Max Butziwackel der Ameisenkaiser: Ein Buch für Kinder und große Leute
Part 7
Dann setzte sie sich vergnüglich singend rittlings auf ihr Opfer, ergriff es mit ihren Zangen und begann den Körper, der zehnmal schwerer war als sie selbst, gegen einen kleinen, sandigen Graben zu schleifen, an dessen Abhang sich ein rundes Loch befand, mit Kieselsteinchen, Hälmchen und Erdkügelchen wohl bedeckt und versteckt. Max war erstaunt, ein so vornehmes Insekt zugleich so stark, so kühn und geistesgegenwärtig zu finden; er folgte der Wespe Schritt für Schritt, bis er ganz nahe am Grabenrande war. Hier sah er, wie sie sich mitsamt der Raupe vollends hinunterstürzte, immer rittlings auf ihr sitzend.
Auf dem Grunde des Grabens angelangt, ließ die Wespe ihre Beute los, schüttelte sich den Staub von den Flügeln und kehrte sich zu Max, der noch oben am Grabenrand stand. Er hatte gefürchtet, daß die Wespe drunten vom Gewicht ihres Opfers erdrückt werden könnte.
»Hast du dir wehe getan?« fragte er sie.
»Nicht die Spur«, antwortete lachend die Wespe.
»Diese Rutschpartie war der leichtere Teil meiner Arbeit. Schwerer ist's, die Raupe in das Haus hineinzutragen!«
Dabei wies sie auf ihren Hauseingang, der an der Seite des Abhanges zu sehen war. Max stieg vorsichtig hinab, und mit schlecht versteckter Gönnermiene sprach er:
»Ich werde dir helfen.«
Aber die Wespe lehnte mit einer würdevollen Bewegung ab.
»Bah!« sagte sie spöttisch, »wir sind an andere Strapazen gewöhnt und haben es nicht nötig, daß das stärkste und intelligenteste Volk der Hautflügler sich für uns bemühe.«
Max kämpfte bei diesen Worten gegen seinen schwer getroffenen Hochmut.
»Es wäre mir übrigens lieb«, fügte die Wespe hinzu, »wenn du auf das Raupenwürmlein ein bißchen aufpaßtest, während ich im Haus erst nachsehen muß, ob alles zu ihrem Empfang bereit ist.«
»O, hast du vielleicht Angst, daß es entwische?«
»Das nicht, aber du sollst achtgeben, daß sich niemand der Raupe nähert. Kann ich mich auf dich verlassen?«
»Aber natürlich!«
Mit fröhlichem Gesumse schlüpfte die Wespe in ihre Höhle hinein, und Max blieb als Wachtposten bei der Raupe stehen.
Kaum war die Wespe verschwunden, als sich eine kleine, graue Fliege auf den Körper der Schmetterlingsraupe niederließ, wie angepappt darauf sitzen blieb und eifrig mit einer Arbeit beschäftigt war, für die Max keine Erklärung fand. Er schrie:
»Mach, daß du weiter fliegst! Dieser Wurm gehört nicht dir!« Die Fliege flog darauf hohnlachend davon und zischelte boshaft:
»Wenn auch nicht mir, so gehört er doch meinen Kindern!«
Als die Wespe gleich darauf wieder erschien, sagte Max, die Raupe forschend betrachtend:
»Es fehlt kein Härchen an ihr! Sage mir nur, liebe Wespe, ißt du sie denn ganz allein auf?«
»Aufessen! Gott, wie kommst du auf diesen Gedanken?«
»Ja, warum hast du sie denn ermordet?«
»Ich habe sie doch gar nicht ermordet! Sie ist nur gelähmt. Verstehst du nicht, wenn sie tot wäre, und ich müßte sie in mein Haus nehmen, würde sie in kurzer Zeit in Fäulnis übergehen, was sehr gesundheitsschädlich wäre.«
»Du behältst sie im Hause? Was machst du nur mit solchen Sachen?«
»Ach, sie ist doch für meine Kinder!«
»O«, rief Max bestürzt, »dasselbe hat ja vorhin die graue Fliege auch gesagt!«
Die Wespe fuhr mit einem Sprung zurück und schrie voll Zorn:
»Die graue Fliege sagst du? Ach, das Gesindel! Eine graue Fliege hat sich am Ende wohl gar auf meine Raupe gesetzt? Antworte sofort!«
»Aber ... ja ...«, stammelte Max, der nicht verstand, wie man sich wegen einer solchen Kleinigkeit so aufregen konnte. -- »Einen einzigen Augenblick nur ist sie auf der Raupe gesessen, ich jagte sie ja gleich weg!«
