Märchen und Erzählungen für Anfänger. Erster Teil
Part 3
Die Musik war zuerst sehr, sehr leise, aber nach einigen Minuten wurde sie lauter und lauter. Der Pfeifer spielte mehr und mehr, und als er spielte, kamen die Ratten und Mäuse alle aus den Häusern. Ja, alle die großen und kleinen Mäuse und Ratten kamen zu ihm.
Die Leute sagten alle:
»Ach! sehen Sie doch, da kommen alle die bösen Ratten und Mäuse! Sie kommen alle, um die Musik zu hören. Sie kommen aus den Häusern und sie laufen alle dem Pfeifer nach.«
Jetzt spielte der Pfeifer noch schöner, und ging langsam, sehr langsam, die lange Straße entlang. Und die Ratten und Mäuse folgten ihm.
»Sehen Sie doch!« sagten die Leute. »Sehen Sie doch, die Mäuse folgen dem Pfeifer!«
Die Ratten und Mäuse folgten dem Pfeifer aus der Stadt, aus der wunderschönen Stadt Hameln.
Bald war keine Maus und keine Ratte mehr in der Stadt, und die Einwohner waren alle froh, sehr froh.
Die Einwohner wollten sehen, was der Pfeifer mit den Mäusen und Ratten thun wollte, so gingen sie auch alle aus der Stadt. Dann sahen sie den Pfeifer, von Ratten und Mäusen gefolgt, gegen den Fluß gehen. Nahe bei Hameln ist die Weser. Die Weser ist ein großer Fluß. Da ist viel Wasser, sehr viel Wasser.
Der Pfeifer spielte jetzt so laut, daß Mäuse und Ratten das Wasser nicht merkten (sahen). Er spielte immer lauter, und ging in das Wasser, und die Ratten und Mäuse folgten ihm. Da sie die schöne Musik hörten und da sie nicht gut schwimmen konnten, ertranken sie alle in dem tiefen Strom. Ja, alle Mäuse und Ratten ertranken.
Als die Ratten und Mäuse alle tot waren, kam der Pfeifer wieder in die Stadt. Er kam wieder vor den Bürgermeister und sagte:
»Mein Herr, jetzt sind Sie die Mäuse und Ratten alle los. Geben Sie mir meinen Lohn (Gold).«
»Ach nein,« antwortete der Bürgermeister. »Sie werden keinen so großen Lohn haben. Sie haben ja nur Musik gespielt. Ihre Musik ist schön, das ist wahr (das ist so), aber ich kann nicht so viel Gold für Musik geben.« Und der Bürgermeister wollte dem Pfeifer nichts geben.
Dann war der Pfeifer böse und sagte: »Mein Herr, Sie haben versprochen (gesagt), daß Sie das Gold geben würden, wenn Sie nur die Ratten und Mäuse los sein könnten. Ich habe sie alle in der Weser ertränkt. Sie kommen nie wieder, denn sie sind alle tot. Jetzt geben Sie mir meinen Lohn.«
»Nein,« sagte der Bürgermeister, »die Ratten und Mäuse sind tot, und das ist gut. Sie können nicht wiederkommen, so werde ich Ihnen das Gold nicht geben. Gehen Sie fort, Pfeifer, gehen Sie fort, ich gebe Ihnen keinen Lohn.«
»Nun,« sagte der Pfeifer, »wenn ich kein Gold haben kann und kein Silber, so muß ich die Kinder haben!«
Und der Pfeifer ging in die Straße, in die schönste und längste Straße von Hameln, und da spielte er wieder seine schöne Musik.
Die Musik, zuerst leise, wurde immer lauter, und da kamen, nicht Ratten und Mäuse, denn sie waren ja alle tot, aber da kamen Kinder, groß und klein. Sie kamen alle aus den Häusern, so schnell.
»Ach!« sagten die Mütter. »Sehen Sie doch die Kinder! Sie folgen dem Pfeifer, er spielt ja so schön!«
Die Mütter sahen die Kinder, groß und klein, die alle dem Pfeifer folgten. Sie folgten ihm die lange Straße entlang. Die Mütter riefen laut: »Kinder, kommt nach Hause!« aber die Kinder hörten nichts als die Musik, die wunderschöne Musik, und sahen nichts, als den Pfeifer.
