Max Havelaar

Chapter 17

Chapter 173,640 wordsPublic domain

Mir war die ganze Sache unklar. Denn die Ursachen des Streites wegen Jang di Pertuans waren mir damals noch unbekannt, und es konnte also in mir ebensowenig der Gedanke aufkommen, dass mein Vorgänger mit Wissen und Willen einen Unschuldigen zu so schwerer Strafe verurteilt haben könne, als jener, dass der General einen Verbrecher gegen ein gerechtes Urteil in Schutz nehmen würde. Ich erhielt den Befehl, Sutan Salim und den Tuanku gefangen setzen zu lassen. Da der junge Tuanku sehr beliebt bei der Bevölkerung war und wir nur wenig Garnison im Fort hatten, so ersuchte ich den General, ihn auf freiem Fusse zu belassen, was mir auch zugestanden wurde. Doch für Sutan Salim, den besonderen Feind von Jang di Pertuan, gab es keine Gnade. Die Bevölkerung war in grosser Spannung. Die Nataler argwöhnten, dass der General sich zu einem Werkzeug mandhélingschen Hasses erniedrigte, und in dieser Situation war es, dass ich von Zeit zu Zeit etwas vollbringen konnte, was er »beherzt« nannte, vor allem, da er die geringe Macht, die im Fort entbehrt werden konnte, und das Detachement Marinesoldaten, das er von Bord mitgebracht hatte, nicht mir zur Bedeckung abstand, wenn ich an die Plätze ritt, wo man sich zusammenrottete. Ich habe bei dieser Gelegenheit wahrgenommen, dass der General sehr gut für seine eigene Sicherheit sorgte, und daher mag ich denn auch in den Preis seiner Tapferkeit nicht einstimmen, bevor ich nicht mehr davon gesehen habe oder durch besondere Umstände überzeugt werde.

Er bildete in grosser Übereilung einen Rat, den ich »ad hoc« würde nennen können. Die Glieder desselben waren: ein paar Adjutanten, andere Offiziere, der Offizier der Gerichtsbarkeit oder »Fiscal«, den er von Padang mitgebracht hatte, und ich. Dieser Rat sollte eine Untersuchung darüber einleiten, in welcher Weise unter meinem Vorgänger der Prozess gegen Si Pamaga geführt worden war. Ich musste eine Anzahl Zeugen aufrufen lassen, deren Aussagen hierfür erforderlich waren. Der General, der natürlich den Vorsitz führte, stellte die Fragen, und das Protokoll wurde von dem Fiscal geführt. Da nun aber dieser Beamte wenig Malayisch verstand--und absolut nicht das Malayisch, das im Norden von Sumatra gesprochen wird--so war es oftmals nötig, ihm die Antworten der Zeugen zu verdolmetschen, was der General meistens selbst that. Aus den Sitzungen dieses Rats sind Aktenstücke hervorgegangen, die aufs deutlichste zu beweisen scheinen: dass Si Pamaga niemals den Plan gehegt hatte, jemanden, wer es auch sei, zu ermorden; dass er weder Sutan Adam noch Jang di Pertuan jemals gesehen oder gekannt hatte; dass er nicht auf den Tuanku von Natal losgesprungen war; dass dieser nicht aus dem Fenster geflüchtet war ... und so weiter. Ferner: dass das Urteil gegen den unglücklichen Si Pamaga entstanden war unter der Pression des Vorsitzenden--meines Vorgängers--und des Ratsmitgliedes Sutan Salim, welche Personen das angebliche Verbrechen Si Pamagas ersonnen hätten, um dem suspendierten Assistent-Residenten von Mandhéling eine Waffe zu seiner Verteidigung in die Hand zu geben und um ihrem Hass gegen Jang di Pertuan Luft zu verschaffen.

Die Art und Weise nun, wie der General bei dieser Gelegenheit die Fragen an die Zeugen stellte, erinnerte an die Whistpartie jenes Kaisers von Marokko, der seinem Partner zuraunte: »Spiel' Herzen, oder ich schneide dir den Hals ab!« Auch die Übersetzungen, wie er sie dem Fiscal in die Feder diktierte, liessen viel zu wünschen übrig.

