Max Butziwackel der Ameisenkaiser: Ein Buch für Kinder und große Leute
Part 9
Max hatte von seiner Mutter oft gehört, daß es Pflicht eines jeden Ehrenmannes sei, sich für den Schwachen zu verwenden, wenn er der rohen Gewalt ausgesetzt ist, und daß es sich gehört, das gute Recht gegen jeden Unterdrücker zu verteidigen.
»Wo ist dein geraubtes Nest?« fragte Max.
Die Biene schüttelte traurig den Kopf und sprach:
»Wenn ich selbst es nicht verteidigen konnte mit meinem spitzen Stachel, so bleibt wenig Hoffnung, liebe Ameise, daß du mir helfen könntest, es zurückzuerobern. Doch will ich es dir für alle Fälle weisen. Mein Nest ist an der Vorderseite eines Hauses, das in gerader Richtung vor uns liegt. Es ist ziemlich weit von hier; man erkennt es an einer großen Rebe, die sich an seinen Mauern bis unters Dach emporrankt.«
Damit flog die Maurerbiene mit einem Seufzer fort und hörte nicht mehr auf Max, der vor Aufregung kaum fragen konnte:
»Ist es eine Muskatellerrebe?«
28. Zwei Insekten finden ihr Haus wieder.
Es mußte sicher die Muskatellerrebe sein. Das Haus, an dem die Biene ihr Nest gemauert hatte, mußte seine Heimat sein.
Weshalb denn? Nun deshalb, weil Max sich nach dem Nest der Maurerbiene erkundigt hatte, um ein gutes Werk zu tun. Gute Taten aber lohnen sich immer. Und noch ein anderer Grund: Max hatte an seine Mutter gedacht, sich ihrer Mahnungen erinnert und war jetzt voll Eifer, sie zu befolgen. Wenn ein Kind sich so gut benimmt, kommt immer etwas Rechtes dabei heraus.
»Ich scheide nun«, sagte Max zu den Hummeln, »mit einem Herzen voll Dankbarkeit gegen euch. Ihr seid liebe Geschöpfe, und eure Güte ist so groß, daß ihr selbst nicht wißt, wie vielen Unglücklichen ihr mit euren Wohltaten Trost spendet. Denn seht, die Barmherzigkeit, die ihr an der armen Maurerbiene übtet, bringt mir das unnennbare Glück, meine Heimat wiederzufinden. Darum muß ich euch doppelt dankbar sein!«
Max hatte recht. Das ist die wunderbare Kraft der Nächstenliebe, daß ihre Wirkungen weiter gehen, als jene ahnen, die Gutes tun. Darum erntet auch ein Mensch, der seine Mitmenschen wirklich liebt und dem Bedürftigen Wohltaten spendet, so vielen Dank, und der Segen der Armen und Notleidenden strömt ihm zu und beglückt ihn wie den Wanderer der Duft der Blüten, ohne daß er selbst wüßte, wie er so viel innere Freude verdient hätte. Voll Mut und Vertrauen folgte also Max dem Weg, den ihm die Biene angewiesen hatte. Er ging, ohne sich zu verweilen, rüstig vorwärts. Die Straße war gut, und kein Hindernis stellte sich ihm diesmal in den Weg. Als er fast den ganzen Tag marschiert war, befand er sich endlich vor seinem Hause.
Es war wirklich sein Haus. Wer könnte beschreiben, liebe Kinder, mit welchen Gefühlen Max die zwei Stufen emporkletterte, die er an jenem denkwürdigen Julimittag, mit der lateinischen Grammatik in der Hand, in Gesellschaft der Geschwister herabgestiegen war!
»Was ist aus Moritz und Therese geworden?«
Das war eine brennende Frage, auf die er keine Antwort wußte.
Erfährt er etwas darüber, wenn er ins Haus eintritt? Aber so groß auch sein Verlangen war, erst wollte er der Biene, die ihm unverhofft so unendlich nützlich gewesen war, sein Versprechen einlösen.
