Chapter 16
Ich, Leser, habe dich in meiner Geschichte oftmals auf dem grossen Wege gelassen, ob es mir gleich Mühe kostete, dich nicht hineinzuführen ins Gebüsch. Ich befürchtete, dass der Spaziergang dich verdriessen würde, da ich nicht wusste, ob du Gefallen finden würdest an den Blumen und Pflanzen, die ich dir zeigen wollte. Doch da ich glaube, dass du später zufrieden sein wirst, den Pfad gesehen zu haben, den wir gleich beschreiten werden, so fühle ich mich veranlasst, dir etwas über Havelaars Haus zu sagen.
Man ginge fehl, wenn man sich von einem Hause in Indien eine Vorstellung nach europäischen Begriffen machte und sich dabei eine Steinmasse dächte von aufeinandergestapelten Zimmern und Zimmerchen, vorn die Strasse, rechts und links Nachbarn, deren Häuser sich an das unsere anlehnen, und ein Gärtchen mit drei Johannisbeersträuchern dahinter. Wenige Ausnahmen abgerechnet, haben die Häuser in Indien kein oberes Stockwerk. Das kommt dem europäischen Leser seltsam vor, denn es ist eine Eigenart der Zivilisation--oder dessen, was man hierfür laufen lässt--alles seltsam zu finden, was natürlich ist. Die indischen Häuser sind ganz anders als die unseren, doch nicht sie sind sonderbar, unsere Häuser sind sonderbar. Wer zuerst sich den Luxus erlauben konnte, nicht in einem Zimmer mit seinen Kühen zu schlafen, hat das zweite Zimmer seines Hauses nicht auf, sondern neben das erste gesetzt, denn das Bauen zu ebener Erde ist einfacher und bietet auch mehr Bequemlichkeit im Bewohnen. Unsere hohen Häuser sind entstanden aus Mangel an Raum: wir suchen in der Luft, was auf dem Boden fehlt, und so ist eigentlich jedes Dienstmädchen, das abends das Fenster der Dachkammer schliesst, in der es schläft, ein lebender Protest gegen die Übervölkerung ... denkt es selbst auch an etwas anderes, wie ich wohl glaube.
In Landen also, wo Civilisation und Übervölkerung noch nicht durch Zusammenpressung unten die Menschheit nach oben hinaufgequetscht haben, sind die Häuser ohne Stockwerk, und das Haus Havelaars gehörte nicht zu den wenigen Ausnahmen von dieser Regel. Beim Eintreten ... doch nein, ich will einen Beweis geben, dass ich abstehe von allen Ansprüchen auf pittoreske Mittel. 'Gegeben': ein längliches Quadrat, aufzuteilen in einundzwanzig Flächen, drei breit, sieben tief. Wir numerieren die Flächen, beginnend an der linken Oberecke und nach rechts weiterzählend, sodass 4 unter 1 kommt, 5 unter 2, und in dieser Weise weiter.
Die ersten drei Nummern bilden zusammen die Vorgalerie, die an drei Seiten offen ist und deren Dach an der Vorderseite auf Säulen ruht. Von dort tritt man durch zwei Doppelthüren in die Binnengalerie, die aus den drei folgenden Fächern sich zusammensetzt. Die Fächer 7, 9, 10, 12, 13, 15, 16 und 18 sind Zimmer, von denen die meisten durch Thüren mit den danebenliegenden in Verbindung stehen. Die drei höchsten Nummern bilden die offene Hintergalerie, und was ich überschlug, ist eine Art von ungeschlossener Binnengalerie, Gang oder Durchgang. Ich bin recht stolz auf diese Beschreibung.
Es ist schwer zu sagen, welche Bezeichnung bei uns voll die Vorstellung wiedergeben könnte, welche man in Indien an das Wort »Erbe« knüpft. Dort ist es weder Garten, noch Park, noch Feld, noch Wald, sondern entweder etwas davon, oder alles zusammen, oder nichts von dem allen. Es ist der Grund, der zu dem Hause gehört, insoweit dieser nicht durch das Haus bedeckt wird, so dass in Indien der Ausdruck »Garten und Erbe« als ein Pleonasmus gelten würde. Es giebt da keine oder wenige Häuser ohne ein derartiges Erbe. Einzelne Erbe umfassen Wald und Garten und Weideland und erinnern an einen Park. Andere sind Blumengärten. Anderswo wieder ist das ganze Erbe ein grosses Grasfeld. Und endlich giebt es solche, die, wenn auch in sehr einfacher Weise, ganz und gar zu einem nach Art der Chausseen mit kleinen Steinen gepflasterten Platz gemacht sind, der vielleicht das Auge weniger anspricht, aber doch die Reinlichkeit in den Häusern fördert, weil viele Insektenarten durch Gras und Bäume angezogen werden.