»Ach, diese Diebin, das hat sie mir angetan!« so heulte jetzt die Wespe und untersuchte dabei die Raupe. »Da haben wir's schon! Da sind ihre Spuren! Und ich hatte mich so geplagt! Meine Arbeit war nun für das Lumpengesindel! Miserables Schmarotzerpack! Ah, sie hoffte am Ende noch, daß ich die Raupe im eigenen Hause beschütze! Haha, der schönen Augen ihrer Kinder zuliebe! O, die Elende!«
Die Wespe war jetzt derart gereizt, daß Max sich nicht getraute, noch etwas zu sagen. Er duckte sich in seinen Hanfküraß zusammen und murmelte:
»Gott bewahre mich! Wenn sie jetzt mit mir Streit anfinge, dann wäre ich verloren, auch wenn ich mich in einen Zwetschgenkern verkröche!«
22. Letztes Lebewohl.
Nach und nach beruhigte sich die Wespe ein wenig, aber sie hörte nicht auf zu brummen:
»Alle Mühe umsonst! Alle Arbeit weggeworfen! Nun muß ich wieder von vorn anfangen!«
»Verzeihe!« sagte Max, dessen Neugier über die Furcht Meister wurde, »erkläre mir doch, was haben denn deine Kinder und die Kinder der grauen Fliege zusammen mit der armen Raupe zu tun, die so friedlich schlummert, als ob ihr nichts geschehen wäre?«
»Wie, was! Ich habe doch diese Raupe einzig meiner eigenen Kinder wegen erobert!«
»Warum bringst du sie dann nicht endlich in dein Haus?«
»Weil die graue Fliege sie jetzt für ihre Kinder weggenommen hat.«
»Langsam, langsam, mir schwindelt im Kopf! Wie kann sie dir genommen worden sein? Die Raupe liegt ja noch hier!«
»Du weißt doch gar nichts! ... Nun wohl, so höre, ob ich nicht recht habe, gegen dieses elende Fliegenweib aufgebracht zu sein. Wir Wespen erjagen gewisse Tiere, lähmen sie und tragen sie heim, einzig deswegen, um in ihren Körper unsere Eier abzulegen; nach einiger Zeit kommen aus den Eiern die Larven -- unsere Kinder, verstehst du? Diese finden sogleich ihre Nahrung bereit, indem sie das Innere des Tieres aufessen, in das ihre Mutter sie vorsorglich hineingelegt hat. Die Speise reicht so lange, bis die Larven ein Knäulchen spinnen und sich in Puppen verwandeln, aus denen sie dann als vollkommene Insekten hervorgehen, um im Lichte der Sonne zu leben. Einige Wespen meiner Art erjagen sich Spinnen, andere Grillen, ich ziehe Raupen vor, weil sie mehr Fleisch besitzen. So weit wäre alles gut! Allein da gibt es auch in der Insektenwelt herumziehende Stromer, wie diese graue Mücke, die das Leben ihrer Kinder auf dieselbe Art sichern müssen; doch haben diese Feiglinge weder die Kraft noch den Mut, Spinnen und Raupen zu jagen, wie wir es machen. Was tun sie also? Diese Gauner schleichen um unsere Häuser herum, spitzeln alles aus, und sobald sie sehen, daß wir die Mitgift für unsere Kinder heimbringen, leise, leise -- hast du nicht gesehen, siehst du nimmer -- legen diese Diebe geschwind ihre Eier in unsere Beute! Begreifst du es jetzt? Hättest du mich nicht benachrichtigt, so hätte ich jetzt mein gutes Ei in die Raupe gelegt, in der Meinung, für das Fortkommen eines meiner Kinder gesorgt zu haben. Und was wäre statt dessen erfolgt? Die Eier der grauen Fliege hätten sich rascher entwickelt als meines, und ihre Larven hätten die ganze Raupe aufgegessen, während meine an den leeren Tisch gekommen wäre und elend hätte verhungern müssen. -- Nun, sage, ist das nicht eine gemeine Schurkerei von diesen schmarotzenden Insekten, die ihren Kindern mühelos die Früchte unserer Arbeit zukommen lassen? Siehst du, jetzt kann ich die ganze Geschichte von vorn anfangen; ich muß eine andere Raupe erjagen und sie hierher schleppen. Aber in Gottes Namen! Was tut eine Mutter nicht für ihre Kinder! -- Arbeiten und nur den Mut nicht verlieren!«
Bei diesen letzten Worten schien es, als ob aller Zorn bei ihr verraucht wäre.