Es war ihm wie ein Gelübde, das er zu erfüllen hatte. Er krabbelte an der geschlossenen Haustüre hinauf, lief kreuz und quer an der Vorderwand des Hauses herum, um das Nest zu finden, das er wiedererobern wollte. Ganz oben, unter dem Dache, sah er ein solches, das sicher von einer geschickten und starken Maurerbiene gebaut worden war. Es bestand aus Tonerde und sah sich von außen an wie ein schwach gebogenes Rohr, das aus der Mauer herauswächst. Eben schlüpfte eilig ein geflügeltes Insekt hinein, das eine arme Raupe mit den Vorderbeinen an seine Räuberbrust drückte und mithineinschleppte. So rasch er konnte, rannte Max zum Eingang der Röhre und rief hinein:
»Ist jemand zu Hause?«
Sofort ließ sich im Innern ein zorniges Kreischen und Schelten hören. Gleich darauf erschien die rechtmäßige Besitzerin an der Schwelle des wohlgebauten Häuschens.
Wäre unser Held nicht rasch beiseitegetreten, das Insekt, blind vor Zorn, hätte ihn über den Haufen gerannt. Das Nest, an das Max geraten war, gehörte einer Mauer-Lehmwespe. Diese ist ein kräftiges Insekt, dabei aber mißtrauisch und zornwütig im höchsten Grade. Nur wenig entfernt von dieser Stelle erblickte Max ein anderes Gebäude, das von außen genau aussah wie eine Handvoll Schlamm, der an die Mauer gepappt war. Als er es aber näher betrachtete und sich dabei der Beschreibung erinnerte, die die Biene ihm von ihrem Haus gemacht hatte, erkannte er, daß er jetzt gefunden hatte, was er suchte. Er entdeckte den Eingang, näherte sich ihm und hörte jemand drinnen summen. Mit Geduld bewaffnet und seine scharfen Zangen in Bereitschaft, stellte er sich hier auf und wartete. Die Sonne war schon untergegangen, und Max stand seinem Worte getreu noch da, um den Dieb, sobald er herauskäme, zu fassen. Endlich kam das Gesumme näher, die Biene zeigte sich an der Türe des geraubten Hauses. Mit sicherem Sprung saß er ihr auch schon auf dem Rücken, ergriff sie mit den Kieferzangen beim Kopf, umschlang mit vier Beinen ihre Flügel und den Leib, und wie er sie so kräftig unter sich gebracht hatte, daß sie sich nicht mehr rühren konnte, sagte er spöttisch:
»Sie entschuldigen wohl gütigst, ich komme nur, um den Mietzins für das Haus einzutreiben.«
Die Biene drohte mit ihrem Stachel. Aber Max biß ihn schnell mit seinen Zangen ab und rief dazu:
»Tut mir leid, aber es muß sein. Sie haben keine Erlaubnis, Waffen zu tragen!«
Auf diese Weise hatte er sie unschädlich gemacht; jetzt ließ er sie los und sagte ihr verächtlich:
»Mach', daß du schleunigst fortkommst, und lasse dich hier nicht mehr sehen. Sei froh, daß ich dir nur den Stachel nehme. Ohne ihn wirst du deine frechen Räubereien in Zukunft wohl unterlassen.«
Die freche Landstreicherin verlangte nichts mehr und flog davon. Max aber vernahm eine Stimme:
»Du liebe Ameise, laß dich umarmen!« Sie kam von der rechtmäßigen Nestbesitzerin. Diese war von den Hummeln weggeflogen und hatte schon wieder angefangen, sich in der Nähe ein neues Nest zu bauen. Aufmerksam geworden durch die laute Zänkerei, war sie zufällig Zeugin des ganzen Vorfalls zwischen Max und der bösen Biene gewesen.
»Siehst du, daß ich fähig war, mein Versprechen zu halten?« sagte Max. »Jetzt kannst du wieder dein Haus beziehen ohne Furcht und Bangen, und deine Feindin wird dir die Arbeit nie mehr vereiteln.«
Hierauf krabbelte unsere brave Ameise die Mauer hinab und ging der Haustüre zu. --
»Und die Muskatellertrauben?« so werden die Leser mit wässerigem Mund fragen.
Nun, die bleiben, wo sie waren.
Maxens Sinnen und Trachten war ganz darin aufgegangen, der armen Maurerbiene zu ihrem Rechte zu verhelfen. Als er das getan hatte, fühlte er nur den einen Drang, in sein Haus hineinzukommen. Darum fiel es ihm heute auch gar nicht ein, die Muskatellertrauben zu versuchen, an denen er früher als Kind tagtäglich genascht hatte.
