Max Havelaar

Chapter 10

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»Komm mal her, Max!« rief Havelaar, seines Kindes gewahr werdend, das auf dem Hof spielte, und der Regent nahm den Kleinen auf den Schoss. Doch der war zu wild, um es lange dort auszuhalten. Er sprang fort und lief in dem grossen Kreise der Männer herum und ergötzte die Häuptlinge mit seinem Gepappel und spielte mit den Knäufen ihrer Dolche. Als er zu dem Djaksa kam, der des Kindes Aufmerksamkeit erregte, weil er prächtiger gekleidet war als die andern, schien dieser irgendwas auf dem Kopfe des kleinen Max dem Kliwon zu zeigen, der neben ihm sass und sein Ohr einer zugeflüsterten Bemerkung darüber zu neigen schien.

--Geh nun, Max, sagte Havelaar, Papa hat den Herren etwas zu sagen.

Der Kleine lief fort, nachdem er den Männern Kusshändchen zugeworfen.

Hierauf fuhr Havelaar also fort:

--Häupter von Lebak! Wir alle stehen im Dienste des Königs von Niederland. Doch Er, der rechtfertig ist und will, dass wir unsere Pflicht thun, ist ferne von hier. Dreissig-mal-tausend-mal-tausend Seelen, ja, mehr noch als soviel, sind gehalten, seinen Befehlen zu gehorchen, doch er kann nicht allen nahe sein, die abhängen von seinem Willen.

Der Grosse-Herr zu Buitenzorg ist rechtfertig und will, dass jeder seine Pflicht thue. Doch auch dieser, mächtig wie er ist und gebietend über alles, was Gewalt hat in den Städten, und über alle, die in den Dörfern die ältesten sind, und bestimmend über die Heeresmacht und über die Schiffe, die auf See fahren ... auch er kann nicht sehen, wo Unrecht gethan ist, denn das Unrecht bleibt ferne von ihm.

Und der Resident zu Serang, der Herr ist über den Landesteil Bantam, wo fünf-mal-hundert-tausend Menschen wohnen, will, dass Recht geschehe in seinem Gebiet, und dass da Gerechtigkeit herrsche in den Landschaften, die ihm gehorsamen. Doch wo Unrecht ist, da ist es fern von seiner Wohnung. Und wer Bosheit thut, verbirgt sich vor seinem Angesicht, weil er Strafe fürchtet.

Und der Herr Adhipatti, der Regent ist von Süd-Bantam, will, dass jeder lebe, der dem Guten nachtrachtet, und dass da keine Schande laste auf dem Landstrich, der seine Regentschaft ist.

Und ich, der ich gestern den Allmächtigen Gott zum Zeugen nahm, dass ich rechtfertig und langmütig sein würde, dass ich Recht würde thun sonder Furcht und sonder Hass, dass ich sein werde: »ein guter Assistent-Resident« ... auch ich habe den Willen, zu thun, was meine Pflicht ist.

Häupter von Lebak, diesen Willen haben wir alle!

So aber etliche unter uns sein mögen, die ihre Pflicht Gewinnes halber verwahrlosen, die das Recht verkaufen für Geld, oder die den Büffel dem Armen nehmen, und die Früchte, die denen gehören, die da Hunger haben ... wer wird sie strafen?

Wenn einer von Euch es wüsste, er würde es hindern. Und der Regent würde nicht dulden, dass so etwas geschähe in seiner Regentschaft. Und auch ich werde dem entgegentreten, wo ich kann. Doch wenn weder Ihr, noch der Adhipatti, noch ich es erführen ...

Häuptlinge von Lebak, wer doch soll dann Recht thun in Bantan-Kidul?

Höret auf mich, wenn ich Euch sagen werde, wie dann Recht wird gethan werden.

