Max Butziwackel der Ameisenkaiser: Ein Buch für Kinder und große Leute

Part 11

Chapter 113,631 wordsPublic domain

Er deutete dabei auf die Hülle Dickkopfs, die mit den Beinen in der Luft neben ihnen lag.

»Der Ärmste!« rief Großzang tiefbewegt. »Von ihm ist nichts geblieben als die Schale. Das Untier hat ihn ausgesaugt ohne jede Rücksicht. Jetzt freut es mich doch, daß wir seit zwei Tagen nichts gegessen hatten, sein Körper muß hübsch trocken gewesen sein. Aber, daß der arme Freund so wie ein ausgeblasenes Ei werden könnte, das hätte ich doch nie geglaubt!«

Beim Weitergehen wandte sich der Kaiser Butziwackel sehr ernst zu seinem Gefährten und sprach:

»Adjutant, hast du den Straßenräuber da drunten in seinem Trichter gesehen?«

»Leider! Es ist eine für uns Ameisen schreckliche Larve.«

»Sehr wohl! Sobald wir einem zweiten von dieser Sorte begegnen, befehle ich dir, ihn mir fünf Minuten vorher zu melden! Gehen wir! -- Vorwärts, marsch!«

34. Adjutant Großzang verdient sich den Titel eines Grafen aller Hautflügler.

Das schauerliche Abenteuer mit dem Ameisenlöwen und vorher das Wiederfinden und die Begrüßung der beiden Adjutanten hatte Max kostbare Zeit gekostet. Als er endlich in der Nähe des Bienenstockes ankam, war es bereits dunkel geworden.

»Wie ich fürchte, bin ich zu spät gekommen«, murmelte in Sorge der entthronte Kaiser, während er den Baum erkletterte.

»Aber wohin gehen wir denn?« wagte Großzang zu fragen, der wohl sah, wie gedankenvoll Max geworden war.

»Wir wollen ein Bienendorf retten, das von einem schwarzen Dieb bedroht ist.«

»O wie fein! Da kann man vielleicht ein bißchen Honig bekommen?«

Mit strengem Blick aber rügte Max:

»Adjutant! Es handelt sich jetzt um ein ruhmreiches Abenteuer zu edlem Zwecke; und du denkst ans Essen!«

»Es ist wahr; aber daran ist mein knurrender Magen schuld; er ist so leer, als ob er -- Gott behüte uns davor -- von einem Ameisenlöwen ausgesaugt worden wäre.«

Die beiden Ameisen standen endlich vor dem Eingang zum Bienenstock.

Mit verzweifelten Gebärden stürzten eben einige Bienen daraus hervor und summten in höchster Aufregung:

»Der Totenkopf! Der Totenkopf!«

Man sah sogleich, daß es im ganzen Bienendorf entsetzlich toll zuging. Gefolgt von seinem Adjutanten stürmte Max hinein. Die verwirrten und erschreckten Schildwachen beachteten ihn nicht, und bald stand er an der Stelle, wo sich eben das bedrohlichste Schauspiel abwickelte.

Der entsetzliche Totenkopf war in den Stock eingedrungen. Da saß er mit seinem großen plumpen Leib, bebend vor Gier, die riesigen Flügel zitterten, sein Rüssel zuckte, und vergebens versuchte das Bienenvolk, das ihn umgab, sein verderbliches Vordringen zu verhindern.

Vergebens bemühten sich die Überfallenen, den elastischen Panzer zu durchstechen, von dem der dicke Körper des Tieres weich und nachgiebig wie von einem Gummimantel umschlossen war. Angstvolle Stimmen schrien in all diese Verwirrung hinein:

»Er wird alle unsere Lagerräume plündern!«

»Er frißt unsere Kinder!«

»Er wird die Königin töten!«

Max wandte sich zu seinem Adjutanten und sagte leise zu ihm:

»Hörst du, um eine Königin handelt es sich! Um jeden Preis muß diese gerettet werden!«

»Aber wie? Wenn schon die Bienen mit ihrem Stachel nichts vermögen?« fragte Großzang ratlos.