29. Wie schwer es ist, in das eigene Haus zu kommen, wenn man keinen Hausschlüssel hat.
»Endlich!« stöhnte der entthronte Kaiser Butziwackel I. bewegt, »endlich kann ich sagen: Zu Hause!«
Aber wie ihr wohl schon längst bemerkt habt, hatte unser Freund den Fehler, die Dinge immer zu leicht zu nehmen. Auch diesmal mußte er leider bald erfahren, daß es nicht so einfach ist, in ein geschlossenes Haus einzudringen, auch wenn man ein winzig kleines Tierchen geworden ist.
Es sei zunächst gesagt, daß der Schreiner die Haustüre so genau eingepaßt hatte, daß weder an den Pfosten noch auf der Schwelle ein Spältlein zu finden war. Und Max suchte doch mit unendlichem Fleiß.
Er versuchte, durch das Schlüsselloch zu kommen, aber auch hier ging es nicht, denn innen am Schlüsselloch war ein Messingschildchen, und er mußte wohl oder übel wieder umkehren, nachdem er vergebens im Schloß herumgekrabbelt war.
Da kam ihm der Gedanke, wieder an den Mauern hinaufzuklettern, um zu sehen, ob er vielleicht durch ein Fenster hineinkäme; doch gab er den Plan gleich wieder auf.
»Auch die Fenster werden fest verschlossen sein«, dachte er, »denn in dieser Stunde schläft alles in meinem Hause.«
Ganz trostlos lief unser Butziwackel vor der Türe hin und her. Er, der einst so viel von künftiger Größe geträumt hatte, wünschte jetzt zum ersten Male, noch viel kleiner zu sein, als er schon war. Da gewahrte er beim Mondlicht ein ganz kleines Löchlein in der Haustüre, wie es ein Holzwurm ins Holz zu bohren pflegt.
»Ha, am Ende kann ich auf diesem Wege in mein Haus gelangen«, sagte er für sich und machte gleich den Versuch.
Weil das Löchlein schrecklich eng war, nagte er am Rande mit seinen Kieferzangen so lange, bis er durchschlüpfen konnte. Je weiter er vorwärts kam, desto breiter und bequemer wurde der Weg. Es war ein vielgewundener, dunkler Gang, der manchmal anstieg, manchmal abfiel und voll Sägemehl lag, das jedenfalls von dem unbekannten Bewohner dieses Ortes hier angehäuft worden war.
»Wer weiß«, dachte Max, »was für ein Kauz das sein mag, der sich damit vergnügt, meine Haustüre durchzunagen!«
So schritt er, immer vorsichtig mit den Fühlern tastend, voran, um allenfalsigen Überraschungen zuvorzukommen. Nach einem guten Stück Weges hielt er an. Vor ihm lag etwas Weiches, Zartes, das die Straße versperrte.
Zugleich ließ sich im Finstern eine Stimme hören, die sprach:
»Oho! Wer kratzt mich denn dahinten?«
So unglaublich das bei Maxens Veranlagung erscheint, diesmal machte er zunächst eine weise Überlegung.
