Märchen und Erzählungen für Anfänger. Erster Teil
Part 5
»Das kann ich noch nicht sagen,« antwortete der Einsiedler. »Die Mutter weiß noch nicht, daß ihr Kind gefunden ist.«
»Ach, guter Einsiedler, gehen Sie schnell, sagen Sie es der armen Mutter!«
Der Einsiedler blieb still stehen und sagte:
»Danken Sie Gott, gute Frau, Er hat Ihnen viel Gutes gethan!«
Da verstand die Gräfin, daß sie die glückliche Mutter und daß ihr Kind gefunden sei.
Nach kurzer Zeit kam der Ritter mit dem kleinen Heinrich, und die Freude war groß im Schlosse von Eichenfels.
Am Abend, als die Eltern alles gehört hatten, sagte der Einsiedler:
»Und jetzt, Ritter von Eichenfels, sollten Sie die Räuber gefangen nehmen lassen!«
»Das habe ich schon gethan!« sagte der Ritter. »Diesen Morgen früh sind meine Soldaten fortgegangen. Sie werden den Berg umringen, dann werden einige Soldaten in die Höhle gehen, und sie werden Räuber und Beute hierher bringen. Ach, da kommen sie ja schon!«
Sie gingen alle hinaus und sahen die Soldaten, welche die Räuber führten. Die Räuber waren alle festgebunden, und vier Wagen voll Beute folgten ihnen. Sie waren sehr erstaunt, den kleinen Heinrich da zu sehen.
Der Ritter sagte: »Die Räuber haben gestohlen und gemordet, sie müssen des Todes sterben! Nur der Jüngling da soll nicht sterben, denn ich weiß von meinem Sohne, daß er nie stehlen wollte, und daß er ehrlich werden wollte. Er soll dem kleinen Heinrich dienen, und hier in meinem Schlosse soll er lernen, ein ehrlicher Mann zu werden.«
Der Graf und die Gräfin von Eichenfels belohnten den Schäfer, der Heinrich gefunden hatte, und, da der Einsiedler weder Gold noch Silber nehmen wollte, ließen sie ihm eine Einsiedelei bauen.
Heinrich wurde groß, aber er vergaß nie die Höhle und die Jahre, die er im Berge verlebt hatte. Er vergaß auch nicht, was der gute Einsiedler ihm gelehrt hatte, und oft sagte er zu seinen Kindern:
»Ach, die Welt ist wunderschön, und dem Schöpfer von allem, dem guten Gott, sollten wir jeden Tag danken, daß wir nicht in Finsternis leben müssen, sondern die Sonne und die schöne Natur immer genießen können.«
(9) One of the stories in the popular collection of Canon Christopher Schmid, the German writer, who was born in 1768 and died in 1854. These stories were so well liked by all children, that they were translated into French for the royal children in 1842. Only a mere outline of the story is given here, as the worthy Canon was very discursive, and used these stories mainly as a vehicle for his religious instructions.
10. Das Reiterbild in Düsseldorf.(10)
In Düsseldorf am Rheine wohnte einmal ein Künstler. Er war sehr geschickt, so geschickt, daß der Kurfürst ihm sein Reiterbild in Erz gießen hieß. Der Künstler war sehr froh, und arbeitete Tag und Nacht.
Endlich war das Reiterbild fertig und Meister Grupello, der Künstler, stellte es auf dem Marktplatze auf.
Als es ganz fertig war, kam der Kurfürst Johann Wilhelm, mit allen seinen Höflingen, um es zu besehen.