Dann sagten die armen Mütter: »Ach, sehen Sie doch, die Kinder folgen dem Pfeifer. Er wird sie auch zu dem Wasser bringen. Er wird sie, wie die Ratten und Mäuse, in der Weser ertränken!«
Und die Mütter riefen laut, sehr laut, den Kindern zu, und sie wollten nach den Kindern gehen, aber sie konnten nicht!
Der Pfeifer spielte immerfort. Er ging weiter und weiter, und die Kinder, groß und klein, folgten ihm. Sie waren ja alle so froh, denn die Musik war so wunderschön, daß sie tanzen und lachen mußten.
Aber der Pfeifer ging nicht zum Wasser. Ach nein, er ging weiter, viel weiter.
Endlich kam er mit den Kindern zu einem Berge. Der Berg war hoch, sehr hoch.
»Ach!« sagten die ängstlichen Mütter, »das ist gut. Der Pfeifer kann nicht spielen, wenn er den Berg hinan geht. Wenn er nicht mehr spielt, werden die Kinder hören, wenn wir rufen, und dann werden sie wieder in die Stadt kommen.«
Aber das war nicht so, denn auf einmal that sich der Berg auf. Da war eine wunderschöne Höhle! Der Pfeifer ging hinein. Er spielte immer lauter und schöner, und die Kinder, die noch immer tanzten und lachten, folgten ihm. Sie folgten ihm alle, und als sie alle in der Höhle waren, schloß (machte) sich der Berg wieder zu, und die armen Eltern sahen ihre lieben Kinder nie wieder.
Es waren keine Ratten und Mäuse mehr in der Stadt Hameln, aber es waren auch keine Kinder mehr, weder große noch kleine, und die Eltern weinten bitterlich.
Es war nur ein Kind in Hameln. Das Kind war lahm. Es konnte nicht tanzen, und es weinte auch und sagte immer: »Ach, warum konnte ich nicht mit den anderen Kindern gehen? Der Pfeifer spielte so schön, und die Musik sprach (sagte) von Rosen und Zucker, von Honig und Kuchen. Die Kinder haben gewiß viele schöne Rosen im Berge gefunden, und der Pfeifer giebt ihnen viel Zucker und Honig, und viele gute Kuchen. Ach, ich bin traurig, und ich muß immer weinen, und die anderen Kinder sind alle so froh.«
Das lahme Kind war traurig, die Mütter und Väter waren es auch, denn sie konnten ihre lieben Kleinen nicht mehr sehen. Alle die Einwohner von Hameln waren traurig und der Bürgermeister sagte:
»Keine Musik soll je in der langen Straße gespielt werden!« und er sagte auch, daß das Jahr tausend zwei hundert vierundachtzig (1284), als der Pfeifer nach Hameln kam, und die Kinder fortnahm, ein trauriges Jahr gewesen, das traurigste, das er je erlebt (gesehen) hatte.
(6) The Pied Piper of Hamelin, so charmingly rendered in verse by Browning, is one of the most popular folk-tales in Germany. Its connection with the early superstitions of the northern races is explained in the author's "Myths of Northern Lands," in the chapter on Odin.
7. Undank ist der Welt Lohn.(7)
Ein Mann ging einmal in den Wald, um Holz zu spalten. Er spaltete lange und kam immer weiter in den Wald hinein. Endlich kam er an einen Platz, wo er einen großen Lärm hörte.
»Was ist das?« sagte der Mann erstaunt. »Ich höre einen großen Lärm. Was kann es sein?«
Er suchte überall und fand bald einen großen Drachen, der unter einem großen Steine lag, und der nicht fortkommen konnte.
»Ach, lieber Mann,« sagte der Drache, »helfen Sie mir, bitte, bitte! Ich bin hier schon hundert lange Jahre!«
Der Mann sagte: »Es ist schade, daß Sie da unter dem Steine bleiben müssen. Ich will Ihnen helfen!«
Der Mann nahm eine lange Stange und nach vieler Mühe konnte er den großen Stein aufheben, und der arme Drache kroch hinaus.
