Max Butziwackel der Ameisenkaiser: Ein Buch für Kinder und große Leute
Part 5
Max überlegte eine Weile in schweren Gedanken versunken.
»Fuska«, sagte er dann, »willst du die Verteidigung des Ganges übernehmen?«
»Das ist nicht schwer«, erwiderte sie, »aber so, wie es jetzt ist, kann der Kampf ein Jahr dauern. Keiner wird nachgeben!«
»Das wollen wir sehen!« rief Max. -- »Genügen dir zwanzig Leute, um den Feind hier festzuhalten?«
»Das ist mehr als genug!«
»Dann verlaß dich nur auf mich!«
Max befahl zwanzig Ameisen, bei Fuska auszuhalten, und ganz leise, ohne daß der Feind etwas merkte, führte er ein ganzes Regiment rückwärts zu dem Gange, den wir von dem Einbringen des Regenwurmes kennen.
Maxens Plan war eines großen Feldherrn würdig. Er fühlte sich bereits als ein Hindenburg der Ameisen. Am Ausgang des Ganges ließ er seine Schar, es waren etwa hundert Soldaten, lauter auserlesene Mannschaften, Halt machen. Er selbst bestieg einen Hügel, von dem aus man zum Haustor hinsehen konnte. Fuska hatte recht. Dort stand in langen Marschkolonnen das feindliche Heer vor den Toren und drängte den Vordersten nach, die bereits zum Angriffe eingedrungen waren. Max kam zu seiner Truppe zurück und befahl:
»So ruhig wie möglich muß vorgerückt werden! Vorwärts! Marsch!«
15. Max wird General auf dem Schlachtfeld.
Ihr wißt, liebe Kinder, daß es unter den Menschen Faulenzer gibt. Obwohl sie gesund und kräftig genug sind, auch Arbeit genug fänden, geben sie den Menschen vor, krank und elend zu sein, betteln sie an und verdienen sich ihr Brot mit Lüge und Heuchelei. Andere Faulpelze werden frech und stehlen oder rauben dem arbeitsamen Mitbürger, was sie zum Leben brauchen. Bisweilen rotten sie sich zu einer Räuberbande zusammen, holen den fleißigen Landwirten die Früchte vom Felde und von den Bäumen, dringen in die Häuser der Leute ein und rauben den Bauern das Vieh aus dem Stalle, dem Kaufmann das Geld aus der Kasse. Wenn sich jemand den Räubern widersetzen will, werden sie frech, mißhandeln die Guten und schlagen sie tot. So macht die Trägheit aus den Menschen Diebe und Räuber. Ganz ähnliche Verhältnisse findet man auch bei den Insekten. Eine schlimme Diebs- und Räuberbande sind die Roten Ameisen. Wild, roh, zur Arbeit unfähig, haben sie allen ordentlichen Ameisen den Krieg erklärt, sich zu richtigen Räuberhorden vereinigt, greifen ruhige Arbeiterfamilien an, dringen in ihr Haus ein, rauben alles, was sie finden, sogar das Vieh, die Blatt- und Gallenläuse, und tragen alles fort in ihre Höhlen. Ganz unerhört aber ist es, daß sie auch Eier und Larven der Arbeiterameisen wegschleppen. Wißt ihr warum? Sie lassen diese Arbeiter bei sich zu Hause ausschlüpfen und halten sie als Sklaven. Diese als Kinder geraubten Ameisen müssen, wenn sie groß geworden sind, den Räubern alle häuslichen Geschäfte besorgen, ihnen dienen und sie sogar waschen und kämmen. Daher sagt man von den blutroten Raubameisen, sie seien ein gemischtes Volk. Außer der eigenen Sippe findet man bei ihnen eine fremde Art als Sklaven. Die Roten selbst sind Krieger. Als Sklaven suchen sie sich mit Vorliebe die dunklen Rasenameisen, weil diese sehr geschickt und fleißig sind.