Es kommt eine Zeit, dass unsere Frauen und Kinder wehklagen werden bei dem Herrichten unseres Totenkleides, und wer da vorbeigeht, wird sagen: »Da ist ein Mensch gestorben.« Dann wird, wer da ankommt in den Dörfern, Nachricht bringen von dem Tode desjenigen, der gestorben ist, und der ihn beherbergt, wird ihn fragen: »Wer war der Mann, der gestorben ist?« Und man wird sagen:

»Er war gut und rechtfertig. Er sprach Recht und verstiess den Kläger nicht von seiner Thür. Er hörte geduldig an, wer zu ihm kam, und gab wieder, was genommen war. Und wer den Pflug nicht treiben konnte durch den Grund, weil ihm der Büffel aus dem Stall geholt war, dem half er suchen nach dem Büffel. Und wo die Tochter geraubt war aus dem Hause der Mutter, suchte er den Dieb und brachte die Tochter wieder. Und wo man gearbeitet hatte, vorenthielt er den Lohn nicht, und er nahm die Früchte denen nicht ab, die den Baum gepflanzt hatten. Er kleidete sich nicht mit dem Kleide, das andere decken musste, noch nährte er sich mit Nahrung, die dem Armen gehörte.«

Dann wird man sagen in den Dörfern: »Allah ist gross, Allah hat ihn zu sich genommen. Sein Wille geschehe ... es ist ein guter Mensch gestorben.«

Doch ein andermal wird der Vorübergehende stillstehen vor einem Hause und fragen: »Was ist dies, dass der Gamlang schweigt und der Gesang der Mädchen?« Und wiederum wird man sagen: »Da ist ein Mann gestorben.«

Und wer rundreist in den Dörfern, wird am Abend sitzen bei seinem Gastherrn, und um ihn her die Söhne und Töchter des Hauses und die Kinder derer, die das Dorf bewohnen, und er wird sagen:

»Da starb ein Mann, der gelobte, rechtfertig zu sein, und er verkaufte das Recht dem, der ihm Geld gab. Er düngte seinen Acker mit dem Schweisse des Arbeiters, den er abgerufen hatte vom Acker der Arbeit. Er vorenthielt dem Arbeitsmann seinen Lohn und er nährte sich mit der Nahrung des Armen. Er ist reich geworden von der Armut der andern. Er hatte viel Goldes und Silber und edle Steine in Menge, doch der Bebauer des Landes, der in der Nachbarschaft wohnt, wusste den Hunger seines Kindes nicht zu stillen. Er hatte ein Lächeln wie ein glücklicher Mensch, doch man hörte Zähneknirschen von dem Kläger, der Recht suchte. Es war Zufriedenheit auf seinem Gesicht, doch keine Milch in den Brüsten der Mütter, die säugten.«

Dann werden die Bewohner der Dörfer sagen: »Allah ist gross ... wir fluchen niemandem!«

Häupter von Lebak, einst sterben wir alle!

Was wird da gesagt werden in den Dörfern, wo wir Gewalt hatten? Und was von den Vorübergehenden, die das Begräbnis ansehen?

Und was werden wir antworten, wenn nach unserem Tode eine Stimme spricht zu unserer Seele und fragt: »Warum ist da Weinen in den Feldern, und warum verbergen sich die Jünglinge? Wer nahm die Ernte aus den Scheuern und aus den Ställen den Büffel, der das Feld pflügen sollte? Was hast du mit dem Bruder gethan, den ich dir zu bewachen gab? Warum ist der Arme traurig und flucht der Fruchtbarkeit seiner Frau?«

Hier hielt Havelaar wieder inne, und nach kurzem Schweigen fuhr er im einfachsten Ton von der Welt und als sei von nichts die Rede gewesen, das Eindruck machen musste, fort:

--Ich wünsche sehr, in gutem Einvernehmen mit Euch zu leben, und darum ersuche ich Euch, mich als einen Freund zu betrachten. Wer geirrt haben mag, kann sich eines milden Urteils von meiner Seite versehen, denn da ich selbst so manches Mal irre, werde ich nicht streng sein ... wenigstens nicht in den gewöhnlichen Dienstvergehen oder Nachlässigkeiten. Allein, wo Nachlässigkeit zur Gewohnheit werden sollte, werde ich ihr entgegentreten. Über Vergehen gröberer Art ... über Erpressung und Unterdrückung spreche ich nicht. So etwas wird nicht vorkommen, nicht wahr, m'nheer de Adhipatti?