Havelaars Erbe war nun sehr gross, ja, wie seltsam es klingen mag, an einer der Seiten konnte man es unendlich nennen, da es an ein »Ravijn« stiess, an zur Schlucht sich vertiefendes Terrain, das sich bis an die Ufer des Tjiudjung erstreckte, des Flusses, der Rangkas-Betung mit einer seiner vielen Windungen umschliesst. Es liess sich schwer bestimmen, wo das Erbe von des Assistent-Residenten Wohnung aufhörte, und wo der Gemeindegrund anfing, da der grosse Wechsel im Erguss von Wasser in den Tjiudjung, der bald einmal seine Ufer in Gesichtsweite zurückzog, und dann wieder den »Ravijn« füllte bis fast heran an Havelaars Haus, fortwährend die Grenzen veränderte.
Dieser »Ravijn« war denn auch Mevrouw Slotering immer ein Dorn im Auge gewesen, und das war sehr begreiflich. Der Pflanzenwuchs, schon überall anderswo in Indien so wuchernd, war an diesem Ort durch den jedesmal zurückgebliebenen Schlamm besonders üppig, sogar in solchem Masse, dass, war auch der Zu- und der Ablauf des Wassers mit einer Kraft erfolgt, die das Buschholz entwurzelte und mit fortführte, nur sehr wenig Zeit nötig war, um den Boden wieder mit all dem Unkraut sich überziehen zu lassen, das das Reinhalten des Erbes, selbst in der unmittelbaren Nähe des Hauses, so schwierig machte. Und dies verursachte beträchtlichen Verdruss, selbst dem, der nicht »Dame des Hauses« war. Denn abgesehen von allerlei Insekten, die gewöhnlich abends in so grosser Menge um die Lampe schwirrten, dass Schreiben und Lesen unmöglich war--etwas, das an vielen Orten Indiens recht viel Beschwer verursacht--es hielten sich in dem Buschdickicht Schlangen und anderes Getier in Menge auf, das sich nicht auf den »Ravijn« beschränkte, sondern oft auch im Garten neben und hinter dem Hause gefunden wurde, oder auf der Grasfläche des grossen Platzes vor dem Hause.
Diesen Platz hatte man gerade vor sich, wenn man in der Aussengalerie mit dem Rücken dem Hause zugekehrt stand. Von da aus lag links das Gebäude mit den Bureaux, der Kasse und dem Versammlungssaal, wo Havelaar am Morgen zu den Häuptlingen gesprochen hatte, und dahinter breitete sich der »Ravijn« aus, den man überblicken konnte bis zum Tjiudjung hinunter. Den Bureaux gerade gegenüber stand die alte Assistent-Residenten-Wohnung, die auf bestimmte Zeit von Mevrouw Slotering bewohnt wurde, und da der Zugang vom grossen Wege zum Erbe nur über die beiden Wege erfolgen konnte, die an den beiden Seiten des Grasplatzes entlang liefen, so ergiebt sich hieraus, dass jeder, der das Erbe betrat, um sich nach den hinter dem Hauptgebäude gelegenen Küchen- und Stallgebäuden zu begeben, entweder an den Bureaux oder an der Wohnung der Mevrouw Slotering vorbeigehen musste. Seitlich vom Hauptgebäude und dahinter lag der sehr grosse Garten, der Tines Freude erregt hatte durch die vielen Blumen, die sie da fand, und vor allem deshalb, da sie ihren kleinen Max hier oftmals werde spielen sehen.
