Märchen und Erzählungen für Anfänger. Zweiter Teil

Part 6

Chapter 63,955 wordsPublic domain

Die Erben waren sehr froh, als die Waise das kleine, hölzerne Kreuz wählte, und da sie alle fürchteten, daß das Mädchen ihre Wahl bereuen würde, holten sie ein Papier herbei und schrieben darauf:

„Als Andenken an meine Wohlthäterin habe ich das hölzerne Kreuz gewählt. Dieses ist mein, und ich werde nie Anspruch auf irgend etwas Anderes machen.“

Dieses Papier mußte Sophie unterzeichnen, und sie that es gern, denn sie war mit dem hölzernen Kreuz ganz zufrieden und verlangte nicht mehr.

Einige Zeit nachher heiratete sie den jungen Gärtner. Es ging ihnen ganz gut, bis er eines Tages von einem Baume herunterfiel. Er war durch diesen Fall schwer verletzt (verwundet), und als er nach einer langen Krankheit wieder aufstehen konnte, fehlte ihm ein Arm und er konnte nicht mehr in dem Garten arbeiten.

Die lange Krankheit hatte Sophiens Ersparnisse verzehrt, und nun sannen sie auf Mittel und Wege, um ihr Brot zu verdienen. Endlich sagte der Mann:

„Siehst du, mein treues Weib (Frau), ich werde nie mehr in dem Garten schaffen (arbeiten) können. Ein kleines Geschäft aber könnte ich noch besorgen. Es ist kein Kaufladen im Dorfe. Wenn wir das Geld, welches dir die selige Frau in ihrem Testament hinterließ dazu brauchen könnten, würde es leicht sein, ein kleines Haus im Dorfe zu mieten, Waaren zu kaufen, und dann könnte ich unser Brot als Kaufmann anstatt als Gärtner verdienen.“

Dieser Vorschlag schien der Frau sehr gut, und sie ging sogleich zu dem Verwalter der verstorbenen Frau, um ihr Geld in Empfang zu nehmen. Der Verwalter aber sagte ihr, daß die selige Frau in ihrem Testamente bestimmt habe, daß das Geld ihr nur übergeben werden sollte, wenn sie fünfundzwanzig Jahre alt geworden.

Als Sophie dieses hörte, war sie sehr traurig, und ging langsam nach Hause, wo sie ihrem Manne alles erzählte. Nach langem Nachdenken sagte er endlich:

„Nun, wir können unterdessen doch nicht verhungern. Vielleicht könnten wir die nötige Summe borgen und sie nächstes Jahr zurückbezahlen, wenn du dein Geld bekommst.“

Der Frau gefiel dieser Plan sehr gut und bald fanden sie einen reichen Nachbarn, der ihnen das Geld gern vorstrecken wollte, und sie versprachen ihm, das Kapital nebst Zinsen im folgenden Jahre zurückzuzahlen.

Jetzt ging alles wieder gut bis sie auf einmal hörten, daß der Sachwalter plötzlich auf und davon gegangen, und daß er alle ihm anvertrauten Gelder mitgenommen hätte. Er war so heimlich fortgegangen, daß man ihn nicht finden konnte, und bald wurde es überall bekannt, daß er ein elender Dieb gewesen und daß er das Geld vieler Leute gestohlen habe.

Bald erreichte die schlimme Nachricht den kleinen Laden, wo Sophie und ihr Mann sich so viele Mühe gegeben, um alles in bester Ordnung zu halten und ihr Brot ehrlicher Weise zu verdienen.

Als diese Nachricht auch dem Manne, der ihnen das Geld geliehen hatte, zu Ohren kam, kam er sogleich in den kleinen Laden und sagte Sophie, wenn sie ihm das Geld, das er ihnen geliehen, nicht sogleich zurückbezahlten, würde er Haus und Waaren in Besitz nehmen, um sich zu entschädigen.

Als er fortgegangen, sahen sich die Eheleute traurig an.

