Max Butziwackel der Ameisenkaiser: Ein Buch für Kinder und große Leute

Part 3

Chapter 33,708 wordsPublic domain

Eine kräftige Ameise krabbelte keuchend heran und berichtete:

»Es gilt eine große Beute hereinzubringen. Wir sind kaum unserer zwölf und werden allein nicht mit ihr fertig.«

Sofort nahm sich Fuska umsichtig der wichtigen Angelegenheit an, indem sie zunächst alle Anwesenden aufmunterte, mitzuhelfen. »Auch die Kleinen sollen mitkommen. Das Beispiel unserer Arbeit ist für die Kinder die beste Erziehung.« So befahl sie.

Der Tag war herrlich und die Arbeit begann jedenfalls mit einem Spaziergang; das fand Max nicht übel. Auch war es ihm von jeher vergnüglich, einer Arbeit zuzusehen. Wie oft hatte er früher zu Therese gesagt:

»Wenn ich einmal groß bin, will ich gerne die Menschen mit Arbeit versorgen, auch wenn keine für mich übrig bleibt.«

Man zog gemeinsam einen hügeligen Weg entlang, voran als Wegweiserin die Ameise, die den Fund gemacht hatte.

Wie man, um Atem zu schöpfen, einmal stehen blieb, meinte nachdenklich die Führerin:

»Ich müßte mich sehr täuschen, aber auf diesem Weg brauchen wir mehr als tausend Leute, um unsere Beute heimzubringen.«

Nach kurzer Weile des Weitermarsches rief sie: »Gleich sind wir am Orte, hinter dem Hügel stehen die andern.«

In Wirklichkeit war der bezeichnete Hügel nur ein Maulwurfshaufen, aber man mußte tüchtig klettern, um ihn zu ersteigen. Max war als erster oben, und vor Überraschung schlug er seine Vorderbeinchen zusammen und richtete seine Fühler hoch auf.

Am Fuße des Hügels lag vor seinem erstaunten Blicke eine riesige Schlange mit rosiger Haut. Zwanzig Ameisen hatten an dem Ungetüm bereits furchtlos Hand angelegt.

Wie mag diese gefährliche Sache enden?

7. Ist ein Kind klüger als eine Ameise?

Die Schlange war entsetzlich groß, und noch erkannte man nicht einmal ihre wahre Länge. Warum? Sie steckte, weiß Gott wie tief, mit dem Leibesende in der Erde, wo sich ihr Körper mit aller Kraft einstemmte. Mit verwegener Kühnheit wurde von den Ameisen der Versuch gemacht, das Untier aus seiner Erdhöhle herauszuzerren.

Max wendete sich erregt zu Fuska.

»Die sind wohl verrückt«, deutete er auf die Arbeiter. »Die Schlange ist tausendmal größer als wir, wenn sie den Rachen aufreißt, verschlingt sie uns alle zusammen.«

Stolz erwiderte ihm Fuska:

»Wir Ameisen sind mutige Leute und fürchten uns nicht leicht. Ferner erinnere dich, was ich dir vom trügerischen Schein sagte. Diese Schlange ist nichts weiter als ein fetter Wurm und heißt ~Lumbricus agricola~.«

Vorsichtig näherte sich der kleine Max dem großen Ungeheuer, betrachtete es forschend und rief enttäuscht:

»O, welch ein Aufwand von Fremdwörtern! Ein gewöhnlicher Regenwurm ist es, nichts weiter. Regenwurm sagt man, das versteht jeder sofort.«

»Es ist aber höchst wichtig, daß wir Ameisen die Tiere, die um uns leben, nach der Art ihres Baues und ihrer Gewohnheiten kennen«, erwiderte Fuska.

Max hatte mit seinem Kinderverstand freilich erfaßt, daß es sich hier um einen unschuldigen Regenwurm handelte; mit seinen Ameisenaugen erkannte er trotzdem den Ernst des Kampfes.

Seinen Angreifern gegenüber blieb der Wurm immerhin eine Riesenschlange.

Alle alten und jungen Ameisen hatten sich jetzt rings um das Ungeheuer aufgestellt, und Max war ehrgeizig genug, nicht zurückbleiben zu wollen. Er begann wie diese fleißig mit seinen Beinchen zu arbeiten. Der Körper des Wurmes überzog sich nach und nach mit einer säuerlichen Flüssigkeit. Max schnupperte daran.