»Dummkopf! Was der Stachel nicht kann, tut die Zange.«

Unbekümmert und rücksichtslos schlürfte inzwischen der Totenkopf so viel Honig, als er nur konnte, trotz des lauten Protestes des Bienenvolkes. Da gellte plötzlich ein Schrei aus dem vollen Munde des Räubers:

»Au, mein Bein!«

Ein zweiter ungeduldiger Schmerzensruf folgte:

»Zum Kuckuck, wer schneidet mir denn meine Fühler ab?«

Zu gleicher Zeit rief Max, der sich rittlings auf den Totenkopf gesetzt hatte:

»Großzang, wenn du ihm nur ein einziges Glied am Körper läßt, bist du nicht länger mein Adjutant!«

Bei diesem ebenso unerwarteten als heftigen Angriff der Ameisen versuchte der abscheuliche Totenkopf sich nach Kräften zu wehren. Er schlug um sich und schleuderte dabei die armen Bienen umher, daß sie mit den Beinchen nach oben herumwirbelten.

Der Kampfplatz war eng, und die gespreizten Flügel des Totenkopfes versperrten den Weg. Aber schon hatte jemand an Abhilfe gedacht; denn siehe, einer der Flügel fiel ab, und gleich löste der zweite, dritte und vierte sich los. Das hatte Großzang mit seinen scharfen Zangen wahrlich gut gemacht.

Ohne Flügel und ohne Fühler wollte sich der Totenkopf auf dem einzigen Bein, das ihm geblieben war, aufrichten. Doch auch dieses zwickte Großzang unbarmherzig ab. Der verstümmelte Rumpf des Untiers lag nun da, ohne sich bewegen zu können. Im Nu hatte sich die Nachricht davon in alle Ecken und Winkel des Bienenstockes verbreitet, und ein hellstimmiger, unbeschreiblicher Siegesjubel brach los:

Viktoria! Viktoria!

Allen Lärm übertönend rief eine Stimme:

»Wer hat diesen Dieb auf solche Weise unschädlich machen können?«

Max erkannte die Stimme und rief:

»Süßchen, Süßchen! Bist du's?«

»Ei, ei!« sagte die Biene erstaunt und setzte sich zu Max auf den Rücken des Totenkopfes, »das ist ja die Ameise, der ich auf dem Rosenstock begegnet bin! Wie kommst denn du hierher zu uns?«

»Ich kannte die Absichten dieses schwarzen Herrn und bin herbeigeeilt, das Bienendorf zu retten.«

»Du!« rief Süßchen und sah ihn gerührt an. »Schwestern«, rief sie, »verneigt euch vor dieser Ameise. Ihr verdanken wir unsere Rettung!«

Ein schallendes »Hurra« folgte dieser Bekanntgabe.

Max dankte tief bewegt und sprach:

»Haltet ein! Nicht ich allein habe ein Recht auf euern Beifall. -- Großzang, Großzang, tritt vor!«

Aber Großzang antwortete nicht.

»Dieser Vielfraß«, dachte Max, »wird schon in eine Honigkammer eingefallen sein. Aber er soll was hören, wenn er zurückkommt!«

Inzwischen hatte Süßchen mit der zärtlichen und liebevollen Stimme, die sie sich im Umgang mit den Blumen angewöhnt hatte, gesagt:

»Du bleibst doch bei uns, nicht? Es ist zu spät geworden, um heimzukehren!«

»O wie gerne!« beeilte sich Max zu antworten, »um so lieber, als ich zurzeit keine Wohnung besitze.«

Süßchen schien sehr erstaunt über diese Erklärung und war nahe daran zu fragen wie und warum; denn sie war neugierig, über ihren Befreier Näheres zu erfahren; aber da sie eine höchst taktvolle Biene war, überwand sie sich und sagte nur:

»Wie gerne hörte ich deine Geschichte; morgen erzählst du sie mir vielleicht? Selbstverständlich bleibst du und jene Ameise, der du eben gerufen hast, hier, d. h. wenn sie noch bei uns herinnen ist. Ich selbst muß jetzt den Schwestern helfen, das Haus von diesem Eindringling zu säubern.«

Max stieg mit ihr vom Rücken des Totenkopfes herunter. Süßchen aber gesellte sich zu den andern Bienen, die mit vereinten Kräften den Körper des Untiers fortzuschaffen versuchten.

