Märchen und Erzählungen für Anfänger. Zweiter Teil

Part 5

Chapter 53,952 wordsPublic domain

Eines Tages, als alle vier Kinder in dem Hofe spielten, kam ein kleiner Vogel, um aus dem großen Eimer, der über dem tiefen Brunnen mitten im Hofe hing, zu trinken. Adalbert, der kleine Sohn des Grafen, sah den Vogel, wollte ihn fangen und sprang schnell auf den Brunnen zu. Da er ganz unbewacht war, kletterte er hinauf, und lehnte sich weit hinüber. Der Vogel entwischte der kleinen, haschenden Hand und flog fort, der Knabe aber verlor das Gleichgewicht und fiel in den Brunnen!

Die arme Mutter an ihrem Fenster, die nachlässige Kinderfrau auf dem Turm, sowohl als Rosa, die soeben in den Hof gekommen, um nach den Kindern zu sehen, sahen das Kind fallen. Rosa sprang an den Brunnen, sah hinunter in die Tiefe und entdeckte, daß das Kind nicht in das Wasser gefallen, sondern von einem großen Nagel an seinen Kleidern fest gehalten wurde. Aber das Kleidchen riß schon, und sie sah, daß das Kind verloren wäre, wenn eine rettende Hand nicht sogleich Hülfe brächte. Blitzschnell dachte sie, daß es das Kind ihres Feindes sei, aber zugleich erinnerte sie sich an ihres Vaters Lehren und war entschlossen, ihr Leben zu wagen, um das Kind zu retten.

Sie gebot schnell der Kinderfrau, die Seile fest zu halten, sprang selbst in den Eimer, und obgleich sie nicht wußte, ob die Seile reißen würden, rief sie ängstlich:

„Laß mich schnell hinunter, sonst ist das Kind verloren!“

Die Kinderfrau und der Wächter, der auch herbei geeilt, thaten, wie sie ihnen befahl, und als der letzte Faden des kleinen Rockes eben zerreißen wollte, fing Rosa das erschrockene Kind in ihren Armen auf.

„Hinauf! Zieht uns hinauf!“ rief sie und die Beiden zogen den Eimer hinauf.

Die angstvolle Mutter am Fenster, die vor Schreck kein Glied rühren konnte, sah den Eimer herauf kommen, und Rosa mit ihrem Kinde darin. Aber alle Gefahr war noch nicht vorbei, denn die Öffnung des Brunnens war sehr weit. Als Rosa das erschrockene Kind dem Kindermädchen reichen wollte, schwankte der Eimer, und wenig fehlte, so wäre sie mit dem Kinde in den Brunnen gestürzt.

„Das geht nicht,“ sagte sie mit blassen Lippen. „Nehmt die Stange und schwingt den Eimer ein wenig. Wenn er nahe kommt, nehmt mir das Kind aus dem Arme. Ich muß mit dem anderen die Seile fest halten. Sonst sind wir beide verloren!“

Die Gräfin sah den schwingenden Eimer, sah, daß die Kinderfrau ihr Kind schnell faßte und auf die Erde stellte, sah Rosa einen Arm um einen der Dachpfeiler werfen und ungefährdet auf den Boden springen, und dann sank sie besinnungslos nieder. Als sie die Augen wieder öffnete, war das gerettete Kind vor ihr. Sie umarmte es laut schluchzend, und fragte nach dem mutigen Mädchen, dem sie das Leben des Kindes verdankte.

Aber als die Gräfin ihr ein Geschenk geben wollte, schlug sie es aus.

„Ach,“ sagte die schöne Edelfrau, „das ist nur eine Kleinigkeit, mein Kind. Ich kann dich nie genug belohnen. Wenn mein Mann nach Hause kommt, wird er dich ein wenig besser belohnen können. Aber jetzt mußt du den Dienst der Pförtnerin verlassen, zu mir kommen und meine Kinder hüten.“

„Ach, nein, gnädige Frau, das kann ich nicht!“ rief Rosa, die gleich dachte: „Wenn ich nicht mehr der Pförtnerin Magd bin, kann ich den Vater nicht mehr sehen!“

Doch fügte sie schüchtern hinzu: „Danke, gnädige Frau, aber ich kann die Pförtnerin nicht verlassen, sie hat zu viel zu thun.“

