Max Butziwackel der Ameisenkaiser: Ein Buch für Kinder und große Leute
Part 2
»An der Spitze der Fühlhörner ist also die Nase?«
Die Ameise lächelte über seine ungewohnte Art zu fragen und fügte der Belehrung hinzu, daß in den Fühlern nicht nur der Geruch, sondern auch das Gehör seinen Sitz habe.
Nun, die Vorstellung, so lange Ohren zu haben, war etwas demütigend, und Max wollte schon ein bißchen beleidigt tun. Aber davon merkte die Sprecherin nichts und belehrte weiter:
»Ohne Fühler könnten wir im Finstern uns nie zurechtfinden.«
Max wurde es nach diesen Worten verständlich, wie er trotz der Dunkelheit Verschiedenes ganz gut wahrnehmen konnte. Das geschah eben durch den wunderbar feinen und vielfältigen Sinn in den Fühlern. Beruhigt war er aber trotzdem nicht, und er äußerte tief besorgt:
»Wie traurig ist es trotzdem, keine Augen zu besitzen!«
Jetzt mußte die Ameise herzlich lachen. Dabei streichelte sie den Kleinen und liebkoste ihn.
Max, der immer ein wohlerzogener Junge gewesen war, erinnerte sich endlich, daß er für alle erwiesene Liebesmühe noch mit keinem Sterbenswörtchen gedankt habe. So begann er etwas verlegen:
»Liebe Frau Ameise, wie heißen Sie eigentlich?«
»Man nennt mich in meiner Familie Fuska. Gelehrte Leute aus meinem Stamme wissen, daß der Name lateinisch ist und soviel bedeutet wie ›die Dunkle‹.«
»Verzeihen Sie, Frau Fuska, ich dachte noch nicht daran ›Danke schön‹ zu sagen für Ihre große Güte, mit der Sie mich aus dem abscheulichen Garnwickel befreit, und für die vielen Belehrungen, die Sie mir erteilt haben.«
»Kind, was fällt dir ein, ich habe nur meine Pflicht erfüllt.«
»-- Pflicht? -- Wieso?« --
»Ja, ich tat, was du den Ameisen, die nach dir geboren werden, auch tun wirst.«
»Nun, das verstehe ich nicht; ich sollte auch ...?«
»Wie könntest du jetzt schon etwas von bürgerlichen Pflichten verstehen! -- Wenn du später dem Unterricht beiwohnst, wirst du das Nötige schon darüber erfahren.«
Bei dem Worte Unterricht machte Max mit seinen sämtlichen sechs Beinen einen Sprung nach rückwärts und wäre vor Schrecken fast ohnmächtig geworden.
Was! er war ausgerechnet eine Ameise geworden, um dem Lernen zu entgehen, und nun hörte er hier vom Unterricht reden? Das war ein unerhörter Reinfall! Zitternd vor Schrecken stammelte Max:
»Ich habe nicht gut verstanden, was sagten Sie, liebe Frau Fuska?«
»Morgen ist die erste Unterrichtsstunde für die Neugeborenen. Man lernt dort alles, was eine rechte Ameise wissen und kennen muß, um ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden.«
Versteinert stand der gute Max:
»Wissen« ... »Kennen« hatte sie gesagt. Also lernen! -- Auch bei den Ameisen!
Hatte sie das gemeint? Vor Entrüstung bebend stieß er die Frage hervor:
»Gibt es bei den Ameisen vielleicht auch eine Sprachlehre, eine lateinische Grammatik?«
Diese Frage verstand und beachtete Fuska gar nicht, sie wendete sich vielmehr an vorübereilende Genossinnen, um mit ihnen Zeichen auszutauschen.
Max aber war es, als ob ihm ein Brocken im Halse steckte und ihn würgte; er war den Tränen nahe.
Da er aber ein sehr geschickter Bursche war, besann er sich und sagte sich, wie unnütz das Weinen sei, besonders wenn man doch keine Augen hat. Er kletterte tief betrübt und niedergeschlagen auf das leere Fadenknäulchen, aus dem er vor kurzem mühsam und neugierig herausgekrochen war, setzte sich rittlings darauf und trommelte unmutig mit seinen Vorderbeinchen an die hohlen Wände, daß es widerhallte.
