Märchen und Erzählungen für Anfänger. Zweiter Teil

Part 2

Chapter 24,051 wordsPublic domain

„Nein, Kind, nicht jetzt,“ erwiderte der Vater lächelnd. „Jetzt mußt du in das Haus kommen, um dein Frühstück zu essen. Deine liebe Mutter ist krank, und du sollst heute sehr artig sein.“

Rita ging jetzt in das Haus. Später aber kam sie wieder heraus, von der Gouvernante begleitet. Sie wäre gern in den Wald gegangen, aber die Gouvernante sagte, sie solle da bleiben, damit die Mutter sich nicht allein fühle, denn Vater, Schwester und Bruder waren den Berg hinabgegangen, um den Arzt für die kranke Mutter zu holen.

Bald rief die kranke Mutter die Gouvernante wieder in das Haus und Rita blieb allein. Sie spielte eine Weile mit der Puppe, dann dachte sie an die schönen, roten Blumen.

„Der Wald ist nicht weit,“ sagte sie zu sich selbst. „Ich will schnell dahin gehen und einen Strauß roter Blumen für die liebe Mutter pflücken.“

Das Kind sprang schnell fort, und kam bald in den Wald. Da war es kühl und grün, aber zuerst sah sie keine roten Blumen.

Sie wollte eben zurückgehen, als sie durch die Bäume etwas rotes sah. „Das sind die roten Blumen!“ rief sie entzückt, und rannte weiter in den Wald hinein.

Als sie dahin kam, sah sie, daß die Blumen nicht mehr sehr frisch waren. Ein wenig weiter sah sie einen anderen Busch. Die Blumen darauf schienen viel frischer. Sie ging dahin und hatte bald beide Hände voll Blumen.

Unterdessen war der Vater mit dem Arzte angekommen. Der Arzt sagte, daß die Dame nicht gefährlich krank sei, und daß die gute Bergluft sie bald wieder gesund machen würde. Darauf ging er fort.

Die Gouvernante mußte nun der Mutter vorlesen und dachte dabei, Rita sei entweder bei dem Vater oder bei der großen Schwester. Erst als es Zeit zum Abendessen geworden, dachte man wieder an das kleine Mädchen.

„Wo ist das Kind?“ fragte der Vater.

„Ich habe sie draußen unter dem großen Baume gelassen, als die gnädige Frau mich rief,“ erwiderte die Gouvernante. „Aber da Sie einige Minuten nachher zurückkamen, dachte ich, daß Rita bei ihrer Schwester sei,“ fuhr sie fort.

„Mit mir ist Rita nicht draußen gewesen,“ antwortete die große Schwester. „Sobald der Arzt fortging, bin ich in mein Zimmer gegangen um mich auszuruhen, denn ich war sehr müde und wollte schlafen. Rita war aber nicht mehr unter dem Baume, als wir zurückkamen.“

Der Vater sprang jetzt erschrocken auf. „Wir müssen das Kind finden,“ rief er, und alle folgten ihm nach. Sie gingen überall hin, riefen laut, aber sie sahen und hörten nichts von ihr.

Der Vater war blaß vor Angst. Er rief die Dienstboten des Gasthauses herbei, um ihm zu helfen, das Kind zu suchen. Sie suchten den ganzen Abend umsonst, und als es dunkel wurde, nahmen sie Fackeln und Laternen und suchten die ganze Nacht. Der Holzhacker suchte auch, obschon er den ganzen Tag gearbeitet hatte und sehr müde war.

Am Morgen erst kam er mit dem müden Vater zurück in sein Haus.

„Das kleine Mädchen muß in den Fluß gefallen sein,“ sagte er traurig. „Ich weiß nicht, wo wir jetzt noch suchen können, ich weiß nicht wo sie ist.“

„Aber ich weiß es!“ rief der kleine Hans.

„Du!“ rief der Vater erstaunt.

„Ja, ich weiß es,“ wiederholte Hans.

„Nun, dann zeige uns, wo sie ist,“ rief der Holzhacker.

Der kleine Hans ging sogleich in den Wald. Die zwei Väter folgten ihm. Hans ging auf den ersten roten Busch zu und schien erstaunt, das kleine Mädchen nicht da zu sehen.

