Max Butziwackel der Ameisenkaiser: Ein Buch für Kinder und große Leute
Part 1
Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist +so dargestellt+. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter oder in größerer Schrift gesetzter Text ist =so ausgezeichnet=.
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Max Butziwackel
der Ameisenkaiser
Ein Buch für Kinder und große Leute
Nach
Luigi Bertelli
deutsch bearbeitet von +Luise von Koch+
Mit Buchschmuck von Karl Elleder
Freiburg im Breisgau 1920 Herder & Co. G. m. b. H. Verlagsbuchhandlung
Berlin, Karlsruhe, Köln, München, Wien, London, St. Louis Mo.
Alle Rechte vorbehalten
Buchdruckerei von +Herder & Co.+ G. m. b. H. in Freiburg i. Br.
Zum Geleite.
Bertellis Büchlein, das in der vorliegenden Übertragung dem deutschen Leserkreis zugänglich gemacht werden soll, ragt weit über den Durchschnitt der Jugendschriften empor. Der italienische Verfasser verbindet mit einer gründlichen Kenntnis der Insektenwelt eine südländisch reiche Phantasie und ein köstliches Erzählertalent. So konnte er seinen Landsleuten ein Werk schaffen, das Kindern und Erwachsenen eine lautere Quelle der Bildung und ein reicher Schatz der Belehrung geworden ist. -- Mit Freude erinnere ich mich noch der Zeit, da ich mir von italienischen Kindern aus dem Butziwackel erzählen ließ. Angeregt durch das Büchlein, betrachteten sie mit geschärften Augen die krabbelnde Ameise im Sande, den Wasserkäfer im Tümpel, die summende Hummel und Biene auf der blühenden Wiese; für die kindliche Vorstellungswelt wuchsen sie zu Gestalten aus dem Butziwackel.
Wer die Schöpfung in der Kleinwelt des Insektenreiches betrachtet, findet darin einen unerschöpflichen Reichtum von Schönheit und eine ungeahnte Fülle von Kraft, die Spuren des allmächtigen und allweisen Schöpfers. In der durch die Naturgesetze bestimmten Vollkommenheit der unbewußten Geschöpfe sah der Mensch allezeit einen Antrieb zur eigenen sittlichen Vervollkommnung. Ein Führer zu neuen Kenntnissen, ein Mahner zu tapferem Vorwärtsstreben ist der Butziwackel.
Ich habe an der deutschen Ausgabe ratend und helfend mitgearbeitet und kann nur wünschen, daß das Büchlein in die Hände vieler Kinder und Kinderfreunde komme. Es wird sich neben dem »+Bengele+« einen Platz im Kinderherzen erobern und wie jener Freude bereiten und Nutzen bringen.
+Illenau+, August 1920.
=A. Grumann.=
Inhalt.
Seite
Zum Geleite v
1. Drei Geschwister in der Sommerfrische 1
2. Max wird ein Ameisenei 6
3. Wer sein Leben als Ameise beginnt, erfährt Süßes und Bitteres 9
4. Eine Ameisenmutter 17
5. Max war Ei, Larve und Puppe. Nun ist er weder männlich noch weiblich 22
6. Eine Riesenschlange 28
7. Ist ein Kind klüger als eine Ameise? 32
8. Die Überführung der Schlange 38
9. Max, der Soldat 43
10. Im Kuhstall der Ameisen 46
11. Eine Ameise, der das Latein Leibweh macht 52
12. Butziwackel wird erkannt 56
13. Das weiße Fähnlein 59
14. Ein feindlicher Angriff 63
15. Max wird General auf dem Schlachtfeld 66
16. Ein Gasangriff auf General Butziwackel 71
17. Kaiser Butziwackel I. 76
18. Der Überfall 82
19. Viele Köpfe rollen in den Sand, weil einer den seinen zu hoch getragen 87
20. Das Kriegsgericht 90
21. Ein hochvornehmer Mordgeselle 95
22. Letztes Lebewohl 101
23. Kaiser Butziwackel findet eine Freundin, die aus einer Eichengalle herausspaziert 107
