Märchen und Erzählungen für Anfänger. Erster Teil
Part 4
»Ach,« sagte Margarethe traurig. »Ich kann nicht kommen. Das Kind schläft, und ich habe der lieben Gräfin versprochen, das Kind nicht einen Augenblick aus den Augen zu lassen.«
»Margarethe, kommen Sie doch!« bat der junge Diener. »Das Kind schläft ja fest. Kommen Sie nur eine Minute. Wir wollen nur einen Tanz zusammen tanzen. Sie werden bald wieder hier sein, und da das Kind immer zwei Stunden schläft, wird es sicher noch nicht aufwachen. Hier in der Wiege ist es doch sicher, so kommen Sie!«
Margarethe tanzte so gern, daß sie endlich in den Hof ging, um nur einen Tanz mit dem Diener zu tanzen, und ließ das schlafende Kind im Kinderzimmer allein.
Die Musik war so schön, daß sie einen zweiten und dritten Tanz tanzte, und das schlafende Kind vergaß, bis die Musikanten fortgingen. Dann sagte sie:
»Ach, das liebe, schlafende Kind habe ich vergessen. Ich muß schnell in das Kinderzimmer gehen. Vielleicht ist es schon aufgewacht, vielleicht weint es bitterlich, es ist ja allein!«
Margarethe sprang die Treppen hinauf. Alles war still. Sie trat leise in das Kinderzimmer, aber da blieb sie erstaunt still stehen.
Alles lag auf dem Boden! Eine zweite Thür, die zu einer anderen Treppe führte, war weit offen, und die Wiege war leer!
Margarethe dachte zuerst: »Das Kind ist aus der Wiege gefallen!« Sie suchte es, aber da sie es nicht finden konnte, schrie sie laut vor Angst.
Die Diener kamen alle, suchten alle, aber sie konnten weder das Kind finden, noch das Bild der schönen Gräfin, das auf dem Tische gelegen.
»Ach,« sagte Margarethe laut weinend. »Das Kind ist fort! Ach, warum habe ich es allein gelassen? Warum bin ich in den Hof gegangen?«
Die anderen Diener sprachen alle zusammen und sagten: »Das Kind wurde gestohlen! Die Musikanten waren Räuber! Sie haben Tanzmusik gespielt, und als sie sahen, daß wir alle im Hofe waren, ist einer von ihnen in das Kinderzimmer gekommen, hat das schlafende Kind aus der Wiege genommen, und ist durch die andere Thür und die kleine Treppe in den Wald entkommen!«
Da sie alle in dem Schlafzimmer waren, hörten sie nicht daß ein Wagen schnell heranfuhr. Es war der Wagen der schönen Gräfin. Ihr Mann war nicht tot, nein, er war genesen, und da er in einigen Tagen wieder fechten konnte, hatte er seine Frau nach Hause geschickt, so daß das liebe Kind nicht länger allein mit den Dienern bliebe.
Die Gräfin war sehr erstaunt, niemand in dem Hofe zu finden, aber sie sprang schnell die Treppen hinauf, um das liebe Kind zu küssen, und trat schnell in das Kinderzimmer.
Da sah sie die traurigen Diener, das weinende Kindermädchen und die leere Wiege! Sie wurde totenblaß und rief ängstlich:
»Ach, was ist geschehen? Was ist geschehen? Wo ist mein Kind? Sprechen Sie doch, wo ist das liebe Kind?«
Die Diener konnten zuerst kein Wort sprechen, aber endlich erfuhr die arme Mutter alles.
»Ja, ja, das Kind ist gestohlen worden,« sagte sie. »Die Musikanten sind Kinderräuber. Nehmen Sie Pferde, reiten Sie schnell in den Wald und suchen Sie mein Kind überall. Sie werden es sicher noch finden. Die Leute, die es gestohlen haben, sind arm, sie haben keine Pferde, sie können noch nicht weit von hier sein. Gehen Sie, gehen Sie schnell!«
Die Diener liefen und ritten alle in den Wald. Sie suchten überall, aber sie konnten weder Kind noch Musikanten finden.
Das Kindermädchen und die Gräfin suchten auch, aber sie konnten weder Kind noch Musikanten finden.