»Dieser Herr«, so sagte er sich, »ist also hinten sehr zart; aber sein Kopf muß erschrecklich hart sein, sonst könnte er nicht Haustüren durchnagen. Darum wird es sich empfehlen, mit ihm zu verhandeln, ehe er sich gegen mich umdrehen kann.«
Er faßte mit den vier Beinen, die er noch hatte, den weichen, zarten Körper, zwickte ihn ein ganz klein wenig mit seinen Zangen und sagte listig:
»Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich vielleicht störe.«
»Au, au, du bringst mich ja um!«
»Das könnte schon geschehen; aber glaube mir nur, gerne täte ich es nicht.«
»Gestatte doch wenigstens, daß ich mich umdrehe!«
»Das ist gar nicht nötig, wir können auch so ein paar Worte zusammen plaudern.«
»Aber wer bist du denn, was willst du?«
»Sehen Sie, verehrter Herr, ich bin eine bescheidene, kleine Ameise, aber wie Sie bemerkt haben, bin ich wohl imstande, Sie mit einem einzigen Biß in zwei gleiche Teile zu zerlegen.«
»Um Gottes willen.«
»Nur nicht erschrecken! Was ich von Ihnen wissen will, ist fürs erste dies: Wenn ich Ihnen nichts zuleide tue, darf ich dann hoffen, daß auch Sie Ihre Waffen nicht gegen mich gebrauchen? Nebenbei gesagt, ich habe hohe Achtung vor Ihrem Handwerkszeug und beglückwünsche Sie.«
»Ich verspreche, daß ich dir nichts Böses tue.«
»Auf Insektenehrenwort?«
»Ich beschwöre es dir bei der Ordnung der Hautflügler, zu denen ich mich rechne.«
»Ah, da schau!« rief Max überrascht aus, »dann können wir im vollsten Vertrauen miteinander reden, denn ich gehöre auch zu deiner Familie.«
Sowie sich der Unbekannte frei fühlte, wendete er sich um, und Max fühlte statt des weichen Körpers einen Kopf vor sich, der in eine hornharte Spitze ausging.
»Jetzt könnte ich dich zu Mehl zerreiben«, sagte der Besitzer dieses Kopfes, »aber ich gab mein Ehrenwort. Auch stehe ich gerade vor einem neuen, bedeutsamen Abschnitt meines Lebens und will das gegebene Wort nicht brechen.«
»Das ist ein sehr guter Entschluß.«
»Aber erkläre mir, wie bist du in meine Wohnung eingedrungen?«
»Ich bin in dein Haus eingedrungen, um in das meine zu gelangen. Mit einem Wort, ich muß durch diese Türe hindurchkommen.«
»Für jetzt ist das unmöglich. Der Gang ist hier zu Ende.«
»Ach, könntest du die Türe nicht gerade durchbohren? Du bist doch so geschickt!«
»Das werde ich allerdings bald tun müssen. Immer näher rückt die feierliche Stunde. Gebe Gott, daß alles gut geht!«
Die rätselhaften Worte eines Unbekannten an solch finsterem Ort erweckten in Max eine Riesenneugierde; er konnte nicht länger schweigen und fragte:
»Sage mir doch endlich, mit wem ich es eigentlich zu tun habe, und erkläre die Rätsel, die du mir fortwährend aufgibst, seit ich mit dir rede.«
Der Unbekannte schwieg einen Augenblick, dann begann er feierlich:
»Ich bin der ~Sirex juvencus~, die Kiefernholzwespe. Durch den Instinkt, den wir Insekten alle haben, fühle ich, daß die Stunde meiner Verwandlung gekommen ist. Ich weiß, daß ich in kurzer Zeit ein großes, schönes Insekt sein werde, das in der Luft fliegen kann. Seit mehr als einem Jahr lebe ich hier innen. Meine Mutter legte das Ei in dieses Tannenholz, und ich arme Larve habe, kaum dem Ei entschlüpft, bohren und graben müssen, bohren und bohren immerzu. Je größer ich wuchs, desto breiter mußte ich meinen Gang höhlen. Nach so viel Arbeit bin ich endlich so weit, die Früchte meines Fleißes zu genießen. In kurzem werde ich einschlafen, werde mich in eine Puppe verwandeln, um aus ihr als vollkommenes Insekt hervorzugehen. Um aber ins Freie zu kommen, muß ich mir erst einen Ausgang schaffen, weil ich nicht zurückgehen kann; denn der Gang, den ich gegraben, als ich noch kleiner war, ist jetzt, da ich groß geworden bin, viel zu eng für mich. Du siehst, wie richtig ich sage, daß ich vor dem bedeutsamsten Augenblick meines Lebens stehe.«
Max konnte seine Bewunderung für diesen geschickten Holzbohrer nicht verbergen. Er wollte sich aber das Ansehen eines weitgereisten Insektes geben, deshalb sagte er:
»Ich möchte dich doch darauf hinweisen, daß ich noch stärkeren Nagern begegnet bin als dir. Ich habe sogar eine Freundin, die Gallwespe, die versteht es, Kugeln auf Eichenblättern zu durchbohren, die härter sind als ein Zwetschgenkern.«
Die Holzlarve lächelte überlegen, drehte sich um und begann von neuem zu nagen. Das von dem starken Werkzeug des Insektes erfaßte Holz stäubte wie ein Sägemehlregen umher, während sich der Gang rasch verbreiterte und verlängerte.
