Märchen und Erzählungen für Anfänger. Zweiter Teil

Part 3

Chapter 33,851 wordsPublic domain

„Die Raben fliegen noch um den Berg herum.“

„Dann muß ich noch hundert Jahre schlafen!“ seufzte der Rotbart. Seine Augen fielen wieder zu, und er schlief bald fest ein.

Der kleine Mann, der auch regungslos da gestanden, führte jetzt den Bauer wieder hinaus, und als sie an der Öffnung der Höhle standen, sagte er höflich:

„Sie haben da eine wunderschöne kleine Blume, in Ihrem Hutband, ich möchte sie gar gern haben; wollen Sie sie mir gefälligst geben?“

„Ja, gewiß!“ erwiderte der Bauer. Er riß die Blume schnell aus dem Hutband, legte sie in die Hand des alten Mannes, und wollte ihn eben fragen, wer der schlafende Rotbart sei, und warum so viele Krieger und Kriegsrosse in dem Berg versammelt wären, aber der kleine Mann war verschwunden.

Der Nebel war auch dichter geworden, und der Bauer suchte vergebens nach der Öffnung der Höhle, die er soeben verlassen. Es war erst nachdem er einige Stunden lang umher geirrt, und der Nebel endlich vom Winde weggeweht worden war, daß er den Heimweg finden konnte.

Er ging schweigend nach Hause, sagte seiner Familie nichts von seinem Abenteuer, und ließ seine Frau glauben, daß er das Pferd auf dem Markte verkauft.

Am folgenden Morgen ging er früh auf den Berg, suchte eifrig nach dem Pfad zu der Höhle, aber konnte ihn doch nicht finden. Tagelang suchte er vergeblich, und endlich erzählte er Alles einem alten Nachbarn, der ihm sagte:

„Ach, du hast ja den Kaiser Friedrich Barbarossa gesehen! Meine Mutter erzählte mir schon vor langen Jahren, als ich noch ein sehr kleiner Bursche war, daß der Kaiser nicht gestorben sei, wie die Gelehrten es in ihren dicken Büchern geschrieben. Er ist nach dem Heiligen Lande gezogen, auf einem Kreuzzug, und viele Leute erzählten damals, daß er in einem Fluß ertrunken sei, aber meine Mutter behauptete immer, das sei nicht wahr, und sagte mir oft, daß er unter dem Kyffhäuserberg schlafe. Ja, sie hatte doch Recht, siehst du, und sie sagte auch, daß der Kaiser dort mit seinen Helden lange schlafen würde. Nur einmal in hundert Jahren löst sich der Bann auf einige Minuten. Dann schickt der Kaiser den Zwerg hinaus, um nachzusehen, ob die Raben noch um den Berg fliegen. Wenn sie nicht mehr herumfliegen, wird der Kaiser wissen, daß die deutsche Freiheit und Macht in Gefahr ist. Dann wird der rote Bart den Marmortisch dreimal umringt haben. Alsdann wird der Kaiser aufspringen, den Kriegsruf durch den Berg erschallen lassen, und dann werden die schlafenden Helden erwachen, ihre Kriegsrosse besteigen, und von dem Kaiser geführt, aus dem Berg heraus steigen!

„Dann wird der Kaiser seinen Helm auf dem Kopfe haben. Seinen Schild wird er auf einen dürren Birnbaum hängen, der sogleich wieder blühen und Früchte tragen wird. Dann wird der tapfere Kaiser für das liebe Vaterland streiten, die Feinde besiegen, und Deutschland wird, Dank dem Kaiser Friedrich Barbarossa, frei und noch mächtiger und größer sein, als je zuvor.“

Der Bauer hörte diese Prophezeihung mit Freuden, aber trotzdem er manchmal suchte, konnte er weder die Höhle noch solche schöne blaue Blume finden, wie diejenige, welche er an dem nebeligen Morgen gepflückt.

6. Das Neujahrslied.

Das Dorf B. liegt in einem schönen Thale, wo man grüne, mit herrlichen Blumen bestreute Wiesen sehen kann, und wo die Nußbäume ihre kühlen Schatten werfen. Von dem Dorf aus geht ein Fußweg den Berg steil hinauf, und diesem Fußwege entlang stehen mehrere ärmliche Häuschen mit kleinen Ställen.

Das kleinste Haus von allen steht am höchsten. Die Thür des Hauses ist sehr niedrig. Das Haus hat nur zwei kleine Räume (Zimmer), und der Stall dahinter ist auch sehr klein. Wenn die Ziege, die hineingeht, nicht so mager wäre, könnte sie unmöglich Platz genug darin finden.

In diesem Häuschen hat der Joseph gewohnt, aber er ist schon seit vier Jahren tot und nun wohnen seine Frau und zwei kleine Kinder allein da.

Das ältere Kind, ein gesunder, starker Bube (Knabe) heißt Sebastian oder Basti, wie ihn die Mutter nennt, denn der Name scheint zu lang für einen so kleinen Buben. Er ist jetzt sieben Jahre alt und sehr stolz auf die zarte, goldlockige, fünfjährige Schwester Franziska. Diesen langen Namen haben Mutter und Bruder nach der Sitte des Landes zu Fränzchen abgekürzt, wenn sie das kleine lockenhaarige Kind anreden.

Diese Leute sind sehr arm, wie die meisten Bergbewohner. So lange der Vater lebte und verdienen konnte, ging es ihnen gut, aber seit seinem Tode muß die arme Frau von früh morgens bis spät abends arbeiten, damit die zwei Kleinen genug zu essen bekommen.

Während des Sommers spielen die Kinder draußen, und obgleich die Mutter so viel zu thun hat, sind ihre Kleider immer rein, sowohl wie ihre munteren Gesichtchen.

Da die Kinder keine warmen Kleider haben, weder Mäntel noch Mützen, noch Stiefel und Schuhe, bleiben sie während des langen Winters immer im Hause, wo sie jedoch kein Spielzeug haben.

Wenn die Mutter Zeit hat, erzählt sie ihnen Geschichten, während sie sich mit Stricken oder Spinnen beschäftigt, denn nur so kann sie etwas für ihre Kinder verdienen.

Als Basti acht Jahre alt wurde, war der Herbst sehr rauh und schon im Oktober fiel tiefer Schnee und ging nicht mehr weg. Die zwei Kinder blieben jetzt beim Ofen, nur die Mutter ging dann und wann hinaus, um Arbeit zu suchen oder abzuliefern und um Nahrungsmittel einzukaufen.

Den Berg hinunter zu gehen war fast unmöglich, denn der Schnee lag sehr tief; aber die gute Mutter bahnte sich doch einen Weg. Wenn sie Arbeit bekam, kam sie glücklich nach Hause, und, obschon sie so müde war, setzte sie sich gleich fleißig an das Stricken oder Spinnen.

Oftmals aber konnte sie nichts verdienen; dann konnte sie kein Brot kaufen, und da mußten sich Mutter und Kinder mit der Milch der mageren Ziege begnügen.

Die Kinder gingen immer früh zu Bett, doch die Mutter saß stundenlang an der Arbeit, während draußen der kalte Wind heulte und pfiff. Die gute Mutter sang dann gewöhnlich ein Lied, damit Fränzchen den heulenden Wind nicht höre; aber an einem Winterabend konnte sie nicht singen.

Das Kind lag im Bette mit weit offenen Augen und schaute der Mutter zu, endlich sagte es:

„Aber, Mutter, warum singst du doch nicht?“

„Ach, ich kann nicht,“ seufzte die müde Frau, und preßte die Hand an die Brust, wo sie oft einen Stich fühlte nach ihren anstrengenden Wanderungen zum Dorfe im Thal.

„Aber ich kann singen!“ rief Basti und fing an mit fester, klarer Stimme das Lied zu singen, das die Mutter ihnen bisher immer als Schlaflied gesungen hatte.

Als die Mutter die schöne klare Stimme hörte, schoß ihr plötzlich ein Gedanke durch den Kopf.

„Basti,“ sagte sie, „wenn du willst, kannst du mir helfen, etwas zu verdienen.“

„Ach, Mutter, das will ich gern thun,“ rief der kleine Sohn und wollte sogleich aus dem Bette springen. Die Mutter aber sprach:

„Bleibe im Bett, mein Kind. Morgen werde ich dir ein Lied lehren, und am Neujahrstag kannst du es den Dorfleuten vorsingen. Dann geben sie dir Brot und vielleicht sogar Kuchen und Nüsse.“

Der kleine Basti freute sich so über den Gedanken, der Mutter helfen zu können etwas zu verdienen, daß er fast nicht einschlafen konnte; und, als ihm die Augen endlich zufielen, träumte er von Kuchen und Nüssen, die so gut schmeckten.

Kaum war er des Morgens erwacht, so wollte er gleich das Lied lernen, aber die Mutter sagte, daß er warten müsse, bis sie mit der Arbeit fertig sei, und sie sich ruhig hinsetzen könne.

Der Tag schien dem ungeduldigen Basti sehr lang, und er erzählte dem Fränzchen mehrmals, daß er ein Lied lernen solle, und daß er am Neujahrsabend Brot und vielleicht sogar Kuchen und Nüsse heimbringen werde.

Als es dunkel geworden und die Mutter die kleine Lampe angezündet hatte, und die Strickarbeit zur Hand nahm, fing sie an, den ersten Vers des Liedes zu singen. Sie wiederholte denselben mehrmals und bald sang Basti mit. Das Fränzchen, das dem Bruder Alles nachmachte, fing auch an zu singen, und ihre Stimme war so rein (klar), daß die Mutter erstaunte.

Die Kinder waren beide so aufmerksam, daß sie das Neujahrslied bald singen konnten, obschon es vier lange Verse hatte.

Neujahrsmorgen kam, die Mutter ging zur Kirche, und als sie nach Hause kam, rief sie die zwei Kinder zu sich, zog ihnen die warmen Strümpfe an, die sie nachts für den kalten Gang gestrickt, und hieß Basti seines Vaters Schuhe anziehen. Zuletzt wickelte sie das kleine Mädchen in das Tuch, das sie gewöhnlich selbst umlegte.

Die Mutter trug das Fränzchen den Berg hinunter, denn der Schnee war so tief, daß sie nicht gehen konnte bis sie in das Dorf kamen, wo man Pfade gemacht hatte, und wo das Gehen nicht so schwer war.

Zuerst gingen sie in den Gasthof des Dorfes und da sangen die Kinder ihr Lied so lieblich, daß die Gäste sie sehr lobten, und mehrere Pfennige aus der Tasche zogen, um sie den glücklichen Kindern zu geben.

Die Frau des Hauses war auch sehr freundlich. Sie gab ihnen Brot und jedes Kind bekam eine große Handvoll Nüsse und ein großes Stück Kuchen. Basti war so froh, daß er laut und herzlich dankte; die kleine Schwester aber war schüchtern, und dankte nur leise, obgleich sie vor Freude rosenrot war.

Die Kinder besuchten noch fünf oder sechs Häuser und bekamen mehr Pfennige, Brot, Kuchen und Nüsse. Als sie aus dem sechsten Hause kamen, war es so bitterkalt, daß die Mutter, die draußen gestanden, es nicht mehr aushalten konnte. Das zarte Mädchen zitterte auch und konnte vor Kälte nicht mehr singen, so nahm sie die Mutter wieder auf den Arm und kletterte mühsam mit ihr den Berg hinauf, während Basti voraus lief so schnell es ihm die großen Schuhe erlaubten.

Als sie wieder daheim angelangt, und als Hände und Füße wieder warm waren, holte Basti den Korb herbei. Die Kinder bekamen jetzt zum Abendessen Brot, ein Stück Kuchen, und einige Nüsse, und feierten so einen fröhlichen Neujahrsabend.

Die Mutter war auch froh und sehr dankbar; sie hatte nun Brot genug für mehrere Tage und in dem Korbe fand sie einige Pfennige, die sie sehr gut brauchen konnte.

Der Winter dauerte noch lange. Die arme Frau mußte sich sehr anstrengen; doch als die warme Sonne wieder schien, konnten die Kinder wieder ausgehen und mußten nicht mehr frieren.

Die Ziege kam auch heraus, fraß schönes, frisches Gras, und gab ein wenig mehr Milch, welche die Kinder so gerne tranken. Nur die Mutter schien nicht froh; sie arbeitete dennoch fleißig, aber manchmal mußte sie sich ein wenig ausruhen, denn ihre Kräfte verließen sie oft.

Sie konnte nicht mehr essen, und als Basti eines Tages das letzte Stück Brot, das noch im Hause war, mit ihr teilen wollte, sagte sie, sie habe keinen Hunger. Der Kleine sah die Mutter neugierig an, und fragte kläglich:

„Bist du krank, Mutter?“

Die arme Frau erwiderte langsam:

„Mir ist nicht ganz wohl, Basti. Wenn ich morgen nach dem Dorfe hinunter gehe, will ich zum Herrn Doktor gehen. Der wird mir einen guten Rat geben.“

Als sie diese Worte sprach, sank sie plötzlich ohnmächtig zurück. Der kleine Basti schaute die Mutter eine Weile an, dann nahm er das Fränzchen bei der Hand und sagte leise:

„Die Mutter schläft, Fränzchen, komm’ mit mir; aber mache kein Geräusch!“

Die kleine Schwester hatte weder Schuhe noch Strümpfe an, so konnte sie nur leise gehen. Basti führte sie hinaus und nun gingen beide Kinder den Fußweg hinunter dem Dorfe zu.

Als sie hinunter wanderten, sprach Basti ernst:

„Siehst du, Fränzchen, wir gehen nach dem Dorfe. Da werden wir unser Lied noch einmal singen. Dann wird man uns wieder Brot, Kuchen, Nüsse und Pfennige geben. Die Mutter hat heute nichts gegessen, und es ist kein Brot mehr im Hause, sie wird froh sein, wenn wir Brot nach Hause bringen.“

Die Kinder, die das Neujahrslied täglich zu Hause beim Spiele gesungen, gingen jetzt in das Dorf. Da war alles verändert. Die Hausthüren standen alle offen, und in dem Garten vor dem Wirtshause stand ein großer, viereckiger Tisch.

Um den viereckigen Tisch herum saßen viele junge Leute, die aßen und laut lachten. Als Basti sein Lied anstimmte, rief einer der jungen Leute den anderen zu:

„Still, still, wir wollen den Gesang hören!“

Die jungen Leute -- sie waren alle Studenten -- hielten jetzt inne, und der Führer sagte gutmütig zu den Kindern:

„Kommt näher, wir wollen das Lied hören!“

Da fing Basti wieder an, und Fränzchen stimmte ein mit ihrer silbernen, glockenartigen Stimme. Die Studenten lauschten und hörten mit Erstaunen diese Worte:

„Nun ist das alte Jahr dahin, Ein neues ist gekommen; Wir wünschen, daß es euch erschien Zu eurem Heil und Frommen.“

Als der erste Vers zu Ende kam, lachten die Herren lauter als je, bis der älteste, ein großer, stattlicher Mann mit einem feuerroten Bart, wieder mit donnernder Stimme rief:

„Still doch! Ihr erschreckt die armen Kleinen.“

Bald wurde es wieder still und die Kinder, ermuntert durch einen gütigen Wink des stattlichen Herrn, fuhren mit dem Liede fort:

„Jetzt ist die kalte Winterzeit, Die Erde starrt im Eise, Doch ist der liebe Gott nicht weit Und hilft nach seiner Weise.“

Der zweite Vers war jetzt zu Ende und als die Kinder eine kleine Pause machten, flüsterte ein junger Mann dem andern lächelnd zu:

„Gott hat uns heute wirklich vor Frost bewahrt!“ Alle lachten wieder, aber als der Führer die Kinder ermuntert, weiter zu singen, wurde es wieder still und Basti und Fränzchen fuhren fort:

„Doch wird es manchem Vöglein schwer, Sein Futter zu erreichen, Und auch die Kinder ziehn umher Und suchen sich desgleichen.“

„Die Kinder sollen es haben!“ riefen jetzt alle Studenten, und jeder streckte den Kindern einen Teller entgegen, worauf viele gute Sachen waren. Basti und Fränzchen wollten aber nichts annehmen bis sie ihr Lied fertig gesungen, und jetzt sangen sie herzlich den letzten Vers:

„Nun bring’ euch allen früh und spät Das Jahr viel Heil und Segen, Und wer nur Gott zum Freunde hat Dem hilft er allerwegen.“

Jetzt klatschten die Herren laut. Der Beifall war allgemein, und der Führer rief:

„Das ist ein schöner Wunsch! Der bringt uns Glück auf die Reise.“

Er zog das kleine Mädchen zu sich, setzte sie auf sein Knie, stellte ihr einen Teller voll guter Dinge zu essen vor, während ein anderer junger Mann den Basti ebenso versorgte. Die Herren waren so munter und gütig, daß die Kinder alle Furcht vergaßen, und ihre Fragen sehr unbefangen beantworteten. Bald vernahmen sie Alles, und als der Führer hörte, daß die Mutter nichts zu essen gehabt, und plötzlich eingeschlafen sei, nachdem sie gesagt, der Arzt im Dorfe würde ihr vielleicht morgen helfen, sagte er:

„Kameraden, ich trage Ihnen eine Bergpartie an. Wir wollen diese kleinen Wintervögel der Mutter zurückbringen, und vielleicht werde ich dort oben meine erste Patientin finden.“

„Dein Gedanke ist vortrefflich!“ erwiderten alle.

„Aber wir wollen nicht mit leeren Händen hingehen,“ fuhr er fort. „Jeder soll etwas zu essen hinauftragen.“

Die Herren waren alle mit diesem Plan einverstanden, und bald gingen sie den Berg hinauf. Der kleine Basti lief als Führer voraus und das kleine Fränzchen plauderte unaufhörlich mit dem großen Herrn, der ihre Hand festhielt, damit sie nicht in den Bach falle.

Als die Kinder oben ankamen, sprangen sie beide jubelnd in die Hütte. Die Mutter war unterdessen wieder erwacht, und obgleich sie nicht Kraft besaß aufzustehen, rief sie die Kinder zu sich. Als sie zuerst keine Antwort vernahm, erschrak sie, aber als Basti hereinstürzte, und ihr in wenigen Worten Alles erzählte, weinte sie vor Freude.

Dem Basti folgte der stattliche Herr dicht auf den Fersen. Er allein kam in die Hütte, und während die Kinder den anderen Herren die Ziege zeigten, erzählte er ihrer Mutter, daß er Arzt sei und ihr helfen wolle. Nach einiger Zeit kam er heraus und die Kameraden fragten ängstlich:

„Nun, ist es sehr schlimm? Kannst du verschreiben?“

„Das kann ich!“ lautete die lachende Antwort, „aber ihr sollt alle helfen, die Verschreibung geben!“

„Sprich, wir werden gehorchen,“ riefen dann alle laut.

„Die Börse heraus! Jeder soll einen Thaler geben!“

Die Herren gehorchten alle und nachdem der Arzt die Thaler gesammelt hatte, trug er das Geld in die Hütte.

„Meine gute Frau,“ sagte er dann ernst, „Sie bedürfen stärkende Speise, und ein wenig mehr Ruhe. Wir haben Speisen mitgebracht und hier ist Geld, damit Sie mehr kaufen können. Sie werden sehr bald hergestellt sein, und dann werden Sie wieder arbeiten können.“

Als die Frau die Menge Geld sah, rannten ihr die Thränen der Dankbarkeit über das blasse Gesicht, und sie sagte ernst:

„Vergelte es Gott, mein Herr. Ach, ich bin so glücklich! Jetzt kann ich meine Kinder bei mir behalten, und sie werden nicht der Gemeinde zur Last fallen müssen, wie ich so sehr fürchtete.“

Eine Stunde später, als der Mond aufging, stiegen die Herren den steilen Pfad hinunter. Noch lange hörten sie die fröhlichen Stimmen der beiden Kinder, die ihnen nachriefen:

„Vergelt ’s Gott! Danke tausendmal, gute Herren! Vergelt ’s Gott! Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!“

Die Mutter, Dank der stärkenden Speise, wurde bald stark genug, um ihre Arbeit wieder aufzunehmen, und Alles ging jetzt viel besser als zuvor.

Am folgenden Neujahrsabend saß sie mit den beiden Kindern vor dem Ofen. Die Kinder sprachen noch immer von den lustigen Herren. Auf einmal klopfte es laut an die Thür. Die Mutter, die nie Besuche hatte, öffnete, und ein Mann trat herein. Er trug ein großes Bündel, das an sie adressiert war.

„Was ist das?“ rief sie erstaunt.

„Nun, ein Bündel für Sie, aus Berlin, und da ist auch ein Brief.“

Der Bote ging fort und die Frau las den Brief, der nur die folgenden Worte enthielt:

„Gute Frau, Sie sind meine erste Patientin gewesen, darum fühle ich noch großes Interesse für Sie. Meine Kameraden und ich haben den kleinen Basti und das Fränzchen auch nicht vergessen. Wir schicken Ihnen ein kleines Andenken zum Neujahr. Es grüßt Sie bestens

Ihr Arzt.“

„Ach, das kommt von den lustigen Herren!“ riefen die Kinder entzückt.

Die Mutter öffnete jetzt das Bündel. Darin waren warme Kleider für Mutter und Kinder, Kuchen, Zuckerwerk, Nüsse, und Spielzeug, und in der Tasche des warmen, wollenen Kleides, das ihr bestimmt war, fand die Mutter eine kleine Börse. Darin waren eben so viele Thaler wie Herren, und auf einem kleinen Stück Papier standen diese Worte:

„Und wer nur Gott zum Freunde hat, Dem hilft er allerwegen!“

7. Rosa von Tannenburg.

In Schwaben stand ehemals ein stattliches Schloß, worin der Ritter von Tannenburg, dessen Gemahlin und ihre kleine Tochter Rosa glücklich lebten. Sie waren gute, fromme Leute, liebten einander innig, und ihre Unterthanen und Diener waren immer wohl versorgt.

Der Ritter mußte oft in den Krieg ziehen, aber obgleich er der tapferste Mann in dem Kaiserheer war, und die Feinde ihn fürchteten, war er immer sehr sanft und gut gegen die Armen und Unglücklichen.

Als Rosa von Tannenburg siebzehn Jahr alt war, wurde ihre angebetete Mutter plötzlich sehr krank, und obgleich die besten Ärzte so schnell wie möglich herbei geholt wurden, ward ihr Zustand immer gefährlicher.

Als sie den herankommenden Tod fühlte, rief sie ihr Kind zu sich ans Bett und sagte:

„Rosa, mein viel geliebtes Kind, du mußt mir jetzt beistehen. Sei mutig, meine Tochter, und höre, was ich dir sagen möchte, noch ehe ich scheide.

„Du bist jetzt kein kleines Kind mehr, und du sollst deinen Vater trösten, wenn ich nicht mehr da bin. Du sollst auch das Haus leiten, und vergiß ja nicht, daß eine Herrin für Vieles verantwortlich ist. Du sollst deinen Leuten als ein Muster von Frömmigkeit, Arbeitsamkeit, Wahrheit und allen Tugenden dienen. Bete oft, mein Kind, und der liebe Gott wird dir helfen, deine Pflicht zu thun. Aber vergiß ja nicht, daß du immer Wort halten mußt, und daß der Heiland uns selbst geboten hat: Füge keinem Anderen zu, was du nicht willst, daß man dir thu’.“

Als die Mutter so gesprochen, versprach Rosa mit Thränen, Alles zu thun, und ihre Lehren nie zu vergessen.

Nachdem die gute Mutter ihr noch viele gute Ratschläge gegeben, verschied sie noch ehe der Ritter von Tannenburg heimgekehrt, obgleich er so schnell wie möglich aus dem Krieg kam, um seine geliebte Frau noch einmal zu sehen.

Natürlich waren Rosa und ihr Vater sehr, sehr betrübt, aber da sie doch beide gute Christen waren, dankten sie Gott, daß die liebe Gattin und Mutter glücklich im Himmel wohnen konnte, und beteten oft, daß auch sie einmal dahin kommen könnten. Einige Tage nach dem Begräbnis mußte der Ritter wieder in den Krieg ziehen, und die arme Rosa blieb allein im Schlosse Tannenburg, mit ihren treuen Dienern.

Da sie jetzt den Haushalt besorgen und dazu allen Kranken und Armen beistehen mußte, war sie immer beschäftigt, und als sie jeden Abend in die Schloßkapelle ging, um auf dem Grabe der Mutter ihr Abendgebet zu verrichten, war sie sehr einsam. Sie dachte, daß der Vater vielleicht noch lange im Auslande bleiben würde, und war sehr überrascht, als er eines Abends im Herbst spät nach Hause kam. Der arme Ritter war schwer verwundet, und den rechten Arm konnte er in Folge eines Schwerthiebes gar nicht brauchen. Er war nach Hause gekommen, um von diesen gefährlichen Wunden zu genesen.

„Es kam mir sehr ungelegen, liebes Kind,“ sagte er. „Ich hätte meinem Kaiser doch beistehen mögen, aber Gottes Wille geschehe. Ich werde hier bei dir bleiben, bis ich genesen, und dann werde ich wieder in den Krieg ziehen, wo einer meiner Freunde meine Truppen jetzt lenkt.“

Rosa war natürlich sehr froh, ihren Vater wieder bei sich zu haben, und damit er die liebe Heimgegangene so wenig als möglich vermisse, that sie Alles, was ihr möglich war, um ihm das Leben behaglich zu machen, und um ihn zu zerstreuen und zu unterhalten.

Eines Abends, als sie beide allein im großen Saale saßen, Ritter vor dem Feuer, und Rosa am Spinnrad beschäftigt, seufzte der Ritter schmerzlich.

„Ach,“ dachte die liebende Rosa, „der Vater ist jetzt unglücklich. Die Wunde schmerzt mehr als gewöhnlich, und er denkt an meine verstorbene Mutter, die er so zärtlich liebte. Ich muß ihn unterhalten, damit er Schmerz und Verlust ein wenig vergißt.“

Darauf rief sie heiter: „Ach, Vater, wie froh bin ich, dich hier zu haben, und nicht allein bleiben zu müssen. Unterhalte mich, Vater, während ich fleißig arbeite. Erzähle mir etwas aus deiner Jugendzeit. Erzähle mir zum Beispiel (z. B.), wie du die goldene Kette um deinen Hals gewonnen.“

„Ach, mein Kind,“ sagte der Vater lächelnd, als er der glücklichen Jahre seiner Jugend gedachte, „ich habe dir das ja schon mehrmals erzählt.“

„Ach, Vater, die lieben, alten Geschichten kann man nie zu oft hören. Erzähle nur, erzähle!“

„Nun,“ sagte der Ritter, indem er sich behaglich in den Lehnstuhl zurück lehnte, „als ich noch jung war, wurde ich als Edelknabe (Page) an den kaiserlichen Hof gesandt, wo der Graf von Fichtenburg, dessen Türme du von dem Erker aus sehen kannst, auch als Edelknabe diente. Wir waren von gleichem Alter, wurden bald gute Freunde, und wurden an demselben Tage zum Ritter geschlagen. Ach, Rosa, das war ein prachtvolles Fest! Alle Leute der Umgegend waren gekommen, um das Turnier zu sehen. Unter den Edelfrauen war keine so schön wie deine Mutter, die erst siebzehn Jahre alt war, und der du sehr ähnlich bist.