Dann weinte die arme Gräfin bitterlich und war sehr traurig. Tag und Nacht dachte sie an das liebe Kind, und oft sagte sie:
»Die Leute haben das Kind sicher gestohlen, um viel Geld zu haben. Warum kommen sie nicht? Ich würde alles hingeben, um das liebe Kind wieder hier, in meinen Armen, zu halten. Ach! wenn mein lieber Mann nur hier wäre! Aber, ich kann ihm nicht sagen, daß unser Sohn gestohlen ist. Er ist verwundet, und sobald er hergestellt ist, muß er für den König und das Vaterland streiten. Ja, ich muß warten, bis der Krieg zu Ende ist, oder bis die Räuber mein Kind zurückbringen!«
Als das Kindermädchen ihre arme Herrin so bitterlich weinen sah, wurde sie immer unglücklicher, und endlich sagte sie zu sich selbst:
»Hier kann ich nicht länger bleiben. Ich kann das Weinen der armen Gräfin nicht sehen. Ich habe das Kind allein gelassen. Das war nicht recht. Ich bin bestraft, ja, ich bin bestraft! Ich kann nie wieder glücklich sein, bis das Kind seiner Mutter zurückgegeben ist. Aber ich kann nicht hier im Schlosse bleiben und meine Herrin trauern sehen, ich muß fort.«
Das arme Kindermädchen ging fort, um ihr Brot weit von dem Schlosse Eichenfels zu verdienen.
2. Die Grube.
Der arme kleine Heinrich weinte auch, denn eine böse alte Frau war leise in sein Zimmer gekommen, als die Diener im Schloßhofe lustig tanzten. Die Frau hatte das schlafende Kind auf den Arm genommen, und hatte auch viele schöne Dinge genommen. Auf dem Tische lag ein kleines Bild der Gräfin, das mit Perlen und Diamanten besetzt war. Das hatte die böse Frau schnell genommen. Dann war sie leise, leise die Treppen hinunter gegangen. Durch eine kleine Thür in der Schloßmauer war sie ungesehen in den Wald gekommen, und war schnell, sehr schnell, den Berg hinaufgegangen.
Die Räuber hatten eine alte Grube in dem Berge gefunden, und da wohnten sie. Sie blieben in der Grube während des Tages und kamen nur Nachts heraus, um zu stehlen.
Die alte Frau kam bald an einen Platz, wo die Gebüsche sehr dicht waren. Sie kroch durch die Gebüsche und kam endlich zu einer kleinen Thür. Sie öffnete die Thür mit einem Schlüssel und ging in den Berg hinein. Dann machte sie die Thür wieder fest zu und zündete eine kleine Lampe an. Jetzt konnte man sehen, daß sie in einem Gange stand.
Der Gang war finster, und die kleine Lampe gab nicht sehr viel Licht. Die Frau ging mit der Lampe den Gang entlang und endlich kam sie an einen Platz, wo viele Gänge zusammenkamen. Da war ein weiter Raum. Hier waren viele, viele Dinge, Beute, welche die Räuber gestohlen hatten.
Das Kind wachte endlich auf und weinte laut. Die böse Frau gab ihm ein wenig Milch, und dann ließ sie es weinen, so viel es wollte.
Der arme kleine Heinrich, der immer in einem schönen hellen Zimmer gewesen, und immer freundliche Leute gesehen, konnte natürlich nicht verstehen, warum alles so finster war, und warum man seines Weinens nicht achtete.
Aber da er ein sehr gutes Kind war, weinte er nicht lange. Er sah das Bild seiner schönen Mutter, das die alte Frau auf den Boden geworfen hatte, zu den anderen Dingen, welche die Räuber gestohlen hatten. Der kleine Heinrich sah das Bild, nahm es in seine kleinen Hände, küßte es vielmals und lispelte: »Mutter, Mutter!«
Nach einiger Zeit kamen die Musikanten auch.
»Nun, Alte,« sagten sie. »Sie haben das Kind gestohlen. Das haben wir gut gemacht. Jetzt, in zwei oder drei Wochen, werden wir viel Geld für das Kind bekommen. Haben Sie noch etwas gestohlen?«
»Ja wohl,« sagte die alte Frau. »Ich habe das Bild da gestohlen. Sehen Sie, es ist mit Perlen und Diamanten besetzt. Es ist sehr viel wert.«
Der älteste Räuber nahm das Bild aus der Hand des Kindes, das sogleich wieder zu weinen begann und laut: »Mutter, Mutter!« schrie.
