Max Havelaar

Chapter 13

Chapter 133,765 wordsPublic domain

--I, das ist doch sehr einfach! Sie sahen da eine Frau, schwarz gekleidet, vor einem Blocke knieend. Sie beugte das Haupt, und weiss wie Silber war der Hals, der sich vom schwarzen Sammet abhob. Und ein Mann mit einem grossen Schwert stand da, und er hielt es hoch, und sein Blick war auf den weissen Hals geheftet, und er suchte den Bogen, den sein Schwert beschreiben sollte, um da ... da, zwischen diesen Wirbeln hin, hindurchgetrieben zu werden mit Genauigkeit und Kraft ... und da fielen Sie, Duclari. Sie fielen, weil Sie das alles sahen, und darum riefen Sie: o Gott! Keineswegs, weil nur drei Beine unter Ihrem Stuhl waren. Und lange nachdem Sie aus Fotheringhay befreit waren--auf Fürsprache ihres Vetters, denke ich, oder weil es den Menschen langweilig wurde, Ihnen da länger unverpflichtet Kost zu gewähren wie einem Kanarienvogel--lange nachher, ja, bis heute noch träumen Sie wachend von dieser Frau, und im Schlafe selbst schrecken Sie auf und fallen mit schwerem Fall nieder auf Ihre Lagerstätte, weil Sie den Arm des Henkers packen wollen. Ist das nicht wahr?

--Ich will's schon glauben, aber sicher kann ich es wahrhaftig nicht sagen, weil ich niemals zu Fotheringhay durch ein Loch in der Mauer geguckt habe.

--Gut, gut, ich auch nicht. Aber nun nehme ich ein Gemälde, das die Enthauptung der Maria Stuart darstellt. Nehmen wir an, dass die Darstellung vollkommen ist. Da hängt es, in vergoldetem Rahmen, an einer roten Schnur, wenn Sie wollen ... ich weiss, was Sie sagen wollen, gut! Nein, nein, Sie sehen den Rahmen nicht, Sie vergessen sogar, dass Sie Ihren Stock am Eingang der Galerie abgegeben haben ... Sie vergessen Ihren Namen, Ihr Kind, die Kommissmütze neuen Modells, und also alles, um nicht ein Gemälde in dem Geschauten zu sehen, sondern wirklich Maria Stuart: ganz genau wie zu Fotheringhay. Der Henker steht vollkommen so, wie er wirklich gestanden haben muss, ja, ich will so weit gehen, Sie den Arm ausstrecken zu lassen, um den Schlag abzuwehren! So weit, Sie rufen zu lassen: »Lass die Frau leben, vielleicht bessert sie sich!« Sie sehen, ich gebe Ihnen vollkommen freies Spiel, was die Ausführung des Gemäldes betrifft ...

--Ja, aber was dann weiter? Ist denn der Eindruck nicht ebenso packend, als wie ich dasselbe in Wirklichkeit zu Fotheringhay sah?

--Nein, durchaus nicht, und wohl darum, weil Sie nicht auf einen Stuhl mit drei Beinen geklettert waren. Sie nehmen einen Stuhl--mit vier Beinen diesmal, und am liebsten einen Fauteuil--Sie setzen sich vor dem Gemälde nieder, um gut und lange zu geniessen--wir »geniessen« nun einmal beim Anschauen von etwas Grausigem--und, was meinen Sie, welchen Eindruck das Gemälde auf Sie macht?

--Nun, Schreck, Angst, Mitleid, Rührung--genau so wie damals, als ich durch die Öffnung in der Mauer guckte. Wir haben angenommen, dass das Gemälde ein vollkommenes sei, ich muss also davon ganz denselben Eindruck haben wie von der Wirklichkeit.

--Nein, innerhalb zwei Minuten fühlen Sie Schmerz in Ihrem rechten Arm, aus Mitgefühl für den Henker, der so lange das schwere Stück Stahl unbeweglich in die Höhe halten muss.

--Mitgefühl für den Henker?

