Max Butziwackel der Ameisenkaiser: Ein Buch für Kinder und große Leute

Part 8

Chapter 83,676 wordsPublic domain

Plötzlich wurde er aus seinen frohen Gedanken durch ein nahes Getöse aufgeschreckt. Den erstickten Jammerlauten und den gewalttätigen Drohungen nach zu urteilen, gab es da einen entsetzlichen Kampf auf Leben und Tod.

Eine Wespe, von der Art der Sandwespe -- Max hatte nun schon eine ganz nette Insektenkenntnis --, drückte mit aller Kraft eine Grille auf den Boden nieder. Diese wehrte sich und zirpte um Hilfe. Schon wollte die Wespe der besiegten Grille ihren fürchterlichen Stachel durch den Leib bohren, als sie plötzlich davon abstand.

»Halt ein!«

Das war Max, der sie anschrie. Er kam zur guten Stunde für die Grille. Die Angreiferin war überrascht, ließ ein wenig locker, und es gelang der zu Tode Geängstigten, ihrem Feinde zu entschlüpfen. Mit einem Hupf war sie in ihrem Loche. Dafür fiel die Wespe wütend vor Zorn über Max her. Aber es ging ihr wie einstens der Sandwespe. Der tötende Stachel glitt auf dem Hanfpanzer ab, und Max sagte lachend:

»Verehrteste Frau Mörderin, diesmal sind Sie schön ausgerutscht!«

»Was mischest du dich in meine Angelegenheiten, du hergelaufener Fremdling! Drei Grillen habe ich bereits zu Hause eingebracht, und eine fehlt mir noch; endlich hatte ich sie glücklich, und du bist schuld, daß sie mir entwischte.«

»Genügen die dreie dir nicht?«

»Keineswegs! Ich brauche vier Stück für meine Eier. Habe ich keine viere, so bekommen meine Kinder nicht genug zu essen. Nun kann ich deines Vorwitzes halber von neuem die Jagd beginnen.«

»Verzeihung, Frau Mordwespe, die arme Grille tat mir leid. Mit deiner wilden Kraft wirst du gewiß bald eine andere bekommen. Lebe wohl und entschuldige vielmals!«

Max nahm seinen Weg wieder auf. Der Zweikampf zwischen Wespe und Grille und seine Unterhaltung mit dem betrogenen Sieger hatte ihn nicht im geringsten in der Richtung des Weitermarsches beirrt.

»Ohne mein Eingreifen«, sprach er für sich, »wäre die Grille schön eingegangen! Diese Mordwespen besitzen eine verteufelte Kraft. Man sieht es ihnen gar nicht an. Gleichwohl muß ich meine Freundin Gallwespe noch mehr bewundern. Sie ist viel kleiner und war doch imstande, sich einen Weg durch ihre steinharte Kugel zu bahnen!«

Max wanderte und wanderte unermüdlich weiter. Ihn drängte die Sehnsucht, ans Ziel zu gelangen, und der Weg zur Mutter war gar so weit.

Bald nachher bemerkte er ein anderes Geschöpf, das den gleichen Weg verfolgte wie er, aber auf eine bequemere und schnellere Weise. Es war ein äußerst fein gebautes Insekt mit langem, dunkelgrauem, dünnem Körper, mattgelb am Kopf, an der Brust gefleckt und mit vier leichten, ja allerleichtesten Flügeln versehen. Damit bewegte es sich von einem Strauch zum andern und tat, als ob es etwas suchte und durchaus nicht finden könne.

»Ach, liebe Libelle«, sprach Max emporschauend, »was würde ich nicht bezahlen, wenn ich jetzt Flügel hätte wie du!«

Das geflügelte Insekt schaute ihn mit seinen hervorstehenden Augen an und lachte laut:

»Ich bin keine Libelle.«

»Was bist du dann?« fragte Max und blieb stehen.

»Wenn du's wissen willst, -- ich habe viele Beziehungen zu deinesgleichen.«

»Das freut mich zu hören; dann können wir ja in Freundschaft verkehren!«

»Meinetwegen«, antwortete das Insekt nicht sehr höflich. Dabei setzte es sich, unbekümmert um Max bedächtig umherspähend, auf einen Grashalm. Max näherte sich, er wollte wissen, was es denn eigentlich zu tun vorhabe.