Havelaar hatte sich bei Mevrouw Slotering entschuldigen lassen, dass er ihr noch keinen Besuch gemacht hatte. Er nahm sich vor, am folgenden Tage dorthin zu gehen, doch Tine war schon dagewesen und hatte sich vorgestellt. Wir erfuhren schon, dass diese Dame ein sogenanntes »inländisches Kind« war und keine andere Sprache redete als die malayische. Sie hatte das Verlangen geäussert, dass sie ihren eigenen Haushalt weiter führen möchte, worein Tine gern willigte. Und nicht Mangel an Gastfreundschaft war diese Einwilligung zuzuschreiben, sondern hauptsächlich der Befürchtung, dass sie, eben in Lebak angekommen und also noch nicht »in Ordnung«, Mevrouw Slotering nicht so gut würde empfangen können, als die besonderen Umstände, in denen diese Dame verkehrte, es wünschenswert machten. Wohl würden sie, die sie kein Holländisch verstand, Maxens Erzählungen nicht »stören«, wie Tine sich ausdrückte, doch es verstand sich für sie, dass mehr nötig war, als dass die Familie Slotering nicht »gestört« wurde, und die schmale Küche in Verbindung mit der beabsichtigten Sparsamkeit liessen sie wirklich den Entschluss der Mevrouw Slotering sehr vernünftig finden. Ob nun übrigens, wenn die Umstände anders gewesen wären, der Umgang mit jemandem, der nur eine Sprache sprach, in der nichts gedruckt ist, was den Geist bildet, zu beiderseitiger Befriedigung geführt hätte, bleibt zweifelhaft. Tine würde sie so gut wie möglich unterhalten und viel mit ihr über Küchensachen gesprochen haben, über Sambal-sambal, über das Einmachen von Gurken--ohne Liebig, lieber Himmel!--aber so etwas bleibt doch immer eine Aufopferung, und man empfand es also als sehr angenehm, dass die Angelegenheit durch Mevrouw Sloterings freiwillige Absonderung in einer Weise erledigt war, die beiden Parteien vollkommen Freiheit liess. Indes seltsam blieb es doch, dass die Dame es nicht allein ausgeschlagen hatte, an den gemeinschaftlichen Mahlzeiten teilzunehmen, sondern selbst keinen Gebrauch machte von dem Anerbieten, ihre Speisen in der Küche von Havelaars Haus bereiten zu lassen. Die Bescheidenheit, sagte Tine, wäre hier doch etwas weit getrieben, denn die Küche sei geräumig genug.
VIERZEHNTES KAPITEL.
--Sie wissen, begann Havelaar, dass die niederländischen Besitzungen an der Westküste von Sumatra an die unabhängigen Reiche in der Nordecke grenzen, von denen Atjeh das bedeutendste ist. Man sagt, dass ein geheimer Artikel in dem Traktat von 1824 gegenüber den Engländern uns die Verpflichtung auferlegt, den Fluss von Singkel nicht zu überschreiten. Der General Vandamme, der mit einem 'faux-air Napoléon' gern sein Gouvernement so weit wie möglich ausbreitete, stiess also in dieser Richtung auf ein unüberwindliches Hindernis. Ich muss an das Bestehen dieses geheimen Artikels schon glauben, weil es mich anders befremden würde, dass die Radjahs von Trumon und Analabu, deren Provinzen nicht ohne Wichtigkeit sind durch den Pfefferhandel, der dort getrieben wird, nicht längst unter niederländische Souveränität gebracht sind. Sie wissen, wie leicht man einen Vorwand findet, solche Ländchen in Krieg zu verwickeln und sich zum Herrn derselben zu machen. Das Stehlen einer Landschaft wird zu allen Zeiten leichter sein als das Stehlen einer Mühle. Ich glaube von dem General Vandamme, dass er selbst eine Mühle weggenommen haben würde, wenn sie sein Gefallen fand, und begreife also nicht, wie er diese Landschaften im Norden verschont haben sollte, wenn nicht handfestere Gründe dafür bestanden als Recht und Billigkeit.
Wie dem auch sei, er richtete seine Erobererblicke nicht nach Norden, sondern ostwärts. Die Landstriche Mandhéling und Ankola--dies war der Name der Assistent-Residentschaft, die gebildet wurde aus den kürzlich zur Ruhe gebrachten Battahlanden--waren wohl noch nicht gesäubert von atjinesischem Einfluss--denn wo religiöser Fanatismus einmal seine Wurzeln einschlägt, ist das Ausrotten schwierig--aber die Atjinesen selbst waren doch nicht mehr dort. Dies war gleichwohl dem Gouverneur nicht genug. Er breitete seine Herrschaft bis an die Ostküste aus, und es wurden niederländische Beamte und niederländische Garnisonen gesandt nach Bila und Pertibie, welche Posten jedoch später--wie Sie wohl wissen, Verbrugge--wieder geräumt wurden.