„Wo ist sie?“ fragte er den Vater. „Sie ist hierher gekommen, um rote Blumen zu pflücken.“

Der Holzhacker sagte: „Rote Blumen wollte sie? Dann ist sie vielleicht weiter gegangen.“

Er ging jetzt mit dem Vater etwas weiter in den Wald. Bald kamen sie an einen Busch, wo Jemand viele Blumen gepflückt hatte.

„Hier ist sie sicher gewesen,“ sagte der Holzhacker. „Nehmen Sie sich in Acht, mein Herr, der Busch ist dicht an dem Abhang! Sie werden hinunterfallen!“

„Ach!“ rief der Vater, „vielleicht ist mein armes Kind da hinunter gefallen!“

Der Holzhacker hatte sich auf den Boden geworfen, und bog sich jetzt über den Rand des Abgrundes.

Bald sagte er erstaunt, aber doch sehr leise: „Das Kind liegt nicht weit von hier auf einem vorspringenden Felsen. Sie liegt so still! Entweder ist sie fest eingeschlafen, oder ...“

„Ach!“ rief der Vater, „ich muß hinunter!“

„Das können Sie nicht, mein Herr!“ rief der Holzhacker. „Sie kennen unsere Felsen nicht, und es ist eine gefährliche Stelle. Ich will selbst hinuntergehen!“

Während er noch sprach, hatte der Holzhacker die Schuhe schnell ausgezogen, das Seil, das er trug, um den Leib gebunden und das andere Ende desselben an einem Baume befestigt.

Der Vater half ihm mit zitternden Händen und der Holzhacker sagte: „Mein Herr, Sie wissen, daß ich nur ein armer Holzhacker bin. Wenn ich verunglücken sollte, sorgen Sie für meine Frau und die Kinder, deren Vater sein Leben für Ihr Kind gewagt.“

„Ja, das will ich!“ rief der Vater ernst. Er konnte nicht weiter reden, denn die Angst um das kleine Mädchen nahm ihm die Sprache.

Als der Holzhacker eben bereit war, kamen mehrere Männer herbei. Den ängstlichen Winken des Vaters folgend, kamen sie sehr leise herbei und nachdem sie vernommen, daß das Kind auf einem vorbringenden Felsen liege, halfen sie dem Holzhacker langsam hinunter. Dieser klammerte sich mit den Händen und mit den nackten Füßen an den Felsen und als er endlich das Kind erreichte, legte er die Hand auf dasselbe.

Sobald er Rita berührte, wachte sie auf, denn sie war wirklich nur eingeschlafen. Sie machte eine rasche Bewegung, und wenn der Holzhacker sie nicht festgehalten hätte, wäre sie sicher in den Abgrund hinab gestürzt.

„Gott sei Dank!“ rief er. „Das Kind war nur eingeschlafen.“ Der wartende Vater hörte diese Worte auch und wäre er nicht vor Angst sprachlos gewesen, hätte auch er „Gott sei Dank!“ gerufen.

Der Holzhacker sagte jetzt zu dem Kinde: „Siehst du, Kleine, du sollst jetzt deine Arme um meinen Hals schlingen, und festhalten, denn ich brauche Hände und Füße zum hinaufklettern. Das Seil allein ist nicht stark genug, und sonst müssen wir in den Abgrund fallen.“

Rita versprach festzuhalten, schlang beide Arme um den Hals des guten Mannes und jetzt ging es langsam aufwärts.

Endlich kamen beide wohlbehalten oben an. Als der glückliche Vater sein Kind in den Armen hielt, rief es fröhlich:

„Ach, Vater, ich bin so froh, daß du gekommen bist. Ich habe so lange gewartet. Ich wollte die schönen Blumen pflücken und dann bin ich plötzlich hinunter gefallen.

„Ich konnte weder hinauf noch hinunter gehen. Ich war so müde und schläfrig, daß ich die Augen nicht mehr offen halten konnte. Doch fürchtete ich, weiter hinunter zu fallen. Da dachte ich: Wenn ich mein Abendgebet bete, so schickt der liebe Gott einen schönen Engel herunter, um mich zu schützen, bis der Vater kommt. Hast du den Engel wohl gesehen, Vater?“

„Nein, gesehen habe ich ihn nicht, aber der liebe Gott hat ihn doch heruntergeschickt,“ rief der glückliche Vater.