Die Gräfin konnte nicht verstehen, wie Rosa sich weigern konnte, den Dienst der Pförtnerin zu verlassen, aber sie bat Rosa vergebens, zu ihr zu kommen. Es kam ihr auch sehr sonderbar vor, daß ein Mädchen mit so groben Kleidern, und so braunen Händen und Gesicht, so fein sprechen konnte, und sie sagte mehrmals zu sich selbst. „In Benehmen und Sprache ist sie so wohl erzogen als ich. Wie kann sie der rohen Pförtnerin dienen?“

Rosa mußte die Gräfin jeden Tag besuchen, und da die Gräfin sah, daß sie schöne Früchte, guten Wein und Leckerbissen sehr freudig annahm, gab sie ihr immer etwas Gutes zu essen. „Es ist merkwürdig,“ dachte sie oft, „sie wird immer rot vor Freude, wenn ich ihr so Etwas gebe, und doch ißt sie es nie in meiner Gegenwart.“

Eines Tages kam der Wächter früh zu der gnädigen Frau, bat um eine Unterredung unter vier Augen, und erzählte ihr, daß die Magd der Pförtnerin um Mitternacht barfuß durch den Hof gegangen, die Turmthüre geöffnet und lange in dem Kerker geblieben.

„Gnädige Frau, sie ist wahrscheinlich die Verlobte eines der Mörder, oder Diebe, die da gefangen sind. Sie hat die Schlüssel und wird sie eines Nachts freilassen. Wir werden alle im Schlafe gemordet werden!“

Die Gräfin war sehr erschrocken, als sie dieses hörte, aber sie sagte bald: „Ich habe schon oft mit der Magd der Pförtnerin gesprochen, sie ist ein tugendhaftes Mädchen. Ich bin gewiß, daß sie nie etwas Böses thun wird. Sie hat die Gefangenen schon seit einem Monat allein besorgt; wenn sie sie freilassen wollte, hätte sie es schon längst gethan. Dennoch muß ich erfahren, was diese nächtlichen Besuche bedeuten; wachen Sie unermüdlich, und das nächste Mal, wenn sie nachts in den Turm geht, kommen Sie sogleich hierher. Ich werde dem Mädchen heimlich folgen und sehen, was sie mit den Gefangenen zu thun hat.“

Der Wächter versprach gut zu wachen, und am folgenden Abend schon rief er die gnädige Frau um Mitternacht. Sie schlich leise in den Turm, folgte Rosa die Treppen hinunter, und die Gänge entlang, und als sie einen Lichtstrom aus der offenen Thür eines Kerkers hervorquellen sah, versteckte sie sich hinter die Thür und lauschte atemlos.

„Ach Vater,“ hörte sie Rosa sagen, „du bist doch so krank, deine Wunde ist so schmerzhaft, warum willst du deine Freiheit nicht annehmen? Du weißt ja, daß der Graf kein Recht hatte, dich gefangen zu nehmen. Ich möchte weder ihm noch seiner Familie Böses zufügen. Ja, ich habe mein Leben sogar auf das Spiel gesetzt, um den kleinen Grafen zu retten, obgleich ich mir sagte, daß es dem Grafen recht geschehen würde, wenn er für seine Sünde den Verlust seines Kindes leiden müßte. Ja, mein Vater, ich habe bisweilen so böse Gedanken, aber dann denke ich an die gute Gräfin, die mir diesen Wein und diese Speisen gegeben, die dich allein am Leben erhalten. Aber, Vater, man sagt, daß der Krieg noch lange dauern kann, du wirst sterben, ehe deine Freunde dich erlösen, nimm doch deine Freiheit an!“

„Mein Kind,“ erwiderte eine tiefe Stimme, „du hast dem Gefangenwärter dein Wort gegeben, die Gefangenen gut zu bewachen, darum muß ich hier bleiben, obwohl mich das Leben im Kerker tötet. Ich bin der Ritter von Tannenburg; meine Freiheit will ich mit Ehren gewinnen, sonst bleibe ich hier.“

Die lauschende Gräfin hatte genug gehört, sie ging leise wieder hinaus, sagte dem Wächter, daß Alles in Ordnung sei und daß er sich um die nächtlichen Besuche der Magd der Pförtnerin nicht mehr bekümmern sollte, und ging zurück in ihre Gemächer.