25. Die geheimnisvolle Barke.

Nach einigen heftigen Anstrengungen schien das geflügelte Insekt sich wieder zu erholen. Es streckte den Körper, drehte sich um sich selbst und betrachtete mit Liebe ein Häufchen Eier, die am Grashalm festgeklebt waren. Sie waren etwas über drei Millimeter lang, gelblich und an dem dickeren Ende rot gefärbt.

»So, das hätten wir«, sagte das rätselhafte Geschöpf und beschaute sichtlich befriedigt sein Werk. »Man lebt so kurz; aber wenn man für die Nachkommenschaft gesorgt hat, kann man getrost sterben. Meine Kinder werden weiterleben.«

Max, der unterdessen stumm vor Staunen dabeigestanden war, konnte sich jetzt nicht länger halten und rief:

»Aber du bist einmal eine brave Mutter!«

»Hm, freilich«, erwiderte ganz verschmitzt das Insekt, »vielleicht käme es dir besser zu statten, wenn ich es nicht wäre!«

»Ich begreife dich nicht. Doch da du keine Libelle sein willst, darf man vielleicht fragen, wer du bist?«

»So viel kann ich dir sagen, ich bin eine große Verehrerin der Ameisen, aber ich weiß nicht, ob sie mich ebenso lieben wie ich sie.« Dann fuhr sie, Max spöttisch musternd, fort: »Gehe du nur einstweilen deiner Straße; ich verweile hier, um meine Kinder in Sicherheit zu bringen, denen ich wünsche, sie möchten in ihrem Leben recht vielen Ameisen begegnen, die so gut sind wie du; du scheinst mir eine ausgezeichnete Ameise zu sein.«

Die sonderbare Betonung der letzten Worte gaben dem Satz einen unheimlichen Sinn. Oder sollten sie eine besondere Artigkeit bedeuten? Max rannte, von einer innerlichen Stimme gemahnt, eiligst weiter, ohne sich für eine solche Artigkeit mit diesem Beigeschmack zu bedanken. In schweren Gedanken und mit einigem Herzklopfen zog er in langen Schritten fürbaß und grübelte vergebens, in den verborgenen Sinn jener Worte einzudringen. Nach einem guten Stück Weges hörte er hinter sich sprechen:

»Willst du wirklich wissen, wer ich bin?«

Max schnellte erschrocken rasch herum. Auf einem Grashalm, der über ihm schwankte, saß das Insekt, das er Libelle genannt hatte.

»Da wir weit genug von meinen Eiern sind und du sie vergeblich suchen würdest, will ich es dir sagen: Zittere! Ich bin der Ameisenlöwe.«

Diesmal war es Max, der hellauf lachte. Der grausige Name, die schreckliche Betonung, die theatralische Feierlichkeit, mit der das Insekt ihn aussprach, versetzten unsern Helden in beste Laune. Mit tiefer Verneigung nahm er die Vorstellung entgegen und ahmte antwortend die herausfordernde Sprechweise dieses Löwen nach.

»Entschuldigen Sie vielmals, Herr Ameisentiger, wenn ich Sie nicht gleich erkannt habe! Auf Wiedersehen, Herr Ameisenleopard! Herr Ameisennilpferd, ich empfehle mich Ihnen als Wärter für Ihre jungen Löwen, die aus Ihren Eiern schlüpfen. Wenn Sie nur nicht mit ihren Löwenkrallen die Eierschalen zu früh zerbrechen!«

Trotz aller schlechten Witze war sich Max nur zu sehr des unangenehmen Eindrucks bewußt, den der Name auf ihn gemacht hatte. Er erinnerte sich dunkel, während seines Lebens im Ameisenheim gehört zu haben, der Herr Professor wolle eine Vorlesung über Ameisenlöwen halten. Fuska sagte damals zu ihm, er möge recht aufpassen dabei; denn man müsse sich arg vor diesen Geschöpfen in acht nehmen. Viel später erst sollte unser verbannter, armer Kaiser mit eigener, entsetzlicher Lebensgefahr die Erklärung des Geheimnisses finden, das in den Worten seines unheimlichen Reisegefährten versteckt lag.

