Max Butziwackel der Ameisenkaiser: Ein Buch für Kinder und große Leute
Part 10
»Woher kommt ihr, dickbäuchige Schwestern?« rief Max sie an.
»Weither wie du«, sagte eine lachend. »Du kommst aus schwindelnder Höhe, wir aus weiter Ferne.«
»Ei, woher denn?«
»Aus Mexiko.«
Max glaubte, die Ameisen wollten ihn zum besten haben, und schon wollte er entsprechend erwidern, als eine sagte:
»Schwestern, macht weiter, es ist Zeit zur Heimkehr, die Sonne kommt!«
Die fremden Ameisen trotteten ihres Weges. Langsam schleppten sie sich mit ihren dicken, gelben Bäuchen vorwärts, und unser Freund folgte ihnen ohne Bedenken, er hätte gar nicht anders gekonnt; erstens wollte er zu gern Näheres über sie erfahren, und dann wußte er im Augenblick nichts Besseres anzufangen. Langsam erkletterte er mit den Gelben eine Anhöhe, auf deren Gipfel sich ein kleiner, sandiger Erdhaufen erhob, wahrscheinlich ihr Nest. Und richtig standen am Eingange des Sandhügels drei Ameisen Wache, doch waren diese schlank und ohne jenen unförmigen Bauch.
Die Wachen begrüßten die Ankommenden mit freundlichem Zuruf:
»Willkommen, Schwestern! Wie seid ihr schwerbeladen!«
Sogleich bemerkten sie auch Max, der heimlich hinter ihnen herschlich, und riefen ihn scharf an:
»Wer ist der Fremde? Woher kommt er? Ausweis zeigen!«
Max trat sofort offen vor, grüßte militärisch die drei Schildwachen und sagte würdig:
»Ich bitte euch, erkennt mich als zu euch gehörig an, ohne euch an meiner schwarzen Farbe zu stoßen. Gestattet meine Anwesenheit in eurem Hause, in Anbetracht dessen, daß ich keine feindlichen Absichten hege.«
Diese feine Rede, namentlich die Wendung »in Anbetracht dessen«, machte großen Eindruck auf die Schildwachen, und in gemildertem Ton erwiderten sie:
»Was hast du dann für Absichten?«
»Vernehmt also«, nahm Max seine Rede sprachgewandt wieder auf, »ich bin so, wie ihr mich seht, eine arme Ameise, die ihres Landes verbannt ist infolge eines traurigen Krieges. Ich bin allein, und ihr habt nichts zu befürchten. Mein einziger Wunsch ist zu wissen, wer ihr seid, woher ihr kommt, und welche Gebräuche ihr übt, daß ich sie nach ihrem Werte schätzen lerne.«
Diese schmeichelhafte Rede verfehlte ihren Eindruck nicht. Die Wachen zogen sich zu einer kurzen Beratung zurück, in der beschlossen wurde, dem Fremdling zwar die Erlaubnis zum Eintritt und einer Besichtigung zu geben, doch ihm vorsichtshalber eine einheimische Ameise zur Begleitung beizugesellen. So stieg Max in den trichterförmigen Eingang des Sandhügels hinab, der in der Mitte des Baues gelegen war. Von der weiten Öffnung führte die Trichterröhre senkrecht zum ersten Stockwerk des Baues. Max sagte seiner Führerin viel Schönes über die kunstvollen Anlagen des geräumigen Hauses, dessen Herstellung von großer Mühe und Sorgfalt zeugte; denn die bröselige Erde erschwerte das Ausheben von Höhlen und Gängen, weil sie gar zu leicht nachrutschte. Durch einen senkrecht geführten Schacht ging es zum unteren Stockwerk, das aus zehn großen Kammern bestand, deren Wände nicht mehr so schön glatt waren wie oben. Max hatte aber kaum mehr ein Auge für so etwas Nebensächliches, denn in diesen nur schwach beleuchteten Zimmern befand er sich vor einem derartig befremdenden Schauspiel, daß er unwillkürlich ausrief:
»Ja -- träume ich denn?«
»Träumen?« meinte verwundert die Führerin. »Unsere vollen Honigtöpfe sind gottlob keine Träume!«
Festgeklammert an der Wand jedes Raumes saßen da oder hingen vielmehr etliche dreißig Ameisen. Ihr ungeheurer Bauch glänzte durchscheinend gelb wie ein dicker Öltropfen.