„Liebe Frau, was ist jetzt zu thun?“ rief der Mann in Verzweiflung. „Das geliehene Geld können wir nicht so schnell zurückbezahlen. Der Nachbar will nicht warten, und wir werden mit unseren drei kleinen Kindern aus diesem Hause ziehen müssen. Wir werden alle verhungern, denn ich kann nicht mehr arbeiten. Ich bin nicht stark genug, und mit einem Arme bin ich so gut wie hülflos. Der liebe Gott hat uns sicher vergessen.“

„Ach, lieber Mann, das kann nicht sein! Er vergißt seine Kinder eben so wenig, wie wir die unsrigen. Wir wollen zu Ihm beten. Vielleicht zeigt Er uns einen Ausweg, so daß wir unser Brot ehrlich verdienen können.“

Die Frau ging jetzt in ihr Zimmer, nahm das kleine hölzerne Kreuz, das Andenken an ihre Wohlthäterin, küßte es und dachte:

„Ach, wie leid würde es der guten Frau thun, wenn sie wüßte, wie unglücklich ich jetzt bin?“

Dann ließ sie das kleine Kreuz zu Boden fallen, fiel auf die Kniee und betete inbrünstig. Ihr Herz wurde bald leichter und als sie wieder aufstand, sah sie das Kreuz auf dem Boden liegen, und hob es sorgfältig auf.

Ein Stückchen Holz war im Fallen davon abgebrochen. Als sie es wieder an das Kreuz kleben wollte, sah sie zum erstenmal, daß das Kreuz hohl war, und geöffnet werden konnte.

Als sie es geöffnet, schrie sie in freudiger Überraschung auf, denn im Innern des hölzernen Kreuzes war ein wunderschönes Diamanten-Kreuz versteckt.

Sogleich trug sie dasselbe zu ihrem Manne, der auch sehr darüber erstaunt war. Als sie den Advokaten befragte, ob sie die Edelsteine behalten dürfte, sagte er:

„Gewiß, gute Frau, die Diamanten gehören Ihnen.“

Die Erben waren sehr böse, als sie hörten, daß Sophie Diamanten in ihrem hölzernen Kreuz gefunden, aber sie konnten keine Ansprüche darauf machen, denn sie hatten selbst das Papier geschrieben, worin es bestimmt hieß, daß das Kreuz Sophien gehöre.

Sophie verkaufte nun schnell die schönen Diamanten, und bekam Geld genug, um alle ihre Schulden zu bezahlen. Das Geschäft ging jedes Jahr besser und die Familie litt keinen Mangel mehr.

So lange sie lebte, erzählte Sophie ihren Kindern und Enkeln (Kindeskindern) die Geschichte von dem hölzernen Kreuz, und fügte immer bei:

„Wenn man nur seine Pflicht thut und dem lieben Gott vertraut, braucht man Nichts zu fürchten, denn Er wird Alles gut machen, obgleich manchmal Alles sehr finster aussieht.“

10. Der Lange, der Breite und der Scharfäugige.

Es war einmal ein alter König, der nur einen einzigen Sohn hatte, den er sehr gern hätte heiraten sehen. Aber der junge Mann konnte keine Braut finden, und der Vater gab ihm endlich einen goldenen Schlüssel und sagte:

„Mein Sohn, gehe in das obere Stockwerk des Turmes, sieh dich dort um, und sage mir, welche Prinzessin dir dort am besten gefällt.“

Der Prinz ging in das obere Stockwerk des Turmes, öffnete eine kleine, eiserne Thür mit dem goldenen Schlüssel, und kam in ein Zimmer mit zwölf Fenstern. Auf jedes Fenster war das Bild einer wunderschönen Prinzessin gemalt.

Der Jüngling sah sich erstaunt um, denn die schönen Prinzessinnen erröteten, lächelten, streckten die Hände aus, kurz, schienen lebendig; nur konnten sie nicht sprechen. Sie waren alle so blendend schön, daß der Prinz keine besondere auswählen konnte, und zögernd da stand, bis er sah, daß das eine Fenster mit einem weißen Vorhang bedeckt war.