Aber dessen Gewicht und Umfang war derart, daß es keine leichte Sache war, ihn zu bewegen. Schließlich rief eine Biene:

»Hört mich an, ihr Lieben! Diesen greulichen Wicht aus dem Stock hinauszuschaffen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, ich schlage vor, ihn auf die Seite des Ganges zu schleppen und ihn dort luftdicht abzuschließen.«

Der Vorschlag wurde sofort angenommen. Alle Bienen stellten sich an der einen Seite des schweren, häßlichen Körpers auf, hoben und schoben mit verdoppelten Kräften den Dieb, bis es ihnen schließlich gelang, den Koloß von der Stelle zu rücken. Nach dem ersten Ruck ließ sich unter dem Tier eine schwache Stimme vernehmen:

»Gottlob! Länger hätte es nicht mehr dauern dürfen, sonst wäre ich unter dieser Schuttmasse erstickt!«

Der mutige Großzang war unglücklicherweise unter den mächtigen Schmetterling zu liegen gekommen, als er ihm das letzte Bein abgezwickt hatte. Max half ihm hervor und rief mit feierlicher Gebärde:

»Adjutant! Du bist ein tapferer Soldat!«

»Ich folgte deinem Befehl; du hattest mich ja mit dem Verluste meiner Stellung bedroht, wenn ich diesem Frechling ein einziges Bein lassen würde.«

»Du hast männlich deine Pflicht getan; zum Lohne ernenne ich dich in Gegenwart dieses edlen Volkes zum erlauchten Grafen aller Hautflügler.«

Großzang verstand kaum die volle Bedeutung dieser Auszeichnung; so viel aber war klar für ihn, daß sein Kaiser ihm eine hervorragende Stellung im Reiche der Insekten zugedacht hatte. Untertänig stammelte er mit tiefer Verneigung:

»Majestät, ich danke!«

Der Körper des Totenkopfes war jetzt auf die Seite gerollt. Max setzte im Triumphgefühl seinen rechten Fuß auf des Tieres Kopf, wies auf die düstere, gelbe Schädelzeichnung über dem Rücken des Tieres und machte dabei die Bemerkung:

»Der ehrsame Herr -- Gott hab' ihn selig! -- hat allem Anschein nach bei Lebzeiten schon an seinen Tod gedacht; um uns die Kosten zu ersparen für einen Grabstein, ließ er sich die Inschrift auf den Buckel malen!«

35. Im Bienenreich.

Am nächsten Morgen erwachte Max, dem die dankbaren Bienen ein hübsches Schlafkämmerlein angewiesen hatten, sehr schlecht gelaunt.

»Dieser greuliche Totenkopf«, sagte er, »hat mir die ganze Nacht verdorben. Ich hatte gräßliche Träume über ihn. -- Großzang! Hallo, Großzang! Großzang!«

Der gräfliche Adjutant schreckte aus seinem tiefen Schlummer auf.

»Na endlich!« rief Max, »was für eine Art zu schlafen! Ein kaiserlicher Adjutant, das merke dir, schläft nur mit dem einen Auge, mit dem andern hat er stets zu wachen.«

»Ich habe Hunger«, gähnte verschlafen der Herr Graf.

»Du bist unersättlich, mein Lieber! Gestern abend hast du bei dem Schmaus, den uns die Bienen gaben, für Viere gegessen. Es ist unbedingt nötig, daß du dich änderst; denn meine Einkünfte erlauben mir vorderhand nicht, einen solchen Vielfraß von Adjutanten zu halten.«

Mit gnädigem Ton fuhr er dann fort:

»Etwas anderes! -- Heute morgen müssen wir den Palast der Bienen besuchen, und wir werden der Königin vorgestellt werden. Verstehst du, der Königin! Benimm dich deiner Stellung entsprechend und blamiere mich nicht!«

Der Gedanke, der Königin vorgestellt zu werden, genügte, um Max wieder in beste Laune zu versetzen.

Seinem Adjutanten gab er eine Menge Anweisungen über die höfischen Sitten und Gebräuche und schärfte ihm ein, sich genau daran zu halten.

Gerade wollte er ihm noch einen schönen Vers beibringen, mit dem der Adjutant den Kaiser der Königin vorstellen sollte, als jemand an der Türe klopfte und fragte:

»Darf ich eintreten, liebe Freundin?«

Es war Süßchen.