Der Vater war so glücklich, sein Kind wieder wohlbehalten in den Armen zu haben, daß er seine Freude nicht genug aussprechen konnte.

Die kleine Rita wurde von der Mutter, Schwester und Gouvernante fröhlich empfangen; und an demselben Tage ging sie noch mit dem Vater, um den Holzhacker und seine Familie zu besuchen.

Der wackere Mann wurde sehr reichlich belohnt, und als Rita den kleinen Hans fragte, was er sich wohl wünschte, da er sie doch gefunden, rief er:

„Ich möchte am allerliebsten eine große Peitsche haben, die so laut knallen kann, wie diejenige Ihres Bruders.“

Schon am folgenden Tage wurde sein Wunsch erfüllt. Der kleine Hans knallte mit seiner Peitsche vom Morgen bis zum Abend und war der glücklichste Junge in dem ganzen Riesengebirge.

4. Tisch, Sack und Pack.

Vor langen Jahren wohnte ein armer Mann in einer ärmlichen Hütte mit seiner Frau und seinen drei Söhnen Jacob, Michel und Heinrich.

„Jacob,“ sprach der Vater sehr oft, „Jacob, du wirst bald Hausherr sein, denn ich bin sehr krank, und sterbe bald. Wenn ich nicht mehr da bin, sollst du Mutter und Brüder wohl versorgen.“

Jacob versprach immer, daß er Mutter und Brüder wohl versorgen wolle; aber er hielt nicht Wort, und als der Vater gestorben und begraben war, rief er aus:

„Jetzt will ich in die Welt gehen, um mein Glück zu suchen. Michel, du kannst mitkommen, aber Heinrich soll hier zu Hause bleiben, denn er ist zu dumm.“

Die Mutter aber bat die zwei ältesten Brüder so sehr, daß sie den jüngsten endlich mitnahmen.

Die zwei ältesten Söhne nahmen alles Geld und alles Essen im Hause, aber Heinrich nahm nichts; er ließ Alles, was er hatte, seiner Mutter und ging weinend fort.

Nachdem sie einige Stunden gegangen waren, setzten sie sich am Wege nieder und die zwei ältesten Brüder nahmen ihre Lebensmittel und fingen an zu essen.

Heinrich hatte keine Lebensmittel mitgebracht und die Brüder lachten ihn aus, aber er sagte gelassen, daß er besser Hunger leiden könnte, als seine arme, verwitwete Mutter.

Als die Brüder das hörten, schämten sie sich doch ein wenig, und gaben ihm von ihren Lebensmitteln zu essen, ehe sie weiter gingen. Nach zwei Tagen kamen die drei Brüder in ein Schloß, wo niemand zu sehen war. Da die zwei ältesten sich fürchteten, zuerst einzutreten, schickten sie den jüngsten voran. Er trat in das erste Zimmer und blieb erstaunt stehen, denn da war ein großer Haufe kupferner Pfennige.

Die zwei Brüder folgten ihm und als sie das Geld sahen, leerten sie die Lebensmittel schnell aus ihren Säcken und packten sie voll kupfernes Geld. Heinrich nahm nur ein einziges Stück Geld und dann öffnete er eine zweite Thür und trat in ein zweites Zimmer, wo ein großer Haufe silbernen Geldes war. Als die zwei ältesten Brüder das silberne Geld sahen, leerten sie ihre Säcke wieder, und packten sie voll Silbergeld.

Heinrich aber nahm wieder nur ein Stück Silber, dann öffnete er eine andere Thür und trat in ein drittes Zimmer, wo ein großer Haufe Gold war.

Als die zwei ältesten Brüder das Gold sahen, leerten sie das Silber schnell aus ihren Säcken, füllten sie mit Gold und gingen schnell aus dem Schlosse, denn sie hatten jetzt viele Reichtümer und fürchteten, daß Jemand käme und sie ihnen fortnähme.