--Ja! Mitleidenschaft, Gleichgefühl, verstehen Sie? Und zugleich mit der Frau, die da so lange in unbequemer Haltung und wahrscheinlich in unangenehmer Stimmung vor dem Blocke liegt. Sie haben noch immer Mitleid mit ihr, aber diesmal nicht, weil sie enthauptet werden soll, sondern weil man sie so lange warten lässt, ehe sie enthauptet wird, und wenn Sie noch etwas zu sagen oder zu rufen hätten, so würde es schliesslich--angenommen, dass Sie sich veranlasst fühlen, sich mit der Sache zu befassen--nichts anderes sein als: »Schlag' doch in Gottes Namen zu, Mann, das Geschöpf wartet drauf!« Und wenn Sie später das Gemälde wiedersehen und mehrfach wiedersehen, so ist gar schon der erste Eindruck: »Ist die Geschichte noch nicht vorbei? Steht er und liegt sie da noch?«

--Aber was ist denn für eine Bewegung in der Schönheit der Frauen in Arles? fragte Verbrugge.

--O, das ist etwas anderes! Sie spielen eine Geschichte aus in ihren Zügen. Karthago blüht und baut Schiffe auf ihrer Stirn ... höret den Hannibalsschwur gegen Rom ... da flechten sie Sehnen für die Bogen ... da brennt die Stadt ...

--Max, Max, ich glaube wahrhaftig, dass du da in Arles dein Herz verloren hast, neckte Tine.

--Ja, für einen Augenblick ... doch ich fand es wieder: ihr werdet es hören. Stellt euch vor ... ich sage nicht: da habe ich ein Weib gesehen, das so oder so schön war, nein: alle waren sie schön, und es war unmöglich, da sich Hals über Kopf zu verlieben, weil jede folgende Frau die vorige aus der Bewunderung verdrängte, und ich dachte dabei wahrhaftig an Caligula oder Tiberius--von wem erzählt man doch diese Fabel?--der dem ganzen menschlichen Geschlecht nur ein Haupt wünschte. So nämlich stieg unwillkürlich der Wunsch in mir auf, dass die Frauen zu Arles ...

--Nur ein Haupt hätten alle miteinander?

--Ja ...

--Um es abzuschlagen?

--O nein! Um ... es zu küssen auf die Stirn, wollte ich sagen, aber das ist es nicht! Nein, um unverwandt daraufhin zu schauen, und davon zu träumen, und um ... gut zu sein!

Duclari und Verbrugge fanden wahrscheinlich diesen Schluss wieder besonders eigentümlich. Aber Max bemerkte ihre Verwunderung nicht und fuhr fort:

--Denn so edel waren die Züge, dass man etwas wie Scham fühlte, nur ein Mensch zu sein und nicht ein Funke ... ein Strahl--nein, das wäre stofflich!... ein Gedanke! Aber ... dann sass da plötzlich ein Bruder oder ein Vater neben diesen Frauen, und ... Gott bewahre mich, ich habe eine gesehen, die sich schnäuzte.

--Ich wusste wohl, dass du wieder einen schwarzen Strich darüber ziehen würdest, sagte Tine verdriesslich.

--Kann ich dafür? Ich hätte sie lieber tot umfallen sehen! Soll so ein Mädchen sich profanieren?

--Aber, Mynheer Havelaar, wenn sie nun einmal den Schnupfen hat?

--Nein, sie durfte keinen Schnupfen haben mit solch einer Nase!

--Ja, aber ...

Als wenn der Teufel sein Spiel triebe: auf einmal musste Tine niesen ... und ehe sie daran dachte, hatte sie ihre Nase geputzt!

--Lieber Max, willst du nicht böse drum sein? fragte sie mit verhaltenem Lachen.

Er antwortete nicht. Und, wie närrisch es auch scheint oder wirklich ist ... ja, er war wirklich böse deshalb! Und was auch sonderbar klingt: Tine war erfreut darüber, dass er böse war und von ihr erheischte, dass sie mehr sei als die phönizischen Frauen zu Arles, hatte sie auch immerhin keinen Grund, stolz auf ihre Nase zu sein.

