war das? --Es war ein Klapper, der da fiel. --Thut das dem Klapper weh? --Ich glaube nicht. Man sagt, die Frucht, der Stein hat kein Gefühl.
--Doch eine Blume, fühlt die auch nicht? --Nein. Man sagt, sie fühle nicht. --Warum denn, Mutter, Als gestern ich die Pukul ampat brach, Hast du gesagt: es thut der Blume weh!
--Mein Kind, die Pukul ampat war so schön, Du zogst die zarten Blättchen roh entzwei, Das that mir für die arme Blume leid. Wenngleich die Blume selbst es nicht gefühlt, Ich fühlt' es für die Blume, weil sie schön war.
--Doch, Mutter, bist du auch schön? --Nein, mein Kind, Ich glaube nicht. --Allein du hast Gefühl?
--Ja, Menschen haben's ... doch nicht alle gleich.
--Und kann dir etwas weh thun? Thut dir's weh, Wenn dir im Schoss so schwer mein Köpfchen ruht?
--Nein, das thut mir nicht weh! --Und, Mutter, ich ... Hab' ich Gefühl? --Gewiss, erinn're dich, Wie du, gestrauchelt einst, an einem Stein Dein Händchen hast verwundet und geweint. Auch weintest du, als Saudien dir erzählte, Dass auf den Hügeln dort ein Schäflein tief In eine Schlucht hinunterfiel und starb. Da hast du lang geweint ... das war Gefühl.
Doch, Mutter, ist Gefühl denn Schmerz? --Ja, oft! Doch ... immer nicht, bisweilen nicht! Du weisst, Wenn's Schwesterlein dir in die Haare greift Und krähend dir's Gesichtchen nahe drückt, Dann lachst du freudig; das ist auch Gefühl.
--Und dann mein Schwesterlein ... es weint so oft, Ist das vor Schmerz? Hat es denn auch Gefühl?
--Vielleicht, mein Kind, wir wissen's aber nicht, Weil es, so klein, es noch nicht sagen kann.
--Doch, Mutter ... höre, was war das? --Ein Hirsch, Der sich verspätet im Gebüsch und jetzt Mit Eile heimwärts kehrt und Ruhe sucht Bei andern Hirschen, die ihm lieb sind. --Mutter, Hat solch ein Hirsch ein Schwesterlein wie ich? Und eine Mutter auch? --Ich weiss nicht, Kind.
--Das würde traurig sein, wenn's nicht so wäre! Doch, Mutter, sieh ... was schimmert dort im Strauch? Sieh, wie es hüpft und tanzt ... ist das ein Funke?
--'s ist eine Feuerfliege. --Darf ich's fangen?
--Du darfst es, doch das Flieglein ist so zart, Du wirst gewiss ihm weh thun, und sobald Du's mit den Fingern allzu roh berührst, Ist's Tierchen krank und stirbt und glänzt nicht mehr.
--Das wäre schade! Nein, ich fang' es nicht! Sieh, da verschwand es ... nein, es kommt hierher ... Ich fang' es doch nicht! Wieder fliegt es fort Und freut sich, dass ich's nicht gefangen habe. Da fliegt es ... hoch! Hoch oben ... was ist das, Sind das auch Feuerfliegen dort? --Das sind Die Sterne. --Ein, und zehn, und tausend! Wieviel sind denn wohl da? --Ich weiss es nicht, Der Sterne Zahl hat niemand noch gezählt.
--Sag, Mutter, zählt auch Er die Sterne nicht?
Nein, liebes Kind, auch Er nicht. --Ist das weit Dort oben, wo die Sterne sind? --Sehr weit
--Doch haben diese Sterne auch Gefühl? Und würden sie, wenn ich sie mit der Hand Berührte, gleich erkranken und den Glanz Verlieren, wie das Flieglein?--Sieh, noch schwebt es!-- Sag', würd' es auch den Sternen weh thun? --Nein, Weh thut's den Sternen nicht! Doch 's ist zu weit Für deine kleine Hand: du reichst so hoch nicht.
--Kann Er die Sterne fangen mit der Hand?
--Auch Er nicht: das kann niemand! --Das ist schade! Ich gäb' so gern dir einen! Wenn ich gross bin, Dann will ich so dich lieben, dass ich's kann.
Das Kind schlief ein und träumte von Gefühl, Von Sternen, die es fasste mit der Hand ... Die Mutter schlief noch lange nicht, doch träumte Auch sie und dacht' an den, der fern war ...
Ja, auf die Gefahr hin, unnötig bunt zu scheinen, habe ich diesen Zeilen hier Raum gegeben. Ich möchte keine Gelegenheit versäumen, die uns den Mann verstehen lehrt, der die Hauptrolle in meiner Geschichte einnimmt, damit er dem Leser einige Teilnahme abringe, wenn später über seinem Haupte dunkle Wolken sich zusammenziehen.
FÜNFZEHNTES KAPITEL.