»Volle Honigtöpfe?« stammelte erstaunt Max, der die Augen nicht davon abwenden konnte.
»Freilich, deine große Verwunderung verrät deine Unkenntnis! Ihr andern Ameisen habt eben keine Ahnung von der gediegenen Einrichtung unseres Ernährungsamtes und unserer wirtschaftlichen Umsicht. Wir sind mexikanische Ameisen«, sagte sie ein wenig hochmütig, »und befinden uns nur zufällig in diesem Lande. Weißt du, in einem jener Ungeheuer, in denen die Menschen über die großen Wasser fahren« -- sie meinte natürlich Ozeandampfer und Kauffahrteischiffe -- »wurden einmal bei uns in Mexiko Pflanzen verladen, in deren erdigen Wurzeln einige Insekten unbeachtet mit hieher reisten. Unter diesen war auch eine Mutter unseres Stammes, und diese begründete unser heute lebendes Volk und errichtete mit ihm dies Haus.«
»O!« rief Max, »kamen die fremden Ameisen vielleicht mit der mexikanischen Eiche an, die in einem Garten hierzulande steht?«
»Ganz richtig; mit einer wellblätterigen Eiche.«
Vor zwei Jahren hatte tatsächlich Onkel Walter eine solche Eiche geschickt bekommen und im Garten der Eltern gepflanzt. Welche Hoffnungen erwachten bei dieser Feststellung! Er war sicher nicht allzu weit entfernt von seinem Hause, in das zurückzugelangen sein heißes Sehnen war.
»Die wellblätterige Eiche«, fuhr die Führerin wie zur Bestätigung der hoffnungsfrohen Vermutung fort, »liefert uns unser tägliches Brot. Aus ihren Gallen, die ihr eine Gallwespe beibringt, sammeln die Ameisen, denen du nächtlicherweile begegnet bist, einen köstlichen Saft. So mächtig füllen sie sich davon an, daß sie den unförmig dicken Bauch bekommen und nur mühsam wieder heimziehen können. Hier angekommen, steigen sie an den Wänden empor, wo dann andere Kameraden sie bis zur äußersten Möglichkeit weiter füttern. So werden sie bis zum Rand gefüllte Töpfe.«
»Und bleiben sie immer so hängen?« fragte Max mitleidig.
»Versteht sich. Sie können sich nicht mehr rühren und haben auch weiter nichts zu tun, als die Nahrung für die Arbeiter aufzubewahren. Sie melden sich übrigens freiwillig zu ihrem Dienst, zu dem man eben berufen sein muß; ja, ja, schwer ist er schon!«
Max war in der Seele tief bewegt. Es gab also Ameisen, die Honigbehälter werden! Honig, nicht zum Selberessen, nein! Voll Entsagung stellen sie ihren eigenen Körper zur Verfügung; zum Wohle der Brüder sind sie lebende Vorratskammern.
Vielesserei ist also bei diesen Tieren wahrhaftig etwas anderes als bei den Menschen, die sich so zahlreich in garstiger Weise den Magen überfüllen.
Während er so dachte, konnte er selbst sehen, wie die gelben Ameisen, denen er begegnet war, sich anschickten, die bereits hängenden Genossen vollzustopfen. Sie päppelten ihnen einen Teil der gesammelten Nahrung ein und sagten dazu sich einander lustig zublinzelnd:
»Heute dir, morgen mir!«
»Willst du ein wenig von unserem Honig versuchen?« fragte die Führerin.
Das brauchte man Max nicht zweimal fragen. Mit Vergnügen ließ er sich von einer Ameise, die sich noch bewegen konnte, den süßen Saft einflößen. Wie schleckig er war! Ein wenig säuerlich von der darin enthaltenen Ameisensäure, aber dafür desto schmackhafter.
