Max Butziwackel der Ameisenkaiser: Ein Buch für Kinder und große Leute
Part 6
»Kurz, es müßte eine Ameise sein von hervorragenden Gaben des Geistes und des Herzens wie zum Beispiel ich; eine Ameise, welche die Kriegskunst kennt, wie ich sie kenne; eine Ameise, die gegebenenfalls eine Schlacht zu gewinnen verstünde wie ich! Eine Ameise braucht ihr, die euch zum Ruhm zu führen weiß, wie ich es tat! Doch ich selbst mische mich nicht in eure Wahl. Ihr seid frei, zu wählen, wen ihr wollt und wer euch gefällt.«
Nach diesen Worten zog sich Max mit unglaublicher Bescheidenheit und edlem Anstand zurück.
Aber das Heer brach einstimmig in den Ruf aus:
»Max wollen wir wählen! Unsern Butziwackel mit dem weißen Fähnlein.«
Das ließ sich unser Held nicht zweimal sagen.
Würdevoll trat er vor seine Soldaten, grüßte, alle Reihen abschreitend, vornehm seine Truppen und erklärte feierlich:
»So nenne ich mich denn:
›Butziwackel I., Kaiser aller Ameisen.‹«
Und alles Volk rief:
»Hoch Kaiser Butziwackel I., hoch, hoch, hoch!«
18. Der Überfall.
So war also Maxens Traum verwirklicht.
Seinen Ehrgeiz wußte er vor sich selbst glänzend zu rechtfertigen, und er sprach still vor sich hin:
»Obwohl ich im Grunde nie große Lust zum Lernen hatte, bin ich doch stets ein gescheites Kind gewesen. Da ich Ameise geworden bin, finde ich es nur natürlich, daß ich es bei diesen kleinen Ameisen so bald schon zum Kaiser brachte.«
Wenn aber einer ein ehrgeiziger Streber ist, so trifft ihn todsicher die gerechte Strafe dafür. Der Ehrgeiz läßt sich nämlich niemals befriedigen. Sobald der Streber ein Ziel erreicht hat, steckt er sich gleich ein anderes, noch höheres. So kam auch unser Max nicht mehr zur Ruhe. Der Traum einer neuen, größeren Stellung lockte ihn; hinter dieser winkte eine noch größere Würde, und so immer weiter. Niemals würde er sagen können: »Jetzt ist mir's wohl! Ich bin froh und habe ein zufriedenes Gemüt.«
»Kaiser der Ameisen«, dachte Max eben bei sich, »das ist durchaus nicht mehr als ein Titel, der mir gebührt. Ich muß noch viel mehr werden! Die Ameisen sind nur ein Teil der großen Ordnung der Hautflügler. Wie wäre es, wenn ich das Oberhaupt der ganzen Ordnung würde? Und dann, nachdem ich schon ein Bündnis mit den Bombardieren geschlossen habe, könnte ich ja meine Macht über die Ordnung der Käfer auch ausdehnen. Und wer könnte in weiterer Folge etwas dagegen haben, wenn ich Kaiser über sämtliche Insekten der Welt würde? Ist vielleicht der Mensch nicht der Beherrscher der Tiere? Wenn schon also ein Menschenkind sich in ein Insekt verwandelt, so muß es zum mindesten danach streben, Kaiser aller Insekten zu werden!«
Vorderhand freilich mußte er sich begnügen, auf der immerhin sehr erhabenen Sprosse in der Leiter seines Ruhmes zu stehen; der Ehrgeiz aber riß seine Gedanken und ausschweifenden Wünsche zur schwindelnden Höhe aller Ehren und Würden empor. Im Tone gnädiger Herablassung sprach er zu seinen Leuten:
»Gut, gut! Ich will den Titel eures Kaisers annehmen; doch wird es der Form halber gut sein, in mein Reich mit euch zurückzukehren, um dort in aller Feierlichkeit von meinem erhabenen Amte Besitz zu nehmen.«
Ganz leise fügte er für sich hinzu: »Was für ein Gesicht wird wohl der einfältige Professor mit seinem unnötigen Latein dazu machen? Der wird sich hübsch ärgern!« Mit kühnem Blick überflog er noch einmal das Schlachtfeld. Dort vergnügten sich die Bombardiere daran, die Roten Ameisen, welche im Gasdampf erstickt waren, laut schmatzend aufzufressen. Max aber verlor für solchen ekelhaften Anblick keine Zeit; er stellte sich an die Spitze seines Heeres und führte es zum Ameisenhaus zurück. Vor dem Eingang blieb er wie angewurzelt stehen. Ein kalter Schrecken überfiel ihn.
