Chapter 9
"Herrjeh," rief Mary, "ist er etwa auf Dich so wütend?" Jörgen antwortete nicht, sondern bückte sich nach einem kleinen Stein. Als der Hund das sah, rannte er, den Schwanz zwischen die Beine geklemmt, hinter einen Reisighaufen am Wege. Von dort setzte er dann das Konzert fort. "Laß ihn doch!" sagte Mary, als sie sah, daß Jörgen die Schußlinie berechnete. "Es wäre doch spaßig, wenn er sich genau auf die Stelle zurückzöge, auf die ich ziele," sagte er, "dann bekommt er den Stein nämlich gerade auf den Rücken." Dabei tat er, als werfe er; der Hund setzte davon,--da warf er erst, und der Hund bekam den Stein genau auf den Rücken. Er heulte auf. "Siehst Du!" sagte Jörgen triumphierend. "Es gibt nicht viele, die so sicher treffen, kann ich Dir sagen."--"Kannst Du ebenso gut schießen?"--"Ob ich es kann! Wirklich, Mary, alles, womit ich mich befasse--viel ist es ja nicht,--das tue ich gründlich." Das mußte sie zugeben. Das rasende Gebell des Hundes in der Ferne bestätigte es auch.
Auf dem Richtsteig zum Hause hinauf sagte er: "Meinst Du, wir sagen Frau Dawes oder Deinem Vater etwas?"--"Von Onkel Klaus?"--"Ja. Es würde sie nur betrüben. Können wir nicht sagen, er habe gemeint, wir sollten bis zum Frühjahr warten?"--Sie blieb stehen. Sie war nicht für so etwas. Aber Jörgen blieb dabei. "Ich kenne Onkel Klaus besser als Du. Ihm wird es bald leid. Freilich wird er nicht nachgeben, aber er wird selbst mit einem anderen Vorschlag kommen, ungefähr mit so etwas, wie ich jetzt meine:--er möchte, wir warteten bis zum Frühjahr."
Mary war sich längst darüber klar, wie gut Jörgen unterrichtet sei; sie mußte deshalb auch zugeben, daß er so etwas besser verstand als sie. Aber an Schleichwege war sie nicht gewöhnt. "Laß mich nur machen," sagte er, "dann erspare ich den alten Leuten eine Enttäuschung."
"Aber was soll ich denn sagen?" fragte Mary.--"Die Wahrheit, daß Onkel sich sehr über unsere Verlobung gefreut hat, und daß die Zeiten jetzt so schlecht seien, daß wir warten müßten. Das verhält sich doch tatsächlich so."
Damit war Mary einverstanden. Besonders weil es sie freute, daß Jörgen auf die Schonung der beiden Alten bedacht war. Er bekam dafür einen aufrichtigen Dank--und wieder ihre Hand. Die behielt er in seiner bis an die Treppe, ja noch die Treppe hinauf. Er dachte, das ist ein Pfand für einen Kuß im Vorzimmer. Aber dann nehme ich mir zehn!
Er machte die Tür auf und ließ Mary vorangehen. "Schönen Dank für den Spaziergang, Jörgen", sagte sie, indem sie an ihm vorbeiging und ihm fröhlich zunickte,--lief zur Treppe und nach oben. Er hörte sie in ihr Zimmer gehen.--
Wie schonend Jörgen auch seine Worte wählte, als er von dem Resultat berichtete,--es war eine schwere Enttäuschung für die alten Leute. Sowohl Krog wie vor allem Frau Dawes fanden es unerklärlich; die letztere sogar grausam. So sollte Mary den langen Winter über hier allein bleiben und Jörgen in Stockholm. Sie konnten sich vielleicht zu Weihnachten ein paar Tage sehen, aber sonst nicht. Seltsamerweise übte die Enttäuschung der beiden Alten einen Rückschlag auf Jörgen aus. Er saß wie ein flügellahmer Vogel da. Er sprach nicht, er antwortete Frau Dawes kaum, er spielte auch nicht; aber er bereitete seine Abreise für den nächsten Morgen vor. Er wollte direkt nach Stockholm; seine Zeit war um.