--O nein, m'nheer de Assistent-Resident, so etwas wird nicht vorkommen in Lebak.

--Wohl dann, Ihr Herren Häuptlinge von Bantan-Kidul, lasset es uns eine Freude sein, dass unsere Abteilung so zurückgeblieben und so arm ist. Wir haben Schönes zu thun. Wenn Allah uns am Leben erhält, werden wir Sorge tragen, dass Wohlfahrt einzieht. Der Grund ist fruchtbar genug und die Bevölkerung willig. So jeder im Genuss seiner Mühen gelassen wird, unterliegt es keinem Zweifel, dass binnen kurzer Zeit die Bevölkerung zunehmen wird, so an Seelenzahl wie an Besitzungen und an Gesittung, denn das geht meistens Hand in Hand. Ich ersuche Euch nochmals, mich als einen Freund anzusehen, der Euch helfen wird, wo er kann, vor allem, wo es sich darum handelt, Unrecht entgegenzutreten. Und hiermit halte ich mich Eurer Mitwirkung sehr anempfohlen.

Ich werde Euch die empfangenen Berichte über Landbau, Viehzucht, Polizei und Gerichtspflege mit meinen Anordnungen zurückgeben lassen.

Häupter von Bantan-Kidul! Ich habe gesprochen. Ihr könnet zurückkehren, ein jeder nach seiner Wohnung. Ich grüsse Euch alle sehr!«----

Er verneigte sich, bot dem alten Regenten den Arm und geleitete ihn über das Erbe nach dem Wohnhaus, wo Tine ihn auf der Vorgalerie erwartete.

--Kommen Sie, Verbrugge, gehen Sie noch nicht nach Hause! Kommen Sie ... ein Glas Madeira! Und ... ja, das muss ich wissen, Rhaden Djaksa, höret einmal!

So rief Havelaar, als alle Häuptlinge nach vielen Verbeugungen sich anschickten, nach ihren Wohnungen zurückzukehren. Auch Verbrugge war im Begriff, das Erbe zu verlassen, kehrte jedoch mit dem Djaksa zurück.

--Tine, ich möchte Madeira trinken, Verbrugge auch. Djaksa, lasst hören, was habt Ihr doch dem Kliwon über meinen Jungen gesagt?

--Mintah ampong ... d. i.: ich bitte um Verzeihung ... mynheer de Assistent-Resident, ich betrachtete sein Haupt, weil mynheer gesprochen hatte.

--I was denn! was hat sein Kopf damit zu thun? Ich weiss selbst schon nicht mehr, was ich gesagt habe.

--Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon ...

Tine trat an die Gruppe heran; es wurde über ihren kleinen Max gesprochen.

--Mynheer, ich sagte zu dem Kliwon, dass der junge Herr ein Königskind wäre.

Das that Tine wohl: sie fand es auch!

Der Adhipatti besah den Kopf des Kleinen, und in der That, auch er sah auf dem Scheitel den doppelten Haarwirbel, der nach dem Aberglauben auf Java bestimmt ist, dereinst eine Krone zu tragen.

Da die Etiquette nicht zuliess, dass man dem Djaksa einen Platz anbot in Gegenwart eines Regenten, nahm er Abschied, und man war einige Zeit beieinander, ohne etwas zu berühren, das zum »Dienst« in Beziehung stand. Doch auf einmal--und also im Widerspruch mit dem in so hohem Masse höflichen Volkscharakter--fragte der Regent, ob gewisse Gelder, die der Steuerkollekteur zu gute hatte, nicht ausbezahlt werden könnten.

--O nein, rief Verbrugge, mynheer de Adhipatti wissen doch, dass dies nicht eher geschehen kann, als bis er Rechenschaft abgelegt hat.

Havelaar spielte mit Max. Doch es zeigte sich, dass dies ihn nicht abhielt, auf dem Gesicht des Regenten zu lesen, dass Verbrugges Antwort ihm wider den Strich ging.

--Nun, Verbrugge, lassen Sie uns keine Schwierigkeiten machen, sagte er. Und er liess einen Schreiber vom Bureau rufen. Wir wollen das nur ausbezahlen ... der Rechenschaftsbericht wird schon für gut befunden werden.

