Max Butziwackel der Ameisenkaiser: Ein Buch für Kinder und große Leute

Part 4

Chapter 43,703 wordsPublic domain

»Du kleiner Hungerleider«, lächelte Fuska. »Bisher bist du von mir gespeist worden, es ist aber jetzt an der Zeit, daß du allein essen lernst.«

»O da mache ich sicher die schönsten Fortschritte, ich will es gerne versprechen!«

»So komm, du sollst jetzt unsere Ställe kennenlernen.«

Eine neue Überraschung! Ställe!

»Ställe? Wirkliche, wahrhaftige Ställe?«

»Komm nur, wir werden unsere Kühe melken.«

Ziemlich einfältig blickte Max um sich.

»Kühe? Wo? Melken? Wie?« -- Kopfschüttelnd ging er hinter Fuska her, die ihn in einen schiefen, aufwärts strebenden Gang führte, der bis zur Erdoberfläche reichte. Er fühlte die Luft freier und kühler wehen und bemerkte, daß der Gang oberhalb des Erdbodens weiter senkrecht emporstieg. Im Hohlraum des Ganges stand aus dem Erdboden herauswachsend der Stengel einer Pflanze. Es war ersichtlich, daß der röhrenförmige Bau errichtet war, um diese Pflanze zu schützen. Sie kletterten in die Höhe und gelangten schließlich in einen erweiterten Raum. Dieser glich einer hohlen Kugel. Hier lebten Insekten, die Max nicht gleich erkannte. Durch ein kleines Fensterchen drang ein Lichtstrahl ein, und Max sah, daß es Tierchen waren, wie er solche oft herdenweise an den Rosenzweigen in seinem Garten beobachtet hatte und die Onkel Walter Blattläuse nannte.

»Hier hast du zwei Arten von Milchkühen«, lud Fuska ein, »wähle und laß es dir tüchtig schmecken.«

Max stand verblüfft vor den Blattläusen und den Gallenläuschen, die Fuska Kühe genannt hatte.

»Melken? Ja, wie denn? -- wo denn?«

»Nun hinten!« ermunterte ihn Fuska.

Max war verblüffter als zuvor. Wahrhaftig, für eine saubere Ameise, die sogar an den Füßen ihre Kämmchen mitführte, war dies eine schmutzige Geschichte. Allerdings hatte seine Mutter einmal in der Küche Brötchen mit einer gewissen Schnepfensache bestrichen, die dem Namen nach auch nichts Schönes versprach, die sich aber als Leckerbissen herausstellte. Ohne länger zimperlich zu zaudern, ahmte er Fuskas Beispiel nach, fing sich eine fette Kuh aus der Herde und begann tüchtig zu melken und zu schlucken, was sich die Blattlaus ohne Widerrede gefallen ließ. Es war natürlich keine Milch, was ihm da so gut mundete, sondern der ihm bereits bekannte vorzügliche Sirup. In mächtigen Zügen trank er sein Bäuchlein so rundlich voll, daß er zur Verdauung an die frische Luft zu gehen wünschte.

Durch das Fenster stieg er mit Fuska ins Freie und kletterte längs der Außenwand zur Erde hinab. Nun lag das anmutige Bauwerk im Mondlicht vor seinen Blicken, dessen Äußeres er sich vorher nicht gut vorzustellen vermochte.

Vom Erdboden aus erhob sich der Röhrenbau in Gestalt einer wohlgeformten, fast senkrecht stehenden Walze und schloß zu oberst in einer kugeligen Ausbuchtung ab. In diesem erweiterten Raume lebten die Blattläuse und Gallenläuse. Eine zierliche Krönung fand das hübsch gebaute Türmchen durch die langen, grünen Blätter der Pflanze, die aus der Dachöffnung herauswuchsen.

»Beim Anblick dieses Bauwerkes steht mir ja der Verstand still«, meinte Max.