Er trat schnell zu diesem Fenster, zog den Vorhang zurück, und sah eine sehr schöne Prinzessin, die aber so blaß und elend aussah, als ob sie eben aus dem Grabe gestiegen wäre. Der Prinz sah sie eine Zeitlang schweigend an, erbarmte sich ihrer, und rief laut „Diese, und keine Andere, will ich zur Gemahlin, und sollte es mir mein Leben kosten!“

Die wunderschöne, blasse Prinzessin wurde rosenrot bei diesen Worten, und sogleich verschwanden alle Bilder. Der Prinz ging schnell die Treppen hinunter und erzählte seinem Vater, wie er den Vorhang von dem Bilde gezogen und wie er die schöne, blasse, leidende Prinzessin am liebsten haben möchte. Der König aber rief traurig:

„Ach, mein Sohn, warum hast du gerade diese blasse, leidende Prinzessin gewählt? Du wirst jetzt große Gefahr laufen, denn die Prinzessin wird von einem Zauberer gefangen gehalten, und Alle, die versuchten, sie zu befreien, sind nie zurückgekommen. Aber da du dein Wort gegeben, mußt du jetzt gehen, und ich hoffe, daß du bald wohlbehalten mit deiner Prinzessin, heimkommen wirst!“

Der Jüngling verabschiedete sich von seinem Vater, und ritt munter fort, um seine schöne Braut zu holen. Er kam bald in einen dichten Wald, wo er einem großen Manne begegnete, der ihm laut zurief:

„Halt, Prinz! nehmen Sie mich in Ihren Dienst. Ich möchte mit Ihnen gehen. Sie werden nie bereuen, daß Sie mich mitnahmen!“

„Wer sind Sie?“ fragte der Prinz kurz, „und was können Sie thun?“

„Ich heiße der Lange, und ich kann mich nach Belieben verlängern. Sehen Sie das Nest, da, auf dem Baume? Ich will es Ihnen holen!“

Der Lange streckte sich höher und höher bis sein Kopf die Bäume überragte, nahm das Nest, wurde plötzlich kleiner und kleiner, und reichte es dem Prinzen.

„Das ist sehr schön!“ sagte der Prinz, „aber Vogelnester nützen mir nicht viel. Ich möchte meinen Weg aus diesem Walde finden!“

„Nun, das ist sehr leicht,“ rief der Lange.

Er streckte sich wieder in die Höhe bis er dreimal so hoch als der höchste Baum war, und sah sich neugierig um. In einigen Minuten wurde er wieder klein, nahm den Zügel von des Prinzen Pferd, und führte ihn bald aus dem dichten Walde hinaus. Da war eine weite Ebene, und jenseits derselben konnte man große, graue Felsen sehen.

„Ach!“ sagte der Lange plötzlich, „Da ist mein Kamerad! Sie sollten ihn auch in Ihren Dienst nehmen!“

Der Prinz sah einen kleinen, dicken Mann. Er fragte ihn neugierig, wer er sei, und was er wohl thun könne.

„Ich bin der Breite. Ich kann mich sehr breit ausdehnen! Machen Sie Platz und ich will Ihnen zeigen, wie weit ich mich ausdehnen kann.“

Der Lange nahm das Pferd beim Zügel und führte es schnell wieder in den Wald. Als der Prinz sich umwandte, sah er, daß der Breite sich so ausgedehnt, daß er die ganze Ebene füllte.

„Nun, das ist, wenigstens, etwas sehr Außerordentliches!“ rief der Prinz erstaunt. „Breiter, du kannst mitkommen. Ich nehme dich in meinen Dienst auf!“

Die drei Reisenden gingen weiter, und kamen bald zu einem Manne, der die Augen verbunden hatte.

„Fürst!“ rief der Breite, „hier ist unser dritter Kamerad. Sie sollten ihn auch in Ihren Dienst nehmen!“

„Ach!“ sagte der Fürst mitleidig, „der arme Mann ist ja blind.“

„Nein,“ rief der Mann mit den verbundenen Augen. „Ich bin nicht blind, sondern ich habe so scharfe Augen, daß ich der Scharfäugige heiße. Meine Augen sind so scharf, mein Prinz, daß ich durch die härtesten Steine sehen kann, denn sie spalten sich alle sobald als ich meinen Verband abgenommen und sie fest anschaue!“

„Nun,“ erwiderte der Prinz, „ich möchte gern wissen, was hinter jener Felswand steht, können Sie mir das sagen?“

„Das kann ich!“ rief der Scharfäugige.