Nachdem der Adhipatti sich zurückgezogen hatte, sagte Verbrugge, der sich gern an die »Staatsblätter« hielt:

--Aber, M'nheer Havelaar, das geht nicht! Des Kollekteurs Rechenschaftsbericht ist noch immer zur Prüfung in Serang ... wenn nun ein Manco sich herausstellt?

--Dann lege ich es drauf, sagte Havelaar.

Verbrugge konnte es nicht begreifen, welchem Umstande dies dem Steuerkollekteur erwiesene weitgehende Entgegenkommen zuzuschreiben war. Der Schreiber kam alsbald mit einigem Schriftsatz zurück. Havelaar zeichnete und sagte, dass man Eile hinter die Auszahlung setzen solle

--Verbrugge, ich will Ihnen sagen, warum ich dies thue! Der Regent hat keinen Deut im Hause: sein Schreiber hat es mir gesagt; und zudem ... das brüske Fragen! Die Sache ist deutlich. Er selbst hat das Geld nötig, und der Kollekteur will es ihm vorschiessen. Ich übertrete lieber auf eigene Verantwortung eine Form, als dass ich einen Mann von seinem Range und in seinen Jahren in der Verlegenheit lassen sollte. Schliesslich, Verbrugge, es wird in Lebak greulich Missbrauch getrieben mit der Amtsgewalt. Das müssen Sie wissen. Wissen Sie's?

Verbrugge schwieg. Er wusste es.

--Ich weiss es, fuhr Havelaar fort, ich weiss es! Ist nicht M'nheer Slotering gestorben im November? Nun, den Tag nach seinem Tode hat der Regent Volk aufgerufen, um seine Sawahs zu bearbeiten ... ohne Bezahlung! Sie hätten dies wissen müssen, Verbrugge. Wussten Sie's?

Dieses wusste Verbrugge nicht.

--Als Kontrolleur hätten Sie es wissen müssen! Ich weiss es, fuhr Havelaar fort. Da liegen die Monatsaufstellungen von den Distrikten--und er wies auf einen Packen Schriftwerk, das er in der Versammlung erhalten hatte--sehen Sie, ich habe nichts geöffnet. Darin sind unter anderm enthalten die Angaben über für den Hauptplatz zum Herrendienst gelieferte Arbeiter. Nun, sind diese Angaben richtig?

--Ich habe sie noch nicht gesehen ...

--Ich auch nicht! Aber doch frage ich: sind sie richtig? Waren die Angaben vom vorigen Monat richtig?

Verbrugge schwieg.

--Ich will's Ihnen sagen: Sie waren falsch! Denn es war dreimal mehr Volk aufgerufen, um für den Regenten zu arbeiten, als die Bestimmungen bezüglich Herrendienstes zulassen, und dies durfte man natürlich in den Aufstellungen nicht angeben. Ist es wahr, was ich sage?

Verbrugge schwieg.

--Auch die Aufstellungen, die ich heute empfing, sind falsch, fuhr Havelaar fort. Der Regent ist arm. Die Regenten von Bandung und Tjiandjur sind Glieder des Geschlechts, von dem er das Haupt ist. Der von Tjiandjur hat nur den Rang eines Tommongong, unser Regent ist Adhipatti, und dennoch erlauben ihm, weil Lebak kein Land für Kaffee ist und ihm also keine Emolumente aufbringt, seine Einkünfte nicht, in Glanz und Pracht zu wetteifern mit einem einfachen Dhemang in Preanger, der den Steigbügel halten würde, wenn seine Vettern zu Pferde steigen. Ist das wahr?

--Ja, so ist es.

--Er hat nichts als sein Gehalt, und darauf liegt eine Kürzung zur Abbezahlung eines Vorschusses, den die Regierung ihm gegeben hat, als er ... wissen Sie's?

--Ja, ich weiss es.

--Als er eine neue Moschee bauen lassen wollte, wozu viel Geld nötig war. Obendrein, viele Glieder seiner Familie ... wissen Sie's?

--Ja, ich weiss es.

