Max Havelaar

Chapter 12

Chapter 123,709 wordsPublic domain

Und sollte ich nicht auf Arbeit dringen, ich, der ich selbst vom Morgen bis zum Abend ans Geschäft denke? Ist nicht schon dieses Buch--das Stern mir so sauer macht--ein Beweis, wie gut ich es meine mit der Wohlfahrt unseres Vaterlandes und wie ich dafür alles übrig habe? Und wenn ich so schwer arbeiten muss, ich, der ich getauft bin--in der Amstelkirche--sollte man dann von dem Javanen nicht verlangen können, dass er, der seine Seligkeit erst verdienen soll, die Hände rühre?

Wenn die Vereinigung--von Nr. 5e meine ich--zu stande kommt, schliesse ich mich ihr an. Und ich werde auch die Rosemeyers hierfür zu gewinnen suchen, weil die Zuckerraffinadeure auch daran interessiert sind, obgleich ich nicht glaube, dass sie zweifelsohne sind in ihren Gesinnungen --die Rosemeyers meine ich--denn sie halten ein katholisches Mädchen.

Wie es auch sei, ich werde meine Pflicht thun. Das habe ich mir selbst gelobt, als ich mit Fritz von der Betstunde nach Hause ging. In meinem Hause wird dem Herrn gedient, dafür werde ich sorgen. Und dies mit um so mehr Eifer, da ich je länger desto mehr einsehe, wie weise doch alles geordnet ist, wie liebreich die Wege sind, die wir geführt werden an Gottes Hand, und wie Er uns erhalten will für das ewige und für das zeitliche Leben, denn der Boden von Lebak kann sehr gut geeignet gemacht werden für die Kaffeekultur.

ZEHNTES KAPITEL.

Wiewohl ich, wo Grundsätze in Frage stehen, niemanden schone, so habe ich doch die Einsicht, dass ich bei Stern einen andern Weg einschlagen muss als bei Fritz, und da zu erwarten ist, dass mein Name--die Firma ist Last & Co., doch ich heisse Droogstoppel: Batavus Droogstoppel--sich mit einem Buch verknüpfen wird, in dem Sachen vorkommen, die sich nicht mit der Achtung vertragen, die jeder anständige Mann und Makler sich selber schuldig ist, so erachte ich es für meine Pflicht, hier mitzuteilen, wie ich mir Mühe gab, auch den Stern auf den rechten Weg zurückzubringen.

Ich habe ihm nicht vom Herrn gesprochen--denn er ist Lutheraner--aber ich habe auf sein Gemüt und auf sein Ehrgefühl gewirkt. Man sehe, wie ich das angefangen habe, und beachte dabei, wie weit man es mit Menschenkenntnis bringt. Ich hatte ihn sagen hören: »auf Ehrenwort!« und fragte, was er darunter verstände.

--Nun, sagte er, dass ich meine Ehre verpfände für die Wahrheit dessen, was ich sage.

--Das ist sehr viel, entgegnete ich. Sind Sie so fest überzeugt, dass Sie immer die Wahrheit sagen?

--Ja, erklärte er, die Wahrheit sage ich stets. Wenn die Brust mir erglüht ...

Der Leser weiss den Rest.

--Das ist ja sehr schön, sagte ich, und ich that so einfältig, als ob ich es glaubte.

Aber hierin lag gerade die Feinheit der Schlinge, die ich ihm legte mit der Absicht, den jungen Herrn--ohne Gefahr zu laufen, den alten Stern in die Hände von Busselinck & Waterman fallen zu sehen--doch einmal gut in seine Schranken zu verweisen und ihn merken zu lassen, wie gross der Abstand ist zwischen einem, der eben anfängt--macht sein Vater gleichwohl grosse Geschäfte--und einem Makler, der zwanzig Jahre die Börse besucht hat. Es war mir nämlich bekannt, dass er allerhand Versekram aus dem Kopf wusste--er sagt: »auswendig«--und da Verse stets Lügen enthalten, war ich mir gewiss, dass ich ihn sehr schnell auf Unwahrheiten ertappen würde. Das dauerte denn auch nicht lange. Ich sass im Zimmer nebenan, und er war im Salon ... wir haben nämlich einen Salon. Marie war beim Stricken, und er sollte ihr was erzählen. Ich hörte andächtig zu, und als er zu Ende war, fragte ich ihn, ob er das Buch besässe, in dem das Ding stände, das er da soeben hergeleiert hätte. Er sagte ja und brachte es mir. Es war ein Band der Werke von einem gewissen Heine. Am andern Morgen gab ich ihm--Stern, meine ich--die folgenden