Ob nun Sutan Salim und mein Vorgänger eine Pression auf den natalschen Gerichtsrat ausgeübt haben, dass er Si Pamaga schuldig erkläre, ist mir unbekannt. Aber wohl weiss ich, dass der General Vandamme eine Pression auf die Erklärungen ausgeübt hat, die des Mannes Unschuld beweisen sollten. Ohne noch in dem Augenblick von den hierbei obwaltenden tieferen Gründen zu wissen, habe ich mich doch dieser ... Ungenauigkeit widersetzt, die eben so weit ging, dass ich mich einige Protokolle zu unterzeichnen habe weigern müssen, und da haben Sie nun die Angelegenheit, in der ich dem General »so widersprochen« hatte. Sie begreifen nun auch, worauf die Worte hinzielen, mit denen ich die Beantwortung auf die Aussetzungen, die auf meine geldliche Verwaltung gefallen waren, schloss, die Worte, durch die ich ersuchte, mich von allen wohlwollenden Erwägungen verschont zu lassen.

--Das war in der That sehr stark für jemanden in Ihren Jahren, sagte Duclari.

--Mir war das natürlich. Doch gewiss ist, dass der General Vandamme so etwas nicht gewohnt war. Ich habe denn auch unter den Folgen dieser Sache viel zu leiden gehabt. O nein, Verbrugge, ich sehe, was Sie sagen wollen ... gereut hat es mich nie. Ich muss sogar noch hinzufügen, dass ich mich nicht auf den einfachen Protest gegen die Art, wie der General die Zeugen befragte, und nicht auf die Weigerung, zu einzelnen Protokollen meine Handzeichnung zu geben, beschränkt haben würde, wenn ich damals schon hätte vermuten können, was ich erst später erfuhr, dass dies alles nur hervorging aus der von vornherein festgelegten Absicht, meinen Vorgänger zu belasten. Ich glaubte aber, dass der General, überzeugt von Si Pamagas Unschuld, sich durch die achtenswerte Leidenschaft fortreissen liess, ein unschuldiges Schlachtopfer von den Folgen eines Rechtsirrtums zu retten, soweit dies nach der Geisselung und Brandmarkung noch möglich war. Diese meine Meinung genügte wohl, mich einer Fälschung zu widersetzen, doch ich war über die Sache nicht so entrüstet, wie ich es gewesen wäre, wenn ich gewusst hätte, dass es sich hier keineswegs um die Rettung eines Unschuldigen handelte, sondern dass diese Fälschung den Zweck hatte, auf Kosten der Ehre und des Wohlergehens meines Vorgängers die Beweise zu vernichten, die der Politik des Generals im Wege standen.

--Und wie erging es weiterhin Ihrem Vorgänger? fragte Verbrugge.

--Zu seinem Glück war er schon nach Java gereist, bevor der General nach Padang zurückkehrte. Es scheint, dass er sich vor der Regierung zu Batavia hat verantworten können, wenigstens ist er in Dienst geblieben. Der Resident von Ayer-Pangie, der dem Urteil das 'fiat executio' verliehen hatte, wurde ...

--Suspendiert?

--Natürlich! Sie sehen, dass ich nicht so ganz unrecht hatte, als ich in meinem Epigramm sagte, dass der Gouverneur suspendierend uns regierte.

--Und was ist nun aus all diesen suspendierten Beamten geworden?

--O, es waren deren noch viel mehr! Alle, einer nach dem andern, sind in ihre Ämter wieder eingesetzt. Einzelne von ihnen haben später sehr angesehene Posten bekleidet.

--Und Sutan Salim?

--Der General führte ihn gefänglich mit nach Padang, und von da wurde er als Verbannter nach Java gesandt. Er ist jetzt noch zu Tjanjor in den Preanger Regentschaften. Als ich im Jahre 1846 dort war, habe ich ihm einen Besuch abgestattet. Weisst du noch, was ich in Tjanjor anstellte, Tine?