--Viele Glieder seiner Familie--die ja eigentlich nicht in Lebak zu Hause ist und darum auch beim Volk kein Ansehen hat--scharen sich wie eine Plünderbande um ihn und pressen ihm Geld ab. Ist das wahr?

--Es ist die Wahrheit, sagte Verbrugge.

--Und wenn seine Kasse leer ist, was öfters vorkommt, nehmen sie in seinem Namen der Bevölkerung ab, was ihnen ansteht. Ist dies so?

--Ja, es ist so.

--Ich bin also gut unterrichtet, doch darüber später. Der Regent, der in die Jahre kommt und den Tod fürchtet, wird von der Sucht beherrscht, sich durch Gaben an Geistliche verdienstlich zu machen. Er giebt viel Geld aus für Reisekosten von Pilgern nach Mekka, die ihm allerlei Lumpereien zurückbringen, Reliquien, Talismans und Djimats. Ist es nicht so?

--Ja, das ist wahr.

--Nun, durch alles das ist er so arm. Der Dhemang von Parang-Kudjang ist sein Schwiegersohn. Wo der Regent aus Scham vor seinem Range nicht zu nehmen wagt, ist es dieser Dhemang--doch er ist es nicht allein--der dem Adhipatti den Hof macht, indem er Geld und Gut von der armen Bevölkerung erpresst und die Leute von ihren eigenen Reisfeldern wegholt, um sie vor sich her zu treiben nach den Sawahs des Regenten. Und dieser ... ach, ich will ja glauben, dass er gern anders möchte, aber die Not zwingt ihn, Gebrauch zu machen von solchen Mitteln. Ist dies alles nicht wahr, Verbrugge?

--Ja, es ist wahr, sagte Verbrugge, der mehr und mehr einzusehen begann, dass Havelaar einen scharfen Blick hatte.

--Ich wusste, sagte dieser weiter, dass er kein Geld im Hause hatte, als er soeben über die Abrechnung mit dem Unterkollekteur zu reden anfing. Sie haben heute morgen gehört, dass es mein Vorsatz ist, meine Pflicht zu thun. Unrecht dulde ich nicht, bei Gott, ich dulde es nicht!

Und er sprang auf, und in seinem Ton lag nun etwas ganz anderes, als am Tage vorher bei seinem offiziellen Eide.

--Doch, fuhr er fort, ich will meine Pflicht thun mit Milde. Ich will nicht zu peinlich forschen, was geschehen ist. Doch was von heute ab geschieht, fällt unter meine Verantwortung, dafür werde ich Sorge tragen! Ich hoffe hier lange zu bleiben. Wissen Sie, Verbrugge, dass herrlich schön ist, wozu wir berufen sind? Doch wissen Sie auch, dass ich alles, was ich Ihnen soeben sagte, eigentlich von Ihnen hätte hören müssen? Ich kenne Sie ebensogut, wie ich weiss, welche Leute 'garem glap', d. h. Schmuggelsalz machen an der Südküste, um das scheussliche Monopol zu umgehen. Sie sind ein braver Mensch ... auch das weiss ich. Doch warum haben Sie mir nicht gesagt, dass hier so vieles verkehrt ist? Während zweier Monate sind Sie dienstthuender Assistent-Resident gewesen und obendrein sind Sie hier schon lange als Kontrolleur ... Sie mussten es also wissen, nicht wahr?

--M'nheer Havelaar, ich habe niemals gedient unter jemandem wie Sie. Sie haben etwas besonderes, nehmen Sie es mir nicht übel.

--Durchaus nicht! Ich weiss wohl, dass ich nicht bin wie andere Menschen, doch was thut das zur Sache?

--Insoweit hat es damit zu thun, als Sie einem Begriffe und Vorstellungen mitteilen, die früher nicht bestanden.

--Nein, die eingeschlummert waren durch den verfluchten offiziellen Schlendrian, der seinen Stil sucht in »ich habe die Ehre« und die Ruhe seines Gewissens in der »hohen Zufriedenheit der Regierung«. Nein, Verbrugge! lästern Sie nicht sich selbst! Sie brauchen von mir nichts zu lernen. Habe ich Ihnen zum Beispiel heute morgen in der Sebah etwas Neues erzählt?