Der Räuber sagte endlich, als er des Schreiens müde war:
»Nun, böses Kind, Du sollst die Mutter wieder haben!« und er gab ihm das Bild wieder. Das Kind weinte nicht mehr, es küßte das Bild und lachte.
Der kleine Heinrich blieb einige Wochen in der Grube. Eines Abends kamen die Räuber traurig nach Hause und sagten:
»Nun, es ist doch schade, daß wir das Kind gestohlen haben. Wir werden es hier behalten müssen, denn der Bürgermeister hat soeben beschlossen, daß Kinderräuber jetzt mit dem Tode bestraft werden sollen. Das Kind soll nie wissen, woher es kommt. Es soll denken, daß es unser Kind ist, und wenn es groß genug ist, soll es auch Räuber werden. Aber jetzt muß es fünf oder sechs Jahre hier im Berge bleiben.«
Da die alte Frau doch zu alt war, um viel hinaus zu gehen, blieb sie auch im Berge mit dem Kinde. Der kleine Heinrich spielte, aß, trank und schlief da im Berge, und da er nichts anderes kannte, war er immer zufrieden. Die alte Frau, die ihm nicht nachgehen wollte, lehrte ihn die Finsternis fürchten, und so blieb er immer bei der Lampe und ging nie in die vielen Gänge. Als er größer wurde, spielte er oft mit dem jüngsten unter den Räubern, einem guten jungen Mann, der auch als Kind entführt (gestohlen) worden war, und rauben mußte, obgleich er es nicht gern that.
Dieser Jüngling war dem Kleinen gut, und jeden Morgen, wenn er wieder in die Höhle kam, brachte er dem Knaben ein Spielzeug. Er brachte ihm ein hölzernes Lamm, eine Schere und bunte Papiere, und lehrte ihn, Blätter und Blumen daraus zu schneiden.
Das Kind wurde sieben Jahre alt, und doch wußte es nichts von der schönen Welt draußen. Es kannte nichts als die Höhle, die Räuber, die alte Frau und das Leben im Berge.
Die alte Frau war jetzt so alt geworden, daß sie immer schlafen wollte, und wenn die Räuber fortgingen, war Heinrich so gut als allein. Oft sagte er zu dem Jüngling: »Ich möchte doch einmal mit Ihnen gehen, wenn Sie ein Licht nehmen und dort in die Finsternis gehen! Das Licht wird immer kleiner und kleiner, so klein, daß ich es endlich nicht mehr sehen kann.«
»Ach,« sagte der Jüngling. »Sie können nicht mitkommen. Bleiben Sie nur hier und machen Sie viele schöne Papierblumen.«
3. Der Einsiedler.
Eines Tages, als die alte Frau fest eingeschlafen war, und die Räuber alle fort waren, nahm der kleine Heinrich ein Licht und sagte zu sich selbst: »Ich will auch da in die Finsternis gehen! Ja, ich will gehen. Ich werde die Räuber bald finden!«
Er ging. Der Gang war sehr finster und sehr lang. Endlich kam er an einen Platz, wo zwei Gänge zusammenkamen. Da er nicht wußte, welchen Gang er nehmen sollte, nahm er den rechts, und ging wieder weiter. Aber das Licht war klein und endlich erlosch es.
Der arme kleine Heinrich konnte zuerst nichts sehen. Er war allein, und alles war so finster. Endlich aber sah er ein kleines mattes Licht. Er dachte: »Ach, da sind die Räuber, ich muß ihnen schnell nachlaufen.« Er lief schnell. Das Licht wurde immer größer, aber es war immer sehr matt. Endlich kam Heinrich dahin, wo der Gang ins Freie führte. Das Loch war klein, aber er kroch schnell hinaus und sah die Welt, die wunderschöne Welt zum erstenmal.
»Ach,« sagte er erstaunt. »Hier ist eine wunderschöne Höhle, viel schöner als die unsrige!«
Es war sehr früh Morgens. Das Kind sah Gras und Bäume zum erstenmal, und dann sah es auch den Sonnenaufgang.