Als auf Sumatra ein Regierungskommissar erschien, der diese Ausbreitung zwecklos fand und sie darum missbilligte, vor allem auch, da sie in Widerstreit war mit der verzweifelten Sparsamkeit, zu der vom Mutterlande aus so sehr angetrieben wurde, behauptete der General Vandamme, dass diese Ausbreitung keinen beschwerenden Einfluss auf das Budget zu haben brauchte, denn die neuen Garnisonen seien formiert aus Truppen, für die doch schon Gelder zugestanden seien, so dass er ein sehr grosses Ländergebiet unter niederländische Verwaltung gebracht hätte, ohne dass hierfür Geldausgaben entstanden wären. Und was ferner die teilweise Entblössung anderer Plätze, hauptsächlich im Mandhélingschen, anginge, so meinte er genügend auf die Treue und Anhänglichkeit von Jang di Pertuan, dem vornehmsten Häuptling in den Battahlanden, rechnen zu können, um hierin kein Beschwer zu sehen.
Nur zögernd gab der Regierungskommissar seine Zustimmung, und zwar auf die wiederholten Versicherungen des Generals, dass er für Jang di Pertuans Treue persönlich sich zum Bürgen stelle.
Nun war der Kontrolleur, der vor mir die Abteilung Natal verwaltete, der Schwiegersohn des Assistent-Residenten in den Battahlanden, welcher Beamte mit Jang di Pertuan in Unfrieden lebte. Später habe ich viel von Klagen reden hören, die gegen diesen Assistent-Residenten erhoben waren, doch man durfte nur mit Vorsicht diesen Beschuldigungen Glauben schenken, weil sie grossenteils von Jang di Pertuan ausgingen, und zwar erhoben in einem Augenblick, da dieser selbst viel schwererer Vergehen angeklagt war, was ihn vielleicht nötigte, seine Verteidigung in den Fehlern seines Beschuldigers zu suchen ... was öfter vorkommt. Wie dem sei, jener Kontrolleur und erste Beamte von Natal entbrannte für die gegen Jang di Pertuan gerichtete Partei seines Schwiegervaters, und vielleicht um so feuriger, als er mit einem gewissen Sutan Salim sehr befreundet war, einem natalschen Häuptling, der auch sehr auf den battakschen Chef ergrimmt war. Seit langer Zeit herrschte eine Fehde zwischen den Familien dieser beiden Häuptlinge. Es waren Heiratsanträge ausgeschlagen, es bestand eine Eifersucht wegen ihres Einflusses; Hochmut auf der Seite Jang di Pertuans, der von edlerer Geburt war, und noch weitere Ursachen vereinigten sich, um Natal und Mandhéling in Feindschaft gegeneinander zu erhalten.
Auf einmal verbreitete sich das Gerücht, dass in Mandhéling ein Komplott entdeckt sei, in das Jang di Pertuan verwickelt sein sollte und das darauf gerichtet war, die heilige Fahne des Aufstandes zu entfalten und alle Europäer zu ermorden. Die erste Entdeckung hiervon hatte man in Natal gemacht, was natürlich ist, da man in den anliegenden Provinzen stets besser vom Stande der Dinge unterrichtet wird als am Platze selbst, weil viele, die zu Hause aus Furcht vor einem beteiligten Häuptling sich von der Offenbarung eines ihnen bekannten Umstandes abhalten lassen, diese Furcht einigermassen überwinden, sobald sie sich auf einem Grundgebiet befinden, wo der betreffende Häuptling keinen Einfluss hat.
Das ist denn auch der Grund, Verbrugge, warum ich in den Angelegenheiten von Lebak kein Neuling mehr bin und dass ich verhältnismässig viel wusste von dem, was hier vorgeht, noch ehe ich dachte, dass ich jemals hierher versetzt würde. Ich war im Jahre 1846 im Krawangschen und bin viel umhergestreift im Preanger-Gebiet, wo ich 1840 schon Flüchtlingen aus Lebak begegnete. Auch bin ich bekannt mit einigen Besitzern privater Ländereien im Buitenzorgschen und in den Bataviaschen Ommelanden und ich weiss, wie von altersher diese Landherren ihre Freude haben an dem schlechten Zustande unserer Abteilung, weil das ihr Landgebiet bevölkert.
So wird auch zu Natal die Verschwörung entdeckt sein, die--wenn sie bestanden hat, was ich nicht weiss--Jang di Pertuan als Verräter erscheinen liess. Nach Zeugenaussagen, die der Kontrolleur von Natal erlangte, sollte er im Verein mit seinem Bruder Sutan Adam die battakschen Häuptlinge in einem heiligen Hain sich versammeln lassen haben, wo sie geschworen hätten, nicht zu ruhen, bis die Herrschaft der »Christenhunde« in Mandhéling vernichtet wäre. Es versteht sich von selbst, dass er hierfür eine Eingebung vom Himmel erhalten hatte. Sie wissen, dass dies bei solchen Gelegenheiten niemals ausbleibt.
