Mary, Erzählung

Chapter 8

Chapter 83,771 wordsPublic domain

Und gerade als sie dachte: "Was jetzt weiter?" klopfte es leise an die Tür. Sie wurde sehr böse, sie wäre am liebsten aufgesprungen und hätte die Tür verschlossen. Aber nach einer Weile sagte sie: "Herein!" Die Tür öffnete sich und schloß sich, ohne daß sie aufsah; sie saß in ihrem großen Stuhl. Leise und demütig kam er heran und ließ sich aufs Knie nieder, indem er das Gesicht in ihre Hände legte. Daran war nichts Abstoßendes. Er war tief bewegt. Sie blickte hinunter auf seinen hübschen Kopf mit dem weichen Haar. Sie verweilte bei seinen langen Künstlerfingern. Etwas Feines wirkte an ihm versöhnend. Aber diese Sentimentalität! "Soll ich abreisen?" war das einzige, was er sagte. Sie zögerte eine Weile, dann sagte sie: "Ja." Ganz leise. Er ließ die Arme sinken, griff nach ihrer rechten Hand und drückte seine Lippen darauf, lange, aber ehrerbietig. Stand auf und ging.

Bei dem Kuß, so ehrerbietig er war, durchrieselte ihren Körper ein aufregendes Gefühl. Wie sie es vorhin gehabt hatte, als er sie küßte und küßte, daß sie einer Ohnmacht nahe war. Sie blieb verwundert sitzen. Noch lange, nachdem er fort war. Sie dachte wieder ihren Kampf bis ins kleinste durch und zitterte. "Warum bin ich nicht böse auf ihn?"

Da klopfte es wieder. Das Mädchen der Frau Dawes fragte an, ob sie nicht herüberkommen wolle. "Du hast ihn abreisen lassen, Kind?" Frau Dawes war mehr als betrübt. Vor Eifer richtete sie sich auf und stützte sich auf den einen Arm. Ihre Mütze saß schief auf dem kurzen grauen Haar, der fette Hals war röter als gewöhnlich, als sei es ihr zu warm. "Warum hast Du ihn abreisen lassen?" wiederholte sie. "Er wollte doch."--"Wie kannst Du das sagen, Kind? Er war doch bei mir und jammerte. Er wollte für sein Leben gern hier bleiben! Du hast keinen Begriff davon. Du hast ihn ja immer bloß zurückgestoßen. Und gefoltert." Sie legte sich ganz verzweifelt wieder zurück. Das Wort "gefoltert" machte flüchtig einen komischen Eindruck; aber Mary hatte selbst die Empfindung, sie hätte mit ihm sprechen sollen, ehe sie ihn gehen ließ. Denn gehen mußte er.

Es kamen recht schwere Tage. Anders Krogs Befinden verschlechterte sich bei einem Witterungsumschlag. Dazu kamen Verdauungsbeschwerden. Es fiel ihm schwerer, sich verständlich zu machen. Mary war viel bei ihm; dann folgte er ihr mit den Augen, daß es ihr fast Angst machte.

Frau Dawes schickte ihm kleine Zettel. Von ihrer Schreiberei ließ sie sogar im Bett nicht. Immer wenn solch ein Zettel kam, blickte er Mary lange an. Da erriet sie, wovon die Zettel handelten.

Eines Tages sagte Frau Dawes zu ihr: "Du überschätzt Dich, wenn Du meinst, Du kannst hier allein mit uns leben."--"Wie meinst Du das?"--"Daß Du im Frühling des gesellschaftlichen Lebens noch so müde sein magst,--wenn der Herbst kommt, lockt es doch. Du bist zu sehr daran gewöhnt."--

Mary antwortete diesmal nicht; aber einige Tage später--es war lange naßkaltes Wetter gewesen, und sie hatte nicht draußen sein können--sagte sie zu Frau Dawes: "Du kannst recht haben, das Leben, das wir all diese Jahre hindurch geführt haben, hat tiefe Wurzeln in mir geschlagen."--"O ja, tiefere als Du selbst ahnst, mein Kind!"--"Aber was soll ich denn tun? Von hier fort kann ich doch nicht? Ich will es auch nicht."--"Nein.--Aber Du könntest Dir etwas Abwechslung verschaffen." --"Wie denn?"--"Du verstehst mich recht gut, Kind! Wenn Du verheiratet wärst, würde er zeitweise hier mit Dir leben und Du zeitweise mit ihm da, wo er hin muß."--"Eine wunderliche Ehe!"--"Ich glaube nicht, daß Du ihm sonst näherkommen kannst."--"Wem näherkommen?"--"Dem, was das Leben von Dir verlangt. Und dem, woran Du gewöhnt bist."

