Märchen und Erzählungen für Anfänger. Zweiter Teil
Part 7
Ihr Plan war, als Pilger in das Schloß zu gehen. Sie wußten, daß man sie da übernachten lassen würde. Sie wollten nachts ein Licht ins Fenster stellen, zum Zeichen für ihre Verbündeten draußen, daß sie zur Gartenthür kommen sollten. Diese Thür wollten sie dann geräuschlos öffnen, die Verbündeten hereinlassen und dann wollten sie die Einwohner des Schlosses töten, die Räume plündern und endlich das Schloß anzünden.
Der Jüngling hörte das alles, und einmal, als der eine Pilger über einen Stein fiel, sah er, daß er eine stählerne Rüstung unter dem braunen Rocke trug. Er fürchtete sich sehr, und wußte nicht, was er thun sollte.
Bald kamen sie an einen kleinen Fluß. Das Wasser lief zwischen zwei hohen Felsen und darüber war ein Baumstamm als Brücke geworfen. Da sagte der älteste der Pilger:
„Vielleicht hat der Diener meine Rüstung doch gesehen. Er könnte uns verraten. Gehe du erst hinüber; ich werde ihn dann hinübergehen heißen und ihm folgen. Wenn wir auf die Mitte der Brücke kommen, werde ich ihn in das Wasser hinunterstoßen und dann kann er uns nicht verraten.“
Als der junge Diener das hörte, wurde er sehr blaß vor Angst, und er sagte zu den Pilgern:
„Ach, ich kann nicht über die Brücke gehen, mir schwindelt!“
„Nun, ich will dich hinübertragen,“ sagte der älteste Pilger.
„Nein, nein!“ rief der Diener. „Sie würden mich fallen lassen! Sehen Sie, gute Pilger, Sie brauchen meine Hülfe nicht mehr. Von hier aus geht der Weg gerade zum Schlosse, wo Sie übernachten sollen. Lassen Sie mich jetzt nach Hause gehen.“
Die falschen Pilger sprachen jetzt noch ein wenig auf Italienisch, und während der älteste sagte, daß es besser wäre, den Jüngling zu töten, sagte der jüngere, daß er ihn solle gehen lassen. Endlich rief der älteste:
„Nun, er kann gehen. Wir werden die Brücke in den Fluß werfen. Dann kann Niemand hinüber, und du weißt, daß es viele Stunden braucht, wenn man den anderen Weg herumgehen muß. Er versteht doch kein Wort Italienisch und wenn er auch Alles verstanden hätte, könnte er unseren Plan dem Ritter nicht früh genug sagen. Ehe ein Bote den anderen Weg herumkommen kann, werden der Ritter und seine Familie tot und das Schloß niedergebrannt sein.“
Endlich ließen die Pilger den Jüngling gehen, und sobald er nicht mehr von ihnen gesehen werden konnte, lief er so schnell als möglich nach Hause. Da erzählte er der Witwe Alles. Sie erschrak sehr und wollte den Ritter warnen, aber es war unmöglich, schnell genug dahin zu gelangen.
Der Diener sagte: „Gnädige Frau, man kann nicht mehr über den Fluß gehen bis man an die große Brücke, fünfzehn Meilen von hier, kommt. Man müßte Flügel haben, um schnell genug dahin zu kommen.“
Die kleine Emma, die Alles gehört hatte, rief jetzt: „Ach, Mutter, die Taube! die Taube! Schreibe schnell einen Brief. Wir werden ihn der Taube um den Hals binden, und sie fliegt sicher gleich zu Elsa!“
Die Mutter verstand. Ohne eine Minute zu verlieren, schrieb sie eine Warnung. Der kleine Brief wurde der Taube fest um den Hals gebunden und dann wurde sie frei gelassen.
Sie flog hoch auf, und nach einigen Minuten flog sie schnell gegen Falkenburg.
„Gott gebe, daß unsere Warnung glücklich ankommt!“ sagte die Witwe.
Sie brachte die Nacht auf dem Turm zu, wo sie betete und unermüdlich gegen Falkenburg hinschaute, wo sie fürchtete, das rote Licht eines Feuers zu sehen.
