Max Butziwackel der Ameisenkaiser: Ein Buch für Kinder und große Leute

Part 13

Chapter 133,731 wordsPublic domain

Hatten sie hier doch soviel Gastfreundschaft genossen, und bis jetzt war ihnen nur Gutes widerfahren. Kaum hatten sie drei Schritte gemacht, als sie im Hause hinter sich festliches Gesumse hörten, das sich dem Ausgang näherte. Es erschien eine stattliche Bienenschar, die junge Königin inmitten. Singend und tanzend flogen sie vorm Haustor auf und nieder. Diese jungen Bienen hielten scharf Umschau und prägten sich die Lage ihrer Wohnung und deren Eingang genau ein. Dann unternahm die Königin einen Flug um den Stock, worauf sie zu den Genossen zurückkehrte. Ein zweites und drittes Mal wiederholte sie dies gefällige Spiel, bis sie endlich fröhlich ausrief:

»Nun finde ich meinen Weg sicher wieder allein zurück!«

Beifall summend rief die Menge:

»Es lebe die Königin! Es lebe die Braut!«

Hoch in die blauen, sonnigen Lüfte ging der Flug. Unter freiem Himmel, inmitten des Wohlgeruches aller Blumen jubelten die Männchen summend ihr nach. Sie erwählte sich einen Bräutigam, mit dem sie sich vermählte. Dieser starb gleich nach der Hochzeit draußen auf blumiger Flur. Die Königin aber kehrte als fruchtbare Mutter zurück zu ihrem Volke und sang ihr Lied:

»Kommende Völker umschließet mein Schoß. Mächtig entfaltet Sich euer Reich. Einig erhaltet, Kinderlein, euch! Ehret die Mutter, sie machet euch groß!«

40. Eine Fahrt erster Klasse.

Die zwei Ameisen kamen am Fuße des Baumes an, der in seinem hohlen Innern das Bienenvolk beherbergte, als die Sonne im höchsten Mittagglanze stand. Das von ihren Strahlen liebkoste Land leuchtete vor Freude und Behagen im goldenen Lichte.

Max sah noch einmal empor zur Höhe, um dem gastlichen Bienenstock einen letzten Gruß zuzuwerfen, da bemerkte er, daß um ihn und Großzang ein dichter Regen von geflügelten Insekten herniederging, wobei ein kläglicher Chor von Seufzern ertönte:

»O weh, o weh! Hilfe! Ich sterbe. -- Ich sterbe.«

Am Fuß der Eiche war der Boden bedeckt von dickleibigen Bienen mit wahren Glotzaugen.

»Aha, ich merke was!« murmelte Max. »Das sind die armen Männchen!«

Es waren in der Tat die Drohnen. Die Hochzeit mußte beendet sein. Die Arbeitsbienen durchbohrten mit ihrem furchtbaren Speer die wehrlosen Männchen und warfen sie aus der Stadt hinaus; denn sie wollten darin nur die geschickten und fleißigen Arbeiterinnen behalten.

»Gewissenlose Unterdrücker der Wehrlosen!« rief Max empört aus und wendete sich zornig ab.

Wir wollen die Sache mit Ruhe erwägen. -- Dieses wilde Gemetzel ist zur Erhaltung der gesellschaftlichen Ordnung der Bienen nötig. Die Männchen, die den Namen Drohnen haben, stellten jetzt nichts weiter vor als eine Anzahl von Herumstehern, Nichtstuern, Schmarotzern, die von den Mühen anderer leben wollen.

Die Arbeiterinnen sind weise genug, die unnützen Faulenzer aus ihrem Staate zu verjagen, wo jeder von der Arbeit lebt.

Dieser Auftritt war allerdings nicht geeignet, in den beiden Ameisen frohe Gedanken zu erwecken; sie verfolgten ihren Weg mit niedergeschlagenen Augen, schwermütig, ohne Ziel, ohne Hoffnung in eine unsichere, dunkle Zukunft hinein. Max glaubte nicht mehr an eine Möglichkeit, heimzukehren; er dachte sich verurteilt, das Leben eines unsteten, ewig herumirrenden Insektes zu führen; er wagte nicht mehr zu hoffen, daß es ihm in diesem Leben je beschieden sei, als Herrscher eines großen Reiches seine ehrgeizigen Träume zu verwirklichen.