»Was ist hier los!« rief er bestürzt.
Es mußte etwas Schlimmes geschehen sein. Schon das Äußere machte einen unordentlichen Eindruck. Der ringsum aufgeführte Schutzdamm war teilweise zerstört, der Gang ins Innere da und dort schwer beschädigt. Max stürmte voll böser Ahnungen mit seinem Generalstab ins Innere. Im großen Saal befand er sich zu seinem maßlosen Staunen von einer Menge Ameisen umringt, die er im ersten Schrecken gar nicht erkannte. Deutlich vernahm er sofort eine scharfe Stimme:
»Auf, ihr Leute! Sorgt, daß dies Heer nicht mehr hereinkommt!«
Diese Worte und verschiedene andere gefährliche Zeichen entschleierten plötzlich dem armen Max die entsetzliche Lage, in welcher er sich mit den Gefährten befand. Sein Reich, sein eigenes Reich war bereits von den Roten Ameisen besetzt! Er konnte weder das Wie noch das Woher verstehen, aber der Fall war so klar, daß kein Zweifel blieb. Während er in seiner Aufregung vergeblich nach einer Erklärung suchte, spürte er zwei fremde Fühler, die ihn zudringlich betasteten. Auf einmal schrie's mit höhnender Stimme:
»Aha, da haben wir ihn, den General mit dem Hanfküraß. Das ist der Held, der die großen Feldschlachten liefert!«
Voll Zorn schrie Max: »Das geht mir denn doch zu weit. Was soll das heißen?«
»Gleich erkläre ich es dir, hochberühmter Schlachtenlenker! Du dachtest uns daranzukriegen, und inzwischen haben wir dir ein Schnippchen geschlagen. Nach unserer gestrigen Niederlage hätten wir kaum mehr einen Angriff gewagt. Aber du bist mit deinem Heere ausgerückt, um die große Schlacht zu schlagen. Du wolltest uns angreifen. Wir waren durch unsere Spione über deine Absichten wohlunterrichtet und haben dir inzwischen hier im Hause einen schönen Empfang bereitet!«
Richtig. Max erinnerte sich, daß Adjutant Großzang ihm ein Fähnlein Roter Ameisen gemeldet hatte, die in der Nähe umhergeschlichen waren.
»Nachdem wir«, fuhr der andere fort, »unsere Erkundigungen durch Spione eingezogen hatten, schickten wir dir fünfzig Leute entgegen mit dem Befehl, dich um jeden Preis aufzuhalten und irgendwie zu beschäftigen. Das geschah. Während du die Fünfzig verfolgen ließest, sind wir mit ganzer Heeresmacht hierher marschiert, haben dein Reich, das du ohne Verteidigung zurückließest, überfallen, und jetzt ..., nun, du wirst ja hören und sehen, was weiter geschieht.«
Der Sprecher befahl nun in völlig verändertem Tone:
»Bewacht diesen Gefangenen! Ich werde ihm zeigen, was wir Roten aus seiner Kriegskunst gelernt haben!«
Max stand wehrlos der Übermacht gegenüber. Den Sinn der letzten Worte verstand er bald nur zu gut. Aus den Bewegungen rings umher und aus den Kommandorufen, die er hörte, konnte er schließen, daß die Roten dasselbe Spiel wiederholten, das er selbst gegen sie gestern angewendet hatte. Während eine Abteilung Roter den Eingang verteidigte, marschierte eine andere durch den berühmten Regenwurmtunnel, um von hinten her in Maxens Regiment einzufallen und es zu vernichten. Einen Augenblick hoffte er, daß seine wackeren Soldaten dem Angriff widerstehen würden, und er verharrte in atemloser, gespannter Angst um die Seinen. Die Minuten schienen zur Ewigkeit zu werden. Da hörte er die Stimme von vorhin von der Höhe des Haupteinganges herunterschreien:
»Sieg, Sieg!«
Nun blieb dem armen Max keine Hoffnung mehr. Sein gutes Heer war geschlagen, alles war verloren. Geknickt beugte er sein Haupt, und so leise, daß niemand es verstehen konnte, flüsterte er:
»Jetzt ist's vorbei mit Kaiser Butziwackel I.!«
19. Viele Köpfe rollen in den Sand, weil einer den seinen zu hoch getragen.
Die Roten hielten jetzt Kriegsrat. Jene Ameise, die, wie es Max schien, Generalsrang bei den Roten besaß, ließ sich neuerdings hören:
»Wir haben den Krieg gewonnen«, so sagte sie, »der Feind ist niedergerungen, und wir haben von seinem Reich Besitz genommen. Es ist unnötig, seine Eier, Larven und Puppen in unsern Bezirk zu bringen. Wir sind hier die Herren und werden unsere Macht in diesem Reich ausüben durch eine Besatzungstruppe, die hier bleibt. Im Kampfe hat jeder von euch auf seinem Posten seine Pflicht getan. Darum gelten die Rechte des Sieges für alle in gleicher Weise. Die Ameisen, die sich hier aus Eiern, Larven und Puppen entwickeln und der Rasse des besiegten Volkes angehören, sollen Sklaven unseres Reiches sein, zum Nutzen aller ohne Ausnahme.«
Während die Roten den Worten ihres Generals lauten Beifall zollten, konnte Max nicht umhin, sein eigenes Vorgehen mit dem des Räuberhauptmanns zu vergleichen. Zum ersten Male bedrückte ihn zentnerschwer die ungeheure Last seiner Verantwortung. Entgegen den Ratschlägen seiner vielerfahrenen Kameraden, der eigenen Ehrsucht zuliebe, hatte er den Feind herausgefordert. Vom blutigen Kriege hatte er den Vorteil gezogen, Kaiser zu werden. Er war allein die Ursache des Zusammenbruches, er allein hatte das namenlose Unglück über dieses gute, bescheidene und fleißige Volk gebracht, welches nichts anderes begehrte, als in Frieden zu arbeiten und zu leben. Rauh wurde er aus seinen herzbeklemmenden Betrachtungen aufgeschreckt durch des siegreichen Generals Stimme: »Kriegsgefangene vor das Haus! Hinrichtungen werden im Freien vollzogen! Dies erspart uns die Mühe, die Leichen der Verurteilten wegzubringen.«
Könnten einer Ameise die Haare zu Berge stehen und könnte schwarze Haut erblassen, Max wäre kreideweiß geworden, und er hätte am ganzen Körper eine Gänsehaut bekommen -- wäre er noch ein Kind gewesen.
Zwei Soldaten führten ihn hinaus, und hier konnte er den feindlichen General beim Tageslicht betrachten.
Es war eine Ameise mit kräftigem Körperbau und wohlgeformten Gliedern. Auf seinem Gesichte lag ein so wildverwegener Ausdruck, daß eine ehrliche Ameise zu Tode erschrocken wäre, wäre sie ihm im Mondschein begegnet.