Mary fühlte, das, was Frau Dawes da sagte, sei auch des Vaters Wunsch. Daß es ihr Schicksal sei, was ihm die größte Sorge mache. Daß ihm eine Ehe mit Jörgen unter Onkel Klaus' Obhut eine große Beruhigung sei. Es lag wie ein Druck auf ihr, daß sie bis auf diesen Tag wenig Rücksicht auf die Wünsche des Vaters genommen hatte.

Diese ganze Zeit, all diese Erwägungen erschienen ihr wie das Rezitativ einer Oper, das zwei Handlungen miteinander verbindet.

Wenn sie jetzt, wo es herbstete, über die Bucht hinschaute, fühlte sie sich wie eine Gefangene. Stand sie oben auf der Höhe und sah mit den schaumsprühenden Wogen den rauhen Herbst daherkommen, dann hatte sie das Gefühl, er wolle sie für den Winter einkerkern. Dann brauste es in ihr auf; sie war an anderes gewöhnt.

Auch in ihrem Blut brauste es. Sie hatte ihre Ruhe verloren. In der Erinnerung erschien ihr Jörgen nicht abstoßend. Die Atmosphäre, die ihn umgab, schien ihr sogar sympathisch.

Daß ein Schlaganfall den Vater aufs Krankenlager geworfen hatte, und daß Jörgen gerade anwesend war, und daß er dem Vater willkommen war,--knüpfte das kein Band? War das nicht wie Schicksal?

An Jörgens Seite in Stockholm[1] aufzutreten und später weiter in die Welt gesandt zu werden,--einen naturgemäßeren Abschluß ihres Wanderlebens, eine vielseitigere Verwendung dessen, was sie dabei gelernt hatte, konnte man sich schwer vorstellen.

Onkel Klaus mußte helfen. Gründlich helfen. Sie war sich ihrer Macht über Onkel Klaus bewußt.--

"Kurz und gut, liebe Tante Eva," sagte sie eines Tages, als sie neben ihr am Bett saß und mit ihr plauderte: "Du kannst an Jörgen schreiben."

[Footnote 1: Schweden und Norwegen hatten damals ein gemeinsames Ministerium des Auswärtigen.]

* * * * *

Mary stand selbst auf der Brücke, als das Boot anlegte. Es war am Sonnabend nachmittag, und wer irgend konnte, floh aus der Stadt, um die letzten Herbsttage im Freien zu genießen. Es war ein schöner Tag. Im südlichen Norwegen hat man solche Tage oft bis tief in den September hinein. Mary war in Blau und hatte einen blauen Sonnenschirm, mit dem sie Jörgen und ein paar Freundinnen winkte, die neben ihm standen. Alle Leute an Bord kamen nach der Landungsseite herüber, um zuzusehen.

Sowie Jörgen neben ihr stand, fühlte er, daß er vorsichtig sein müsse. Er erriet, daß sie ihn nur deshalb hier unten in Empfang nahm, damit ihr Zusammentreffen nicht intim ausfallen könne.

Auf dem Wege nach oben sprachen sie über die Schwalben, die sich jetzt zum Aufbruch rüsteten, über den Verwalter, der kürzlich einen mächtigen Adler geschossen hatte, über das Schreibbrett, das für Frau Dawes konstruiert worden war, über die gute Grummeternte, über die Obst-und die Futterpreise.--Drinnen im Flur lief sie ihm mit einem kurzen "Verzeihung!" weg. Sie flog die Treppe hinauf. Der Bursche, der Jörgens Koffer brachte, trat hinter ihnen in die Tür; Jörgen und er standen da und wußten nicht wohin. Da hörten sie Marys Stimme von oben: "Bitte hierher!" Sie gingen hinauf. Sie öffnete das Fremdenzimmer, das neben ihrem eigenen lag, und ließ den Burschen den Koffer dahinein setzen. Zu Jörgen sagte sie: "Wollen wir nicht jetzt zu Vater hineingehen?"--Sie ging voran. Die Pflegerin war nicht da. Vermutlich um die fortzuschicken, war sie vorhin nach oben gelaufen.