»Und doch ist es gar nicht schwer, das alles zu begreifen«, sprach Fuska. -- »Die Blattläuse saugen ihre Nahrung aus der saftigen Rinde der Pflanzen. Wir verzehren mit Vorliebe den Honigseim, den sie in ihrem Körper bereiten und nach außen abgeben. Darum holen wir uns diese Insekten herbei, halten sie als Haustiere und melken sie, wie du es eben selbst getan hast.«

»Ja, ja!« unterbrach Max schmunzelnd die Belehrung, »ich habe heute melken gelernt, und es hat mir geschmeckt wie noch nie im Leben.«

»Gewiß! -- Allein, damit die Tierchen ihre süße Flüssigkeit von sich geben können, müssen sie auch zu essen haben. Darum haben wir ihnen den Stall um eine lebende Pflanze gebaut; auf dieser finden sie ihre Nahrung. Für gewöhnlich halten wir unsere Kühe in einem Raume innerhalb des Hauses. Das erspart viel Arbeit und ist viel bequemer. Aber wenn wir beim Ausheben unserer unterirdischen Höhlenwohnungen nicht auf die Wurzeln einer lebenden, saftigen Pflanze stoßen, dann müssen wir außerhalb des Hauses solche Bauten aufführen.«

Wenn die Ameisen, wie es manchmal Menschen zustößt, sich hinterdenken könnten, dann hätte Max vor Verwunderung seinen Verstand verloren. -- Unglaublich! -- Die Ameisen hatten, geradeso wie die Menschen, ihre melkbaren Kühe, sie bauten für diese Ställe, und diese Ställe waren in allem der Lebensweise ihrer Bewohner angepaßt. Die Kühe fanden darin, ohne daß man es ihnen hätte hintragen müssen, ein gutes Futter und gaben dafür ihre süße Milch. Was Max bis jetzt vom Ameisenleben gelernt hatte, war fast zuviel für seinen kleinen Kopf.

Er mußte immer noch darüber nachdenken, als sie den Turm wieder hinaufkletterten, durch das Fenster einstiegen und durch die Röhre in das Ameisenhaus zurückkamen. Was er gelernt hatte, erregte seine helle Begeisterung: Die kleinen Ameisen sind Kindergärtnerinnen, Lehrer, Bergmänner, Soldaten, Maurer, Baumeister, Bildhauer und schließlich gar noch Viehzüchter.

Doch als sich Max an Fuskas Belehrungen über die Natur der Blattläuse erinnerte, kam auch ein banges Gefühl der Besorgnis über ihn, und er sprach zu sich selber:

»Gott soll mich davor bewahren! Aber ich habe eine Ahnung und bringe sie nicht los. -- Am Ende hat die Gesellschaft auch noch einen Lateinprofessor, und ich muß wieder Grammatik studieren. -- +O je, o je!!+«

11. Eine Ameise, der das Latein Leibweh macht.

Max war wieder in das Innere des Hauses zurückgekommen. Bald sollte er erfahren, daß Ameisen nicht an Verdauungsbeschwerden leiden.

Drunten arbeiteten die Gefährten immer noch glättend, befestigend und erweiternd an dem neu gegrabenen Gang. Als drei dieser Fleißigen unsere Ankömmlinge bemerkten, eilten sie auf diese zu und begannen:

»Wir haben Hunger, wollt ihr uns zu essen geben?«

»Du hast für viere gegessen«, wendete sich Fuska zu Max, »sättige die drei!«

Ehe Max begriff, was sie wohl meinte, hielt eine Arbeiterin ihren Mund an den seinen und saugte ihm eine gehörige Portion vom genossenen Sirup aus dem Leibe.

Er konnte nur ganz einfältig dabei stillhalten.

»Aber das sind dumme Witze!« rief er, als sie fertig war.

Fuska erklärte: »In deinem Kröpfchen hast du einen Teil deiner genossenen Nahrung aufgespeichert. Das ist dein Vorratskämmerchen, aus dem du Larven und hungrige Arbeitsschwestern speisen kannst, wenn diese letzten vor Eifer keine Zeit finden, selber Nahrung zu suchen.«

»Ach«, dachte Max, »bei den Menschen ist das nicht so einfach! Diejenigen Leute, die so viele Zeit, Mühe und Geld anwenden, sich alle Tage toll und voll zu essen, würden sich bedanken, wenn hungrige Leute sie um solche Unterstützung anriefen. Fleißige Ameisen finden also Kameraden, die ihnen das Essen in den Mund stecken, während es genug fleißige Menschen gibt, die manchmal weder Arbeit noch Essen finden, selbst wenn sie mit der Laterne danach suchten! Alle Ameisen haben, so sehe ich, einen unwiderstehlichen Trieb zur Arbeit, was man von den meisten Menschen gewiß nicht behaupten kann!«