Betrachtungen

bezüglich der Wahrheitsliebe jemandes, der das folgende Machwerk von Heine einem jungen Mädchen vorsagt, das im Salon sitzt und strickt.

Auf Flügeln des Gesanges, Herzliebchen, trag' ich dich fort ...

»Herzliebchen«? Marie Ihr »Herzliebchen«? Wissen Ihre Eltern davon und Luise Rosemeyer? Ist es wohl in der Ordnung, dies einem Kinde zu sagen, das durch so etwas seiner Mutter doch sehr leicht ungehorsam werden kann, indem es sich in den Kopf setzt, dass es mündig ist, da man es »Herzliebchen« nennt? Was bedeutet das »Forttragen auf Ihren Flügeln«? Sie haben keine Flügel und Ihr Gesang auch nicht. Probieren Sie es mal über die Lauriergracht, die gar nicht einmal breit ist. Aber hätten Sie auch Flügel, dürfen Sie dann wohl einem Mädchen, das noch nicht eingesegnet ist, dergleichen Dinge vorreden? Und wenn auch das Kind die Einsegnung schon hinter sich hätte, was bedeutet das Anerbieten, zusammen wegfliegen zu wollen? Pfui!

Fort nach den Fluren des Ganges, Dort weiss ich den schönsten Ort.

Gehen Sie meinetwegen allein dahin und mieten sich ein Zimmer, aber nehmen Sie nicht ein Mädchen mit, das seiner Mutter im Haushalt helfen muss! Aber Sie meinen das auch gar nicht so! Zunächst haben Sie nie den Ganges gesehen und können also nicht wissen, ob da gut leben ist. Soll ich Ihnen mal sagen, wie die Sachen stehen? Das sind alles Lügen, die Sie nur darum erzählen, weil Sie sich bei all dem Versezeug zum Sklaven von Mass und Reim machen. Wenn die erste Zeile vielleicht auf Senf, Zuckerteig oder Leberthran geendigt hätte, so hätten Sie Marie gefragt, ob Sie mitginge nach Genf, Braunschweig oder Teheran, und so weiter. Sie sehen also, dass Ihre vorgeschlagene Reiseroute nicht ernsthaft gemeint war, und dass alles hinausläuft auf ein albernes Wortgeklingel ohne Sinn und Verstand. Wie wär's, wenn Marie nun wirklich Lust kriegte, die verrückte Reise zu machen? Ich rede nun gar nicht einmal von der unbequemen Methode, die Sie da vorschlagen! Doch sie ist, dem Himmel sei Dank, zu verständig, um Verlangen nach einem Lande zu haben, von dem Sie sagen:

Dort liegt ein rotblühender Garten Im stillen Mondenschein; Die Lotosblumen erwarten Ihr trautes Schwesterlein. Die Veilchen kichern und kosen, Und schaun nach den Sternen empor; Heimlich erzählen die Rosen Sich duftende Märchen ins Ohr.