Da war der arme Drache glücklich, wieder frei zu sein, aber da er seit hundert Jahren nichts gefressen hatte, war er sehr hungrig. Er sah überall hin, aber er sah nichts, das er fressen konnte, als seinen Erlöser. Er war dankbar, aber er war so hungrig.
Endlich sagte der hungrige Drache: »Da ich nichts anderes zu fressen finde, so werde ich Sie fressen müssen, obgleich Sie mich erlösten.«
»Ach!« bat der Mann, »das ist doch nicht recht, Drache, ich habe Sie ja erlöst. Ich habe Ihnen viel Gutes gethan. Sie können doch nicht so undankbar sein!«
»Ach!« sagte der Drache, »Undank ist der Welt Lohn!« und der Drache machte den großen Mund auf, um den Mann zu fressen.
Da bat der Mann so inbrünstig um sein Leben, daß der Drache endlich sagte: »Nun, guter Mann, wir wollen zusammen durch den Wald gehen. Wir werden bald jemandem (einem Manne) begegnen, der soll entscheiden (sagen), ob ich Sie fressen kann, da ich doch so hungrig bin und seit hundert Jahren nichts zu essen gehabt, oder ob Sie frei gehen sollen.«
Der Mann und der Drache gingen zusammen durch den Wald. Bald begegneten sie beide einem Hunde.
»Da ist ein Hund, er soll entscheiden!« sagten sie beide. Sie kamen zu dem Hunde und fragten: »Ist es recht, daß der Drache seinen Erlöser frißt, oder soll er vor Hunger sterben?«
»Das weiß ich nicht,« sagte der alte Hund traurig. »Ich habe meinem Herrn ehrlich (gut) gedient, seitdem ich ein sehr kleiner Hund war. Nachts habe ich immer gewacht, so daß niemand (kein Mann) seine Ruhe störe; aber jetzt, da ich alt bin und weder hören noch sehen kann, will er mich töten. Darum lief ich fort! Er ist sehr undankbar, aber Undank ist der Welt Lohn.«
»Ja, das ist der Welt Lohn. Niemand ist dankbar, so brauche ich auch nicht dankbar zu sein,« sagte der Drache zu dem Manne. »Ich habe Recht und ich will Sie sogleich fressen.«
Der Drache sprang nach dem Manne und wollte ihn fressen, aber der Mann bat wieder so inbrünstig, daß er endlich sagte: »Nun, wir wollen weiter gehen. Der Hund war blind (konnte nicht sehen). Vielleicht kann ein blinder Hund nicht gut entscheiden. Wir wollen durch den Wald gehen. Wir begegnen sicher jemandem, der besser entscheiden kann.«
Sie gingen beide weiter und begegneten bald einem alten, lahmen Pferde.
»Pferd!« rief der Drache, »Pferd, kommen Sie hierher und entscheiden Sie, ob ich meinen Erlöser fressen soll, oder ob ich vor Hunger sterben soll?«
Das lahme Pferd antwortete: »Nun, ich kann nicht entscheiden. Ich habe meinem Herrn ehrlich Jahre lang gedient. Ich habe den ganzen Tag gearbeitet, und jetzt, da ich alt und lahm bin, sagt der Herr, daß ich nichts mehr wert sei und daß ich sterben soll. Er ist sehr undankbar, aber Undank ist der Welt Lohn!«
»Ja, alle Leute sind undankbar, und darum kann ich auch undankbar sein. Das ist der Welt Lohn!« sagte der Drache, und wieder wollte er den Mann fressen. Aber der Mann bat so inbrünstig um sein Leben, daß der Drache endlich sagte:
»Nun, vielleicht kann ein lahmes Pferd nicht viel besser entscheiden als ein blinder Hund. Wir wollen weiter gehen und einen anderen Richter suchen.«
Sie gingen beide durch den Wald und begegneten bald einem schlauen Fuchse.