In den Augen des Kranken leuchtete es auf, als er hinter ihr in der offenen Tür Jörgen bemerkte. Kaum war die Tür geschlossen, als Mary auf ihren Vater zuging, sich über ihn beugte und sagte: "Jörgen und ich haben uns verlobt, Vater."

Alle Güte und alles Glück, das sich in einem Angesicht vereinen kann, strahlte aus den Mienen des Vaters. Lächelnd wandte sie sich zu Jörgen, der blaß und verwirrt dastand und nahe daran war, auf Mary zuzustürzen und sie zu umarmen. Aber er fühlte, sie wollte wohl seine Überraschung, seine Dankbarkeit und seine Anbetung, aber keine Zeremonien. Das tat seinem Glück keinen Abbruch. Er begegnete ihren lächelnden Augen mit der vollsten, innigsten Freude. Er drückte die Hand, die Anders Krog ihm geben konnte, er blickte ihm in die tränennassen Augen und seine eigenen füllten sich mit Tränen. Aber gesprochen wurde kein Wort, bis Mary sagte: "Jetzt gehen wir zu Tante Eva!"

In einem Gefühl des Sieges ging sie voran. Bewundernd folgte er ihr. Sein Herz war voll, nicht zum wenigsten von Begeisterung über den Großmut, mit der sie ihm verziehen hatte. Er dachte: draußen auf dem Flur wird sie sich umdrehen, und dann ... Aber sie ging direkt auf Frau Dawes' Tür zu und klopfte an.

Als Frau Dawes Jörgen gewahrte, schlug sie die fetten Hände zusammen, zerrte an ihrer Mütze und wollte sich aufrichten,--aber es gelang ihr vor lauter Rührung nicht. Sie sank wieder zurück, weinte glückselig vor sich hin und streckte die Arme aus; Jörgen warf sich hinein, aber zum Kusse kam es nicht.

Sobald ein vernünftiges Wort gesprochen werden konnte, sagte Mary: "Findest Du nicht auch, Tante Eva, morgen müssen wir beide zu Onkel Klaus?"--"Das einzig Richtige, Kind! Das einzig Richtige. Worauf braucht Ihr zu warten?"--Jörgen strahlte. Mary zog sich zurück, damit die beiden in aller Vertraulichkeit miteinander sprechen könnten.

Als sie wieder zusammenkamen, merkte er, daß die Parole hieß: "Ansehen, aber nicht anfassen!" Das fiel ihm schwer; aber er gab zu, daß einer, der so vermessen gewesen war, im Zaum gehalten werden mußte. Sie wollte selbst über sich verfügen.

In ihrem Triumphgefühl war sie schöner als je. Es erschien ihm wie eine Gnade, daß sie "Du" zu ihm sagte. Das war auch alles, wozu sie sich herabließ. Er wartete und wartete; aber sie gab nicht mehr. Den ganzen Tag nicht. Da nahm er seine Zuflucht zum Klavier und jammerte ganz fürchterlich darauf: Mary machte die Türen auf, damit Frau Dawes etwas hören könne. "Der arme Junge!" sagte Frau Dawes.