»Was ist das?« fragte er, den Mund verziehend.

»Das ist unser Gift, das wir gegen Feinde benützen«, sagte seine Nachbarin.

Es war Ameisensäure. Sie wird von den Ameisen erzeugt und am Hinterleib ausgespritzt.

Das Ungetüm lag jetzt da, ohne sich vor- oder rückwärts zu bewegen.

Da kam Max ein prächtiger Gedanke, den er ohne Zaudern zum besten gab.

»Wißt ihr was? Wir zerschneiden den langen Kerl mit unsern Kieferzangen in zwei Teile«, rief er.

Aber wie mit einer Stimme hielten alle ihm entgegen: »Das wäre eine unverzeihliche Dummheit. Sie käme dem Herrn schön zustatten; da könnte er die Hälfte, die im Boden steckt, bequem in Sicherheit bringen.«

Max wußte eben nicht, daß es einem Regenwurm gar nicht einfällt zu sterben, wenn man ihn entzweischneidet. Max hatte bisher in der festen Überzeugung gelebt, daß ein Kinderverstand jedenfalls einem Ameisenhirnchen überlegen sei. Über das eben Erlebte wurde er sehr bescheiden. O weh, von einer Ameise mußte er sich so bekannte Dinge sagen lassen!

Heldenhaft zogen die Ameisen, dehnten und streckten den Wurm, aber ohne jeden Erfolg. Er steckte wie eingemauert in seiner Höhle. Max entdeckte am Bauche des Tieres eine Art Borsten, mittels welcher es sich fest am Boden anklammerte, und bei solcher Gegenwehr ließ sich denken, daß alle Ameisenkraft nichts nützte. Ein Augenblick allgemeiner Ratlosigkeit folgte der äußersten Anstrengung. Die Klügste stieg nun auf den Rücken der Schlange und befahl den andern, sie festzuhalten, damit sie nicht vollends im Erdboden verschwände.

»Hört mich an«, sprach sie eifrig, »dieser Starrkopf will sich nicht loslösen lassen. Wir werden ihm den Boden unter dem Leibe wegziehen!«

Max verstand nicht, wie man dies machen könne, während alle andern flugs begriffen. Zum zweiten Male fühlte er sich gedemütigt.

Unverweilt begaben sich alle Arbeiter bis auf etwa zehn, die die Schlange festhalten mußten, zum Rande der Höhle, in der sie mit einem Teile ihres Leibes versenkt war. Entschlossen arbeitete Max hier mit, und Fuskas Befehl: »Zangen gebrauchen!« war für ihn fast überflüssig. Alles schaufelte und grub, und die Kieferzangen, die er zur Aufnahme der süßen, flüssigen Sirupnahrung nicht hatte gebrauchen können, waren prachtvoll passende Werkzeuge. Mit ihnen ließ sich spielend packen, graben, heben und schaufeln. Im Nu war der Rand des Loches, in dem der Wurm steckte, abgebaut; tiefer und weiter gruben die fleißigen Arbeiter, und bald lag der ganze Leib der Schlange freigelegt in einer fast wagrechten Furche, in der das Tier sich mit seinen Borstenfüßen nicht mehr festhalten und die Spannkraft seiner Leibesringe nicht wie bisher ausnutzen konnte. Solange nämlich ein Teil des Wurmes wagrecht auf dem Boden lag und der andere senkrecht in der Höhle steckte, bildete der ganze Körper einen rechtwinkligen Haken und leistete einen fast nicht zu überwältigenden Widerstand. Jetzt hingegen lag der Wurm seiner ganzen Länge nach ausgestreckt in einem schiefen Graben und konnte mit einiger Mühe fortgeschafft werden. Max berechnete nachdenklich, daß das Tier mindestens fünfzehn Zentimeter lang war; im Verhältnis zur Größe einer Ameise war das ungeheuer viel. In Anbetracht seines eigenen Mutes, seiner herrlichen Waffen, die er an seinen Kieferzangen besaß, und der unglaublichen Geschicklichkeit seiner Gefährten kam aber keine Spur von Angst in Max auf. »Das werden wir schon schaffen«, so ging es wiederholt mitten in schwersten Anstrengungen von Mund zu Munde, und es lag nichts Großsprecherisches darin. Nun mußte der lange, schwere Körper nach Hause gezogen werden. Das war eine ganz besonders mühsame Aufgabe. Trotz geschickter Verteilung der Arbeitskräfte am Kopf, in der Mitte und am Ende der Schlange ging es nur langsam vorwärts. Der Wurm sträubte sich nach allen Seiten.