Ohne von der Richtung seines Hauses abzuirren, schritt er rüstig vorwärts. Lange war er schon gegangen, als sich unversehens vor ihm ein Hindernis einstellte, das mit einem Schlage alle frohen Hoffnungen vernichtete, die er während des langen Marsches genährt hatte. Vor seinen Füßen dehnte sich ein für eine Ameise unendlich großer See aus. Man bedenke nur, daß ihn ein Mann kaum mit einem Satze hätte überspringen können. Was tun? Wie ans jenseitige Ufer gelangen, ohne die Richtung zu verlieren? Richtung verloren, alles verloren! Wo könnte er je die Straße wiederfinden, die ihm seine Freundin Gallwespe gezeigt hatte?

Das einzige wäre gewesen, den See in liniengerader Richtung zu überqueren. Aber wie? Er konnte das jenseitige Ufer nicht einmal sehen. Mit verzweifelnden Blicken schaute Max hierhin und dorthin und ließ sie über den See gleiten, der blutrot gefärbt in der Abendsonne lag. Vergebens wartete er auf eine gute Eingebung, und endlich erfaßte ihn der Mut der Verzweiflung.

»Ich weiß nicht einmal«, jammerte er laut, »ob eine Ameise schwimmen kann! Doch was liegt daran. Entweder werde ich meine Mutter wiederfinden oder im Gedanken an sie ertrinken und sterben.«

So durchschritt er das letzte Grasbüschlein, das ihn vom Wasserrand trennte, näherte sich entschlossen der Flut und wollte sich eben hineinstürzen, als er mit einem Freudenschrei plötzlich zurückwich.

Unmittelbar vor ihm schwamm eine vornehme Barke mit sechs Rudern. Max glaubte sogar, eine bequeme, gelbe Sitzbank darin zu sehen. Diese Barke schien eigens auf ihn gewartet zu haben, mit keinem andern Zweck, als ihn aus grausamer Verlegenheit zu retten.

Begreiflicherweise überlegte Max nicht zweimal. Da die Barke ein klein wenig vom Ufer abstand, fand er sofort einen geistvollen Ausweg, um einsteigen zu können, ohne zu ertrinken oder mindestens pudelnaß zu werden. Er kletterte flugs auf einen langen Grashalm, der sich vom Ufer über das Wasser neigte. An der Spitze angelangt, schaute er sich genau um, brachte den Halm durch die Schwere seines Körpers in Schaukelbewegung, und wie er gerade über das Schifflein zu pendeln kam, sprang er ab und kam in der Barke vor die Bank zu stehen, die er gesehen hatte.

»Jetzt aber tüchtig gerudert!« rief Max und versuchte die Ruder zu ergreifen.

Aber das war gar nicht nötig. Als ob die geheimnisvolle Barke nichts anderes erwartet hätte als seinen Befehl, streckte sich das letzte Ruderpaar mit Zauberkraft weit aus, schlug mit kräftigem Schlag ins Wasser und führte die Barke mit größter Schnelligkeit vom Ufer weg auf hohe See.

26. Wie man eine Seefahrt auf einem Dampfschiff beginnen und sie zu Pferde beenden kann.

»Ach, das ist ja ein Dampfschiff!« rief Max aus, als er mit außerordentlicher Schnelligkeit in den See hinaustrieb.

Wie von unsichtbarer Hand bewegt, glitten die Ruder in gleichmäßigen Schlägen auf und nieder, und Max dachte nicht anders, als daß die Kraft durch einen Dampfkessel irgendwo im Innern des Schiffes erzeugt würde, das die schlanke Form eines Kahnes hatte. Während Max auf seinem Schnelldampfer stand, sah er eine Menge anderer Schiffe seltsamster Bauart vorüberfahren. Sie erschienen oft plötzlich an der Oberfläche und verschwanden rätselhaft in die Tiefe, so daß Max in hellem Vergnügen glaubte, er befinde sich mitten im Manöver einer Unterseebootflottille. Für einen Augenblick vergaß er vor Glück über diesen herrlichen Anblick, den der Zufall ihm schenkte, sein ersehntes Ziel. Sofort auch beschäftigten ehrgeizige Träume seinen erregten Sinn.

