Chapter 1
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Multatuli
MAX HAVELAAR
Übertragen aus dem Holländischen
Von
Wilhelm Spohr
Titelzeichnung von Fidus.
Zweite Auflage.
Minden in Westf. J. C. C. Bruns' Verlag. 1901.
Alle Rechte, auch das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten.
VORWORT DES HERAUSGEBERS.
Es freut mich, dass ich, noch ehe die Reihe meiner Multatuli-Bücher abgeschlossen ist, eine Neuauflegung der ersten Bände des Unternehmens vornehmen kann. Meine Übersetzung des holländischen »Max Havelaar« liegt hier in zweiter Auflage vor. Der Text erhielt nur geringfügige Änderungen, wie sie sich aus der Neudurchsicht einer Übersetzung zu ergeben pflegen. Auch mein Vorwort zur ersten Auflage mit seinen erläuternden Bemerkungen lasse ich hier folgen:
Ich nenne das Buch schlichtweg »Max Havelaar«, da mir, dem deutschen Interpreten, der eigentliche von Multatuli ihm gegebene Titel »Max Havelaar oder die Kaffeeauktionen der Niederländischen Handelsgesellschaft« (»Max Havelaar of de koffiveilingen der Nederlandsche Handelmaatschappy«, geschrieben 1859, erschienen zu Amsterdam im Mai 1860) nach Ort, Zeit und Umständen weniger passend erscheint. Der Leser möge sich bei einigen wenigen Anspielungen im Text des ursprünglichen Titels erinnern.
Ich kenne nach dem »Havelaar« kein zweites Buch, das in so eminentem Sinne seine Geschichte und seine Schicksale gehabt hätte. »Es ging ein Schaudern durch das Land«, erklärte nach seinem Erscheinen ein Abgeordneter von der Tribüne des Parlaments. Sogar Einzelheiten haben ihre eigene Geschichte! Indem ich darauf hinweise, dass das kleine holländische Wörtchen »dus« in dem Buche (in meiner Übersetzung das »also« auf S. 291 Zeile 7) einen gewaltigen Federkrieg entfachen konnte, mache ich wohl begreiflich, dass ich davon absehen möchte, in diesem kurz beabsichtigten Vorwort mich weiter in die Schicksalsgeschichte des Werkes zu verlieren. Nur will ich noch dem Leser, der sich nicht über dieses Buch hinaus in den reissenden Strudel der Multatuli-Welt hineinziehen lassen will, von vornherein verraten, dass der Held Max Havelaar der Autor selbst ist, bürgerlichen Namens Eduard Douwes Dekker, der die hohe Beamtenstellung eines Assistent-Residenten von Lebak auf Java einnahm und nach seinem 1856 genommenen Abschied aus Landesdiensten seine sehr merkwürdigen Erfahrungen in den Niederländisch-Indischen Besitzungen im Buche »Max Havelaar« niederlegte. Es ist also dieses Buch kein Roman im gewöhnlichen Sinne; in ganz einziger künstlerischer Einkleidung bietet es aktenmässige Wahrheit über die Schicksale des Assistent-Residenten Eduard Douwes Dekker, der sich im Buch den Namen Max Havelaar gab und als Autor des Werkes sich Multatuli nannte. Wen es drängt, mehr von der Geschichte des lange Zeit schlau unterdrückt gehaltenen Buches, mehr von dem thatenreichen Leben des Mannes zu erfahren, 'der viel getragen hat', dem ist die Möglichkeit geboten, sich in dem von mir herausgegebenen Multatuli-Biographie- und Auswahlbande des weiteren zu unterrichten. [1]