Der jüngste Bruder, der nur ein Stück Gold genommen, nahm die Lebensmittel, und indem er seinen Brüdern folgte, aß er alles. Endlich kamen alle drei in einen Wald. Da die zwei ältesten das schwere Gold getragen, waren sie sehr müde, ließen ihre Säcke fallen, und legten sich nieder, um etwas auszuruhen. Sie waren beide sehr hungrig und hießen Heinrich in das Schloß gehen, und ihnen die Lebensmittel, die sie dort gelassen, bringen.

„Ach,“ erwiderte Heinrich, „zu dem Schlosse will ich doch nicht allein gehen, und ohne dieß würde ich keine Lebensmittel da finden, denn ich habe sie ja alle gegessen!“

Als die hungrigen Brüder das hörten, wurden sie sehr böse, prügelten den armen Heinrich, ließen ihn halbtot am Boden liegen, nahmen ihre goldgefüllten Säcke, und gingen heim.

Der arme Heinrich durfte ihnen nicht folgen. Er hatte nichts zu essen, und dachte endlich:

„Ich will wieder in das Schloß gehen. Vielleicht finde ich noch etwas zu essen da, und wenigstens kann ich Gold genug fortbringen, um reich zu sein, denn ich weiß ganz gut, daß meine Brüder mir nie ein einziges Stück Geld geben würden.“

Er ging allein in das Schloß, ging durch die Zimmer wo Kupfer und Silber lag, und als er in das Zimmer, wo das Gold lag, gekommen war, nahm er seinen Rock und füllte ihn mit Goldstücken. Er wollte soeben fortgehen, als er einen schrecklichen Lärm hörte, und als er zitternd da stand, kamen drei große Riesen, die laut riefen:

„Wo ist der Räuber? Er soll sterben!“

Sie wollten den Jüngling töten, aber da er laut um sein Leben bat, sagten sie endlich, daß sie es ihm lassen wollten, aber daß er ihr Schatzhüter sein sollte.

„Damit du ja nicht Hunger leidest,“ fügten sie hinzu, „stellen wir hier einen kleinen Tisch hin. Klopfe darauf, wenn du zu essen wünschest, und rufe laut: ‚Lebensmittel für einen König!‘ und du wirst Alles haben, was du nur wünschen kannst.“

Der Jüngling, der sehr hungrig war, klopfte sogleich auf den Tisch, und in einem Augenblick war er mit vielen Speisen bedeckt, und der Jüngling konnte nach Belieben essen.

Heinrich blieb ein ganzes Jahr hier im Schlosse. Aber da er immer allein war, langweilte er sich endlich sehr. Eines Tages nahm er den Tisch, rief laut:

„Hütet euere Schätze selbst, Ihr Herren Riesen,“ und ging aus dem Schlosse.

Er ging lange und kam endlich in einen dichten Wald. Hier begegnete er einem armen Manne, der bittend sagte:

„Geben Sie mir etwas zu essen, guter Jüngling, ich bin ja so hungrig!“

„Das will ich gern thun, armer Mann,“ sagte der Jüngling. Er stellte seinen Tisch unter einen Baum, klopfte darauf, rief laut: „Lebensmittel für einen König!“ und sobald der Tisch mit guten Speisen bedeckt war, lud er den Mann zum Essen ein.

Der alte Mann aß und trank und sagte endlich:

„Das ist ein schöner Tisch! Sehen Sie, guter Jüngling, ich werde Ihnen diesen Pack für den Tisch geben. Es ist ein wunderbarer Pack. Öffnen Sie ihn und sagen Sie laut: ‚Soldaten herbei!‘ und Sie werden so viele Soldaten haben, als Sie wollen. Dann sagen Sie wieder, ‚Soldaten hinein!‘ so werden sie alle wieder in dem Pack verschwinden.“

„Nun,“ sagte Heinrich, „das ist mir schon Recht. Sie sollen den Tisch haben. Geben Sie mir den Pack.“

Der alte Mann gab ihm den Pack, nahm den Tisch und Beide gingen ihres Weges. Heinrich war nicht weit gegangen, so dachte er:

„Es ist doch schade, daß ich meinen guten Tisch nicht mehr habe. Was werde ich jetzt thun, wenn ich hungrig bin?“ Dann dachte er auch: „Ich muß sehen, ob mein Pack gut ist.“

Er öffnete den Pack und sagte laut: „Zwei hundert Husaren herbei!“

Aus dem Pack sprangen sogleich zwei hundert Husaren, auf schönen Pferden, und der Oberst fragte ehrerbietig:

„Was wünschen Sie, mein Herr?“

„Gehen Sie den Weg entlang. Sie werden bald einem kleinen, alten Mann begegnen. Er hat einen Tisch, bringen Sie mir denselben,“ erwiderte Heinrich.