»Welche Wunder vollbringt die Schöpfung! Nun sah ich sogar lebendige Honigtöpfe.« So dachte Max, als er den Rückweg antrat. Er bedankte sich aufs herzlichste bei den drei Schildwachen und allen, die er kennengelernt hatte. Eben, als er sich verabschieden wollte, gellte der Schreckensruf von allen Seiten:
»Der Wendehals!«
Im selben Augenblick fühlte sich Max am Genick erfaßt, und mit drei Unglücksgenossen von Mexikanern wurde er durch die Lüfte getragen.
32. Die Geheimnisse einer Rosenknospe.
Eine Tatsache muß zunächst festgestellt werden:
Wenn Maximilian Butziwackel I., Kaiser des Einzelstaates der Rasenameisen und Thronanwärter des allgemeinen Ameisenweltreiches, sein ehrgeiziges Ziel nicht erreichen konnte, geschah es nicht aus Mangel an hervorragender Geisteskraft oder entschlossener Willensrichtung. Sogar jetzt, wo er schon auf der Zunge eines Vogels klebte und gefangen saß im Schnabel eines unbarmherzigen Ameisenwürgers, kam ihm ein rettender Gedanke. Er kauerte sich, so klein er konnte, in seinen Hanfpanzer zusammen, und der Vogel, der statt Max nur mehr das Hanfkörnlein spürte, spuckte dies mißachtend aus, ahnungslos, welch eine gute Ameise da drinnen steckte. Der Wendehals begnügte sich also mit drei statt mit vier Opfern. Max fiel zur Erde, und diesmal segnete er seinen Absturz. Der Wendehals schüttelte gewohnheitsmäßig seinen Kopf und flog weiter, aber Max rief ihm voll heiligen Zornes nach:
»Elender Vernichter unseres edlen Volkes! Mögen die drei Mexikaner dir lebenslang schwer im Magen liegen bleiben!«
Er wandte sich hierhin und dorthin, um die Gegend zu besichtigen und sich zurechtzufinden. Wo war er? Das wußte er, vom Hause der ausländischen Ameisen war er noch nicht weit entfernt, und dies lag ja nahe bei der wellblättrigen Eiche. Diese wieder war dem Hause benachbart, von dem er losgerissen war, und in das er sich unendlich zurücksehnte. Trotz aller dieser richtigen Schlußfolgerungen gelang es ihm doch nicht zu bestimmen, wohin er sich zu wenden habe, um sein Ziel zu erreichen. So lief denn Max ratlos hin und her und kam zu einer Hecke wilder Rosen.
»Da hinauf will ich klimmen, denn von solch hohem Standpunkt aus läßt es sich weit ins Land schauen.«
Gesagt, getan. Er stieg und stieg, schaute von Zeit zu Zeit genau umher, ohne aber irgend etwas Genaues auszukundschaften. Als er die höchststehende Rose erreicht hatte, hielt er an und atmete den süßen Duft ein, der seine Seele mit lindem Trost erfüllte.
Doch was spielte sich denn da im Innern der Rose ab? Max vergaß die Lust am Dufte, denn seine ganze Aufmerksamkeit wurde von einer schönen Biene gefesselt, die im Schoße der Blume mit geschäftiger Emsigkeit arbeitete.
Die Biene leckte mit sichtlichem Vergnügen an den Staubfäden der Blume und steckte dabei ihren Kopf tief in den duftenden Kelch. Dann sammelte sie den Blütenstaub und sang eine fröhliche Weise dazu:
»Summ, summ, summ, summ! So treu wie Gold, Ein Blümchen klein, So rein und hold, Läßt grüßen fein.
Summ, summ, summ, summ! Sei du ihm gut! Dein Herz allein Gefallen tut Dem Blümelein.