»Ach,« sagte der kleine Heinrich erstaunt. »Sehen Sie doch die große Lampe! Und da ist viel Gras! Ich habe nie so viel Gras gemacht. Ich kann es auch nicht so schön machen.«
Endlich sah er ein Lamm, ein kleines, neugeborenes Lamm.
»Da ist ein Lamm!« rief er erstaunt, »aber es ist viel größer als mein Lamm. Ich will mit ihm spielen!«
Aber als er das Lamm nehmen wollte, stand es auf und sagte: »Bää!«
»Ach,« sagte Heinrich erstaunt, »das ist schön! Lamm, du bist nicht wie mein Lamm. Du kannst sprechen und aufstehen! Mein Lamm kann weder sprechen noch aufstehen. Du bist ein schönes Spielzeug.«
Er stand da und der Schäfer, der ihn aus dem Berge hatte kommen sehen, sah ihn erstaunt an. Heinrich sah den Schäfer, sprang zu ihm und rief:
»Ach, Räuber, ist das Ihre Höhle?«
»Ich bin kein Räuber!« sagte der Schäfer. »Dieses ist keine Höhle. Wer bist du? Woher kommst du?«
»Ich bin durch den Gang von unserer finsteren Höhle hier in diese schöne Höhle gekommen. Aber hier ist es viel schöner und lichter als bei uns. Ihre Lampe ist auch viel größer. Haben Sie das Gras allein gemacht? oder haben die anderen Räuber Ihnen geholfen?«
Der Schäfer, der schon oft von Räubern gehört hatte, fürchtete sich sehr, als er das Kind so sprechen hörte. Er sah das Kind wieder an und dachte: »Das Kind kann kein Räuberkind sein. Es muß ein entführtes Kind sein. Vielleicht kommen die Räuber bald es fortzunehmen. Hier kann es nicht bleiben.«
Er nahm das Kind auf einen Arm, das Lamm auf den anderen, und lief schnell fort. Bald kam er vor eine kleine Hütte. Hier wohnte ein Einsiedler. Der Einsiedler wohnte hier allein. Er war sehr gut, er liebte Gott, und alle Menschen liebten ihn, denn er war immer froh ihnen helfen zu können.
Der Schäfer trat schnell in den kleinen Garten vor der Hütte.
Da war der gute Einsiedler. Er saß unter einem Baume. Er hatte sein Gebetbuch in der Hand. Der Schäfer sagte ihm, wie er das Kind aus der Erde hätte kommen sehen, und wie das Kind nur von der Höhle und den Räubern spräche.
Der Einsiedler hörte alles, und als der Schäfer zu Ende war, sagte er ruhig:
»Ja, das Kind kann kein Räuberkind sein. Es ist zu fein geformt. Es muß das Kind reicher Leute sein. Die Räuber müssen es gestohlen haben, als es sehr jung war. Ich will das Kind hier in meinem Hause behalten. Hierher kommen die Räuber sicher nicht, denn sie wissen, daß ich weder Gold noch Silber habe, und daß sie hier nichts zu stehlen finden.«
Der Schäfer dankte dem Einsiedler, ließ das Lamm dem kleinen Heinrich und ging fort.
Heinrich spielte mit dem Lamme und der Einsiedler sagte langsam:
»Armes Kind, Sie sehen sehr blaß und unwohl aus, aber da Sie vielleicht schon lange in dem Berge wohnten, ist es sehr natürlich. Mein Kind, haben Sie weder Vater noch Mutter?«
»Ach ja,« sagte das Kind, »ich habe eine schöne Mutter. Sehen Sie, hier ist meine Mutter!« und das Kind gab dem Einsiedler das schöne Bild, das es mitgebracht hatte.
Der Einsiedler sah die wunderschöne Frau und sagte erstaunt: »Das ist eine wunderschöne Frau! Sie muß eine Königin oder eine Gräfin sein. Ja, sie ist die Mutter des Kindes. Das kann ich sehen. Das Kind hat dieselben Augen und denselben Mund! Nun, da wir das Bild haben, werden wir die Eltern des Kindes vielleicht finden können. Sie müssen sehr traurig sein, das schöne Kind verloren zu haben!«
Das Kind spielte lange mit dem Lamme. Endlich sah es die schönen Blumen in dem Garten des Einsiedlers, und sagte erstaunt: »Ach, wie haben Sie alle die schönen Blumen da gemacht? Sie haben mehr und schöneres Papier als ich!«
Der Einsiedler sagte: »Ich habe die Blumen nicht gemacht. Der liebe Gott hat sie alle gemacht!«
»Ist er der Führer der Räuber?« fragte das Kind.