Seine Erlebnisse gaben Max einen großen, schönen Begriff von dem weisen, hilfsbereiten, brüderlichen Zusammenleben des Ameisenvolkes, das er als Kind so oberflächlich beachtet hatte. Als er zum ersten Male das Ameisenhaus betrat, hatte er sich mit seinem Verstande den kleinen Insekten hoch überlegen gedünkt. Jetzt aber begriff er, daß die Menschen ihnen kaum etwas voraushatten. Nicht einmal den Honig! Der Zuckersaft, den er verspeist hatte, war ja herrlich!

In einem einzigen Tage hatte er eine neue Welt entdeckt, von der er sich nie hätte träumen lassen.

Leider gibt es aber neben dem Guten auch Schlimmes in jeder Welt.

Das erlebte Max schon am nächsten Morgen, als Fuska zu ihm sprach:

»Heute ist schönes Wetter; da wird die Schule im Freien gehalten. Gehe mit den jungen Ameisen jetzt hinaus.«

Bei diesen Worten verging Max alle Begeisterung. Schlechtgelaunt, verstimmt und ohne Lust schlich er hinaus hinter den andern her. Unter einem großen, schattigen Kürbisblatt hielt man an. Dort stand schon mit ernsten Mienen eine alte, würdevolle Ameise auf einem Kieselsteinchen. Dieses sollte jedenfalls den Tisch des Lehrers bedeuten.

Die Ameislein wisperten und flüsterten sich zu, daß dies die älteste Ameise der Stadt sei, die schon viel von der Welt gesehen und erlebt habe und unendlich viel wisse.

»Meine lieben Ameisen«, so begann der Professor, »es wird euch gut tun, wenn ihr kleinen, vor kurzem geborenen Leute etwas von der Geschichte und der Lebensweise des Ameisenvolkes erfahrt.«

Hier räusperte sich der Professor und fuhr fort:

»Wir gehören zur vornehmsten Ordnung der Insekten, zu jener der Hautflügler; diese darf sich rühmen, daß ihr zwei Insektenfamilien angehören, die durch Klugheit, Fleiß und geordnetes Zusammenleben vor andern sich auszeichnen: die Ameisen und die Bienen. Tausenderlei Sippen gibt es bei uns, über die ganze Welt sind wir verbreitet, von der kleinen, arbeitsfrohen braunen Ameise angefangen bis zur riesig großen, räuberischen Eciton, die in kleinen Kolonnen den Wald durchziehen, um Ameisennester zu plündern, die ihnen besonders gefallen. Von der häuslichen, rührigen gelben Schwester bis zur frechen südamerikanischen Raubameise, die des Nachts in die Wohnungen der Menschen einbricht und ihnen das Brot stiehlt. Wir leben in geordneten Volksstaaten. Jeder arbeitet, jeder hat dieselben Pflichten, dieselben Rechte, einer achtet und liebt den andern, und alle sind Brüder einer Familie.« Max sah die Sache ins Breite gehen, und weil er meinte, in der Ameisenschule gälten dieselben Zeichen wie bei den Menschenkindern, hob er schlau sein rechtes Vorderbeinchen in die Höhe, um eilig hinausgehen zu dürfen. Allein der Professor schien ihn nicht zu verstehen.

Er fuhr, ohne Max zu beachten, in seiner Rede fort:

»Ich bin eine alte Ameise, und nach vielen und ernsten Erfahrungen glaube ich, daß in weiten, fernen Tagen unser Volk einer leuchtenden, sonnigen Zukunft entgegengeht. Heute sind wir ja noch durch falsche Überlieferungen, irrige Meinungen und kleinliche Selbstsucht in viele Stämme geschieden und zu gegenseitigem Kampf und Krieg verdammt. Wir kennen heute noch nicht einmal die edle Freude der Gastfreundschaft, und jede fremde Ameise, die unserem Herde in Zutrauen naht, wird von uns grausam ermordet. Allein wer weiß es, ob nicht doch der Tag erstehe, an dem alle Ameisen der Erde ihre Irrtümer einsehen und ihren gegenseitigen Nutzen richtiger erkennen? Sie werden dann ihre sinnlose Feindschaft begraben und alle ihre Kräfte vereinigend das erste Volk der Insekten werden! Dann werden alle Rassen und Stämme von der ~Mutilla europaea~ bis zur ~Oecodoma cephalotes~ --«