Unterdessen waren die Pilger in dem Schlosse von Falkenburg angekommen. Der Ritter hieß sie willkommen, und bat sie, sich im Pilgerzimmer ein wenig auszuruhen, und sagte, daß er ihren Erzählungen erst nach dem Abendessen gern zuhören würde.
Die Familie von Falkenburg saß allein im Wohnzimmer als sie ein kleines Geräusch hörten. Elsa ging an das Fenster und rief schnell: „Mutter, hier ist meine Taube! Sieh, sie ist entflohen! Emma hat ihr ein rotes Band um den Hals gebunden, und ach, da ist auch ein Stück Papier!“
Vater und Mutter traten jetzt näher. Der Ritter nahm das Papier, entfaltete es und las:
„Guter Ritter von Falkenburg.
„Die zwei Pilger, die Sie im Hause haben, sind Räuber. Sie waren gestern hier über Nacht und mein Diener hat sie über den Berg führen müssen, da sie sagten, daß sie den Weg zu Ihrem Schlosse sonst nicht finden würden.
„Unterwegs sprachen sie Italienisch, und Bernhardt, der in Italien geboren ist, hat Alles verstanden. Sie haben die Brücke zertrümmert. Diese Nacht sollen sie ein Licht in das Fenster des Pilgerzimmers stellen. Ihre Verbündeten werden dann kommen und von den Pilgern durch die Gartenthür herein gelassen werden. Während Sie schlafen, sollen Sie alle ermordet werden. Die Räuber wollen das Schloß plündern und darauf anzünden. Gott gebe, daß diese Warnung nicht zu spät kommt und Sie sich werden verteidigen können.
„Emma von Hohenburg.“
Der Ritter war sehr erstaunt, aber jetzt, da er gewarnt worden, war keine Gefahr mehr, und er machte schnell einen Plan, um die Räuber in Verhaft zu nehmen.
Der Ritter rief dann seine Diener, teilte ihnen alles mit und erklärte, was er thun wollte, um die Räuber zu verhaften. Dann ließ er die falschen Pilger hereinkommen.
Sie fingen gleich an zu sagen, daß die Frau von Hohenburg sehr gütig gewesen sei, und ihren Gruß schicke. Dann fingen sie an, den Ritter und dessen Gemahlin zu loben.
Der Ritter war so böse, diese falschen Worte zu hören, daß er bald ausrief:
„Schweigen Sie! Sie lügen! Ich weiß alles! Sie sind keine frommen Pilger, sondern Räuber. Sie sind hierher gekommen, um mich, meine Familie und alle meine Diener zu morden. Sie wollen durch ein Licht in dem Fenster Ihres Zimmers Ihre Verbündeten hierher bringen, sie durch die Gartenthür in das Schloß führen, und wenn Sie alle gemordet und genug geplündert haben, wollen sie das Schloß in Brand stecken (verbrennen).“
Die Pilger waren höchst erstaunt, aber ehe sie ein Wort sagen konnten, rief der Ritter seine Diener herbei und ließ die zwei bösen Männer in Verhaft nehmen.
Dann zündete er selbst ein Licht an, stellte es in das Fenster, und um die bestimmte Stunde hörte man ein leises Pochen am Gartenthor.
Der Ritter, der einen Pilgerrock über seine Rüstung gezogen, ließ die anderen Räuber in den Hof herein kommen, wo alle seine bewaffneten Diener versteckt waren, und in einigen Minuten waren sie alle festgebunden!
Die Familie von Falkenburg war von einem furchtbaren Tode verschont und sie sprachen oft davon, wie wunderbar sie durch Gottes Güte gerettet worden. Emma von Hohenburg ließ eine Taube in ihr Wappen malen, damit Ihre Nachkommen diese Geschichte nie vergessen sollten.
12. Anekdoten.
Von Friedrich Wilhelm IV, König von Preußen, werden viele sehr unterhaltende Anekdoten erzählt, unter welchen auch folgende:
Eines Tages, als der König auf der Reise war, hielt er in einem kleinen Dorfe an, um etwas am Wagen ausbessern zu lassen. Da er nicht sogleich weiter fahren konnte, trat er unterdessen in die Dorfschule ein.