»Ach, nein,« sagte der Einsiedler. »Haben Sie nie von Gott gehört, mein Kind?«
»Nein, er ist nicht in unserer Höhle,« antwortete das Kind. Als der Einsiedler das hörte, dachte er: »Hier muß das Kind bleiben den ganzen Sommer, bis es wieder frisch und wohl ist, und bis es gelernt hat, Gott zu ehren, und gut zu sprechen, denn es spricht nicht gut. Das Sprechen hat es sicher von den Räubern gelernt, denn es sagt oft sehr schlechte Worte.«
Der Einsiedler führte Heinrich in die Hütte. Da war alles sehr schön, aber sehr klein. Der Einsiedler setzte Honig und Brot, Früchte und Wein auf den Tisch, und das Kind sagte:
»Wie viele gute Dinge Sie hier zu essen haben. Sie haben sicher heute eine gute Beute heimgebracht.«
»Ich bin kein Räuber,« sagte der Einsiedler. »Diese Früchte und dieser Wein kommen aus meinem Garten. Das Brot kommt von meinem Korn, der Honig von meinen Bienen, Gott hat mir alles gegeben!«
Als sie mit dem Essen zu Ende waren, nahm der Einsiedler eine Kanne voll Wasser. Er wollte seine Blumen begießen, aber das Kind sagte:
»Ach, guter Mann, thun Sie das nicht! Sie werden die schönen Blumen verderben. Ich habe eine Blume einmal in das Wasser fallen lassen und sie war nie wieder schön.«
»Ja,« sagte der Einsiedler. »Papierblumen sind nicht wie diese Blumen. Diese Blumen hat der liebe Gott gemacht. Sie wachsen aus der Erde, und sie müssen immer viel Wasser zu trinken haben. Darum muß ich sie jeden Tag begießen!«
Das Kind ging mit dem Einsiedler überall hin und sah viele schöne Dinge, und hörte vieles, das es nicht verstehen konnte. Endlich sank die Sonne am Horizonte nieder. Das Kind sah es und schrie laut:
»Ach, sehen Sie, die schöne Lampe ist in ein Loch gefallen! die schöne Lampe ist in ein tiefes Loch gefallen!«
»Nein,« sagte der Einsiedler. »Das ist nur der Sonnenuntergang. Morgen kommt die Sonne wieder. Aber jetzt mußt du zu Bette gehen, liebes Kind, du mußt müde sein!«
Das Kind sah das Bett, wunderte sich, legte sich darauf und schlief bald fest ein, aber der Einsiedler betete noch lange um Gottes Hülfe.
Das Kind blieb da, in der Einsiedelei, den ganzen Sommer. Es lernte viel, wurde stark und gesund, und konnte bald sehr gut Deutsch sprechen. Der Einsiedler lehrte es viel von Gott und von der Welt, die Er geschaffen hat.
4. Die Reise.
Als der Sommer vorüber war, und der Herbst herankam, sagte der Einsiedler zu dem Knaben:
»Morgen gehen wir in die Welt, um deine Eltern zu suchen. Gott gebe, daß wir sie bald finden, denn ich bin schon sehr alt, und ich möchte dich doch bei deinen Eltern wissen, bevor ich sterbe.«
Sie reisten ein, zwei, drei Tage, und der kleine Heinrich war sehr erstaunt, andere Kinder zu sehen, und Frauen, die nicht so alt als die alte Räuberin, noch so schön als seine Mutter waren.