4. Eine Ameisenmutter.
Schon wendete sich seine Pflegerin Max wieder zu und sagte freundlich:
»Komme mit mir!«
Folgsam stieg Max von seiner großen Trommel herunter und bemerkte, wie gut er auf seinen Hinterbeinchen aufrecht stehen und gehen konnte. Wahrscheinlich waren ihm außer seinem Gedächtnis und seinem Verstande noch mehr menschliche Eigenschaften verblieben, und das konnte immerhin ein starker Trost für ihn sein in mancher Bitternis.
So folgte er mit neuem Mute Fuska. Warum stieß er nur plötzlich einen jubelnden Freudenschrei aus? Was war geschehen? O Jubel! Er war nicht blind! Nein, er konnte sehen, großer Gott, wie gut konnte er sehen!
In den weiten Saal, in den Fuska ihn eintreten ließ, drang von oben durch eine winzige Öffnung ein Lichtstrahl herein. Befand er sich vielleicht im Wohnzimmer oder gar im Speisesaale des Ameisenhauses? Aber wie eigenartig neu war sein Schauen! Er hatte einen viel übersichtlicheren Blick bekommen für alles, was ihn umgab. Ohne Kopf und Augen zu wenden, übersah er, was über ihm, vor ihm, hinter ihm und seitwärts geschah. Der Saal glich einer Grotte, die von Säulen gestützt wurde. Wände, Boden, alles war sauber geglättet und regelmäßig angeordnet. Rechts und links waren Ameisen emsig beschäftigt, und einige schauten ihn wohlwollend und freundlich an, lächelten auch wohl über seine staunende Miene. Alles dies konnte er sozusagen mit einem einzigen Blick beobachten.
»Worüber bist du froh erregt?«, fragte ihn Fuska.
»O wie glücklich bin ich«, rief Max freudestrahlend, »ich habe ja die besten Augen der Welt! Aber wie geht es wohl zu, daß ich so Verschiedenes zu gleicher Zeit sehen kann? Ich bewege weder Kopf noch Augen und trotzdem --«
»Das kannst du ja auch gar nicht«, fiel Fuska belehrend ein. »Weißt du, liebes Ameislein, weil wir unsere Augen nicht bewegen können, hat uns die Natur anders geholfen. Unsere Augen sind so gebaut, daß wir durch ihre Form und Stellung ein weites Gesichtsfeld haben. Ja, ja, alle Geschöpfe sind von der großen Mutter Natur so ausgestattet, daß zu ihrem Leben und Dasein alles bereit ist, was sie zu ihrem Dasein brauchen. Wir Ameisen haben zwei zusammengesetzte Augen.«
»Zusammengesetzte Augen! -- Kann man sie auch auseinandernehmen?«
Fuska erklärte mit unerschöpflicher Geduld:
»Die Oberfläche der beiden Augen, die links und rechts an unserem Kopfe liegen, ist aus kleinen sechseckigen Feldern zusammengesetzt. Jedes dieser Sechsecke zeigt nach oben eine Wölbung wie ein Brennglas, und jedes Feld ist ein vollkommenes Auge. Begreifst du nun, daß wir deshalb in jedem Augenblick nach allen Richtungen schauen können?«
Max ging voll Neugier auf seine mütterliche Lehrerin zu, schaute ihr in die Augen und rief:
»Mein Gott, das sieht ja aus wie ein feines Netz!«
»Ganz richtig, unser Auge, aus vielen kleinen sechseckigen Augen zusammengesetzt, heißt darum auch Netzauge; Gelehrte nennen es Facettenauge. Doch sollst du dich über die Menge der Felder in meinem Auge nicht zu sehr wundern. Wir haben nicht viele, nicht einmal hundert.«
»Wie, das heißt wenig?«
»Im Vergleiche zu andern Insekten wohl. Solche Insekten, die in der Luft leben, würden mit hundert kaum zufrieden sein. Fliegenaugen haben etwa viertausend solcher Facettenaugen.«
»Viertausend!«
»Libellen haben mehr als zwölftausend.«
Es ist kein Wunder, daß Max mit seiner Vorstellungskraft Fuskas Belehrung kaum mehr folgen konnte, als sie noch weiter erzählte:
»Ein Insekt gibt es, das heißt Dolchwespe. Die Augen dieser Dolchwespe sind genau genommen fünfundzwanzigtausend Äuglein. -- Gelt, da staunst du?«
Max fand tatsächlich keine Worte, um sein Erstaunen auszudrücken. »Wenn diese Dolchwespe kurzsichtig würde«, dachte er, »dann bräuchte sie alle Brillen der Welt für sich allein.« Fuska würde seinen witzigen Gedanken doch nicht verstehen; er verschwieg ihn mit halbem Bedauern und fragte weiter:
»Wieviele Augen habe ich also?«
»Komm her, ich zähle sie. -- Eins, zwei, drei ... So jetzt. -- Das eine von deinen beiden zusammengesetzten Augen hat sechzig Felder.«
»Da hätte ich im ganzen hundertzwanzig Augen?«
»Nein, du zählst deine einfachen Augen nicht mit.«
»Ich habe auch noch einfache zu den zusammengesetzten? Genügen die hundertzwanzig nicht?«
»Keineswegs; mit den hundertzwanzig bist du wohl imstande, mit einem Blick alles ringsum wahrzunehmen, aber die nächsten Gegenstände kannst du mit ihnen nicht klar unterscheiden. Wenn du mich ansiehst, tust du es mit den einfachen Augen.«
Man denke sich, mit welchem Forscherblick jetzt Max Fuska aufs neue betrachtete. Richtig, auf Fuskas Scheitel entdeckte er im Dreieck gestellt drei helle, sanfte Äuglein, die in Perlmutterglanz leuchteten.
»Rechnet man alles in allem«, zählte Max tief aufatmend, »so besitzen wir hundertdreiundzwanzig Augen.«
»Es ist so, ganz richtig!«
»Nun muß ich mich ein paar Minuten verschnaufen, ich kann es ja kaum glauben. Sollte man so etwas für möglich halten! Erst wollte ich glauben, ich sei blind, und nun entdecke ich an mir mehr als hundert Augen!«
Die Sache gab Max gehörig zu denken. Still wiederholte er für sich:
»Hundertdreiundzwanzig Augen! Hätte ich sie auch als Kind gehabt, so hätte ich mit hundertdreiundzwanzig in meine Bücher gucken müssen.«
Wie er noch schaudernd bei solch ungeheuerlichem Bilde verweilte, hörte er ein Schreien im Saal:
»Obacht! Holla! Platz gemacht!«
Eine geflügelte Ameise kroch herein, gefolgt von einigen Gefährten. Mühselig und erschöpft bewegte sie sich vorwärts, von den Gefährten beinahe getragen und geschoben. Bei jedem ihrer Schritte hinterließ sie ein ovales Kügelchen, das vom Gefolge sorgfältig mit dem Munde aufgehoben wurde.
»Das ist ein schöner Skandal«, entfuhr es Max, der kaum hinzusehen wagte.
»Wo ist ein Skandal?« fragte Fuska verwundert.
»Hm«, meinte Max, »ich finde das, was ich sehe, gerade nicht sehr anständig.«
Fuska wies ihn unwillig zurecht und sprach:
»Ach, so reden die Leute immer, wenn sie eine Sache nicht verstehen! Diese geflügelte Ameise, von der du weiß Gott was für unpassende Dinge zu sehen vermeinst, ist ein braves Ameisenweibchen, das hereingeführt wird, um uns seine Eierchen zu schenken.«
Da schämte sich Max seiner voreiligen Anschuldigung und fragte dafür um so wißbegieriger:
»Was machen die Ameisen mit den Eierchen?«
»Sie befeuchten sie mit der Zunge, damit sie wachsen und gedeihen, und dann werden sie in ihre Stube gebracht.«
»Das ist ja sehr nett. Bin ich auch so zu euch gekommen?«
»Nein, das Ei, in dem du stecktest, fanden zwei unserer Schwestern auf einem moosigen Stein in der Nähe unseres Hauses; sie brachten es uns heim.«
»Aha«, dachte Max, »das waren die zwei vermeintlichen Totengräber!«
Aber er hütete sich, seine Geschichte zu erzählen. Wer hätte sie ihm geglaubt!?