Der Künstler ließ die Hülle fallen, damit alle das Reiterbild sehen konnten. Der Kurfürst, erstaunt über die Schönheit dieses Bildes, reichte dem Künstler die Hand und sagte freundlich:
»Nun, Herr Grupello, das haben Sie sehr gut gemacht. Mein Bild ist sehr schön. Es ist wirklich tadellos! Sie sind ein großer Künstler, und das Bild macht Ihnen große Ehre!«
Der Künstler war über dieses Lob höchst erfreut, aber die Höflinge, die schweigend (ohne ein Wort zu sagen) dagestanden, waren eifersüchtig. Der Fürst hatte ihnen nie so freundlich die Hand gegeben, und hatte sie noch nie so gepriesen, und sie dachten alle:
»Wie können wir diesen stolzen Künstler demütigen?«
Da der Fürst sein Bild tadellos gefunden, konnten sie nichts daran zu tadeln finden, aber endlich sagte der Eine:
»Ja, Herr Grupello, das Bild des Kurfürsten ist wirklich tadellos. Das Pferd dagegen ist nicht ganz richtig. Sehen Sie, der Kopf ist ein wenig zu groß, er ist nicht ganz natürlich!«
»Nein,« sagte der Zweite, »das Pferd ist nicht so gut gelungen (so schön) wie der Reiter. Sehen Sie doch den Nacken an, Herr Grupello!«
»Ja, und der rechte Fuß da ist auch nicht richtig,« sagte der Dritte.
Der Vierte lobte das Bild auch; aber er tadelte den Schwanz des Pferdes.
Der Fünfte fand auch etwas an dem Pferde zu tadeln, und, nachdem sie alle ihre Meinung ausgesprochen, sagte der Künstler zu dem Kurfürsten:
»Herr Fürst, Ihre Höflinge sind mit meinem Werke nicht ganz zufrieden, Sie tadeln dies und jenes an dem Pferde. Wollen Sie mich gütigst noch einige Tage ungestört an dem Bilde arbeiten lassen?«
»Gewiß, Herr Grupello,« erwiderte der Kurfürst freundlich. »Thun Sie was Sie wollen.«
Der Künstler ließ eine Plankenwand um das Reiterbild aufschlagen, und als die Höflinge vorübergingen, hörten sie den Schall des Hammers.
»Ach,« dachten sie alle zuversichtlich. »Ich habe dem Künstler einen gar guten Rat gegeben. Das Pferd war gar nicht gelungen. Er hat es selbst gesehen, und jetzt ändert er es. Dank meinem Kunstsinn wird das Bild wirklich tadellos sein.«
Als die bestimmte Zeit vorüber war, kamen Kurfürst und Höflinge, um das Reiterbild ein zweites Mal zu beschauen. Die hohe Plankenwand war verschwunden, und als die Hülle wieder fiel, sprach der Kurfürst wieder seine Freude daran aus. Dann rief er die Höflinge, einen nach dem anderen, und fragte sie nach ihrer Meinung darüber.
Der Erste, der den Kopf getadelt hatte, sagte jetzt vergnügt: »Ach, Herr Kurfürst, das Bild ist jetzt ganz tadellos, und sehen Sie doch den Kopf des Pferdes an, jetzt ist er nicht mehr zu groß, sondern ganz natürlich.«
Der Zweite sagte: »Ja, das Reiterbild ist jetzt ganz tadellos. Der Nacken des Pferdes ist jetzt sehr graziös.«
Der Dritte sagte: »Seitdem Sie den rechten Fuß geändert, Herr Grupello, ist Ihr Bild tadellos.«
Alle waren jetzt höchst zufrieden, und der Kurfürst sagte es dem Künstler, der schweigend dagestanden.
»Herr Grupello, alle diese Herren sind jetzt mit Ihrem Werke zufrieden und alle loben Ihre Änderungen an dem Pferde.«
»Herr Kurfürst,« erwiderte der Künstler gelassen, »ich bin recht froh, daß alle mit meinem Bilde so zufrieden sind, aber ich muß gestehen, daß ich nichts daran geändert habe. Ein Gußbild kann nicht geändert werden.«
»Dennoch habe ich Sie tüchtig hämmern hören!« erwiderte der Kurfürst erstaunt. »Worauf schlugen Sie denn?«
»Auf den Ruf Ihrer Höflinge, Herr Fürst, die das Bild nur aus Eifersucht tadelten, und der, denke ich, ist jetzt ganz vernichtet!«
Die Höflinge konnten kein Wort erwidern, und schlichen alle fort.
Das Reiterbild steht noch heute mitten auf dem Marktplatze von Düsseldorf, wo es jedermann bewundern kann.