»Aller guten Dinge sind drei!« sagte der Mann. »Wir wollen den Fuchs fragen. Er wird uns sagen können, ob Sie nicht dankbar sein sollten.«
Der schlaue Fuchs hörte alles, was sie beide sagten, dann sagte er langsam:
»Ja, ich verstehe. Ich verstehe, aber ich muß noch mit dem Manne allein sprechen.«
Er nahm den Mann bei Seite und sagte ihm leise:
»Nun, guter Mann, was geben Sie mir, wenn ich Sie von dem Drachen erlöse?«
»Ach, lieber Fuchs!« sagte der Mann. »Sie können jeden Donnerstag kommen, und das Beste in meinem Hühnerhof haben.«
»Gut,« sagte der Fuchs. »Das ist mir recht, ich will Sie erlösen.«
Der schlaue Fuchs ging wieder zu dem Drachen und sagte langsam: »Ich kann nicht gut entscheiden, bis ich weiß, wie es kommt, daß Sie, ein so großes Tier, hundert Jahre unter einem Steine bleiben mußten. Wie sind Sie unter den Stein gekommen?«
»Nun,« antwortete der Drache, »das kann ich in einem Augenblick klar machen. Ich war auf dem Berge eingeschlafen. Da kam eine Steinlawine, und der große Stein ist auf mich gefallen, so daß ich hundert Jahre still bleiben mußte und nicht frei werden konnte.«
»Das kann ich noch nicht gut verstehen. Ich muß den Platz sehen, wo Sie so lange unter dem Steine lagen,« sagte der schlaue Fuchs.
»Nun dann, kommen Sie!« sagte der Drache, und er ging, von dem Fuchse und dem Manne gefolgt, zu dem Platze, wo er so lange gefangen war.
»Ach!« sagte der Fuchs, »es ist unmöglich (kann nicht sein), daß Sie, ein großes Tier, da unter dem Steine waren!«
»Ach ja! da war ich hundert Jahre. Sehen Sie, lieber Fuchs, ich lag so!« und der Drache legte sich wieder in das Loch (Höhle). Der Mann und der schlaue Fuchs ließen den Stein wieder fallen, und der Drache war wieder fest gefangen.
Der Drache jammerte bitterlich, aber der Fuchs sagte:
»Jammern Sie nicht so sehr, lieber Drache, Sie sind gefangen und Sie haben Hunger, aber Undank ist der Welt Lohn.«
Und der schlaue Fuchs ging mit dem Manne fort. Der Mann dankte dem Fuchse tausendmal und ging glücklich nach Hause.
Am Donnerstag kam der schlaue Fuchs. Er ging in den Hühnerhof und fraß so viele Hühner (Hahn und Henne), daß er nicht mehr laufen (gehen) konnte. Dann legte er sich im Hühnerhof nieder und sagte: »Der Mann ist mein Freund, hier kann ich gut schlafen.«
Aber am Morgen früh kam das Hühnermädchen. Sie sah den schlafenden Fuchs. Sie nahm einen Stock, der Mann nahm auch einen Stock, und beide schlugen den armen Fuchs so sehr, daß sie ihn fast töteten.
Der Fuchs sprang endlich aus dem Hühnerhof und sagte traurig:
»Ja, ja, es ist wahr, alle Menschen (Männer) sind undankbar, Undank ist der Welt Lohn.«
(7) This is the Swedish version of a fragment of the Animal Epic of "Reynard the Fox," which crossed the Rhine with the Franks, and became well known in France, whence it gradually spread all over Europe. It forms part of the Folk Lore, of all the European nations. Dasent has given an English translation of this particular version in his "Tales of the Fjeld."
8. Die Prinzessin, die nicht lachen wollte.(8)
Es war einmal ein König, der eine wunderschöne Tochter hatte. Sie war schön, aber sie war immer so traurig, daß sie nie lachte, und so hochmütig, daß sie immer »nein« sagte, wenn ein Prinz kam, um sie zu heiraten. Der König war nicht zufrieden und zuletzt sagte er: »Meine Tochter muß heiraten, und ich werde sie dem Manne geben, der sie lachen machen kann.«
Als die Freier (die Männer, welche die Prinzessin heiraten wollten) dieses hörten, wollten sie alle die Prinzessin lachen machen, und sie kamen alle, einer nach dem anderen, und doch lachte die Prinzessin nicht. Diese jungen Freier waren alle so komisch, daß der König, die Königin und alle ihre Diener sehr lachen mußten, nur die traurige Prinzessin lachte nicht.