Am ändern Tage kam sie erst kurz vor der Abfahrt des Dampfers nach unten, mit dem sie zu Onkel Klaus wollten. "Heute bist Du richtig la grande dame",--Jörgen musterte sie bewundernd; sie stand in ihrer elegantesten Pariser Besuchstoilette vor ihm. "Du willst Onkel Klaus wohl imponieren?"--"Das auch. Aber es ist doch heute Sonntag.--Sag' mal," sie wurde plötzlich ernst, "weiß Onkel Klaus von Vaters Unglück?"--"Von seiner Krankheit?"--"Nein, von der Ursache der Krankheit?"--"Das weiß ich nicht. Ich komme von Hause.--Ich habe nichts gesagt. Nicht mal zu Hause."--Das gefiel ihr. Deshalb wurde auch der Gang zum Dampfer hinunter und nachher die Fahrt gemütlich und fröhlich. Sie sprachen leise von der Hochzeit, von dem Urlaub für den ersten Monat nachher, von dem Leben in Stockholm, von ihrer Reise dahin, von seinem Weihnachtsbesuch zu Hause, von einem kleinen Abstecher nach Kristiania jetzt gleich--kurz, an ihrem Himmel waren keine Wolken.

Onkel Klaus trafen sie in seiner Rauchhöhle, wo sie ihn mehr ahnten, als daß sie ihn sahen. Er war selber ganz erschrocken, als Mary in ihrer ganzen Herrlichkeit vor ihm stand. Er eilte ihnen in den großen steifen Salon voran. Noch ehe sie saßen, sagte Jörgen: "Ja, Onkel, heute kommen wir, um Dir zu erzählen--" er kam nicht weiter; denn Onkel Klaus sah an ihren Gesichtern, was für eine strahlende Neuigkeit sie brachten. "Ich gratuliere, ich gratuliere!" Der große Mann streckte jedem eine Hand hin: "Ja, das sagen alle," triumphierte er, "Ihr beide seid das schmuckste Paar, das je in der Stadt war. Denn", fügte er hinzu, "wir andern haben Euch ja lange verlobt!" Kaum hatten sie sich gesetzt, als sich sein Gesicht verfinsterte. Er sah Mary mitleidig an: "Dein Vater, armes Kind!"--"Vater geht es jetzt besser", antwortete sie ausweichend.--Onkel Klaus blickte sie forschend an: "Er kann ja wohl nicht mehr ..." er hielt inne, er konnte es wirklich nicht über sich gewinnen, das auszusprechen, auch Mary nicht. Sie saßen also eine Weile schweigend da.

Als das Gespräch wieder in Fluß kam, redeten sie über die ungewöhnlich schlechten Zeiten. Es mache den Eindruck, als wollten die kein Ende nehmen. Die Aktien hätten keinen Wert, die Schiffahrt liege darnieder, keine neuen Unternehmungen, das Geld arbeite nicht. Während sie hierüber sprachen, blickte Onkel Klaus Jörgen mehrmals an, als wolle er nach etwas fragen, wenn er erst fort sei: Sie bemerkte es und gab Jörgen einen Wink, er stand auf und entschuldigte sich: er habe sich mit einigen Kameraden in der Stadt verabredet. Es war zwischen Mary und ihm ausgemacht, daß sie allein mit Onkel Klaus reden solle. Aber was mochte Onkel Klaus mit ihr zu besprechen haben? Sie war gespannt.

Jörgen war kaum aus der Tür, da sagte Onkel Klaus mit bekümmerter Miene: "Armes Kind, ist es wahr, daß Dein Vater in Amerika große Verluste gehabt hat?"--"Er hat alles verloren", antwortete sie. Blaß und entsetzt fuhr der große Mann in die Höhe: "Er hat alles verloren?"--Er starrte sie mit weit offnem Mund an, wurde dunkelrot und rief: "Ja, Gottsdonnerwetter, da kann ich verstehen, daß man den Schlag bekommt."--Er begann im Zimmer auf und ab zu rennen, als sei außer ihm niemand da. Die weiten Hosen schlotterten ihm um die Beine, mit den langen Armen fuchtelte er in der Luft herum. "Er ist doch schon immer so ein leichtgläubiger Tropf gewesen! Ein richtiger Dussel! Wenn man sich vorstellt, einer hat ein so großes Vermögen im Geschäft eines ändern stecken, und er kümmert sich dann nicht weiter drum! Das ist doch eine verdammte--" er hielt jäh inne und fragte in höchstem Erstaunen: "Auf was wollt Ihr denn heiraten--?"