Ihr könnt euch vorstellen, mit welch wilder Gier sie vor dem Ameisenstaat standen, in dem Max und Fuska die Verteidigung leiteten. Sie konnten kaum den Augenblick erwarten, in den Bau einzudringen. Dann wollten sie als Sieger die Einwohner vernichten und ihre Habe an sich reißen. Aber urplötzlich ertönte über ihnen das Kriegsgeschrei: »Schlagt sie tot, die Räuber!« Mit seiner ganzen Schar brach Max seitlich in die feindlichen Marschreihen ein. Die Roten, die eine derartige Überrumpelung keineswegs erwartet hatten, stoben auseinander. Vergeblich versuchten sie sich wieder zu sammeln. Max mit seinen Getreuen zögerte nicht, den Feind in zwei Haufen zu trennen; so verhinderte er sie, geordneten Widerstand zu leisten. Wo immer er erschien, brachen Schrecken und Verwirrung los bei den Roten. So vorzüglich gelang der Überfall, daß der Feind an nichts anderes als an Flucht denken konnte.
»Verfolgt die verfluchten Räuber! Schont mir keinen!« so feuerte Max die Seinen an.
Während das siegreiche Regiment die Flüchtigen verfolgte, sprang er selbst rasch zu dem Eingang des Hauses und verdeckte ihn sorgfältig mit einem dürren Blatt, so daß nur eine winzige Öffnung blieb, durch die mit Mühe eine einzelne Ameise sich durchzwingen konnte. Denn die Feinde, die in den Gang eingedrungen waren, befanden sich noch immer drinnen. Sie hatten noch nicht bemerkt, daß ihr draußenstehendes Volk bereits eine schwere Niederlage erlitten hatte, und suchten den Durchbruch zu erkämpfen.
»Diese Schufte«, so überlegte Max, »haben den Eingang und einen Teil unseres Hauses kennen gelernt. Es wäre gefährlich für uns, wenn sie am Leben blieben, denn sie hätten für ein zweites Mal unsern Festungsplan!« Er setzte sich mit seinem ganzen Gewicht auf das vorgeschobene Blatt, belauerte mit gezückten Kieferzangen die kleine Öffnung und schrie mit mächtiger Stimme hinein:
»Hier stehe ich, Fuska, jage die Halunken heraus!«
Im Innern des Ganges entstand sofort eine grenzenlose Verwirrung. Die Roten, entsetzt, eine feindliche Stimme von dorther zu vernehmen, wo sie ihre eigenen Leute zur Rückendeckung glaubten, machten in nie gesehener Eile kehrt und stürzten dem Ausgange zu, verfolgt von Fuska und ihren Tapfern. Geschoben und gedrängt, drückten sie sich am Eingang zu einem Knäuel zusammen, bis sie mit Not und Mühe die winzige Öffnung fanden, die Max für sie offen gelassen hatte. Einer nach dem andern mußten sie sich herausdrücken. Das war es gerade, was Max beabsichtigte. Lauernd stand er schon bereit. Mit offener Zange stürzte er sich auf jede herauskrabbelnde Rote und zwickte ihr ohne Umstände blitzschnell den Kopf ab. Bei dem blutigen Handwerk erfaßte ihn eine berauschte Stimmung. Er kam sich vor wie ein Rasierer, in dessen Stube die Leute auf Behandlung warten, und wie jener rief er jedesmal, wenn ein feindlicher Kopf in den Sand rollte:
»Fertig! Der nächste Herr!« Elf Feinde waren schon auf diese Weise erledigt, und eben schickte er sich an, das Dutzend vollzumachen, da tönte es ihm entgegen:
»Halt, oho, was fällt dir ein!?«
Es war Fuska.
»Ums Himmels willen!« rief Max zum Tode erschrocken, -- grauenhaft! -- er mochte es gar nicht ausdenken, welch schauerliches Unheil er in seinem wilden Eifer beinahe angerichtet hätte.
»Ach, verzeihe«, stammelte er entschuldigend, »ich war so im Zuge, und schau dich hier nur mal um!« Mit Staunen und Grauen betrachtete sie die Köpfe der Feinde. Nicht einer war entkommen.