Max ging ihr entgegen und sagte:

»Meine Teure, vor allen Dingen muß ich dir erklären, daß ich keine Freundin bin.«

»Wie? Keine Freundin?«

»Nein, aber dein Freund; denn ich bin ein Mann.«

»Und diese andere Ameise?«

»Ein Freund, gleich mir: beide gehören wir dem männlichen Geschlechte an.«

»Ihr habt doch keine Flügel; deshalb dachte ich, ihr seiet geschlechtslose Ameisen, und hielt euch für tüchtige Arbeiter, wie ich eine Arbeitsbiene bin.«

Max mußte lachen und schaute Großzang an.

»Arbeiter! Hörst du, Adjutant? -- Süßchen meint, wir wären zwei Arbeiter. Sie hat keine Ahnung, was wir sind. Und wenn sie erst hört, wer ich bin! Jetzt ist es Zeit, das Inkognito fallen zu lassen. Großzang, stelle mich vor!«

Großzang verneigte sich tief, zeigte auf Max und sprach würdevoll:

»Max Butziwackel I., Kaiser der Ameisen.«

Max deutete auf Großzang und sprach:

»Mein Adjutant Großzang, Graf aller Hautflügler, des Kaisers Butziwackel erster und einziger Offizier. Dickkopf, der zweite Adjutant, wurde gestern von einem Ameisenlöwen ausgesaugt.«

Süßchen blieb unglaublich überrascht bei dieser Doppelvorstellung.

Max bemerkte, wie verständnislos sie seiner Größe gegenüberstand, und erachtete es deshalb für nötig, eine Erklärung folgen zu lassen. Er erzählte ihr vertraulich die Geschichte seines Aufstiegs zu fürstlicher Höhe und den jähen Sturz von seinem Throne.

Die Biene hörte aufmerksam zu, und als er geendet hatte, sagte sie:

»Höre mal, ich habe nie einen Thron verloren und strebe nach keiner Krone. Ich kenne nur den freudigen Drang zur vergnüglichen Arbeit. Hast du, Unglücklicher, auch diesen verloren? Bitte, beeile dich, wenn du jetzt unser Haus besichtigen willst.«

Diese Worte verdrossen Max ungeheuer, aber seinen Zorn schüttete er über den unschuldigen Großzang aus, den er barsch anfuhr:

»Na, Adjutant, was tust du denn? Erhebe dich endlich! Hörst du nicht? Wir gehen jetzt, den Palast zu besichtigen. Komme sofort. Wie lange braucht es noch, bis du dich rührst?«

Dann verließ er majestätisch das Zimmer, Süßchen zur Seite, der Adjutant hinterdrein.

Zunächst ging es zum Eingang, an dem Max eine Veränderung gegen gestern wahrnahm. Die Toröffnung war viel niedriger und schmäler geworden. An beiden Innenseiten des Ganges waren neue Mauern aufgeführt, die aus einer braunen, klebrigen Masse bestanden.

»Ei«, bemerkte Max, »hier sah es doch anders aus, als ich eintrat.«

»Freilich«, erwiderte Süßchen, »das ist ein Neubau. In Zukunft wird ein Totenkopf sich besinnen, hier einzutreten. Wir haben unser Haustor verbessert.«

»Wie ist es möglich, in einer Nacht so gewaltige Mauern aufzuführen?«

»Bei uns geht alles flink«, scherzte Süßchen. »Wir sammeln, wie du vielleicht weißt, bei den Pflanzen Harz, und dieses verarbeiten wir zu einer klebrigen Masse, dem Kittwachs. Damit streichen wir im Hause Ritzen und Löcher aus. Mit diesem Baumaterial haben wir den Eingang verengert; wir kitten damit auch unsere Waben an der Decke und an den Seitenwänden fest.«

»Welch großartige Leistung!« rief Großzang, der doch auch etwas sagen wollte, bewundernd aus. »Und mit welcher Genauigkeit und Schnelligkeit diese Veränderung ins Werk gesetzt wurde!«

»O, die Fixigkeit, die verstehen wir«, bemerkte Süßchen gutgelaunt. »Bis man sich umschaut, errichten wir Mauern, vor denen sich einer fürchten kann!«

Die Drei schritten in ihrer Besichtigung weiter. Max überzeugte sich mehr und mehr, daß es sich keineswegs um ein Haus handelte, wie Süßchen es nannte, noch um einen Palast, wie er glaubte, sondern um eine wirkliche und wahrhaft große Stadt, erbaut nach allen Regeln der Baukunst, der Gesundheitslehre und der Bequemlichkeit.