Er streifte den Verband ab und sah die Felsen fest an.

Sogleich spalteten sie sich, und der Prinz wurde ein eisernes Schloß gewahr, wo der Zauberer die schöne Prinzessin, die er liebte, gefangen hielt.

Da der Lange, der Breite und der Scharfäugige mit ihm waren, und jedes Hindernis sogleich aus dem Wege schafften, kamen sie bald zu dem eisernen Schlosse, dessen Thüren sich weit öffneten, um ihnen den Eintritt zu erleichtern, aber die sich schlossen sobald sie hinein gegangen waren.

Der Prinz und seine drei Gefährten sahen sich erstaunt um. Niemand war da, um sie zu begrüßen, und nachdem der Prinz sein Pferd in den Stall gebracht, traten sie in das Schloß.

Im Hofe, im Stall und auch im großen Saale sahen sie viele Herren und Diener, aber alle waren versteinert. Endlich kamen sie in den Speisesaal, wo die Diener alle versteinert waren, aber wo eine reichlich gedeckte Tafel ihrer wartete. Sie aßen und tranken, und als sie sich nach einem Platz zum Schlafen umsahen, öffneten sich die Thüren weit und der Zauberer führte eine schöne, blasse Prinzessin herein.

Der Zauberer hatte einen schwarzen Rock, einen langen, weißen Bart, weiße Haare, und statt eines Gürtels, hatte er drei eiserne Ringe um den Leib. Die Prinzessin trug ein weißes Kleid, eine Perlenkrone, einen silbernen Gürtel, und sah blaß und traurig aus.

Der Prinz erkannte die Prinzessin, und wollte ihre schöne weiße Hand küssen, aber der Zauberer rief:

„Halt, mein Prinz! Ich weiß ganz gut, daß Sie diese Prinzessin freien wollen. Nun, Sie sollen sie haben, wenn Sie sie drei ganze Nächte hindurch nicht einmal aus den Augen lassen. Wenn sie verschwindet, sollen Sie, wie alle Ihre Vorgänger, auch versteinert werden.“

Der Zauberer führte die schöne Prinzessin zu einem Stuhle, in mitten des Zimmers, und ließ sie da. Der Prinz saß an ihrer Seite und sprach zu ihr, sie aber erwiderte kein Wort.

Er dachte, daß er wach bleiben und die schöne Prinzessin nicht aus den Augen lassen würde, aber er schlief dennoch ein.

Der Lange, der sich dreimal um den Stuhl der Prinzessin gewickelt hatte, schlief auch ein; so wie auch der Breite und der Scharfäugige.

Als der Morgen heranbrach, wachten sie alle auf, und sahen, daß die Prinzessin verschwunden war. Der Prinz jammerte laut, aber der Scharfäugige nahm seinen Verband ab, ging ans Fenster und rief:

„Jammern Sie nicht, mein Prinz. Ich sehe die Prinzessin. Hundert Meilen von hier ist ein Wald. In diesem Walde ist eine Eiche; an der Eiche ist eine Eichel und darin ist die Prinzessin! Wir wollen sie holen.“

Der Lange nahm den Scharfäugigen auf seine Schultern und machte sich so lang, daß er bei jedem Schritt zehn Meilen zurücklegen konnte. In einigen Minuten brachten sie die Eichel dem Prinzen.

„Werfen Sie sie auf den Boden, mein Prinz!“ rief der Lange, und sobald der Prinz dieses gethan, stand die schöne Prinzessin vor ihm. In demselben Augenblick öffneten sich die Thüren weit und der Zauberer trat herein. Als er die Prinzessin gewahr wurde, war er so böse, daß einer der eisernen Ringe um seinen Leib zersprang. Er führte die Prinzessin aus dem Saale, und der Prinz und seine drei Diener waren den ganzen Tag allein. Sie hatten genug zu essen und zu trinken, aber sie konnten weder Zauberer noch Prinzessin finden, und sahen nichts als versteinerte Männer.

Am Abend aber führte der Zauberer die Prinzessin wieder in den Saal, und der Prinz und seine Gefährten wachten wieder.