Auf einmal unterbrach die Larve ihre Arbeit, und es war Max, als ob sie murmelte: »Nein, das wäre doch niederträchtig!«
Dann bohrte sie wieder wütend weiter, aber plötzlich rief sie:
»O ich Unglückselige!«
Max drängte sich zu ihr.
Die arme Larve war an der Grenze der Holzschicht angekommen und murmelte unverständliche Worte.
»Was ist geschehen?« fragte Max besorgt.
Die andere ließ den Kopf sinken und sprach mit schwacher Stimme:
»Das ist kein Holz, was mir den Ausgang verschließt.«
Max untersuchte die Wand. Das Ergebnis brachte ihn zur Verzweiflung.
Er stand mit seinem Holzbohrer vor dem inneren Eisenbeschlag der Türe.
30. Kaiser Butziwackel wird mit einem Floh verwechselt.
Das war eine traurige Lage.
Diese arme Larve hatte mehr als ein Jahr gearbeitet, um sich für die Stunde ihrer Verwandlung einen Ausweg zu verschaffen; und jetzt, wo es gerade am schönsten geworden wäre, war sie vor eine Metallwand geraten.
»Was tun?« fragte der ängstlich zuschauende Max mit Herzklopfen. Die Wespenlarve aber schüttelte mit aller Seelenkraft ihren Ärger ab, nahm sich fest zusammen und rief sich selber Mut zu:
»Nur nicht nachlassen, nicht verzagen! Ich muß durchkommen, ich fühle, daß ich keine Zeit zu verlieren habe.«
»Wirst du umkehren? Einen neuen Weg suchen?«
»Umkehren? Was fällt dir ein! Ich nage das Metall durch«, so sprach sie in stolzem Trotz.
Max schaute recht verblüfft darein. Sein Staunen wurde immer größer, als er auch schon ein Geräusch hörte, wie wenn eine Feile rasch und gleichmäßig über Metall raspelte. Wahrhaftiger Gott, die Larve durchbohrte das Eisen! Wenn unser Freund gewußt hätte, daß berühmte Naturforscher beobachteten, wie diese Insekten drei Zentimeter dicke Bleiwände durchlöcherten, hätte er sich nicht so maßlos gewundert.
»Diese Holzwespe kann noch mehr wie meine Freundin, die Gallwespe«, rief Max, »dieser Leistung gegenüber bedeuten die Holzkugeln nicht viel. Lieber Freund«, scherzte er, »du könntest wirklich mit dem Kopf die dicksten Mauern einrennen, ohne dir den Schädel zu zertrümmern.«
»Spaß beiseite«, erwiderte fast außer Atem die abgearbeitete Larve, »für mich handelt es sich jetzt um Leben oder Tod. Hier sterben, im Dunkeln, in dem Augenblick, der mich frei in den Lüften finden sollte, das will mir nicht in den Sinn!«
»Willst du deine Verwandlung hier abwarten?«
»Ja, ich habe dazu Ruhe nötig; denn in kurzer Zeit bin ich Puppe, um aus ihr schön und vollkommen zu erstehen. Aber der Durchgang ist offen, willst du nicht ins Haus eintreten?« Sie wies mit artiger Bewegung an das Löchlein, das ihr das Tor zum Leben bedeutete.