»Laß mich nur machen«, fuhr Max eifrig fort; dann lief er suchend umher und sammelte vor dem Eingang elf feste Tannennadeln. Auf jede spießte er einen abgebissenen Kopf und pflanzte sie wie Pfähle nebeneinander vor dem Tore auf.
»Künftighin«, meinte er, »werden sich's die Raubritter überlegen, uns anzugreifen, wenn sie diesen Gartenzaun vor unserem Hause betrachten.«
»Sie werden trotzdem wiederkommen«, sagte ernst Fuska, »die Roten sind unversöhnliche Feinde. Morgen erleben wir einen neuen Angriff.«
Aus der Ferne hörte man schon seit einiger Zeit Rufe. Sie kamen näher und wurden immer lauter. Es war Maxens siegreiches Heer, das von der Verfolgung zurückkam. Als diese Tapfern ihren Führer neben den aufgespießten Feindesköpfen sahen, brachen sie in hellen Siegesjubel aus, der kein Ende nehmen wollte.
»Hurra! Hurra! Es lebe der Held mit der weißen Fahne! Butziwackel lebe hoch! Unser General Butziwackel dreimal hoch!«
Wie ein Donner rollte das Freudengeschrei der Sieger über das Schlachtfeld. Max legte heute zum erstenmal mit hoher Genugtuung sein rechtes Vorderbeinchen an seine Fahne, dachte dabei an seine Mutter und murmelte leise und tiefbewegt:
»Gutes, liebes Mütterlein! Wie glücklich wärest du wohl, wenn du es wüßtest:
Heute ist dein Max bei den Ameisen General geworden!«
16. Ein Gasangriff auf General Butziwackel.
Noch jubelte das begeisterte Ameisenheer seinem siegreichen Feldherrn zu, als sich mitten im Volk die ernste Stimme des greisen Professors vernehmen ließ. Alles wurde plötzlich still, er aber sprach gelassen:
»Eure Tat war gut, da ihr unsere Heimat verteidigt habt. Der Krieg aber ist an sich ein Verbrechen. Selbst wenn er aus gerechten Ursachen geführt werden muß, kann man ihn doch nur als eine traurige, beklagenswerte Notwendigkeit bezeichnen. Darum solltet ihr euch jetzt nicht der ungezügelten Siegerfreude hingeben, sondern vielmehr die Tatsache betrauern, daß unsere friedliche Arbeit durch den Gewaltstreich einer Räuberbande unterbrochen wurde. Allein die Arbeit und nichts anderes bringt einem kultivierten Volke Ruhm und Ehre.«
Max wollte gegen die Auffassung des gelehrten Mannes Einwände vorbringen, dieser aber fuhr unbeirrt weiter:
»Der Krieg bleibt immer ein Unglück, auch für den Sieger. Seht nur her; ihr erblickt tot und verwundet viele eurer Gefährten; den Larven und Puppen sind die Pflegeschwestern entrissen, viele starke Kieferzangen, die der Arbeit unseres Staates geweiht waren, sind für immer verloren!«
Fuska, die Weise, gab dem Professor vollkommen recht. »Es ist so«, sprach sie. »Wir müssen daran denken, mit doppeltem Fleiße die Toten zu ersetzen. Jetzt heißt es zunächst, unser Haus von allem Ungesunden zu reinigen. Die Leichname unserer Helden und der gefallenen Feinde müssen fortgeschafft werden.«
Alsbald nahm dieses vernünftige Volk die Arbeit mit Kraft und Mut wieder auf. Die Toten wurden weggeschafft, sofort begann im Hause die alte Friedenstätigkeit.
Max gelüstete es, den Kriegsschauplatz noch einmal zu besichtigen. Ganz allein mit seinen hohen Gedanken schlenderte er durch die Umgebung. Nach dem errungenen Siege spürte er in sich eine stille Befriedigung. Sein Herz pochte stolz, wenn er alle Einzelheiten des vergangenen Tages betrachtete. Schon stieg ihm der Ehrgeiz zu Kopfe.
Träume von kühnen Schlachten und herrlichen Triumphen erfüllten seine Seele. An einen Grashalm gelehnt, ließ er seinen siegestrunkenen Phantasien freien Lauf.