»Auf Wiedersehen«, sagte sie in entschiedenem Tone. »Jetzt gibt es kein besseres Mittel, als die verlorene Zeit wieder einholen.«
Sofort breitete sie ihre Flügel aus und summte in ihrer fröhlichen Weise davon.
Max rief ihr noch nach: »Auf Wiedersehen, liebe Sandwespe!«
Er fühlte wirklich etwas wie Freundschaft für dies Tierchen. Es war wohl eine Mordwespe, und ihre Jagdgebräuche waren geradezu grausam. Aber nicht die Bosheit machte sie mordsüchtig und blutgierig. Sie tat alles nur für das Leben ihrer Kinder, wie auch die graue Fliege nur ihren Kindern zuliebe eine Diebin wurde. Die eine, stark und kühn, nahm andern Tieren das Leben, um es ihren Kindern zu geben; die andere, unfähig zum Raube, stahl zu dem gleichen Zweck dem Räuber seine Beute.
Max begann zu verstehen, daß alle Sorge und Arbeit der Insekten ohne Ausnahme auf ein hohes, edles Ziel hinstrebt. Mochten sie es erreichen, wie sie wollten, auch durch List und Mord, suchten sie einzig ihrer Nachkommenschaft das Leben zu sichern. Alles Streben dieser Tierchen ging darauf hinaus, daß das Ei befruchtet wurde, daß der ausgeschlüpften Larve ihre Nahrung zur Verfügung stand, daß die Jungen noch beschützt seien gegen alle Feinde, bis sie in ihrer Vollendung als fertige Tiere auftreten konnten. Dann fängt das wunderbare Spiel von vorn an. Das neue Geschlecht sorgt mit gleicher Fürsicht und mühender Liebe, wie sie ihm selbst zuteil geworden war, für seine Nachkommen.
Max erinnerte sich von neuem an die Herzlichkeit, mit der ihn die gute Fuska einst aufgenommen und in das Leben eingeführt hatte, als er aus seinem Knäulchen schlüpfte. Fuska, die liebevolle Pflegerin, die seinetwegen hatte sterben müssen!
In so traurigen Gedanken vertieft, war er wieder auf den Grabenrand hinaufgeklettert. Nun wandte er sich gegen sein einstiges trautes Ameisenhaus, das für ihn Heimat, leider auch der Schauplatz großen Unglücks gewesen war. Da sah Max zwei Untertanen seines einstigen Reiches, die mühsam einen Kürbiskern schleppten, und sein Herz wurde ihm weit.
»Freunde!« rief er sie tiefbewegt an, »kennt ihr mich nicht mehr?«
»Da schau!« sagten sie ohne jegliche Gemütsbewegung und hielten ein wenig an, »was und wo arbeitest denn du jetzt?«
»Ach, ich führe das Leben eines Verbannten«, klagte er bitter. »Wie geht es euch? Wohin tragt ihr den Kürbissamen?«
»O du liebe Zeit! In unser Dorf, wo unsere Herren wohnen.«
»Wie? Eure Herren? Und nennt es doch noch euer Dorf?«
»Warum denn nicht? Wir sind ihre Knechte, so wollte es das Schicksal. Wir arbeiten und quälen uns für sie, aber wir dürfen dort wohnen bleiben.«
Max war empört über den Stumpfsinn, mit welchem die Brüder ihre schmähliche Knechtschaft ertrugen. Er mußte sie verachten und rief ihnen nach:
»Schmutzige Sklavenseelen, pfui!«
Dann setzte er seinen Weg fort und dachte nicht im geringsten daran, daß die einzige Ursache ihrer traurigen und unverschuldeten Sklaverei sein ungezügelter, unvernünftiger und herzloser Ehrgeiz gewesen war. Was half es, wenn er auch jetzt gerade von einem guten Gedanken erfüllt war? Er schaute hin und her, als ob er etwas suche. Wenige Schritte vom Ameisenhaus entfernt blieb er lauschend stehen, denn er hörte ein Geräusch, wie wenn ein Hund Knochen zerbisse. Max wandte sich dem Lärm zu und stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Vor ihm lagen die traurigen Überreste seiner verstümmelten Mitgefangenen, die, unglücklicher als er, ihr Leben lassen mußten. Die Köpfe vom Rumpfe abgerissen, lagen sie da, und inmitten dieses jammervollen Haufens zerrissener Körper saßen drei Ameisen -- es ist entsetzlich zu sagen -- beim Mahl. Sie verschlangen mit lustigen Scherzen die Überreste ihrer Schwestern und Brüder.