Was würden Sie in diesem Garten bei Mondenschein mit Marie anstellen wollen, Stern? Ist das sittlich, ist das in der Ordnung, ist das anständig? Wollen Sie, dass ich beschämt dastehe, so wie Busselinck & Waterman, mit denen kein anständiges Handelshaus etwas zu thun haben will, weil ihre Tochter weggelaufen ist, und weil es niederträchtige Pfuscher sind? Was sollte ich wohl zur Antwort geben, wenn man mich auf der Börse fragte, warum meine Tochter so lange in dem roten Garten geblieben ist? Denn das begreifen Sie doch, dass niemand mir glauben würde, wenn ich sagte, dass sie dahin müsste, um den Lotosblumen einen Besuch abzustatten, die, wie Sie sagen, sie schon lange erwarteten. Ebenso würde jeder verständige Mensch mich auslachen, wenn ich so albern wäre, zu sagen: Marie ist da in dem roten Garten--warum rot und nicht gelb oder lila?--um zu horchen auf das Quasseln und Quatschen der Veilchen oder auf die Märchen, die die Rosen sich heimlich ins Ohr blasen. Könnte so was auch wahr sein, was hätte Marie davon, wenn es doch so heimlich geschähe, dass sie nichts davon verstehen könnte? Doch Lügen sind das eben, faule Lügen! Und hässlich sind sie auch noch dazu, denn nehmen Sie doch mal einen Bleistift und zeichnen eine Rose mit einem Ohr, und sehen Sie sich mal an, wie das aussieht! Und was bedeutet das, dass diese »Märchen« so »duftend« sind? Soll ich es Ihnen mal sagen in der Sprache, die man im gewöhnlichen Leben spricht? Das will sagen ... na, noch gelinde gesagt ... dass ein Lüftchen von diesen albernen Märchen ausgeht ... da haben Sie's!

Es hüpfen herbei und lauschen Die frommen, klugen Gazell'n; Und in der Ferne rauschen Des heiligen Stromes Well'n. Dort wollen wir niedersinken Unter dem Palmenbaum, Und Lieb' und Ruhe trinken Und träumen seligen Traum.

Können Sie nicht nach »Artis« gehen, unserm Zoologischen Garten--Sie haben doch wohl Ihrem Vater geschrieben, dass ich Mitglied bin?--sagen Sie, kommen Sie denn nicht mit »Artis« aus, wenn Sie denn durchaus fremde Tiere sehen wollen? Müssen es gerade Gazellen am Ganges sein, die doch im wilden Zustande nicht so gut zu beobachten sind, wie hinter einem sauber geteerten Eisengitter? Warum nennen Sie diese Tiere fromm und klug? Das letztere lasse ich ja gelten--sie machen wenigstens solche dummen Verse nicht--aber: fromm? Was heisst das! Ist das nicht Missbrauch getrieben mit einem heiligen Ausdruck, der nur auf Menschen vom wahren Glauben angewendet werden sollte? Und dann der »heilige Strom«? Thun Sie recht, Marie Dinge zu erzählen, die sie zur Heidin zu machen geeignet sind? Dürfen Sie sie in der Überzeugung wankend machen, dass es kein anderes heiliges Wasser giebt denn das der Taufe, und keinen anderen heiligen Strom denn den Jordan? Ist das nicht Untergrabung von Sittlichkeit, Tugend, Religion, Christentum und Anstand?

Denken Sie über dies alles einmal nach, Stern! Ihr Vater ist ein sehr achtbares Haus, und ich bin mir gewiss, dass er es gut findet, dass ich so auf Ihr Gemüt wirke, und dass er gern mit jemandem Geschäfte macht, der Tugend und Religion hochhält. Ja, Grundsätze sind mir heilig, und ich scheue mich nicht, geradeaus zu sagen, was ich meine. Machen Sie also kein Geheimnis aus dem, was ich Ihnen sage, schreiben Sie ruhig an Ihren Vater, dass Sie hier in einer soliden Familie sind und dass ich Sie immer so aufs Gute weise. Und fragen Sie sich selbst einmal, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie zu Busselinck & Waterman gekommen wären! Da würden Sie auch solche Verse aufgesagt haben, und da hätte man nicht auf Ihr Gemüt gewirkt, weil es niederträchtige Pfuscher sind. Schreiben Sie das ruhig an Ihren Vater, denn wenn Grundsätze in Frage stehen, schone ich niemanden. Da würden die Mädchen mitgegangen sein mit Ihnen nach dem Ganges, und dann lägen Sie da nun vielleicht unter dem Baum im nassen Gras, während Sie nun, weil ich Sie so väterlich verwarnte, hier bei uns bleiben können in einem anständigen Hause. Schreiben Sie das alles an Ihren Vater und sagen Sie ihm, dass Sie so dankbar sind, dass Sie zu uns gekommen sind, und dass ich so gut für Sie sorge, und dass die Tochter von Busselinck & Waterman durchgegangen ist, und grüssen Sie ihn sehr von mir, und schreiben Sie ihm, dass ich noch 1/16 Prozent von den Maklerspesen unter deren Gebot heruntergehen werde, weil ich die Unterbieter nicht ausstehen kann, die einem Konkurrenten das Brot aus dem Munde stehlen durch günstigere Bedingungen.