24. Auf dem Weg zur Mutter 113
25. Die geheimnisvolle Barke 117
26. Wie man eine Seefahrt auf einem Dampfschiff beginnen und sie zu Pferde beenden kann 122
27. Bei den Hummeln 127
28. Zwei Insekten finden ihr Haus wieder 133
29. Wie schwer es ist, in das eigene Haus zu kommen, wenn man keinen Hausschlüssel hat 137
30. Kaiser Butziwackel wird mit einem Floh verwechselt 142
31. Ohne Lateinprofessor wäre es auch diesmal besser gegangen 146
32. Die Geheimnisse einer Rosenknospe 153
33. Kaiser Butziwackel wird mit Steinen beworfen 158
34. Adjutant Großzang verdient sich den Titel eines Grafen aller Hautflügler 166
35. Im Bienenreich 172
36. Ein Kaiser spricht mit einer Königin 179
37. Das Geheimnis der Muskatellertraube 184
38. Die Stadt in Aufruhr 190
39. Max verläßt das Bienenreich 197
40. Eine Fahrt erster Klasse 200
41. Dritter Klasse, Abteil für Raucher 206
42. Großzang findet beinahe den Hungertod 213
43. Kaiser Butziwackel auf St. Helena 219
1. Drei Geschwister in der Sommerfrische.
Eigentlich, liebe Kinder, sollte ich meine Geschichte mit der Beschreibung eines Landhauses beginnen, das an einem glühendheißen Sommermittag, so gegen 2 Uhr, mitsamt dem ganzen Lande ringsum schläfrig dalag.
So flüsterstill und schweigsam war es um diese Zeit, daß nicht einmal die rücksichtslosesten Schreier unter den Insekten, die kleinen Grillen, es wagten, die tiefe Ruhe zu stören.
Übrigens weiß ich längst, wie unbeliebt Beschreibungen bei euch sind. Wo ihr sie immer in Büchern antrefft, überspringt ihr sie in einem Hops, nicht wahr? Zudem ist es so wie so nicht schwer, sich mitten in einem schönen Garten ein weißes Haus mit grünen Läden vorzustellen, umrankt von üppigem Weinlaub; denn zwei kräftige Weinstöcke waren an jeder Ecke des Hauses gepflanzt und umkränzten prächtig alle Fenster mit hellem Grün. Muskatellersorte war es, und wer diese kennt, weiß sie zu schätzen! In dichten Massen glänzten die Blätter; was aber leider fehlte, das waren die süßen Trauben. Nur hier und dort schimmerte es goldig zwischen dem Laube, auffallenderweise aber nur immer hübsch entfernt vom Fenster. Es kommt nämlich beglaubigtermaßen höchst selten vor, daß Muskatellertrauben in erreichbarer Fensternähe zu finden sind; wenn Knaben in einem solchen Hause wohnen, fast niemals.
Bst! Bst! Seht dorthin an die Haustüre!
Ganz langsam öffnet sie sich und heraus schleichen, eines hinter dem andern, drei Kinder. Bedächtig steigen sie die Steinstufen herab. Zwei Buben sind's und ein Mädchen. Mit schleppenden Schritten gehen sie dahin und aus den Augen stiehlt sich trübselige Müdigkeit und Unlust bis zum Nasenspitzchen hin.
»Wie ist das möglich?« werdet ihr fragen, »im Sommer, zu dreien auf dem Lande, und trübselig, nicht froh und lustig sein?«
Ich kann es erklären.
Seht, jedes hält in der Hand ein Buch, aber kein Märchenbuch, keine Reiseabenteuer, sondern Schulbücher sind's. Vom Hause hört man rufen:
»Fleißig sein, Kinder! Onkel Walter kommt bald heim und überhört euch! O weh, wenn ihr dann nichts könnt, ist es zu Ende mit der versprochenen Kahnpartie!«
So schleichen die Dreie bekümmert ihres Weges. Ihre Bücher halten sie vor sich her, als ob es brennende Kerzen wären. Mit ihren traurig gesenkten Nasenspitzen erwecken sie den Eindruck, als ob sie zu einem Begräbnis gingen.