Mary war tief verletzt, noch ehe diese Frage kam. In ihrer Gegenwart sich so zu benehmen, vor ihren Ohren so etwas von ihrem Vater zu sagen! Trotzdem antwortete sie mit ihrem reizendsten Lächeln und voll Schelmerei: "Auf Dich, Onkel Klaus!"

Seine Verblüffung war nicht zu beschreiben. Sie versuchte sie zu dämpfen, ehe sie zum Ausbruch kam, sie bedauerte ihn scherzend--und zwar auf englisch--was für ein armer Mann er sei. Aber das prallte ab wie Vogelgezwitscher an einem Bären. "Das sieht dem Jörgen, diesem Satan, ähnlich," brach er schließlich hervor, "gleich auf mich zu spekulieren!"--Er rannte wieder durch die Stube, schneller als bisher: "Haha! das konnte ich mir ja denken! Wenn was in die Quere kommt, muß ich herhalten! In diesen Zeiten, wo ich kaum mein Essen verdiene! Solche Unverschämtheit ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen!" Er sah sie nicht, er sah überhaupt nichts. Dieser reiche Mensch hatte seinen Launen, seiner Wut, seiner Unverschämtheit immer freien Lauf gelassen. "Schockschwerenot, Jörgen verdiente, daß ich ihm auch das entzöge, was er jetzt bekommt. Immer will er mehr haben! Und nun sollte ich--ha, ha! Ja, das ist ein Prachtbengel!"--

Mary saß totenblaß da. Sie war nie bisher gedemütigt worden; nie bisher hatte ein Mensch sie anders als eine Bevorzugte behandelt.

Aber den Kopf verlor sie nicht. "Ich führe jetzt Vaters Bücher," sagte sie kühl; "daraus habe ich ersehen, daß auch Ihr Geschäfte zusammen gemacht habt."--"Oh ja," sagte er, ohne stehen zu bleiben und ohne sie anzusehen: "Oh ja--mit ein paar Hunderttausend. Aber wenn Du die Bücher führst, weißt Du wohl auch, daß sie in diesen Zeiten fast nichts einbringen."--"Das ist nun wohl übertrieben", antwortete sie. "Ja, was willst Du mit den Papieren?" fragte er und blieb stehen. Aus einer plötzlichen Eingebung heraus rief er: "Hat Jörgen Dich beauftragt, sie zu verkaufen?"--"Jörgen hat mich zu nichts beauftragt", sagte sie und stand auf.

Wie sie blaß und groß und stattlich vor ihm stand und ihn mutig ansah, war er der Unterlegene. Er starrte sie nur an. Sie sagte: "Ich bedaure, daß ich nicht eher gewußt habe; was für ein Mensch Du bist." Alle Überlegenheit fiel von ihm ab,--er stand dumm und schwerfällig da. Er war nicht imstande zu antworten, ja nicht einmal sich zu rühren. Er ließ sie gehen. Und das wollte er gerade am wenigsten.

Durch das Fenster sah er ihr nach, sah sie nach dem Markt hinuntergehen. Wie schön und stolz sie war, wie ein Bild.

Als Jörgen bald darauf kam, um Mary abzuholen oder vielmehr mit ihr zusammen zu Tisch dazubleiben,--denn er war überzeugt, sie würden zum Essen eingeladen werden--bekam er nicht allein dieselbe Lektion, die sie bekommen hatte, sondern eine viel saftigere, weil Onkel Klaus jetzt außerordentlich unzufrieden mit sich selbst war. Dafür mußte Jörgen büßen. "Warum, zum Donnerwetter, bist Du nicht selbst gekommen? Du warst wohl zu feig dazu?--Und dann hast Du sie veranlassen wollen, Aktien zu verkaufen, die jetzt gar keinen Wert haben! Ein verflucht leichtsinniger Kerl bist Du doch immer gewesen."--Onkel Klaus hatte unrecht; aber Jörgen kannte ihn, er wußte, daß man ihm jetzt nicht widersprechen durfte. Er machte sich auf allen vieren davon und kam zu Mary, erbarmungswürdiger als damals, wo sie ihn oben auf dem Hügel getroffen hatte, wie er in das verlorene Paradies hinunterschaute. Sie selbst hatte geweint vor Ärger und Enttäuschung; aber sie hatte Sprungfedern in sich; jetzt kam der Umschlag. Ihr Sturz aus ihrer Siegesstimmung herab, die sie noch vor einer halben Stunde gehabt hatte, war so jäh, daß die ganze Geschichte, wenn man Jörgens jämmerlichen Zustand dazunahm, lächerlich wurde. Sie lachte so ausgelassen, so köstlich befreit, daß sogar Jörgen geheilt wurde. Nach Verlauf einer Viertelstunde gingen die beiden jungen Menschen über die Straße, um sich ein leckeres Mittagessen mit Champagner zu bestellen. Während das hergerichtet würde, wollten sie einen Spaziergang machen. Aber kaum standen sie draußen in der köstlich frischen Luft, da mußte Jörgen wieder hinauf und nach Krogskog telephonieren, sie würden heimkommen und dort zu Mittag essen. Es würde ungefähr zwei Stunden dauern auf der neuen Landstraße; das sollte ein herrlicher Spaziergang werden!