Und thun Sie mir doch den Gefallen, in Ihren Vorlesungen aus Shawlmanns Paket mehr etwas Solides zu bringen. Ich habe darin Aufstellungen gesehen von der Kaffeeproduktion der letzten zwanzig Jahre aus allen Residentschaften auf Java: lesen Sie doch so etwas mal vor! Sehen Sie, dann können die Rosemeyers, die in Zucker machen, einmal zu hören kriegen, was da vor sich geht in der Welt. Und Sie müssen auch die Mädchen und uns alle, wie Sie das an einer Stelle des Buches thun, nicht so als Kannibalen hinstellen, die etwas von Ihnen aufgefressen haben ... das ist nicht in der Ordnung, mein bester Junge. Glauben Sie doch jemandem, der weiss, was in der Welt passiert! Ich habe Ihren Vater schon vor seiner Geburt bedient--seine Firma meine ich, nein ... unsere Firma meine ich: Last & Co.--früher hiess sie Last & Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus. Sie begreifen also, dass ich es gut mit Ihnen meine. Und spornen Sie Fritz an, dass er besser aufpasst, und lehren Sie ihn nicht Verse machen, und thun Sie so, als wenn Sie es nicht sehen, wenn er dem Buchhalter Gesichter schneidet und all solche Dinge mehr. Geben Sie ihm ein gutes Beispiel, da Sie doch so viel älter sind, und suchen Sie ein ernstes und würdevolles Wesen in ihn zu pflanzen, denn er soll Makler werden.

Ich bin Ihr väterlicher Freund

Batavus Droogstoppel. (Firma: Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht No. 37.)

ELFTES KAPITEL.

»Es war man, dass ich sagen wollte«--um mit Abraham Blankaart zu reden--dass ich dieses Kapitel als »essentiell« betrachte, weil wir darin nach meiner Meinung Havelaar noch besser kennen lernen, und er scheint nun doch einmal der Held der Geschichte zu sein.

--Tine, was sind das für Gurken? Liebes Kind, mache niemals Essig an Früchte! Gurken mit Salz, Ananas mit Salz, Pompelmuscitrone mit Salz, alles, was aus der Erde kommt, mit Salz. Essig an Fisch und an Fleisch ... es steht was darüber im 'Liebig' ...

--Bester Max, fragte Tine lachend, was denkst du denn, wie lange wir hier sind? Diese Gurken sind von Mevrouw Slotering.

Und Havelaar hatte Mühe, sich zu erinnern, dass er erst gestern hier angekommen war und dass Tine mit dem besten Willen noch nichts hätte herrichten können in Küche oder Haushalt. Er selbst war schon lange in Rangkas-Betung! Hatte er nicht die ganze Nacht zugebracht mit Lesen im Archiv, und war nicht schon allzuviel durch seine Seele gegangen, das mit Lebak in Verbindung stand, als dass er sich so schnell daran erinnern konnte, dass er erst seit gestern hier war? Tine begriff dies wohl: sie begriff ihn stets!