Wenn Duclari noch meinte, dass Havelaar »verrückt« sei, hätte man es ihm nicht übel deuten können, wenn er sich in dieser Meinung bestärkt fühlte bei der Wahrnehmung der kurzen Verstörtheit, die, nach dem Naseschnauben und wegen desselben, auf Havelaars Gesicht einen Augenblick zu lesen war. Aber dieser war von Karthago zurückgekehrt, und er las--mit der Schnelligkeit, mit der er lesen konnte, wenn er nicht zu weit von Hause war mit seinem Geiste--auf den Gesichtern seiner Gäste, dass sie die beiden folgenden Thesen aufstellten:

1) Wer nicht will, dass seine Frau sich die Nase putzt, ist verrückt.

2) Wer glaubt, dass eine in schönen Linien gezeichnete Nase nicht geputzt werden braucht, thut verkehrt, diesen Glauben auf Mevrouw Havelaar anzuwenden, deren Nase sich ein bisschen der Kartoffel nähert.

Die erste These liess Havelaar auf sich beruhen, aber ... die zweite!

--O, rief er, als ob er zu antworten hätte, obschon seine Gäste so höflich gewesen waren, ihre Thesen nicht auszusprechen--das will ich Ihnen erklären. Tine ist ...

--Bester Max! sagte sie flehend.

Das bedeutete: »Erzähle doch nicht den Herren, warum ich in deiner Schätzung erhaben sein müsste über Erkältung!«

Havelaar schien zu verstehen, was Tine meinte, denn er antwortete:

--Gut, Kind!--Aber wissen Sie denn auch, meine Herren, dass man sich manchmal täuscht in dem Urteil über die Rechte mancher Menschen auf stoffliche Unvollkommenheit?

Sicherlich hatten die Gäste niemals was von diesen Rechten gehört.

--Ich habe auf Sumatra ein Mädchen gekannt, fuhr er fort, die Tochter eines Datu. Nun, ich bin der Ansicht, dass sie auf diese Unvollkommenheit kein Recht hatte. Und doch habe ich sie ins Wasser fallen sehen bei einem Schiffbruch ... genau wie eine andere. Ich, ein Mann, habe ihr helfen müssen, dass sie wieder an Land kam.

--Aber ... hätte sie denn fliegen sollen wie eine Möwe?

--Freilich, oder ... nein, sie hätte keinen Körper haben sollen. Soll ich Ihnen erzählen, wie ich mit ihr bekannt wurde? Es war '42. Ich war Kontrolleur von Natal ... sind Sie dagewesen, Verbrugge?

--Ja.

--Nun, dann wissen Sie, dass Pfefferkultur im Natalschen betrieben wird. Die Pfeffergärten liegen bei Taloh-Baleh, nördlich von Natal an der Küste. Ich musste sie inspizieren, und da ich keine Ahnung von Pfeffer hatte, nahm ich auf meiner Segelprauw einen Datu mit, der mehr davon verstand. Sein Töchterchen, damals ein Kind von dreizehn Jahren, ging mit. Wir segelten die Küste entlang und langweilten uns ...

--Und da haben Sie Schiffbruch gelitten?

--O nein, es war schönes Wetter, allzu schön. Der Schiffbruch, auf den Sie hinaus wollen, passierte viel später. Sonst würde ich mich nicht gelangweilt haben. So segelten wir die Küste entlang, und es war eine Bärenhitze. So eine Prauw bietet wenig Gelegenheit, sich irgendwie zu beschäftigen, und dazu war ich gerade in einer verdriesslichen Stimmung, wozu viele Ursachen das ihrige beitrugen. Ich hatte, primo, eine unglückliche Liebe, zum zweiten eine ... unglückliche Liebe, zum dritten ... nun ja, noch etwas von der Art, u. s. w. Ach, das gehört so zum Leben. Aber obendrein befand ich mich auf einer Station zwischen zwei Anfällen von Ehrgeiz. Ich hatte mich zum König aufgeworfen und war wieder entthront. Ich war auf einen Turm geklommen und war wieder heruntergefallen ... ich will jetzt nur überschlagen, wie das kam! Genug, ich sass da in der Prauw mit saurem Gesicht und schlechtem Humor und war, was die Deutschen nennen: »ungeniessbar«. Ich fand unter anderm, dass es keine Sache sei, mich Pfeffergärten inspizieren zu lassen, und dass ich längst als Gouverneur eines Sonnensystems hätte angestellt werden müssen. Hierbei kam es mir vor wie ein moralischer Mord, dass man einen Geist wie den meinen in eine Prauw setzte mit diesem dummen Datu und seinem Kind.