--Nein, Max, das ist mir gänzlich entfallen.

--Wer kann auch alles behalten! Ich bin da getraut, meine Herren!

--Aber, fragte Duclari, da Sie nun doch einmal am Erzählen sind: darf ich fragen, ob es wahr ist, dass Sie zu Padang sich so häufig duellierten?

--Ja, sehr häufig, und dazu war Veranlassung. Ich habe Ihnen schon gesagt, dass die Gunst des Gouverneurs auf derartigen Aussenposten der Massstab ist, nach welchem viele ihr Wohlwollen bemessen. Die meisten waren also durchaus nicht wohlwollend gegen mich, und oft ging dies über in Grobheit. Ich meinerseits war reizbar. Ein nicht erwiderter Gruss, eine beissende Bemerkung auf die »Thorheit jemandes, der es gegen den General aufnehmen wolle«, eine Anspielung auf meine Armut, auf mein Hungerleiden, die Äusserung, dass »die sittliche Unabhängigkeit ihren Mann schlecht zu nähren scheine« ... dies alles, begreifen Sie wohl, machte mich bitter. Viele, besonders Offiziere, wussten, dass der General nicht ungern sah, dass man sich schlug, und vor allem mit jemandem, der so in Ungnade stand wie ich. Vielleicht also reizte man mein Zartgefühl mit Vorbedacht. Auch schlug ich mich wohl einmal für einen andern, den man nach meiner Meinung verletzt hatte. Wie dem sei, das Duell war dort in der Zeit an der Tagesordnung, und mehr als einmal ist es vorgekommen, dass ich zwei Stelldichein hatte an einem Morgen. O, es liegt viel Anziehendes im Duell, vor allem im Duell mit Säbel, oder »auf« Säbel, wie man's ... ich weiss nicht, warum ... nennt. Sie verstehen aber wohl, dass ich dergleichen nun nicht mehr thun würde, auch wenn dazu soviel Anlass wäre wie in jenen Tagen ... komm mal her, Max--nein, fang' das Tierchen nicht--komm her. Hör mal, du musst niemals Schmetterlinge fangen. Das arme Tier ist erst lange Zeit als Raupe auf einem Baume herumgekrochen, das war kein fröhliches Leben! Nun hat es gerade Flügel gekriegt und will in der Luft umherfliegen und sich des Lebens freuen und sucht Nahrung in den Bäumen und thut niemandem was zu Leide ... sieh doch, ist es nicht viel netter, es da so umherflattern zu sehen?

So kam das Gespräch von den Duellen auf die Schmetterlinge, auf das Erbarmen des Gerechten über sein Vieh, auf das Tierquälen, auf die »loi Grammont«, auf die Nationalversammlung, in der dies Gesetz zur Annahme gelangte, auf die Republik und auf hundert andere Dinge noch!

Endlich stand Havelaar auf. Er entschuldigte sich bei seinen Gästen, weil ihn Geschäfte riefen. Als der Kontrolleur ihn am folgenden Morgen auf seinem Bureau besuchte, wusste er nicht, dass der neue Assistent-Resident am Tage zuvor nach der Unterhaltung in der Vorgalerie nach Parang-Kudjang--dem Distrikt der »weitgehenden Missbräuche«--ausgeritten und erst diesen Morgen in der Frühe von dort zurückgekehrt war.