»Mag der Professor predigen, was er will«, dachte er, »ich fühle mich als Ameise zu großen Dingen berufen. Der erste Schritt auf dem Wege des Ruhmes ist getan; ohne Frage bin ich der größte Schlachtenlenker, der bei einem Ameisenvolke lebte. Morgen werden uns die Roten, wie Fuska sagt, wieder angreifen. Das soll für mich ein neuer, glänzender Sieg werden. Und hernach -- was könnte mich dann noch hindern, in unserem Staate regierender Fürst und später König aller Ameisen zu werden!«
In diesem Augenblicke vernahm er in der Nähe ein sonderbares Geräusch, das hörte sich an, als ob ihn jemand ob seiner ehrgeizigen Träume auslachen wollte. Aber schon war er eingehüllt in eine Nebelwolke, die einen unerträglichen Gestank verbreitete. Max sprang entsetzt zur Seite und gewahrte ein unbekanntes Insekt. Sein Rücken war schwarz, Hals und Beine ziegelrot. Rücksichtslos kehrte es ihm das Hinterteil entgegen.
»Wer hat dich solche Unanständigkeit gelehrt?« rief Max wütend.
Statt jeder Antwort schickte ihm das Insekt mit demselben Geräusch eine zweite Ladung entgegen. Eine übelriechende Gaswolke hüllte Max ein, so daß er nahe daran war, zu ersticken.
Der Zorn stieg ihm aber jetzt so hoch, daß er die Kraft fand, sich auf diesen schlechterzogenen Frechling loszustürzen. Er sprang ihm auf den Rücken und packte ihn mit den Vorderbeinen fest beim Schopfe. Schon ging er daran, ihn mit seinen starken Kieferzangen zu köpfen, wie er es vor kurzem mit seinen Feinden gemacht hatte.
»Um Gottes willen«, winselte das Tier, »töte mich nicht!«
»Tut mir leid, ich kann nicht anders. Was glaubst du eigentlich? Einem General so etwas anzutun!«
»Ach, ich glaubte, du wolltest mich angreifen, und ich suchte nur mich zu verteidigen.«
»Papperlapapp! Das nennst du verteidigen? Machen es vielleicht alle so aus deiner Verwandtschaft?«
»Ja, so machen wir es alle.«
»Dann seid ihr alle abscheuliche Leute. Wie heißt ihr euch?«
»Wir sind Bombardiere.«
»Na, ausgezeichnet. Aber diese Art von Schießerei mißfällt mir gründlich.«
Und geschwind öffnete er die Zangen, um diesem Herrn Bombardier den Kopf abzuzwicken. Aber zu guter Letzt kam ihm ein besserer Gedanke. Er beugte sich zu dem Insekt herab und schrie es ordentlich an:
»Sage mal, Bombardier, wenn ich dir das Leben schenke, willst du dann versprechen, mich nie mehr zu beschießen?«
»Darauf gebe ich dir das Wort eines ehrlichen Käfers.«
»So bist du also ein Käfer?«
»Freilich, siehst du es nicht? Schau mal her!«
Der Bombardier spannte die Flügel aus und machte Max aufmerksam auf die besondern Merkmale seiner Gattung. Er besaß zwei außerordentlich feine Hautflügel zum Fliegen; diese lagen unter einem andern Flügelpaar von kräftiger Hornmasse wohl beschützt, wenn er sie nicht zum Fliegen brauchte.