Summ, summ, summ, summ! Ich trag' davon Den Gruß von dir, Als Botenlohn Gib Honig mir! Summ, summ, summ, summ!«
Bei diesem fröhlichen Liedchen erzitterte die Rose leise, und freigebig reichte sie dem goldigen Insekt gerne ihre Staubfäden dar. Als ein schöner Vorrat gesammelt war, stieg die Biene aus dem Blumenkelch heraus und widmete sich, auf einem Rosenblatt stehend, mit höchster Sorgfalt einer Arbeit, der Max mit Verwunderung zusah. Geschickt streifte sie mit den zwei Vorderbeinchen den Blütenstaub ab, der sich an den dichten Härchen ihres Körpers eingepudert hatte, nahm ihn mit den beiden mittleren Beinen auf, um ihn von diesen auf das dritte und hinterste Beinpaar zu befördern. Diese waren ein Wunder an Feinheit und Zweckmäßigkeit des Baues. Sie waren dicht behaart und gestalteten sich in ihrer Mitte zu einem kleinen Körbchen. Darein sammelte das emsige Tierchen die ganze Ernte des Blütenstaubes und trug ihn nach Hause. Der entzückte Beobachter rief nun laut aus:
»Frau Biene, Sie haben wunderbare Beine! Wissen Sie das?«
Die Biene aber wandte sich dem Störenfried ärgerlich zu und herrschte ihn an:
»Hast du sonst nichts zu tun als zu gaffen?«
Bei dieser Zurechtweisung fühlte Max, wie sein Blut kochte. Er vergaß allen Anstand und erwiderte gereizt:
»Ich tue, was ich will. Und du? Was machst du?«
»Ich tue jedenfalls Besseres, ich tue meine Pflicht. Ich bin übrigens erstaunt, daß eine Ameise sich erkühnt, auf zarten Blumen herumzutrampeln. Blumen sind unser Bereich!«
Bei solchen Verweisen konnte Max nicht mehr ruhig bleiben. Er schrie die Biene an:
»Dein Bereich? Ich möchte doch sehen, ob du andern Insekten verbieten kannst, an den Rosen zu riechen! Herumtrampeln! Da hört sich doch alles auf. Wie? Ich stehe da und bin niemand im Weg und soll Blüten zertrampeln? Und du? Du kommst her, um alles aufzulecken und auszusaugen, schleppst fort, was du schleppen kannst, noch dazu in verborgenen Körben an den Hinterbeinen! Eine schöne Geschichte! Du Hamsterer du!«
Die Biene hatte während dieses Zornausbruches ihren Stachel mehrmals in der Scheide spielen lassen und leicht zu verstehende Zeichen damit gemacht. Schließlich aber bemeisterte sie ihren Verdruß und bemerkte kühl:
»Eine so einfältige Ameise habe ich noch nirgends getroffen, wie du bist.«
Ehe unser Freund antworten konnte, fuhr sie fort:
»Schwätzen hat keinen Sinn. Beweise will ich dir geben. Weißt denn du, was eine Blume eigentlich ist? Kennst du ihr geheimes Leben? Weißt du, daß sie atmet, schläft, leidet, sich freut, liebt und lebt wie wir?«
In seinem Ameisendasein hatte Max viele Wahrnehmungen gemacht, die ihm als Kind ferne lagen. Er hatte längst in den Kräutern, über die er lief, ein gewisses Leben und Bewegung entdeckt, die ein Mensch nie erfaßt; Lebenszeichen, für Menschenaugen allzu fein. Max hatte sich überdies nie gerne mit Pflanzen abgegeben. Darum war auch er an den feinen Äußerungen des Pflanzenlebens achtlos vorübergegangen. Die Worte der Biene eröffneten ihm eine neue Welt.
»Siehst du«, fuhr die Biene fort, »nun stehst du so einfältig da wie zuvor. Du weißt nicht einmal, daß die Blumen, wie du, Vater und Mutter haben; daß die Blumeneltern sich Blumenkinder wünschen, die so schön und duftend sind wie sie selbst. Aber die Blumen stehen festgewurzelt. Sie lieben sich und möchten einander viel erzählen und können es nicht. Wer trägt nun zum einen und andern die liebevollen Gedanken von Duft und die süßen Botschaften von Nektar, die reinen Küsse aus Blütenstaub? -- Wir geflügelten Insekten sind es, wir Bienen. Wir kennen sie alle, wir wissen ihre Geheimnisse, und wir sind die Liebesboten der verlobten Blumenpaare. Und sie sind froh und öffnen uns für diesen Liebesdienst ihre Blumenkelche, empfangen uns in ihrem Schoß und geben uns ihren Honig, den wir unsern Angehörigen heimbringen.«
Die geschäftige Biene summte von neuem ihr Liedchen, die Rose aber erbebte in froher Lust:
»Summ, summ, summ, summ! So treu wie Gold Ein Blümchen klein, So rein und hold, Läßt grüßen fein.
Summ, summ, summ, summ! Du, sei ihm gut, Dein Herz allein Gefallen tut Dem Blümelein.
Summ, summ, summ, summ! Ich trag' davon Den Gruß von dir, Als Botenlohn Gib Honig mir! Summ, summ, summ, summ!«
33. Kaiser Butziwackel wird mit Steinen beworfen.
Max stand bewegt und ergriffen da. Die Worte der Biene, die beim Beginn der Darlegungen herb und spottlustig klangen, wurden im Laufe ihrer Rede liebenswürdig und sogar herzlich. Der aufgeregte Ton, der zu Anfang des Gespräches geherrscht hatte, war einer artigen und zarten Stimmung gewichen.
»Nein, wieviel des Schönen hast du erzählt!« nickte Max beifällig ihr zu.
Es zog ihn mächtig zu der lieben Biene, und er fragte sie:
»Wollen wir miteinander gut sein?«
»Gerne«, antwortete schlicht die Biene.
»Das ist lieb von dir! Um dir zu beweisen, wie sehr ich deine Freundschaft schätze, werde ich sofort die Rose verlassen, aber nicht wahr, du weihst mich noch in das Geheimnis ein, wie du Honig und Wachs bereitest?«
»Das ist nicht schwer für mich. Mit meinem Rüssel sauge ich die Honigdrüse aus, die meist am Fuße der Staubfäden zu finden ist. Dieser Saft fließt in meinen Honigmagen und wird hier zum fertigen Honig. Was das Wachs betrifft, so schwitzen wir es in unserem Hause an der Unterseite des Hinterleibes aus.«
»Noch eine Frage«, bat Max wißbegierig.
»Aber schnell, bitte. Die Sonne geht bald unter, und wir haben strenge Hausordnung in unserem Stock.«
»Was ist denn das, euer Stock?«
»Wie, das weißt du auch nicht? Der Stock ist unser Dorf, unsere Gemeinde. Nun? Was noch?«
»Ach, deinen Namen möchte ich gar gerne wissen.«
»Ich heiße Süßchen.«
Die Biene mit dem reizenden Namen flog davon, und Max mochte die Augen nicht von ihr wenden, bis er sie hinter einem Baume entschweben sah. Dann stieg unser Held vom Rosenstrauch herab, um seinen Weg wieder zu suchen. Er war aber nicht der einzige gewesen, der den Flug Schönsüßchens verfolgt hatte. In der Nähe schrillte eine kreischende Stimme, die von einem Rosenzweig zu kommen schien.
»Ha, ha«, so verstand Max, »endlich habe ich herausgekriegt, wo du, teure Frau Biene, wohnst! Heute abend werde ich mich einmal gütlich tun an deinem Honig!«
Bestürzt, ja entsetzt sah Max um sich. Angeklammert am Rosenzweig sah er vor sich ein schwarzes Ungetüm von düsterem Aussehen. Es hatte einen dicken, behaarten, braunen Rücken und mitten drauf -- ein schauriger Anblick -- war in gelber Farbe ein Totenkopf gemalt. Als Max das fürchterliche Insekt gewahrte, erschrak er heftig. Das Ungetier aber fuhr mit seiner schrillen Stimme fort:
»Vortrefflich! Donner und Doria! Wenn's dunkel wird, werde ich mir, so wahr ich Atropos heiße, das Leben versüßen.«
Es war wahrhaftig ein Acheronte, einer jener großen Schmetterlinge, welche man Totenkopf nennt wegen der düstern, gelben Zeichnung auf ihrem Rücken, und die, wenn sie gereizt werden, einen pfeifenden, schrillen Ton ausstoßen, der bisweilen so unheimlich wie das Bild wirkt. Die düstere Färbung, die unheimliche Zeichnung, die Größe des Schmetterlings und sein Erscheinen im Dunkeln sind die Ursache, daß dumme, abergläubische Menschen sie für Unglückstiere halten, wie es auch mit Eulen und Käuzchen geschieht. Die Angst solcher einfältigen Leute ist unsinnig, aber andere Geschöpfe können sich mit gutem Recht vor diesem Schmetterling fürchten. Wie die Vöglein gut tun, sich vor der Eule zu verstecken, welche sie nur allzusehr liebt und sie recht wohlschmeckend findet, so müssen die Bienen vor dem Totenkopf auf der Hut sein, da er nach ihrem Honig lüstern ist.
Max hatte die bösen Absichten des Insektes wohl verstanden, und da er für Bienen im allgemeinen und für Süßchen im besondern eine warme Zuneigung verspürte, so sagte er jetzt für sich:
»Der Stock ist in der Nähe, ein günstiger Zufall hat mich eingeweiht in die Einbruchspläne des schwarzen Diebes, wie wäre es, wenn ich eilte, Süßchen zu warnen?«
Er warf einen Blick auf den Baum, dem die Biene zugeflogen war, und richtete seine Schritte gegen Süßchens Wohnung. Er rannte, was er konnte, achtete kein Hindernis und sagte sich: Das Untier ist ein gerissener Dieb; es will erst einbrechen, wenn es finster ist. Wenn ich auch keine Flügel habe wie dieser Gauner, so werde ich trotzdem vor ihm dort anklopfen können. Da -- was war das? Er hielt überrascht im Laufe inne. Hatte er nicht rufen hören:
»Hurra! Es lebe der Kaiser!«
Er spähte und konnte niemand entdecken. Schon wollte er weiterwandern, im Glauben, daß er sich getäuscht habe, als er den Ruf ein zweites Mal hörte, und diesmal konnte es gewiß keine Sinnestäuschung sein.
»Max Butziwackel! Hoch!«
Zwischen Schreck und Freude verlor er schier die Besinnung. Zu seiner linken Seite lag ein dichter Graswald, aus dem hervor keuchend zwei Ameisen auf ihn zustürzten, in denen er sofort seine zwei Adjutanten erkannte. Ein gemeinsamer Freudenschrei:
»Unser Kaiser!«
»Dickkopf! Großzang!«
Ein unbeschreibliches Bild! Die drei Ameisen fielen sich gegenseitig in die Arme. Eine Sintflut von Fragen folgte der zärtlichen Umarmung; Erklärungen, Berichte und Erzählungen regnete es nur so, und nach der ersten Pause ging es von neuem los:
»Unser Kaiser! Er ist's! Hier steht er vor uns! Wer kann es glauben!« so rief Großzang, und Dickkopf setzte hinzu:
»Wir beweinten ihn als tot!«
»Eure Teilnahme ehrt mich«, sprach Max gerührt, »und ich kann euch versichern, jetzt fühle ich mich wie neu geboren durch euern Anblick. Wie kommt ihr hierher? Wie ist es euch ergangen?«
»Ach, wir sind nur durch ein Wunder gerettet worden. Kaum weiß ich's, wie wir entwischt sind. Eine Schar Roter verfolgte uns mit aufgesperrten Zangen und schimpfte unglaublich roh hinter uns drein. -- Welche Schlacht! Ist es möglich, daß wir sie verlieren konnten, trotz deines erhabenen Einfalles, unser Heer durch die Bombardiere zu verstärken!«
Feierlich sprach Max:
»Was wollt ihr? Das Glück ist nicht immer die Freundin großer Geister. Genug! Ihr stellt euch nicht vor, wie ich mich freue, euch wiederzusehen!«
»Wie froh sind erst wir! Wir wollen bis ans Ende unserer Tage bei dir bleiben.«
»So begleitet mich«, sprach Max väterlich zu den beiden. »Während wir raschen Schrittes gehen, könnt ihr eure Geschichte erzählen.« So schritten sie alle drei dem Bienenstock zu.
»Denke dir nur«, fing Dickkopf an.
»Stelle dir vor«, sprudelte zu gleicher Zeit Großzang.
»Einer nach dem andern«, entschied Max.