»Komme, damit ich dir zeige, wie wir Eier und Kinderchen pflegen«, sprach Fuska und zog Max mit sich fort, bis sie in einem Saal anlangten, der vermutlich die Kinderstube vorstellte. Wie gelbliches Korn lagen hier Eier aufgehäuft. Fuska wies darauf hin und sagte:
»Sieh hier, der erste Zustand in unserer Entwicklung.«
»Wie ist das zu meinen?«
»Insekten kommen als Eier zur Welt. Das lebendige Eichen krümmt sich nach und nach, wird durchscheinend und verwandelt sich in eine +Larve+.«
»Eine Larve«, rief Max, »ums Himmels willen! So spielen die Ameisen erst Fastnacht, bevor sie richtige Tierchen werden? Als ich mich einmal maskierte, setzte ich eine Larve vors Gesicht, um mich unkenntlich zu machen.«
Fuska verstand nicht alles, was er redete, aber sie erklärte ihm liebenswürdig:
»Gewiß, im Larvenzustand ist unsere eigentliche Lebensform zunächst vollständig vermummt. Wir liegen als hilflose Würmchen auf der Erde; aber dann, wenn wir die Verhüllung ablegen ... Doch das sollst du jetzt alles selbst sehen; komm!«
5. Max war Ei, Larve und Puppe. Nun ist er weder männlich noch weiblich.
Fuska führte Max zu einer Saalecke, wo in langen Reihen höchst eigenartige Geschöpfe standen. Nein, wie sie doch aussahen! Oben waren sie dünn wie ein Fädchen, schwollen nach unten langsam an wie eine dicke Träne, die aus dem Auge rollt. Im Fallen wird sie dicker, und wenn sie über ein ungewaschenes Kindergesichtlein rinnt, nimmt sie eine schmutziggraue Farbe an. Gerade solche Färbung wiesen diese Wesen auf. Wie in einer Schule waren sie in Reihen nach der Größe aufgestellt. Beim Nähertreten bemerkte Max, daß die Dinger winzig kleine Köpfchen, aber weder Augen noch Füße hatten. Fast sahen sie aus wie eine Reihe von Zipfelmützen, die mit Lumpen ausgestopft und unten zugenäht sind. Max mußte bei diesem ungewohnten Anblick unbändig lachen.
»Sehr geehrte Larven«, so redete er sie an und hob dabei seine Fühler hoch, »wieviel Hörner strecke ich?«
Einige erwachsene Ameisen sahen ihn verweisend an.
»Wie magst du dich über unsere Kleinen lustig machen?« sprach Fuska. »Hast du doch selbst vor kurzer Zeit nicht anders ausgesehen!«
»Wie«, erwiderte Max, »bin ich auch so häßlich, so lächerlich gewesen?«
»Und nur unserer Hilfe hast du es zu verdanken, daß du in diesem Zustande nicht elendiglich zugrunde gingst!«
In der Tat konnte Max zusehen, wie die großen Ameisen sich mühten, diese Larven zu päppeln und sie mit zärtlicher Pflege zu umgeben.
Nun war er ganz kleinlaut geworden, der übermütige Max.
»Wie lange bleibt man denn in diesem Zustande?«
»Je nachdem. Manche sind in vier Wochen fertig, andere brauchen zu ihrer Entwicklung neun Monate.«
»Und ich? Habe ich so lange gebraucht?«
»Nun du hattest es eilig. In zwanzig Tagen warst du schon aus der Larve eine Puppe geworden.«
»Herrje! Eine Puppe!«
Nun drängte Fuska ihn zu den hintersten Reihen, damit er genau die Tierchen in ihrer zweiten Verwandlung sehen könne. Wie entsetzlich schwer es aber für Max war, vor Fuska zu verbergen, daß ein neuer Lachkrampf bei ihm auszubrechen drohte, ist nicht zu sagen.
»Das heißt man Puppen!?« kicherte Max mit mühsamer Zurückhaltung, denn er mußte sich fest auf die Lippen beißen und ein Füßchen vor den Mund drücken, um nicht herauszuplatzen vor Lachen. Diese trottelhaften Dinger reizten wirklich dazu.
Waren denn das Ameisen? An den weichen, weißlich gelben Körper hatten sie Beine und Fühler eng angezogen, und so lahm lagen sie da, als hätte man sie eben durchs Öl gezogen.