Großzang war bescheidener, erinnerte sich mit Wehmut an die drei täglichen Mahlzeiten, von denen eine süßer geschmeckt hatte als die andere. Nun waren die schönen Tage vorüber! Von jetzt ab hieß es wieder gegen den Appetit ankämpfen, Großzangs wildesten und unüberwindbarsten Feind. So wanderten die beiden geraume Zeit, als sie über sich in den Zweigen eines weitästigen Baumes lautes Gesumme hörten.

Sie blieben stehen und lauschten.

An dem äußersten Zweige eines der untersten Äste hing eine Riesentraube von Bienen. Eine klammerte mit den Vorderbeinen fest an der andern, und aus dieser lebenden Traube drangen tausend Stimmen, die deutlich die Worte summten:

»Jetzt hängen wir lange genug hier. Wir müssen einen Ort finden, wo wir uns einrichten, aber in der Nähe! Die Königin hat den Leib voll Eier und kann nicht mehr weit fliegen. Schnell, dorthin! Nein, lieber dahin! ...«

Max brach in einen hellen Freudenschrei aus, denn mitten aus dem Gesumme hatte er seine Freundin Süßchen herausgehört. Zu gleicher Zeit rief er auch schon Großzang warnend zu:

»Obacht! Hier ist der Fuß eines großen Tieres.«

In Wirklichkeit war es eines Mannes Fuß. Aber die kleinen Insekten machen keinen wesentlichen Unterschied zwischen einem Menschenfuß und dem eines Ochsen; sie wissen nur, daß beide mit der nämlichen Gedankenlosigkeit stets bereit sind, sie zu zertreten. Max konnte sich gerade noch retten und sah vor sich einen Mann mit einer Drahtmaske über dem Gesicht. In den Händen hielt er, die Öffnung nach oben gerichtet, einen glockenförmigen Strohkorb und näherte diesen vorsichtig dem Zweig, von dem die Bienentraube herabhing. Max hatte kaum Zeit zu rufen:

»Süßchen, gib acht, er fängt dich!«

Da hatte der Mann dem Zweig schon einen heftigen Stoß gegeben, so daß die ganze aneinanderhängende Bienenschar in den Korb fiel. Geschwind deckte der Mann den Korb mit einem Brettchen zu und ging mit dem Bienenvolke freudig grinsend fort. Kurz entschlossen sagte Max zu Großzang: »Rasch! Mir nach!« und kletterte auf den Stiefel des Mannes, dann stieg er weiter empor und rastete erst auf dem Rande des Stiefelrohres.

»Bist du da, Adjutant?« fragte Max besorgt.

»Zu Befehl! Aber wozu diese Kletterpartie?«

»Aus zwei Gründen, lieber Adjutant! Erstens sparen wir uns die Mühe, zu Fuß zu wandern, und zweitens lassen wir uns sicher und bequem an den Ort tragen, wo unsere Freunde ihre neue Stadt bauen werden.«

»Wohin trägt sie denn dieser Mensch?«

»Ich vermute, in einen Bienenkasten, den Menschen gebaut haben, um den Honig ernten zu können.«

»Spitzbuben!« schrie Großzang, der die Sache vom Ameisenstandpunkt aus betrachtete. »Schämen diese großen, dicken Menschen sich denn nicht, von der Arbeit winzig kleiner Geschöpfe zu leben? Solche Schmarotzer sollte es nicht geben!«

Max schwieg betroffen. Auch war die Reise zu unbequem zum Plaudern. So oft der Fuß, auf dem sie saßen, auf die Erde stapfte, gab es beiden einen solchen Ruck, daß sie sich kaum im Gleichgewicht halten konnten, um nicht herunterzupurzeln.

»Wir müssen einen sicherern Platz suchen«, entschied Max. »Hier ist scheint's dritter Klasse; wir wollen sehen, ob es uns nicht gelingt, in ein Abteil erster Klasse zu gelangen.«

Gefolgt von Großzang hielt er sich an den Hosen des Mannes fest, überschritt sodann kühn wie ein Seiltänzer ihren unteren Saum, kletterte außen empor bis zur Jacke und stieg an dieser hoch, bis er den Rockkragen erreicht hatte.