Max half wacker mit.

»Wenn mir früher jemand gesagt hätte, wie stark und mutig Ameisen sind«, dachte er, »ich hätte es nicht geglaubt! Wie oft mag ich achtlos über sie weggeschritten sein, ahnungslos, wie klug und geschäftig sie zu meinen Füßen arbeiteten!«

Leider stieß das Unternehmen doch auf ein unüberwindliches Hindernis. Der Boden war mit Rasen bedeckt, und es ging nicht an, die Beute durch den dichten Wald der Halme und Blätter zu schleppen. Unsicher rutschte man, und haltlos verlor der Körper einen Teil seiner Kraft zum Schieben, Tragen und Stoßen. So kam der Zug zum Stehen. Endlich eine passende Gelegenheit für Max, seine Weisheit aufs neue leuchten zu lassen!

»Nun muß die Schlange eben doch zerschnitten werden«, sagte er so bestimmten Tones, daß es wie ein Befehl klang.

Die eifrige Jugend glaubte schon folgen zu müssen, als Fuska schnell »Halt« gebot.

»Wir können unsere Beute ungeteilt nach Hause bringen«, entschied sie mit Ruhe und Nachdruck.

»Aber wie denn?« rief Max ärgerlich. Galt denn sein Kinderverstand so wenig bei den Ameisen? Es war unausstehlich, wie man ihn mißachtete.

Fuska ordnete in aller Ruhe an, daß eine gewisse Anzahl als Wächter bleiben sollten. »Die andern«, befahl sie, »gehen mit mir. Laßt euch indessen die Zeit nicht lange werden«, wendete sie sich noch freundlich zur befohlenen Wache, »die Arbeit wird lange währen, aber den Wurm bekommen wir ganz nach Hause.«

So ging sie, gefolgt von den übrigen zum Ameisenhaus zurück und nahm dabei einen auffallend taktmäßigen Schritt an, als ob sie Bedenken trüge, ordentlich aufzutreten.

»Weshalb geht sie denn so tolpatschig?« fragte Max seine Nachbarin.

Ja er spottete sogar über seine gute Pflegerin und sprach:

»Ei! ei! Frau Fuska hat, scheint's, Hühneraugen an den Füßen oder gar Frostbeulen im hohen Sommer, so zaghaft trippelt sie dahin.«

8. Die Überführung der Schlange.

An der Haustüre hielt Fuska an und berechnete laut: »Die Entfernung vom Wurm bis hierher beträgt nach meiner Schätzung hundertzwanzigmal meine Körperlänge.«

In Max dämmerte mit Beschämung das Verständnis auf, warum Fuskas Art zu schreiten so eigentümlich gewesen war.

»Wenn ich gut achtgebe, wie tief ich jetzt abwärts steige, wird es nicht schwer sein, die genaue Richtung zu finden. Frisch ans Werk«, so schloß sie jetzt mit aufmunterndem Wink. Nun schritt man vorsichtig abwärts, bis Fuska bestimmte: »Hier an dieser Stelle beginnen wir den Schacht. Während ich mit der Hälfte von euch grabe, schafft ihr andern sofort das abgegrabene Erdreich weg.«

Max verstand genau, um was es sich handelte.

»Ihr hofft einen Gang zu bauen, der an einen bestimmten Punkt führen soll«, bemerkte er.

»Selbstverständlich, das tun wir«, so riefen alle durcheinander. Er aber, der siebenmal gescheite Vorwitz, sprach gelassen:

»Ihr habt wohl alle den Verstand verloren?«

Von Onkel Walter wußte er, welche Schwierigkeiten es zu überwinden kostete, bis der Gotthardtunnel gebaut war. Nach den verwickeltsten Berechnungen hatte man Jahre der Arbeit gebraucht, bis die Arbeiter, die an den entgegengesetzten Punkten die Bohrungen begonnen hatten, sich unter der Erde endlich begegneten und ein großes Freudenfest feiern konnten.