(10) Düsseldorf, a town on the Rhine not very far from the Dutch frontier, is the center of an Art School founded by the Elector John William. The equestrian statue of this prince was cast by Grupello in 1711. The poet Smets has versified this legend. For English version see the author's "Legends of the Rhine."
11. Die Andernacher Bäckersjungen.(11)
Die Andernacher, sowie die Einwohner von Bonn, schlafen lange, und des Morgens stehen nur die Bäcker früh auf, damit das frische Brot zum Frühstück bereit sei.
Es war einmal Krieg zwischen Andernach und Linz, darum haben sich noch heute diese Städte nicht gern. Da die Linzer sehr gut wußten, daß die Andernacher immer bis spät schliefen, beschlossen sie, die Stadt einmal früh Morgens zu überfallen. Alle ihre Pläne waren sehr gut gelegt, und sie glaubten, daß sie jetzt siegen würden. Um Mitternacht am bestimmten Tage verließen sie Linz und gingen leise gegen Andernach zu, wo sie früh anzulangen, und leicht ungesehen durch die unbewachten Thore der Stadt zu dringen dachten.
Unterdessen hatten die Andernacher Bäcker ihr Brot gebacken, und als ihre Arbeit fertig war, legten sich die Bäcker auch nieder, um ein Morgenschläfchen zu genießen.
Als die Linzer sich der Stadt näherten, schliefen alle Einwohner fest, außer zwei Bäckersjungen. Diese allein schliefen nicht. Sie waren leise aus dem Backhause gegangen, denn sie hatten die Bienenstöcke des Thorwärters auf dem Turme entdeckt, und wollten den vortrefflichen Honig versuchen. Ohne Lärm zu machen, schlichen sie die Treppen des Turmes hinauf, und als sie oben angekommen, stellten sie sich an, ein schönes Stück Honig zu nehmen.
Da, auf einmal, hörten die Jungen ein kleines Geräusch (Lärm). »Ach!« flüsterte der eine dem anderen zu. »Der Wärter kommt! Er wird uns sicher bestrafen.«
Zitternd hörte auch der andere dem Lärme zu, und sagte nach einem Augenblick:
»Es kann doch nicht der Wärter sein. Er war fest eingeschlafen! Er käme die Treppen herauf. Das Geräusch kommt nicht von der Treppe! Es scheint da draußen zu sein.«
Leise, sehr leise, denn er wollte in seinem Honigstehlen nicht ertappt werden, schlich er zum Rande des Turmes, und sah neugierig hinunter. Da standen die Linzer, ganz bewaffnet, und der Bäckersjunge sah, daß sie ihre Leiter aufstellen wollten, um über das Stadtthor hinweg in die Stadt zu steigen, die schlafenden Einwohner zu überrumpeln.
Die Bäckersjungen, welche die Gefahr sogleich begriffen hatten, standen einen Augenblick verdrossen da.
Was sollten sie thun? Sie konnten die Einwohner unmöglich schnell genug aufwecken, und hatten keine Waffen, um den Feind zurückzustoßen.
Auf einmal dachte der eine Bäckersjunge an die Bienenkörbe da droben. Er winkte leise seinem Kameraden. Beide hoben dann einen Korb sorgsam auf, trugen ihn an den Rand des Turmes, und auf einmal schleuderten sie ihn auf die Linzer, die am Fuße des Turmes versammelt standen.
Im Fallen zerbrach der Bienenkorb in Stücke, die Bienen flogen wild umher und stachen die Linzer, bis sie laut schreien mußten.
Während die aufgeregten Bienen das Stadtthor verteidigten, eilten die Bäckersjungen die Treppen hinunter, liefen schnell dem Rathause zu, zerrten an der großen Glocke, und weckten die trägen Andernacher aus ihrem langen Morgenschlaf.
Alle liefen jetzt ans Thor, um die bedrohte Stadt zu verteidigen, aber ihr Beistand war nicht mehr nötig, denn die Bienen hatten so wacker gestochen, daß die Linzer sich in Eile geflüchtet hatten.