Es waren viele Kinder dort, und der Lehrer ließ sie lesen, schreiben, rechnen und singen, damit der König sehen könne, wie sorgfältig er die Kinder unterrichtet hatte. Der König hörte befriedigt zu, und als das Lesen, Schreiben, Rechnen und Singen zu Ende war stand er auf und sagte:
„Herr Lehrer, ich möchte gerne einige Fragen an die Kinder stellen, erlauben Sie dies wohl?“
„Gewiß, Majestät, gewiß,“ erwiderte der alte Lehrer, und verbeugte sich tief vor dem König.
„Nun, Kinder, sagte der König, jetzt habt ihr die Fragen eueres Lehrers sehr richtig beantwortet. Jetzt wollen wir einmal sehen ob ihr meine Fragen eben so gut beantworten könnt.“
Er nahm einen Apfel, der auf dem Pulte des Lehrers lag und fragte:
„Nun, Kinder, paßt auf. In welches Reich gehört dieser Apfel?“
Die Kinder zögerten, denn sie fürchteten sich ein wenig vor dem großen König. Dieser wartete geduldig, und da er ein kleines Mädchen sah, das sehr kluge, blaue Augen hatte, sagte er zu ihr:
„Kannst du mir nicht sagen, kleines Mädchen, in welches Reich dieser Apfel gehört?“
Das kleine Mädchen antwortete sogleich: „Er gehört ins Pflanzenreich, Herr König.“
„Das ist gut, mein Kind, das ist die richtige Antwort,“ rief der König erfreut. „Der Apfel, so wohl wie alle Früchte und Gemüse, gehört zur Pflanzenwelt.“
Jetzt sagte er, ein Goldstück aus der Tasche nehmend: „Könnt ihr mir sagen, Kinder, in welches Reich dieses Goldstück gehört?“
Die Kinder blieben wieder stumm. Nur das kleine, blauäugige Mädchen sagte endlich schüchtern:
„Das Goldstück gehört in das Mineralreich, Herr König.“
„Du hast wieder richtig geantwortet, mein Kind,“ rief der König freudig aus. „Wer kann aber jetzt meine dritte und letzte Frage beantworten? Welchem Reiche gehöre ich an?“
Die Kinder schwiegen wieder alle. Der König wartete eine Zeitlang sehr geduldig, dann wiederholte er seine Frage, aber vergebens. Endlich fielen seine Augen wieder auf das kleine Mädchen und er sagte gütig:
„Nun, mein Kind, du hast bisher meine Fragen so richtig beantwortet, kannst du diese nicht auch beantworten? Weißt du es nicht?“
„Ja, Herr König, ich ~weiß~ es schon,“ erwiderte das Mädchen, wurde aber rosenrot und verstummte wieder.
„Nun dann, sprich,“ fuhr der König gütig fort.
Das Mädchen zauderte noch einen Augenblick, denn sie durfte dem König doch nicht sagen, daß er dem Tierreich angehöre. Das wäre gar zu unhöflich, dachte sie bei sich selbst. Endlich aber blickte sie freudig auf und sagte mit heller Stimme:
„Sie gehören dem Himmelreich an, Herr König.“
Diese Antwort gefiel dem König so gut, daß er mit Thränen in den Augen freundlich erwiderte:
„Gott gebe, mein Kind, daß ich einmal dahin komme!“
* * * * *
Friedrich der Große konnte nicht gut schlafen; deßhalb befahl er, daß seine Pagen, der Reihe nach, die Nacht in einem Nebenzimmer durchwachen sollten, damit immer Jemand bereit sei, ihm vorzulesen, wenn er es wünschte.
Eines Nachts klingelte er um zwei Uhr Morgens. Niemand kam. Er klingelte wieder, aber umsonst. Er rief laut, aber es kam immer Niemand auf seinen Ruf.
Der König war jetzt recht böse; er sprang aus dem Bette, zog schnell Schlafrock und Pantoffeln an, und ging in das Nebenzimmer, um zu sehen, ob Niemand da sei, wie er befohlen.