Ich bitte den Leser, zu glauben, dass Havelaar zuviel Takt besass, um an seinem eigenen Tisch soviel zu reden, wie ich in den letzten Kapiteln angeführt habe, und wodurch ich auf ihn den Schein lade, als hätte er sich des Gesprächs Meister gemacht, mit Verletzung der Pflichten eines Gastherrn, die vorschreiben, dass man seinen Gästen die Gelegenheit lasse oder schaffe, sich von einer vorteilhaften Seite zu zeigen. Ich habe ein paar Griffe in die Baustoffe gethan, die vor mir liegen, und hätte die Tischgespräche vor dem Leser noch weiter ausbreiten können, und zwar mit geringerer Mühe, als mich das Abgehen von denselben gekostet hat. Ich hoffe indes, dass das hier Mitgeteilte genügen wird, um einigermassen die Beschreibung zu rechtfertigen, die ich von Havelaars Naturell und seinen Qualitäten gegeben habe, und hoffe, dass der Leser nicht ganz ohne Teilnahme von den Schicksalsfällen Akt nimmt, die seiner und der Seinen zu Rangkas-Betung warteten.

Die kleine Familie lebte still fort. Havelaar war häufig über Tage aus und brachte halbe Nächte auf seinem Bureau zu. Das Verhältnis zwischen ihm und dem Kommandanten der kleinen Garnison war das allerangenehmste, und auch in dem häuslichen Umgang mit dem Kontrolleur war keine Spur von der Rangverschiedenheit zu entdecken, die sonst in Indien den Verkehr so oft steif und unerquicklich macht, während Havelaars Ehrgeiz, Hülfe zu leihen, wo er nur einigermassen konnte, häufig dem Regenten zu statten kam, der sich denn auch sehr eingenommen zeigte für seinen »älteren Bruder«. Und schliesslich trug Mevrouw Havelaars liebenswürdige Anmut viel zu einem angenehmen Verkehr mit den wenigen am Platze anwesenden Europäern und den eingeborenen Häuptlingen bei. Die Dienstkorrespondenz mit dem Residenten zu Serang trug Zeichen gegenseitigen Wohlwollens, während die Befehle des Residenten, mit Höflichkeit gegeben, streng befolgt wurden.

Tines Hauswirtschaft war schnell geregelt. Nach langem Warten waren die Möbel von Batavia angekommen, und es waren Gurken in Salz eingelegt, und wenn Max bei Tische etwas erzählte, geschah dies fernerhin nicht mehr aus Mangel an Eiern für die Omelette, wiewohl doch immer die Lebensweise der kleinen Familie deutlich erkennen liess, dass die zur Richtschnur genommene Sparsamkeit innegehalten wurde.

Mevrouw Slotering verliess selten ihr Haus und nahm nur einige Male in der Vorgalerie den Thee bei der Familie Havelaar ein. Sie sprach wenig und hatte stets ein wachsames Auge auf jeden, der sich ihrer oder Havelaars Wohnung näherte. Man war aber dies Verhalten an ihr, das man ihre »Monomanie« zu nennen begann, gewohnt geworden und achtete bald nicht mehr darauf.

Alles schien Ruhe zu atmen, denn für Max und Tine war es eine verhältnismässige Kleinigkeit, sich in Entbehrungen zu finden, die auf einem nicht am grossen Wege gelegenen Binnenposten unvermeidlich sind. Da am Platze kein Brot gebacken wurde, ass man kein Brot. Man hätte es von Serang kommen lassen können, doch die Transportkosten waren zu hoch. Max wusste so gut wie jeder andere, dass viele Mittel zu finden waren, ohne Bezahlung Brot nach Rangkas-Betung bringen zu lassen, doch unbezahlte Arbeit, dieser indische Krebsschaden, war ihm ein Greuel. So war vieles zu Lebak, das wohl durch den Einfluss der Stellung ohne Gegenleistung zu verschaffen, jedoch nicht für einen billigen Preis feil war, und unter diesen Umständen schickten sich Havelaar und seine Tine gern darein, es zu entbehren. Sie hatten ja schon andere Entbehrungen erlitten! Hatte die arme Frau nicht Monate an Bord eines arabischen Fahrzeuges zugebracht, ohne eine andere Lagerstätte als das Schiffsdeck, ohne anderen Schutz gegen Sonnenhitze und Westmusson-Regenböen als ein Tischchen, zwischen dessen Füsse sie sich einzwängen musste? Musste sie sich nicht auf dem Schiffe mit einer kleinen Ration trockenen Reises und fauligen Wassers zufrieden geben? Und war sie nicht in diesen und vielen anderen Verhältnissen stets zufrieden gewesen, wenn sie nur mit ihrem Max zusammen sein konnte?