Aus Dankbarkeit ließen die Einwohner von Andernach die Bilder der zwei Bäckersjungen aus Stein hauen, und stellten sie unter das Stadtthor, das sie so gut verteidigt hatten. Hier kann man sie noch sehen, denn die Andernacher haben die Heldenthat noch nicht vergessen, und sprechen oft von dem glücklichen Einfall der Bäckersjungen.
Die Linzer kamen nie wieder, um die Stadt zu überrumpeln, und sie sagen noch heutzutage, daß die Bienen früh Morgens wachen, während die Andernacher ruhig schlafen.
(11) The city of Andernach on the Rhine was founded by the Romans under Drusus. The Watch Tower of the legend was erected in the middle of the 15th century, and restored in 1880. Linz, also on the Rhine, is one of the fortified electoral towns. The legend here related has been versified by Karl Simrock, the poet of the Rhine.
12. Der Rekrut auf Philippsburg.(12)
Philippsburg wurde einmal während eines Krieges von den Franzosen belagert. Viele Bomben flogen hin und her, und obgleich die Reichstruppen in der Festung waren, gedachten die Franzosen, sie dennoch überrumpeln zu können.
Der Kommandant wachte Tag und Nacht, damit die Franzosen keine unbewachte Stelle finden würden, und zahlreiche (viele) Schildwachen waren überall auf den Mauern aufgestellt. Es waren mehrere Rekruten unter den Reichstruppen, und unter diesen war auch ein sehr einfältiger junger Mann.
Als die Reihe an ihn kam, Schildwache zu stehen, stellte ihn der Hauptmann (Offizier) an einen sehr unbedeutenden Ort, und dachte bei sich selbst:
»Nun, der Feind wird nur an der anderen Seite Angriffe machen. Hier kann man diesen einfältigen Jüngling wachen lassen, denn die Stelle könnte eben so gut unbewacht bleiben.« Dennoch sagte der Hauptmann streng:
»Sehen Sie, Junge, hier ist Ihr Posten. Hier müssen Sie ohne Aufenthalt auf- und abgehen, und wenn jemand die Schanze (Mauer) hinaufzusteigen sucht, sollen Sie ihn sogleich hinunterstürzen.«
Nachdem er diesen Befehl gegeben, entfernte sich der Hauptmann, und der Jüngling ging langsam auf und ab, wie ihm befohlen war.
Die Franzosen, welche die schwach behütete Stelle entdeckt, und einen kecken Plan gemacht hatten, um die Festung zu überrumpeln, kamen jetzt mit ihren Leitern und wollten geräuschlos (ohne Lärm) hinaufklettern.
Als der Rekrut an das ihm bezeichnete Ende seines Ganges kam, drehte er sich langsam um, und schritt wieder die Mauer entlang. Da sah er auf einmal einen Kopf über die Mauer herauftauchen, und sah zwei schwarze Augen und einen sehr spitzigen Schnurrbart. Seiner Pflicht getreu, stieß der Rekrut den Mann hinunter, und dieser fiel lautlos in den Graben, während der Rekrut seinen Weg ungestört fortsetzte.
Ein zweiter Franzose wollte jetzt hinaufklettern, und sein Kopf tauchte über die Schanze auf, als der Rekrut wieder an die Stelle kam. Da der junge Soldat denselben schwarzen Schnurrbart, und dieselben schwarzen Augen sah, dachte er:
»Der Kerl da ist wieder hinaufgeklettert!« und er nahm sein Bajonet und stieß ihn wieder hinunter.
Da der Hauptmann ihm geboten, ohne Aufenthalt auf und ab zu gehen, blieb er keinen Augenblick still, und ging wieder die Mauer entlang, ohne einen Blick über die Schanze zu werfen.
Als er sich zum drittenmal umdrehte, und wieder an denselben Ort kam, sah er wieder zwei schwarze Augen auftauchen.
»Ei,« dachte der Rekrut, »der Franzose ist doch zu keck! Schon zweimal habe ich ihn hinuntergestoßen, und da ist er schon wieder! Er ist ja wie eine Katze!« und diesmal stieß er ihn noch heftiger hinunter.