»Au, au, o weh, o weh!«

Die fremden Namen der ~Mutilla~ und der noch schlimmere ~cephalotes~ waren Max so auf die Nerven gegangen, daß er sich vor grimmigem Leibweh nach allen Seiten wand.

12. Butziwackel wird erkannt.

Beängstigt unterbrach der Professor seine Lektion, trat vom Steinpult zu Max herab und fragte besorgt:

»Wo fehlt es dir?«

»Au, au, mir ist so übel! Es tut mir überall weh, hier oben, dort unten, in den Beinen, am Kopf -- au weh! au weh!«

Der Professor war ein tüchtiger Kinderarzt und begann sogleich eine gründliche Untersuchung.

»Verletzungen finde ich keine«, sagte er dann, »dein Körper ist tadellos gewachsen. Du hast Kopf, Brust, Hinterleib und sechs Beine. Hm, hm! Tut dir's hier weh? dort? da?« und dabei klopfte und horchte er an Brust und Kopf des Patienten.

»Jawohl, hier und dort und da tut's weh!« wimmerte Max.

»Merkwürdig! Dein Muskelsystem ist gut, und du kannst wie jede andere Ameise ein Gewicht ziehen, das dreißigmal schwerer ist als du selbst, während der Herr der Schöpfung, der Mensch, oft nicht so viel heben kann, als er selbst wiegt. Hier -- was fühlst du hier?«

»O, es tut weh ... unten, hinten, vorne -- und oben auch!«

»Aber dein Blut fließt regelrecht durch die Adern, Magen und Darm arbeiten, wie sich's gehört, hm, hm! Atme mal recht tief! Auch die Atmung ist gut. Sind's vielleicht die Nerven?«

»Ach ja, die Nerven sind's vielleicht, Herr Professor. Ich spürte einen Stoß in allen Nerven, als ich vorhin die abscheulichen Fremdwörter hörte.«

»Untersuchen wir also deine Nerven. -- Ich kann auch hier nichts Krankes finden! Die Nervenstränge sind in bestem Zustand, in den Nervenzentren liegen keine Störungen vor; du hast deren mehrere, und jedes arbeitet unabhängig vom andern. Würde man dich in zwei Stücke schneiden, könntest du einige Zeit in zwei getrennten Teilen leben. Untersuchen wir noch das Gehirn!«

Zerknirscht lispelte Max:

»Ich habe vielleicht recht wenig?«

»Nichts dergleichen, genug hast du. Wie bei jeder richtigen Ameise ist das Gehirn der zweihundertachtzigste Teil deines Körpers, das heißt, es hat ungefähr dasselbe Größenverhältnis wie bei den entwickelten Säugetieren. Daher unsere hohe Geisteskraft«, fügte der Professor belehrend bei.

Auf einmal wurde der Professor stutzig. Ganz sorgfältig betrachtete er mit seinen drei einfachen Augen den Hinterleib des Patienten und sagte:

»Sapperlott! Da ist doch was nicht in Ordnung!«

»Was ist's?« wollte Max erschrocken wissen.

»Dreh dich herum! Ein ganz merkwürdiger Fall! So etwas habe ich mein Lebtag nicht gesehen!«

Max fühlte, daß der Professor an etwas zerrte, und fragte kläglich, was er denn so Seltsames hätte.

»Wer weiß, ob es nicht ein Gewächs ist«, meinte der Professor.

»Ein Gewächs! O Gott, o Gott!«

»Es ist biegsam, ein Gewebe, das ich nicht erklären kann.«

Alle Ameisen kamen jetzt neugierig näher heran, so daß Max mitten in einem Kreise stand, und alle riefen:

»Wie seltsam! Was mag das für ein weißes Zipfelchen sein?«

»Zipfelchen!« schrie Max, am ganzen Körper zitternd vor Aufregung.