»Ha«, lachte er in sich hinein, »so etwas wollen Ameisen fertigbringen! Lächerlich.«

»Vorwärts, vorwärts«, stieß ihn Fuska derb an, daß er aus seinen Zweifeln jäh emporfuhr, »stehe nicht müßig! Wer immer grübelt und zögert, erreicht kein Ziel«, brummte sie, als ob sie seine Gedanken gelesen hätte.

Welch mühsame Arbeit! Eine Stunde schon grub und schaufelte man, und noch war kein Ende abzusehen. Etwas boshaft, wie Max heute aufgelegt war, wendete er sich an Fuska: »Große Ingenieurin, ich möchte mir eine Bemerkung erlauben.«

»Nur keck heraus damit«, sagte sie, die Anrede gutmütig belächelnd.

»Mir will scheinen«, belehrte Max, »der Gang, den wir graben, führt mehr und mehr abwärts. Wir arbeiten ein Loch durch die Erdkugel!«

»Sprich nur weiter«, drängte lachend Fuska.

»Wenn wir das Leben haben, werden wir in ungefähr tausend Jahren in Amerika die Sonne wieder sehen!«

Fuska ließ ihn sprechen, da er fleißig dazu weiterschaffte und grub. Die Tatsachen, so dachte sie, werden es ja lehren, ob er recht behielt. Mit sachlicher Ruhe wurde emsig gearbeitet, und man fühlte es bereits, -- die Erdschicht, die noch zu durchbrechen war, war nur mehr eine dünne Wand. Eine letzte Weisung noch gab die geistvolle Leiterin, und -- ein Lichtstrahl drang durch die erlangte Öffnung. Alle sprangen und sangen mit fröhlichem »Hurra!« ins Freie. Da lag er, der Regenwurm, kaum einen Ameisenschritt entfernt, umgeben von den treuen Wächtern, die, ihrer Ablösung froh, vergnügt mitjubelten.

Max aber stand neuerdings überwältigt vor Staunen mit aufgesperrten Kieferzangen da und überlegte das Erlebnis! Kaum aus dem Gespinst geschlüpft, hatte er gesehen, welch umsichtige Hausfrauen und treue Wärterinnen die Ameisen sind. In langen Arbeitsstunden hatte er jetzt erfahren, welch kühne Schachtgräber sie sein können, und jetzt eben erlebte er den glänzenden Beweis ihrer Tiefbaukunst. Was war mehr zu bewundern, der Geist des großen Planes oder die Genauigkeit seiner Ausführung?

»Wie ich mich mit euch freue«, sagte er bewegt zu den Gefährten, »ich hätte nie geglaubt, daß ihr dermaßen geschickt seid!«

»Manchmal«, redete ihn Fuska an und blickte ihm wie Gedanken lesend in die Augen, »manchmal ist das Mißtrauen in anderer Leute Können nur ein versteckter und unfruchtbarer Hochmut. Weil man sich selber zu etwas unfähig fühlt, denkt man, andere werden auch nichts können!«

Dabei räusperte sie sich mit auffallender Langsamkeit, während Max sich mit den Vorderbeinchen verlegen hinter den Fühlern kratzte, denn Fuska sah ihn ein wenig von der Seite an, als ob er ein auf der Tat ertappter Schelm wäre. Aber sie war doch zum Umarmen lieb und gut.

»Na, na«, fuhr sie freundlich fort, »zweifle nur nicht an dir selbst. Heute bist du noch jung, aber in zwei, drei Tagen hast du dieselbe Ausdauer und Berechnungskunst wie wir alle, und du wirst gewiß eine Ameise werden, die unserer Familie würdig ist!«

Da die Sonne sich bereits zum Untergange neigte, beeilten sich die Ameisen, den Regenwurm, der im Nu in den neugegrabenen Gang gezogen war, zu bergen. Der Eingang wurde gleich mit Blättchen, Erdkrumen und Hälmchen fest verbaut. Aus Vorsicht vor nächtlichen Einbrechern und andern Überraschungen schlossen sie sorgfältig das neue Tor zur Wohnung. Die Schlange aber lag in einer Kammer des Hauses wohlgeborgen.