»Wie schade«, sagte Max, dem beim Tageslicht der Mut wieder wuchs, »hätten wir Schutzleute und Gendarmen, dies wäre der erste Galgenvogel, den ich einsperren ließe!«
Der Rote General verstand ihn nicht. Er wandte sich an seine Schergen und befahl:
»Beginnt die Hinrichtungen mit dem Ältesten.«
Max wandte sich um und sah den Professor, der in Sinnen vertieft zwischen seinen Wächtern stand. Als dieser den Befehl des Roten vernahm, erhob er seinen geistvollen Kopf mit Ernst und Würde und sprach:
»Ehe ich sterbe, wende ich mich noch einmal an alle Ameisen der Welt, von welchem Stamme sie auch sein mögen. Alle frage ich, wielange noch soll die unvernünftige Feindschaft herrschen zwischen Völkern, die die Natur zu Brüdern schuf? Gibt es nicht genug gemeinsame Feinde zu bekämpfen unter Insekten der fremden Ordnungen und vor allem unter den Vögeln? -- Durch den inneren Aufbau unserer Staaten ragt ihr über alle andern Insekten hervor. Ihr seid ihnen an Geist überlegen, eure Arbeitsfreudigkeit steht einzig da in der Welt. Vereinigt eure Staaten zum großen Völkerbunde! Ihr Ameisen der ganzen Welt, vereinigt euch! Dies ist der letzte Wunsch eines Sterbenden, der lange genug gelebt hat und der euch nun für immer verläßt. Ich nenne euch alle zum Abschied Brüder und Schwestern, und dieser Name soll euch bedeuten: Friede und Verzeihung!«
Max war erschüttert von den aus tiefster Seele gesprochenen Worten dieses ehrwürdigen Ameisengreises, dieses wahrhaften Volksfreundes. Wer weiß, ob nicht auch unter den Roten etliche waren, die von der tiefernsten Rede ergriffen und überzeugt wurden?
Aber, hatte vielleicht er sich überzeugen lassen damals, als man ihm Vernunft und Einsicht predigte? Wenn uns jemand auf künftige Gefahren und düstere Möglichkeiten aufmerksam macht, die ein eitles Streben nach vermeintlich großen Dingen in sich schließen, spricht er zu tauben Ohren, und blind rennt der Tor seinen nichtigen Wünschen nach. Kommt dann das große Unglück als Folge seiner Handlungen, dann, ja leider erst dann dämmert ihm die Wahrheit, und er gibt dem weisen Ratgeber recht.
Glaubt ihr also, daß die Roten, die die Schlacht gewonnen hatten und im Siegestaumel ihrer Erfolge waren, den Reden des Professors Gehör schenkten?
Der General gab ein Zeichen, und der erste Kopf, der fiel, war dieses unersetzbare Haupt, abgebissen von den Kieferzangen eines rohen Henkers. In gleicher Weise erging es allen Kriegsgefangenen. Wie entsetzlich, wie schauderhaft aber war für Max der Augenblick, als er unter den Verurteilten seine liebe Pflegemutter erkannte.
»Fuska!« schrie er auf im wütenden Schmerze.
»Gib dich zufrieden meinetwegen«, sprach die Gute, »was wirklich wehe tut, ist der Gedanke, daß unsere Kinder in Sklaverei geraten.«
Max konnte sich nicht mehr länger halten, er sprang vor und rief:
»Nein, nein, schont meine Fuska! Ich selbst, ich bin allein schuld an allem, ich ganz allein! Ich schwöre euch, sie wollte keinen Krieg, ich aber war böse und ungehorsam und wollte ihren Rat nicht hören ...«
Weiter kam er nicht. Einige Rote hielten den Erregten fest, und der Kopf der braven Fuska fiel. Max, beinahe wahnsinnig vor Schmerz und gequält von Gewissensbissen, schrie:
»Tötet mich, tötet mich!«
»Halt!« rief da jemand. Alle drehten sich, um zu sehen, wer da komme. Eine Rote Ameise hinkte staubbedeckt heran auf fünf Beinen; das sechste fehlte ihr.
20. Das Kriegsgericht.
Die fünfbeinige Ameise schüttelte sich stöhnend den Staub ab, stellte sich inmitten der Versammlung und rief mit zornbebender Stimme:
»Es wäre gut«, so sage ich euch, »diesem General mit dem Hanfpanzer den Prozeß zu machen, ehe man ihn tötet.«
Max hatte im ersten Augenblick Hoffnung geschöpft, seine Lage könnte sich verbessern, jedoch seine Täuschung währte nicht lange.
»Wie ihr seht«, so fuhr die Ameise fort, »bin ich eine von denen, die dem Feind entgegengeschickt wurden, um ihn von unserem Heer abzulenken.«
»Vortrefflich!« rief der Rote General, »was bringst du Neues? Wie kommt es, daß du allein bist?«
»Ach«, sagte mit bitterer Miene die Ameise, »die sind alle gestorben und verdorben und längst verdaut.«
»Verdaut? Was soll das heißen?«
»Fragt den Hanfgeneral! Er weiß es.«
Max hielt es für klug, zu schweigen.