Nur Mary war guter Dinge. Es war, als gehe sie die ganze Geschichte nichts an. Ihr hatte der Tag nichts Schlimmes gebracht; so schien es. Das Triumphgefühl, das in ihr war, seit sie vor ihrem Vater die Verlobung zu proklamieren geruht hatte, war nicht allein ungeschwächt, es war stärker als je. Sie ging über die Flure und durch die Stuben und summte vor sich hin; sie hatte tausenderlei zu tun, als sei sie es, die eine lange, wichtige Reise vorhatte. Beim Abendessen trieb sie soviel Unsinn, daß Jörgen das unsichere Gefühl hatte, sie mache sich über ihn lustig. Er sagte ihr schließlich gerade heraus, er verstehe sie nicht. Ihm scheine, sie solle ihn lieber bedauern. Sie bleibe doch wenigstens hier in ihrem entzückenden Heim und in ihrer schönen Sorge für ihre beiden Lieben; er aber--? Jetzt habe er einen Haß auf das, was vor ihm liege, weil es ihn von ihr fernhalte. Es tue ihm leid, daß er sich vom Dienst habe beurlauben lassen. Er verabscheue Stockholm. Er wisse, wie zurückgesetzt ein junger Mann dort sei, der nicht zur höheren "société" gehöre und obendrein Norweger sei. Er war unglücklich und machte seinem Kummer Luft.
"Du hast doch bei Deiner Konfirmation so gut Bescheid gewußt, Jörgen, hast Du vergessen, daß Jakob volle sieben Jahre um Rahel dienen mußte?"--"Habe ich etwa nicht lange genug um Dich gedient, Mary?"--"Weil Du gar so früh damit anfingst, sind es so viele Jahre geworden. Es ist eine schlechte Angewohnheit von Dir--zu früh anzufangen!"--"War es denn möglich, Dich zu sehen, ohne ...? Du tust Dir selbst unrecht."--"Du hattest doch andere Ziele, Jörgen, als mich zu erringen?"--"Die hatte Jakob auch, der Geldjäger! Und er hatte noch den offenbaren Vorteil, daß er Rahel inzwischen sehen konnte, so oft er wollte."--"Na,--einer, der Jahre lang gewartet hat, Jörgen--" "--der kann auch noch ein halbes Jahr Iänger warten? Ja, Du hast gut reden, die nie auf etwas gewartet hat. Nicht auf das geringste!"--Sie schwieg. "Daß Du mich obendrein noch necken willst, Mary!--Der (auch wenn er bei Dir ist) auf so schmale Kost gesetzt ist!"--"Du beklagst Dich, Jörgen?"--"Ja, wahrhaftig."--"Du hast allzu früh angefangen, mußt Du bedenken." Sie lachte. Er wurde verlegen, sagte aber nach einer Weile: "Du weißt eben nicht, was warten heißt!"--"Ich weiß jedenfalls, daß einer, der auf schmale Kost gesetzt ist, sich leichter daran gewöhnen kann." Sie lachte wieder. Er war gekränkt und unsicher zugleich. Eine, die ihn wirklich lieb hatte, hätte sich kaum so benommen--am Abend vor einer mehrmonatlichen Trennung. Und bei so kläglichen Aussichten für die Ehe, wie sie sie hatten.
Sie saßen eine Weile bei ihrem Vater und sehr lange bei Frau Dawes. Jörgen war still und sagte überhaupt nichts. Mary aber war vergnügt. Frau Dawes blickte die beiden verwundert an. Sie wandte sich zu Jörgen: "Armer Junge, Du mußt zu Weihnachten herkommen!" Mary antwortete statt seiner: "Tante Eva, um Weihnachten ist es in Stockholm gerade am lustigsten."
Plötzlich stand Mary auf und wünschte sehr unerwartet "Gute Nacht", erst Jörgen, dann Frau Dawes. "Ich bin müde von unserer Tour und ich will morgen früh aufstehen, um Jörgen zu begleiten."
Jörgen fühlte, dieser unerwartete Aufbruch war ein wohlüberlegter Streich. Sie wollte dem entgehen, ihm draußen auf dem Flur gute Nacht zu sagen. Er schwur ihr Rache. Er verstand sich darauf.