»Wie wäre es«, dachte er hochstrebend, »wenn ich hier als gefürchteter Admiral einige feindliche Schiffe in den Grund bohrte?«

Erfüllt von neuen kriegerischen Plänen, spazierte er sinnend und wie ein echter Seebär mit breitspurig schwankendem Gang auf dem Deck seines Schiffes hin und her. An einer Stelle bemerkte er eine Reihe von Röhrchen, eines dicht neben dem andern. Aufmerksam verweilte er hier und sagte schlau:

»Aha, da haben wir die Sprachrohre!«

Er beugte seinen Kopf über eines der Röhrchen, und da es offen war, rief er hinab ins Innere des Dampfers:

»Hallo! Maschinisten, Heizer, Achtung!«

Eine Stimme antwortete:

»Hallo! Wer da?«

»Hier Admiral Max Butziwackel! Alle Mann an Bord! Rasch herauf!«

Einen Augenblick war es still, dann ertönte die Antwort:

»Hinaufkommen? Ich finde es gescheiter, hinunterzutauchen!«

Mit einem gewaltigen Ruck und Schlag streckten die zwei Ruder sich aus. Das Schiff bäumte sich erst auf, dann fuhr es kopfüber in die Tiefe. Max wurde mit hinuntergerissen, und schwindelnd dachte er:

»Aha, ein Tauchboot!« Dabei umklammerte er voll Geistesgegenwart das Rohr, das ihm als Sprachrohr nicht besondere Dienste geleistet hatte. Zugleich begriff er mit Schrecken, daß die Unterwasserreise für ihn auf offenem Deck nicht lange dauern müsse, um ihn dem Tode des Ertrinkens zu weihen. Deshalb ließ er seine Stütze lieber los und zappelte wie rasend, bis es ihm gelang, an die Oberfläche emporzukommen. Doch das Wasserschlucken, der Schrecken und die Überanstrengung hatten seine Kräfte so erschöpft, daß er sich zu elend fühlte, um noch weiter zu kommen. Er glaubte sich verloren, und einer Ohnmacht nahe, stammelte er als letzten Stoßseufzer:

»O du meine liebe Mutter!«

Ein Schatten glitt über ihn hinweg. Max streckte seine Arme aus, faßte etwas und klammerte sich so fest daran, wie es nur ein Ertrinkender fertigbringt. Von oben aber rief's:

»Oho, wer zieht an meinem Bein?«

Der arme Schiffbrüchige nahm seine letzten, sinkenden Kräfte und seinen ganzen Mut zusammen, denn er sagte sich:

»Habe ich ein Bein erwischt, so gehört es wohl einer Person, die auf dem Wasser spazieren kann. Eine solche kann ich aber gerade brauchen, also Mut!«

Er kletterte an dem langen, schwarzen Bein hoch, und mit dem Erfolg wuchsen Kraft und Mut. Wie durch ein Wunder gelangte er über Wasser und schwang sich gewandt auf den Rücken des fremden Beinbesitzers, der abwehrend ausrief:

»Wer steigt mir auf den Rücken?!«

»Ich bin es«, sagte Max, indem er sich rittlings zurechtsetzte.

»Eine Ameise bin ich, mit zwei vorzüglich scharfen Zangen bewaffnet, kraft deren ich dich höflichst ersuche, mich schleunigst ans Ufer zu befördern.«

Der Ton, in dem Max sprach, ließ seinen Träger vermuten, daß die Ameise zu allem eher als zum Ertrinken entschlossen war und keinen Widerspruch duldete. Deshalb nahm das merkwürdige Geschöpf den Weg auf dem Wasser gutwillig wieder unter seine Beine. Inzwischen betrachtete Max sein Wasserpferd genauer. Es war ein dunkles Insekt mit langem, dünnem Körper und einem Kopf, der allein ein Drittel seiner Gesamtlänge ausmachte und der mit außerordentlich langen Fühlern versehen war. Sechs gleichlange Beine standen weit vom Körper ab und waren ebenfalls ungewöhnlich lang.