Ob nun in der That dieser Plan bei Jang di Pertuan bestanden hat, kann ich nicht mit Gewissheit sagen. Ich habe die Erklärungen der Zeugen gelesen, doch Sie werden gleich inne werden, warum denselben nicht unbedingt Glauben geschenkt werden darf. Gewiss ist, dass der Mann, was seinen Islam-Fanatismus angeht, wohl zu so etwas im stande gewesen sein kann. Er war mit der ganzen battakschen Bevölkerung erst kurz vorher durch die Padries zum wahren Glauben bekehrt, und Neubekehrte sind gewöhnlich fanatisch.
Die Folge dieser wirklichen oder vermeintlichen Entdeckung war, dass Jang di Pertuan durch den Assistent-Residenten von Mandhéling gefangen genommen und nach Natal transportiert wurde. Hier schloss ihn der Kontrolleur vorläufig im Fort ein und liess ihn bei der ersten passenden Schiffsgelegenheit gefänglich nach Padang überführen. Selbstverständlich legte man dem Gouverneur all die Aktenstücke vor, in denen die so belastenden Zeugnisse niedergelegt waren und die die Strenge der getroffenen Massregeln rechtfertigen mussten. Unser Jang di Pertuan war demnach als ein Gefangener von Mandhéling gegangen. Zu Natal war er gefangen. An Bord des Kriegsfahrzeuges, das ihn überführte, war er natürlich auch ein Gefangener. Er erwartete also--schuldig oder nicht, dies thut hier nichts zur Sache, da er in gesetzmässiger Form und durch zuständige Autorität Hochverrats beschuldigt war--auch in Padang als ein Gefangener ankommen zu sollen. Es muss ihn wohl sehr verwundert haben, dass er bei der Ausschiffung vernahm, nicht allein, dass er frei sei, sondern dass gar der General, dessen Fuhrwerk ihn bei Betreten des Landes erwartete, es sich zur Ehre anrechnen würde, ihn bei sich im Hause zu empfangen und ihn zu beherbergen. Gewiss ist niemals ein des Hochverrats Beschuldigter angenehmer überrascht worden. Kurz darauf wurde der Assistent-Resident von Mandhéling von seinem Amte suspendiert wegen allerlei Vergehen, über die ich hier kein Urteil abgebe. Jang di Pertuan jedoch kehrte, nachdem er einige Zeit auf Padang im Hause des Generals verweilt und von diesem mit der grössten Auszeichnung behandelt war, über Natal nach Mandhéling zurück, nicht mit dem Selbstgefühl des Unschuldigerklärten, sondern mit dem Hochmut jemandes, der so hoch steht, dass er eine Erklärung seiner Unschuld nicht nötig hat. Das ist sicher: untersucht war diese Angelegenheit nicht! Selbst angenommen, dass man die gegen ihn erhobene Beschuldigung für falsch hielt, dann hätte schon dieses Vermuten eine Untersuchung erfordert, zum Zwecke, die falschen Zeugen und vor allem diejenigen zu bestrafen, von denen es sich erwies, dass sie zu diesem falschen Zeugnis verleitet hatten. Es scheint, dass der General seine Gründe hatte, diese Untersuchung nicht stattfinden zu lassen. Die gegen Jang di Pertuan erhobene Anklage wurde als 'non avenu' betrachtet, und ich halte es für sicher, dass die hierauf bezüglichen Aktenstücke nie der Regierung zu Batavia vorgelegt worden sind.
Kurz nach Jang di Pertuans Rückkehr kam ich in Natal an, um die Verwaltung dieser Abteilung zu übernehmen. Mein Vorgänger erzählte mir natürlich, was kurz vorher im Mandhélingschen vorgefallen war, und gab mir die nötige Aufklärung über das politische Verhältnis dieser Landschaft zu meiner Abteilung. Es war ihm nicht übel zu deuten, dass er sich sehr beklagte über die seines Erachtens ungerechte Behandlung, die seinem Schwiegervater zu teil wurde, und über den unbegreiflichen Schutz, den Jang di Pertuan offenkundig von Seiten des Generals genoss. Weder er noch ich wussten in dem Augenblick, dass die Überführung Jang di Pertuans nach Batavia dem General ein Faustschlag ins Gesicht gewesen wäre, und dass dieser--der sich persönlich für die Treue des Häuptlings haftbar gemacht hatte--begründete Ursache hatte, ihn, was es kosten mochte, zu sichern vor einer Beschuldigung wegen Hochverrats. Dies war für den General um so wichtiger, als inzwischen der vorhin erwähnte Regierungskommissar selbst Generalgouverneur geworden war und ihn also--im Zorn über das ungerechtfertigte Vertrauen auf Jang di Pertuan und über die hierauf sich stützende Hartnäckigkeit, mit der der General sich einer Räumung der Ostküste widersetzt hatte--höchstwahrscheinlich aus seinem Gouvernement abberufen haben würde.