»Diese Anordnung der Flügel«, erklärte der Bombardier, »findest du fast bei allen Käfern. Ich selber heiße ~Brachinus crepitans~, aber die wenigsten Leute nennen mich bei meinem ehrlichen Namen, und sie schelten mich schlechthin Bombardier. Ich gehöre zur Familie der Laufkäfer. Wir haben unter unsern Brüdern die schönsten Deckflügel und glänzen schillernd in allen Farben.«
»Ihr könnt so schön sein, als ihr wollt«, bemerkte Max, »aber Erziehung habt ihr keine!!«
»Du spielst wohl auf den Dampf mit scharfem Geruch an, den wir aus unserem Hinterleib ausstoßen können?«
»Ein schöner Dampf!« rief Max, »schön scharf, ich danke!«
»Je nun, das ist meine Waffe! Sie schützt mich vor Angriffen und hilft mir, kleine Insekten zu erjagen.«
»Elender! Du wolltest mich also verspeisen?«
»Ich will es nicht leugnen. Aber du bist meiner Waffe nicht unterlegen. Das ist mir noch nie vorgekommen.«
»Gott sei gedankt! So höre, was ich dir sage: Kannst du mir ein Dutzend Bombardiere, wie du einer bist, verschaffen?«
»Ich kann es. Fünf wohnen mit mir unter einem Stein, andere haben ihre Wohnung in meiner Nachbarschaft.«
»Sehr gut. Wie gefiele es euch, wenn ich euch hundert und mehr Ameisen zu einem Mittagessen besorgte?«
»Ei, potztausend!«
»So höre. Morgen in aller Frühe findest du dich mit deinen Leuten unter jenem Kürbisblatt ein. Du siehst dort das große Blatt?«
»Zweifle nicht, wir sind zur Stelle.«
»Dann werde ich morgen die nötigen Anweisungen geben. Lebe wohl, Freund! Bringe alle deine Leute und hebt mir eure Kanonenschüsse gut auf, wir werden die ganze Munition nötig haben.«
Nach dieser Verabredung entfernte sich Max, in Gedanken und Plänen versunken. Die Vorderbeine auf dem Rücken verschränkt, murmelte er befriedigt von seinem Erlebnis in sich hinein: »Die Weltgeschichte wird einst zu schreiben haben von den Taten des Generals Max Butziwackel. Wenn mich jetzt der große Napoleon sähe, wie klein müßte er sich vorkommen vor mir!«
17. Kaiser Butziwackel I.
Am folgenden Tag beim Morgengrauen versammelte Max alle erwachsenen Ameisen im großen Saale, und mit dem schnarrenden Befehlston eines Offiziers, der das Kommandieren längst gewöhnt ist, sagte er ohne Umschweife:
»Ich teile euch mit, daß ich heute morgen einen Angriff auf die Roten Ameisen beabsichtige und ihnen eine Feldschlacht liefern will.«
Der Professor schüttelte höchst mißbilligend den Kopf und sprach ernst:
»Auf solche Weise verlassen wir das gute Recht und stellen uns auf die Seite des Unrechts. Gestern handelten wir in gerechter Notwehr, heute dagegen wollen wir bösartige Angreifer werden.«
Eifrig hielt Max eine Gegenrede:
»Wir müssen entschieden dem Handel ein kurzes Ende machen, sonst kann aus dem glorreichen Siege, den ich euch gestern erstritten habe, keine Gewähr für eine sichere Zukunft erstehen.«
»O weh!« warnte der gute, weise Lehrer.
»Du beginnst bereits, uns deine geleisteten Dienste vorzuzählen und zu prahlen, weil du deine Pflicht erfülltest!«
»Ach was, Pflicht«, versetzte Max unwirsch, »hätte ich nicht meinen Mann gestellt, weiß Gott, wie es heute um euch stünde! Kurzum, meine Anordnungen sind gegeben, ich werde mich in kurzer Frist mit meinem Heer in Bewegung setzen.«
Nun sprang der Professor aber zornbebend auf.
»Dein Heer? Dein Heer! Wer gibt dir, Unsinniger, ein Recht, über Leib und Leben deiner Kameraden wie über dein Eigentum zu verfügen? Hast du denn ganz vergessen, daß in unserem Staate alle gleich sind und jeder dieselben Rechte und Pflichten hat?«
»Wenn alle gleich sind«, antwortete Max hochmütig, »warum hat dann nicht ein anderer getan, was ich tat?«
Ohne weitere Einwände anzuhören, ohne selbst auf Fuskas entschiedenen Rat zu achten, verließ er den Saal und rief mit erhobenem rechten Vorderbein:
»Ob es euch zusagt oder nicht, -- die Soldaten, die mich gestern kämpfen sahen, haben Vertrauen zu mir und werden mir folgen!«
Und unglaublich! Der größte Teil der Ameisen, berauscht vom Siege und der Aufregung des vorigen Tages, folgte mit Begeisterung Maxens Anordnungen.