Frau Dawes wollte wissen, ob zwischen ihnen etwas vorgefallen sei. Das bestritt er. Sie glaubte ihm nicht; er mußte allen Ernstes wiederholen, er wisse von nichts. Aber seine Verstimmung verbergen, das konnte er nicht. Er brachte es nicht einmal über sich, dazubleiben, und ließ sie allein. Auf dem Flur war es gegen die Gewohnheit völlig dunkel. Er tastete sich nach seiner Tür. Erst als er drinnen Licht angezündet hatte und unwillkürlich auf ein Lebenszeichen aus ihrem Zimmer lauschte, fiel ihm ein, daß sein Schloß geölt worden war. Heute morgen hatte es geknarrt. Ganz unbedeutend, aber geknarrt hatte es. Nie war er in einem Hause gewesen, wo wie hier die kleinste Kleinigkeit, die in Unordnung war, sofort repariert worden wäre. Trotzdem Sonntag war. Er konnte sich kein größeres Glück vorstellen, als später, wenn erst alles in Ordnung war, hierher zurückzukehren, hier auszuruhen, und hier solange und solcherart zu leben, wie sein tiefstes Bedürfnis nach Lebensgenuß es ihm vor Augen stellte.
Also galt es auszuhalten. Sich jetzt in ihre Launen zu finden wie früher in des Onkels Launen. Bis seine Zeit kam!--
--Er war beim Ausziehen, als lautlos die Tür geöffnet wurde und Mary in ihrem Nachtgewand hereintrat. Blendend schön. Sie schloß die Tür hinter sich und trat an die Lampe. "Du sollst nicht länger warten, Jörgen!" Sie löschte die Lampe aus.--
* * * * *
Allein
Am nächsten Morgen verschlief sie die Zeit. Sie wurde durch Gesang und Klavierspiel aufgeweckt. Im Halbschlummer erst und dann deutlich hörte sie durch einen Strom herandrängender Erinnerungen Jörgens Stimme. Er sang am Klavier bei offenem Fenster in den frühen Morgen hinein. Sein heller, jubelnder Tenor trug Festesklänge zu ihr hinauf.
Schnell, ganz schnell war sie aus dem Bett und in den Kleidern; sonst kam sie zu spät, um ihn zum Schiff hinunterzubegleiten. Bei dem raschen Hantieren wurde sie ganz wach, und mächtiger stürmten ihre Gedanken ihm und seiner berauschten Seligkeit entgegen. Seinen tiefinnigen, Seele und Sinne durchströmenden Dank und seine Lobeshymnen wollte sie in der Nähe genießen! Hoch emporgehoben und im Triumph herumgetragen werden wie die Herrscherin seines Lebens. Aus freier Souveränität hatte sie ihm des Lebens höchsten Preis geschenkt. Jetzt war er belohnt für seine lange Qual! Vorurteilslos und ohne zu feilschen. Sie kannte ihn jetzt doch; sie wußte bis ins kleinste, wie er aussehen, wie er sich benehmen würde, wenn er sie hineinführte in sein Glück. Deshalb schwoll ihre Brust dem Wiedersehen entgegen. Feiern sollte man sie und ihr danken!
Durch das kleine holländische Kabinett kam sie in ihrem blauen Morgenkleide und legte die Hand auf den Türgriff des großen Musikzimmers nach der See hinaus, mußte aber stehen bleiben, um Atem zu schöpfen, so gespannt war sie. Dabei genoß sie seinen Triumph da drinnen. So hingerissen war er von seiner eigenen Musik, daß sie ihm ganz nahe kam, ehe er sie bemerkte. Er blickte strahlend auf und erhob sich langsam und still wie zu einem Fest. Er wollte die Stimmung nicht zerstören; er breitete die Arme ihr entgegen, zog sie an sich, küßte sie ehrbar aufs Haar und streichelte ihr langsam und sorglich die Wange, die freilag; er wollte zudecken und verbergen, ihr mit männlicher Güte über die Scham weghelfen, die sie naturgemäß empfinden mußte. Er war ganz zart und beruhigend.--
"Wir müssen jetzt wohl schnell essen", flüsterte er freundlich zu ihr hinunter, küßte noch einmal ihr schönes Haar und atmete seinen Duft. Dann faßte er sie sanft, aber gleichsam führend, um die Taille. An der Tür fragte er leise: "Du hast wohl gut geschlafen, daß Du so spät kommst?" Er öffnete mit der freien Hand väterlich die Tür und blickte sie mitfühlend an, als er keine Antwort bekam. Sie war sehr blaß und ganz verwirrt. "Mein süßes Mädchen", flüsterte er tröstend.