»Hier sitzt man gut«, rief er. »Es ist zwar ein bißchen schmierig; für erste Klasse dürfte es sauberer sein. Der Mann, der diesen Kragen trägt, hält nicht viel auf Reinlichkeit!«

Er hatte kaum diese Betrachtung angestellt, als er ganz nahe über sich, mitten in einem Walde von roten Haaren, ein graues Tier sah, das neugierig auf die beiden Ameisen herunterschaute.

»Heda!« bemerkte es mit bissigem Ausdruck, »was wollt ihr hier oben? Das ist mein Feld. Wißt ihr, wer ich bin?«

»Um Gottes willen, sag' es lieber nicht!« sprach Max mit Ekel, »es ist zwar das erste Mal, daß ich dich sehe, allein ich erkenne dich nach dem Orte, wo du wohnst!«

»Oje! du brauchst dich nicht so zu zieren«, sagte die Sprecherin, streckte ihren Leib aus dem zerrauften roten Wald heraus und klammerte sich dabei mit scharfen Krallen am Ende eines Haares an; »ich gehöre zu einer Insektenart, die geradesoviel gilt wie die deine!«

»Sag's nochmal, so will ich es glauben«, spöttelte Max.

»Jawohl! Was bildest du dir ein? Ich bin eine brave Laus, und in meiner Ordnung gibt es berühmte Gesangskünstler, die Zikaden, kühne Seefahrer, die auf dem Wasser gehen können, wie der Wasserläufer, berühmte Maler, die das Geheimnis einer herrlichen Farbenbereitung besitzen, die Kochenille; auch schimmernde Sterne gibt es bei uns, die Licht verbreiten -- die Laternenträger!«

»Kann sein«, erwiderte Max unwirsch; »ich kann mir denken, wie diese guten Leute sich schämen, mit dir verwandt zu sein!«

»Oho! Ihr Ameisen schämt euch aber nicht, soviel ich weiß, meine Verwandten, die Blattläuse auszusaugen, die ihrerseits den Pflanzen den gleichen Dienst erweisen wie wir den Menschen.«

»Saubere Dienste!« höhnte Max.

»Sauber oder nicht! Ich sage dir nur, wenn du noch weiter da heraufspazierst, rufe ich meine sämtlichen Kinder herbei, dann kannst du etwas erleben.«

»Ha, ha, Kinder hast du auch?«

»Das wollte ich meinen«, sagte das graue Weiblein stolz; »ich kann fünfzig Eier legen in einem Tage.«

»Glückauf! Möchten sie alle fünfzig noch jung geknickt werden!«

Max wandte sich gern ab, lief vom Kragen eilfertig über die linke Schulter des Mannes herab und versteckte sich tief in einer Ärmelfalte, nur um das greuliche Tier nicht länger zu sehen.

»Eine merkwürdige Sache«, bemerkte Großzang, der Max auf Schritt und Tritt nachlief, »dieser Mensch raubt den Bienen ihren Honig, und das Insekt da droben saugt dem Menschen das Blut aus.«

»Na, an Steuern und Abgaben kommt keiner vorbei«, schloß Max die für Großzang merkwürdig kluge Beobachtung. »Aber es muß einer schon ein arg schmutziger Kerl sein, wenn er den Läusen freiwillig einen Blutzoll entrichtet!«

41. Dritter Klasse, Abteil für Raucher.

Schon geraume Weile reisten Max und sein Adjutant auf dem Ärmel, als der Mann anhielt. Max sah zwischen den Bäumen künstliche Bienenwohnungen und erkannte, daß er sich im Besitztum des Bienenzüchters befand, der mit seinem Vater wohl bekannt war, und der ungefähr tausend Schritte von seinem Haus entfernt wohnte: für ein Kind eine kleine Entfernung, aber ein ungeheurer Weg für Ameisenbeinchen! Der Mann, auf dem Max reiste, beugte sich nieder und stülpte mit rascher Bewegung die Strohglocke über ein zu ihr passendes, walzenförmiges Unterteil. Jetzt war die neue Familie in einem kuppelförmigen Bienenhäuschen untergebracht, in dem sie sich sehr wohl befand, denn die fleißigen Arbeitsbienen machten sich sogleich an ihre Geschäfte. Max gab Großzang ein Zeichen und rief:

»Schleunig absteigen!«

Zunächst liefen die beiden am Ärmel empor, gegen die Schulter hin, um dann über den Rücken der Joppe den Abstieg zu nehmen. Der Mann hatte sich inzwischen die Drahtmaske abgenommen und beguckte sorgfältig seine Bienenvölker. Eines davon schien verdächtig unruhig. Er mußte, um nachzusehen, was da vorgehe, den Deckel heben. Die Bienen waren schlecht gelaunt und sehr erregt. So stürzte im Nu ein wütendes Heer aus dem Stocke auf den Mann los und hüllte ihn wie eine Wolke ein, brummend und summend sein Gesicht bedrohend. Schnell lief er davon; doch die zornigen Bienen verfolgten ihn und zerstachen ihm jämmerlich Gesicht und Hände. Endlich ließen sie von dem Gepeinigten ab, der sich fluchend an einem Grabenrand niederließ, den Kittel auszog und sich mit ihm das schmerzhaft anschwellende Gesicht rieb. Dann legte er das Kleidungsstück neben sich ins Gras.

Das war alles so schnell vor sich gegangen, daß die beiden Reisenden todsicher auf unbekanntes Gebiet gestürzt wären, hätten sie nicht das unglaubliche Glück gehabt, in die Rocktasche zu fallen. Freilich war es trotzdem ein zweifelhaftes Vergnügen, denn Max und sein Adjutant befanden sich jetzt mitten in einem Gekrümmel von Tabakresten und Zigarrenstummeln. Um dem greulichen Gestank zu entgehen, blieb nichts anderes übrig, als in die Tabakpfeife zu flüchten, wo es durchaus nicht besser roch. Als der Kittel bewegungslos lag, sagte Max:

»Nur geschwind heraus! Wir ersticken hier!«

Nicht ohne Mühe fanden sie den Ausgang und liefen im Eiltrab davon, dem Graben entlang, an dessen Rand der Verletzte jammernd die Bienenstachel sich aus den Händen entfernte. Der arme, gehetzte Kaiser rannte mit seinem Adjutanten so schnell, als gelte es einen Wettlauf an ein bestimmtes Ziel. Es war aber die innere Unruhe über die Ungewißheit seiner Lage, die ihn so dahinjagte. Die Hoffnung, bei den befreundeten Bienen wieder anzukommen, war vernichtet. Vielleicht war er ihnen nahe, wer weiß es? Aber die Reise in der finstern Tasche und die Kreuz- und Quersprünge des zerstochenen Bienenvaters waren schuld, daß sie beide aus dem verlässigen Ortssinn der Insekten keinen Nutzen ziehen konnten. Sie rannten also aufs Geratewohl vorwärts, und Max hätte gern sein Kaiserreich, das er nicht besaß, hingegeben für ein sicheres Nachtquartier. Großzang hätte für einen Imbiß der bescheidensten Art seinen Grafentitel geopfert.

Die zwei Wanderer waren bereits ein gut Stück Weges dahingezogen, als Großzang, seinen Kaiser betrachtend, plötzlich erschrocken ausrief:

»Majestät! Die Krone!«

Max betastete eilig sein Haupt. Die Krone, die kaiserliche Krone, sie war nicht mehr da! -- Ach Gott! die lag in der Joppentasche, bei den Stummeln und der Tabakspfeife, als klägliches Beispiel, wie man aus den höchsten Ehren dieser Welt jäh in den Staub stürzen könne. Das war für unsern Helden ein harter Schlag! Er blieb erst stumm stehen, dann übermannte ihn der Schmerz; er fiel zur Erde und brach in Wehklagen aus:

»Teuerster Adjutant! Es ist unnütz, noch weiter zu gehen. Wohin? Wozu? Es ist gescheiter, wir erwarten hier den Tod -- alle beide.« Ohne auf Großzang zu hören, der ihn trösten wollte, murmelte er:

»O Mutter, meine liebe, gute Mutter!«

Der Gedanke an die Mutter hatte ihn noch jedesmal gestärkt, so auch diesmal. Als er den Blick erhob, bemerkte er ein schönes Insekt, das auf ihn zuflog. Dies Insekt kannte er. Es erinnerte ihn an sein teures Haus, seine liebe Familie. War es doch auch in jenem Haus geboren wie er selbst.