Nahe bei dem Palaste wohnte ein armer Mann. Er hatte drei Söhne, und als diese hörten, daß der König die Hand der Prinzessin dem Manne geben wolle, der sie lachen machen konnte, wollten sie alle drei in den Palast gehen.
Der Vater sagte: »Sie können doch nicht alle drei auf einmal als Freier dahin gehen.«
»Der älteste Sohn kann zuerst gehen, und wenn er die Prinzessin nicht lachen machen kann, dann kann der zweite gehen. Wenn es ihm auch nicht glückt, kann der dritte zuletzt auch gehen.«
Der älteste Sohn machte sich zuerst auf den Weg. Er kam bald zu dem Palaste. Da stand er vor dem König und sagte stolz:
»König, ich bin gekommen, um Ihre Tochter lachen zu machen, denn ich will sie zur Frau haben.«
»Nun, Sie sollen sie zur Frau haben, junger Mann, wenn es Ihnen gelingt, sie lachen zu machen, aber viele Freier haben es schon versucht, und sie konnten es nicht thun. Wenn Sie es auch nicht thun können, werde ich Sie bestrafen, denn ich bin der Freier müde, die nichts thun können.«
»Das ist mir recht,« sagte der erste junge Mann, und er ging vor die Prinzessin und sagte:
»Als ich einmal Soldat werden sollte, mußte ich das Exerzieren lernen, aber da ich sehr ungeschickt bin, mußten Soldaten und Offiziere sich beinahe halb tot lachen, wenn ich exercierte.«
Dann brachte man eine Uniform und ein Gewehr, und der junge Mann exercierte. Er war so ungeschickt, daß es zum totlachen war. Aber, obgleich der König, die Königin und alle Ihre Diener laut lachten, lachte die Prinzessin doch nicht, und als der König das sah, war er sehr böse und bestrafte den Jüngling.
Dann kam der zweite Jüngling. Er war Schullehrer. Er kam zum König und sagte:
»Ich möchte Ihre Tochter heiraten und ich weiß, daß ich sie lachen machen kann, denn meine Schüler lachen ja immer, wenn ich Psalmen singe.«
Der König sagte: »Das ist gut, Schullehrer; aber wenn Sie die Prinzessin nicht lachen machen können, so werden Sie bestraft.«
»Das ist mir recht,« antwortete der Schullehrer, und er kam vor die Prinzessin und begann Psalmen zu singen. Er sang so schlecht und sah auch so komisch aus, daß alle laut lachen mußten.
Alle lachten laut, nur die Prinzessin nicht, und da sie nicht lachen wollte, sagte der König:
»Bestrafen Sie den Schullehrer, er kann meine Tochter mit seinem Singen nicht lachen machen.«
Der arme Schullehrer wurde bestraft, und ging traurig nach Hause. Dann machte sich der dritte Jüngling auf den Weg. Er kam auch zum Palaste, aber er sagte nicht, wie seine Brüder, daß er die Prinzessin lachen machen wolle, ach nein, er war viel zu klug. Er fragte nur, ob der König nicht einen Diener brauche.
Der König sagte: »Ja, ich brauche einen Mann, um Holz und Wasser in die Küche zu tragen.«
»Das ist mir schon recht!« antwortete der Jüngling. »Ich will Holz und Wasser in die Küche tragen.«
Eines Tages, als er Wasser holen wollte, sah er einen großen Fisch in dem Brunnen. Der Fisch lag so still im Wasser, daß der Jüngling ihn in seinem Eimer fangen konnte. Als er mit dem Fische in dem Eimer nach Hause ging, begegnete er einer alten Frau, die eine goldene Gans an einer Schnur führte.