Bei Tisch war des Rücksichtnehmens kein Ende, besonders da sie nichts essen konnte. Aber die Zeit war knapp; er mußte für sich selbst sorgen, so daß nicht viel darüber gesprochen wurde. Mary sagte kein einziges Wort. Aber sie fand, er hantiere mit Messer und Gabel auf eine ganz neue, herrische Art. Verwandt der Art, wie er zu ihr sprach und wie er sie ansah. Er wollte ihr offenbar Mut einflößen. Nach dem, was gestern geschehen war. Sie hätte den Teller mit allem, was darauf war, nehmen und ihm ins Gesicht schleudern mögen!
Sein Triumphgesang hatte ihm selber gegolten, die Siegeshymne seinem eigenen Verdienst!
Bei allen Mahlzeiten stand eine Karaffe mit Wein auf dem Tisch. Er trank langsam ein ganzes, großes Glas, wischte sich den Mund und stand mit einem würdevollen "Entschuldige!" auf.--Dann in der Tür: "Ich muß nachsehen, ob der Knecht meinen Koffer geholt hat."
Einen Augenblick nachher war er wieder da. "Die Zeit ist knapp"; er schloß die Tür hinter sich und ging hastig auf Mary zu, die jetzt am Fenster stand. Er zog sie diesmal rasch an sich und wollte sie Küssen...
"Nicht mehr dergleichen!" sagte sie mit ihrer ganzen alten Souveränität und wandte sich ab. Sie ging stolz hinaus ins Vorzimmer, zog sich eine Jacke an, wobei ihr das herzueilende Mädchen half, wählte einen Hut, sah nach dem Wetter und nahm dann einen Sonnenschirm. Das Mädchen öffnete ihr die Haustür, Mary ging rasch hinaus, er hinterher, in seinem tiefsten Empfinden verletzt. Er war sich keiner Schuld bewußt.
Sie gingen eine Weile schweigend nebeneinander her. Aber es kochte so in ihr, daß sie ihren Sonnenschirm fast zerbrochen hätte, als sie ihn schließlich aufspannen wollte. Er sah es.
"Du," sagte sie, und es klang, als habe sie eine ganz andere Stimme bekommen, "ich halte nicht viel vom Briefschreiben. Ich kann auch keine Briefe schreiben."--"Ich soll Dir also nicht schreiben--?!" Er hatte auch eine andere Stimme bekommen. Sie antwortete nicht, und sie sah ihn auch nicht an. "Wenn aber irgend etwas passiert--?" sagte er.--"Nun ja, dann--! Aber dann hast Du ja Frau Dawes."
Als sei es damit noch nicht genug, fügte sie hinzu: "Du bist wohl übrigens auch kein Held im Briefschreiben. Also ist nicht viel dabei verloren."
Er hätte sie schlagen mögen.
Zum Überfluß mußte nun auch noch der alte, wunderliche Finnenhund da an der Brücke sein mit einem von seinen Leuten. Kaum wurde er Jörgen gewahr, da fing das Konzert an. Es nützte alles nichts, soviel seine Herren auch ihm pfiffen und ihn riefen.
Alle wandten sich nach den Ankömmlingen um. Jörgen hatte sich sofort nach einem kleinen Stein gebückt, und Mary hatte ihn leise gebeten, es nicht zu tun. Der Dampfer legte gerade an, die allgemeine Aufmerksamkeit, auch die des Hundes, wurde von ihnen abgelenkt, und auf diesen Augenblick hatte Jörgen gewartet, um ihm den Stein direkt auf den Leib zu werfen, daß er laut aufheulte. Unmittelbar darauf wandte er sich zu Mary und zog den Hut mit seinem verbindlichsten Lächeln und mit tausend Dank für die genossene Gastfreundschaft.