»Also, so soll ich ausgesehen haben?« sagte Max, der sich endlich zu einem artigen Ton gefaßt hatte.
»So sahst du aus. Und wie sie, hast auch du eines Tages aufgehört zu essen, und obwohl es nicht alle Puppen so machen, hast du dich selber in ein Knäulchen eingesponnen und versteckt, und als du zu dem vierten Grad deines Lebens reif geworden warst, hast du angefangen zu nagen in deinem Knäulchen, und ich habe dir geholfen herauszukommen.«
Max starrte Fuska mit seinen sämtlichen Augen an und rief: »Ich glaubte, Ameisen kämen zur Welt als richtige und fertige Ameisen.«
»Wir Insekten sind allen jenen Verwandlungen unterworfen, die dir so wunderbar scheinen. Du wirst im Leben noch deren andere, viel merkwürdigere sehen.«
»So bin ich also Ei gewesen, habe mich in eine Larve verwandelt, bin Puppe geworden und habe als solche ein Knäulchen gesponnen.«
»Und dies Knäulchen«, so sagte Fuska überlegen, »das nennen die Menschen irrtümlich ein Ameisenei.«
»Kann schon sein«, sagte Max. »Wie ist es nur möglich, daß ich mich gar nicht daran erinnere, das alles getan zu haben!«
»Das glaube ich gerne, in jener Zeit war dein Körper unentwickelt und dein Verstand erst im Werden.«
Diese Begründung leuchtete Max wohl ein.
Eigentlich, so dachte er sich, machen auch die Menschen eine Reihe von Verwandlungen durch, von der Zeit an, wo sie als kleine Wickelkinder mit rotem Köpfchen und dickem Bäuchlein zur Welt kommen und gepäppelt werden müssen, bis zu ihrem vollkommenen Zustand, wo sie Schnurrbart und Backenbart tragen. In diesem Augenblick gab es eine neue Überraschung.
Jene geflügelte Ameise war inzwischen mit Eierlegen fertig geworden. Nun sah man sie im Winkel dort mit einer, wie es schien, schmerzhaften Arbeit beschäftigt, denn sie strich sich gewaltsam heftig mit den Beinen über den Rücken und stöhnte laut dabei:
»Ach, ach, ach!« Mit den Beinen stieß und drängte sie ihre vier geöffneten Flügel, bis es schließlich gelang, sie abzureißen. Dann seufzte sie tief auf und stöhnte erleichtert:
»Gottlob, das hätten wir hinter uns!«
Alle im Saale Anwesenden riefen ihr im Chore zu: »All Heil!« und »Hurra!« und »Wir gratulieren dir!«
»Hörst du«, sagte Max neugierig, »sie gratulieren. Hat sie Geburtstag?« -- Dabei schaute er mit seinen drei einfachen Augen voll Verwunderung und mit den hundertzwanzig zusammengesetzten fragend und neugierig um sich.
Bereitwillig erklärte Fuska weiter:
»Dies ist eine weibliche Ameise, wie ich dir schon sagte. Die meisten unserer jungen Ameisenmädchen suchen sich in der Luft einen Bräutigam, um Hochzeit zu halten. Diese hat aber ihr Fest in der Nähe des Hauses unter unserer Aufsicht in Gras und Blumen gehalten. Wir haben sie dann nach Hause zurückbegleitet, und weil sie eine kluge Frau ist, entledigte sie sich eben ihrer Flügel. So kann sie nicht mehr in Versuchung fallen, eines Tages fortzufliegen, bleibt dafür hübsch gut versorgt bei uns und schenkt uns ihre Eier, um unsere Familie groß und stark zu machen.«
Verwirrt von soviel Neuem mußte Max ein bißchen ausruhen und darüber nachdenken. Nun wandte er sich wieder an Fuska:
»Wie kann und mag man denn in der Luft Hochzeit halten? Das verstehe ich nicht.«
»Es ist eben so.«
»Liebe Fuska, ich habe ja keine Flügel, wie soll dann ich um Himmels willen einmal in der Luft meine Hochzeit halten?«
»Was kümmert dich das? Männlein und Weiblein haben ja ihre Flügel.«