»Guten Tag, gute Frau. Sie haben da eine wunderschöne Gans, und ihre Federn sind auch wunderschön.«
»Ja,« sagte die alte Frau, »meine goldene Gans ist schön, aber Ihr Fisch ist noch schöner.«
»Ach!« sagte der Jüngling. »Ich will Ihnen den Fisch für die goldene Gans geben.«
»Das ist mir schon recht,« antwortete die Frau. »Ich gebe Ihnen meine goldene Gans. Sie ist eine wunderschöne Gans. Wenn jemand sie streichelt (die Hand auf die Gans legt), rufen Sie nur laut: Halten Sie fest, wenn Sie mitkommen wollen, und dann werden die Leute mitgehen müssen.«
»Nun,« sagte der Jüngling, »das ist schön, die Gans ist viel besser als mein Fisch.«
Der Jüngling gab der alten Frau seinen Fisch und führte die Gans an der Schnur. Er war nicht weit gegangen, da begegnete er einer anderen alten Frau. Sie bewunderte (sagte: »Ach, wie schön«) die goldene Gans und sagte:
»Ach, ich möchte die schöne Gans streicheln!«
»Thun Sie es, gute Frau!« antwortete der Jüngling. Die alte Frau streichelte die Gans, und der Jüngling rief laut: »Halten Sie fest, gute Frau, wenn Sie mitkommen wollen!«
Da konnte sich die Frau nicht mehr von der goldenen Gans losreißen, und sie mußte mitgehen.
Der Jüngling ging weiter, von der Gans und von der jammernden alten Frau gefolgt.
Bald begegneten sie einem bösen Manne. Er stieß mit dem Fuße nach der Gans. Dann rief der Jüngling laut:
»Halten Sie fest, böser Mann, wenn Sie mitkommen wollen!«
Und der Mann mußte mitgehen, auf einem Fuße springend, denn er konnte den anderen Fuß nicht losreißen.
So kamen sie alle vier in den Hof vor dem Palaste. Da war der Schmied. Er sagte: »Ich bin so stark, ich kann den Jüngling, die goldene Gans, die alte Frau und den bösen Mann, der nur auf einem Fuße geht, sicher festhalten. Ich will sie halten, denn wenn sie so vor die Prinzessin kommen, wird sie sicher lachen, und dann kann sie nicht meine Frau werden.«
Der Schmied nahm seine große Zange und hielt den Mann damit. Aber da rief der Jüngling laut:
»Halten Sie fest, Freund Schmied, wenn Sie mitkommen wollen.«
Der starke Schmied konnte sich nicht mehr losreißen. Die Zange hielt ihn fest, und er mußte dem Jüngling, der Gans, der alten Frau und dem bösen Manne, der nur auf einem Fuße gehen konnte, folgen.
Als dieser Zug an den Fenstern des Palastes vorbei ging, sah ihn die traurige Prinzessin. Es war so komisch, daß alle laut lachten, und die Prinzessin lächelte.
Der Jüngling sah, daß die Prinzessin lächelte, aber er war mit einem Lächeln nicht zufrieden, und er sagte zu sich selbst:
»Ein Lächeln ist nicht genug. Die Prinzessin muß laut lachen. Sie muß sich halb zu Tode lachen!«
Dann ging der Zug an der Küche vorbei. Da war die Köchin. Sie war eine sehr dicke Frau, und als sie den Zug sah, lachte sie auch laut.
»Ach,« sagte sie, »die Leute sind komisch, aber die Gans ist wunderschön. Ich möchte die Gans streicheln. Junge,« rief sie laut, »kann ich Ihre wunderschöne goldene Gans ein wenig streicheln?«
»Ach,« sagte der Schmied, »streicheln Sie mich lieber, dicke Köchin!«
Als die Köchin das hörte, war sie sehr böse, denn sie wollte nicht dick genannt sein, und sie nahm einen sehr großen Löffel und schlug auf den Schmied. Dann rief der Jüngling laut:
»Halten Sie fest, dicke Köchin, wenn Sie mitkommen wollen,« und jetzt mußte die dicke Köchin auch nachfolgen, und sie war so böse und schrie so laut, daß der König, die Königin und alle ihre Diener sich halb totlachen mußten. Und als die traurige Prinzessin den komischen Zug sah, mußte sie auch laut lachen. Sie lachte so laut und so lange, daß der König endlich sagte:
»Jetzt haben Sie für einmal genug gelacht, liebe Tochter, und jetzt sollen Sie den Jüngling sogleich heiraten, der Sie lachen machte.«
Die Prinzessin sagte nicht »nein,« und bald kam die Trauung. Das war ein schönes und ein großes Fest. Die Leute tanzten alle und sangen viel. Die Prinzessin sang, tanzte und lachte auch, und der Jüngling war sehr froh, denn er hatte eine schöne Frau, ein reiches Land, und zuletzt ward er auch König.