Als er hereintrat, sah er einen seiner Pagen an dem Tische sitzen. Er hatte ein Blatt Papier vor sich, die Feder in der Hand, und obgleich der Brief, den er schrieb, noch nicht beendigt war, schlief er fest, seinen Kopf an den Lehnstuhl geschmiegt.
„Ach, so wacht mein Page!“ dachte der König. „Er schläft gut. Wenn ich nur ebenso gut schlafen könnte!“
Der König sah den Jüngling eine Zeitlang an, dann fuhr er zu sich selbst fort: „Nun, der Jüngling sieht recht müde aus. Was kann er wohl geschrieben haben, das ihn so ermüden konnte?“
Friedrich nahm das Papier und las folgendes:
„Teure Mutter.
„Es freut mich, daß ich dir endlich ein wenig Geld schicken kann, -- Geld, das ich ehrlich verdient habe. Du weißt, mein Gehalt ist nicht groß, darum habe ich dir bisher so wenig Geld schicken können.
„Aber jetzt hat der König befohlen, daß ein Page immer nachts im Zimmer neben seinem Schlafgemach wachen soll. Meine Kameraden wachen nicht gern, und sie haben mir jedesmal einen Thaler gegeben, damit ich an ihrer Stelle wache. Schon drei Nächte hintereinander habe ich nun gewacht, und habe so das Geld verdient, das ich dir hiermit sende. Ich bin aber so schläfrig, daß ich die Augen fast nicht mehr offen halten kann. Morgen kann ich nicht wieder wachen, sonst würde ich sicher einschlafen, und dann wäre der König nicht gut bedient.“
Der Brief war nicht vollendet; hier hatte der Schlaf den Jüngling übermannt. Der König legte das Blatt wieder hin, ging in sein Schlafgemach, holte eine Börse voll Gold, steckte sie dem Jüngling in die Tasche und legte sich wieder ins Bett. Später, als er ein kleines Geräusch in dem Nebenzimmer hörte, klingelte er wieder.
Der Jüngling trat sogleich herein. Zufällig fiel seine Hand auf seine Tasche, worin er einen harten Gegenstand fühlte. Schnell zog er ihn heraus, und als er eine Börse voll Gold sah, brach er in Thränen aus.
„Was fehlt dir denn?“ fragte der König erstaunt.
„Ach, Majestät,“ rief der Jüngling, „ich bin in dem Nebenzimmer eingeschlafen, weil ich so müde war. Während ich schlief, muß Jemand in das Zimmer gekommen sein und mir diese Börse voll Gold in die Tasche gesteckt haben. Eine solche Summe habe ich nie gehabt. Es ist wahrscheinlich gestohlenes Gut und nun werde ich vielleicht des Diebstahls beschuldigt werden.“
„Nein, nein!“ rief der König jetzt. „Niemand wird dich des Diebstahles beschuldigen. Das Geld habe ich dir selbst in die Tasche gesteckt. Du bist ein guter, ehrlicher Junge, denn ich weiß, warum du eingeschlafen warest. Von nun an sollst du ein größeres Gehalt haben, damit du deiner Mutter helfen kannst, ohne deine Nachtruhe zu entbehren.“
* * * * *
Der König Friedrich hatte ein Lustschloß, wo er sich gern aufhielt und wo er mit seinem Freunde, dem Schriftsteller Voltaire, viele schöne Stunden verbrachte. Es fiel dem König einst ein, daß sein Schloß viel schöner sein würde, wenn der Park nur größer wäre.
Er ließ Pläne dafür entwerfen, und als man sie ihm brachte, gefielen sie ihm gar gut.
„Führen Sie diese Pläne sogleich aus,“ befahl er seinen Dienern. „Aber was ist das?“ fügte er hinzu, und deutete mit dem Finger auf eine Stelle auf dem Plane, der ihm vor Augen lag.
„Das ist das Land des Müllers von Sans-Souci, welches er durchaus nicht verkaufen will.“
„Was! Mir nicht verkaufen will?“ rief der König. „Unverschämter Kerl! Führt ihn sogleich hierher, er wird es mir abtreten müssen!“
Der Müller kam und der König redete ihn an:
„Nun, Müller, wollt Ihr mir Euere Mühle um einen guten Preis abtreten?“
„Nein, das will ich nicht!“ rief der Müller. „Die Mühle gehörte meinem Vater und Großvater. Ich bin darin geboren, und gedenke darin zu sterben und sie meinen Kindern zu hinterlassen.“
Der König zeigte dem Müller seine Pläne, erklärte ihm, warum er das Gut kaufen wolle, und bot ihm einen sehr hohen Preis dafür.