»Frau Holzwespe!« rief Max ihm zu.

»Ei«, sprach die Holzwespe erfreut, »bist du es denn wirklich, lieber Freund?«

Es war richtig jener stahlblau leuchtende Hautflüger, der damals als Larve für sich und Max den Weg durch den metallenen Türbeschlag gebohrt hatte.

»Ja, ich bin es! O liebe Holzwespe, wenn du wüßtest, welcher Trost, welche Freude es für mich ist, dich zu sehen!«

»Für mich keine geringere!« sagte das Insekt artig und setzte sich neben die zwei Ameisen. »Niemals vergesse ich dir den Dienst, den du mir erwiesen hast! Du hast mich aus der Gefahr gerettet, von jener Menschenfrau zerdrückt zu werden! -- Aber wie kommst du denn hierher?«

»Ach, das Unglück hat mich so verfolgt, daß ich nicht mehr weiß, wo ich mein müdes Haupt hinlegen soll!«

»O du Ärmster!«

Die Holzwespe dachte ein wenig nach, dann sagte sie:

»Warte! Vielleicht kann ich dir eine Wohnung verraten, wo du, wenn mich nicht alles täuscht, gut aufgehoben wärst. -- Siehst du die Eiche dort?«

»Jawohl, ich sehe sie!«

»Also gut! Als ich vorhin auf ihren Zweigen saß, hörte ich in ihrem Innern ein schwaches Geräusch, wie wenn jemand drinnen Holz zersägte. Du weißt, in solchen Dingen habe ich ein wenig Erfahrung. Irre ich nicht, so handelt es sich um ein Insekt, das seine letzte Verwandlung erreicht hat und jetzt versucht, herauszukommen. Willst du, daß wir zusammen die Wohnung besichtigen?«

»Ja, natürlich!« willigte Max freudig ein.

So gingen sie zusammen zur Eiche, und nachdem Max der Holzwespe seinen Adjutanten vorgestellt hatte, sprach er zu ihm:

»Teurer Adjutant, dieser zarte Freund beißt sogar Eisen durch; ich habe es selbst gesehen!«

Jedoch Großzang war nicht einmal so arg verwundert darüber, wie es Max erwartet hatte. Er hatte selbst so sehr Hunger, um in ein Eisen zu beißen, und sagte kühl:

»Ich glaub's gern!«

Die Holzwespe stieg an der Eiche empor, gefolgt von den beiden Ameisen. An einer gewissen Stelle hielt sie inne:

»Hört ihr's!« fragte sie hinhorchend.

Man vernahm ein ganz leises Geräusch aus dem Innern des Baumes.

»Wir müssen etwas warten«, sagte sie weiter, »aber es dauert sicher nicht mehr lange. Der Freund da drinnen arbeitet wie rasend.«

Richtig, gleich darauf, unmittelbar vor Max, öffnete sich ein winziges Löchlein, und es erschien ein drollig lebhaftes Köpfchen, das sich nach allen Seiten hin bewegte und zugleich große Freude und großes Staunen ausdrückte.

Man hörte ein süßes, feines Gesumse, das lautete:

»Endlich atme ich dich, du gesegnete Luft!«

Aus dem Löchlein kamen jetzt zwei reizende Pfötchen hervor, die sich fest am Rande anklammerten, und nach und nach erschien ein prächtiges Insekt mit Flügeln und einer herrlich metallisch violetten Färbung.

»Eine Biene!« rief Max, der eine Flut von Fragen in Bereitschaft hatte. Doch das Insekt breitete mit Wonne die Flügel aus, streckte und putzte die Beinchen, wiegte den Kopf hin und her, machte sodann eine artige Verbeugung, flog fort und rief:

»Wie wunderschön ist das Leben!«

»Sie hat recht«, sagte die Holzwespe zu Max, der über diese rasche Flucht ein wenig beleidigt dastand; »glaube mir, Lieber, für ein Geschöpf, das so lange im Finstern eingeschlossen war, das als Larve nur in einer einzigen Hoffnung lebte, für den einzigen Zweck arbeitete, endlich als vollkommenes Insekt an das Licht zu kommen, ist dieser Augenblick, wenn er endlich da ist, zu wichtig, als daß man sich mit neugierigen Leuten ins Plaudern einließe. Ich kann das sagen, ich habe es selbst erlebt.«

»Ich kann es begreifen«, sagte Max beschwichtigt.