(8) This version of the well-known fairy-story is taken from Dasent's Collection of Norse Tales. Similar stories are found in Grimm, "The Golden Goose," and in Wratislaw's "George with the Goat." Dasent's story is entitled Taper Tom, and can be found related at length in his "Tales from the Fjeld."
9. Das gestohlene Kind.(9)
1. Die Räuber.
Der Ritter von Eichenfels hatte ein schönes Schloß. Das Schloß von Eichenfels war nahe an einem großen Walde. Der Ritter wohnte in diesem schönen Schlosse mit seiner wunderschönen Frau, der Gräfin Adelheid von Eichenfels, und mit seinem Sohne, dem kleinen Grafen Heinrich von Eichenfels.
Die Eltern waren sehr glücklich, denn sie liebten einander sehr, und sie liebten auch den kleinen Sohn, der noch nicht groß genug war, um viel zu sprechen.
Aber da kam ein trauriger Tag. Die Gräfin lachte nicht mehr, nein, sie weinte. Die schöne Gräfin war so traurig, weil der Ritter fortgehen mußte. Es war Krieg im Lande, und der König hatte gesagt: »Ich muß alle meine Soldaten haben.«
Der Ritter mußte auch in den Krieg gehen, und seine Frau blieb allein im Schlosse, mit dem kleinen Kinde und mit den Dienern.
Eines Abends, als sie bei der Wiege des schlafenden Kindes saß, kam ein Bote. Er sagte, daß der Ritter von Eichenfels verwundet sei, und daß seine Frau sogleich fortreisen solle, da er sie noch einmal sehen möchte, bevor er sterbe.
Die arme Gräfin war sehr traurig, und sie sagte weinend: »Ich muß schnell zu meinem armen, verwundeten Manne gehen, aber ich kann das kleine Kind doch nicht mitnehmen. Es muß hier im Schlosse Eichenfels bleiben, bis ich nach Hause kommen kann.«
Dann rief sie das Kindermädchen und sagte:
»Margarethe, ich muß noch diesen Abend fortreisen. Ihr Herr liegt schwer verwundet. Er will mich noch einmal sehen, aber da ich das liebe Kind doch nicht mitnehmen kann, so lasse ich es Ihnen, hier im Schlosse. Wachen Sie Tag und Nacht, Margarethe. Hüten Sie es treu. Lassen Sie es nie aus Ihren Augen, damit ich es wohl und glücklich finde, wenn ich nach Hause komme.«
Margarethe versprach, daß sie das Kind sehr gut hüten wolle, daß sie es nie aus den Augen lassen werde, und nachdem die arme Gräfin es tausendmal geküßt hatte, reiste sie schnell fort zu ihrem verwundeten Manne.
Das Kindermädchen wachte sehr treu, ein, zwei, drei Tage, und das Kind war so wohl und so glücklich. Es lachte immer und weinte nie. Am vierten Tage, um drei Uhr, als das Kind in der Wiege lag, und fest eingeschlafen war, hörte Margarethe schöne Musik im Hofe. Das Kindermädchen war noch sehr jung, und als es die wunderschöne Tanzmusik hörte, war es sehr froh, da es so gern tanzte.
Der Herr und die Herrin waren nicht zu Hause, die Diener hatten nichts zu thun, so fingen sie an, in dem Hofe lustig zu tanzen. Margarethe stand am Fenster und sah sie tanzen.
Bald öffnete sich die Thür des Kinderzimmers sehr leise, und ein junger Diener trat leise herein.
»Margarethe,« sagte er dem Kindermädchen, »kommen Sie in den Hof und tanzen Sie mit mir. Niemand kann so gut tanzen als Sie!«