Sie mußte anstandshalber warten, bis der Dampfer abfuhr; ja, sie mußte ein paarmal mit dem Sonnenschirm winken. Lächelnd und triumphierend grüßte Jörgen mit mächtigem Hutschwenken vom Dampfer herüber.
Wütend war sie! Aber er kaum weniger.
* * * * *
"Er, der sich vor mir in den Staub hätte werfen müssen und den untersten Saum meines Kleides küssen!" Das war ihre Empfindung.
Schon gestern abend war das Gefühl von etwas Unfeinem in ihr aufgedämmert. Er wollte sie nicht wieder loslassen. Sie mußte eine List anwenden und ihre Tür verriegeln. Aber sie hatte sich das als eine krankhafte Folge seiner langen Sehnsucht ausgelegt, die zur Besessenheit geworden war.
Jetzt war kein Zweifel möglich! Nur ein "Bewanderter" konnte es in dieser Weise auffassen. Sie war betrogen. Das Allerschönste in ihr, das von ihren feinsten Instinkten geschirmt und großgezogen worden, war hineingelockt in einen widerwärtigen Irrtum.
Sie rang den ganzen Tag damit. Verraten und geschändet nannte sie sich. Zuerst wälzte sie alle Schuld von sich. Dann nahm sie alles auf sich und verdammte sich als unbrauchbar für das Leben. Sie greife doch nur fehl, sie verrate sich selbst. Einen Augenblick sagte sie: Mir ist Gewalt angetan, obwohl ich mich freiwillig hingegeben habe! Im andern Augenblick sagte sie: Das greift gewiß viel weiter zurück, und ich finde mich nicht heraus.
Welch ein Segen, daß ihr Zimmer unberührt und rein geblieben war. Das nebenan wollte sie nie wieder betreten, nie mehr sehen.
Ihm wollte sie nicht gehören.
Aber würde er denn schweigen? Darüber war sie beruhigt. Auf dem Gebiet lagen seine Schwächen nicht, sonst hätte sie wohl irgend etwas erfahren. Aber daß ein einziger Mensch existieren sollte, der--! Sie weinte vor ohnmächtigem Zorn. Das würde ihren Lebensmut zerstören. Das würde wie ein Alp auf ihr liegen. Gerade wenn sie sich am höchsten fühlte.
Sehen wollte sie ihn! Ihm sagen, wofür sie ihn gehalten habe,--und wer er sei. Zu wem sie habe hineingehen wollen,--und zu wem sie hineingekommen sei. Er sollte nicht triumphieren können. Aber dazu mußte sie sein Leben kennen. Wen konnte sie fragen, wer kannte sich darin aus?----
Als sie am nächsten Morgen aufwachte, war sie sich klarer. Einmal darüber, wie sie sich volle Gewißheit über Jörgen verschaffen konnte; das mußte gelegentlich geschehen, so daß keiner etwas merkte. Ebenso war sie sich klar, daß der Bruch mit ihm und die Begegnung, die den Bruch vorbereitete, hingehalten werden mußte--vor allem um der beiden Alten willen. Das zweite und viel wichtigere war: ihr eigenes Leben wieder aufzubauen, aus dieser schwülen Luft herauszukommen, die sie ins Verderben geführt hatte. Da gab es nur einen Weg: ihre Arbeit aufzunehmen, sich brauchbar dafür zu machen und aus den Resultaten neuen Mut zu schöpfen.
Arbeit und Pflichttreue! Sie stützte sich auf die Ellbogen, als wolle sie die Aufrichtung in ihrem Innern versinnbildlichen, und stand im nächsten Augenblick auf den Füßen, um sich fertig zu machen.--
Die fünfzigtausend Kronen, die ihr Vater also neulich Onkel Klaus gegeben, und die sie in den Büchern nicht gefunden hatte,--deuteten die nicht darauf hin, daß ihr Vater noch einen Fonds in Amerika hatte--außer dem brüderlichen Geschäft? Daß die Zinsen, die er nicht aufgebraucht hatte, dort in Aktien angelegt waren? Da kürzlich 50 000 Kronen frei und hierhergeschickt waren?