„Ach,“ seufzte sie, „das sind gute, edle Leute! Könnte ich dem kranken Ritter nur die Freiheit geben! Ich darf aber nicht, doch wenn mein Mann zurückkommt, werde ich ihm Alles sagen.“

Die Gräfin war jetzt gütiger als zuvor gegen Rosa, gab ihr noch öfter stärkende Speise und Weine, und bewunderte täglich mehr den Mut der edlen Jungfrau, die einer rohen Frau diente, nur um ihrem Vater tägliche Besuche abzustatten.

„Ach,“ sagte sie oft, „wäre der Krieg nur vorbei, damit ich die Qual des armen Mädchens enden könnte.“

Eines Tages kam endlich ein Bote, mit der fröhlichen Nachricht, daß der Krieg zu Ende sei; daß der Graf binnen zwei Tagen zurückkommen würde, sammt Gefolge und Freunden, und daß ein großes Gastmahl stattfinden solle. Alle waren froh, nur die arme Rosa nicht, denn sie wußte, daß sie mit der Rückkehr des Gefangenwärters die Schlüssel hergeben müsse, und den lieben Vater vielleicht auf längere Zeit nicht mehr sehen würde.

An dem Morgen, wo der Ritter erwartet wurde, bemerkte die Gräfin, daß Rosa rotgeweinte Augen hatte, aber sie sagte kein Wort darüber. Bald hörte man den frohen Klang der Trompeten, und der Graf ritt in den Schloßhof, sprang von seinem Pferde, umarmte hastig seine Gemahlin, und hob den Knaben, seinen Liebling, hoch empor. Dann rief er seinen Vasallen und Freunden stolz zu:

„Seht den Burschen an! er wird bald groß genug sein, mit in den Krieg zu gehen.“

Er küßte ihn zärtlich, und fragte:

„Ist er immer gesund gewesen während meiner Abwesenheit?“

„Ja,“ erwiderte die Gräfin, „aber dennoch hättest du ihn nicht hier gefunden, ohne die Aufopferung und den Mut eines jungen Mädchens, das ihn einem furchtbaren Tode entriß.“

„Was sprichst du vom Tode?“ rief der Graf erblassend; und die Frau erzählte ihm flüchtig die Gefahr, in welcher der Knabe gewesen.

„Wo ist das Mädchen?“ rief der Graf, „ich muß es sehen, und obgleich alle meine Reichtümer nicht genügen, um es zu belohnen, muß ich ihm meinen Dank aussprechen.“

Auf einen Wink der Gräfin wurde Rosa herbei gerufen, und da, in mitten aller seiner Freunde und Vasallen, rief der Graf:

„Du bist ein mutiges Mädchen, ich werde dir mein Lebenlang dankbar sein. Meine Frau sagt mir, daß du noch gar keine Belohnung empfangen hast, du sollst haben, was du willst, mein Kind, ich kann der Retterin meines Kindes Nichts versagen, und wäre es die Hälfte meines Vermögens. Sprich, was willst du?“

„Gerechtigkeit!“ rief die arme Rosa, ihm zu Füßen fallend. „Sie halten meinen Vater gefangen! Geben Sie ihn frei!“

„Dein Vater gefangen? Wie heißt denn dein Vater?“

„Ritter von Tannenburg!“ antwortete Rosa zitternd.

„Ritter von Tannenburg!“ wiederholte der Graf, die Stirne runzelnd, „der soll nie aus dem Kerker kommen. Ich hasse ihn!“

„Ach, Herr Graf, Sie haben Ihr Versprechen gegeben!“ rief Rosa ängstlich.

„Aber ~das~ kann und will ich nicht thun!“ rief der Graf zornig.

Seine Freunde flüsterten zusammen und sagten: „Was heißt dies? Tannenburg gefangen? Seine Tochter hier vergebens um seine Freiheit flehend?“ Dann hielten sie plötzlich inne, denn die Gräfin nahm das Wort, erzählte öffentlich ihrem Manne, daß Rosa den Vater selbst hätte befreien können, und daß, wäre der Ritter von Tannenburg nicht ein ehrenhafter Mann gewesen, er das Schloß Fichtenburg in seinen Händen gehabt hätte. Er hätte die Gräfin und ihre zwei Kinder töten, und sich reichlich entschädigen können, für Alles, was man ihm angethan.