Schnurstracks marschierte er mit seiner Streiterschar zum Tore hinaus und dachte: »Kein Zweifel, das Heer ist mir zugetan. Ich kann sicher auf dessen Treue zählen, und nach der siegreichen Rückkehr ist ein Staatsstreich unausbleiblich.«
An nicht allzu ferner Stelle kommandierte er »Halt!« Seine Soldaten stellte er in Reihen auf und verteilte Ämter und Würden. Dies wollte er tun, um ihren Ehrgeiz zu spornen, dann aber auch, um die einzelnen an sich zu fesseln, schließlich aber auch, um folgende Rede halten zu können:
»Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Ihr habt bereits Beweise eures Mutes gegeben, ich werde mit eurer Hilfe auch heute den Feind vernichten.«
»Hoch der General mit der weißen Fahne, hoch, hoch, hoch!« so schrien sie alle im Chor, und Max fuhr fort:
»Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Heute kann ich euch die besten Hoffnungen machen. Durch eine Überraschung wird uns der Sieg über die Feinde sicher sein. Bleibt hier in Bereitschaft und erwartet mich! Sobald ich zurückkomme, werden wir gegen den Feind anmarschieren!«
Nach dieser Rede übertrug er das Kommando an Dickkopf und Großzang, zwei verdiente Krieger, die er zu seinen Adjutanten erhoben hatte und in die er volles Vertrauen setzte. Dickkopf gehörte zwar nicht zu den Gescheitesten, besaß aber eine außerordentliche Kraft und Ausdauer. Großzang war mit zwei schrecklichen Kieferzangen bewaffnet. Er hatte nur einen Fehler, und zwar den, daß er nie satt werden konnte. Tag und Nacht quälte ihn der Appetit. Diese beiden tapferen Streiter hatten ihrem Führer Max schon derartige Beweise ihrer Ergebenheit geliefert, daß er sich unbedingt auf sie verlassen konnte.
Max begab sich zu dem bekannten Kürbisblatt, in dessen kühlem Schatten der gute Professor seinerzeit so warm für den Ameisenvölkerfrieden eingetreten war. Hier gerade traf General Butziwackel mit dem Käfer zusammen, mit dem er tags zuvor ein Bündnis für den Krieg geschlossen hatte.
»Gut, daß du da bist!« sagte er ihm. »Wo sind die andern Bombardiere?«
»Hier sind sie«, sprach der Käfer.
Max sah unter einem Blatt die Kameraden seines Verbündeten versammelt, überzählte sie und rief erfreut:
»Ihr seid ein volles Dutzend! Gut! Die andern stehen alle selbstverständlich unter deinem Kommando, nicht wahr?«
»Jawohl!«
»So passe jetzt mal gut auf! Ich bin der General, vorderhand wenigstens, später hoffe ich es noch weiter zu bringen; ich bin der General der Ameisen und Höchstkommandierender. Mein Heer ist ganz in der Nähe bereitgestellt, und ich werde es an den Feind heranführen! Sobald wir mit ihm in Fühlung geraten sind, üben wir einen Druck auf ihn aus, nach dieser Seite hin, verstanden? Sobald er in euern Feuerbereich kommt, kommandierst du sofort ›Feuer!‹ und bum! bum! bum! schießt ihr alles ohne Gnade und Erbarmen über den Haufen!«
»Verlaß dich auf uns!« sprach der Herr Oberbombardier, -- »sie sollen schwimmen in ihrem Blute!«
»Nun, guten Morgen und guten Appetit zur rechten Stunde!« rief Max und eilte zu seinem Heer zurück.
»Nichts Neues?« fragte er Großzang und Dickkopf.