Die zwei Hauptmerkmale ihrer Bauart waren Harmonie der Linien und weise Ausnützung des Raumes.

Das ganze Innere dieser weiten Stadt bestand aus einer Unmenge von Zimmern, die alle in genau sechseckiger Form erbaut waren. An jeder Seite des Sechsecks stieß ein benachbartes Zimmer an.

»Ihr werdet wohl verstehen«, sprach Süßchen zu den beiden Ameisen, »daß das Sechseck die einzige Form ist, die uns gestattet, im gegebenen Raum die größtmögliche Anzahl von Zimmern oder, wie wir sagen, Zellen zu bauen. Jede andere Form würde für uns einen größeren Verlust an Raum bedeuten.«

»Das ist klar«, erwiderte rasch überzeugt Max, »ihr habt die Raumfrage in geistvoller Weise gelöst! Aber wie ist es möglich, diese Zellen so regelmäßig und so genau zu machen?«

»Das geht so zu! Sobald wir den Platz für unsere Wohnung bestimmt haben, sei es in einem Mauerloch oder in einem hohlen Baum, wie dieser hier, bauen wir zuerst die inneren Wände der Zellen. Unser Baustoff ist das Wachs, das wir an der Unterseite des Hinterleibes ausschwitzen. Dieses befeuchten, kneten und formen wir mit dem Munde und fügen Stückchen an Stückchen zusammen. Und weil wir viele sind und immerfort einander ablösen, geht die Arbeit rasch voran. Bald entsteht aus einer größeren Anzahl von fertiggebauten inneren Zellenwänden ein fester Streifen Wachs. Man nennt ihn die Mittelwand, weil er die beiderseits anzubauenden Zellen trennt. Von der Mittelwand aus ziehen unsere gewandtesten und tüchtigsten Bauleute die Seitenwände unserer Zellen. Wollt ihr das sehen?«

Süßchen führte die zwei Gäste an eine Stelle, wo gerade neue Wachszellen gebaut wurden. Da wurde gehobelt, gemauert und poliert, bis die sechs Seitenwände die nötige Länge erreicht hatten und ein bequemes und sauberes Kämmerlein einschlossen.

»Wie schnell hier gearbeitet wird!« rief Großzang erstaunt.

»Und dabei gut!« fügte Max mit Kennermiene bei.

Er wunderte sich um so mehr, da er schon wußte, daß bei den Menschen Schnellarbeiter und Schlechtarbeiter meistens das gleiche bedeutet. Natürlich stimmt das nicht immer und nicht in jedem Fall.

»Da ist nichts zu verwundern«, erwiderte Süßchen; »wir sind imstande, in einem Tag und einer Nacht bis zu viertausend Zellen zu bauen.«

»Welch eine Riesenarbeit!« meinte Max. »Aber ich erlaube mir zu bemerken, daß die Zellen nicht gleich groß sind.«

»Das versteht sich!« rief Süßchen; »dies hier sind die Zellen für solche Eier, aus denen wir Arbeitsbienen herauskommen, wir Geschlechtslose«, und dabei deutete sie im Kreise herum, auch auf Max und Großzang.

»Wir sind nicht geschlechtslos«, sagte Max ärgerlich. »Ich gab dir bereits zu verstehen, daß wir Männer sind!«

»Das ist mir entfallen«, sprach Süßchen spöttisch und fuhr fort: »Hier, diese größeren Zellen sind für jene Eier bestimmt, aus denen männliche Bienen geboren werden, ... wirkliche Männchen, verstehst du? Und diese letzteren hier sind die Zellen für die Weibchen; diese sind rund, groß, prachtvoll, denn unsere Weibchen sind bestimmt, Königinnen zu werden.«

»Was? Wie?« sagte Max, »Königinnen!«

Auf dies hin hätte er gerne eine Reihe von Fragen gestellt, aber in ebendemselben Augenblicke stand man vor einem sonderbaren Hügel, vor dem Max neugierig anhielt.