Der Müller wollte aber die Mühle um keinen Preis verkaufen und wiederholte sein Nein, bis der König ärgerlich (böse) wurde und heftig ausrief:
„Wißt Ihr wohl, hartnäckiger Müller, daß ich Euch die Mühle nehmen kann, ohne zu fragen und ohne sie zu bezahlen!“
Der Müller schmunzelte nur und erwiderte zuversichtlich:
„Ja, Herr König, aber es giebt auch Richter in Berlin, die Sie bald dafür bestrafen würden; man kann nicht unbestraft rauben!“
Als der König diese zuversichtliche Sprache hörte, war er zuerst erstaunt; bald aber lachte er herzlich und sprach:
„Ich bin sehr froh, daß meine Unterthanen so fest an die Gerechtigkeit meiner Richter glauben, deßhalb soll der Müller seine Mühle behalten.“
Der Plan des Parkes wurde verändert, aber zum Andenken an dieses Ereignis hieß der König sein Landschloß, so wie die Mühle, „Sans-Souci.“
* * * * *
Friedrich der Große war fast immer im Kriege mit den anderen Nationen und brauchte deßhalb immer viele Soldaten. Eines seiner Regimenter bestand nur aus außerordentlich großen und schönen Männern. Eines Tages stellte sich ein sehr großer und stattlicher Franzose dem Hauptmanne vor, und sagte ihm, daß er gerne dem König von Preußen dienen würde.
Seiner Größe halber, nahm ihn der Hauptmann sogleich an, ließ ihm eine Uniform machen, und sagte ihm, daß er so schnell als möglich Deutsch lernen solle.
„Einstweilen,“ fügte er bei, „müßt Ihr wenigstens die Antwort auf drei Fragen lernen. Der König hat gar scharfe Augen. Er wird sogleich bemerken, daß Ihr neu im Dienste seid, und er wird Euch die drei Fragen stellen, die er jedem neuen Soldaten zu stellen pflegt. Sie lauten so: Erstens, Wie alt seid Ihr? Zweitens, Wie lange seid Ihr in meinem Dienste. Drittens, Erhaltet Ihr pünktlich Uniform und Lohn?
„Da er immer dieselben Fragen zu stellen pflegt, und immer nach derselben Reihenfolge, sollt Ihr die drei Antworten dazu genau lernen, damit Ihr frischweg antworten könnt.“
Einige Zeit darauf kam der König, um das Regiment zu mustern. Als er zu dem Franzosen kam, hielt er plötzlich still, sah ihn wohl vergnügt an, und sagte rasch:
„Wie lange seid Ihr in meinem Dienste?“
Der Franzos, der die Frage gar nicht verstand, gab pünktlich die erste eingelernte Antwort.
„Ein und zwanzig Jahre, Majestät.“
„Was! Wie alt seid Ihr denn?“ rief der König höchst erstaunt.
„Ein Jahr, Majestät!“
Diese Antwort überraschte den König noch mehr.
„Entweder seid Ihr verrückt oder ich bin es!“ rief der König ärgerlich.
„Beide, Majestät!“ antwortete der Soldat, der die eingelernte Antwort auf die dritte Frage ohne Zaudern gab.
Als der Hauptmann jetzt die Sachlage erklärte, lachte der König herzlich und befahl dem Soldaten so schnell wie möglich Deutsch zu lernen.
* * * * *
Eines Tages kehrte der König von Preußen in einem kleinen Dorfe ein, und besuchte den Priester.
„Nun, guter Priester, sind Sie mit Ihren Leuten zufrieden?“ fragte der König freundlich.