--Nein, Neues nichts, doch Sie sprachen anders als andere ...

--Ja, das kommt daher ... dass meine Erziehung etwas verwahrlost ist: ich rede frei von der Leber. Aber Sie sollten mir sagen, warum Sie so still geschwiegen haben zu allem, was Verkehrtes geschah in Lebak.

--Ich habe noch nie so die Empfindung gehabt von einer Initiative. Überdies, alles das ist immer so gewesen in dieser Gegend.

--Ja, ja, das weiss ich wohl! Es kann nicht jeder ein Prophet oder Apostel sein, das Holz würde teuer werden durchs Kreuzigen! Aber Sie wollen mir doch wohl helfen, alles ins rechte Lot zu bringen? Sie wollen doch wohl Ihre Pflicht thun?

--Gewiss! Vor allem unter Ihnen. Doch nicht jeder würde das so streng fordern, noch es selbst gut aufnehmen, und dann kommt man so leicht in die Position jemandes, der gegen Windmühlen kämpft.

--Nein! Dann sagen die, die das Unrecht lieben, weil sie davon leben, dass es kein Unrecht gäbe, um das Vergnügen zu haben, Sie und mich zu Don Quixotes machen zu können und zugleich ihre Windmühlen in Drehung zu erhalten. Doch, Verbrugge, Sie hätten nicht auf mich warten brauchen, um Ihre Pflicht zu thun! M'nheer Slotering war ein tüchtiger und ehrlicher Mann: er wusste, was da vorging, er missbilligte es und setzte sich dagegen zur Wehr ... sehen Sie hier!

Havelaar nahm aus einem Portefeuille zwei Bogen Papier, und sie Verbrugge hinhaltend, sagte er:

--Wessen Hand ist dies?

--Das ist die Hand M'nheer Sloterings.

--Richtig! Nun, das sind die ersten Niederschriften von Notas, offenbar Gegenstände enthaltend, worüber er mit dem Residenten sprechen wollte. Da lese ich ... sehen Sie: 1) Über den Reisbau. 2) Über die Wohnungen der Dorfhäuptlinge. 3) Über die Eintreibung der Landrenten u. s. w. Dahinter stehen zwei Ausrufungszeichen. Was wollte M'nheer Slotering damit sagen?

--Wie kann ich das wissen? rief Verbrugge.

--Ich weiss es! Das bedeutet, dass viel mehr Landrenten aufgebracht werden, als in die Landeskasse fliessen. Doch ich werde Ihnen dann etwas zeigen, das wir beide verstehen, weil es in Buchstaben und nicht in Zeichen geschrieben ist. Sehen Sie:

»12) Über den Missbrauch, der von den Regenten und niedrigeren Häuptlingen mit der Bevölkerung getrieben wird. (Über das Halten verschiedener Wohnungen auf Kosten der Bevölkerung u. s. w.)«

Ist das deutlich? Sie sehen, dass der Herr Slotering wohl einer war, der »Initiative« schätzte und selbst kannte. Sie hätten sich also ihm anschliessen können. Hören Sie weiter:

»15) Dass viele Personen von den Familien und Bediensteten der inländischen Häuptlinge auf den Auszahlungslisten figurieren, die in der That nicht teilnehmen an den Kulturarbeiten, sodass die Vorteile hiervon ihnen anheimfallen, zum Schaden der wirklich beteiligt gewesenen. Auch werden sie in den unrechtmässigen Besitz von Sawahfeldern gesetzt, während diese allein denen zukommen, die Anteil haben an der Kultur.«

Hier habe ich eine andere Nota: und zwar in Bleistift. Sehen Sie mal, auch darin steht etwas sehr Deutliches:

»Die Verminderung des Volksstandes zu Parang-Kudjang ist allein zuzuschreiben dem weitgehenden Missbrauch, dem die Bevölkerung ausgesetzt ist.«

Was sagen Sie davon? Sehen Sie wohl, dass ich nicht so excentrisch bin, wie es scheint, wenn ich daran gehe, Recht zu schaffen? Sehen Sie nun, dass auch andere dies thaten?