»Gesegnet seien deine Beine!« sagte Max bedeutend freundlicher als vorhin, »sei du nur froh, daß du nicht auch auf ein Unterseeboot zur Überfahrt angewiesen bist. Doch bitte, wer bist du?«

»Ich bin ein Wasserläufer«, erwiderte das Insekt mit Freimut. »Wir Wasserläufer haben zwar Flügel, doch macht es uns keinen Spaß, sie oft zu benützen. Höchstens, wenn wir einmal über Land zu einem andern Gewässer wollen.«

So sprechend, öffnete das Tierchen zierlich die hornigen schwarzen Flügeldecken, die auf seinem Rücken lagen. Unter ihnen kamen zwei ganz dünne, dunkle Hautflügel zum Vorschein, denen Max mit einem gewandten Ruck auswich.

»Ich will nicht prahlen«, fuhr der Wassertreter fort, »aber in meiner Familie gibt es Leute, die noch tüchtiger sind als ich. Diese können gegen die Strömung reißender Flüsse laufen, andere spielen auf den gefährlichen Wassern tropischer Meere.«

Max merkte längst, daß er es mit einem fein gebildeten Herrn zu tun hatte, und er fühlte die Verpflichtung, sich wegen der unverfroren kecken Art zu entschuldigen, mit der er einen Freiplatz auf seinem Rücken beansprucht hatte. So entspann sich zwischen Roß und Reiter eine artige Unterhaltung. Max erzählte haarklein sein Abenteuer auf dem verzauberten Schiff, das ihn mit sich in die Tiefe gerissen hatte. Der Wasserläufer nickte verständig mit seinen Fühlern und sagte nachdenklich: »Das wird jedenfalls der Rückenschwimmer gewesen sein, die ~Notonecta glauca~.«

»Was, so heißt das Schiff?«

»Nein, nein, so heißt das Insekt. Es gehört zu meiner Ordnung und lebt wie ich im stehenden Wasser. Aber während ich nur auf der Wasserfläche schreite, taucht dieses auch in die Tiefe, um drunten auf dem Schlammgrunde kleine Wassertiere zu fischen, die es mit seinem giftigen Schnabel tötet. Kommt es an die Oberfläche, so bleibt es mit dem Unterleib nach oben liegen. Dann sieht man seine gelbe Brust, seinen behaarten Bauch und seine sechs ausgestreckten Beine, von denen das hinterste, längste Paar zum Rudern dient. Es kommt eigentlich nur herauf, um Luft zu schnappen, denn die vermeintlichen Sprachrohre, die Haarröhrchen, dienen ihm, um Luft damit zu sammeln.«

»Was sagst du mir da!« entsetzte sich Max, der seinen ungeheuerlichen Irrtum mit Beschämung einsah.

»Es ist so, wie ich sage, und du wirst dich noch mehr wundern. Der Rückenschwimmer hat auch Flügel, stärkere als ich, und er versteht vortrefflich zu fliegen.«

»Ei, ei, welch bevorzugtes Geschöpf, mit vielseitiger Begabung! Es fährt als Unterseeboot und ist zugleich Wasserflugzeug. Diese Erfindung haben die Menschen im großen Kriege noch nicht gemacht!«

So plauderten sie höchst unterhaltend, bis der Wasserläufer mit seinem Reiter am Ufer anlangte. Voll freudigen Dankes sprang Max von seinem Wasserpferd ans Land und rief:

»Teurer Wasserläufer, in tausend Jahren könnte ich dir deinen liebenswürdigen Dienst nicht vergessen. Nenne mir doch die Ordnung, der du zugehörst.«

»Ich gehöre zur vornehmen Ordnung der Schnabelkerfe und Halbdecker. Wir Wasserläufer bilden eine eigene Familie, wie auch die Rückenschwimmer.«

»Wohlan, gesegnet seien alle Wasserläufer. Begegnest du aber dem Rückenschwimmer, so sage ihm, daß es eine Ungezogenheit ist, wie er ahnungslose Reisende, die sich ihm anvertrauen, behandelt!«