»Doch, sagte mein Vorgänger, was auch den General bewegen möge, all den gegen meinen Schwiegervater erhobenen Beschuldigungen ohne weitere Prüfung Glauben zu schenken und die viel schwereren Anklagen gegen Jang di Pertuan nicht einmal einer Untersuchung wert zu erachten--die Sache ist noch nicht begraben hiermit! Und falls man zu Padang, wie ich vermute, die abgelegten Zeugenerklärungen vernichtet hat, so können sie hier etwas anderes sehen, das nicht vernichtet werden kann.«
Und, er zeigte mir ein Urteil des Rappat-Rates zu Natal, dessen Präsident er war, des Inhaltes: Verurteilung eines gewissen Si Pamaga zur Strafe der Geisselung und Brandmarkung und zu--wie ich meine--zwanzigjähriger Zwangsarbeit, wegen Mordversuches an dem Tuanku von Natal.
»Lesen Sie einmal das Protokoll der Gerichtssitzung, sagte mein Vorgänger, und beurteilen dann, ob meinem Schwiegervater nicht geglaubt werden wird zu Batavia, wenn er da Jang di Pertuan Hochverrats anklagt!«
Ich las die Aktenstücke. Zufolge Aussagen von Zeugen und dem »Bekenntnis des Beklagten« war Si Pamaga gedungen, zu Natal den Tuanku, dessen Pflegevater Sutan Salim und den die Regierung führenden Kontrolleur zu ermorden. Er hatte sich, um diesen Plan auszuführen, nach der Wohnung des Tuanku begeben und da mit den Bedienten, die auf der Treppe der Aussengalerie sassen, ein Gespräch über einen Sewah, die Sumatra eigentümliche Dolchwaffe, angeknüpft, mit der Absicht, seine Anwesenheit auszudehnen, bis er des Tuanku ansichtig würde, der denn auch bald, umgeben von einigen Verwandten und Bedienten, sich zeigte. Pamaga war mit seinem Sewah auf den Tuanku losgegangen, hatte jedoch aus unbekannten Ursachen seinen Mordplan nicht ausführen können. Der Tuanku war erschreckt aus dem Fenster gesprungen, und Pamaga ergriff die Flucht. Er verbarg sich im Walde und wurde dann einige Tage später durch die natalsche Polizei ergriffen.
»Auf die Frage an den Beschuldigten: 'was ihn zu diesem Anschlage und dem gegen Sutan Salim und den Kontrolleur von Natal geplanten Mordanschlag bewogen habe?' antwortete er: 'er sei dazu gedungen worden durch Sutan Adam, im Namen von dessen Bruder Jang di Pertuan von Mandhéling'.«
»Ist dies deutlich oder nicht? fragte mein Vorgänger. Das Urteil ist nach dem 'fiat executio' des Residenten, was die Geisselung und Brandmarkung angeht, zur Vollstreckung gebracht, und Si Pamaga befindet sich auf dem Wege nach Padang, um von da als Kettengänger nach Java überführt zu werden. Gleichzeitig mit ihm kommen die Prozessakten dieser Sache nach Batavia, und dann kann man da sehen, wer der Mann ist, auf dessen Anklage mein Schwiegervater suspendiert wurde! Dieses Urteil kann der General nicht vernichten, und wollte er es auch.«
Ich übernahm die Verwaltung der Abteilung Natal, und mein Vorgänger zog ab. Nach einiger Zeit erhielt ich den Bericht, dass der General mit einem Kriegsdampfer nach Norden komme und auch Natal besuchen werde. Er stieg mit viel Gefolge in meinem Hause ab und verlangte augenblicklich die Original-Aktenstücke zu sehen »von dem armen Mann, den man so schrecklich misshandelt hätte«.
»Die hätten selbst Geisselung und Brandmarkung verdient!« fügte er hinzu.