»Süßchen, was ist denn dies?« fragte er voll Interesse.

»Dies ist der Körper des Totenkopfes, des Schmetterlings, den du besiegt hast. Da wir ihn nicht hinausbringen konnten, haben wir ihn einbalsamiert. So kann er nicht verwesen und uns die Luft verpesten.«

»Einbalsamiert!« rief Max und beguckte den harten Körper, der am Boden festklebte.

»Was soll das heißen?«

»Das heißt, wir haben den Leichnam des Totenkopfes rings mit Wachs ummauert und mit Kitt am Boden festgeklebt. So ist er luftdicht abgeschlossen, kann darum nicht verwesen und uns die Luft verderben. Ich will euch noch ein anderes Tier zeigen, das wir auf diese Art unschädlich gemacht haben.«

Damit führte Süßchen die beiden in ein anderes Stockwerk und sprach:

»Seht ihr die Schnecke da? Sie ist einst in unser Haus gekrochen, und wir haben mit ihr kurzen Prozeß gemacht. Ein Stich trieb sie in ihr Schneckenhaus hinein, mit dem Kittwachs haben wir ringsumher am Boden das Schneckenhaus festgeklebt, und jetzt ist sie in ihrem eigenen Haus begraben.«

Max und Großzang waren aufs höchste erstaunt nicht nur über die Kunst, sondern auch über die Geistesgegenwart der Bienen. Sie wollten eben ihre Bewunderung ausdrücken, als sich plötzlich ein dreimaliges taktmäßiges Gesumme wie ein Trompetensignal vernehmen ließ. Süßchen flüsterte leise:

»Still, die Königin kommt!«

36. Ein Kaiser spricht mit einer Königin.

Eine Biene von majestätischer Haltung schritt einher. Sie war umgeben von einer Anzahl junger Bienen, die ihr tausend Freundlichkeiten erwiesen und ihr immer wieder den Rüssel boten, um sie mit süßer Honigspeise zu erquicken.

»Das sind die Gesellschaftsdamen der Königin!« flüsterte Süßchen.

Vor jeder Zelle hielt die Königin an und legte ein winziges Ei hinein. Umstehende sangen dabei begeistert für die fruchtbare Mutter ihres Volkes das Königslied:

»Heil unsrer Königin, Mutter und Herrscherin, Summ, summ, summ, summ! Lebensquell! Dienstbereit Neigen wir allezeit Dir uns in Ewigkeit. Summ, summ, summ, summ!«

Da hielt die Königin in ihrer Beschäftigung ein.

»Ich hoffe«, sprach sie, »daß mein Volk mit mir zufrieden ist. Mit dem Ei, das ich eben gelegt habe, sind es heute zweihundert geworden.«

Max machte einen etwas unkaiserlichen Sprung vor Staunen und rief:

»Zweihundert Eier an einem Tage! Wie lange geht diese Arbeit so weiter?«

»Je nachdem«, erwiderte Süßchen, »gewöhnlich dauert es drei Monate, bis ungefähr fünfzehntausend Eier gelegt sind.«

»Fünfzehntausend Eier! Liebe Zeit, damit könnte man für alle Leute Pfannkuchen backen!«

Während die beiden noch die wunderbare Bienenmutter bestaunten, die so vielen Jungen Leben gibt, hatte sich Süßchen ehrfürchtig der Königin genähert. Sie sprach einige Worte mit ihr allein und wandte sich dann an die beiden Gäste:

»Die Königin teilt mir mit, daß sie sich freuen würde, euch kennenzulernen. Sie wünscht eure Vorstellung.«

Dem Kaiser der Ameisen lief ein Ehrfurchtsschauer über den Rücken.