Einen Umstand jedoch gab es zu Lebak, der ihr Verdruss bereitete: der kleine Max konnte nicht in dem Garten spielen, weil da so viel Schlangen waren. Als sie dies bemerkte und hierüber sich bei Havelaar beklagte, setzte dieser den Bedienten einen Preis aus für jede Schlange, die sie fangen würden, doch schon die ersten Tage bezahlte er soviel an Prämien, dass er sein Versprechen für weiterhin einziehen musste, denn auch unter gewöhnlichen Verhältnissen und also ohne die für ihn so dringende Sparsamkeit würde die Bezahlung bald über seine Mittel hinausgegangen sein. Es wurde also bestimmt, dass der kleine Max fortan das Haus nicht mehr verlassen dürfe, und dass er sich, um frische Luft zu geniessen, mit Spielen in der Vorgalerie begnügen müsse. Trotz dieser Vorsorge war Tine doch stets ängstlich und besonders abends, da man weiss, wie Schlangen häufig in die Häuser kriechen und sich, Wärme suchend, in den Schlafzimmern verbergen.

Schlangen und dergleichen Ungeziefer findet man zwar in Indien überall, doch an den grösseren Hauptplätzen, wo die Bevölkerung dichter gedrängt wohnt, kommen sie natürlich seltener vor als in mehr wilden Gegenden wie zu Rangkas-Betung. Wenn aber Havelaar sich hätte entschliessen können, sein Erbe bis an den Rand des Ravijn von Unkraut reinigen zu lassen, würden sich die Schlangen von Zeit zu Zeit doch wohl immer noch im Garten gezeigt haben, wenn auch nicht in so grosser Menge, wie es nun der Fall war. Die Natur dieser Tiere lässt sie Dunkelheit und Schlupfwinkel dem Licht offener Plätze vorziehen, so dass, wenn Havelaars Erbe rein gehalten worden wäre, die Schlangen nur unabsichtlich und sich verirrend das Unkraut in dem Ravijn verlassen haben würden. Aber das Erbe von Havelaars Haus war nicht rein, und ich möchte den Grund hiervon angeben, da er ein Licht mehr wirft auf die Missbräuche, die beinahe überall in den Niederländisch-Indischen Besitzungen herrschend sind.

Die Wohnungen der Statthalter in den Binnenlanden stehen auf Grund, der den Gemeinden gehört, insoweit man von Gemeinde-Eigentum sprechen kann in einem Lande, wo die Regierung sich alles aneignet. Genug, dieses Erbe ist nicht dem amtlichen Bewohner zugehörig. Dieser würde, wenn das der Fall wäre, sich jedenfalls hüten, einen Grund zu kaufen oder zu mieten, dessen Unterhaltung über seine Kräfte ginge. Wenn nun das Erbe der ihm angewiesenen Wohnung zu gross ist, um gehörig unterhalten zu werden, so würde es bei dem üppigen tropischen Pflanzenwuchs binnen kurzer Zeit in eine Wildnis ausarten. Und doch sieht man selten oder niemals ein solches Erbe schlecht in Stand gehalten. Ja, manchmal gar ergreift den Reisenden Bewunderung angesichts des schönen Parks, der eine Residentenwohnung umgiebt. Kein Beamter in den Binnenlanden hat Einkommen genug, um die hierfür erforderliche Arbeit gegen gehörige Bezahlung verrichten zu lassen, und da nun doch das würdige Ansehen der Wohnung des Statthalters ein Erfordernis ist, damit nicht die Bevölkerung, die auf Äusserlichkeiten ausserordentlichen Wert legt, in solcher Unsauberkeit Grund zu geringerem Respekt finde, so wirft sich die Frage auf, wie dann dieses Ziel erreicht wird. An den meisten Plätzen haben die Statthalter Verfügung über einige Kettengänger, d. h. anderswo verurteilte Verbrecher, welche Art Arbeitskräfte jedoch in Bantam aus mehr oder minder zureichenden Gründen politischer Art nicht vorhanden war. Doch auch an Plätzen, wo sich wohl derartige Verurteilte befinden, steht ihre Anzahl, vor allem, wenn man die Notwendigkeit anderer Arbeiten in Betracht zieht, selten in richtigem Verhältnis zu der Arbeit, die erforderlich wäre, um ein grosses Erbe gut zu unterhalten. Es müssen also andere Mittel gefunden werden, und die Aufrufung von Arbeitern zur Verrichtung von Herrendienst ist nahe gelegen. Der Regent oder der Dhemang, dem eine solche Aufrufung in die Hand gegeben wird, beeilt sich, ihr Erfolg zu verleihen, denn er weiss sehr gut, dass es dem gewalthabenden Beamten, der diese Gewalt missbraucht, späterhin schwer fallen wird, ein Inländisches Haupt wegen eines gleichen Fehlers zu bestrafen. Und also dient der Verstoss des einen als Freibrief für den andern.