Wie sie ausgestreckt dalag, erinnerte sich Max jener Schulaufgabe, die von der Klugheit der Ameisen handelte. Es war die Fabel von der sorglosen Grille und der fleißigen Ameise, die er gelernt hatte und als Aufsatz niederschreiben sollte. Darum urteilte er jetzt nach dem Gelernten und sagte in frohlockendem Tone: »Ein prachtvoller Wintervorrat! Das gibt einen herrlichen Sonntagsbraten!«

»Vorrat für den Winter?« Fuska sah Max verwundert dazu an.

»Gelt«, erwiderte Max stolz auf sein Wissen, »gelt, du meinst, ich weiß es nicht, wie fleißig wir im Sommer arbeiten, damit wir auch im Winter etwas Gutes zu essen haben, wenn wir wegen der Kälte nicht ausgehen können.«

Da lachten alle Umstehenden aus vollem Halse.

»Nein, wie er töricht plaudert«, riefen sie, »wer wird denn im Winter essen?«

»Nicht essen? -- Den ganzen Winter nichts essen?«

»Im Winter schlafen wir doch!«

»Liebe Fuska, höre doch, was sie sagen!«

»Freilich«, bestätigte sie schmunzelnd über sein enttäuschtes Gesicht, »was sollten wir den ganzen unfreundlichen, kalten Winter über Besseres tun?«

»Da schlafen wir immerfort, einen einzigen, guten, langen Schlaf?«

»Ja, so ist es, Lieber.«

»Wie können denn nur die Menschen«, so dachte jetzt Max, »ihren Kindern solche Geschichten erzählen von Tieren, die sie gar nicht ordentlich kennen!« Er war ganz müde vom Denken und den vielen neuen Eindrücken und fragte nun gähnend:

»Und jetzt? Heute gehen wir gewiß recht bald schlafen?«

»Was denkst du? Nachts verrichten wir unsere Hausarbeit!«

»Immer arbeiten!« brummte Max. »Aber der lange Schlaf im Winter ist nicht übel. Was hat man doch als Kind für eine Schererei, sich abends auszuziehen, ins Bett zu legen, dann wieder alle Morgen aufstehen, anziehen, waschen, kämmen und so fort, bis abends dieselbe Leier wieder beginnt, und alle Tage so weiter, ein ewiges Einerlei!«

Dies sagte er aber nur still zu sich selber.

9. Max, der Soldat.

»Du hast immer noch keine richtige Vorstellung«, sagte Fuska zu Max, »wie es in unserem Hause eigentlich aussieht. Reinige dich jetzt, ehe ich dich in die Kellerräume führe.«

»Ich mich reinigen?« wunderte sich Max.

»Das versteht sich! Wir haben uns beim Graben tüchtig bestaubt, und ich will nicht hoffen, daß du dich im Schmutze wohl fühlst wie eine Kotwanze.«

Dieses Insekt mit dem häßlichen Namen, auf das Fuska anspielte und das bei den reinlichen Ameisen nicht gerade als Kosename gebraucht wird, heißt lateinisch ~Reduvius~, was Max trotz seiner Studien im Latein nicht wußte. Es lebt in den Häusern bei den Menschen. Die Larve hüllt sich in Wollstaub und allerlei Kehricht, wie man ihn in den Ecken unreinlicher Wohnungen antrifft. Vermummt in einen Staubmantel, fällt sie nun aus dem Hinterhalt arglose Mücken an und verspeist sie. Ist aber das Insekt ausgewachsen, dann gibt es seine ungehörige Hinterlist und niedrige Verschlagenheit auf und jagt nach Beute im offenen Kampfe.

Fuska hatte recht, wenn sie die Lehre anknüpfte: »Reinlichkeit ist der erste und vornehmste Beweis eines gebildeten Geschöpfes, das Selbstachtung besitzt. Wir Ameisen halten sehr viel auf uns!«

»Wie in aller Welt soll ich mich aber reinigen? Wo ist Wasser, Seife, Handtuch?« Fuska begriff durchaus nicht, was er meinte.