Sie schritten tüchtig aus; der klare Herbsttag mit seiner frischen Brise war kühl,--so rechtes Wetter zum Wandern.

Der Weg an der See entlang durchschnitt die Landzungen; sie freuten sich über den steten Wechsel von Strand und Bergeshöhe, von Bergeshöhe und Strand. Das Meer tiefblau, bis weit hinten voller Segel und Rauchsäulen. Heut war Sonntag, daher waren auch viele Lustjachten draußen; sie krochen durch die Meerengen und wagten sich auf die offene See hinaus.

Bei ihrem schnellen Tempo waren die beiden bald aus der eigentlichen Stadt heraus. Da lag ein hübsches kleines Haus in einem Garten. "Wem gehört das?" fragte Mary. Es sah so einladend aus. "Fräulein Röy, der Ärztin", antwortete Jörgen eifrig. "Ich habe über all dem Ärger und der Enttäuschung doch vergessen, Dir zu erzählen, daß ich Franz Röy in der Stadt getroffen habe!" Ohne es zu wissen, blieb Mary stehen. Ohne es zu wollen, wurde sie rot. "Franz Röy?" fragte sie und blickte starr vor sich hin. Dann ging sie weiter, noch bevor sie eine Antwort bekommen hatte. "Er soll hier die Hafenarbeiten leiten. Du weißt, Irgens ist tot."--"Der Ingenieur? Der ist tot?"--"Und jetzt heißt es, Hauptmann Röy wird das übernehmen."--"Ist das eine Arbeit für einen Mann wie ihn?"--"So fragt gewiß mancher.--Alle fragen, was er hier will?" lachte Jörgen. Mary sah ihn an und er Mary. Dann ging er näher an sie heran: "Aber jetzt kommt er zu spät." Er hatte als Antwort einen verständnisvollen Blick erwartet, in dem vielleicht ein bißchen Glück lag. Aber sie ging weiter, ohne ihn anzusehen, auch ohne etwas zu sagen.