Dennoch blieb der Rekrut keinen einzigen Augenblick still, sah weder über die Schanze hinweg, noch rief er den anderen Schildwachen zu, sondern ging ungestört seines Weges. Als er zum viertenmal dahin kam, sah er wieder einen Kopf auftauchen und stieß den Mann wieder heftig zurück. So ging es auch zum fünften, sechsten, siebenten, achten, neunten und zehntenmal, und der Rekrut wurde immer böser und stieß immer heftiger.
Als er zum elften und zwölftenmal zwei schwarze Augen und einen schwarzen Schnurrbart auftauchen sah, dachte er noch ärgerlicher als zuvor:
»Ach, wird der Franzose seines ewigen Kletterns nie müde werden? Ich bin des Stoßens müde! Schon zwölfmal habe ich ihn hinuntergestoßen. Hoffentlich wird er nicht wiederkommen!«
Der Rekrut ging jetzt ungestört auf und ab, denn die erschrockenen Franzosen waren fortgelaufen.
Endlich kam der Hauptmann wieder, um die Schildwache abzulösen, und fragte nachlässig:
»Ist nichts zu rapportieren?«
»Nein, nichts,« erwiderte der Rekrut langsam. »Ich bin hier ohne Aufenthalt auf- und abgegangen, wie Sie befohlen, Herr Hauptmann. Niemand ist gekommen, außer einem Franzosen mit blassem Gesichte. Er hatte zwei kohlenschwarze Augen und einen spitzigen Schnurrbart. Er hat dort über die Mauer klettern wollen, und da Sie doch gesagt hatten, daß ich jeden zurückstoßen sollte, der hinaufzuklettern suchte, habe ich ihn rasch hinuntergestoßen. Der Kerl wäre so gern über die Mauer gekommen, daß ich ihn zwölfmal habe zurückstoßen müssen!«
Der Hauptmann, der diesem Bericht erstaunt zugehört hatte, sah jetzt über die Schanze hinweg in den Graben hinunter, wo nicht nur ein Franzose, sondern ein Dutzend derselben tot lagen am Fuße einer langen Leiter. Der dumme Rekrut hatte zwölf Franzosen getötet, und ganz unbewußt die Festung allein gegen einen Angriff verteidigt.
Als der Kommandant der Festung dieses hörte, sagte er: »Ich habe feierlich versprochen, jedem Soldaten einen Gulden zu geben für jeden Franzosen, den er von den Mauern hinunterstoßen würde. Obgleich dieser Rekrut behauptet (sagt), daß er nur einen Franzosen zwölfmal zurückgestoßen, soll er zwölf Gulden bekommen, denn zwölf Feinde liegen am Fuße der Leiter tot. Ich muß auch hinzufügen, daß es mir gar lieb wäre, wenn alle meine Rekruten meine Befehle ebenso pünktlich ausführen würden.«
(12) The old fortress of Philippsburg on the Rhine was besieged by the French on sundry occasions, and finally surprised by them in 1800. Karl Simrock has written an amusing poem about the occurrence related in this tale.
13. Die Reise des Züricher Breitopfes.(13)
In dem Rathause der Stadt Zürich waren vor mehreren hundert Jahren die Ratsherren alle versammelt. Sie erwarteten eine Antwort aus Straßburg, dessen Rat sie ein Bündnis vorgeschlagen zum Schutz und Trutz gegen ihre gemeinschaftlichen Feinde.
Endlich erschien der Bote mit einem Briefe, den der Schultheiß (Präsident) sogleich laut vorlas wie folgt:
»Geehrte Herren von Zürich.
Wir bedauern, ihren Vorschlag, mit der Stadt Zürich in ein Bündnis zu treten, nicht annehmen zu können, da unsere Städte zu weit voneinander entfernt liegen, um sich im Falle der Not schnell genug Hülfe leisten zu können.«
Als die Züricher Ratsherren diese kalte Antwort auf ihr Anerbieten vernahmen, waren sie sehr ungehalten (böse) darüber, und berieten sich, um zu wissen, was nun zu thun sei.