»Ihr Elenden«, schrie Max, »so fehlt es denn auch unter Ameisen nicht an schändlichen Hyänen und Schakalen!?«
Wirklich gibt es einige Ameisenarten, die so tief gesunken sind, Leichen zu verzehren. Beispiele solcher Schande sind ja zum Glück äußerst selten, aber sie genügen, um den guten Namen des ganzen Volkes zu schänden, den es sich durch seine vielen Vorzüge und Tugenden unter allen Insekten erworben hat.
So tragen die Schlechten, abgesehen von dem Schaden, den sie durch ihre Missetaten den Guten zufügen, sehr oft die schwere Schuld, den unbefleckten Namen einer ganzen Familie, ja selbst des ganzen Landes zu beschmutzen, das diese Schädlinge hervorbrachte. Deshalb tat Max gut daran, auf die drei kannibalischen Schwelger so grimmig loszugehen, daß sie keine Zeit hatten, sich von ihrer Überraschung zu erholen und Widerstand zu leisten. Alle drei fielen unter seinen Streichen.
Nun erst beschaute er genauer die Überreste der tapfern Gefährten. Vor dem schauerlichen Bilde krampfte sich sein Herz zusammen.
Weinend warf er sich inmitten dieser Ärmsten auf die Knie, und in tiefem Schmerze rief er:
»Verzeihung! Verzeihung! Hätte ich doch auf die Mahnungen des Professors gehört! Wäre ich bescheiden und fleißig geblieben wie ihr Teuren! Wieviel Unglück habe ich über euch gebracht! Fuska, liebe Mutter und Lehrerin, auch du bist tot! Wäre es bei den Ameisen üblich, so würde ich dir das schönste Denkmal aufstellen, daß alle Welt es bewundern müßte. Darauf ließe ich mit goldenen Buchstaben die Inschrift setzen:
+Fuska+. Seiner guten Ameisenmutter der entthronte Kaiser Butziwackel I.«
23. Kaiser Butziwackel findet eine Freundin, die aus einer Eichengalle herausspaziert.
»Und nun was jetzt?«
Das war die Frage, die Max beschäftigte, als er seinen Weg wieder aufnahm, und auf die er vorderhand keine Antwort wußte. Ganz allein, verloren in der weiten Welt, ohne Familie, ohne Freunde! Dies war die traurige Lage des armen Insektleins, das vor wenigen Stunden zum ersten Kaiser der Ameisen erwählt worden war. »Was verschlägt's«, so dachte Max, »auch Napoleon der Erste mußte es erleben, nach St. Helena verbannt zu werden!«
Doch dieser geschichtliche Vergleich war ein magerer Trost für ihn. Während er den Graben, in dem die Sandwespe ihr Nest hatte, von neuem durchquerte, betrachtete er schwermütig das Haus seiner Freundin, das schon verschlossen war, und er flüsterte:
»Ach, ein jeder hat sein Haus! Ich allein finde kein Loch, wo ich die Nacht zubringen könnte!«
Bei diesem Gedankengang kam ihm eine Erinnerung, die ihn mit Trost und frohen Hoffnungen erfüllte.