Dann fiel sie vor ihrem Manne auf die Kniee mit dem kleinen Sohne, der seine Bitten mit den ihrigen vereinte.

„Lieber Papa, mache Rosa glücklich. Sie hat den kleinen Adalbert aus dem finsteren Brunnen gerettet.“

Die flehenden Stimmen von Rosa, der Gräfin und dem Kleinen, rührten auch die harten Krieger, und sie riefen Alle laut:

„Herr Graf, Sie haben Ihr Ehrenwort gegeben. Setzen Sie den Ritter in Freiheit, sonst ...“ fügten einige Stimmen drohend hinzu.

Aber die Drohung war nicht mehr nötig. Der Graf konnte den Bitten seines Kindes nicht widerstehen und rief gerührt:

„Ja, der Ritter von Tannenburg soll frei sein, und da ich nicht an Großmut zurückbleiben möchte, soll er sein Schloß und seine Reichtümer alle zurückhaben. Kerkermeister, gehen Sie und befreien Sie den Ritter!“

„Nein!“ rief seine Frau, „das soll seine liebende Tochter, das gnädige Fräulein von Tannenburg, selbst thun. Aber zuerst kommen Sie mit mir, mein Kind,“ fügte die Gräfin hinzu.

Sie führte die glückliche Rosa in ihr Gemach, half ihr Gesicht und Hände von der braunen Farbe befreien; zog ihr ein schönes, weißes Atlaskleid an, und nachdem sie so ihres Standes würdig geschmückt war, führte sie sie in den großen Saal, wo alle Ritter über ihre Schönheit erstaunten.

Von dem Grafen begleitet, ging Rosa zum letztenmal in den Kerker, öffnete die Thüre, und rief vor Freude schluchzend:

„Vater, lieber Vater, du bist frei!“

Erst nach einiger Zeit sah sie, daß ihr Vater auch reich angezogen war; und der Graf sagte:

„Mein gnädiges Fräulein, einige Freunde sind hierher gekommen, um Ihren Vater auf seine Erlösung vorzubereiten, denn sie fürchteten, daß die plötzliche Freude ihm schädlich sein würde, da er noch so schwach ist.

„Aber jetzt, Tannenburg,“ fügte er hinzu, „müssen Sie mir verzeihen. Ich bin ein ehrloser Mensch gewesen, aber wenn Sie mich wieder als Freund annehmen wollen, werden Sie sehen, daß ich Sie für Alles entschädigen werde.“

Der Ritter von Tannenburg, der ihn einst innig geliebt, und der ihn gut kannte, reichte ihm freundlich die Hand, und dann gingen sie alle zusammen in den Speisesaal, wo Rosa und ihr Vater rechts und links an der Seite des Hausherrn saßen, und den Gästen ihre Erlebnisse erzählen mußten. Alle bewunderten den Mut des tapferen Mädchens, das tiefe Ehrgefühl des Vaters, die Güte der Gräfin, und die Selbstüberwindung des Grafen.

Als die Mahlzeit beinahe zu Ende war, hörte man einen großen Lärm in dem Schloßhof, die Thüren flogen auf, der Sohn des Kaisers trat hastig ein, und rief laut:

„Graf von Fichtenburg, der Kaiser befiehlt Ihnen, den Ritter von Tannenburg sogleich aus Verhaft zu lassen, ihm alle seine Güter zurückzugeben, und ihn zu entschädigen, sonst sind Sie des Todes.“

Der Graf sprang auf und sprach:

„Ich habe den Befehl des Kaisers nicht abgewartet; hier ist der Ritter frei, und ich habe ihm schon versprochen, ihm sein Vermögen zurückzugeben.“

Natürlich war des Kaisers Sohn sehr erstaunt. Er ließ sich Alles erzählen, sah die schöne Rosa bewundernd an, und ging wieder an den kaiserlichen Hof zurück, wo er seinem Vater Alles erzählte und hinzufügte:

„Vater, Sie haben mich schon mehrmals an das Heiraten gemahnt. Wenn Sie mir das gnädige Fräulein von Tannenburg zur Gemahlin geben können, werde ich sogleich heiraten, wenn es Ihnen beliebt.“

Der Kaiser war sehr froh, dies zu hören. Er schickte sogleich einen Boten mit einem Heiratsantrag nach Tannenburg, und nach kurzer Zeit wurde Rosa des Prinzen Gemahlin, und später sogar Kaiserin von Deutschland!