Nun glaubte Max aber wirklich verrückt zu werden. »Weibchen haben Flügel. Gut. Männchen haben Flügel. Noch besser. Aber, darf ich fragen, was sind dann wir beide eigentlich? Ich und Sie, wir haben keine Flügel, ich begreife nicht ...«
»Das ist sehr einfach: wir sind weder männlich noch weiblich.«
»Waaaas???«
»Wir sind geschlechtlose Wesen.«
Wenn Max nicht eine so dunkle Hautfarbe gehabt hätte, hätte Fuska sehen müssen, wie er erblaßte. Wie ein frischgewaschenes Leintuch, so weiß, hätte er wohl ausgesehen. Es fuhr ihm durch alle Glieder. Bis jetzt hatte er für einen tüchtigen Buben gegolten, der ein großer Mann werden konnte. Wäre er als Ameisenmädchen geboren worden, er hätte sich in Gottes Namen darein gefügt. Aber nichts zu sein, weder Mann noch Frau, das war ja nicht zu ertragen. Im Ausbruch einer wilden Verzweiflung schrie er Fuska an:
»Ich will nicht geschlechtlos sein! Ich will nicht, ich mag nicht. Ich bin ein Mann und will einer bleiben. Der Alte mit dem grauen Rock hatte kein Recht, aus mir zu machen, was ihm beliebte! Wenn er ein gerechter Mann gewesen wäre, hätte er mich erst fragen müssen.« Weinerlich bettelte er jetzt: »Ich will ein Mann sein, liebe Fuska, ich will Flügel haben! Kannst du mir nicht die Flügel ankleben, die von dem Weibchen dort abgeworfen wurden?«
Fuska tröstete ihn liebevoll.
»Dein kindliches Verlangen ist zu verstehen; leicht beneidet man diejenigen, die uns glücklicher scheinen, als wir es sind. Aber glaube mir, wenn man solche Leute oft näher kennenlernte, würde man froh sein um das, was man ist, und Gott dafür danken.«
Allein Fuska hatte gut reden. Max traf dieser Schlag zu schwer. Wie vorhin, als er vom Beginn eines Unterrichts hörte, spürte er eine angstvolle Bangigkeit, die ihm den Hals zuschnürte. Tiefunglücklich schlug er sich mit dem rechten Vorderbeinchen vor die Stirne und stützte so seinen Kopf. Das Weinen war ihm näher als je.
Aber auch diesmal bezwang er den ungeheuren Schmerz mit seiner Vernunft; er besann sich eines Bessern. Tränen weinen aus hundertdreiundzwanzig Augen, nein! Das hätte eine schöne Überschwemmung gegeben.
6. Eine Riesenschlange.
Schmeichelnd zog Fuska den nicht länger Widerstrebenden mit sich und sagte dazu: »Du möchtest ein Männlein sein, komm mit vor die Haustüre.«
Sorglich führte sie ihn an der Hand, vielmehr am Füßchen und stieg zum Haupteingang empor, der zugleich den Saal mit Tageslicht versorgte.
Draußen fiel Max von einem Staunen ins andere. Was sah er? Drei geflügelte Ameisen mit etwas kleineren Köpfen warfen sich wiederholt auf die Erde, wobei sie von einer Seite auf die andere fielen und die tollsten Purzelbäume schlugen.
»Habt ihr Leibschmerzen?« wendete Max sich voll Mitleid zu den unglücklichen Insekten. Stammelnd stieß eines hervor:
»Uh -- uh! Ach, ah! Oh! oh! oh! ...«
»E--s--e--l!« rief Max.
Das war gerade nicht sehr teilnahmvoll und artig, aber er meinte, nie dümmere Geschöpfe gesehen zu haben.
»Siehst du wohl, das sind unsere Männchen.«
»Ist so etwas möglich?«
»Ja, sie sind weder besonders vernünftig noch sonst mit wertvollen Eigenschaften begabt.«
»Das sehe ich; weder laufen, noch stehen, noch stillsitzen können sie.«
»Ihre Lebensaufgabe ist erfüllt; sie sind mit der Braut zur Hochzeit geflogen, dann ermüdet herabgestürzt, und gleich werden sie sterben.«
Starr und steif lagen bereits zwei, die Beinchen in die Luft gestreckt, auf dem Rücken da, ein drittes machte noch einige unfrohe Purzelbäume und stöhnte sein »Ach, Oh, Uh!« dazu.