Ich muss Ihnen sagen, dass ich sonst die malayischen Häuptlinge wohl leiden mochte und gut mit ihnen auszukommen wusste. Sie besitzen sogar vieles, das sie mich vorziehen lässt vor den javanischen Grossen. Ja, ich weiss wohl, Verbrugge, dass Sie darin nicht einer Meinung mit mir sind, es giebt nur wenige, die mir hier zustimmen ... aber das lasse ich nun auf sich beruhen.

Wenn ich die kleine Reise an einem andern Tage gemacht hätte--mit etwas weniger Spinneweben im Schädel, meine ich--würde ich wahrscheinlich sogleich mit dem Datu ein Gespräch angefangen haben, und vielleicht hätte ich dann auch das Mädchen zum Sprechen gebracht, und das hätte mich dann gewiss gut unterhalten und ergötzt, denn ein Kind hat meistens etwas ursprüngliches ... obschon ich bekennen muss, dass ich selbst damals noch zuviel Kind war, um den Wert der Ursprünglichkeit recht schätzen zu können. Jetzt ist das anders. Nun sehe ich in jedem Mädchen von dreizehn Jahren ein Manuskript, in dem noch wenig oder nichts durchstrichen ist. Man überrascht den Autor en négligé, und das ist manchmal eine recht interessante Sache.

Das Kind reihte Korallen auf eine Schnur und schien all seine Aufmerksamkeit dabei nötig zu haben. Drei rote, eine schwarze ... drei rote, eine schwarze: es war schön!

Sie hiess Si Upi Keteh. Das bedeutet auf Sumatra soviel wie: Kleines Fräulein ... ja, Verbrugge, Sie wissen das wohl, aber Duclari hat immer auf Java gedient. Sie hiess Si Upi Keteh, doch in meinen Gedanken nannte ich sie »Gänschen« oder so ähnlich, weil ich nach meiner Schätzung so himmelhoch über sie erhaben war.

Es wurde Mittag ... Abend beinahe, und die Korallen wurden eingepackt. Das Land schob sich langsam an uns vorbei, und kleiner und kleiner wurde der Berg Ophir hinter uns. Links im Westen, über der weiten, weiten See, die keine Grenze hat bis wo Madagaskar liegt und Afrika dahinter, senkte sich die Sonne und liess ihre Strahlen in stetig stumpfer werdender Beugung über die Wogen hüpfen, und sie suchte Kühlung in der See. Wie, zum Teufel, war doch gleich das Ding?

--Was für ein Ding? Die Sonne?

--Ach, nein ... ich machte Verse in den Tagen! O, entzückend! Hören Sie einmal an:

Du fragst, warum der Ocean, Der Natals Strand bespült, An andern Küsten lieb und hold, So ungestüm hier braust und grollt Und ewig kocht und wühlt?

Du fragst--und kaum erhört im Kahn Der Fischerknabe dich, So blitzt sein dunkler Augenstern Hinüber unermesslich fern, Und westwärts weist er dich.

Und westwärts bohrt er seinen Blick Ins Unermessene hinein, Und zeigt dir, bis ans Firmament, Nur Wasser, Wasser ohne End' Und See und See allein!

Und darum peitscht der Ocean So wild den Ufersand: Nur See erblickst du weit umher Und Wasser, Wasser immermehr, Bis Madagaskars Strand!

Und manches Opfer heischte schon Der Ocean empört, Und manchen Schrei, erstickt im Meer, Ihn hörten Weib und Kind nicht mehr, Nur Gott hat ihn erhört!