Ein gräßlicher Gedanke durchfuhr blitzgeschwind sein Hirn. Wild blickte er um sich, stürzte sich auf einen Grashalm, der sich nebenan über eine Wasserpfütze neigte, kletterte an ihm empor und ließ sich, mit zwei Beinchen daran festgeklammert, frei über dem Wasser schweben. So konnte er sein Hinterteil im Spiegel betrachten. Es blieb kein Zweifel mehr.

Klar widerspiegelte das Wasser seinen Körper, und genau sah er am obern Ende seines Hinterleibes das weiße Fähnchen. Es hätte nicht viel gefehlt, so wäre er vor Schreck ins Wasser gefallen.

Mühsam zappelte er mit den Beinen, schwang sich wieder auf den Halm und kletterte zum Ufer hinab; er wollte seinem eigenen Bilde entfliehen.

Am Ufer erwarteten ihn erregt die andern Ameisen und sprachen durcheinander:

»Dieses weiße Ding ist verdächtig!«

»Diese Ameise gehört nicht zu unserer Familie.«

»Es ist eine Fremde!«

»Ein Eindringling!«

»Bringen wir sie um!«

»Reißen wir ihr den Kopf ab!«

Der arme Max aber war von seiner Entdeckung so erschüttert, daß er gar nicht daran dachte, sich zu wehren, obwohl er größer und stärker war als seine Gegner. Diese folgten ihrem Instinkt, und trotz der Lehren ihres weisen Professors umzingelten sie unsern Helden und wollten sich wie die Wilden mit aufgesperrten Kieferzangen auf ihn losstürzen.

»Da habe ich viel Erfolg erzielt mit meinem Unterricht!« sprach traurig der Professor und überschaute ungehalten den Tumult.

13. Das weiße Fähnlein.

In dieses Getobe mischte sich mit lautem Angstschrei eine Stimme:

»Ruhig! Was fällt euch ein!« Fuska war es. Beschützend trat sie zwischen Max und seine Feinde. Mit zitternden Fühlern und drohend aufgesperrten Kieferzangen stellte sie sich den Angreifern entgegen, die sofort einige Schritte zurückwichen.

»Schämt euch!« rief Fuska empört. »Wie könnt ihr euch unterstehen, euch das Recht über Leben und Tod eines Gefährten anzumaßen? Ihr, die ihr kaum einen Tag alt und noch nicht trocken hinter den Ohren seid!«

»Er gehört nicht zu unserem Stamm!« wagte jemand zu widersprechen.

»Er hat ein weißes Zipfelchen hinten!« fügte ein anderer keck hinzu.

Immer zorniger entgegnete Fuska:

»Zipfel hin, Zipfel her! Erfahrene Ameisen haben das Ei als eines der Unseren erkannt und heimgebracht. Ich muß mich höchlich wundern, daß ihr, die ihr sozusagen noch die Eierschalen auf dem Rücken habt, daß ihr euch ein Urteil über einen solchen Fall anmaßt! Gelbschnäbel seid ihr! Nasenweise Rangen!«

Alte Ameisen kamen in Eile herbeigerannt und halfen treu zu Fuska, während der Professor, die Vorderbeine auf dem Rücken verschränkt, das Haupt bekümmert schüttelte.

»Immer das gleiche«, murmelte er tief verstimmt, »werden denn die Ameisen niemals ihre törichten Vorurteile ablegen lernen? -- Dieses ewige Mißtrauen ist die alleinige Ursache ihrer grausamen Unverträglichkeit. Schrecklich! Ich habe meine kostbare Zeit mit diesen Unverbesserlichen vergeudet!«

Übrigens, der Wahrheit die Ehre, die kleinen Ameisen standen beschämt vor Fuska, die jetzt Max bei einem Vorderbeinchen nahm und ihn den andern vorstellte.

»Seht ihn an«, sprach sie würdevoll, »und erkennt euer Unrecht. Sein Rücken ist schwärzlich, Brust und Kopf rötlich. Sind das nicht die hauptsächlichen Merkmale unserer Familie? Wer leugnet, daß er eine Rasenameise ist wie wir alle?«

Bei diesen Feststellungen schwand in Maxens Feinden jedes Gefühl der Abneigung. Zum Zeichen ihrer Freundschaft umringten sie ihn alle, und jeder drängte herzu, ihn zu umarmen.