»Möchtest du mit diesen Armen tauschen?« fragte Fuska.
»Mit solchen Dummköpfen? Nein, wahrhaftig nicht!« --
»Habe ich es dir nicht gesagt? -- Die Männchen leben nur wenige Tage, während wir den Vorzug haben, ein, zwei, sogar bis neun Jahre zu leben, wenn uns kein Unglück zustößt.«
»Da wollte ich schon lieber noch ein Weibchen sein«, sagte Max, der schaudernd den letzten Zuckungen des sterbenden Männchens zusah, »als solch eine Art von Mann!«
»Gewinn hättest du auch davon keinen. Wie für Männchen, bestehen auch große Gefahren für Weibchen. Hungrige Vögel erschnappen sie im Fluge, und das Traurigste ist, daß sie auch nach glücklich vollendetem Flug niemals mehr ihr altes Heim finden.«
»Nun, sie werden dann wohl in ein anderes Ameisenhaus gehen?«
»Davor werden sie sich hüten! Fremde Ameisen werden nirgendwo eingelassen.«
»Dann bekommt aber die Ameisenfamilie die Eier des verirrten Weibchens nicht«, eiferte Max, »wo keine Eier sind, ist es gleich zu Ende mit Larven, Puppen und Ameisen; zuletzt steht dann das Ameisenhaus leer!«
»Was du sagst, wäre richtig, wenn wir geschlechtlose Ameisen nicht wüßten, was unsere Pflicht ist. Da wir das aber sehr genau wissen, geben wir stets Obacht und tragen die zu Boden gesunkenen Weibchen ins Haus herein, wo sie ihre Eier gerne ablegen, wie du selbst gesehen hast.«
»Wie entstehen denn Männchen und Weibchen?«
»Wie eben alle Ameisen entstehen. Aus dem Ei.«
»Wie aber kam ich zu euch?«
»Du weißt es ja. Dein Ei fand man auf einem moosigen Stein in der Nähe unseres Hauses. Wir erkannten, daß es zu uns gehörte.«
Beide schwiegen. Maxens Herz war voll der verschiedensten Empfindungen. Über eine Weile fuhr Fuska fort:
»Merke dir also: Mann sein, heißt bei uns soviel als einen einzigen, herrlich schönen Flug über Blumen zur Sonne machen, dann erschöpft zur Erde stürzen und in Betäubung sein Leben aushauchen. Um als Weibchen zu leben, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder die Flügel zu gebrauchen, um den schönen Sonnenflug mit einem Bräutigam zu feiern -- wie oft aber geht dies Unternehmen übel aus! -- oder, trotz Flügel, auf der Erde bleiben und sich selber die Flügel auszureißen, um ihrer Versuchung nicht zu unterliegen. Wer bei uns Flügel besitzt, ist nicht zu beneiden. Wir geschlechtlose Ameisen aber sind recht die Herren des Hauses. Wir arbeiten ehrlich und unverdrossen, und die ganze Welt ehrt uns mit dem ruhmvollen Titel: ›Arbeiter‹.«
Der Gedanke, unverdrossen zu arbeiten, war für Max durchaus nicht bestrickend, aber daß Fuska grundgescheit und hoch achtbar war, das sah er ein.
»Wohlan«, sagte er, »ich will mich ferner nicht mehr über mein Schicksal beklagen.«
Fuska liebte es, ein wenig zu predigen; jetzt legte sie ihm ihre Vorderbeinchen auf die Schultern, schaute ihn bewegt und ernst an und sprach:
»Eine Ameise, die still ihrer Arbeit lebt, hat keine Ursache, irgend jemand zu beneiden. Du hast gesehen, wie der Schein trügt, und daß Flügel nicht verhindern können, sich auf der Erde den Hals zu brechen.«
»Ja, ja«, sagte Max altklug, »es ist nicht alles Gold, was glänzt!«
Inzwischen waren aus dem Hause Gruppen von Ameisen ausmarschiert, die eine Menge neu ausgeschlüpfter Ameislein führten, um sie an die Luft zu bringen. Mit Interesse folgte Max, und gerne hätte er mit ihnen ein wenig plaudern mögen. Aber alle horchten hoch auf, denn eine Stimme ließ sich hören: »Hierher! Schwestern! Hilfe ist nötig!«