Seine Geschichte, seine Schicksale hat also das Buch seinem ausserordentlichen Inhalt und seiner ausserordentlichen Form zu verdanken. Auch was die Form angeht, weiss ich kein zweites derartige Buch zu nennen. Es ist in seiner Art nicht übertroffen, es sei denn durch Multatuli selbst in seinen späteren Werken. Voll Verwunderung mag dieser oder jener prüfend an manchen Stellen verweilen, indem er sich erinnert, dass das Werk, im Grunde ein Erstlingswerk, 1859 geschrieben wurde, zu einer Zeit also, die dem Autor kein Vorbild in Psychologie und Naturalismus bot. Und hart daneben wieder die Weltweisheit im Extrakt, in die vignettenscharfe Fabel zusammengeballt und -geschweisst, dann Klänge, höher wie die aus dem Hohenliede, Worte voll Glut des Orients und doch mit der Logik des Occidents gerüstet. Und das Geheimnis? Was liess den Mann so reden, dass man mit offenem Munde fragen mochte: »mein Gott, wer bist du?« Multatuli verriet die Hauptsache selbst, indem er einmal in einem Briefe sagte: »Stil ist keine Kunst oder ein Künstchen, er sprudelt allein aus dem Herzen heraus.« Dass man auch sonst nebenbei kein gewöhnlicher Mensch sein dürfe, setzte er wohl als selbstverständlich voraus für jemanden, der glaubte, etwas zu sagen zu haben. Und er war ein aussergewöhnlicher Mensch und er hatte Herz, und der Quell sprudelte auch lustig, obwohl er dieses Werk mit »Weh und Schmerz gebar«, es schrieb in Brüssel »im Winter des Jahres 1859, teils in einer Kammer ohne Feuer, teils an einem wackeligen und schmierigen Herbergstische, umringt von gutmütigen, aber ziemlich unästhetischen Biertrinkern«. Was er gerade derzeit gelitten, löste sich auf in den köstlichen Humor des Buches und in die Satire auf das Philistertum, das so schweres Geschütz wohl noch nie auf sich gerichtet sah; doch auch die Tragik seines Lebens, das er schilderte, lebte er voll noch einmal mit: »es fielen Thränen auf die Handschrift«.
Die meisten im »Havelaar« handelnd eingeführten Personen tragen schon in ihren Namen den Geruch ihrer Seele und des Milieus, dem sie angehören. Ich habe absichtlich diese Namen in der ursprünglichen Form wiedergegeben, vor allem, weil sie auch für uns genug verräterischen Klang haben. Warum der gute Pastor in dem Werke Wawelaar heissen muss, d. i. ein Mensch mit langweiligem, salbungsvollem Gebabbel, und warum der engherzige, gefährlich dumm-schlaue Spiessbürger, der mit dem ersten Kapitel anhebt, seinen Namen vom trostlosen, dürren Stoppelfelde bekam, wird aus dem Texte reichlich klar, und darum belasse ich es bei diesem Hinweise. Diese und andere Figuren aus Multatulis Werken sind in der Sprache und in der Vorstellungswelt der Holländer zum Range von allgemein geltenden Typen avanciert. Namentlich ist der vorher erwähnte Droogstoppel Gemeingut des Volkes geworden, als der Typus einer Rasse, die leider nicht auf das Gebiet von Holland beschränkt scheint.
Manche Leser werden gern noch tiefer in das Leben der durch die Handlung aufgerollten indischen Wunder hinabsteigen; für sie habe ich nach Multatulis Anmerkungen am Schlusse des Buches bequem und nach Gefallen zu benutzende »Erläuterungen zu Indiismen« angefügt.
Und damit genug der trockenen Kommentierung. Die Welt Multatulis mit den Höhen und Abgründen ihres Humors und ihrer Tragik, mit ihrer sanften und mit ihrer heissen Schönheit, mit ihrem tiefen Frieden und ihren schrillen Kampffanfaren mag nun vorüberziehen. Doch vorher eines noch. Ich habe mich daran gewöhnt, in seiner Kunst mehr als ein Genussmittel zu sehen. So möge man verstehen, wenn ich mahnend betone, dass der Empörungsschrei dieser Seele uns, uns alle angeht.
Friedrichshagen bei Berlin, Juli 1901.
Wilhelm Spohr.
ERSTES KAPITEL.