»Stellt euch vor«, begann die Klägerin und diesmal mit verächtlichem Ausdruck, »daß dieser Tropf sich mit einem Dutzend Bombardieren verbündet hatte. Verräterisch standen sie an der großen Kürbishalle, und kaum hatten wir uns dorthin gewendet, beschossen sie uns dermaßen mit Gas, daß die ganze Kolonne sofort betäubt niederstürzte. Ich selbst bin wie durch ein Wunder entkommen, zwar nicht heil, aber doch lebend. Diese elenden Bombardiere stürzten sich sofort auf die Gefallenen, um sie zu fressen. Sie waren bereits gesättigt, bis sie an mich kamen, und rissen mir nur noch ein Bein aus.«
Ein Schrei der Entrüstung ging nach diesem Berichte durch den versammelten Rat der Roten.
»Was!« rief der General zu Max gewendet. »Das hast du getan? Du, der du zu einer Ameisenart gehörst, die uns Barbaren und Räuber schimpft! Anstatt offen und ehrlich zu kämpfen, hast du zu der gemeinsten und unwürdigsten List gegriffen! Hast dich nicht entblödet, mit den Käfern, diesen Kannibalen, ein Bündnis zu schließen!«
Max wollte erwidern:
»Auch die Menschen schließen im Kriegsfall Bündnisse mit andern, die nicht zu ihrer gleichen Rasse gehören.«
Allein er wußte ja bereits, daß das Beispiel menschlicher Sitten und Gebräuche auf die Ameisen keinerlei Eindruck macht.
»Wir sind ein Räubervolk«, rief der Rote General, »aber zu solchen Gemeinheiten verstehen wir uns niemals!«
Die hinkende Ameise nahm jetzt wieder das Wort:
»Das ist noch gar nichts!« rief sie. »Ihr müßt wissen, daß ich auf der Flucht aus jenem Gemetzel diesem Schlingel mit seinem Heer begegnet bin. Ich versteckte mich hinter einem Stein, und ich habe gehört, daß er sich zum Oberhaupt aller Ameisen ausrufen ließ mit dem Namen: Kaiser Butziwackel der Erste!«
»Ausgezeichnet! Butziwackel der Erste!« rief hohnlachend der General der Roten.
»Du hast also versucht, unsere gesellschaftliche Ordnung aufzuheben, in der alle gleich sind mit denselben Rechten und Pflichten?«
Die Ameisen, die Max im Kreise umstanden, waren bei dieser Mitteilung vollständig fassungslos. Max begriff jetzt, daß es unmöglich sei, mit menschlichen Gedanken und Vorstellungen unter Ameisen auszukommen und zu leben.
Allein für ihn war sowieso keine Rettung mehr vom Tode!
Was lag ihm auch noch daran, nachdem er mit Grauen das Unglück überschaute, das sein Ehrgeiz angerichtet hatte! Was bot ihm das Leben, nachdem seine liebe Fuska enthauptet war und der beste, größte Lehrer der Ameisen seine letzten Worte gesprochen hatte!
Er war bereit, zu sterben. Doch seine mutige Ergebung wurde durch den Roten General schwer erschüttert, der also anhub:
»Hört es alle an! -- Dieser Wahnsinnige hat sich unbeschreiblicher Verbrechen schuldig gemacht, darum sei auch seine Strafe eine unerhörte. Ergreift ihn, zwickt ihm nach und nach alle Beine ab, dann die Fühler; sein Kopf soll zuletzt fallen, damit er noch mit eigenen Augen seiner Strafe zusehen kann!«
Max war bei der Vorstellung einer solchen Tortur nahe daran, ohnmächtig zu werden.