Es dünkt mich jedoch, dass dieser Fehler eines gewalthabenden Beamten in einzelnen Fällen nicht allzu streng, und vor allem nicht nach europäischen Begriffen beurteilt werden darf. Die Bevölkerung selbst würde es--vielleicht, da es ihr ungewohnt ist--sehr sonderbar finden, wenn er stets und in allen Fällen sich streng an die Vorschriften hielte, die die Zahl der für sein Erbe bestimmten Herrendienstpflichtigen vorschreiben, da Umstände eintreten können, die in diesen Bestimmungen nicht vorgesehen sind. Doch sobald einmal die Grenze des streng Gesetzlichen überschritten ist, wird es schwer, einen Punkt anzugeben, wo eine solche Überschreitung in strafwürdige Willkür übergehen würde, und vor allem wird grosse Vorsicht Pflicht, sobald man weiss, dass die Häuptlinge nur auf ein schlechtes Beispiel warten, um ihm mit weitgehender Verallgemeinerung nachzufolgen. Die Geschichte von jenem König, der nicht wollte, dass man die Bezahlung eines Kornes Salz vergässe, das er bei seinem einfachen Mahle gebraucht hatte, als er an der Spitze seines Heeres das Land durchzog--weil, wie er sagte, dies der Beginn eines Unrechts wäre, das schliesslich sein ganzes Reich vernichten würde--möge er nun Timurleng, Nureddin oder Djengis-Khan geheissen haben, gewiss ist, dass entweder diese Fabel, oder, wenn es keine Fabel ist, dass dieser Vorfall selbst nach Asien zu verweisen ist. Und wie der Anblick von Seedeichen an die Möglichkeit von Hochwasser glauben lässt, ebenso mag man annehmen, dass Neigung zu solchen Missbräuchen in einem Lande besteht, wo solche warnenden Lehren gegeben werden.