--Ach ja, das ist wahr, sagte er, aber trotzdem musst du mal was von Liebig lesen. Verbrugge, haben Sie viel von Liebig gelesen?

--Wer ist das? fragte Verbrugge.

--Das ist jemand, der viel über das Einlegen von Gurken geschrieben hat. Auch hat er entdeckt, wie man Gras in Wolle verwandelt ... Sie verstehen doch?

--Nein, sagten Verbrugge und Duclari zugleich.

--Nun, die Sache selbst war doch immer bekannt: Treiben Sie ein Schaf auf die Weide ... und Sie werden sehen! Doch er hat die Art und Weise erforscht, wie das geschieht. Andere Gelehrte sagen wieder, dass er wenig davon wisse. Nun ist man daran, nach Mitteln zu suchen, um das ganze Schaf bei der Herstellung überschlagen zu können ... o, diese Gelehrten! Molière kannte sie wohl ... ich schätze Molière nach mancher Richtung. Wenn Sie wollen, werden wir ein paarmal in der Woche uns zu Leseabenden vereinigen. Tine macht auch mit, wenn Max zu Bett ist.

Duclari und Verbrugge gefiel dies. Havelaar sagte, dass er nicht viele Bücher besässe, aber darunter wären doch Schiller, Goethe, Heine, Vondel, Lamartine, Thiers, Say, Malthus, Scialoja, Smith, Shakespeare, Byron ...

Verbrugge sagte, dass er nicht Englisch lese.

--Aber, zum Teufel, Sie sind doch über die Dreissig! Was haben Sie denn all die Zeit über getrieben? Das muss doch sehr beschwerlich für Sie auf Padang gewesen sein, wo soviel Englisch gesprochen wird. Haben Sie Miss Mata-api gekannt?

--Nein, ich kenne den Namen nicht.

--Ihr Name war das auch nicht. Sie nannten sie Miss Mata-api--d. h.: »Jungfer Feuerauge«--weil ihre Augen so sprühten. Das war aber 43. Sie wird nun wohl verheiratet sein ... es ist schon so lange her! Niemals habe ich so etwas gesehen ... ja doch, in Arles ... da müssen Sie mal hingehen! Das ist das Schönste, was ich gefunden habe auf all meinen Reisen. Es giebt nichts auf der Welt, dünkt mich, das Ihnen so klar die Schönheit in abstracto darstellt ... als sichtbares Bild des Wahren, des Unstofflich-Reinen ... als eine schöne Frau. Glauben Sie mir, gehen Sie mal hin nach Arles und Nîmes ...

Duclari, Verbrugge und--ich muss es zugeben--auch Tine konnten ein lautes Lachen nicht unterdrücken bei dem Gedanken, so auf einmal von der Westecke Javas hinüberzuspringen nach Arles oder Nîmes im Süden von Frankreich. Havelaar, der wahrscheinlich in seiner Phantasie auf dem Turme stand, der von den Sarazenen auf dem Kreisbau um die Arena von Arles errichtet ist, musste sich einigermassen anstrengen, bis er den Grund dieser Heiterkeit heraus hatte, und darauf fuhr er fort:

--Nun ja, ich meine ... wenn Sie da mal in die Gegend kommen. So etwas bin ich niemals irgendwo wieder begegnet. Ich war an Enttäuschungen gewöhnt beim Anschauen alles dessen, was so sehr in den Himmel erhoben wird. Sehen Sie sich zum Beispiel die Wasserfälle an, von denen man so viel spricht und schreibt. Was mich betrifft, ich habe wenig oder nichts empfunden zu Tondano, zu Maros, zu Schaffhausen, am Niagara. Man muss die Nase in seinen Baedeker stecken, um dabei das vorgeschriebene Mass von Bewunderung über »soundsoviel Fuss Fall« und »soundsoviel Kubikfuss Wasser in der Minute« bei der Hand zu haben, und wenn dann die Ziffern hoch sind, muss man »Donnerwetter!« sagen. Ich werde mir niemals wieder Wasserfälle ansehen, wenigstens nicht, wenn ich deshalb einen Umweg machen soll. Diese Dinge sagen mir nichts! Bauwerke sprechen mir eine gewaltige Sprache, besonders, wenn es Blätter aus der Geschichte sind. Doch hier spricht eine Empfindung ganz anderer Art mit! Man ruft die Vergangenheit wach und lässt die Schatten des Dahingegangenen Revue passieren. Darunter sind sehr abscheuliche, und man findet also, wie interessevoll das manchmal auch sein mag, bei seinen Wahrnehmungen nicht immer Befriedigung für das Schönheitsgefühl--ungemischte wenigstens niemals! Und ohne Herbeirufung der Geschichte ist wohl viel Schönes an manchen Bauwerken, aber es wird gewöhnlich verdorben durch Führer--von Papier, von Fleisch und Bein ... es kommt auf eins heraus!--Führer, die euch den Eindruck rauben durch ihr eintöniges: »diese Kapelle ist errichtet vom Bischof von Münster im Jahre 1423 ... die Säulen sind 63 Fuss hoch und ruhen auf ... ich weiss nicht was, und es kommt mir auch gar nicht darauf an. Das Gebabbel langweilt einen, denn man fühlt, dass man dann genau dreiundsechzig Fuss Bewunderung bereit halten muss, wenn man nicht in mancher Augen als Vandale gelten will oder als Geschäftsreisender ... ach, ist das eine Rasse!

--Die Vandalen?

--Nein, die andern. Nun könnte man sagen: so behalte deinen Führer im Sack, wenn er gedruckt ist, und lass ihn draussen stehen oder schweigen im andern Fall! Doch abgesehen davon, dass man, um zu einem einigermassen richtigen Urteil zu gelangen, wirklich manchmal der Erläuterung bedarf, man würde, könnte man auch immer die Erläuterung entbehren, doch vergeblich im Gebäude an sich etwas suchen, das länger als einen sehr kurzen Augenblick unser Verlangen nach dem Schönen beantwortet, weil es keine Bewegung zeigt. Dies gilt, glaube ich, auch für Werke der Skulptur und der Malerei. Natur ist Bewegung. Wachstum, Hunger, Denken, Fühlen ist Bewegung ... Stillstand ist der Tod! Ohne Bewegung kein Schmerz, kein Gefühl, kein Empfinden! Versuchen Sie einmal, dazusitzen ohne sich zu rühren, Sie werden sehen, wie schnell Sie einen gespenstischen Eindruck auf jeden andern machen und selbst auf Ihre eigene Vorstellung. Beim schönsten Tableau-vivant verlangt man sehr schnell nach einer folgenden Nummer, wie herrlich auch der Eindruck zu Anfang war. Da nun unsere Schönheitssucht mit einem Blick auf das Schöne nicht befriedigt ist, sondern das Bedürfnis nach einer sich anschliessenden Reihe von Augengenüssen fühlt, das Verlangen nach der Bewegung des Schönen, so macht sich ein Unbefriedigtsein fühlbar beim Anschauen dieser Art von Kunstwerken, und darum behaupte ich, dass eine schöne Frau--wenn es keine äusserliche Porträtschönheit ist, die ohne Bewegung ist--dem Ideal des Göttlichen am nächsten kommt. Wie gross das Bedürfnis nach der Bewegung ist, von der ich spreche, kann man einigermassen nach dem Ekel ermessen, den eine Tänzerin, sei es selbst die Elssler oder die Taglioni, verursacht, wenn sie nach Beendigung eines Tanzes auf dem linken Bein steht und dem Publikum zugrinst.

--Das gilt hier nicht, sagte Verbrugge, denn das ist absolut hässlich.

--Das finde ich auch. Aber sie giebt es doch als schön und als Klimax auf all das Vorhergehende, worin wirklich viel Schönes gewesen sein kann. Sie giebt es als die Pointe des Epigramms, als das »aux armes!« der Marseillaise, die sie mit ihren Füssen sang, als das Rauschen der Weiden auf dem Grabe der soeben besprungenen Liebe. O, schauderhaft! Und dass auch die Zuschauer, die gewöhnlich--wie mehr oder minder wir alle--ihren Geschmack auf Gewohnheit und Nachahmung gründen, diesen Moment als den packendsten aufnehmen, ist daraus zu ersehen, dass man just dann in tosenden Beifall ausbricht, wie wenn man zu erkennen geben wollte: all das Vorhergehende war auch wohl schön, aber nun kann ich es wahrhaftig nicht länger aushalten vor Bewunderung! Sie sagten, dass diese Schlusspose absolut hässlich sei--ich sag's ja auch!--doch woher kommt dies? Weil die Bewegung aufhielt und damit die Geschichte, die die Tänzerin erzählte. Glauben Sie mir: Stillstand ist der Tod!

--Aber, warf Duclari ein, Sie haben auch die Wasserfälle verworfen als Ausdruck des Schönen. Wasserfälle haben doch Bewegung!

--Ja, aber ... ohne Geschichte! Sie bewegen sich, doch kommen nicht von der Stelle. Sie bewegen sich wie ein Schaukelpferd, doch noch minus dem »va et vient«. Sie machen Geräusch, doch sprechen nicht. Sie rufen: hrru ... hrru ... hrru, und niemals etwas anderes: Rufen Sie mal sechstausend Jahre oder länger: hrru, hrru ... und sehen Sie zu, wie wenige Sie für einen unterhaltenden Menschen ansehen werden.

--Ich will keinen Versuch machen, sagte Duclari, aber ich bin doch noch nicht mit Ihnen eins darin, dass die von Ihnen geforderte Bewegung so durchaus notwendig sein soll. Ich schenke Ihnen nun die Wasserfälle, aber ein gutes Gemälde, dünkt mich, kann doch viel ausdrücken.

--O gewiss, aber nur für einen Augenblick. Ich will versuchen, meine Meinung durch ein Beispiel klar zu machen. Es ist heute der 18. Februar ...

--O nein, sagte Verbrugge, wir haben noch Januar ...

--Nein, nein, es ist heute der 18. Februar 1587, und Sie sind im Kastell Fotheringhay eingeschlossen ...

--Ich? fragte Duclari, der nicht recht verstanden zu haben glaubte.

--Ja, Sie. Sie langweilen sich und suchen Zerstreuung. Da in der Mauer ist eine Öffnung, doch sie ist zu hoch, um hindurchsehen zu können, und das wollen Sie doch. Sie setzen Ihren Tisch davor und darauf einen Stuhl mit drei Beinen, von denen das eine etwas schwach ist. Sie sahen auf der Kirmess mal einen Akrobaten, der sieben Stühle aufeinander stellte und sich selbst darauf, mit dem Kopf nach unten. Wahnwitz und Langeweile verleiten Sie nun, ähnlich zu thun. Sie erklimmen etwas unsicher den Stuhl ... erreichen das erwünschte Ziel ... werfen einen Blick durch die Öffnung und rufen: o Gott! Und Sie fallen! Wissen Sie mir nun zu sagen, warum Sie »o Gott!« riefen und gefallen sind?

--Ich denke mir, dass das dritte Bein von dem Stuhl brach, sagte Verbrugge belehrend.

--Nun ja, das Bein brach vielleicht, aber nicht darum sind Sie gefallen. Vor jeder anderen Öffnung hätten Sie es ein Jahr lang auf diesem Stuhl ausgehalten, und nun mussten Sie fallen, und wären auch dreizehn Beine unter dem Stuhl gewesen, ja, und hätten Sie auf dem Boden gestanden.

--Nun, meinetwegen, sagte Duclari. Ich sehe, dass Sie sich absolut in den Kopf gesetzt haben, mich fallen zu lassen, koste es, was es wolle. Ich liege da nun so lang ich bin ... doch ich weiss wahrhaftig nicht, warum!