»Zu Befehl, Herr General«, meldete Großzang, »in kurzer Entfernung von uns machte sich ein Fähnlein Roter bemerkbar, das gegen uns anzurücken schien. Als sie uns sahen, sind sie fluchtartig entwischt.«
»Vorwärts also! Wir spüren sie auf, umzingeln sie und drängen den Feind dorthin zu jenem Kürbisblatt.« -- Er zeigte mit wichtiger Miene die genaue Stelle. -- »Dort steht meine Artillerie. Bataillon! Vorwärts, marsch!«
Das Heer ging vor. Neben Max marschierte als Führer eine Ameise, die von der gestrigen Verfolgung her die Straßen genau kannte. Von dieser kundigen Ameise geführt, gelang es in kürzester Zeit, das Feindesheer zu entdecken, das bereits den Kampf zu erwarten schien.
Mittels eines schlauen Manövers umging Max den Feind derart, daß er ihn im Rücken fassen und leicht nach der gewünschten Richtung drängen konnte. Der Gegner schien keine Ahnung von den Plänen des Feindes zu haben.
»Welch einfältige Kerle!« murmelte Max. »Sie haben keinen Begriff von Kriegskunst.«
Im geeigneten Augenblick ging er zum Angriff über. Die Roten versuchten keinen Widerstand, da sie höchstens zu fünfzig waren.
»Drängt sie vorwärts!« rief Max seinen Soldaten zu.
Doch es war unnötig. Als ob die Roten gar nichts Besseres wünschten, so ließen sie sich zum Kürbisblatt hintreiben. Nur hie und da schaute, in voller Flucht, einer sich um, ob man ihnen auch wirklich noch auf den Fersen sei.
Im selben Augenblick, als sie an dem Kürbisblatt ankamen, hörte man das laute Kommando:
»Feuer!«
Ein donnernder Schuß mit einer wohlgezielten Ladung folgte dem Kommando. Die Roten waren plötzlich in eine Rauchwolke gehüllt, deren ekler und scharfer Geruch ihnen den Atem raubte. Nochmal wiederholte sich das Kommando, und nochmal, dichter und heftiger, verbreitete sich der Dampf. Max hielt sein Heer an, zeigte seinen Leuten die dichten Gaswolken und rief:
»Dort stehen meine Bombardiere, die den Feind mit Kanonendonner empfangen!«
Jetzt begriffen alle, welch frohe Überraschung ihnen Max zum glücklichen Ausgang des Kampfes bereitet hatte; in unbändiger Begeisterung toste es durch das Heer:
»Hurra! Hurra! Hurra!«
Indessen drang aber der üble Dampf der Geschosse bis zu den eigenen Reihen. Max ließ darum eine Schwenkung nach links machen, und während die erstickten Roten im letzten Todeskampf zuckten, führte er seine Leute hinter einen Steindamm in Sicherheit, stellte sie in Reih und Glied auf und hielt folgende Ansprache:
»Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Ehe wir zu dieser Schlacht ausrückten, wollten sich einige alte Ameisen mit allen möglichen Behauptungen meinen Plänen widersetzen. -- Und nun seht! Ein schöner, großer Erfolg krönt mein Werk. Dank den mächtigen Verbündeten, welche ich für unsere Sache zu erwerben wußte, ist unser Haus gerettet vor seinem unerbittlichen Erbfeinde!«
»Jawohl, jawohl!« riefen die Soldaten.
»Längst schon habe ich beobachtet«, fuhr Max mit sorgenschwerer Miene fort, »daß die Regierung unseres Staates eine recht mangelhafte und einseitige ist! Viel zu wenig persönliche Freiheit gewährt sie, viel zu wenig Fortschritt ist von ihr zu erhoffen. Fortschritt und Freiheit aber sind die zwei notwendigsten Dinge für eine moderne Ameise. Wenn die Gleichberechtigung aller Ameisen weiter besteht, dann werden wir auch ferner mit Altweibergeschwätz, mit veralteten Anschauungen und mit Kinderängsten zu kämpfen haben.
Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Ich schlage daher vor, daß ihr aus euren eigenen Reihen eine Ameise von Geist und Mut erwählt, eine Ameise, zu der ihr volles Vertrauen habt; daß ihr diese Ameise zu eurem Oberhaupte ernennt, zu eurem König oder, wenn ihr wollt, zu eurem Kaiser!«
»Jawohl, jawohl!« riefen alle zusammen.