Ich bin Makler in Kaffee und wohne Lauriergracht 37. Es ist nicht meine Gewohnheit, Romane zu schreiben oder dergleichen Dinge, und es hat denn auch lange gedauert, bis ich dazu kam, ein paar Ries Papier extra zu bestellen und das Werk anzufangen, das du, lieber Leser, soeben in die Hand genommen hast und das du lesen musst, ob du nun Makler in Kaffee oder ob du sonst was bist. Nicht allein, dass ich niemals etwas schrieb, was einem Roman ähnlich sah, nein, ich halte sogar nichts davon, dass man dergleichen liest, weil ich ein rechter Geschäftsmann bin. Seit Jahren schon lege ich mir die Frage vor, wozu solche Dinge dienen, und ich muss staunen über die Unverschämtheit, mit der ein Dichter oder Romanschreiber euch etwas weisszumachen wagt, das niemals geschehen ist und meistens gar nicht geschehen kann. Wenn ich in meinem Fach--ich bin Makler in Kaffee und wohne Lauriergracht 37--einem Prinzipal--ein Prinzipal ist jemand, der Kaffee verkauft--eine Angabe machte, worin nur ein kleiner Teil von den Unwahrheiten enthalten wäre, die in Gedichten und Romanen die Hauptsache ausmachen, so würde er auf der Stelle zu Busselinck & Waterman gehen. Das sind auch Makler in Kaffee, doch ihre Adresse braucht ihr nicht zu wissen. Ich bin also wohl auf der Hut, dass ich keine Romane schreibe oder andere falsche Angaben mache. Ich habe denn auch immer die Erfahrung gemacht, dass Leute, die sich auf so was einlassen, gewöhnlich schlecht wegkommen. Ich bin drei und vierzig Jahre alt, besuche seit zwanzig Jahren die Börse, und kann mich also sehen lassen, wenn man nach jemandem verlangt, der Erfahrung hat. Ich habe schon manches Haus purzeln sehen! Und gewöhnlich, wenn ich den Ursachen nachging, kam es mir vor, dass man sie in dem verkehrten Kurs suchen müsste, der den meisten schon in ihrer Jugend gegeben war.
Ich sage: Wahrheit und gesunder Menschenverstand, und dabei bleibe ich. Für die SCHRIFT mache ich natürlich eine Ausnahme. Der Fehler fängt schon bei unserm Van Alphen an, und zwar gleich bei der ersten Zeile über die »lieben Kleinen«. Was zum Teufel konnte den alten Herrn bewegen, sich für einen Anbeter meiner kleinen Schwester Trudchen, die schlimme Augen hatte, auszugeben, oder meines Bruders Gerhard, der immer mit seiner Nase spielte? Und doch, er sagte: »dass er durch Lieb' bewogen die Vers'chen singe«. Ich dachte manchmal als Kind: »Mann, ich möchte dir gern mal begegnen, und wenn du mir nicht die Marmeln giebst, die ich von dir verlangen würde, oder meinen vollständigen Namen in Buchstabenbretzeln--ich heisse Batavus--dann bist du ein Lügner für mich.« Aber ich habe Van Alphen nie gesehen. Er war schon tot, glaube ich, als er uns erzählte, dass mein Vater mein bester Freund wäre--mir lag mehr an Paulchen Winser, der neben uns in der Batavierstrasse wohnte--und dass mein kleiner Hund so dankbar wäre. Wir hielten gar keine Hunde, weil sie so unreinlich sind.
Alles Lügen! So geht's dann weiter mit der Erziehung. Das neue Schwesterchen ist von der Grünfrau gekommen in einem grossen Kohlkopf. Alle Holländer sind tapfer und edelmütig. Die Römer waren froh, dass die Batavier sie leben liessen. Der Bey von Tunis kriegte eine Kolik, als er das Flattern der Niederländischen Flagge hörte. Der Herzog von Alba war ein Untier. Die Ebbe, es war 1672, glaube ich, dauerte etwas länger wie gewöhnlich, express, um Niederland Schutz zu gewähren. Lügen. Niederland ist Niederland geblieben, weil unsere Altvordern auf ihre Geschäfte passten, und weil sie den wahren Glauben hatten. Das ist die Sache.