»Nur rasch«, sagte sie, »mache dich sauber. Gebrauche flink deine Beinchen!«

Max stellte sich ungeschickt genug an. Am Ende seiner Füße befand sich eine Art Kämmchen mit scharfen Zähnen; damit konnte er, wenn er die Füße hob und beugte, seine Fühler bürsten; kreuzte er die Beinchen, so ließen sich Kopf und Rücken kämmen und die feinen Härchen glätten und striegeln, die an den Fußspitzen wuchsen.

»Wenn mir einer gesagt hätte, daß mir der Haarschopf an den Füßen wüchse!« witzelte er.

Plötzlich hielt er laut jammernd inne.

»Au weh, au weh!«

»Was hast du, Kindchen?«

»Ich armer Kerl! Ich blute! Blut läuft aus meinen Haaren!«

»O du Dummerchen«, lachte Fuska, »du bist beim Kämmen an eine Drüse geraten.«

»Drüse?«

»Aus diesen Drüsen quillt ein Saft, mit dem wir unsere Staubhärchen befeuchten können.«

»Wozu tun wir dies?«

»O zu allerlei! Womit könntest du dich auf einer senkrechten, glatten Fläche halten, die bestiegen werden soll? In solchem Falle drückt man geschwind ein wenig Drüsensaft heraus; dieser klebt gerade so viel, daß er uns beim Gehen an der glatten Wand den festen Halt gibt.«

Mit den Beinen hatte Max vorher gegraben, und mit ihnen hatte er geschickt die Erde fortgeschleudert, die ihm im Wege war. Jetzt rief er begeistert: »Was habe ich doch für kunstvolle Füße! Krallen sind daran, Staubhaare und Kämmchen. Fehlt nur noch Zahnbürste, Mundwasser und ein Spiegel, dann hätte ich die feinste Waschtischeinrichtung beisammen!«

»Komm, komm!« eilte Fuska.

Um ihn rannte alles so geschäftig durcheinander, daß er mit seinen neugierig vorgestreckten Fühlern unsanft an beschäftigte Ameisen anstieß.

»Was laufen diese so? Was bedeutet dies Hin und Her?« fragte er.

»Larven und Puppen werden herumgetragen. Sie sind sehr empfindlich gegen Kälte und Hitze.«

»Sie erkälten sich wohl leicht und bekommen den Schnupfen?«

»Wir bauen für unsere Kleinen hochgelegene und tiefe Stuben, wohin wir sie je nach Sonne und Regen tragen.«

Max dachte mit Rührung daran, daß man auch ihn so treu herumgetragen hatte, und tiefbewegt sprach er:

»Wie gerne mag ich die Ameisen leiden, diese guten Tierchen! Ich finde kaum Worte, um zu sagen, wie dankbar ich Ihnen, liebe Frau Fuska bin, für alles Liebe, was Sie mir schon getan haben.«

»Du liebe Zeit, mache keine Redensarten! Ich habe an dir nur getan, was einst mir geschah und was du den nachkommenden Geschlechtern tun wirst. Bei uns Ameisen werden schon die Kinder angehalten, andern das zu tun, was wir selbst wünschen, daß es uns geschähe. Man muß Gutes tun, weil man Gutes empfangen hat, wie man eben jede Schuld bezahlt, wenn man ehrlich ist.«

Unsere Beiden waren übrigens wieder innerhalb des wohlverrammelten Tores angelangt. Im Hausgang schritten einige Ameisen hin und her.

»Was tun diese hier, Frau Fuska?«

»Sie hüten als Schildwachen unser Haus und rufen sofort im Falle der Gefahr diejenigen an, die bei der Arbeit sind.«

»Ich will auch eine Schildwache werden!«

»Ohne Zweifel kannst du das, denn du scheinst eine kräftige, gesunde Ameise zu werden und hast alle Eigenschaften eines guten Soldaten in dir.«

»Soldat! Soldaten gibt es auch bei den Ameisen? Juhe! -- Hurra!«

»Im Notfalle kämpfen wir wohl alle, aber in unserer Familie sind die kräftigsten Arbeiter mit starkem Kopf und den mächtigen Kieferzangen besonders zum Kriegsdienst geeignet.«

»Beim ersten Kampfe«, rief Max voll Begeisterung, »schwöre ich, daß ich es zum General bringen will!« Indem er dies sagte, hob er sein rechtes Vorderbeinchen zur Stirne empor und grüßte die Wachen stramm militärisch.