„Ja, Majestät. Es sind meistens recht brave Leute. Es thut mir nur leid, daß die Männer das Wirtshaus der Kirche vorziehen. Sonntags gehen sie immer ins Wirtshaus, da rauchen sie und trinken Bier, während ihre Weiber dem Gottesdienst beiwohnen.“
„Nun!“ sagte der König, „wir wollen sehen, ob wir diesem Unfug ein Ende machen können.“
Am folgenden Sonntag, als die Kirchenglocken läuteten, und die Frauen in die Kirche gingen, kehrten die Männer wie gewohnt in das Wirtshaus ein. Ein Unbekannter kam auch herein.
Die Bauern saßen wie gewöhnlich um einen großen Tisch herum. Sie rauchten unermüdlich und sprachen wenig. Der Fremde saß auch an dem Tisch, zündete seine Pfeife an, und rauchte auch. Bald kam der Wirt. Er trug einen großen Krug voll Bier, stellte ihn auf den Tisch vor den ältesten Bauer, der an dem einen Ende des Tisches saß und ging wieder fort.
Der alte Bauer legte die Pfeife nieder, nahm den Krug in beide Hände, hob ihn auf und trank. Als er genug getrunken hatte, reichte er den Krug seinem Nachbarn und jetzt hörte ihn der Fremde sagen „Gieb’s weiter!“ (Gieb das deinem Nachbarn).
Der Mann, der den Krug jetzt empfing, trank auch so viel ihm beliebte, reichte den Krug seinem Tischnachbarn und sagte auch:
„Gieb’s weiter!“
So ging der Krug von Hand zu Hand. Jeder trank und wiederholte dieselben Worte, „Gieb’s weiter!“ Sonst sprachen die Bauern kein Wort. Als der Krug zweimal die Runde des Tisches gemacht, stand der Fremde plötzlich auf, hob die Hand, und gab seinem Nachbarn eine tüchtige Ohrfeige.
„Gieb’s weiter!“ rief er mit donnernder Stimme. „Diese Ohrfeige soll die Runde gehen, wie der Krug eben die Runde gegangen ist.“
Der Fremde schlug jetzt den Mantel zurück und die Bauern sahen die Uniform, die er darunter trug, und erkannten sogleich den König.
„Gieb’s tüchtig weiter!“ donnerte er wieder, seinem erstaunten Nachbarn eine zweite und noch tüchtigere Ohrfeige gebend. „Gieb’s weiter, sage ich und schlag tüchtig, sonst ...“
Er brauchte den Befehl nicht mehr zu wiederholen. Der Mann schlug tüchtig! Die Ohrfeigen gingen jetzt um den Tisch herum, so schnell wie möglich. Nachdem die Ohrfeigen mehrmals die Runde gemacht hatten, rief der König:
„Halt! das ist jetzt der Ohrfeigen genug für heute. Aber wenn ihr Männer Sonntag morgens hier in dem Wirtshause sitzt, anstatt in die Kirche zu gehen, sollt Ihr etwas noch schlimmers kriegen als Ohrfeigen.“
Der König ging hinaus. Die Bauern folgten ihm sogleich und gingen jetzt jeden Sonntag pünktlich in die Kirche und der Priester hatte nie mehr Ursache zum Klagen.
13. Rübezahl.
Vor vielen tausend Jahren hauste ein mächtiger Geist in dem Riesengebirge. Die Gnomen und Kobolde waren seine Unterthanen und diese kleinen Leute waren immer sehr beschäftigt, Gold, Silber und Edelsteine zu suchen und in den schönen unterirdischen Palast des Berggeistes zu tragen.
Eines Tages, nachdem er fünf hundert Jahre in dem Berge geblieben war, ohne ein einziges Mal die Oberfläche der Erde besucht zu haben, fiel ihm ein zu sehen, was auf der Erde vorging.
Der Berggeist bestieg die höchste Kuppe des Gebirges und schaute hinab auf das schöne Land. Während seiner langen Abwesenheit hatte sich die Welt sehr verändert.
Die Wälder waren nicht mehr so dicht, Straßen liefen nach allen Richtungen, nach den Dörfern, die im Thale standen, und nach den prächtigen Schlössern, die man ringsum auf den Höhen erblickte. Statt einer Wüste, wo Wolf und Bär hausten, sah man jetzt wogende Kornfelder und blühende Gärten.