Aber da sie sehr müde waren, schliefen sie endlich alle ein, und als der Prinz aufwachte, war die Prinzessin wieder verschwunden. Er weckte seine Diener auf. Der Scharfäugige nahm seinen Verband ab und rief laut:

„Zwei hundert Meilen von hier ist ein Berg. Auf dem Berge ist ein Felsen. In dem Felsen ist ein Edelstein, und das ist die Prinzessin! Wir wollen sie holen.“

Der Lange nahm den Scharfäugigen auf seinen Rücken und trug ihn schnell zu dem Berg. Der Scharfäugige zerspaltete den Felsen mit seinen scharfen Augen, und brachte dem Prinzen den Edelstein. Der warf ihn auf den Boden und die schöne Prinzessin stand mitten im Saale als die Thüren sich öffneten und der Zauberer hereintrat.

Als er die schöne Prinzessin da stehen sah, war er so böse, daß ein zweiter eiserner Ring zersprang! Er führte die Prinzessin wieder hinaus und ließ den Prinzen und seine Diener wieder den ganzen Tag allein. Am Abend führte er die schöne Prinzessin zum dritten Mal herein und sagte:

„Wenn ich die Prinzessin morgen nicht hier finde, so werden Sie alle versteinert werden!“ und ließ sie allein.

Obwohl alle sich vornahmen, nicht zu schlafen, schliefen alle doch ein, und als der Prinz aufwachte, war die schöne Prinzessin wieder verschwunden. Der Scharfäugige streifte seinen Verband ab und rief laut.

„Drei hundert Meilen von hier ist das schwarze Meer. Auf dem Grund dieses Meeres ist eine Schale. In der Schale ist ein goldener Ring. Das ist die Prinzessin. Wir müssen alle drei dahin gehen, um sie zu holen!“

Der Lange trug den Breiten und den Scharfäugigen schnell dahin, streckte seinen Arm so weit als möglich aus, aber konnte dennoch den Boden des Meeres nicht erreichen. Dann dehnte sich der Breite so viel als möglich aus, und trank so viel Wasser, daß der Lange die Schale endlich erreichen konnte. Er nahm den Ring und ging schnell zurück, denn es war bald Zeit zum Sonnenaufgang. Er ließ den Breiten fallen und das Wasser, das er getrunken, bildete einen See in einem Thal.

Der Lange ging aber schnell weiter und kam in das Schloß, als die Thüren sich öffneten. In demselben Augenblick warf er den goldenen Ring auf den Boden, und als der Zauberer herein trat, sah er die schöne Prinzessin.

Er war so böse, sie wieder da zu finden, daß der dritte eiserne Ring zerbarst. Dann wurde er in einen Raben verwandelt und flog pfeilschnell davon. Alle die versteinerten Leute wurden jetzt lebendig. Die Prinzessin wurde rosenrot, und konnte wieder sprechen. Der glückliche Prinz führte sie seinem Vater zu, heiratete sie, und seine drei Diener, der Lange, der Breite und der Scharfäugige, tanzten lustig bei dem Hochzeitsfest. Sie wollten aber dem Prinzen nicht mehr dienen und gingen in die Welt hinaus, wo man sie noch finden kann. So lautet das Märchen!

11. Die Taube.

Auf einem ziemlich hohen Berge in Deutschland stand ein altes Schloß. In dem Schlosse wohnte der Ritter von Falkenburg mit seiner schönen Frau und ihrer kleinen Tochter Elsa. Der Ritter war ein sehr guter und tapferer Mann, immer bereit, den Armen und Schwachen zu helfen.

Seine Frau, Ottilie, besuchte die Kranken und Armen und gab viele Almosen. Die Unglücklichen kamen immer zu ihr, um ihr ihr Leid zu klagen und konnten die Güte der schönen Frau nicht genug loben. Die kleine Tochter Elsa war ungefähr zehn Jahre alt und blieb immer bei ihrer Mutter.

Das Schloß war sehr einsam, denn außer dem Dorfe am Fuße des Berges waren keine Häuser in der Nähe. Zu jener Zeit, im vierzehnten Jahrhundert, hatten die Kinder nicht so schöne Bücher und Spielsachen wie jetzt.