Da trat eine lange Pause ein. Sie gingen schnell. Der Herbstwind wehte erfrischend. Da wandte sie sich zu ihm, um ihm eine Freude zu machen. "Weißt Du, Jörgen, daß Vater bei Onkel Klaus zweihunderttausend Kronen stehen hat?"--"Zweihundertfünfzigtausend", antwortete Jörgen. Sie war sehr erstaunt,--einmal darüber, daß Jörgen Bescheid wußte, dann über die fünfzigtausend Kronen. "Onkel Klaus sprach von zweihunderttausend." --"Ja, die Dein Vater in seine Unternehmungen und in das Schiff hineingesteckt hat. Aber kurz bevor Dein Vater krank wurde, hat er Onkel fünfzigtausend Kronen geschickt, die frei geworden waren."--"Woher weißt Du das?"--"Onkel hat es mir gesagt."--"Ich habe nichts darüber gefunden."--"Nein, Dein Vater hat sich mit dem Verbuchen wohl nicht beeilt; das war seine Art so. Außerdem--," hier stockte Jörgen, "kennst Du alle Geschäfte Deines Vaters?" Sie wollte darauf nicht eingehen; die Frage kam ihr nicht unerwartet. Aber wie konnte Jörgen--? Vielleicht durch Frau Dawes. Jedenfalls freute sie sich. Sie war stehen geblieben, sie wollte etwas sagen. Aber der Wind hob ihr die Röcke hoch, löste ihr eine Haarsträhne und riß ihr den Schal ab. "Herrgott, wie entzückend Du aussiehst!" rief er.--"Aber dann steht ja nichts im Wege, Jörgen?"--"Wir können heiraten, meinst Du?"--"Ja", und damit ging's weiter.--"Nein, Liebste, jetzt bringen die Aktien nahezu nichts ein."--"Ja, was tut das? Wir müssen drauflosgehen, Jörgen!" Sie strahlte vor Gesundheit und Mut. "Ohne Onkels Zustimmung?" fragte er verzagt.--Sie stand wieder still: "Würde er Dich enterben?"--Ohne direkt zu antworten, sagte er schwermütig: "Wenn Du wüßtest, Mary, was ich mit Onkel ausgestanden habe. Vom ersten Tag an, da er mich zu sich nahm. Wie er mich geplagt hat. Wie er mir aufgepaßt hat. Bis auf diesen Tag bin ich wie ein ungezogener Schuljunge von ihm behandelt worden. Seine schlechte Laune hat er stets an mir ausgelassen." Auf seinem Gesicht zeigte sich eine solche Mischung von Verbitterung und Unglück, daß Mary unwillkürlich rief: "Armer Jörgen,--jetzt fange ich an zu verstehen!" Sie gingen weiter. Sie dachte daran, daß seine Fähigkeit, sich zu beherrschen in einer harten Schule erworben sei; da hatte er auch gelernt, sich zu verstellen. Seine Zähigkeit mußte sie bewundern; was hatte er nicht alles durchgesetzt! Und allein seine Musik! Die war wohl sein Trost gewesen. Jetzt verstand sie seine ungewöhnliche Höflichkeit. Jetzt verstand sie seine Sentimentalität. Sie verstand, wodurch er so streng und pedantisch geworden war und so hart gegen seine Untergebenen.

Sie sah ein, daß auch sie vielleicht schuld gewesen, wenn es ihm schlecht gegangen war. Seine lange, schweigende Liebe zu ihr hatte ihm nur eine Last mehr aufgebürdet; denn sie hatte ihm kein aufmunterndes Wort gegönnt; im Gegenteil! Was Wunder, daß er schließlich wie verhext war? "Armer Jörgen", sagte sie noch einmal und faßte seine Hand. Das erste Liebeszeichen, das sie ihm je gewährt hatte. Sie mußte es gleich wieder zurücknehmen, weil sie die Röcke festhalten mußte, denn um die Landzunge pfiff ein scharfer Wind, und ein Segelboot schnitt gerade unter ihnen durch das Wasser. Vom Boote aus wurde heraufgewinkt, und sie winkten hinunter. Welch ein herrlicher Tag, wie schimmernd blau der Fjord mit den roten Wimpeln überall.

Als sie zur Bucht hinunterkamen, fragte sie: "Glaubst Du wirklich, er würde Dich enterben, wenn wir uns verheiraten?"--"Wir haben nichts, woraufhin wir heiraten können, Du Liebe!"--"Wir können doch diese Papiere verkaufen", sagte sie mutig. "Ja, wenn wir so vorgehen, um uns heiraten zu können, daß wir sie jetzt verkaufen, wo sie so niedrig stehen, ja, dann enterbt er mich sicher."--Aber sie wollte die Hoffnung nicht aufgeben: "Und unser Wald?"--"Der muß erst jahrelang stehen."--

Wie gut Jörgen Bescheid wußte! Wie genau er alles überlegt hatte!

Sie kamen auf die Strandstraße, die auf die letzte Landzunge bei Krogskog zuführte. Da stand ein alter wunderlicher Finnenhund. Mary war gut Freund mit ihm. Er kläffte ja immer ein bißchen, wenn jemand in seine Nähe kam; vielleicht konnte er nicht gut sehen; aber er wedelte gleich mit dem Schwanz, wenn er einen Bekannten witterte. Heute war er wie toll.