Die geringe Zahl von Leuten nun, über die Havelaar gesetzlich zu verfügen hatte, konnte nicht mehr als nur einen sehr kleinen Teil seines Erbes, der unmittelbar sein Haus umgab, von Unkraut und Gestrüpp freihalten. Das übrige war binnen wenigen Wochen eine völlige Wildnis. Havelaar schrieb an den Residenten wegen der Mittel, dem abzuhelfen, sei es nun durch eine Geldzulage, sei es, indem der Regierung vorgestellt werde, dass sie ebenso wie anderswo Kettengänger in der Residentschaft Bantam arbeiten lasse. Er erhielt hierauf eine abschlägige Antwort, mit der Bemerkung, dass er allerdings das Recht hätte, die Personen, die von ihm durch Polizeiurteil zu »Arbeit am öffentlichen Wege« verurteilt seien, auf seinem Erbe in Arbeit zu stellen. Dies wusste Havelaar selbst wohl, oder wenigstens war es ihm hinlänglich bekannt, dass derartige Verfügung über Verurteilte überall die gewöhnlichste Sache von der Welt war, aber niemals hatte er--weder in Rangkas-Betung, noch in Amboina, noch in Menado, noch in Natal--von diesem vermeintlichen Recht Gebrauch machen wollen. Es widerstrebte ihm, zur Busse für kleine Vergehen seinen Garten unterhalten zu lassen, und mehrfach hatte er sich die Frage vorgelegt, wie die Regierung Bestimmungen bestehen lassen könne, die geeignet sind, den Beamten in Versuchung zu bringen, kleine verzeihliche Fehler zu strafen, und zwar im Verhältnis nicht zu dem Vergehen, sondern zu dem Zustande oder der Ausgedehntheit seines Erbes! Der Gedanke allein, dass der Gestrafte, auch sogar der, der zu Recht gestraft war, vermeinen könne, dass sich Eigennutz hinter dem gefällten Urteil verstecke, liess ihn, wo er strafen musste, stets der andererseits sehr zu missbilligenden Einkerkerung den Vorzug geben.

Und daran lag es, dass der kleine Max nicht in dem Garten spielen durfte und dass auch Tine nicht soviel Freude an den Blumen vergönnt war, wie sie sich am Tage ihrer Ankunft in Rangkas-Betung vorgestellt hatte.

Es versteht sich, dass diese und ähnliche kleine Verdriesslichkeiten keinen Einfluss auf die Stimmung einer Familie ausübten, die soviel Baustoffe besass, um sich ein glückliches häusliches Leben zu zimmern, und nicht solchen Kleinigkeiten war es denn auch zuzuschreiben, wenn Havelaar zuweilen mit bewölkter Stirn eintrat, von einer Reise zurückgekehrt oder nachdem er diesen und jenen angehört, der ihn zu sprechen verlangt hatte. Wir haben aus seiner Ansprache an die Häuptlinge gehört, dass er seine Pflicht thun, dass er dem Unrecht entgegentreten wollte, und ich hoffe, dass daneben ihn der Leser aus den Gesprächen, die ich mitteilte, als jemanden kennen lernte, der wohl imstande war, etwas zu ergründen und zur Klarheit zu bringen, was für manchen andern verborgen war oder in Dunkel lag. Wir können also annehmen, dass nicht viel von dem, was in Lebak vorging, seiner Aufmerksamkeit entging. Auch sahen wir, dass er viele Jahre vorher der Abteilung Beachtung geschenkt hatte, sodass er schon am ersten Tage, als er Verbrugge in der Pendoppo begegnete, in der meine Erzählung beginnt, zu erkennen gab, dass ihm sein neuer Wirkungskreis nicht fremd sei. Er hatte durch Nachforschung an den Plätzen selbst vieles bestätigt gefunden, was er früher vermutete, und insonderheit aus dem Archiv war es ihm klar geworden, dass der Landstrich, dessen Verwaltung seiner Fürsorge anvertraut war, sich wirklich in einem höchst traurigen Zustande befand.

Aus Briefen und Aufzeichnungen seines Vorgängers zeigte es sich ihm, dass dieser dieselben Erfahrungen gewonnen hatte. Die Korrespondenz mit den Häuptlingen enthielt Verweis auf Verweis, Bedrohung auf Bedrohung, und aus allem wurde es sehr begreiflich, wie dieser Beamte schliesslich gesagt haben mochte, dass er sich direkt an die Regierung wenden werde, wenn diesem Stande der Dinge nicht ein Ende gemacht würde.

Als Verbrugge Havelaar dies mitteilte, hatte dieser geantwortet, sein Vorgänger würde nicht recht daran gethan haben, da der Assistent-Resident von Lebak auf keinen Fall den Residenten von Bantam übergehen dürfe, und er hatte hinzugefügt, dass dies auch durch nichts gerechtfertigt erscheinen würde, denn man dürfe doch wohl nicht annehmen, dass dieser hohe Beamte für Erpressung und Wucherei Partei ergreifen werde.