Aber die Gleichgültigkeit Großzangs der erstaunlichen Nagekunst seiner Wespenfreundin gegenüber, konnte er noch nicht verwinden. Es drängte ihn daher, seinem stumpfsinnigen Adjutanten den Vorgang näher zu beschreiben:

»Verstehst du denn auch, diese Dame hat Eisen, richtiges Eisen zernagt, um aus ihrem Gefängnis auszubrechen!«

»Ach ja«, sagte Großzang gelangweilt. »Meinst du denn, ich sei taub? Übrigens, um ein solches Meisterstück auszuführen, kommt es nur auf den Zustand an, in dem sich einer gerade befindet!«

»Wie meinst du das?«

»Nun, ich zum Beispiel, ich würde gegenwärtig Eisen nicht nur zernagen, sondern sogar aufessen.«

Max betrachtete ihn kopfschüttelnd und hätte ihm gern einiges erwidert, wenn nicht im selben Augenblicke aus dem Löchlein ein zweites Köpfchen hervorgeschaut hätte, dem ersten gleich in jeder Hinsicht.

Mit süßem Gesumme sprach das Bienchen:

»Gelobtes Land, endlich sehe ich dich!«

Und wie seine Schwester breitete es die Flügel aus, machte eine Verneigung und flog davon, ohne daß Max nur ein Wort mit ihm hätte sprechen können. Da verlor er die Geduld und sagte entschlossen:

»So, nun ist die Reihe an mir; ich trete jetzt in das Haus ein.«

Wie bestürzt blieb er aber stehen, als er drinnen immer noch wütend bohren und sägen hörte! Nicht lange, so erschien abermals ein zartes Köpfchen und rief:

»Endlich!«

»Endlich möchte ich doch auch wissen«, unterbrach sofort unwillig Max die begonnene frohe Rede, und griff fest zu. »Jetzt habe ich satt mit der unanständigen Eile. Endlich! Wer bist du? Wie heißt du? Woher kommst du? Was willst du tun? Wohin gehst du? Ich sage dir, wenn du mir nicht Rede stehst, so lasse ich dich nicht fliegen, und du kannst zusehen, wie du deine Geschäfte ohne Kopf besorgst!«

42. Großzang findet beinahe den Hungertod.

Bei der Drohung, den Kopf zu verlieren, erschrak das arme Geschöpf dermaßen, daß es kein Wort herausbrachte. Max bereute schnell seine grobe Heftigkeit und sagte lächelnd:

»Sei doch nicht so! Es war nur Scherz. Ich tue dir gewiß nichts.«

»Danke!« sprach gerührt die Biene. »Es wäre gräßlich, wenn man sterben müßte, wo man eben zu leben anfängt.«

»Fürchte dich nicht! Ich bin ein großer Bienenfreund, und du bist doch eine Biene, nicht wahr?«

»Ja, ich bin eine Holzbiene.«

»Eine Holzbiene? -- Du arbeitest also wie ein Schreiner? Ich hätte dich eher für einen Tapezier gehalten.«

Max glaubte, eine gute Bemerkung zu machen, und war daher enttäuscht über den ernsten Ton, mit dem die Holzbiene erklärte:

»Die Tapezierbienen bauen ihr Nest etwas anders.«

»Was? Es gibt wirklich solche?«

»Natürlich; wie es Maurerbienen, Wollbienen und Erdbienen unter uns gibt.«

Die Holzbiene gab jetzt ihre Ungeduld zu erkennen. Max bemerkte es und sagte:

»Ich sehe, du hast es eilig, und ich halte dich mit meinem Geplauder auf. Sage mir nur noch schnell: Ist dies hier dein Haus?«

»Es war bis jetzt mein Haus«, erwiderte die Biene, »aber von heute an habe ich ein größeres, schöneres, helleres, meine Wohnung ist jetzt die weite Welt!«

»Dann bleibt dies Haus leer, und man braucht keine Miete zu bezahlen, wenn man hier wohnen will?«

»Nein, aber es sind noch meine zwei Schwestern in ihren Zimmern da drinnen. Sie arbeiten schon an ihrer Türe. Hörst du sie?«

Man vernahm in der Tat jetzt wieder das bekannte Geräusch, als ob jemand immerzu Holz sägte.