Und manche Hand, in letzter Angst, Erhob sich aus dem Grab, Und fühlt' und griff und sucht' ohn' End', Und suchte, dass sie Stütze fänd', Und sank zuletzt hinab.

Und ...

Und ... und ... ich weiss den Rest nicht mehr.

--Der ist wiederzufinden, indem man an Krygsman schreibt, Ihren Clerk zu Natal. Der hat das Übrige, sagte Verbrugge.

--Wie kommt der daran? fragte Max.

--Vielleicht aus Ihrem Papierkorb. Doch gewiss ist, dass er das Fehlende hat! Folgt nicht darauf die Legende von der ersten Sünde, die die Insel ins Meer sinken liess, durch die früher die Reede von Natal geschützt wurde? Die Geschichte von Djiwa mit den beiden Brüdern?

--Ja, das ist wahr. Diese Legende ... war keine Legende. Es war eine Parabel, die ich machte, und die vielleicht über ein paar Jahrhunderte Legende werden wird, wenn Krygsman das Ding reichlich herleiert. So begannen alle Mythologien. »Djiwa« ist »Seele«, wie Sie wissen; Seele, Geist oder so etwas. Ich machte eine Frau daraus, die unvermeidliche, nichtsnutzige Eva ...

--Nun, Max, wo bleibt unser kleines Fräulein mit seinen Korallen? fragte Tine.

--Die Korallen waren eingepackt. Es war sechs Uhr, und da unter dem Äquator--Natal liegt um wenige Minuten nach Norden: wenn ich über Land nach Ayer-Bangie ging, stapfte ich zu Pferde über ihn hin ... man konnte wahrhaftig drüber stolpern!--da unter dem Äquator war sechs Uhr das Signal für Abendgedanken. Nun finde ich, dass der Mensch des Abends immer etwas besser ist--oder richtiger: weniger nichtsnutzig--als des Morgens, und das ist ganz natürlich. Morgens »nimmt man sich zusammen«, man ist Gerichtsdiener oder Kontrolleur oder ... nein, das genügt schon! Ein Gerichtsdiener »nimmt sich zusammen«, dass er nun heute mal recht schön seine Pflicht thue ... Gott, was für eine Pflicht! Wie mag das »zusammengenommene« Herz aussehen! Ein Kontrolleur--ich sage das nicht für Sie, Verbrugge!--ein Kontrolleur reibt sich die Augen aus und sieht verdriesslich dem Moment entgegen, wo er dem neuen Assistent-Residenten begegnen soll, der bei seinen paar Jahren mehr Dienstzeit ein lächerliches Übergewicht annehmen will, und von dem er so viel Sonderbares gehört hat ... auf Sumatra. Oder er muss den Tag Felder vermessen und steht in Zweifelsnöten zwischen seiner Ehrlichkeit--Sie wissen das nicht so, Duclari, weil Sie Militär sind, aber es giebt wirklich ehrliche Kontrolleure!--dann steht er da, hin und her schwankend zwischen der Ehrlichkeit und der Furcht, dass Radhen Dhemang Soundso von ihm den Schimmel zurückerbitten werde, der so guten Passgang hat. Oder auch, er muss den Tag mannhaft »ja« oder »nein« sagen auf Kabinettsschreiben No. soundsoviel. Kurz, des Morgens beim Erwachen fällt einem die Welt aufs Herz, und daran hat es seine Last, selbst wenn es stark ist. Aber des Abends hat man eine Pause. Es liegen zehn volle Stunden zwischen dem Jetzt und dem Augenblick, da man seinen Dienstrock wiedersieht. Zehn Stunden: sechsunddreissigtausend Sekunden, um Mensch zu sein! Das ist jedem ein Wohlgefallen. Das ist der Augenblick, da ich zu sterben hoffe, um jenseits anzukommen mit einem inoffiziellen Gesicht. Das ist der Augenblick, wo deine Frau in deinem Gesicht etwas wiederfindet von dem, was sie gefangen nahm, als sie dich das Taschentuch behalten liess mit einem gekrönten E [3] in der Ecke ...

--Und wo sie noch nicht das Recht hatte, erkältet zu sein, sagte Tine.