Sobald sie an einem schattigen Plätzchen im dichten Fliederbusch angelangt sind, setzen sie sich auf die Steinbank, jedes ein wenig abgerückt vom andern. Vorsichtig öffnen sie die Bücher, so vorsichtig, als ob am Ende gar zwischen den Blättern ein Kobold säße, der ihnen an den Kopf springen könnte.
Das Buch des Kleinsten scheint das gefährlichste zu sein, darinnen sitzt sicher der wildeste, kleine Kobold, denn er kann sich kaum überwinden, sein Buch aufzuschlagen.
Das köstlich kühle Plätzchen war den Kindern besonders empfohlen worden. Papa, Mama und Onkel Walter behaupteten, man könne dort auch an heißen Tagen vortrefflich lernen.
Aber, du liebe Zeit! Schon nach wenigen Minuten sank dem Kleinsten die Hand, die das Buch hielt. Er trieb seine Bäckchen zu kleinen rosigen Äpfelchen auf und versuchte ein quietschendes Jahrmarkttrompetchen nachzuahmen, indem er blasend die eingezogene Luft ausstieß. Da seine Kunst aber keinen Eindruck auf die Geschwister machte, bemerkte er tief aufseufzend:
»Ach, es geht wirklich nicht!«
Die beiden andern schienen aber emsig in ihr Studium vertieft zu sein, daher stieß er jetzt ungeduldig das Schwesterlein mit seinen Ellenbogen an und fragte unwillig:
»Spürst denn du nicht, wie heiß es ist?«
Zürnend hob die Kleine den Kopf.
»Schweig, Max! Ich muß meinen ganzen Verstand zusammennehmen, denn meine Rechnungen sind sehr schwer.«
»Ei, kann denn einer noch Verstand haben in solcher Hitze?«
Nun mischte sich auch der Älteste in die Rede. Er gab sich ein sehr gewichtiges Aussehen, konnte aber seinen eigenen Unwillen kaum verbergen, als er sprach:
»Die Wärme spielt hier gar keine Rolle. Im Gegenteil: Die Mutter sagt, hier sei es hübsch kühl und die Kühle schärfe den Verstand.«
Der Kleinste dachte etwas darüber nach, dann sagte er mit größter Ehrlichkeit:
»Jawohl! Aber wenn man keine Lust zum Lernen hat, dann hilft auch die beste Kühlung nichts.«
Max hatte den Nagel auf den Kopf getroffen. All den drei Kindern fehlte der Wille zum Lernen, und es wäre sehr schwer herauszubringen gewesen, welches von ihnen das faulste war.
Kaum hatte der Kleine die Wahrheit offen ausgesprochen, schlossen sie mit einem Klaps ihre Bücher und warfen sie geräuschvoll auf die Steinbank. Dabei bekamen die unschuldigen Bücher noch nachgerufen:
»Zum Kuckuck mit der Geschichte des Mittelalters!«
»Lebt wohl, ihr greulichen Rechnungen!«
»Gute Nacht, du lateinische Grammatik, du!«
Moritz, der größte, erhob sich jetzt, pflanzte sich mit gespreizten Beinen vor dem Brüderchen auf und begann zu überlegen:
»Unser ganzes Elend kommt daher, weil ihr eure Prüfung nicht bestanden habt.«
»Bitte«, verbesserte Theresa, die Schwester, »du willst wohl sagen, weil +wir+ sie nicht bestanden haben.«
Da lachte Max vorwitzig: »Daß wir neulich bei der Prüfung nicht gut weggekommen sind, wäre nicht so schlimm, aber daß wir noch einmal hinein müssen und lernen, lernen, lernen sollen, -- puh -- das ist schauderhaft!«
Moritz, der sich vorgenommen hatte, mit der Zeit, -- wenn er so gemütlich weiterlernte wie bis jetzt, allerdings mit reichlich viel Zeit --, ein berühmter Rechtsanwalt zu werden, fand den Augenblick passend, eine seiner vielen Probereden zu halten, und begann sogleich im Rednerton:
»Wie ihr wißt, kann ich die Einrichtung der Prüfungen durchaus nicht loben.«