»Hab' ich denn nicht doch ein Haus? Und in diesem Haus wohnt ja meine Mutter und Onkel Walter. O wenn ich das finden könnte!«
Der Gedanke war gut; jawohl! Aber kaum hatte Max mit ihm zu spielen begonnen, erhob sich auch schon schroff und steil die größte Schwierigkeit, so daß er bitter ausrief:
»Der reinste Wahnsinn! Wie könnte ich armes, kleines Ameislein, für das jeder Grashalm ein Baum, jeder Busch ein Wald, jeder Kiesel ein Felsen, jede Scholle ein Berg ist, wie könnte ich einen Ort finden, den ich nicht sehen kann, von dem ich nicht weiß, in welcher Richtung er liegt!?« -- -- --
So schlich er entmutigt seines Weges, wohin ihn eben seine müden Beine trugen, und kam dabei am Fuße einer großen Eiche an. »Wenn ich auf ihren Gipfel stiege«, dachte er, »wer weiß, ob ich von dort oben nicht mein Haus entdecken könnte?!«
Mutig kletterte er am Stamme empor. Nur der Gedanke an die Heimat machte ihn zu dieser Anstrengung fähig. Kurz zuvor hatte er sich sehr matt gefühlt. Kein Wunder, wenn man bedenkt, daß er seit geraumer Zeit nichts gegessen hatte.
In einiger Höhe hielt er an und schaute ringsumher: Nichts! Er stieg weiter bis ins oberste Gezweige. Ringsumher schaute er nur eine wirre Welt. Jetzt begriff er, daß es mit den Augen einer Ameise unmöglich sei, deutlich in die Ferne zu sehen.
Aus der traurigen Stimmung, in die ihn diese Erfahrung versetzte, wurde er durch ein eigenartige Geräusch aufgestört. Es kam ganz aus der Nähe, es mußte auf demselben Blatt sein, auf dem er stand. Er schaute sich um und erkannte, daß er sich neben einer Eichengalle befand, einer von jenen rötlichen Kugeln, die man häufig auf Eichenblättern sieht, und mit denen er früher oft gespielt hatte.
Max krabbelte auf diese Galle hinauf und war nicht wenig erstaunt, als er merkte, daß das Geräusch aus dem Innern der Kugel drang. Als ob ein feiner Bohrer durch hartes Holz seinen Weg suchte, so knirschte und raschelte es da drinnen. Max lief rings um die Kugel und untersuchte sie aufs genaueste. Da er auf der Oberfläche nicht die geringste Öffnung fand, fragte er sich, welches Geheimnis wohl im Innern eingeschlossen sein könnte. Plötzlich hörte er hinter sich ein feines Stimmchen, das piepste etwas müde:
»Endlich bin ich so weit!«
Max drehte sich flugs um. Ein winziges Köpfchen guckte aus einem Löchlein der Galle heraus, drehte sich hin und her und betrachtete alles ringsum mit lebhafter Neugier.
»Ei, wie schön ist die Welt!« sagte das Stimmchen, bebend vor Vergnügen.
»Sei mir gegrüßt!« rief Max, »und komme doch ganz hervor!«
Aus dem Löchlein schoben sich zwei kleine Beinchen, die sich am Rande anklammerten, dann folgte sogleich das ganze Tierlein. Es war kaum ein paar Millimeter lang, schwarz, mit fadenförmigen, nicht geknickten Fühlern und mit zwei allerfeinsten, durchsichtigen Flügelchen ausgestattet.