»Großzang, dir erteile ich zuerst das Wort.«
»Stelle dir also vor«, fing dieser an, »daß wir bis jetzt ein Landstreicherleben führen mußten, umlauert von tausend Gefahren!«
»Wie auch ich!«
»Ohne je zu wissen, wo man nachts sein müdes Haupt hinlegen könne!«
»Wie ich!«
»Keine Ahnung, wo eine Mahlzeit hernehmen!«
»Euer Kaiser aß nichts mehr seit heute früh!«
»Kurz, wir haben das elendeste Leben geführt, das man sich denken kann. Aber jetzt, wo wir dich wiedergefunden haben, wo wir bei dir bleiben können, jetzt fürchten wir nichts mehr. Nicht wahr, Dickkopf?«
»Jawohl!«
Max frohlockte, und die zwei Adjutanten schrien:
»Es lebe Kaiser Butziwackel I.!«
Da hagelte wie eine Antwort auf diesen Ruf ein Steinregen hernieder und hüllte den Kaiser samt seinem Gefolge ein. Unser Held, der die Erde unter seinen Füßen wanken fühlte, hatte kaum Zeit, sich an einen Grashalm festzuklammern, während Großzang ihm um den Hals fiel und rief:
»Halte mich, ich falle!«
Es war das Werk eines Augenblickes. Wie durch Zauberschlag hörte der Steinregen auf, und Max und Großzang hörten eine schwache Stimme, die unter der Erde um Hilfe zu rufen schien. Fest umschlungen blickten sie unwillkürlich unter sich und erschauderten. Ein schreckliches Bild bot sich ihren Blicken.
Sie befanden sich auf dem Rande eines trichterförmigen Loches, auf dessen Grunde der arme Dickkopf vergeblich kämpfte, gepackt von den riesigen Zangen eines furchtbaren Tieres, das den Unglücklichen aussaugte und dazwischen hin und wieder ausrief:
»Hm, die schmeckt fein!«
»Ein Ameisenlöwe!« stammelte Großzang zitternd.
»Ameisenlöwe!« wiederholte Max, und er erinnerte sich seines Abenteuers mit dem libellenähnlichen Insekt. -- »Ah, nun verstehe ich dessen Worte! Ich sah das vollkommene Insekt, und hier unten sehe ich die Larve. Also deshalb wünschte mein damaliger Gefährte seinen Kindern, sie sollten vielen Ameisen begegnen, die so gut sind wie ich!«
Das Scheusal saugte unterdes sein Opfer aus und warf dann die Hülle über seinen Sandtrichter hinaus. Als ob es auf Maxens Betrachtungen antworten wollte, rief es befriedigt aus:
»Die war ausgezeichnet!«
Jetzt erst konnte Max den blutdürstigen Löwen in all seinen Schrecknissen genauer betrachten. Aus dem Grunde des Loches, wo er sich fast bis zur Hälfte des Körpers eingegraben hatte, ragte das entsetzliche Tier heraus. Es hatte ein schwarzes, bedrohliches Maul, sieben Augen auf jeder Seite und war mit mächtigen Zangen bewaffnet. Sein Leib war mit schwarzen borstigen Haaren besetzt. Die zwei mit Krallen bewaffneten Beine krabbelten neben dem Kopfe aus dem Abgrund hervor. Es wandte seine vierzehn Augen auf die zwei entsetzten Ameisen und sprach mit Grabesstimme:
»Jetzt werdet ihr beide da oben bald herunterkommen, wie ich hoffe! Heute hätte ich bei so später Stunde nicht mehr an eine so saftige Abendmahlzeit gedacht. Ich jage sonst nur, wenn die Sonne scheint.«
Wie es so sprach, krallte es die Tatzen ein, und mit außerordentlicher Kraft und Gewandtheit schleuderte es die sandige Erde, in der es saß, wie eine Flut von Steinregen auf die zwei erschrockenen Zuschauer. Max fühlte sich schon durch die fallenden und rutschenden Sandkörnchen in den Schlund des Trichters hinabgezogen; mit der äußersten Anstrengung hielt er Großzang an sich gepreßt, und mit ihm klammerte er sich verzweifelt an den Grashalm, der beide bis jetzt getragen hatte, und es gelang ihm, sich zitternd vor Aufregung daran emporzuziehen.
Die beiden Ameisen waren gerettet.
»O je, o je!« rief Großzang, »das war eine böse Sache. Dir allein, mein Kaiser, danke ich das Leben!«
»Und ich verdanke dir einen steifen Hals, so hast du dich an mir festgeklammert! Aber das macht nichts. -- Dem da ist es schlimmer ergangen!«