„Die Erde sieht nicht mehr aus wie ehemals!“ rief der Berggeist erstaunt. „Seitdem ich zuletzt hier oben war, hat sich alles sehr verändert! Ich muß doch einmal in das Thal gehen, um das Thun und Treiben der Menschen näher zu betrachten.“
So sprechend, verwandelte sich der Berggeist in die Gestalt eines Jünglings, und ging den Berg hinunter. Er beschaute Dörfer und Felder, und kam endlich in einen prächtigen Garten, wo er das Lachen fröhlicher Mädchen vernahm.
Der Berggeist versteckte sich hinter einen Busch, und bald sah er mehrere muntere Jungfrauen, die auf dem schönen grünen Rasen spielten. Eine dieser Jungfrauen war besonders reizend, und der Geist betrachtete sie mit besonderer Freude.
Endlich seufzte er und flüsterte:
„Ach, wie schön wäre es doch, wenn ich ein so schönes Geschöpf in meinem unterirdischen Schlosse immer unter den Augen haben könnte. Nun, warum sollte ich sie nicht entführen?“ fuhr der Geist leise fort. „Das wäre mir sehr leicht!“
Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als er sich plötzlich in einen Sturmwind verwandelte, die wunderschöne Jungfrau ergriff und aus dem Kreise ihrer Gespielinnen forttrug.
Im Nu befand er sich wieder in seinem unterirdischen Palaste, wo er das Mädchen sanft auf ein Ruhebett legte.
Dort kniete er demütig zu ihren Füßen nieder und harrte geduldig, bis sie die schönen Augen langsam öffnete, denn sie war ohnmächtig geworden, als der Berggeist sie so plötzlich umfangen hatte.
Endlich erwachte die schöne Prinzessin Emma mit einem Seufzer aus ihrem Schlafe und blickte verwundert umher. Sie sah die glänzenden Wände des Palastes, die mit Diamanten, Perlen, Rubinen, Saphiren und Amethysten geschmückt waren, und zuletzt fiel ihr Blick auf den harrenden Jüngling zu ihren Füßen. Als die blauen Augen endlich auf ihm ruhten, rief der Geist:
„Schöne Jungfrau, fürchte dich nicht, du stehst unter meinem Schutze, und Niemand soll dir jemals ein Leid zufügen.“
„Wer bist du?“ fragte Emma erstaunt.
„Ich bin der Beherrscher des Riesengebirges und du befindest dich in meinem unterirdischen Palaste. Hier sollst du als Königin herrschen.“
Emma hörte diesen Worten schweigend zu, und als sie bemerkte, wie demütig der Berggeist vor ihr kniete, fürchtete sie sich gar nicht mehr, und beschloß, gute Miene zum bösen Spiel zu machen, bis sie Gelegenheit finden würde, sich aus der Gewalt des Geistes zu befreien.
Ihr Schweigen beunruhigte den Berggeist, doch schlug er ihr vor, die Schätze seines Reiches zu beschauen. Das gefiel der Jungfrau, und sie begleitete den Geist durch alle Zimmer und Säle des Schlosses, und bewunderte die aufgehäuften Edelsteine und die glänzenden Metalle, welche die Kobolde und Gnomen eifrig zu schmelzen beschäftigt waren.
Eine Zeitlang fand Emma Vergnügen daran, die Herrlichkeiten dieses unterirdischen Reiches zu bewundern, aber endlich wurde ihr die Zeit lang.
Als der Berggeist einmal in ihr Gemach trat, fand er sie in Thränen. Er blieb einen Augenblick still stehen, dann fiel er auf die Kniee vor der weinenden Schönen, und rief verzweifelnd:
„Schöne Jungfrau, was fehlt dir? Hat dich Jemand beleidigt? Hast du einen Wunsch, so sollst du ihn erfüllt sehen, und koste es mir die Hälfte meines Reiches! Gebiete nur, ich stehe zu deinem Dienste bereit.“
„Dann führe mich wieder nach meines Vaters Schloß,“ erwiderte Emma, „und gieb mich meinen Eltern und Gespielinnen zurück. Ich langweile mich zu Tode hier in deinem unterirdischen Reiche, wo ich außer dir keine menschliche Gesellschaft habe.“