»Oho«, rief Max, »eine kleine Fliege!«
»Entschuldige«, erwiderte das kleine Geschöpfchen, »ich bin keine Fliege, ich bin eine Gallwespe; die Gelehrten nennen mich ~Cynips gemmae~.«
»Eine Gallwespe?«
»Ganz richtig, ich gehöre zur Ordnung der Immen oder Hautflügler.«
»Dann bist du eine weitläufige Verwandte von mir. Als mein Bäschen wirst du mir wohl erklären, wie du es fertig brachtest, in diese Kugel einzudringen?«
»Eindringen? Ich bin nicht eingedrungen, du willst wohl sagen: herauszuschlüpfen.«
Max betrachtete sie verwundert. »Das ist mir neu! Kann einer aus einer Kugel herausschlüpfen, ohne erst hineingekommen zu sein?«
»So höre! Bei uns Gallwespen ist folgender Brauch: Unsere Mutter -- ich kann dir das sagen, weil ich es selber durch meine natürliche Veranlagung weiß -- legt das Ei auf ein Eichenblatt, indem sie es mit dem Legestachel ansticht. Aus diesem Legestachel tritt zugleich das Ei heraus. Der Stich verursacht auf dem Blatt eine Wunde, und die Wunde läßt das Blatt anschwellen, so daß sich eine kleine Kugel bildet. Diese wächst durch den Saft der Pflanze. Inzwischen entwickelt sich aus dem darinliegenden Ei die Larve. Diese findet in der Kugel ihre Nahrung und ihr Häuschen. Hier bleiben wir ein Jährchen ungestört und essen, verwandeln uns zur Puppe und werden danach ein vollkommenes Insekt. Jetzt müssen wir von innen heraus die Kugel durchbohren, langsam, langsam, bis sich eine Straße bildet, auf der wir endlich herauskommen, wie ich es gemacht habe. -- Aber du kannst mir's glauben, da heißt es kräftig drauflosnagen!«
»Ist es wohl so hart, dein Kugelhäuschen?«
»Geh mal herein und überzeuge dich selbst davon!«
Er schlüpfte zum Türchen hinein, das die Gallwespe gebohrt hatte, und nun konnte er sich einen genauen Begriff von der Arbeit machen, die seine neue Freundin fertig gebracht hatte. Im Innern der holzartigen Galle war eine Art Kammer, die aus einem noch viel festeren Stoffe als die äußere Kugel bestand. Die Wand dieser Kammer war so hart wie ein Kirschkern.
»Und du«, rief Max erstaunt, »du hast so harte Mauern durchbrechen können? Da gratuliere ich!«
»Ich danke dir. Wenn du wüßtest, wie froh ich jetzt bin! Verstehst du das? Da drinnen eingesperrt sein ist kein Vergnügen; doch man weiß, eines Tages wird man herauskommen, die Flügel ausspannen und in freier Luft leben.«
»Ah!« atmete sie tief auf, »nun ist die große Stunde, die ersehnte Belohnung für die lange Gefangenschaft gekommen!«
»Du Glückliche!« seufzte Max traurig. »Wenn ich doch auch Flügel hätte!«
Sein Wunsch brachte ihn auf einen Gedanken, der wie ein Hoffnungsstrahl in sein düsteres Dasein leuchtete. Dringlich wandte er sich zur jungen Gallwespe und sprach:
»Höre, liebe Freundin, ich hätte eine große Bitte ... wirst du so freundlich sein ... Du bist zwar kaum geboren ... nun wohl: mit einer guten Handlung kannst du dein Leben beginnen. Ich verspreche dir, daß ich es dir nie vergessen werde! Willst du?«
»Du plauderst zuviel; bitte, laß mich hören, um was es sich handelt?«
»Richtig! Es handelt sich darum, daß ich ein menschliches Wohnhaus mit einem Weinstock an der Wand finden möchte. Auf einem Rundflug könntest du es vielleicht erspähen.«
»Aber Lieber, wie soll ich denn ein Menschenhaus erkennen? Ich bin doch eben erst auf die Welt gekommen!«
Diese Bemerkung war richtig, und Max kostete es Anstrengung genug, um dem jungen Insekt zu beschreiben, wie sein Haus aussähe. Endlich schien die Gallwespe begriffen zu haben, und er brauchte ihr nur noch zu sagen:
»Du kannst mit deinen Flügeln nach allen Richtungen herumstreifen; dann kehrst du zu mir zurück, mir zu sagen, ob es dir gelungen ist, mein Haus zu entdecken, das ich so gern sehen möchte. Willst du mir diesen großen Gefallen erweisen?«
»Ich will es versuchen! Es gelüstet mich sowieso, meine Flügel zu erproben« -- -- -- und eins -- zwei -- drei -- -- -- erhob sich das junge Gallwespchen vom Sitze und flog in die schöne Welt hinein.