Auf einmal rief der Jüngste unter ihnen aus: »Meine Herren, überlassen Sie mir die Sorge, den Straßburgern eine warme Antwort auf diese kalte Abweisung zu überbringen. Ich kann versprechen, daß es nicht lange dauern wird, ehe Sie eine ganz verschiedene (andere) Antwort erhalten werden.«
Die Ratsherren überließen die Sorge dieser Antwort ihrem jungen Mitgliede, der sogleich nach Hause eilte, und seiner Frau laut zurief:
»Liebe Frau, koche so schnell als möglich deinen größten Topf voll Brei!«
Die Frau ließ sogleich ein großes Feuer anmachen, und kochte einen ungeheuer großen Topf voll Brei.
Unterdessen eilte der junge Ratsherr zu der Limmat (ein kleiner Fluß) hinunter, ließ sein bestes Schiff zurichten, rief zehn starke junge Männer zu sich und befahl ihnen, bereit zu sein, um das Schiff die Limmat und Aare entlang und Rhein abwärts zu rudern.
Als das Schiff bereit war und die Jünglinge alle an ihren Plätzen waren, sagte der Ratsherr: »Jetzt sind Sie zum Aufbrechen ganz bereit, nicht wahr? Doch muß ich schnell nach Hause gehen, um etwas zu holen, aber sobald ich wieder zurück bin, müssen wir sogleich fort.«
Der Ratsherr lief schnell in seine Küche, wo seine Frau den Brei kochte.
»Ist der Brei fertig?« rief er hastig.
»Ja, ganz fertig,« erwiderte die Frau.
Auf einen Wink des Herrn nahmen zwei starke Diener den dampfenden Topf vom Feuer, und liefen schnell damit zum wartenden Schiff, wo sie ihn niedersetzten. Der Herr sprang in das Schiff, nahm selbst ein Ruder und rief laut:
»Jetzt, junge Leute, rudert so schnell als möglich, damit wir in Straßburg ankommen, noch ehe der Brei kalt ist. Wir wollen den Herren dort zeigen, daß die Züricher im Notfalle schnell genug ihren Verbündeten Hülfe leisten können!«
Die jungen Leute ruderten eifrig. Das Schiff flog die Limmat, Aare und Rhein hinunter, und in unglaublich kurzer Zeit kam es in Straßburg an.
Der Ratsherr sprang schnell aus dem Schiffe, winkte den zwei Dienern, ihm mit dem Breitopfe zu folgen, und ging eilig in das Rathaus, wo die Straßburger Ratsherren versammelt waren.
Ohne Aufenthalt trat er in den Saal, winkte den Dienern, den noch dampfenden Breitopf auf den großen Tisch zu setzen, und dann sprach er:
»Meine Herren, Sie haben das Züricher Bündnis nicht annehmen wollen, weil Sie unsere Städte zu weit entfernt dachten, um einander in der Not schnellen Beistand leisten zu können. Sie irren sich darin, die Züricher können Ihnen schnell genug Beistand leisten, das wird Ihnen dieser Breitopf am besten klar machen. Sehen Sie, meine Herren, dieser Brei wurde auf meinem Herd in Zürich gekocht, und dennoch ist er noch warm genug zum essen!«
Als die Straßburger Ratsherren den noch dampfenden Topf voll Brei sahen, schämten sie sich ein wenig ihrer kalten Antwort. Sie waren auch über den glücklichen Einfall des Ratsherrn höchst entzückt und riefen alle: »Freund, Sie haben ganz Recht. Das Bündnis soll geschlossen werden!«
Sie schrieben sogleich einen anderen Brief, welchen sie dem jungen Ratsherrn sogleich übergaben, aber als er fortgehen wollte, rief der Schultheiß:
»Warten Sie doch, Herr Ratsherr, wir wollen erst den Brei zusammen essen!«
Er ließ sogleich Löffel und Teller herbeibringen. Der Züricher Ratsherr teilte den Brei aus, die Herren aßen alle davon, und man erzählt, daß der Brei noch so heiß war, das mehr als einer sich den Mund damit verbrannte. Der Topf wird noch jetzt im Rathause zu Straßburg aufbewahrt, zum Andenken an das alte Bündnis zwischen Zürich und Straßburg.