„Gut!“ antwortete der Oberst, und er sprengte mit seinen Husaren davon.

Nach einigen Minuten kamen sie mit dem Tische zurück. Heinrich öffnete den Pack wieder, und rief laut:

„Zwei hundert Husaren hinein!“ und sogleich sprangen Husaren und Pferde in den Pack.

Jetzt hatte der Jüngling Tisch und Pack und er war sehr froh. Er ging getrost seines Weges. Endlich begegnete er einem Bettler mit einem Sack, der ihn um etwas zu essen bat.

„Ja, das kann ich Ihnen geben,“ sagte der Jüngling. Er stellte seinen Tisch unter einen Baum, klopfte darauf und rief laut: „Lebensmittel für einen König!“ und in einer Minute war der Tisch mit reichen Speisen bedeckt.

Der Jüngling lud den Bettler zum Essen ein. Er aß und trank und sagte endlich:

„Sie haben da einen gar schönen Tisch. Geben Sie mir den Tisch. Ich gebe Ihnen meinen Sack dafür. Es ist ein wunderbarer Sack. Öffnen Sie ihn und sagen Sie laut: ‚Schloß heraus!‘ so wird ein schönes Schloß vor Ihnen stehen. Dann, wenn Sie ‚Schloß hinein!‘ rufen, verschwindet das Schloß in dem Sack.“

„Das ist mir Recht!“ sagte Heinrich und er gab seinen Tisch für den Sack.

Er war nicht sehr weit gegangen, da dachte er: „Ach, ich möchte meinen schönen Tisch doch wieder haben!“

So öffnete er den Pack, rief laut: „Drei hundert Uhlanen heraus!“ und als sie alle schnell aus dem Sack krochen, gebot er ihnen, dem Bettler nach zu gehen, und den Tisch zurückzubringen.

Die Uhlanen gehorchten sogleich. Dann öffnete Heinrich den Pack, rief laut: „Drei hundert Uhlanen hinein!“ und sie verschwanden alle in dem Pack. Heinrich ging getrost seines Weges und kam zuletzt in die Stadt, wo seine Brüder jetzt wohnten. Sie aßen und tranken den ganzen Tag, da sie jetzt so viel Gold hatten. Die Mutter hatten sie in die Stadt mitgebracht, aber die arme Frau mußte Tag und Nacht kochen, damit ihre Söhne genug zu essen hatten.

Heinrich ging in das Haus seiner Brüder, aber er sah so ärmlich aus, daß sie ihn auslachten, und obwohl sie ihn in dem Stalle schlafen ließen, gaben sie ihm kein einziges Stück Brot zu essen.

Der Jüngling, der seinen Tisch, seinen Pack und seinen Sack in dem Garten versteckt hatte, wartete nur bis die Nacht herankam. Dann öffnete er den Sack und rief laut, „Schloß heraus!“ In einer Minute wurde er ein schönes Schloß da im Garten gewahr. Dann öffnete er den Pack und rief laut: „Zwanzig Soldaten heraus!“

Sobald die Soldaten heraus waren, befahl er ihnen, das Schloß zu bewachen, und ihn morgens um vier Uhr aufzuwecken.

Die Soldaten bewachten das Schloß sogleich, und er ging mit dem Tisch, dem Sack und dem Pack hinein.

Dann stellte er den Tisch in das prächtige Eßzimmer, klopfte darauf und rief laut: „Lebensmittel für einen König!“ und als der Tisch mit den besten Speisen bedeckt war, setzte er sich und aß und trank nach Belieben.

Dann schlief er auf einem goldenen Bette ein, und früh morgens weckten ihn die Soldaten auf, wie er befohlen. Er nahm Tisch, Sack und Pack und ging in den Garten. Dann öffnete er den Pack, rief laut: „Zwanzig Soldaten hinein!“ und die zwanzig Soldaten verschwanden in dem Pack. Dann öffnete er den Sack, rief laut: „Schloß hinein!“ und das Schloß verschwand auch.