--Es ist wahr, sagte Verbrugge, der Herr Slotering hat über all diese Dinge mehrfach mit dem Residenten gesprochen.

--Und was folgte darauf?

--Dann wurde der Regent gerufen: es wurde abouchiert ...

--Jawohl, mündlich verhandelt! Und weiter?

--Der Regent leugnete gewöhnlich alles. Dann mussten Zeugen kommen ... niemand wagte, gegen den Regenten zu zeugen ... ach, M'nheer Havelaar, diese Dinge bieten soviel Schwierigkeiten!

Der Leser wird, noch ehe er mein Buch ausgelesen hat, ebensogut wie Verbrugge gewahr werden, warum diese Dinge als so besonders schwierig sich erwiesen.

--Mynheer Slotering hatte viel Ärgernis deswegen, fuhr Verbrugge fort, er schrieb scharfe Briefe an die Häuptlinge ...

--Ich habe sie gelesen ... heute nacht, sagte Havelaar.

--Und ich habe ihn mehrfach sagen hören, dass er, wenn keine Änderung einträte, und wenn der Resident nicht »durchgriffe«, sich direkt an den Generalgouverneur wenden würde. Dies hat er auch den Häuptlingen selbst gesagt auf der letzten Sebah, der er präsidierte.

--Da würde er sehr verkehrt gehandelt haben. Der Resident war sein Chef, den er auf keinen Fall umgehen durfte. Und warum sollte er das auch? Es ist doch nicht anzunehmen, dass der Resident von Bantam Unrecht und Willkür gutheissen wird?

--Gutheissen ... nein! Aber man klagt nicht gern bei der Regierung einen Häuptling an.

--Ich klage nie gern jemanden an, wer es auch sei, doch wenn es sein muss, einen Häuptling so gut wie einen andern. Doch von Anklagen ist nun hier, Gott sei Dank, noch keine Rede! Morgen besuche ich den Regenten. Ich werde ihm die Unrechtmässigkeit einer ungesetzlichen Herrschaftsübung vor Augen führen, vor allem, wo es sich handelt um den Besitz von armen Menschen. Doch in Abwartung der gehörigen Einrenkung werde ich ihm in seinen wirklich heiklen Verhältnissen zur Seite stehen, so gut ich kann. Sie begreifen nun doch wohl, weshalb ich dem Kollekteur das Geld sofort habe auszahlen lassen, nicht wahr? Auch habe ich die Absicht, die Regierung zu ersuchen, sie möge den Regenten von der Tilgung seines Vorschusses auf dem Erlasswege entbinden. Und Sie, Verbrugge, ersuche ich, mit mir vereint zu thun, was unsere Pflicht ist. So lange es geht, mit Sanftmut, doch wenn es sein muss, ohne Furcht! Sie sind ein ehrlicher Mann, das weiss ich, doch Sie sind schüchtern. Reden Sie fortan tapfer heraus, wie die Dinge liegen, advienne que pourra! Werfen Sie die Halbheit von sich, bester Kerl ... und nun: bleiben Sie bei uns zum Essen: wir haben holländischen Blumenkohl in Büchse ... doch alles ist sehr einfach, denn ich muss sehr sparsam sein ... ich bin arg zurückgekommen in puncto Geld: die Reise nach Europa, begreifen Sie? Komm, Max ... sapperlot, Junge, was wirst du schwer!

Und mit Max auf der Schulter, gefolgt von Verbrugge, trat er ein in die Binnengalerie, wo Tine sie am gedeckten Tisch erwartete, der, wie Havelaar gesagt hatte, wirklich sehr einfach war! Duclari, der kam, um Verbrugge zu fragen, ob er noch vor dem Mittagmahl nach Hause zurückkehren werde oder nicht, wurde mit zu Tische genötigt, und wenn dem Leser mit etwas Abwechslung in meiner Erzählung gedient ist, so sei er auf das folgende Kapitel verwiesen, worin ich mitteile, was so alles gesprochen wurde bei diesem Mahle.

NEUNTES KAPITEL.