(13) Zürich, a city in Switzerland, is situated at the point where the Limmat flows out of the lake of Zürich. The Limmat is a tributary of the Aar, which flows into the Rhine. The poet Langbein has versified the legend related here, and the kettle is still preserved as a curiosity in Strasburg.
14. Die Waldfrau.(14)
Betty war ein kleines Mädchen, die einzige Tochter einer armen Witwe.
Die Witwe hatte nur ein ärmliches Häuschen und zwei Ziegen, und Betty mußte diese zwei Ziegen täglich in dem Birkenwalde weiden, da die Mutter keine Wiese besaß.
Jeden Morgen nahm Betty ein Körbchen mit Brot, und eine Spindel, und ging fort mit ihren Ziegen; und jeden Morgen rief ihr die Mutter nach:
»Die Spindel muß diesen Abend voll sein!«
Betty ging immer munter fort, und als sie in den Wald kam, ließ sie die Ziegen weiden, und spann fleißig, bis die Mittagsstunde herankam. Dann aß sie ihr Brot, suchte einige Wald-Erdbeeren, und tanzte lustig einige Minuten, ehe sie das Spinnen wieder aufnahm.
Eines schönen Sommertages, nachdem sie gegessen, und gerade als sie ihren Mittagstanz begonnen, sah sie ein wunderschönes Mädchen im weißen Kleide vor sich stehen.
Das Mädchen hatte langes, goldenes Haar, und darauf war ein Kranz von Waldblumen. Betty war sehr erstaunt dieses Mädchen zu sehen, doch als diese sie fragte, ob sie gern tanze, vergaß sie alle Furcht und antwortete fröhlich:
»Ach ja! ich tanze so gern, daß ich den ganzen Tag nichts anderes thun möchte!«
»Das ist gut!« rief das schöne Mädchen. »Ich tanze auch gern. Kommen Sie, wir wollen zusammen tanzen!«
Sie nahm Betty bei der Hand, und bald gingen sie lustig im Kreise herum, und Betty tanzte so leicht, und wurde weder müde noch außer Atem, denn die kleinen Vögel kamen alle und sangen lustige Tanzmusik.
Betty vergaß alles in ihrer Tanzlust, und erst als die Sonne am Horizonte heruntersank, die Vögel fortflogen und das Mädchen aufhörte zu tanzen, dachte sie an ihre Ziegen und an ihre unvollendete Arbeit.
Das Mädchen mit den goldenen Locken war plötzlich verschwunden, und Betty war wieder ganz allein in dem Birkenwalde mit ihren Ziegen. Es war Zeit nach Hause zu gehen, und Betty packte ihren ungesponnenen Flachs und die Spindel, die nicht halb voll Faden war, in das Körbchen, und brachte die Ziegen nach Hause. Sie war aber so reuig, so lange getanzt zu haben, daß sie nicht wie gewöhnlich laut singen konnte, und die Mutter fragte, ob sie vielleicht krank sei.
»Nein, Mutter, ich bin nicht krank!« erwiderte Betty. Sie steckte Spindel und Flachs ein und dachte bei sich selbst:
»Es ist gut, daß die Mutter den Faden nicht sogleich windet. Morgen muß ich sehr fleißig sein und viel spinnen, denn heute bin ich sehr träge gewesen!«
Am folgenden Morgen ging Betty wieder in den Birkenwald mit ihren Ziegen, und spann fleißig bis Mittag, dann aß sie ihr Stück Brot, pflückte schnell einige Erdbeeren, und schickte sich soeben zu einem kurzen Tanze an, als das goldlockige Mädchen plötzlich wieder erschien, und sie wieder zum Tanze aufforderte.
»Schönes Fräulein,« sagte Betty. »Sie müssen mich heute entschuldigen. Ich kann nicht mit Ihnen tanzen, denn ich muß viel spinnen, sonst wird meine Mutter böse!«
»Ach, liebes Kind, kommen Sie nur, tanzen Sie nur getrost mit mir, das Spinnen werde ich besorgen.«
Und das schöne Mädchen faßte sie bei der Hand, und tanzte wieder lustig mit ihr im Kreise herum, während die Vöglein alle die schönste Tanzmusik sangen.