Und dann kommen später wieder andere Lügen. Ein Mädchen ist ein Engel. Wer das zuerst entdeckte, hat niemals Schwestern gehabt. Liebe ist eine Seligkeit. Man flieht mit dem einen oder andern Gegenstand ans Ende der Erde. Die Erde hat keine Enden, und solche Liebe ist auch eine Albernheit. Niemand kann sagen, dass ich nicht gut lebe mit meiner Frau--sie ist eine Tochter von Last & Co., Maklern in Kaffee--niemand kann an unserer Ehe was aussetzen. Ich bin Mitglied von »Artis«, unserm Zoologischen Garten, sie hat ein persisches Umschlagetuch von zwei und neunzig Gulden Wert, und von solch einer verrückten Liebe, die durchaus an der Welt Ende wohnen will, ist doch zwischen uns niemals die Rede gewesen. Als wir getraut waren, haben wir eine kleine Tour nach dem Haag gemacht--sie hat da Flanell gekauft, wovon ich noch Unterjacken trage--und weiter hat uns nie die Liebe in die Welt gejagt. Also: alles Albernheit und Lügen!
Und sollte meine Ehe nun weniger glücklich sein als die Ehe der Leute, die sich rein aus Liebe die Schwindsucht an den Hals holten oder ihre Haare dabei loswurden? Oder denkt ihr, dass es weniger geregelt in meiner Haushaltung hergeht, als wenn ich vor siebzehn Jahren meinem Mädchen in Versen gesagt hätte, dass ich sie heiraten wollte? Unsinn! Ich hätte das doch ebenso gut können wie jeder andere, denn Versemachen ist ein Handwerk, das gewiss minder schwer ist als Elfenbeindrehen. Wie sollten sonst wohl die kleinen Aufbackbilder mit Sprüchen so billig sein? Und frage einmal nach dem Preis von einem Satz Billardbällen!
Ich habe nichts gegen Verse an sich. Will man die Wörter ins Glied rücken, gut! Aber sage nichts, was nicht wahr ist! »Der Regen ist vorbei, und die Uhr ist drei.« Das lasse ich gelten, wenn wirklich der Regen vorbei und die Uhr drei ist. Doch wenn es viertel auf vier ist, kann ich, der ich meine Worte nicht ins Glied setze, sagen: »der Regen ist vorbei, und die Uhr ist viertel auf vier«. Der Versemacher ist durch das Aufhören des Regens an die volle Stunde gebunden. Es muss genau drei Uhr, in diesem günstigen Falle meinetwegen auch genau zwei Uhr sein, oder der Regen darf nicht vorbei sein. Sieben und neun ist durch den Reim verboten. Da geht er denn ans Pfuschen. Entweder das Wetter muss verändert werden, oder die Zeit. Eins von beiden ist dann gelogen.
Und nicht allein die Verse verlocken die Jugend zur Unwahrheit. Geh mal ins Theater und achte mal darauf, was da für Lügen an den Mann gebracht werden. Der Held des Stückes wird aus dem Wasser geholt von jemandem, der im Begriff ist, Bankerott zu machen. Dann giebt er ihm sein halbes Vermögen. Das kann nicht wahr sein. Als kürzlich auf der Prinzengracht mein Hut ins Wasser wehte, habe ich dem Mann einen Nickel gegeben, und er war zufrieden. Ich weiss wohl, dass ich etwas mehr hätte geben müssen, wenn er mich selbst herausgeholt hätte, aber gewiss nicht mein halbes Vermögen. Es liegt doch auf der Hand, dass man auf diese Weise nur zweimal ins Wasser fallen braucht, um völlig arm zu sein. Was das Ärgste ist bei solchen Vorführungen auf der Bühne: das Publikum gewöhnt sich so an all die Unwahrheiten, dass es sie schön findet und ihnen zujubelt. Ich hätte wohl mal Lust, so'n ganzes Parterre ins Wasser zu schmeissen, um zu sehen, wem es mit dem Zujauchzen ernst war. Ich, der ich was auf Wahrheit gebe, mache der Welt bekannt, dass ich für das Auffischen meiner Person keinen so hohen Bergelohn bezahle. Wer mit weniger nicht zufrieden ist, mag mich liegen lassen. Nur Sonntags würde ich etwas mehr geben, weil ich dann meine schwere Kette trage und einen andern Rock.