Fuska nahm darauf Max mit sich und redete ihm in ihrer liebevollen Weise zu:

»Komm ins Haus, du mußt dich von dem ausgestandenen Schrecken erholen.« In einem abseits gelegenen Kämmerlein angelangt, ließ Max seinem Kummer freien Lauf, und er klagte:

»O liebe Fuska, ich bin ja gewiß dankbar. Aber wenn du wüßtest, wie unglücklich ich bin!«

»Nicht doch, beruhige dich nur, liebes Kind.«

»Das ist leicht gesagt, sich beruhigen«, klagte er.

»Wer befreit mich von dem unseligen weißen Wackelfähnlein!«

»Das schadet dir wirklich nichts, glaube mir. Ich hatte es längst bemerkt; ich fand es unwichtig, und zudem steht es dir ganz nett an.«

»War es denn schon an meinem Ei?« Max besann sich jetzt deutlich, wie er bei seiner Verwandlung mit letzter Kraft versucht hatte, das heillose Zipfelchen zu verstecken.

»Schon am Ei sah ich das Ding«, erzählte Fuska. »Dann kam es zum Vorschein bei Larve und Puppe; jetzt bist du größer geworden und das Dingelchen ist mit dir gewachsen, doch wie gesagt, es fiel mir gar nicht weiter auf.«

»Gelt, es ist recht groß geworden?« jammerte Max in neuer Bestürzung.

»Nun ja, aber denke doch nicht darüber nach. Bemühe dich nur, eine brave Arbeitsameise zu sein, und dann wirst du sehen, wie geehrt du mit dem weißen Fähnlein sein wirst!« Nach diesen Trostworten verließ Fuska das Zimmer. Max war nahe daran gewesen, sein Geheimnis der Pflegemutter anzuvertrauen, aber er ließ sich durch ein gewisses Schamgefühl abhalten. Aber nun, da er allein war, überkam ihn Schmerz und Kummer über das herbe Geschick, welches ihn für immer zum Tragen dieser verhaßten Fahne zwang.

»Nicht einmal als Ameise habe ich mich von diesem verhaßten Stück meines Hemdes befreien können«, rief er wütend aus. »Als Kind bin ich von Schwester und Bruder ausgelacht worden, und nun werde ich auch den Ameisen zum Gespötte sein. Früher war es noch besser! Da konnte ich wenigstens mit einer Handbewegung das Zipfelchen verstecken, aber nun? Was tun? Jetzt ist es festgewachsen, und ich muß es immer, immerfort tragen. Wie oft habe ich mich gewehrt, die alten Höschen zu tragen, aber Mutter wollte nicht hören, und ...«

Der Gedanke an seine Mutter war ihm, seit er Ameise geworden, plötzlich zum zweiten Male gekommen und beschäftigte ihn derart, daß er alles andere darüber vergaß.

»Mütterlein«, murmelte er mit einem tiefen Seufzer. »Armes Mütterlein, wie lange habe ich dich nicht mehr gesehen, und du weinst jetzt um deinen kleinen Max. Doch sei ruhig, lieb Mütterlein, und verzeihe mir, daß ich dir beinahe Vorwürfe gemacht hätte. Immer bist du meine liebe Mutter, und wenn ich auch eine Ameise geworden bin, so will ich doch immer dein Kind, dein Max bleiben. Ich habe dich so lieb und möchte dich so gerne sehen und dir Küsse geben! Wenn ich nur etwas von dir hätte, das immer bei mir bliebe!

Ah, schau, das habe ich ja auch! Dieses Fähnlein, das mir jetzt festgewachsen ist, stammt von Mutters Händen. Um ihr sparen zu helfen, trug ich die alten Höschen, die immer von neuem zerrissen, und so trage ich jetzt zum Andenken an meine liebe Mutter das Fähnchen! Wie bin ich froh, daß es mir geblieben ist! Wer weiß, vielleicht bringt es mir noch Glück; denn alles, was eine Mutter tut, auch wenn man's nicht begreift, geschieht zum Besten ihrer Kinder.« Lachend und weinend zog er jetzt lustig an dem Wackelendchen, das ihm hinten herunterbaumelte und das dem kleinen Schelm den Namen Butziwackel verschafft hatte. Zuletzt erleichterte er sein Herz und weinte Freudentränen aus allen seinen hundertdreiundzwanzig Augen.