8. Der Bauer und der Advokat.

Es war einmal ein reicher, aber sehr unwissender Bauer. Er hatte ein schönes Gut, das er von seinem Vater geerbt hatte, war sparsam und arbeitsam und wurde von seines Gleichen sehr geachtet.

Ungefähr zwei Stunden entfernt von seinem Gute lag eine große Stadt, wohin er sich wöchentlich begab, um sein Vieh, Heu, Korn und noch viele Produkte zu verkaufen. Auf dem Marktplatze, unter seines Gleichen, hörte er Manches besprochen, und da das Thema oft Gerichtssachen berührte, hörte er oft den Namen eines berühmten Sachwalters der Stadt.

Jedermann lobte ihn und sagte, daß er weiser und verständiger als irgend ein anderer sei. Der Bauer, der an einem Markttage früher als gewöhnlich seine Geschäfte abgefertigt hatte, und der schon seit langem sehr neugierig war, den berühmten Advokaten zu sehen, ging nach seiner Geschäftsstube. Als er eintrat, wurde er von einem Schreiber empfangen.

„Ich möchte den Advokaten sprechen,“ sagte der Bauer.

„Er ist jetzt beschäftigt, aber er wird bald wieder frei sein. Setzen Sie sich und warten Sie ein wenig,“ erwiderte der Schreiber höflich.

Der Bauer, der es nicht eilig hatte, ließ sich das Warten gefallen, und nach einer halben Stunde war der Advokat zu sprechen. Er ließ ihn in sein Privatzimmer eintreten. Der Bauer sah ihn neugierig an und sagte:

„Sind Sie der Herr Advokat?“

„Ja, der bin ich,“ antwortete der berühmte Mann.

„Nun, ich habe oft gehört, daß Sie so klug sind, darum bin ich gekommen, um Sie um eine Consultation zu bitten.“

„Nun, ich stehe Ihnen zu Diensten!“ antwortete der Advokat.

Aber da der Bauer gar nichts mehr sagte, gedachte er, ihm zu helfen. „Wollen Sie ein Gut kaufen?“

„Nein,“ antwortete der Bauer, „dafür bin ich noch nicht reich genug!“

„Wollen Sie vielleicht Ihr Gut verkaufen?“

„Nein, Herr Advokat, behüte Gott, daß ich das Gut, das ich von meinem Vater erbte, verkaufen muß!“

„Nun,“ sagte der Advokat, „was wollen Sie denn?“

„Eine Consultation,“ antwortete der Bauer kurz, und fügte nichts hinzu.

„Wollen Sie Ihr Testament schreiben, einen Prozeß machen, oder einen Heiratscontract ausschreiben lassen?“ fragte der Advokat. „Sagen Sie mir nur, wie ich Ihnen dienen kann, und ich stehe Ihnen zu Befehl.“

„Nein,“ sagte der Bauer, „ich will weder Testament, noch Heiratscontract haben, ich wünsche nur eine Consultation, weil Jedermann versichert, daß Sie so klug sind. Die will ich auch ehrlich bezahlen, ich habe Geld genug dafür!“ sagte er stolz, und schlug mächtig auf seine Geldtasche.

Der Advokat, dem ein Licht aufgegangen war, setzte sich, nahm einen Bogen Papier und eine Feder und sagte:

„Wie heißen Sie?“

„Bernhardt,“ antwortete der Bauer, der ganz stolz war, daß der Advokat ihm endlich die gewünschte Consultation bewilligte.

„Sind Sie ledig, oder verheiratet?“

„Verheiratet seit fünfundzwanzig Jahren.“

„Haben Sie Kinder?“

„Fünf: drei stattliche Söhne und zwei brave Töchter!“

„Wie alt sind Sie?“

„Drei und fünfzig Jahre nächsten Winter.“

„Gut!“ sagte der Advokat, schrieb hastig einige Zeilen auf den Papierbogen, faltete ihn zusammen, und übergab ihn dem stolzen Bauern.

„Wieviel bin ich Ihnen schuldig?“ fragte er.

„Drei Thaler.“

Der Bauer zahlte ohne Murren, und ging zufrieden nach Hause.

Es war schon Nachmittag, als er dahin kam, und er war müde nach seiner langen Fahrt. Seine Frau kam ihm entgegen und sagte:

„Bernhardt, was sollen wir thun? Sollen wir das Heu bis morgen liegen lassen, oder sollen wir es noch heute in die Scheune bringen? Das Wetter ist schön, keine Wolken stehen am Himmel, aber es könnte doch ein Gewitter geben, und dann wäre das Heu verdorben.“

Der Bauer, der keinen Verlust erleben mochte, und der sich doch fast zu müde fühlte, um noch mehrere Stunden angestrengte Arbeit auszuhalten, konnte sich nicht entschließen, was er thun sollte. Auf einmal erinnerte er sich an die Consultation, die er am selben Tage gekauft hatte. Sein düsteres Gesicht heiterte sich plötzlich auf. Er zog das Papier aus der Tasche, übergab es seiner Frau, da er selbst nicht lesen konnte, und rief:

„Frau, da ist der Rat des klügsten Advokaten in der Stadt. Lies ihn, wir wollen uns darnach richten.“

Die Frau entfaltete das Papier, und las:

„Verschiebe nie auf morgen, was heute geschehen kann.“

„Da!“ rief der Bauer freudig, „da ist die Antwort auf deine Frage, und da ich sie doch ziemlich teuer bezahlen mußte, wollen wir uns darnach richten.“

Obgleich er so müde war, ließ er wieder anspannen, ging selbst hinaus und arbeitete bis es Nacht war, und bis alles Heu herein gebracht war. Da es wunderschönes Wetter war, wurde er von allen seinen Nachbarn wegen seiner Hast ausgelacht. Aber während der Nacht kam ein heftiges Gewitter, das viel Schaden verursachte.

Der Bauer, der Dank seiner Consultation gar Nichts dabei verloren hatte, rühmte den Advokaten, der ihm so gut geraten, und da er den Rat nie vergaß, wurde er täglich wohlhabender. Oft hielt er seinen Wagen vor dem Hause des Advokaten an, um seinem Ratgeber ein Paar Hühner, einige frische Eier, oder schöne, reife Früchte zu überbringen.

9. Das hölzerne Kreuz.

Frau von Linden wohnte in einem schönen Landhause, wo sie sich jedoch sehr einsam fühlte, da ihr Mann und ihre Kinder alle gestorben waren. Ihre Verwandten liebte sie nicht, weil sie sehr eigennützige Leute waren.

Die gute Frau war selbst gar nicht eigennützig, von Morgen bis Abend dachte sie nur, wie sie den Armen und Kranken helfen könnte, und wie sie Gutes thun könnte.

Eines Tages mußte sie in die Stadt gehen, und als ihre Geschäfte zu Ende waren, ging sie in das Münster, um die schönen Statuen und Gemälde zu sehen, und sich ein wenig in dem kühlen, dunkeln, heiligen Raume auszuruhen.

Die große Kirche war um diese Stunde ganz leer und still, und nachdem sie andächtig gebetet, ging Frau von Linden umher und bewunderte die Gemälde und Statuen.

Sie schaute die großen Pfeiler an, schaute in die Wölbung hinauf, blieb lange vor den schönen, heiligen Bildern stehen, und kam endlich zu der letzten Kapelle, wo nur noch ein sehr kleines Licht brannte.

Es war in dieser Kapelle so dunkel, daß Frau von Linden wähnte (dachte), ganz allein zu sein, bis sie ein unterdrücktes Schluchzen hörte.

„Wer ist da?“ rief sie erstaunt.

Das Schluchzen hörte einen Augenblick auf, und eine leise, klägliche Stimme erwiderte schüchtern: „Ich bin es.“

Frau von Linden, die an der Stimme sogleich erkannte, daß es ein Kind war, das so leise geschluchzt hatte, sagte freundlich:

„Komm hierher Kind, und sage mir, warum du so schluchzest.“

Jetzt trat aus dem Dunkel ein kleines Mädchen hervor. Es war ein Kind von ungefähr acht Jahren und obschon etwas ärmlich, doch sehr reinlich gekleidet.