Der Wasserläufer lächelte still vor sich hin, drehte sich elegant um und entfernte sich in langen, raschen Schritten vom Ufer. Max folgte mit feuchten Blicken dem schattenhaften Wesen, dessen dünne Beine lautlos über die Fläche glitten. Als längst nichts mehr von ihm zu sehen war, blickte Max einsam um sich und rief in großer Niedergeschlagenheit aus:

»Was nun!«

27. Bei den Hummeln.

Was sollte nun der arme Verbannte beginnen so ganz allein, bei dunkler Nacht, verlassen auf unbekannter Erde? Er kannte die Richtung seines Weges nicht, er wußte nicht einmal, ob er nach seiner Seefahrt auch tatsächlich an jener Küste gelandet war, die er erreichen wollte, oder ob er gar wieder dahin zurückgekommen war, von wo er sich eingeschifft hatte.

»Könnte ich wenigstens einen Unterschlupf zum Übernachten finden«, seufzte Max.

Lange suchte er die Umgebung ab. Endlich fand er auf einem Hügelchen ein Loch und schlüpfte ganz leise hinein. Dabei tastete er sich vorsichtig mit den Fühlern voran und hielt für alle Fälle seine Zangen bereit.

Es war ein vielfach gewundener, breiter und tiefer Schacht. Als Max bei einer bestimmten Wendung dieses unterirdischen Ganges angelangt war, hörte er einen langgezogenen, tiefen Ton, der in ihm alte Erinnerungen weckte und seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

»Es ist kein Zweifel«, sprach er zu sich selbst, »da herinnen wohnt ganz gewiß ein Musiker, der ein wahrer Künstler ist auf seiner Baßgeige.«

Neben dem ersten Spieler ließ sich bald ein zweiter, ein dritter, dann ein vierter und fünfter vernehmen, und durch die geräumigen Gewölbe der finstern Höhle klang eine feierliche Harmonie von Tönen im tiefsten Baß, so daß Max meinte:

»Das ist mehr als ein Künstler! Das ist offenbar die hohe Schule für Baßmusik.«

Max war entzückt über die schönen Töne und rief gleich nach der ersten Pause:

»Bravo! Bravo! ~Da capo!~«

Nach diesem Beifall trat eine große Stille ein.

Dann aber gaben sich die trefflichen Musiker gegenseitig einige Töne an, als ob sie ihre Instrumente stimmen wollten, und endlich spielten sie mit stets wachsender Stärke die Melodie zu dem Liedchen:

»Rumpidibum, Rumpidibum, Wer geht um, wer geht um? Ist's ein Feind, so bleib' er fern, Doch den Freund empfang' ich gern! Wer steht vorm Tor, Rumpidibum, Der tret' hervor!«

Max, der das Lied vorzüglich verstand, näherte sich und sagte mit einschmeichelnder Stimme:

»Ich bin ein armes, kleines Insektlein, welches bei den Herrschaften für diese Nacht um Aufnahme bittet.«

Da wiederholte ein einzelner Geiger den letzten Satz:

»Brüderlein fein, tritt herein! Rumpidibum!«

Unser Verbannter trat mit ausgestreckten Fühlern ein. Die Bewohner kamen ihm in derselben Haltung entgegen. Sie betrachteten ihn genau mit ihren Fühlern, um ihn kennenzulernen, und offenbar fanden sie an dem Fremdling nichts auszusetzen, denn dieselbe Stimme, die ihn eingeladen hatte einzutreten, redete ihn an:

»Ruhe bei uns aus, wie es dir gefällt, und fürchte nichts. Das gastliche Haus der Hummeln birgt keinen Verrat!«

Max dankte tief bewegt. Er kroch in ein Winkelchen und streckte mit Wonne die armen, müden Glieder aus, die so viel geleistet hatten.

Während der Nacht konnte unser Held verschiedene Konzerte von Baßgeigen hören. Er bemerkte auch, daß die Bewohner der Höhle stets mit schweren Schritten hin und her gingen und dabei unablässig brummten.