»Adjutant!« flüsterte er Großzang zu, »der Augenblick, mich zu melden, ist gekommen. Denke genau an alle Unterweisungen, die ich dir für diese große Stunde gegeben habe.« Auf dies trat er etwas in den Hintergrund zurück. Großzang aber schritt wie ein ritterlicher Schildknappe vor die Königin und meldete mit Gesang den Herrscher an:

»Der Kaiser kommt, der Kaiser kommt! Tralallala! Tralallala! Gebt alle Ehre, die ihm frommt! Tralallala! Tralallala!«

Alles schwieg. Jeder schaute erstaunt auf Max, der mit feierlichem Schritt vortrat, sich tief vor der Königin neigte und mit bewegter Stimme sprach:

»Wir, Maximilian Butziwackel I., Kaiser aller Ameisen, sind erfreut, der mächtigen, weisen Bienenkönigin Unsere Huldigung darzubringen. Wir versichern sie Unserer Freundschaft und geben Unserer Verwandtschaftstreue gebührenden Ausdruck!«

Die Königin war höchst erstaunt über dieses ihr fremdartige Gebaren der Gäste. Aber um sich die Unkenntnis der neuen Sitte nicht anmerken zu lassen, wandte sie sich mit liebenswürdigen Worten an beide Ameisen:

»Wer immer ihr seid, es ist meine Pflicht, euch vor meinem ganzen Volke meine Dankbarkeit auszusprechen für die Rettung des Bienenstaates vor einem seiner schrecklichsten Feinde. Betrachtet dieses Haus als das eure!«

Max dankte mit überströmendem Herzen und einer tiefen Verneigung. Als die Hofdamen um die Königin in respektvoller Entfernung einen Halbkreis bildeten, gab der Kaiser seinem Adjutanten ein Zeichen, wie diese zurückzutreten. Die Königin begann die Unterhaltung:

»Ich bin sehr zufrieden«, sagte sie mit gütigem Lächeln, »daß diese Gelegenheit die Ameisen und die Bienen, die beiden edelsten und verständigsten Arten der Hautflügler, einander näher gebracht hat!«

»Gewiß!« erwiderte Max, »wir haben viele Gewohnheiten und manche Instinkte gemeinsam. Wie die Bienen leben auch wir in Gesellschaft, und diese Gesellschaft ist wie die eure aus Weibchen, Männchen und Geschlechtslosen oder Arbeitern zusammengesetzt. Bei dieser Gelegenheit möchte ich jedoch feststellen, daß weder mein Adjutant noch ich zu den Geschlechtslosen gehören, wie es wohl den Anschein hat. Wir sind vielmehr Männer.«

»Wie sonderbar«, erwiderte ihm die Königin, »ich dachte, die Ameisen töten wie wir ihre Männchen?«

Max hielt es nun für nützlich, dem Gespräch eine Wendung zu geben. Ohne auf die Bemerkung der Königin einzugehen, sprach er:

»Majestät, ich hatte das Vergnügen, Ihr Reich zu besuchen ... Ich war erstaunt, ein Reich von außergewöhnlicher Größe zu finden.«

»Jawohl! Aber auch ihr Ameisen bildet große Staaten. Ist euer Reich vielleicht kleiner als meines?«

»O viel kleiner!« erwiderte Max ein wenig verlegen. »Und wie zahlreich müssen erst Ihre Untertanen sein?« beeilte er sich, weiter zu fragen.

»Es sind ungefähr dreißigtausend Einwohner.«

»Dreißigtausend Bienen! Das ist eine überwältigende Zahl!«

»Wie groß ist euer Ameisenvolk?«

»Ach, Majestät!« antwortete Max immer verlegener, »meine Untertanen! ... Da stehen sie alle.« Er wies auf seinen Adjutanten und rief:

»Großzang, Graf aller Hautflügler, mein letzter Untertan und Flügeladjutant.«

Großzang verneigte sich tief.

Max bemerkte, daß die Königin ihn nicht recht verstand. Er hielt es also für nötig, ihr die bemerkenswertesten Taten seines Lebens zu erzählen; so fing er denn an:

»Teuerste Majestät! Unter uns können wir ja ohne Umstände reden. Ich bin ein armer, entthronter Kaiser, ein Fürst ohne Volk und Land, und ich kann nicht umhin, dich in der glücklichen Lage einer wahren Königin zu beneiden. Bedient, geachtet und angebetet lebst du inmitten deines Volkes!«

Bei diesen Worten verzog die Königin den Mund, neigte sich zu Max und sagte ganz vertraulich:

»Königin? Ich bin es und bin es nicht!«

»Du bist es! Ich wollte, ich könnte so wie du regieren!«