Ja, das Theater verdirbt viele, mehr noch als die Romane. Es ist so anschaulich. Mit einem bisschen Katzengold und einer Borde von ausgeschlagenem Papier sieht das alles so verlockend aus. Für Kinder, meine ich, und für Leute, die keine Ahnung von Geschäftssachen haben. Selbst wenn die Theatermenschen Armut darstellen wollen, ist ihre Darstellung immer lügenhaft. Ein Mädchen, dessen Vater Bankerott macht, arbeitet, um die Familie zu unterhalten. Sehr gut. Da sitzt sie denn zu nähen, zu stricken und zu sticken. Aber zähle nun mal die Stiche, die sie macht während des ganzen Akts. Sie quasselt, sie seufzt, sie läuft nach dem Fenster, aber arbeiten thut sie nicht. Die Familie, die von dieser Arbeit leben kann, hat wenig nötig. So ein Mädchen ist natürlich die Heldin. Sie hat einige Verführer die Treppe hinuntergeworfen, sie ruft in einem fort: »o meine Mutter, o meine Mutter!« und stellt also die Tugend vor. Was ist das für eine Tugend, die ein volles Jahr nötig hat zu einem Paar wollener Strümpfe? Giebt dies alles nicht falsche Vorstellungen von Tugend und vom »Arbeiten für den Lebensunterhalt«? Alles Albernheit und Lügen!
Dann kommt ihr erster Liebhaber--der früher am Kopierbuch sass, nun aber steinreich--auf einmal zurück und heiratet sie. Auch wieder Lügen. Wer Geld hat, heiratet kein Mädchen aus einem falliten Hause. Und wenn ihr meint, dass dies auf der Bühne so durchgeht als Ausnahme, es bleibt doch mein Einwurf bestehen, dass man den Sinn für Wahrheit verdirbt beim Volke, das die Ausnahme als Regel hinnimmt, und dass man die öffentliche Sittlichkeit untergräbt, indem man es daran gewöhnt, etwas zuzujauchzen auf der Bühne, was in der Welt von jedem achtbaren Makler oder Kaufmann für eine lächerliche Übergeschnapptheit angesehen wird. Als ich heiratete, waren wir auf dem Kontor meines Schwiegervaters--Last & Co.--unserer dreizehn, und es wurde was umgesetzt!
Und noch mehr Lügen auf der Bühne. Wenn der Held mit seinem steifen Komödienschritt abtritt, um das bedrängte Vaterland zu retten, warum geht dann die Doppelthür im Hintergrund jedesmal von selbst auf? Und weiter, wie kann die Person, die in Versen spricht, voraussehen, was der andere zu antworten hat, und ihm so den Reim bequem machen? Wenn der Feldherr zu der Fürstin sagt: »Mevrouw, es ist zu spät, man schloss die Thore beide«, wie kann er nur im voraus wissen, dass sie sagen will: »Wohlan denn, unverzagt, entblösst das Schwert der Scheide!«? Denn wenn sie nun, als sie hörte, dass die Thore geschlossen seien, antwortete, dass sie dann ein wenig warten wolle, bis geöffnet werde, oder dass sie ein andermal wiederkommen werde, wo blieben dann Mass und Reim? Ist es also nicht eine pure Lüge, wenn der Feldherr die Fürstin fragend ansieht, um zu erfahren, was sie nun nach dem Schliessen der Thore thun wolle? Noch eins: wenn das Weib nun Lust gehabt hätte, schlafen zu gehen, anstatt etwas zu entblössen? Alles Lügen!