Die kleine Elsa konnte zwar lesen und schreiben, auch nähen und stricken, aber ihre größte Freude war, in ihrem kleinen Garten viele bunte Blumen zu ziehen.

Eines Tages als sie bei der Mutter unter einem dicht belaubten Baume im Garten saß, hörten sie plötzlich ein Krachen und im nächsten Augenblick fiel ihnen ein großer Raubvogel vor die Füße. Die kleine Elsa erschrak sehr, und ihr Geschrei verscheuchte den Vogel, der schnell fortflog.

„Schrei nicht so, meine Tochter,“ sagte die Mutter. „Der Vogel ist schon wieder fort. Es war ein Raubvogel. Er wollte uns nichts zu Leide thun, aber verfolgte wahrscheinlich einen anderen Vogel.“

Sie hörten jetzt ein kleines Geräusch hinter sich, und fanden, unter einem Busche, eine schöne, weiße, verwundete Taube.

Die kleine Elsa hob sie auf und sagte:

„Sieh, Mutter! die arme Taube zittert noch vor Furcht. Ich kann das Klopfen ihres kleinen Herzens fühlen. Sieh, wie weiß ihre Federn sind, und die Beine und Krallen sind rot wie Korallen. Was wollen wir damit thun, liebe Mutter?“

„Nun, wir wollen sie dem Koch geben, und du sollst sie zu Mittag essen,“ sagte die Mutter, das Kind scharf beobachtend.

„Ach, liebe Mutter, das wäre ja zu grausam!“ rief die kleine Elsa die Mutter ängstlich ansehend.

Als sie aber die Mutter lächeln sah, rief sie freudig: „Mutter, du hast mich wohl prüfen wollen, nicht wahr?“

„Ja, mein Kind,“ erwiderte die Mutter, „und es freut mich, daß du ein gutes, fühlendes Herz hast. Du darfst die Taube behalten. Stecke sie in einen Käfig, füttere sie gut, und gieb ihr frisches, klares Wasser und reinen Sand bis sie größer und stärker ist und herumfliegen kann, ohne den Raubvögeln zur Beute zu fallen.“

Die kleine Elsa hatte große Freude an ihrem Vogel. Bald wurde die Taube so zahm, daß die Thür des Käfigs immer offen stand, und bald flog sie ungehindert durchs Fenster ein und aus. Die Taube hatte das Kind so gern, daß sie es nie lange verließ, und wenn sie auch hoch oben auf dem Turme des Schlosses saß, flog sie herunter, sobald die kleine Elsa pfiff.

Die Mutter sagte oft: „Deine Taube gibt dir ein gutes Beispiel, sie ist so folgsam, daß ich hoffe, mein Töchterchen wird auch immer so schnell meinem Rufe folgen.“

Eines Tages kam die Witwe des Ritters von Hohenburg, mit ihrer Tochter Emma in das Schloß. Die Dame schien sehr traurig, und als sie den Ritter von Falkenburg sah, rief sie ihm zu:

„Edler Ritter, als mein geliebter Mann so jung an einer gefährlichen Wunde sterben mußte, hieß er mich zu Ihnen kommen, wenn ich je Hülfe brauchte. Er sagte mir: ‚Der Ritter von Falkenburg ist ebenso gut wie tapfer, und, da du weder Vater noch Bruder hast, mußt du ihn zu Hülfe rufen, wenn du deren bedarfst.‘ Meine zwei Nachbarn sind beide sehr schlecht; der eine nimmt mir meine schönen Wälder, und der andere nimmt mein Korn und mein Gras. Wenn ich klage, lachen sie beide, und da ich keine Verwandten habe, und ganz allein mit meiner Tochter und einigen treuen Bedienten wohne, denken die bösen Ritter, daß sie thun können, was ihnen beliebt. Helfen Sie mir, Herr Ritter, sonst wird mir und meinem Kinde bald nichts mehr bleiben.“

Der Ritter von Falkenburg antwortete nicht sogleich, und die kleine Elsa rief: „Ach, Vater, hilf doch der schönen Frau und dem kleinen Mädchen! Als ich meine kleine Taube annahm um sie vor dem bösen Raubvogel zu beschützen, sagte mir die Mutter, daß man einem Schwächeren immer helfen und ihn beschützen soll.“