Seit Jörgen ihr vorgestern von den 50 000 Kronen erzählt hatte, hatten die ihr in all den ändern Geschichten keine Ruhe mehr gelassen. Sie mußte die amerikanische Korrespondenz des Vaters prüfen; darin würde es stehen. Aber sie fand keine solche Korrespondenz,--bis sie eine Truhe öffnete, die unten in dem Bücherregal stand, zu dem der Schlüssel in seinem Portemonnaie lag. Sie kannte die Truhe von ihren Reisen her; aber sie hatte nie gewußt, was sie enthielt. Hier fand sich die ganze amerikanische Korrespondenz; hier fanden sich auch die Belege. Es machte den Eindruck, als habe er schon zu Lebzeiten ihrer Mutter ihr Vermögen und alles, was damit zusammenhing, besonders verwaltet. Dann mußte aber ein recht beträchtlicher Rest geblieben sein, selbst wenn der Hauptbestand, eine Million Dollar, verloren war. Sie war wie im Fieber. Ihr Vater mußte den Brief so verstanden haben, als sei sein ganzer Besitz in Amerika verloren gegangen. So hatte sie es aufgefaßt, und die andern gleichfalls.
Den Kopf voll dieser Dinge, begab sie sich zum Vater. Sie setzte ihm alles umständlich auseinander und sagte, sie wolle gleich nach Amerika, um Klarheit zu schaffen. Er erschrak. Aber bald sah er die Notwendigkeit ein und fügte sich.
Frau Dawes war nicht so leichtgläubig. Sie vermutete, es müsse etwas geschehen sein, wovon Mary sich ablenken wolle. Aber in Marys Wesen und in ihrem Bericht über ihre Entdeckung war etwas Heftiges, etwas, das keinen Widerspruch duldete. Frau Dawes beschränkte sich daher auf einige schüchterne Einwendungen: es gebe auf dem Meer um diese Jahreszeit so viele Stürme.
Drei Tage später war Mary mit einem englisch sprechenden Mädchen auf dem Wege nach Amerika. Sie werde, sagte sie, schon jemand finden, der ihr wertvolle Hilfe leisten würde. Sie kenne so viele.
Alles ging nach Wunsch. In weniger als anderthalb Monaten war sie wieder daheim. Es war hohe Zeit gewesen, daß sie hinüberkam. Denn es sollte gerade darüber prozessiert werden, ob Anders Krog mit seinem ganzen Besitz der Kompagnon seines Bruders gewesen sei, während er es doch nur mit der Summe war, die im Geschäft steckte.
Das konnte sie beweisen.
Dieser Erfolg machte ihr Mut. Warum nicht weiter gehen? Hier hatte sie Kapital zur Verfügung, und sie hatte große Lust, etwas zu beginnen. Auch einen Holzhandel. Konnte sie das nicht so gut lernen wie jeder andere? Die doppelte Buchführung? War die so schwer? Sie fing gleich an.
Anders Krog schien aufzuleben, seit sie wieder daheim war. Die Gewißheit, daß das Vermögen, das außerhalb der Konkursmasse des Bruders stand, gerettet war, war für ihn eine große Freude. Marys Zukunft lag ihm so sehr am Herzen.
Dagegen nahm Frau Dawes sichtlich ab. Es war, als habe dieses tätige, rastlose Menschenkind seine Kräfte aufgebraucht. Selbst nach Jörgen fragte sie nicht; ihre Korrespondenz hatte sie aufgegeben.
Mary leitete den Gutsbetrieb zusammen mit dem Prokuristen und verwaltete das Vermögen gemeinsam mit einem Geschäftsmanne. Nebenbei nahm sie Unterricht und lernte. Zweimal wöchentlich war sie in der Stadt.
So ging es in den November hinein. Da bekam Anders Krog einen Brief aus Kristiania von einem nahen Verwandten, einem reichen Manne, dessen einzige Tochter sich soeben verlobt hatte. Er bat, Marit möge doch zu den Festlichkeiten hinkommen; es sollten in den beiden großen Familien deren mehrere stattfinden.