Und dann diese belohnte Tugend! O, o, o! Ich bin seit siebzehn Jahren Makler in Kaffee--Lauriergracht 37--und habe also schon allerlei mit angesehen, doch es stösst mich jedesmal furchtbar vor den Kopf, wenn ich die liebe Wahrheit so verdrehen sehe. Belohnte Tugend? Ist es nicht, als wenn man aus der Tugend einen Handelsartikel machen wollte? Es ist nicht so in der Welt, und es ist gut, dass es nicht so ist. Denn wo bliebe das Verdienst, wenn die Tugend belohnt würde? Wozu also diese infamen Lügen jedesmal aufgetischt?
Da ist zum Beispiel Lukas, unser Speicherknecht, der schon bei dem Vater von Last & Co. gearbeitet hat--die Firma war damals Last & Meyer, aber die Meyers sind schon lange raus--das wäre dann doch wohl ein tugendhafter Mann. Keine Bohne fehlte jemals, er ging regelmässig zur Kirche, und trinken that er auch nicht. Als mein Schwiegervater in Driebergen auf Sommerkur war, hatte er das Haus und die Kasse und alles in Obhut. Einmal erhielt er auf der Bank siebzehn Gulden zuviel, und er brachte sie zurück. Er ist nun alt und gichtig und kann keine Arbeit mehr verrichten. Nun hat er nichts, denn es giebt viel zu thun bei uns, und wir haben junge Leute nötig. Nun wohl, ich halte diesen Lukas für sehr tugendhaft; aber wird er nun belohnt? Kommt da ein Prinz, der ihm Diamanten giebt, oder eine Fee, die ihm Butterbemmen schmiert? Wahrhaftig nicht! Er ist arm und bleibt arm, und so muss es auch sein. Ich kann ihm nicht helfen--denn wir haben junges Volk nötig, weil es bei uns sehr flott geht--aber könnte ich auch, wo bliebe sein Verdienst, wenn er nun auf seine alten Tage ein gemächliches Leben führen könnte? Dann würden alle Speicherknechte wohl tugendhaft werden und jedermann, was Gottes Absicht nicht sein kann, weil dann keine besondere Belohnung für die Braven im Jenseits übrig bliebe. Aber auf der Bühne verdrehen sie das ... alles Lügen!
Ich habe auch Tugend, doch fordere ich hierfür Belohnung? Wenn meine Geschäfte gut gehen--und das thun sie--wenn meine Frau und meine Kinder gesund sind, so dass ich nicht Doktor und Apotheker auf dem Halse habe ... wenn ich jahraus jahrein ein Sümmchen auf die Seite legen kann für die alten Tage ... wenn Fritz sich gut rausmacht, so dass er später meinen Platz einnehmen kann, wenn ich mich in Driebergen zur Ruh setze ... sieh, dann bin ich ganz zufrieden. Aber das ist alles eine natürliche Folge der Umstände, und weil ich aufs Geschäft passe. Für meine Tugend verlange ich nichts.
Und dass ich doch tugendhaft bin, das zeigt sich an meiner Liebe für die Wahrheit. Diese ist, nach meiner Anhänglichkeit an den Glauben, meine Hauptneigung. Und ich wünschte, dass ihr hiervon überzeugt wäret, Leser, weil darin die Entschuldigung dafür liegt, dass ich dieses Buch schreibe.
Eine zweite Neigung, die mich ebenso stark wie Wahrheitsliebe beherrscht, ist die Leidenschaft für meine Profession. Ich bin nämlich Makler in Kaffee, Lauriergracht 37. Nun denn, Leser: meiner unwandelbaren Liebe zur Wahrheit und meinem Eifer fürs Geschäft habt ihr zu danken, dass diese Blätter geschrieben wurden. Ich werde euch erzählen, wie dies zugegangen ist. Da ich nun für einen Augenblick Abschied von euch nehme--ich muss auf die Börse--lade ich euch gleich auf ein zweites Kapitel ein. Auf Wiedersehen also!