Sie gingen durch Städte und Dörfer, und kamen endlich zu einer großen Wiese, wo ein Mädchen Gänse hütete. Das Mädchen war nicht froh, sie weinte bitterlich, und der gute Einsiedler trat zu ihr und sagte:
»Mein Kind, warum weinen Sie so sehr? Kann ich Ihnen nicht helfen?«
»Ach nein,« schluchzte das Mädchen. »Niemand kann mir helfen! Ich bin so unglücklich, weil ich meiner Herrin nicht Wort gehalten habe. Ich hatte ihr versprochen, ihren Sohn gut zu hüten. Aber als das Kind schlief, habe ich es einmal allein gelassen, um in dem Hofe mit anderen Dienern zu tanzen. Das Kind wurde gestohlen, und meine Herrin ist jetzt allein und so traurig! Ich werde nie glücklich sein, bis das Kind wieder nach Hause kommt, und ich habe schon sechs Jahre lang Tag und Nacht Gott gebeten, das Kind wieder heimzubringen.«
Der alte Einsiedler, der allem erstaunt zugehört hatte, sagte:
»Nun, mein Kind, vielleicht hat Gott Ihr Gebet endlich erhört! Sehen Sie dieses? Kennen Sie diese schöne Frau?« und der Einsiedler zeigte ihr das Bild.
»Ach ja, das ist meine liebe Herrin!« rief das Mädchen. »Und das ist das Bild, das mit dem Kinde gestohlen wurde! Sagen Sie mir, wie ist es in Ihre Hände gekommen?«
Der alte Mann sagte ihr, wie ein kleiner Knabe, sieben Jahre alt, aus dem Berge kam, und daß er das Bild »Mutter« nannte.
»Gott sei Dank!« rief das Mädchen. »Das Kind ist gefunden! Wo ist es, ich muß es sehen.«
Der Einsiedler zeigte ihr das Kind und sie sagte:
»Ja, ja, das ist der kleine Graf Heinrich von Eichenfels. Er ist wie seine schöne Mutter!« und sie küßte Heinrich und weinte vor Freude.
Dann sprach der Einsiedler noch lange mit ihr, und sie sagte, daß sie mit ihm gehen wolle, um das Kind nach Hause zu bringen.
»Es ist weit von hier,« sagte sie. »Drei Tage werden wir reisen müssen, aber kommen Sie jetzt zu meinem Herrn!«
Das Mädchen führte den Einsiedler und Heinrich zu ihrem Herrn, und er sagte sogleich: »Ja, gehen Sie, gutes Mädchen, führen Sie das Kind zu Ihrer armen Herrin. Sie hat lange genug geweint, gehen Sie schnell!«
Der Einsiedler, Heinrich und Margarethe machten sich auf den Weg zu dem Schlosse Eichenfels. Sie gingen zwei lange Tage, und als der dritte zu Ende ging, waren sie noch weit von dem Schlosse, denn der Einsiedler war so alt, daß er nicht schnell gehen konnte. Als die Nacht herankam, waren sie in einem dichten Walde, und da es zu finster war, um weiter zu gehen, traten sie in ein kleines Gasthaus im Walde ein.
Margarethe sagte zu dem Einsiedler: »Hier möchte ich lieber nicht übernachten, die Leute sind nicht gut, und vielleicht kommen die Räuber hierher und nehmen uns das Kind wieder.«
Aber der Einsiedler antwortete:
»Mein Kind, wir sind ja alle in Gottes Hand, und Er wird uns helfen.«
Margarethe legte das Kind ins Bett, aber der alte Einsiedler konnte nicht schlafen. Er setzte sich an den Tisch, nahm sein Gebetbuch und betete lange.
Alles war sehr still. Es wurde acht Uhr, neun Uhr, zehn Uhr. Dann hörte man einen großen Lärm. Jemand klopfte laut an die Thür. Niemand wollte öffnen. Alle fürchteten sich, und Margarethe rief ängstlich: »Es sind die Räuber! Sie wollen das Kind wieder nehmen!«
Dann sagte der Einsiedler: »Still! ich will die Thür öffnen, und Gott wird uns helfen!«
Er öffnete die Thür. Da traten viele Soldaten ein, und sie sagten:
»Der Krieg ist zu Ende. Wir kommen nach Hause. Unser Herr kommt auch! machen Sie alles bereit, Herr Wirt.«
Der Wirt, der sehr froh war zu hören, daß der Krieg zu Ende war, machte alles schnell bereit, und nach kurzer Zeit trat ein schöner Ritter auch herein. Er setzte sich an den Tisch zu dem Einsiedler und sagte:
»Nun, ich bin doch froh, wieder einen guten Mann Gottes zu sehen. Seit sechs Jahren habe ich nichts als Soldaten gesehen. Aber jetzt bin ich auf dem Wege nach Hause. Nicht sehr weit von hier ist mein Schloß!«
»Ach, wie heißen Sie denn?« fragte der Einsiedler.