Mühsam erhob er sich auf seine Hinterbeine und rief flehend:
»Jawohl, ich bin schuldig; ich erkenne alle meine Fehler. Tötet mich, aber laßt mich nicht so grausam leiden!«
Helles Hohngelächter gellte von allen Seiten. Man warf ihn zur Erde. Zwei Henker ergriffen seine Hinterbeine; sie zogen aus Leibeskräften, aber die Beine saßen fest und ließen sich nicht ausreißen. Zwei andere zerrten an dem mittleren Beinpaar, das ohne Schwierigkeit vom Leibe brach. Max aber schrie seine Henker in dieser unerhörten Lage an:
»Mörder! ... Diebe! ... Schurken!« ...
Doch merkwürdig. Der Verlust der beiden Beine hatte Max gar nicht wehe getan, und auch nach dieser Verstümmelung fühlte er sich noch im Vollbesitz seiner Kräfte. Sodann wollten die beiden Henker seine Vorderbeine abreißen, aber diese saßen sehr fest, so daß der Rote General, als er die unnütze Anstrengung seiner Diener sah, ganz wütend wurde und ausrief:
»Ihr Trottel seid zu nichts zu gebrauchen! Fort, laßt mich selber machen! Ich will doch sehen, ob ich diesem Teufel nicht mit einem einzigen Biß den Kopf abtrenne!«
Verwegen näherte er sich Max. Noch aber hatte er keine drei Schritte getan, als er wankend ausrief:
»O weh! Das ist mein Tod!«
Wie Max das hörte, glaubte er, den General hätte ein Schlaganfall getroffen, und er wollte schon der göttlichen Vorsehung dafür danken; jedoch es war nicht dieses. Eine fremde Person erschien plötzlich, die, wie es schien, auch ihrerseits an dem gräßlichen Werke der Hinrichtung teilnehmen wollte und blitzschnell über den Roten General hergefallen war. Mit verdüsterter Miene murmelte Max:
»Ich bin vom Regen in die Traufe gekommen!«
21. Ein hochvornehmer Mordgeselle.
Der neue Ankömmling war ein Insekt von der Familie der Grab- oder Mordwespen. Sie stelzte auf hohen Beinen daher, besonders das hintere Paar war unglaublich lang. An den Außenrändern der Unterschenkel saßen so viel Stacheln und Zähne, daß sie wie Sägen aussahen.
Dieses kecke Tier war mir nichts, dir nichts in den hohen Kriegsgerichtshof hereingeplatzt und fing ohne Umstände an, einem nach dem andern mit seinem schrecklichen Stachel den Leib zu durchbohren. Zwischen Richtern und Verurteilten gab es jetzt nicht mehr den mindesten Unterschied.
In der Verwirrung, die entstanden war, konnten sich wohl einige Ameisen retten, indem sie sich kopfüber in den nächsten Gang des Hauses stürzten; aber mit einem fürchterlichen Satz war die Wespe schon auf Max losgesprungen:
»So weit ist es mit mir gekommen!« seufzte schwerbedrückt der unglückliche Kaiser Butziwackel der Erste.
Sobald er aber die Wespe winseln hörte: »Au weh, wie hart bist du doch!« da wuchs schnell sein Mut. Er fühlte sich aufs beste geschützt in seinem guten Hanfpanzer. Erleichtert aufatmend flüsterte er:
»Gesegnet sei mein Hanfküraß!«
Die Wespe stand jetzt mit hochgezogenen Beinen und forschendem Blick vor ihm, betrachtete ihn mißtrauisch von allen Seiten und brummte unverständliche Worte. Dabei ließ sie ihren Stachel prüfend in der Scheide aus und ein gleiten, denn sie dachte nicht anders, als daß die feine Spitze desselben schon beschädigt sei.