10. Im Kuhstall der Ameisen.

Während sie beide die entlegensten Winkel des Hauses besuchten, konnte sich Max von der Weitläufigkeit des Baues überzeugen. Es gab weite Gemächer, die mittels Gängen und Gräben in Verbindung standen. Alle mündeten sie in einen großen Saal im Mittelpunkt des Hauses. Wenn die Tageshitze am größten war, vereinigten sich hier in ihren Ruhestunden die Bewohner. In den weiten, dunklen, von Säulen und Pfeilern gestützten Gewölben tastete Max sich mit seinen feinen Fühlern sicher vorwärts und bewunderte überall die geistreiche Anlage des schönen Baues.

Die Ameisen, das sah er klar, sind nicht bloß gute Pfleger, starke Arbeiter, schlaue, kluge Tunnelgräber, sie sind auch große Baumeister. Er stand nicht an, dies laut preisend Fuska als Artigkeit zu sagen.

»Es wäre eine falsche Bescheidenheit«, erwiderte diese mit würdigem Stolze, »dein Lob abzulehnen. Aber ich muß auch gestehen, daß wir Ameisen zwar alle großes Geschick im Bauen haben, trotzdem besitzen wir aber keine bestimmte Bauart, wie z. B. die Bienen. Jeder arbeitet bei uns sozusagen nach eigenem Geschmack und eigener Laune. Auf diese Weise bekommen wir Häuser von unglaublicher Vielseitigkeit, die alle etwas Persönliches an sich haben.«

»Es müßte sehr schwer sein«, bemerkte Max altklug, »eine Geschichte des Ameisenstiles zu schreiben.«

»Riesig schwer! Denke, es gibt außer den verschiedensten Arten unserer unterirdischen Nester auch solche in freier Luft.«

»In freier Luft? Schwebend? Wie merkwürdig!«

»Jawohl! Es gibt Ameisenarten, die bauen ihr Häuschen auf Pflanzenzweige, sie kleben Blätter zusammen als Dach; andere wohnen in Eichengallen, in Felsenspalten, Mauerritzen, sogar im Holz der Bäume.«

»Also Holzschnitzer, nicht wahr?«

»Vollendete!«

»So sind die Ameisen auch Bildhauer«, murmelte Max, und jetzt dachte er erst mit Verständnis an Namen, die ihm einst in der Schule recht langweilig schienen. Da war im Lesebuch von einem berühmten Mann die Rede, der Dante hieß; dieser war zugleich ein Staatsmann, ein Dichter und Gelehrter. Ein anderer hieß Michelangelo Buonarroti; von diesem gab es eine ganze Litanei zu merken: Bildhauer, Maler, Baumeister, Ingenieur, Dichter und Soldat sollte er einst gewesen sein! Und alles mit Note eins! Er hatte es nie recht glauben können, aber jetzt schien es ihm doch eher möglich, nachdem er bei den Ameisen auch so vielerlei Kunst vereinigt sah. Es war nicht ohne Grund, wenn er auf einen drolligen Einfall geriet:

»Es kommt mir vor«, dachte er, »als ob ich, seit ich Ameise bin, ein großer Mann geworden sei.«

Er fand übrigens, daß dies, was die Ameisen ihr Haus hießen, viel eher eine kunstvoll befestigte Stadt genannt werden durfte. Max, der von Fuska bereits gelernt hatte, Entfernungen abzuschätzen, berechnete die Tiefe und Höhe des Baues auf mindestens dreihundert Ameisenlängen und dachte mitleidig an das größte Menschenbauwerk, die berühmten ägyptischen Pyramiden. Ihr Bild hing in Onkel Walters Zimmer, und Onkel erzählte von ihnen, daß sie neunzigmal die Höhe eines Menschen hätten.

Trotz aufrichtiger Bewunderung und Staunen für die kleinen Insekten, denen er jetzt selbst angehörte, spürte er nach und nach eine ihm von jeher wohlbekannte Regung seines Magens.

Ohne Umstände sagte er daher:

»Alles ist wunderschön, alles ist vorhanden, was eine Ameise sich wünschen kann, aber darf ich fragen, ob nicht irgendwo etwas Eßbares zu finden ist?«