„Deine Mutter hat Recht,“ erwiderte der Vater. „Ich werde der Dame helfen, so gut ich kann. Ich antwortete nur nicht sogleich, weil ich auf einen guten Plan sann, um die beiden Ritter zu bestrafen.“

Der Ritter und seine Frau luden die Witwe jetzt ein, einige Tage im Schloß Falkenburg zu verweilen (bleiben). Unterdessen ging der Ritter, um ihre Feinde aufzusuchen. Er sagte ihnen, daß er die gnädige Frau von Hohenburg unter seinen Schutz genommen habe, und daß er ihnen den Krieg erklären würde, wenn sie sich nicht als gute Nachbarn zeigten.

Die zwei Ritter wußten so wohl, daß der Ritter von Falkenburg immer Wort hielt, und fürchteten sich so sehr vor diesem tapferen Manne, daß sie jetzt beide ihr Ehrenwort gaben, die gnädige Frau von Hohenburg in Ruhe zu lassen.

Die Witwe war dem Ritter von Falkenburg sehr dankbar, als sie vernahm, daß ihre Feinde ihr Ehrenwort gegeben, sie nicht mehr zu berauben.

Die zwei kleinen Mädchen, die unterdessen sehr gute Freundinnen geworden waren, wären gerne zusammen geblieben, aber jetzt mußte die Witwe mit Emma nach Hause gehen.

„Mutter, ich möchte Emma etwas geben, um ihr meine Liebe zu bezeugen,“ sagte die kleine Elsa.

„Nun, mein Kind, gieb ihr, was du willst. Wenn du ihr etwas giebst, das du selbst schätzest (liebst), wirst du ihr deine Liebe am besten zeigen.“

Die kleine Elsa sann eine Weile nach und dann rief sie: „Emma soll meine Taube haben! Den Vogel habe ich am liebsten!“

Es war ihr schwer, sich von der Taube zu trennen, dennoch gab sie sie ihrer Freundin. Da sagte der Ritter:

„Fräulein Emma, Sie werden die Taube in einen Käfig stecken müssen bis sie Elsa vergessen hat, sonst fliegt sie sogleich wieder hierher zurück.“

Die Freunde trennten sich jetzt und Emma und ihre Mutter gingen nach Hause, wo die Taube in einen Käfig gesteckt wurde. Am folgenden Tage kamen zwei Pilger in das Schloß Hohenburg. Sie hatten lange, braune Röcke mit Kapuzen an, und erzählten viel vom Heiligen Lande, wohin sie, wie sie sagten, eine Pilgerfahrt gemacht.

Emma und ihre Mutter hatten viele Freude an ihren Erzählungen, und als sie am folgenden Morgen wieder weiter zogen, sagte die Dame:

„Da Sie nach Thüringen reisen, werden Sie gegen Abend im Schlosse Falkenburg ankommen. Da werden Sie übernachten; bitte, grüßen Sie den Ritter und seine Gemahlin von mir.“

„Ja,“ rief Emma, „bitte grüßen Sie auch das Fräulein Elsa, und sagen Sie ihr, daß die Taube sehr wohl ist.“

Die Pilger versprachen, der Familie von Falkenburg die Grüße zu bestellen, und da sie sagten, daß sie den Weg nach dem Schlosse nicht kannten, schickte die gute Frau von Hohenburg einen jungen Diener mit, um ihnen den Weg dahin zu weisen.

Dieser junge Diener war ein Italiener, sprach aber gut Deutsch. Der Ritter von Hohenburg hatte ihn erzogen, weil seine Eltern beide tot waren. Die Pilger dachten, der Diener verstehe nur Deutsch und während sie ihm folgten, fingen sie an, Italienisch zu sprechen.

Der Diener wollte ihnen eben sagen, daß er Italienisch verstehe, als er hörte, daß diese Männer keine Pilger, sondern Räuber waren. Sie gehörten zu einer Bande von Räubern, welche der Ritter von Falkenburg aus der Gegend getrieben hatte, und sie wollten sich jetzt rächen.