Mary war selbst erstaunt, wie große Lust sie plötzlich bekam. Der alte Adam war nicht tot. Sie trällerte auf den Fluren und in den Stuben vor sich hin, während sie ihre Reisevorbereitungen traf; sie sehnte sich nach einer neuen Umgebung--und nach neuen Huldigungen. Sie suchte Genugtuung darin! Das mußte sie sich selbst zugeben.
Sie war kaum einige Tage dort, als Anders Krog einen Brief bekam, in dem Marys Lob in den höchsten Tönen gesungen wurde. Nicht das Brautpaar, sie sei der Mittelpunkt aller Bälle gewesen; nicht das Brautpaar, sie werde bevorzugt und gefeiert--in erster Linie von dem Brautpaar selbst. Ihre einzigartige Schönheit, ihr vornehmes Wesen, ihre Kenntnisse und ihr Taktgefühl würden sie ihnen allen unvergeßlich machen. Sie möchten sie so gern noch eine Zeitlang dabehalten.
Anders Krog schickte den Brief zu Frau Dawes hinein mit der Bitte, ihn bald zurückzugeben; er wolle ihn noch oft lesen,--
Am Tage darauf war Mary wieder daheim. Sie trat des Morgens still bei ihrem Vater in die Tür, und er erschrak, als er sie sah. Sie sei krank geworden, sagte sie, und das sah man auch deutlich genug. Sie war nicht nur blaß, sie war grau, mit übernächtigen Augen und matter Stimme. Sie gab ihrem Vater einen langen, zärtlichen Kuß, wollte aber den Brief, den er bekommen hatte, gar nicht sehen und nicht von ihrem Aufenthalt in Kristiania reden. Jetzt erst auf ein paar Minuten zu Frau Dawes, dann zu Bett und ausruhen.
Sie blieb kaum eine halbe Minute bei Frau Dawes, die sie in großer Besorgnis zurückließ.
Mary schlief den ganzen Tag, aß zu Abend eine Kleinigkeit und schlief wieder die ganze Nacht.
Als sie aufstand, sah sie aus wie immer, war frisch und wach. Der Prokurist, der Gärtner und die Haushälterin kamen zu ihr und legten Rechenschaft ab, und sie machte einen Rundgang durch das Haus. Dann kam sie lächelnd nach oben zu ihrem Vater, der sehr glücklich war, als er sie wieder so vor sich sah.
Sie kam, um ihm zu sagen, daß jetzt einer baldigen Heirat nichts mehr im Wege stehe. Jetzt hätten sie ja Vermögen. Der Vater brachte unter großen Schwierigkeiten heraus, das habe er auch schon gedacht. Seine Augen und die eine Hand sagten das übrige; daß er nämlich nichts lieber sehe.
Aber als sie dasselbe zu Frau Dawes sagte und hinzufügte, sie habe eigentlich Lust, gleich nach Stockholm zu fahren, um diesen Vorschlag zu machen (Jörgens Name wurde nicht genannt), da gewann Frau Dawes die alte Geistesschärfe wieder, richtete sich im Bett auf und fing laut zu weinen an. Nun verlor Mary den Mut, warf sich über das Bett und flüsterte: "So ist es, Tante Eva!" Sie weinte die verzweifeltsten Tränen ihres Lebens. Aber als Frau Dawes' Kummer dadurch immer größer wurde, hob Mary den Kopf: "Liebe Tante, Vater kann uns ja hören!"--Sie dämpften ihre Stimmen ein wenig; Frau Dawes aber versicherte unter Tränen, dies sei ja ihre eigene Geschichte! Erst als ihr Verlobter sie soweit gehabt habe, sei ihr klar geworden, was für ein erbärmlicher Kerl er war; "aber da mußten wir uns eben heiraten. Da siehst Du, Kind, wie wir Frauen sind; wir werden nie klug."--
"Oh daß Ihr diesen Menschen in mein Leben hineinziehen mußtet!" jammerte Mary. "Ich fühlte es instinktmäßig, daß ich ihn mir fernhalten müsse; aber Ihr schlugt alle Bedenken zu Boden." Nach einer Weile: "Nein, so mußt Du das nicht auffassen, Tante Eva; ich mache Euch keine Vorwürfe. Was nützt jetzt auch alles Jammern? Hier bleibt nur eins: sich mit geschlossenen Augen hineinstürzen."