Max dankte mit innigen Worten:
»Wenn ich dir irgendwie einmal nützlich sein kann«, sagte er, »so soll mir das eine Freude sein!«
»Danke, gönne mir jetzt Ruhe!«
Max kroch durch die Öffnung im Beschlag und lief an der inneren Türseite hinab, bis er sich auf der Diele des Hauses befand. Sobald er den Fußboden erreicht hatte, fing er vor Befriedigung zu tanzen an und sang dazu:
»Ich bin daheim, ganz nahe bei lieb Mütterlein!«
Wie trieb ihn die Sehnsucht, sie wiederzusehen! Er rannte in der Finsternis nach allen Enden herum, um die Türe zum Zimmer zu suchen. Ein Hindernis im Wege hemmte seinen Lauf. Es lag da ein Apfelbutzen, der durch irgendeine Unachtsamkeit am Boden liegengeblieben war. Mit seinen Beinen hätte Max leicht darüber wegkommen können, aber wer mit dem Vorbeilaufen nicht einverstanden war, das war der Magen. Der brummte so heftig, als wollte er das Baßgeigenkonzert wiederholen, das seit dem schönen Frühstück bei den guten Hummeln verstummt war. So machte sich denn das hungrige Ameislein ohne viel Federlesens ans Essen, wobei alte, schöne Erinnerungen erwachten. Mit innigem Wohlbehagen sprach er kauend vor sich hin:
»Äpfel waren immer meine Leibspeise, aber erst jetzt weiß ich, daß sogar der Butzen noch ganz vorzüglich schmeckt.«
Geraume Weile speiste er und ließ sich's wohl sein; hatte er doch seit frühem Morgen nichts mehr gegessen, und nachdem er den Versuchungen der Muskatellertraube so männlich widerstanden hatte, war ihm der Genuß, besonders nach den Gemütsaufregungen im finstern Wespengang, schon recht zu gönnen. Zu all dem brauchte er jetzt keine Angst mehr auszustehen, die Richtung zu verlieren, deshalb entschloß er sich, sich mit Seelenruhe die ganze Nacht dem süßen Apfelbutzen zu widmen. Bei Tage wollte er dann die Zimmer besuchen.
Endlich brach ein schwacher Lichtschein durch den herzförmigen Ausschnitt des geschlossenen Fensterladens, und beim Klappern eines nahenden Trittes ließ Max geschwind die Reste seiner Mahlzeit im Stiche. Franziska, das Zimmermädchen, kam, um wie an jedem Morgen die Fenster zu öffnen. Da hörte Max ein eigenartiges Geräusch und gleich dazu einen Schreckensschrei. Was war denn geschehen? Das konnte keiner erraten. Durch ein Löchlein im Türbeschlag war ein großes Insekt herausgeflogen. Sein Körper glänzte wie aus blauem Stahl, es hatte rötliche Schenkel, gelbe Flügel und ungebrochene Fühler, die nach vorne gerichtet waren und sich mit der Spitze ein wenig in die Höhe bogen.
Franziska hatte bei dieser überraschenden Erscheinung einen Schrei ausgestoßen. Jetzt ergriff sie den Wischlappen, den sie an die Schürze gesteckt hatte, und machte mit diesem eine unbarmherzige Jagd auf den seltenen Eindringling, der in Todesangst einen Ausweg suchte. Max erkannte sofort seine neu ausgeschlüpfte Holzwespe und hörte sie verzweifelt rufen:
»O Ameise, hilf mir doch!«
Sofort wußte Max, was zu tun war. Er kletterte wie der Blitz über Franziskas Schuh empor bis zum Strumpf, drang mit dem Kopf zwischen zwei Maschen hindurch und zwickte, so kräftig er nur konnte, Franziska gerade in dem Augenblick in die Haut, als sie mit dem Staubtuch das arme Insekt erschlagen wollte. Sie stieß einen lauten Schrei aus und ließ das Tuch fallen. Indessen flog das geängstigte Tier zum Fenster hinaus und rief:
»Ameise, du hast mir das schöne Leben gerettet! Nie werde ich dich vergessen!«
Max hatte sich rasch auf den Boden fallen lassen und lief eiligst davon. Franziska aber juckte heftig an ihrem Bein und rief:
»Diese verwünschten Flöhe!«
31. Ohne Lateinprofessor wäre es auch diesmal besser gegangen!
Max war recht froh, der guten Holzwespe seine Dankesschuld abgestattet zu haben. Er hatte dabei Geistesgegenwart gezeigt und war jetzt stolz und zufrieden mit sich selber. Aber Menschenfüße flößten ihm wenig Zutrauen ein, und da man im Hause nach und nach verschiedene Schritte hörte, verkroch er sich vor Angst, zertreten zu werden. Lieber kletterte er eine Wand hinauf, als noch länger einer solchen Gefahr ausgesetzt zu sein.