Aber die Waffe war noch in bestem Zustande und besaß nicht eine einzige Scharte. Halb und halb begütigt über diese Entdeckung, halb zornig noch über Max, fragte sie ihn:
»Sage mir auf der Stelle, warum du so harthäutig bist!« --
Max hatte jetzt seinen ganzen Mut wieder gefunden und antwortete nicht ohne einen Anflug von Humor:
»Ei, so bin ich schon lange. Als ich noch zur Schule ging, meinte der Lehrer, ich hätte einen harten Kopf. Aber seit einiger Zeit habe ich eine harte Haut. Doch wer bist du?«
»Ich bin eine Mordwespe.«
»Heilige Zeit!«
»Jawohl, ich heiße ~Ammophila sabulosa~, zu deutsch: Sandwespe. Aber man nennt uns Mörder, weil wir auf Fliegen, Spinnen, Raupen und Ameisen Jagd machen. Gott sei Lob und Dank, daß nicht alle so hart sind wie du!«
»Höre«, sagte Max entrüstet, »was Spinnen, Raupen, Fliegen betrifft, will ich nichts dagegen sagen; aber daß du Ameisen angreifst, ich sage dir, für eine anständige Wespe finde ich das eine Spitzbüberei. Oder weißt du nicht, daß wir verwandt sind?«
Er erinnerte sich nämlich, daß ihm die verstorbene Fuska einmal gesagt hatte, daß alle Wespen, Bienen, Hummeln zur gleichen Ordnung wie die Ameisen gehören und somit zum großen, ruhmreichen Volk der Immen und Hautflügler, das wunderbar stark und klug ist.
Es entstand nun eine Pause im Gespräch, während der die beiden Personen, die sich bisher in Verteidigungsstellung drohend gegenübergestanden waren, sich gegenseitig mit etwas mehr Höflichkeit betrachteten. Max zeigte eine aufrichtige Bewunderung in seinem Blicke, als er den schrecklichen Angreifer von allen Seiten besah, und er kam zu dem Schlußurteil:
»Ein Mörder mag sie sein, aber fein tritt sie auf. Sie muß aus guter Familie stammen.«
Die Wespe hatte wirklich ein prachtvolles Kleid von lebhaft gelber Farbe; sie war schlank, anmutig in ihren Bewegungen, höchst lebhaft und viel schöner als alle andern Wespen, die Max als Kind beobachtet hatte.
»Welche Taille!« dachte der entthronte Kaiser.
»Jetzt verstehe ich erst, warum man scherzte, Mutterchen habe eine Wespentaille!«
Da war er beim Gedanken an die Mutter den Tränen bereits wieder nahe, und zu gleicher Zeit fühlte er im Herzen den unwiderstehlichen Wunsch, sein Mütterlein wieder zu sehen, und um dieses Gedankens willen, den diesmal die Wespe angeregt hatte, schenkte er dem schönen Tier seine Liebe. Auch die Wespe schien jetzt besänftigt und unterbrach die Pause:
»Schau, schau, da sind wir also verwandt? Dann reiche mir das Bein, damit wir Frieden schließen.«
Weil Max ein wenig unschlüssig dastand, fuhr sie lebhaft fort:
»Na, na, bist du vielleicht noch empört über meine Jagd auf Ameisen? Wenn ich nicht irre, waret ihr bei meiner Ankunft damit beschäftigt, euch recht brüderlich gegenseitig den Garaus zu machen. Mir scheint, daß Mord unter Geschwistern ein ruchloseres Geschäft ist als unter weitläufigen Verwandten!«
Gegen diese Rede ließ sich wirklich nichts einwenden, darum entgegnete Max sanft und mild:
»Ja, ja, du hast recht. Durch dich wurde ich aus den Zangen meiner Ameisenbrüder errettet, wenn du das auch nicht beabsichtigt hattest. Aber trotzdem darfst du doch nicht vergessen, daß wir Ameisen unter den Hautflüglern das stärkste, das klügste und das, das, das -- -- --«
Max fand keine Zeit mehr, ein drittes lobendes Eigenschaftswort für sein Volk zu finden, denn die Wespe ließ den Redner plötzlich mit einer unerwarteten und raschen Bewegung im Stich, um über eine ansehnlich große Raupe herzufallen, welche das Unglück hatte, in der Nähe vorbeizukriechen. Es war das Werk eines Augenblicks. Die Wespe ließ ihren Stachel aus der Scheide gleiten und versetzte die Raupe mit ein paar Stichen in einen Zustand, der es ihr unmöglich machte, ihren Spaziergang fortzusetzen.
»Hast du sie totgestochen?« schrie Max und lief herbei.
Die Wespe schüttelte den Kopf und murmelte auf geheimnisvolle Art:
»Was glaubst du wohl? Ich bin doch nicht so einfältig!«