„Nun, Kleine,“ sagte die gute Frau, das Kind bei der Hand nehmend, „erzähle mir jetzt, warum du ganz allein hier bist, und warum du so kläglich weinst. Was fehlt dir wohl?“

„Ach,“ seufzte das Kind, „ich weine, denn Vater und Mutter sind beide tot, und meine Verwandten sind alle so arm und haben so große Familien, daß sie sich meiner nicht annehmen können. Morgen muß ich das Haus verlassen, wo ich mit meinen Eltern so glücklich lebte, denn ich habe kein Geld, um die Miete zu bezahlen.“

„Hast du gar keine Freunde?“ fragte die Dame erstaunt.

„Ja, der gute Priester ist mein Freund, er hat mir heute zu essen gegeben, und dann hat er mich hierher geschickt, um Gott um Hülfe zu bitten. Er hat gesagt, daß Gott das Gebet der verwaisten Kinder immer erhört, und daß Er mir sicher helfen werde.“

Die Dame sagte mit Rührung:

„Der gute Priester hat Recht, mein Kind. Komm, zeige mir, wo er wohnt. Ich möchte ihn gerne sprechen.“

Die Dame nahm das Kind bei der Hand und ging mit ihr zum Priester. Er empfing sie sehr freundlich, sagte ihr, daß das Mädchen das Kind ehrbarer Leute sei, und daß es sehr arm und ganz verlassen sei.

„Nun,“ erwiderte die Dame, „da das Kind ohne Mittel und ohne Freunde ist, so will ich mich ihrer annehmen. Sie soll bei mir in meinem Landhause wohnen. Ich werde sie in die Schule schicken, sie soll alles lernen, was ein Mädchen wissen sollte, damit sie einmal eine gute Frau und Mutter werden, oder damit sie einst ihr Brot verdienen kann.“

Die gute Dame nahm das verwaiste Kind mit, und hielt Wort. Das Mädchen ging fleißig in die Schule, und als sie größer wurde, lernte sie alles, was eine gute Hausfrau wissen muß.

Die Jahre gingen schnell vorbei, und als das Mädchen zwanzig Jahre alt war, starb ihre Wohlthäterin. Sophie, so hieß das Mädchen, pflegte sie zärtlich bis zu ihrem Tode, und ehe die Dame verschied, sagte sie:

„Sophie, du bist ein treues Mädchen gewesen, und es freut mich, daß du den jungen Gärtner Hans heiraten sollst. Er ist ein guter, fleißiger Mann, und du wirst eine glückliche Frau werden.“

Als die Dame endlich starb, hielt sie ein kleines, hölzernes Kreuz in der Hand, das sonst immer über ihrem Bette gehangen, und das sie sehr gern gehabt hatte.

Nachdem das Begräbnis vorüber war, kamen die Erben alle herbei, und der Advokat nahm das Testament der guten Frau und las es ihnen vor. Die Dame hatte der Waise eine Summe von dreitausend Thalern hinterlassen, und dabei stand auch im Testamente:

„Sophie ist mir eben so lieb, als ob sie meine Tochter wäre. Darum soll sie, nebst der Summe von dreitausend Thalern, die ich ihr hinterlasse, noch etwas als Andenken haben. Sie darf selbst unter allen meinen Habseligkeiten auswählen, was ihr am liebsten ist.“

Die Erben waren sehr entrüstet als sie dieses hörten. Schon die Summe von dreitausend Thalern schien ihnen zu viel. Sie fürchteten, daß die Waise etwas sehr Kostbares wählen würde. Aber, obgleich die Köchin und die anderen Dienstboten ihr rieten, die Diamanten oder die Perlen der verstorbenen Frau zu wählen, sagte die Waise:

„Nein, das will ich nicht thun. Die Dame hat mir schon viel gegeben. Ich möchte die Erben nicht berauben. Der kleinste Gegenstand, den meine Wohlthäterin geliebt, und den ich in ihren Händen gesehen, ist mir viel lieber als Andenken, als etwas so kostbares.“

„Sehen Sie,“ fuhr sie fort, „dieses hölzerne Kreuz möchte ich am allerliebsten haben, denn sie hielt es noch in ihrer Hand, als sie verschied.“