Ach, was ich noch sagen wollte: steckt das noch zu euch ... es ist nur eine kleine Mühe ... es kann mal nützlich sein ... na, da hab ich's ja: eine Adresskarte! Die Co. bin ich, seit die Meyers raus sind ... der alte Last ist mein Schwiegervater.
+---------------------------+ | LAST & Co. | | | | MAKLER IN KAFFEE. | | | | Lauriergracht No. 37. | +---------------------------+
ZWEITES KAPITEL.
Es war schlapp auf der Börse, doch die Frühjahrsauktion wird's wohl wieder einholen. Denkt nicht, dass bei uns kein Umsatz ist. Bei Busselinck & Waterman ist es noch stiller. Eine sonderbare Welt! Man erlebt schon was, wenn man so seine Jahre zwanzig die Börse besucht. Stellt euch vor, dass sie versucht haben--Busselinck & Waterman, meine ich--mir Ludwig Stern abzufangen. Da ich nicht weiss, ob ihr mit der Börsenwelt vertraut seid, will ich euch eben sagen, dass Ludwig Stern ein Erstes Haus in Kaffee ist in Hamburg, das dauernd durch Last & Co. bedient worden ist. Ganz zufällig kam ich dahinter--hinter die Schliche von Busselinck & Waterman, meine ich. Sie würden 1/4 % von der Maklergebühr nachlassen--hinterlistige Schleicher sind sie, was anderes nicht!--und nun lass dir doch sagen, was ich that, um diesen Schlag abzuwehren. Ein anderer an meiner Stelle hätte vielleicht Ludwig Stern geschrieben, dass er die Berücksichtigung der langjährigen Bedienung durch Last & Co. erwarte ... ich habe ausgerechnet, dass die Firma, seit gut fünfzig Jahren, vier Tonnen an Stern verdient hat. Die Verbindung datiert von der Kontinentalsperre, als wir die Kolonialwaren von Helgoland einschmuggelten. Ja, wer weiss, was ein anderer alles geschrieben haben würde. Doch nein, Schleichwege kenne ich nicht. Ich bin nach »Café Polen« gegangen, liess mir Feder und Papier geben und schrieb:
Dass die grosse Ausbreitung, die unser Geschäft in der letzten Zeit angenommen hätte, namentlich durch die vielen geehrten Ordres aus Norddeutschland ...
Es ist die reine Wahrheit!
... dass diese Ausbreitung einige Vermehrung unseres Personals notwendig mache.
Das ist wahr! Gestern abend noch war der Buchhalter nach elf auf dem Kontor, um seine Brille zu suchen.
Dass vor allem sich das Bedürfnis nach anständigen, wohlerzogenen jungen Leuten fühlbar mache, und zwar für die Deutsche Korrespondenz. Dass freilich viele junge Deutsche in Amsterdam die hierfür erforderlichen Qualitäten besässen, dass aber ein Haus, das auf seinen Ruf hielte ...
Es ist die blanke Wahrheit!
... bei der zunehmenden Leichtfertigkeit und Unsittlichkeit unter der Jugend, bei dem täglichen Anwachsen der Zahl der Glücksjäger, und mit Rücksicht auf die Notwendigkeit, Solidität des Betragens in gewisser Verbindung sich zu denken mit der Solidität in der Ausführung der gegebenen Ordres ...
Wahrhaftig, es ist alles die pure Wahrheit!
... dass solch ein Haus--ich meine Last & Co., Makler in Kaffee, Lauriergracht 37--nicht vorsichtig genug sein könne bei dem Engagement von Leuten.
Das ist alles die reinste Wahrheit, Leser! Wisst ihr wohl, dass der junge Deutsche, der auf der Börse bei Pfeiler 17 stand, durchgebrannt ist mit der Tochter von Busselinck & Waterman? Unsere Marie wird auch schon dreizehn im September.