»Ich bin der Ritter von Eichenfels!« antwortete der Ritter.
»Haben Sie Frau und Kind?«
»Ja, ich habe eine schöne Frau. Ich habe auch einen kleinen Sohn daheim gelassen. Er war so schön und zuerst konnte meine Frau nicht genug von ihm schreiben. Aber seit sechs Jahren schreibt sie nichts mehr von ihm. Ihre Briefe sind sehr traurig, und ich fürchte, daß mein Kind krank oder tot ist. Ich habe Angst, viel Angst. Aber wir wollen nicht mehr davon sprechen. Morgen bin ich zu Hause, und dann weiß ich alles. Sagen Sie mir, lieber, guter Einsiedler, warum Sie hier in dem wilden Walde reisen?«
Der Einsiedler erzählte dem Ritter, daß er ein gestohlenes Kind seinen Eltern zuführen wolle, und endlich sagte er:
»Hier ist das Bild der Mutter des Kindes!« und gab dem Ritter das Bild.
»Ach, das ist ja meine Frau!« rief der Ritter erstaunt.
»Ja,« sagte der Einsiedler, »und das Kind ist Ihr Kind!«
»Wo ist es? Ich muß es sehen!« sagte der glückliche Vater.
Er folgte dem Einsiedler in das Schlafzimmer, sah das schlafende Kind und weinte vor Freude. Nach einer Minute aber dachte er an seine arme Frau, und sagte traurig.
»Ach, meine arme Frau! Sie hat nur nichts gesagt, weil sie wußte, daß ich bei dem König bleiben mußte, bis der Krieg zu Ende war. Sie muß viel geweint haben, und jetzt weiß sie noch nicht, daß das liebe Kind gefunden ist. Ich muß sogleich zu ihr gehen!«
»Nein,« sagte der Einsiedler, »bleiben Sie hier bei Ihrem Sohne. Geben Sie mir ein Pferd. Ich will allein gehen, und der Gräfin schonend sagen, daß das Kind gefunden ist, und daß Sie beide nach Hause kommen. Es muß ihr schonend gesagt werden, sonst wird sie vor Freude sterben.«
»Ja, Sie haben recht!« sagte der Ritter. Er gab dem Einsiedler ein Pferd, und der alte Mann ritt so schnell, daß er um elf Uhr Morgens in den Schloßgarten trat.
5. Das Wiedersehen.
Die Gräfin saß allein in ihrem Garten auf einer Bank und weinte. Der Einsiedler ging zu ihr hin und sagte:
»Gute Frau, warum weinen Sie?«
»Ich weine, weil mein Mann heute nach Hause kommt!« schluchzte die arme Frau.
»Lieben Sie Ihren Mann denn nicht?« fragte der Einsiedler erstaunt.
»Ja wohl! Über alles liebe ich ihn! Aber er kommt glücklich nach Hause, er denkt seinen Sohn zu finden, und hier ist kein Sohn mehr!«
»Ist der Knabe tot?« fragte der Einsiedler.
»Nein, er wurde vor sechs Jahren entführt!« sagte die arme Mutter. »Vielleicht ist er Räuber geworden, denn ich habe kein Wort von ihm gehört, und ich hätte doch viel Geld gegeben, um ihn wieder zu haben.«
»Ach, vielleicht finden Sie das Kind noch!« sagte der Einsiedler. »Hören Sie, schöne Frau, ich kenne ein Kind, das wie Ihr Knabe sehr jung gestohlen wurde. Es wohnte sechs Jahre lang in einer Höhle, es war bei bösen Männern, aber Gott war auch da. Gott hat das Kind aus dem Berge geführt. Ich habe den Knaben seinem glücklichen Vater wiedergegeben.«
»Ach,« schluchzte die schöne Frau, »wie froh die armen Eltern sein mußten. Was sagte die Mutter, als sie ihr Kind wieder sah?«