Heinrich versteckte Tisch, Sack und Pack und ging in den Stall, wo die bösen Brüder ihn fanden, und ihn wieder auslachten. Sie fragten ihn auch, warum er kein Gold aus dem Schlosse gebracht.

„Ach,“ erwiderte er stolz, „ich habe etwas Besseres als Gold,“ und er zeigte ihnen den Tisch. Die Brüder waren erstaunt und sie sprachen von dem Tisch mit allen ihren Freunden. Endlich hörte der König auch davon. Er schickte zwei Offiziere und ließ dem Jüngling sagen, er solle ihm den Tisch leihen.

Heinrich sagte: „Ja, der König kann den Tisch haben, aber wenn er mir in drei Tagen nicht zurückgegeben ist, so erkläre ich dem König Krieg.“

Der König freute sich sehr über den Tisch. Er wollte ihn behalten. Er ließ Zimmerleute und Schreiner kommen und sagte streng:

„Zimmerleute und Schreiner, Sie müssen binnen drei Tagen einen anderen Tisch verfertigen, der diesem so gleich ist wie ein Ei dem anderen!“

Die Zimmerleute und Schreiner arbeiteten Tag und Nacht und binnen drei Tagen hatten sie einen Tisch verfertigt, der dem anderen glich wie ein Ei dem anderen.

Als der König diesen Tisch dem Jüngling schickte, klopfte er darauf und rief laut: „Lebensmittel für einen König!“ aber da der Tisch sich nicht sogleich deckte, merkte er, daß der König den Wundertisch noch hatte.

„Tragen Sie diesen Tisch zu dem König!“ rief er den Dienern laut zu, „und sagen Sie ihm, daß wenn er mir meinen Wundertisch nicht sogleich schickt, ich ihm den Krieg erklären werde.“

Als der König dieses hörte, lachte er laut, denn er dachte: „Der Jüngling ist arm, er hat weder Soldaten noch Geld, er kann mir keinen Schaden thun.“ Aber bald lachte der König nicht mehr, denn der Jüngling kam vor das Schloß, öffnete den Pack, rief laut: „Hundert tausend Infanterie und hundert tausend Kavallerie heraus!“ und in einem Augenblick hatte er ein großes Heer (Armee) von zwei hundert tausend Mann.

Der König fürchtete sich sehr vor diesem großen Heer, und schickte einen Boten mit einer weißen Fahne, um dem Jüngling zu sagen, daß er seinen Tisch wieder haben solle, und die Hand der Prinzessin dazu, wenn er das Heer nur fortbringen wolle.

Der Jüngling sagte: „Nun, das ist mir schon Recht, aber die Hochzeit muß noch heute stattfinden!“

Dann öffnete er den Pack, rief laut: „Hundert tausend Infanterie und hundert tausend Kavallerie hinein!“ und das große Heer verschwand sogleich in dem Pack. Der Jüngling ging allein in den Palast. Da wurde er mit der schönen Prinzessin getraut und der Wundertisch wurde für das Hochzeitsfest gebraucht. Alle Gäste aßen und tranken so viel sie wollten, und nachdem sie lange getanzt hatten, sagte der König:

„Nun, Schwiegersohn, gehen Sie jetzt schlafen!“

„Ich muß zuerst noch einmal in den Garten gehen!“ erwiderte Heinrich. Er ging in den Garten, machte den Sack auf, rief laut: „Schloß heraus!“ und augenblicklich stand ein schönes Schloß da. Dann ging der Jüngling wieder in den Palast, nahm seine Braut bei der Hand, und führte sie in sein Schloß.

Da wohnte er lange Jahre glücklich mit Frau, Mutter und Kindern. Dank dem Tische, dem Sack und dem Pack, hatte er immer Alles, was er nur begehren konnte. Er starb in hohem Alter und seine Kinder erbten das Reich und die drei Wunderdinge. Diese wurden in den Keller gebracht, da man ihrer nicht mehr bedurfte, aber da wurden sie morsch. Es kam endlich eine Zeit, wo Krieg im Lande war. Da erinnerte sich der Erbe des Packes. Er ließ ihn holen, aber er zerfiel in Stücke. So ging es auch mit dem Tische und mit dem Sacke, und jetzt sind die Nachkommen Heinrichs wieder sehr arm.