Max fiel ihm lachend ins Wort:
»Und in der Prüfung hat man dich nicht gelobt.«
»Wie kannst du dir erlauben, eine Rede zu unterbrechen, du Wicht, du Naseweis! -- Wenn du nicht gleich still bist, nenne ich dich +Butziwackel+.«
Butziwackel! Schauderhaft. -- Wie war ihm dieses Wort verhaßt! -- Was konnte er dafür, daß seine gute Mutter ihrem kleinsten Sohne in äußerster Sparsamkeit für den Landaufenthalt immer die alten, abgetragenen, fadenscheinigen Höschen ihres Moritz zumutete. Dem Wildfang Max wollten diese Höschen nie lange halten. So oft auch die Mutter den Sitzboden stopfte und flickte, es kam doch immer wieder einmal ein verdächtig weißes Zipfelchen zum Vorschein, das vorwitzig, einem Fähnlein gleich, hinter dem Kleinen herbammelte. Und darum schimpften sie Butziwackel.
Für andere Leute mochte das Fähnlein ja recht putzig und lustig aussehen, für Max aber war es nur ärgerlich und entfachte seinen Zorn.
Kaum hatte auch jetzt wieder sein älterer Bruder das verdrießliche Wort ausgesprochen, so griff Max nach dem Boden seines Höschens. Wahrlich! auch heute hing schon wieder frech ein Fähnlein heraus. Rasch stopfte er es ins Verborgene und ging grollend weg von seinen Geschwistern.
2. Max wird ein Ameisenei.
Mit Tränen in den Augen und zornrotem Gesichte lief unser kleiner Max durch den Garten und kam zu einer Felsgrotte, aus der ein Brünnlein plätschernd hervorsprang. Dort setzte er sich auf einen moosigen Stein, stützte den Kopf auf beide Arme und starrte vor sich auf den Boden. Siehe, da lief eine Ameisenschar wie eine lange Prozession geschäftig ihre Straße hin und her. Max schaute ihnen eine Zeitlang zu und dachte: »Wie schön haben's doch die Ameisen! Sie gehen den ganzen Tag spazieren, freuen sich des Lebens, müssen nicht lernen und kennen keine Prüfungen. Wenn ich doch nur auch eine Ameise wäre!«
Er mußte seine Gedanken laut ausgesprochen haben; denn plötzlich hörte er neben sich eine Stimme:
»Willst du, kleiner Faulpelz, wirklich eine Ameise werden?«
Erschrocken wandte Max sich um und gewahrte einen sonderbaren Alten langsam auf sich zutreten. Gott, wie sah der Mann so merkwürdig aus! Woher war er nur gekommen? Auf seiner roten, spitzen Nase saß eine Riesenbrille, um den Hals schlang sich eine dicke, schwarze Binde, und ein grüner altmodischer Rock schleifte hinter seinen Fersen her. Dieser Mann beschaute lächelnd den verblüfften Kleinen mit Augen, die aus buschigen, fuchsroten Brauen hinter der funkelnden Brille wie Laternen leuchteten.
Es war alles so unheimlich, und der tapfere Max hatte Mühe, seine Furcht zu verbergen. Er hätte nicht gewagt, den Alten zu befragen, wer er sei, und wie er in Vaters Garten hereinkäme. Eine Weile betrachtete der Fremde unsern Butziwackel, der schüchtern und gar nicht keck wie sonst, aber neugierig wie immer auch seinerseits den Unbekannten musterte. Der holte jetzt kopfschüttelnd aus einer tiefen Rocktasche eine großmächtige Dose hervor, öffnete sie sachte, stopfte sich eine ausgiebige Prise in die Abgründe seiner großen Nase, nieste dreimal und brummte dann mit näselnder Stimme die sonderbaren Worte:
»Ameis! Mit Fleiß! So sei's!«
Leise vor sich hinlachend, schlürfte er dann in seinen grasgrünen Pantoffeln und dem langen Schlepprock den Kiesweg entlang, der zum Gartentürchen gegen den Wald zu führte.