Stellt euch vor, mit welcher Neugier er den Morgen erwartete, um diese merkwürdigen Musikanten bei Licht zu besehen. Da erblickte er denn eine Anzahl wohlbeleibter, kugelrunder Tiere vor sich. Sie waren dicht behaart vom Kopfe bis zum Abschluß des Hinterleibes. Die Behaarung glänzte tiefschwarz und wurde nur unterbrochen von einer gelben Halskrause, einer gleichfarbigen Schärpe über den Rücken und ging am abgerundeten Ende des Körpers über in ein zartes Weiß. Am Bruststück trugen die Tiere zwei Paar Flügel, ähnlich denen der Wespen.

»Was für reizende kleine Bären!« lobte Max.

Sie hatten ja wirklich etwas Bärenartiges an sich, und doch waren es Insekten von milden, höflichen Sitten, voll Eifer für ihre Kinder, voll Zuneigung für ihre Familie, unermüdliche Arbeiter, die vom Morgen bis Abend beschäftigt waren, aus Blumen den Honigsaft für ihre junge Brut heimzuholen.

Baukünstler sind die Hummeln nicht, das sah Max sofort. Ein verlassenes Mausloch, einen von Ameisen noch nicht in Anspruch genommenen Maulwurfshaufen, einen schlangenförmigen Gang desselben Tieres oder sonstige Hohlräume im Erdboden und Steingeröll wählen die in der Erde nistenden Arten. Andere bauen ihr Nest zwischen Moos und Gras. Aber wenn auch am Hummelneste die Kunst fehlt, so herrscht drinnen dafür eine friedliche Eintracht. Im Hummelstaate arbeiten alle. Männer und Frauen führen das gleiche einfache, ehrliche Leben.

Die guten Hummeln! Immer leben sie zusammen in Frieden, immer brummen sie, und immer sind sie gegen alle Gutgesinnten lieb und artig, obschon sie ein so bärenhaftes Äußeres haben. Ein jeder mag daraus ersehen, daß man die Leute nicht nach dem Äußern abschätzen und beurteilen darf. Auch bei den Menschen birgt sich recht oft unter rauher und unansehnlicher Hülle ein edles, vornehmes Gemüt, wie auch im Gegensatz die Schönheit oft durch ihren inneren Unwert schwer enttäuscht.

Max, der rasch Freundschaft mit seinen Wirten geschlossen, fand bald Gelegenheit, alle ihre guten Eigenschaften kennenzulernen, von denen die Mildtätigkeit gegen Arme nicht die letzte ist.

Gerade als er seine Dankbarkeit für die gewährte Aufnahme äußern wollte, erschien am Eingang der Wohnung ein haariges, schwarzes, geflügeltes Insekt, welches einer Hummel glich, aber dessen Sprache doch die Zugehörigkeit zu einer andern Sippe verriet. Es bettelte bescheiden:

»Gebt doch einer armen, erwerbslosen Maurerbiene eine kleine Unterstützung!«

Dann erzählte das Tierchen seine Jammergeschichte.

»Ich bin eine Mörtel- oder Maurerbiene. Seit zwei Tagen arbeite ich an meinem Nest, das ich an der äußeren Wand einer Menschenwohnung anlegte. Da kam eine Schwesterbiene von jener berüchtigten Art, die man ja leider kennt, und reizte mich durch ihre unverschämten Ansprüche an meinen mühsam erworbenen Besitz. In einem wilden Kampf um meine Rechte zog ich den kürzern, und die Freche bemächtigte sich meines fast fertigen Nestes. Übel zugerichtet, mußte ich fliehen und finde jetzt nicht einmal mehr die Kraft, ein wenig Honig zu sammeln; darum wende ich mich an euch, ihr guten Hummeln, daß ihr mir ein wenig zu essen gebt.«

Von ihrer Darstellung ergriffen, bereiteten ihr die braven Leute sofort ein ausgiebiges Frühstück, an dem auch Max sehr gern teilnahm, denn sein Magen brummte bereits, als ob er selber eine Hummelgeige geworden wäre. Nach dem Essen flogen die Hummeln alle weg, um draußen Honig zu sammeln. Die Maurerbiene hatte sich herzlich bedankt und wollte auch fortgehen. Da trat Max, auf den ihre Geschichte tiefen Eindruck gemacht hatte, zu ihr hin und sprach:

»Höre, dir ist ein Unrecht geschehen, das ich wieder gutmachen möchte.«