--Ach, necke mich nicht! Ich will nur sagen, dass man des Abends »gemütlicher« ist.

Als also die Sonne allmählich verschwand, fuhr Havelaar fort, wurde ich ein besserer Mensch. Und als erstes Anzeichen dieser Besserung möge gelten, dass ich zu dem kleinen Fräulein sagte:

»Es wird nun kühler werden.«

»Ja, Tuwan!« antwortete sie.

Doch ich beugte meine Hoheit noch tiefer zu diesem »Gänschen« nieder und fing ein Gespräch mit ihr an. Mein Verdienst war um so grösser, als sie sehr wenig antwortete. Ich hatte recht in allem, was ich sagte ... was ebenfalls verflucht langweilig wird, und mag man noch so ein eingebildeter Kerl sein.

»Würdest du das nächste Mal gern wieder mitgehen nach Taloh-Baleh?« fragte ich.

»Wie es Tuwan-Kommandeur befiehlt.«

»Nein, ich frage dich, ob du so eine Reise angenehm findest!«

»Wenn mein Vater nichts dagegen hat«, antwortete sie.

Sagen Sie, meine Herren, war es nicht, um toll zu werden? Gleichwohl, ich wurde nicht toll. Die Sonne war hinunter, und ich war gemütlich genug aufgelegt, um noch nicht abgeschreckt zu werden durch soviel Dummheit. Oder besser, ich glaube, dass ich schliesslich Gefallen daran fand, meine Stimme zu hören--es giebt wenige unter uns, die nicht gern sich selbst zuhörten--allein nach meiner Stummheit den ganzen Tag über glaubte ich, nun ich endlich ins Reden gekommen war, etwas Besseres verdient zu haben, als die allzu einfältigen Antworten von Si Upi Keteh.

Ich werde ihr ein Märchen erzählen, dachte ich, dann höre ich mich selbst gleichzeitig und ich habe ihre Antworten nicht nötig. Nun wissen Sie doch, dass, ebenso wie beim Löschen eines Schiffes das zuletzt verladene Gut zuerst wieder zum Vorschein kommt, ebenso auch wir gewöhnlich den Gedanken oder die Erzählung löschen, die zuletzt verladen ist. In der »Zeitschrift für Niederländisch-Indien« hatte ich kurz vorher eine Erzählung von Jeronimus gelesen: »Der Japanische Steinhauer« ... Ach, nun erinnere ich mich auf einmal, wie ich soeben irrtümlicherweise an das Lied geraten bin, worin des Fischerknaben Blick aus »dunklem Augenstern« sich wohl gar bis zum Schielendwerden nach einer Richtung »westwärts bohrt« ... zu kurios! Das war eine Gedankenverkettung. Meine Verstörtheit an diesem Tage stand in Verbindung mit der Gefährlichkeit der Natalschen Küste ... Sie wissen, Verbrugge, dass kein Kriegsschiff die Reede anlaufen darf, vor allem nicht im Juli ... ja, Duclari, der Westmusson ist dort im Juli am stärksten, gerade umgekehrt wie hier. Nun, das Gefährliche an dieser Reede verknüpfte sich fest mit meinem gekränkten Ehrgeiz, und dieser Ehrgeiz hängt wieder zusammen mit dem Liede über Djiwa. Ich hatte dem Residenten mehrfach den Vorschlag gemacht, zu Natal eine Seewehr herstellen zu lassen oder mindestens einen Kunsthafen in der Mündung des Flusses, mit der Absicht, den Handel in die Abteilung Natal zu leiten, die die so bedeutsamen Battahlande mit der See verbindet. Anderthalb Millionen Menschen im Binnenlande wussten keinen Absatz für ihre Produkte, weil die Natalsche Reede--und zu Recht!--in einem so schlechten Rufe stand. Gleichwohl, diesen Anträgen wurde durch den Residenten nicht zugestimmt, oder wenigstens: er behauptete, dass die Regierung ihnen nicht zustimmen würde, und Sie wissen, dass ein ordentlicher Resident niemals etwas vorschlägt, von dem er nicht vorher berechnen kann, es werde der Regierung gefallen. Die Anlegung eines Hafens zu Natal widerstritt im Prinzip dem herrschenden System der Abschliessung, und weit entfernt, dass man Schiffe dahin lockte, war es selbst verboten--es sei denn, dass force majeure im Spiele war--Rahschiffe in die Reede einlaufen zu lassen. Wenn nun doch ein Schiff kam--es waren meist amerikanische Walfischfänger oder Franzosen, die Pfeffer geladen hatten in den unabhängigen Reichen der nördlichen Ecke Sumatras--liess ich mir stets durch den Kapitän einen Brief schreiben, in dem er um die Erlaubnis nachsuchte, Trinkwasser einzunehmen. Der Verdruss über das Missglücken meiner Versuche, etwas zum Vorteile Natals zu bewirken, oder besser die gekränkte Eitelkeit ... war es nicht hart für mich, so wenig Bedeutung zu haben, dass ich nicht einmal einen Hafen machen lassen konnte, wo ich wollte? ... nun, dies alles in Verbindung mit meiner Kandidatur für die Leitung eines Sonnensystems hatte mich an dem Tage so unliebenswürdig gemacht. Als ich durch den Untergang der Sonne einigermassen genas--denn Unzufriedenheit ist eine Krankheit--brachte mir just diese Krankheit den »Japanischen Steinhauer« in den Sinn, und vielleicht dachte ich diese Geschichte nur darum überlaut, um--indem ich mir selbst weismachte, ich thäte es aus Wohlwollen für das Kind--verstohlenerweise den letzten Tropfen von dem Trank einzunehmen, dessen ich mich bedürftig fühlte. Doch siehe, das Kind schenkte mir Gesundheit--für einige Tage wenigstens--mehr jedenfalls als meine Erzählung, die ungefähr also gelautet haben muss:

»Upi, es war einmal ein Mann, der Steine hieb aus dem Felsen. Seine Arbeit war sehr schwer, und er arbeitete viel, doch sein Lohn war gering, und zufrieden war er nicht.

Er seufzte, weil seine Arbeit schwer war. Und er rief: Ach, dass ich reich wäre, um zu ruhen auf einer Baleh-baleh mit Klambu von roter Seide.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du gesagt hast.

Und er war reich. Und er ruhte auf einer Baleh-baleh, und die Klambu war von roter Seide.

Und der König des Landes zog vorbei, mit Reitern vor seinem Wagen. Und auch hinter dem Wagen waren Reiter, und man hielt den goldenen Pajong über das Haupt des Königs.

Und da der reiche Mann dieses sah, verdross es ihn, dass kein goldener Pajong über sein Haupt gehalten wurde. Und zufrieden war er nicht.

Er seufzte und rief: Ich wünschte, ich wäre König.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du gesagt hast.

Und er war König. Und vor seinem Wagen her ritten viele Reiter, und auch waren da Reiter hinter seinem Wagen, und über sein Haupt hielt man den goldenen Pajong.

Und die Sonne schien mit heissen Strahlen und verbrannte das Erdreich, sodass der Graswuchs verdorrte.

Und der König klagte, dass die Sonne ihm das Antlitz sengte und Macht hatte über ihn. Und zufrieden war er nicht.

Und er seufzte und rief: Ich wünschte, ich wäre die Sonne.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du gesagt hast.

Und er war die Sonne. Und er sandte seine Strahlen nach oben und hernieder, nach der rechten Seite und nach der linken Seite und überall umher.

Und er versengte den Graswuchs auf dem Erdreich und das Angesicht der Fürsten, die auf Erden waren.

Und eine Wolke stellte sich zwischen die Erde und ihn, und die Strahlen der Sonne prallten von ihr zurück.

Und er wurde zornig, dass seiner Macht widerstanden wurde, und er klagte, dass die Wolke mächtig war über ihn. Und zufrieden war er nicht.

Er wollte die Wolke sein, die so mächtig war.

Und es kam ein Engel aus dem Himmel, der sagte: Dir geschehe, wie du gesagt hast.