Mit seinem roten Schnupftuch winkte er noch spöttisch Max zu, der ihm verwirrt nachschaute. Er bemerkte noch, wie der sonderbare Mann belustigt und kichernd seinen Kopf schüttelte und sodann geheimnisvoll hinter den Büschen am Wege verschwand. Starr vor Staunen und Verwirrung hatte Max die sonderlichen und unerklärlichen Worte vernommen. Wenn er sie leise nachsprach, so wurde ihm so furchtsam, so bang zu Mute, daß er am liebsten hätte fortlaufen mögen zu Therese und Moritz, die ihn vielleicht schon suchten. Allein, merkwürdig! Er konnte nicht vom Stein aufstehen, es war, wie wenn er festgeleimt wäre. Er wollte den Geschwistern rufen, die er von ferne auf dem Gartenwege sah, aber seine Stimme versagte. Er wollte ihnen zuwinken, aber er fühlte sich so bleiern müde, seine Augenlider waren schwer, sie fielen zu, und es wurde dunkel um ihn. Nein, wie sonderbar ward ihm doch zu Mute! Wurde er nicht klein und immer kleiner? War er nicht jetzt ganz weich und ein rundes Ding geworden? Er wollte die Arme heben, mit den Beinen zappeln, er hätte schreien mögen, weinen, fortlaufen, Widerstand leisten gegen die geheimnisvolle Kraft, die ihn zusehends veränderte und die, wenn sie noch länger über ihn Gewalt hatte, ihn zu einem spurlosen Nichts zusammenschrumpfen ließ. Er war wie eingeschnürt von allen Seiten, und deutlich spürte er, daß er die Form eines winzigen Eies annehme.
In diesem unglücklichen Augenblick dachte er noch an das weiße Wackelfähnlein. Er machte den verzweifelten Versuch, dieses beschämende Fetzchen zu verstecken, umsonst, umsonst!
Schon war Max am Ende seiner Verwandlung angelangt; er fühlte, wie seine Sinne sich verwirrten und umnebelten. Zwei schwarze Schatten tauchten noch vor seinen Blicken auf. O Gott, das waren vielleicht zwei Totengräber, die ihn holten! Gewiß, er täuschte sich nicht, sie hoben ihn sachte empor, und nun machte er den letzten angestrengten Versuch zu schreien:
»Um Gottes willen, ich bin Max, helft mir doch das Zipfelchen verstecken!«
Die vergebliche Mühe brachte ihn aber nur um die letzten Kräfte. Willenlos überließ er sich jetzt dem Schicksal und verlor das Bewußtsein.
3. Wer sein Leben als Ameise beginnt, erfährt Süßes und Bitteres.
Wie lange blieb Max in Ohnmacht? Er konnte es nicht ermessen; aber wahrscheinlich währte der Zustand im Vergleich zu den großen Veränderungen, die mit ihm vorgingen, nicht lange.
Als er zu sich kam, hatte er ein merkwürdiges Gefühl. Hatte ihn jemand für einen Garnwickel gehalten und Fäden über ihn gewunden? Er spürte es doch, er saß oder lag inmitten eines Fadenknäuels, aus dem herauszuschlüpfen er sich tapfer abmühte. Niemals hätte er das Kunststück fertig gebracht, wäre ihm nicht glücklicherweise jemand zu Hilfe gekommen, der sorgsam die Wirrnis der Fäden weitete und ihm Luft machte. Endlich konnte er den Kopf herausstrecken, gottlob folgten die befreiten Arme, und
»Nur Mut«, hörte er jetzt eine Stimme ihm zureden.
Mit einem letzten, gewaltigen Ruck gelang es ihm schließlich, den ganzen Körper frei zu bekommen, und zugleich fühlte er, wie man ihn zärtlich liebkoste und wunderlich beleckte.
»Na«, meinte er überrascht, »was soll das?«
»Ich wasche dich sauber, Kindchen.«
»Wie, mit der Zunge? Bin ich ein Kätzchen geworden? Darf ich bitten, wo bin ich, wer sind Sie, und was ist mit mir geschehen?«
Das hilfreiche Wesen antwortete:
»Still, Kleines! Wie bist du doch so neugierig! Jetzt, wo du eben erst aus deinem Gespinst geschlüpft bist, kannst du noch nichts verstehen. Gedulde dich, bald wird dir alles klar werden, du kleiner Naseweis.«
Naseweis hatte sie gesagt. Er war also schon erkannt und hütete sich, jetzt noch mehr wissen zu wollen. Aber bei der gütigen Ruhe, mit der er von allen Seiten gestriegelt wurde, erwachte sein Denken; seine Gedanken ordneten sich, und er wollte sich selbst Rechenschaft geben von seinem neuen Zustande. Gottlob, die letzten Wundererlebnisse hatten seinem Gedächtnis nicht weiter geschadet. Zunächst aber gab es leider, leider keinen Zweifel. Er befand sich in der ägyptischen Finsternis, von der er in der Schule einst gehört hatte, oder was ganz entsetzlich wäre, er war blind! Wie konnte er aber dann wissen, wo er sich jetzt aufhielt? Jawohl, Blinde haben ja solch feines Gefühl für den Raum, in dem sie sich befinden. Und er, er war in einem unterirdischen Zimmer, er wußte es, ohne herumzutasten. Ringsum beobachtete er mit feinstem Sinn ein emsiges Arbeiten von vielen geschäftigen Wesen, ohne solche zu sehen. Hatte er einen neuen Sinn bekommen? Er beantwortete sich jetzt von selbst die vorhin gestellten Fragen. Er war eine Ameise; das Wesen, das vor ihm stand, war auch eine Ameise, und sie beide befanden sich in einem Ameisenhaus. Soviel begriff er einstweilen, so wunderbar es auch war. Verworrene Bilder aus der letzten Vergangenheit tauchten in seinem Gedächtnis auf wie ein halbvergessener Traum. War nicht ein merkwürdiger, alter Herr dagewesen mit einem langen, grünen Rock und rotem Schnupftuch, mit Brille und Tabaksdose, der unversehens in dem Augenblick auf ihn zugetreten war, als er sich gewünscht hatte, eine Ameise zu sein, ohne Prüfungsnot und Bücherqual? Moritz, Therese? Wo werden sie sein? Zu Hause bei Vater und Mutter!
Dieser Gedanke bewegte Max schmerzlich, allein er beruhigte sich nach und nach. Es war nun einmal nichts zu ändern. Weil er nicht lernen wollte, hatte er sich das gewünscht, was er jetzt war. Onkel Walter sagte stets: »Ein Mann muß die Folgen seines Handelns auf sich nehmen.« In der Schule hatte er ein Sprichwort gelernt: »Wie man sich bettet, so liegt man.« Mit vernünftiger Überlegung schloß er seine Betrachtung:
»Ich bin jetzt eine Ameise, und es geht mir nicht schlecht. Aber Max bin ich doch auch noch. Wenn es nicht so wäre, kämen mir diese Fragen und Gedanken gar nicht in den Sinn. Folglich bin ich jedenfalls etwas viel Besseres als diese Insekten um mich, und ich werde immer tun können, was mir gefällt und was ich will.«
Die pflegliche Ameise, die noch vor ihm verweilte und ihn auf den noch schwachen Füßen gehalten hatte, befragte jetzt Max:
»Liebes Püppchen, du wirst wohl Hunger haben?«
»Nicht wenig«, erwiderte Max erfreut, der längst schon Appetit verspürte.
»Da, nimm«, sprach die Ameise und streifte ihm eine vorzügliche Süßspeise in den Mund. Mit gespitzten Lippen kostend und leckend wollte Max wissen:
»Ach, was ist das Gutes?«
»Blattlaushonig, junges Ameislein. Schmeckt er?«
»Ausgezeichnet! Ich habe nie Besseres gegessen.«
Erwartungsvoll öffnete er noch einmal den Mund, um ein zweites Honigschlückchen zu bekommen. Dabei machte er eine neue Beobachtung.
Wie war doch nur sein Mund geworden? Sonderbar, ganz anders als sein Menschenmund! Er besaß zwei große, starke Unterkiefer, die man Mandibeln nennt. Ihre inneren Ränder waren gezackt wie eine Säge, und sie schlossen sich zusammen wie eine Zange. Doch dienten sie nicht zum Essen. Er spürte die Speise zuerst auf dem unteren Teil des Oberkiefers, der über den Unterkieferzangen lag und eine Art Lippe bildete. Auf dieser fühlte er, wie wir es mit der Zunge machen, den süßen Geschmack des Honigs, den er so behaglich einschlürfte.
Durch die feine Speise gekräftigt, fragte er sehr bescheiden, um nicht wieder Naseweis genannt zu werden, seine liebevolle Pflegemutter:
»Verzeihen Sie meine Neugierde! -- Was für gute Sachen werde ich mit meinen großen, starken Kieferzangen kauen, da ich sie zum Honigessen nicht gebrauchte?«
»Gute Sachen? liebes Kind, gar keine; denn zum Kauen dienen deine kräftigen Zangen durchaus nicht.«
»Wie, was? Nicht? Ja, wofür sind sie dann da?« fragte Max enttäuscht.
»Wir gebrauchen sie als Waffe zu unserer Verteidigung und hauptsächlich zum Arbeiten.«
»-- -- -- Zum Ar -- -- -- Arbei -- ten?«
Vor Schreck fiel Max platt auf den Rücken und wäre liegen geblieben, wenn ihm nicht seine Pflegemama wieder auf die Beine geholfen hätte.
»Ja, zum Arbeiten«, wiederholte deutlich die Ameise, »du wirst es gewiß recht bald lernen und üben.«
Max sperrte seinen sonderbaren Mund mit den eingesägten Kieferzangen vor schmerzlicher Überraschung weit auf, während die Pflegerin ihn von neuem fleißig beleckte. Über diese Art von Reinlichkeitspflege wurde er wieder lustig. Er schüttelte und drehte sich vor Lachen und rief:
»Hören Sie doch auf, das kitzelt ja unbändig.«
Da mußte die Ameise selber lachen und erklärte ihm:
»Ich glätte jetzt deine Fühler, sie sind der empfindlichste Teil deines Körpers.«
»Fühler? Hm, hm, Fühler habe ich?«
»Fühler nennen wir die feinen Stengelchen, die du oben auf deinem Kopfe trägst; greife nur mit deinen Beinchen danach, dann kannst du sie deutlich betasten«; zugleich half sie ihm diese Bewegung ausführen.
Er fuhr sich mit den Vorderbeinchen, die wahrhaftig so geschickt wie Arme und Hände waren, über den Kopf, befühlte und betastete sich und behauptete: »Solche Dinger nennt man +Hörner+!«
Wie gerne hätte er sich in einem Spiegel besehen, aber wo wäre ein solcher zu finden gewesen?
»Nenne sie, wie du willst«, sagte freundlich die Ameise, »aber Hörner sind es sicher nicht, denn sie sind aus zartestem Stoff beschaffen, was man von Hörnern nicht behaupten kann. Wehe uns, hätten wir keine Fühler! Durch ihren Gebrauch finden wir unsere oft schwierigen Wege, vermeiden Hindernisse und geben uns gegenseitig damit Zeichen.«
»Herrje, das ist viel auf einmal.«
»Aber lange nicht alles. In den äußersten Enden der Fühler sitzt unser Geruchsinn.«