Kaiser Butziwackel aber rief ihm noch zu:
»Wenn du es fertigbringst, schwöre ich dir ewige Freundschaft!«
24. Auf dem Weg zur Mutter.
Wie lange wartete Max auf seinem Blatt! Er wäre in Verlegenheit gekommen, es uns genau zu sagen; denn er hatte keine Uhr bei sich. Aber es kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Endlich konnte er der zurückkehrenden Gallwespe zurufen:
»Na, und?!«
»Nun«, erwiderte diese und setzte sich zu ihm auf das Blatt, »ich glaube etwas entdeckt zu haben, das deiner Beschreibung ähnlich ist.«
»O, wirklich? Ist's weit von hier? Ist es dorthin oder hierhin? Wo ist's?«
»Bei meiner Galle! Gönne mir nur eine Minute zum Ausschnaufen! -- Höre, das Haus, das ich sah, liegt in derselben Richtung wie das Blatt, auf dem wir sitzen.«
»So, so, also dorthinaus!« deutete Max mit seinem rechten Vorderbeinchen.
Max merkte sich genau die Richtung, besann sich und rief:
»Jetzt gehe ich ... Liebe Gallwespe, wie bin ich dir dankbar! ... Aber wir werden uns wiedersehen, gelt!«
Er umarmte sie, empfahl sich höflich und stieg langsam den Weg, den er auf die Eiche hinaufgeklettert war, wieder hinab.
»Langsam?« werden sofort alle kleinen Leser fragen. »Wie, er sehnte sich so sehr heimzukommen, und er ging langsam?«
Gerade deshalb. Er ging langsam, weil er Eile hatte.
Ihr wißt es selbst, es gibt Kinder, die voll guten Willens sind. Sagt man ihnen: »Geh mir rasch da- oder dorthin«, so laufen sie auch schon und rufen: »Ich bin gleich dort.«
Dann aber müssen sie auf halbem Wege wieder umkehren; denn im Eifer haben sie ganz vergessen, zu fragen, wohin sie eigentlich gehen sollten. Zu große Eile macht oft, daß man erst recht zu spät kommt. Max hatte als Kind immer alles mit kopfloser Eilfertigkeit angefangen. Als Ameise aber lernte er: Erst überlegen, dann handeln! Anstatt also von der Eiche herunterzustürmen, ging er seine Straße Schritt für Schritt, schaute sich öfter um, beobachtete jeden Zoll des Weges und berechnete die zurückgelegte Strecke. Auch überschätzte er die vor ihm liegende mit einer Genauigkeit und Vorsicht, wie sie vielleicht nur diese kleinen Geschöpfe kennen. Der Erfolg seines Rechnens und Überlegens blieb nicht aus. Als er den Erdboden betrat, stand er mit dem Gesichte genau in der Richtung, die das Blatt oben auf dem Baume hatte. Er konnte daher seinen Weg sofort geradeaus in der Richtung verfolgen, die ihm die Gallwespe angegeben hatte.
Dankbar fühlte unser Kleiner, daß er den wunderbar ausgebildeten Richtungssinn der Insekten besaß. Mit ihm war er imstande, auf die unbedeutendsten Zeichen zu achten und sich nach solch feinen Wahrnehmungen zurechtzufinden, die für Menschen unfaßbar sind. Gleichwohl bedauerte Max, daß er so viel Zeit zum Abstieg von der Eiche hatte aufwenden müssen.
»Schade«, sagte er, »daß die Insekten keine Wegweiser auf ihren Straßen haben!«
Beim Weitergehen kam ihm wieder der Gedanke, ob er nicht doch noch dazu berufen sei, dem Insektenreiche höhere Bildung und Fortschritt zu bringen. Allein er ließ bald von seinen Träumen ab und verfolgte mit Eifer das eigentliche Ziel seiner Reise und sprach:
»Mit oder ohne Wegweiser! Ich will jetzt heim zur Mutter.«
Indessen näherte sich die Sonne dem Untergange. Ringsum bemerkte Max allgemein eine geschäftige Bewegung von vielerlei Insekten, die alle nach Hause eilten, ehe es dunkel wurde.
»Auch ich«, dachte der einsame Wanderer, »gehe jetzt nach Hause.« Diese Erinnerung an die Heimat belebte aufs neue seine müden Beinchen, und seine Reise schien ihm nicht mehr so unsicher und gefährlich. Auch den Hunger spürte er nicht mehr so quälend.