»Unser Haus ist von meiner Mutter erbaut worden, so wie ich eines für meine Kinder machen will. Darum kann ich dir sagen, wie es gemacht wird. Man gräbt einen schönen Gang in einen Baumstamm, am Ende desselben legt man einen Brei aus Honig und Blütenstaub hinein.«

Da schrie Großzang gierig dazwischen:

»Laß mich sehen, wie du den Teig bereitest!«

»Seinerzeit werde ich ihn schon machen«, fuhr die Biene fort, »ich sammle ihn von Früchten und Blumen. In die Mitte des Teiges legen wir das Ei, dann schließen wir das Zimmer mit einem Mäuerlein aus Sägemehl zu, das wir mit Speichel anrühren. Auf diese Mauer legen wir einen zweiten Brei mit einem andern Ei, schließen auf gleiche Weise auch dies Zimmer, und so immerfort, solang der ganze Gang ist, den wir zuletzt ebenso verschließen.«

»Und dann?«

»Dann finden die Larven, die sich aus dem Ei entwickeln, ihren Tisch gedeckt.«

»Diese Glücklichen!« murmelte Großzang.

»Die Larven wachsen und füllen mit ihrem Körper zuletzt die ganze Zelle aus. Sie verwandeln sich in Puppen, und endlich, wenn die Zeit vollendet ist, werden sie vollkommene Insekten, wie ich jetzt eines bin -- und --«

»Und?«

Im Baume hörte man eine Stimme rufen:

»He, Schwesterchen! Was machst du denn? Willst du, daß ich hier im Dunkeln bleibe?«

Die Biene unterbrach deshalb ihre Rede, und mit rascher Bewegung schlüpfte sie vollends aus dem Löchlein; sofort erschien hinter ihr ein neuer Kopf. Zuletzt kam auch noch die andere heraus, und alle drei machten eine artige Verbeugung und riefen froh:

»Es lebe die Sonne!«

Und weg flogen sie.

»Jetzt nehmen wir Besitz vom Hause«, sprach Max.

Gefolgt von Großzang schlüpfte er ins Haus hinein, während die Holzwespe ihm nachrief:

»Ich bin zu groß, um hineinzukommen, ich erwarte dich hier außen.«

Nun war ja der Gang einer Holzbiene gerade nicht dazu angetan, einem Kaiser wie Max zur Residenz zu dienen, aber es war doch wenigstens für ihn ein bequemes Unterkommen; fünf saubere und nette Zimmerchen standen ihm zur Verfügung.

Durch die Wand, die jede der fünf Holzbienenschwestern hatte durchnagen müssen, um aus ihrer verschlossenen Zelle zu kommen, konnte man jetzt herrlich aus- und eingehen.

Jede dieser Holzbienen hatte die Sägemehlmauer durchbohrt, die ihre Zimmerdecke gewesen war. Die erste von ihnen hatte den Ausgang aus dem Baumstamm gebohrt, die zweite öffnete die Türe, die sie in das bereits leere Kämmerchen führte, und so fort bis zur letzten, die den Ausgang durch die Kammern aller Schwestern fand.

»Das sind einmal gescheite Insekten! Alle Anerkennung!« rief Max, »die stehen ja sogar uns Ameisen nicht nach. Das will was heißen. Denn man darf nicht vergessen, daß unter uns sehr geschickte Holzarbeiter sind, die kunstvolle Wohnungen in die Baumstämme graben, teurer Großzang!«

Dieser aber hörte wieder einmal recht zerstreut zu und durchsuchte dafür um so angelegentlicher alle Zimmer bis ins hinterste. Wißt ihr, nach was? Unzufrieden brummte er:

»Alles aufgegessen!«

»Was suchst du nur?« fragte Max.