14. Ein feindlicher Angriff.

Nach wenigen Tagen war aus Max eine stattliche Ameise geworden.

Sein Körper war kräftig entwickelt, seine Lehrzeit erfolgreich vollendet. Fuska entließ ihn aus ihrer Pflege und sagte:

»Du hast von mir nichts mehr nötig!«

»Sprich nicht so«, erwiderte Max, »deine Liebe habe ich immer nötig.« -- Er wußte jetzt auch, daß man bei den Ameisen alle Leute mit »Du« anspricht, und deshalb ließ er das steife »Sie« fallen. Im täglichen, lustigen Ringkampfe mit seinen Gefährten war Max sehr kräftig geworden und in den Turnstunden -- die Ameisen treiben alle gern körperliche Übungen -- bekam er immer die erste Note. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn die ganze Ameisenfamilie in ihm einen der tüchtigsten Soldaten sah.

Wenn es galt, gewagte Unternehmungen zu veranstalten oder gefürchtete Wachtposten zu stehen, wurde stets Max dazu gewählt. Max bildete sich etwas darauf ein. Eines Tages fand er ein Hanfkörnlein und machte sich erfinderisch einen Panzer daraus. Er biß oben und unten sowie an jeder Seite ein Loch hinein, höhlte es aus und schlüpfte wie in einen Küraß hinein. Die Vorderbeinchen streckte er zu den Armlöchern heraus, und im Innern des Panzers hielt er das mittlere Beinpaar versteckt.

So sah er, auf den Hinterfüßen stehend, wie ein stolzer Krieger aus. Eine derartige Uniform hatten die Ameisen nie gesehen, zuerst staunten sie ihn an; aber bald schenkten sie der Neuheit keine Beachtung mehr. Gab es doch viel Wichtigeres zu denken.

Ernste Besorgnisse regten sie auf und störten das friedliche Leben des ruhigen, fleißigen Volkes.

Seit einigen Tagen konnte man in der Nähe öfter fremde Ameisen bemerken, die sich sehr verdächtig benahmen und schleunigst die Flucht ergriffen, sobald sie sich beobachtet wußten. Ihr auffallendes Benehmen konnte nichts Gutes bedeuten. Und wirklich, eines heißen Mittags, als alle ermüdet im Mittelraum Kühlung suchten, erscholl plötzlich der Schreckensruf:

»Die Roten Ameisen kommen!«

Es waren die Wachen, die Lärm schlugen. -- Auf diesen Ruf stürzten viele Ameisen, Max an der Spitze, in den vordersten Gang, während ein unbeschreibliches Gewimmel im Kinderzimmer losbrach. In höchster Eile schleppten Hunderte von Pflegeschwestern Eier, Larven und Puppen in die untersten Räume, um sie der Gefahr zu entreißen. An der engsten Stelle des Ganges stießen die Kämpfer bereits auf eine eindringende Schar. Sofort erfaßte Max den Vorteil der Stellung gegenüber dem angreifenden Feinde. Dieser suchte denn auch vergeblich, sich den Durchbruch zu erzwingen, denn die Hausgenossen leisteten grimmigen Widerstand.

»Einen Augenblick später«, behauptete Fuska, »und die Feinde wären in unsere ganze Stadt eingedrungen.«

»Wir stehen wie eine feste Mauer«, schwor Max, indem er einen der Hauptangreifer zurückdrängte, »hier kommt keiner durch!«

Trotzdem war er von dem Fortgang des Kampfes unbefriedigt. Festgehalten konnten in diesem Engpaß die Feinde wohl werden, allein sie wichen auch nicht wesentlich zurück, und da es in dieser Lage unmöglich war, eine Entscheidungsschlacht zu liefern, drohte die Sache gefährlich zu werden.

»Es müssen ihrer viele sein«, meinte düster Fuska; »denn wenn sie nicht von rückwärts Unterstützung hätten, wären sie sicher schon geflohen.«