»Nein«, dachte er, »wenn der Mensch, dieses Untier, wüßte, welche wunderbaren Formen und Lebenskräfte in uns kleinen Wesen verborgen sind, wäre er beim Gehen gewiß vorsichtiger, um uns nicht zu zerdrücken.«
Im anstoßenden Zimmer ließen sich jetzt Stimmen vernehmen. Um besser sehen zu können, stieg Max an der Wand empor auf den Kleiderrechen. Hier nahm er auf dem Rand eines großen Filzhutes Platz und sagte leise und fröhlich vor sich hin:
»Von hier aus beherrsche ich das ganze Zimmer. Gleich werden sie alle zum Frühstück erscheinen, ich werde sie sehen und hören, was meine Lieben sprechen!« Gleich darauf trat sein Onkel Walter ein. Wie bewegt betrachtete ihn Max, aber seine Bewegung kehrte sich in Schrecken, als er ihn sagen hörte:
»Franziska, den Hut abbürsten, ich will in die Stadt gehen!«
Max erschauderte. Der Hut wurde abgenommen; die Krempe erzitterte unter seinen Füßen. Bei jedem Bürstenstrich erwartete er, mitsamt dem Staub weiß Gott wohin geschleudert zu werden. Ach, vielleicht wäre es so besser gewesen! Glücklicherweise aber nehmen es Zimmermädchen meistens nicht besonders genau mit dem Ausbürsten der Kleider ihrer Herrschaft. Franziska fand den Hut halb gebürstet sauber genug.
So war Max wieder einmal gerettet; allein er lebte jetzt von der Gnade eines Hutes, und dieser wieder war abhängig von Onkel Walter. Ging dieser spazieren, so mußte Max unbedingt mit ihm ausgehen.
»Einerlei«, dachte er ohne weitere Sorge. »Zwingt er mich jetzt zum Spaziergang, so muß er mich auch wieder heimtragen.« Leichtfüßig und leichtherzig spazierte er inzwischen den Hutrand entlang.
Leider aber machte Max die Rechnung ohne seinen Lateinprofessor. Dieser Spielverderber mußte ihm jetzt sogar noch sein Ameisenleben verpfuschen!
Nicht weit entfernt vom Landhaus wurde Max durch einen Schwung vom Hutrand unsanft im Bogen zur Erde geschleudert. Onkel Walter hatte vor dem Lateinprofessor, der des Weges kam, in größter Hochachtung seinen Hut tief gezogen. Er konnte ja nicht ahnen, daß er dabei seinem lieben Neffen einen solchen Schabernack spielte.
Max erholte sich leichter von seinem Fall als von dem Schrecken über sein Mißgeschick und rief zornbebend aus:
»Dieser greuliche Professor! Wenn ich meine Holzwespe treffe, sage ich ihr, sie möge ihm ein Loch in seinen Kopf bohren.«
Unser Held war ganz außer sich, sonst hätte er so etwas Böses keinesfalls gesagt. Man muß aber gerecht sein, diesmal hatte er wirklich großes Unglück.
Nach harten Mühen, gefährlichen Abenteuern, nach so vielen überstandenen Gefahren war er endlich in seinem Hause angelangt. Nun sah er sich durch einen unglücklichen Zufall vom schwer erreichten Ziel weiter als je entfernt. Er lag mit den Beinen in der Luft auf dem Erdboden eines unbekannten Ortes; allem nach wird es ihm unmöglich sein, sich zurechtzufinden. Da vernahm er eine Stimme in der Nähe:
»Noch nie in meinem Leben habe ich ein Insekt ohne Flügel so kühne Purzelbäume schlagen sehen! Wäre einer von uns aus solcher Höhe abgestürzt, mit den Beinen nach oben, der hätte nicht so leicht wieder krabbeln können!«
Das waren sonderbare Geschöpfe, die mit solchen Bemerkungen das Unglück unseres Freundes besprachen. Max konnte ein lautes Oho! der Verwunderung nicht unterdrücken, als er ihrer ansichtig wurde. Es waren Ameisen, ganz sicher, aber so merkwürdige, wie Max sich solche nicht im Traume vorgestellt hätte. Ganz gelb, mit mächtigem Hinterleib und schauderhaft dickem Bauch.