5. Barbarossa.

Auf dem Kyffhäuser Berg in Thüringen, stehen noch die Ruinen eines uralten Schlosses, wo Friedrich Barbarossa, der rotbärtige Hohenstauffen Kaiser, einmal wohnte.

Ein Bauer ging eines Morgens früh über den Berg; er wollte sein Pferd, ein schönes Tier, auf den Markt bringen, um es als Streitroß zu verkaufen. Da er das Pferd frisch nach dem Markte bringen wollte, führte er es langsam am Zügel, und als er eine schöne, kleine, blaue Blume an dem Weg sah, pflückte er sie, und steckte sie in sein Hutband. Es war so neblig, daß man nicht weit sehen konnte, und Bauer und Pferd erschraken ein wenig, als sie plötzlich einen kleinen, alten Mann vor sich stehen sahen.

„Guten Morgen, Bauer,“ sprach er freundlich, „wohin gehen Sie?“

„Auf den Markt, um mein Pferd zu verkaufen.“

„Das Pferd da? Ein schönes Tier!“ rief der Mann. „Um welchen Preis denken Sie es zu verkaufen?“

„Um vier hundert Thaler,“ antwortete der Bauer, „denn das Pferd ist jung und gesund. Es wird ein prächtiges Streitroß geben.“

„Ja, das ist wahr,“ erwiderte der kleine Mann nachdenklich. „Darum möchte ich es um den Preis kaufen. Kommen Sie mit mir, Bauer,“ fügte er hinzu, „und ich werde Ihnen das Geld geben.“

Der Bauer, der den kleinen alten Mann noch nie gesehen, war ein wenig erstaunt über diese Begegnung, aber dennoch erwiderte er langsam:

„Nun das ist mir schon Recht!“

„Dann folgen Sie mir!“ rief der kleine, alte Mann, und anstatt den gewöhnlichen Weg zu gehen, führte er ihn durch Wald und Gestrüpp. Bald kamen sie zu einem kleinen Pfad, der in eine große Höhle führte.

Der Bauer hatte nie von einer Höhle in dem Berge gehört, aber der kleine Mann ging schnell hinein, und winkte ihm zu, mit dem Pferde herein zu kommen.

Der Bauer war sehr erstaunt als er in die Höhle kam, denn da waren tausende von schlafenden Pferden, und bei jedem Pferd war ein schlafender Knecht in Rüstung.

Der kleine Mann nahm jetzt den Zügel aus der Hand des Bauers, führte das Pferd an einen leeren Platz, band es fest, und sogleich schlief es auch fest ein. Dann führte er den Bauer noch weiter, und brachte ihn bald in einen weiten, unterirdischen Saal, der mit Edelsteinen und Gold reichlich verziert war. Viel Gold und viele Edelsteine lagen in Haufen herum, und der kleine alte Mann nahm einige Goldstücke und reichte sie dem Bauer als den bestimmten Preis für das Pferd.

Der Bauer steckte das Gold in seine Tasche und sah sich verwundert um. Sein Erstaunen wurde immer größer, denn mitten im Saale stand ein großer Marmortisch. An dem Marmortisch saß ein schlafender Ritter. Er war in voller Rüstung, nur den Helm hatte er abgelegt, der lag auf dem Boden, mit seinem Schwerte, seiner Lanze, und seinem Schild. Der Ritter schlief fest. Ein langer, feuerroter Bart hing ihm tief über die Brust herab, und war fast dreimal um den Marmortisch gewachsen. Um ihn her waren viele schlafende Ritter, die auch wie Helden aussahen, und hinter dem Lehnstuhl des schlafenden Rotbarts stand ein kleiner, schlafender Zwerg.

Während der Bauer erstaunt still stand, regte sich der Rotbart auf einmal, öffnete die Augen und rief dem Zwerg ernst zu:

„Geh hinauf, mein Zwerg, und sieh, ob die Raben noch um den Berg fliegen.“

Auf einmal wurde der Zwerg wieder lebendig, ging eilig hinaus, kam bald wieder zurück, und meldete feierlich: