Märchen und Erzählungen für Anfänger. Erster Teil
Part 2
»Ich bin nicht Hausvater,« sagte der alte Mann, der mit weit offenen Augen im Bette lag. »Aber da ist mein Vater. Da in der Wiege (das Bett eines sehr kleinen Kindes). Er wird Ihnen wohl sagen, ob Sie hier übernachten können.«
Der Reisende trat zu der Wiege. Da lag ein uralter (sehr alter) Mann. Er war kaum so groß als ein sehr junges Kind, und er konnte kaum atmen.
»Guten Abend, Vater!« sagte der Reisende dem kleinen, uralten Manne, der in der Wiege lag und kaum atmen konnte. »Kann ich hier übernachten?«
Leise (still), sehr leise kam die Antwort:
»Ich bin nicht der Hausvater! Mein Vater hängt dort (da) an der Wand, in dem Trinkhorn. Er wird Ihnen sagen, ob Sie hier übernachten können,« sagte der uralte Mann, der kaum atmen konnte.
Dann trat der Reisende an die Wand. Er sah das Trinkhorn, und darin war ein sehr kleiner, uralter Mann. Und der Reisende sagte:
»Guten Abend, Vater! Kann ich hier in Ihrem Hause übernachten?«
Dann hörte er die Worte sehr leise gesprochen (gesagt):
»Ja, mein Kind.« Der Reisende war froh. Er setzte sich an den Tisch, und da waren gute Dinge zu essen. Er legte sich in das Bett, und da konnte er gut schlafen. Er setzte sich vor das Feuer, und da konnte er sich gut wärmen; und alles war gut, denn er hatte den uralten Hausvater gefunden.
(3) This peculiar old story is of Swedish or Norwegian origin. It forms part of Asbjörnsen's Norse Tales, and has been translated into English by Dasent in his volume "Tales of the Fjeld," where it is entitled: "The Father of the Family."
4. Der Pfannkuchen.(4)
Es war einmal eine Frau, die sieben hungrige Kinder hatte. Sie machte einen Pfannkuchen für die hungrigen Kinder. Es war ein großer Pfannkuchen, aus süßer Milch gemacht, und er lag in der Pfanne auf dem Feuer.
Die Kinder, die so hungrig waren, standen alle da und das erste Kind sagte: »Ach, Mutter, ich bin so hungrig, gieb mir ein Stück Pfannkuchen.«
»Ach, gute Mutter!« sagte das zweite Kind. »Ich bin auch hungrig, gieb mir auch ein Stück Pfannkuchen.«
»Ach, liebe, gute Mutter!« sagte das dritte Kind. »Ich bin auch hungrig. Gieb mir ein Stück Pfannkuchen.«
»Ach, süße, gute, liebe Mutter,« sagte das vierte Kind. »Ich habe auch Hunger. Ich möchte auch ein Stück Pfannkuchen haben.«
»Liebe, gute, süße, kleine Mutter,« rief (sagte laut) das fünfte Kind. »Ich möchte auch ein Stück Pfannkuchen haben.«
Und das sechste Kind rief: »Geschickte, gute, süße, liebe, kleine Mutter, laß mich auch ein Stück Pfannkuchen haben. Ich habe auch Hunger.«
Und das siebente und letzte Kind rief: »Geschickte, gute, süße, liebe, niedliche, kleine Mutter, laß mich auch ein Stück Pfannkuchen haben. Ich habe auch Hunger.«
»Ja, ja, meine Kinder,« antwortete die Frau. »Wartet nur, bis der Pfannkuchen auf der anderen Seite gebacken ist. Seht, er ist so schön und wird so gut zu essen sein.«
Als der Kuchen das hörte, fürchtete er sich sehr und drehte sich schnell um. Jetzt konnte er auch auf der anderen Seite backen. Nach einigen Minuten war der Pfannkuchen gebacken, aber da er sich so sehr fürchtete, sprang er aus der Pfanne. Er sprang auf den Boden und rollte schnell aus dem Hause.
»Halt, Pfannkuchen, halt!« rief die Mutter.
»Halt, Pfannkuchen, halt!« riefen die sieben Kinder.
Aber der Kuchen rollte schnell weiter. Die Frau und alle sieben Kinder liefen ihm nach, aber er rollte so schnell, daß sie ihn bald nicht mehr sehen konnten. Der Pfannkuchen rollte weiter und weiter, und endlich begegnete er einem alten Manne.
»Guten Tag, Pfannkuchen!« rief der Mann.
»Gott behüte Sie!« antwortete der Pfannkuchen.
»Rollen Sie nicht so schnell, lieber Pfannkuchen. Warten Sie. Ich möchte Sie essen!«
»Ach!« antwortete der Pfannkuchen. »Ich muß schnell fortrollen, denn die Frau mit den sieben hungrigen Kindern kommt, um mich zu essen!«
Und der Pfannkuchen rollte weiter, und der Mann folgte ihm. Endlich begegnete der Pfannkuchen einer Henne.
»Guten Morgen, Pfannkuchen,« rief die Henne.
»Gott behüte Sie!« antwortete der Pfannkuchen.
»Ach, lieber Pfannkuchen!« rief die Henne. »Rollen Sie doch nicht so schnell. Warten Sie doch eine Minute, ich möchte Sie fressen.«
»Ich kann nicht warten, ich muß weiter rollen,« antwortete der Pfannkuchen, »denn die Frau mit den sieben hungrigen Kindern und der Mann wollen mich haben.«
Und der Pfannkuchen rollte schnell weiter, und die Henne folgte ihm.
Dann begegnete der rollende Pfannkuchen einem Hahne.
»Guten Tag, lieber Pfannkuchen,« rief der Hahn.
»Gott behüte Sie!« antwortete der Pfannkuchen und rollte weiter.
»Lieber Pfannkuchen,« sagte der Hahn. »Warten Sie doch eine Minute. Ich möchte Sie fressen.«
»Ich kann ja nicht warten,« antwortete der Pfannkuchen, »ich muß weiter rollen, denn die Frau mit den sieben hungrigen Kindern, der Mann und die Henne folgen mir alle!«
Der Pfannkuchen rollte weiter, und der Hahn folgte ihm auch.
Dann begegnete der Pfannkuchen einer Ente.
»Guten Tag, Pfannkuchen,« rief die Ente.
»Gott behüte Sie!« antwortete der Pfannkuchen.
»Aber, lieber Pfannkuchen, gehen Sie doch nicht so schnell!« rief die Ente. »Warten Sie. Ich möchte Sie fressen.«
»Ich kann nicht warten!« antwortete der Pfannkuchen. »Da kommt die Frau mit den sieben hungrigen Kindern, der Mann, die Henne, der Hahn, und alle, alle wollen mich haben.«
Der arme Pfannkuchen rollte weiter, und die Ente folgte ihm auch.
Endlich begegnete er einer Gans.
»Guten Tag, Pfannkuchen,« rief die Gans.
»Gott behüte Sie!« antwortete der Pfannkuchen.
»Aber, lieber Pfannkuchen, rollen Sie doch nicht so schnell!« rief die Gans. »Warten Sie doch. Ich möchte Sie fressen!«
»Warten, ich kann nicht warten,« antwortete der Pfannkuchen. »Da kommt die Frau mit den sieben hungrigen Kindern, der Mann, die Henne, der Hahn und die Ente, und alle wollen mich haben. Hier kann ich nicht bleiben. Ich muß weiter rollen!«
Der Pfannkuchen rollte weiter und die Gans lief ihm nach (folgte ihm).
Dann begegnete er einem Gänserich.
»Guten Tag, lieber Pfannkuchen!« rief der Gänserich.
»Gott behüte Sie!« antwortete der Pfannkuchen.
»Lieber Pfannkuchen, rollen Sie doch nicht so schnell!« rief der Gänserich. »Warten Sie eine Minute. Ich möchte Sie fressen!«
»Ach, ich kann ja nicht!« antwortete der Pfannkuchen. »Da kommt die Frau mit den sieben hungrigen Kindern, der Mann, die Henne, der Hahn, die Ente und die Gans, und alle, alle wollen mich haben. Darum kann ich nicht warten! Darum muß ich schnell weiter rollen!«
Und der Pfannkuchen rollte schnell weiter, und der Gänserich lief ihm nach.
Endlich begegnete der Pfannkuchen einem Schweine.
»Guten Tag, Pfannkuchen,« sagte das Schwein.
»Gott behüte Sie!« antwortete der rollende Pfannkuchen.
»Warten Sie doch eine Minute, lieber Pfannkuchen!« rief das Schwein. »Ich möchte Sie fressen, und Sie gehen zu schnell.«
»Ach, liebes Schwein, ich kann ja nicht warten. Die Frau mit den sieben hungrigen Kindern, der Mann, die Henne, der Hahn, die Ente, die Gans und der Gänserich kommen alle, um mich zu nehmen. Ich kann nicht warten.« Und der Pfannkuchen rollte weiter und das Schwein lief ihm nach.
»Halt!« rief das Schwein. »Hier ist ein Wald, lieber Pfannkuchen. Im Walde sind nichts als Bäume. Da werden Sie sich fürchten!«
»Ja, das ist wahr (so),« antwortete der Pfannkuchen. »Im Walde, wo nichts als Bäume sind, werde ich mich fürchten.«
»Gehen wir zusammen (beide) durch den Wald!« sagte das Schwein.
»Ach, ja, das ist ein guter Einfall!« rief der Pfannkuchen, und sie gingen zusammen.
Endlich kamen sie an einen Bach (ein sehr kleiner Strom). Das Schwein war so fett, daß es sehr gut schwimmen konnte. Aber der arme Pfannkuchen konnte nicht schwimmen. Dann sagte er zu dem Schweine:
»Ach, mein lieber Freund, ich kann nicht schwimmen. Ich kann nicht über den Bach kommen!«
»Ach!« sagte das Schwein. »Es ist schade, daß Sie nicht schwimmen können. Aber springen Sie doch auf meinen Kopf, so werden Sie gut hinüber kommen.«
»Das ist eine gute Idee!« sagte der Pfannkuchen, und er sprang auf den Kopf des Schweines.
Als das Schwein im Bach war, öffnete es den Mund und fraß den armen Pfannkuchen. Und, da der arme Pfannkuchen nicht weiter gehen konnte, so kann diese Geschichte auch nicht weiter gehen und muß hier enden.
(4) Dasent, the translator of Asbjörnsen's Norse Fairy Tales, has given this story in his collection entitled Tales from the Fjeld, where it is quoted as an example of the rigmaroles which are common to all nations, and which correspond to the English "The House that Jack Built."
5. Der Riese und das Kind.(5)
Es war einmal ein Mann. Der Mann war arm. Er hatte eine Frau. Die Frau war auch arm. Der Mann hatte auch ein Kind, ein kleines Kind. Der Mann und die Frau liebten das Kind. Das Kind war ein Knabe, ein schöner, kleiner Knabe.
Der Mann hatte ein kleines Haus. Das Haus stand nahe am See. Der Mann war ein Fischer. Er fischte in dem See. Er hatte auch ein Boot, ein kleines Boot. Er ging in dem Boote auf den See, wenn er Fische fangen wollte.
Es war auch ein anderer Mann in diesem Lande. Dieser Mann war groß, sehr groß, er war ein Riese (ein sehr großer Mann). Er war auch stark, sehr stark, und er war weise, sehr weise. Eines Tages kam der Riese zu dem armen, kleinen Hause. Er klopfte an die Thür. Die Frau öffnete die Thür.
»Guten Tag, Riese. Was wollen Sie, guter Riese?« fragte sie.
»Guten Tag, gute Frau!« sagte der Riese. »Wo ist Ihr Mann?«
»Mein Mann ist hier im Hause!« antwortete die Frau.
»Ich möchte Ihren Mann sehen!« sagte der Riese.
»Gut!« antwortete die Frau. »Kommen Sie herein!«
Der Riese kam herein. Er sah den Mann.
»Guten Tag!« sagte der Riese.
»Guten Tag!« antwortete der Fischer. »Setzen Sie sich dahin, guter Riese!« Und der Mann gab dem Riesen einen Stuhl.
Der Riese setzte sich auf den Stuhl, und dann sagte er:
»Nun, Fischer, haben Sie heute viele Fische gefangen?«
»Ja wohl!« antwortete der Fischer. »Ich habe heute viele Fische gefangen.«
»Haben Sie große Fische gefangen?«
»Ja!« antwortete der Fischer, »ich habe einige große und einige kleine Fische gefangen!«
»Ich bin froh, daß Sie so viele Fische gefangen haben,« sagte der Riese. »Ich habe keine Fische gefangen. Ich bin kein guter Fischer, aber ich bin ein sehr guter Schachspieler. Schach kann ich gut spielen.«
»O, das kann ich auch!« sagte der Fischer. »Ich kann auch Schach spielen. Ich bin auch ein guter Schachspieler. Im Winter spiele ich oft mit meiner Frau. Aber meine Frau kann nicht so gut spielen als ich.«
»Nein!« sagte der Riese, »und Sie können nicht so gut spielen als ich.«
»Das wollen wir sehen!« antwortete der Fischer. Der Fischer stand auf, er holte das Schachspiel. Er legte das Schachspiel auf den Tisch.
Der Riese setzte sich an den Tisch. Der arme Fischer setzte sich auch an den Tisch. Sie wollten Schach spielen. Sie spielten lange, lange. Der Fischer spielte sehr gut, und der Riese auch. Der Fischer spielte das erste Mal besser als der Riese. Der Fischer gewann das erste Spiel. Aber das zweite Mal spielte der Riese besser als der Fischer. Der Riese gewann das zweite Spiel.
»Jetzt wollen wir das dritte Spiel spielen!« sagte der Riese. »Und dann werden wir sehen, wer besser spielen kann!«
»Das kann ich!« sagte der Fischer. »Das kann ich!«
»Nein, ich kann besser spielen als Sie!« antwortete der Riese. »Was wollen Sie wetten, daß Sie das Spiel gewinnen werden?«
»Ach,« sagte der Fischer, »ich kann nichts wetten. Ich bin zu arm. Ich habe weder Hahn noch Katze, weder Hund noch Kuh, ich habe nichts.«
»O ja!« sagte der Riese. »Sie haben da einen schönen, kleinen Knaben. Wetten Sie den Knaben darauf!«
»Nein, nein,« sagte der Mann, »mein Kind kann ich doch nicht wetten!«
Aber der Riese lachte laut und sagte: »Ja wohl, das Kind wollen Sie nicht darauf wetten, weil Sie wissen, daß ich besser Schach spielen kann als Sie.«
»Nein!« sagte der Mann. »Ich weiß sehr gut, daß ich besser spielen kann!«
»Dann wetten Sie doch das Kind darauf,« sagte der Riese, und der Mann wettete den Knaben auf das Spiel.
Der Fischer und der Riese spielten. Sie spielten beide sehr gut, denn sie wollten beide gewinnen. Der Riese wollte gewinnen, denn er wollte den Knaben haben, und der Fischer wollte gewinnen, denn er wollte dem Riesen den Knaben nicht geben.
Sie spielten lange, und endlich gewann der Riese das Spiel.
Der arme Fischer war traurig, sehr traurig, denn er liebte sein Kind. Die Frau war auch traurig, und sie weinte sehr viel, denn sie liebte das Kind auch, und sie sagte:
»Ach lieber, lieber Mann! Warum haben Sie mit dem Riesen Schach gespielt? Warum haben Sie das liebe Kind darauf gewettet? Jetzt nimmt der böse Riese das liebe Kind. Wir werden kein Kind haben!« Und die arme Frau weinte bitterlich.
Der Riese, der die gute Frau weinen hörte, sagte endlich: »Nun, gute Frau. Das Kind ist mein, aber da Sie so traurig sind, so werde ich es bis morgen hier lassen. Morgen komme ich, das Kind zu holen. Aber wenn Sie das Kind verstecken können, so daß ich es nicht finden kann, dann werden Sie das Kind behalten können.«
Die arme Frau weinte noch, aber sie war doch froh, daß sie den Knaben bis morgen behalten konnte, und der starke Riese ging fort.
Dann sagte die Frau zu ihrem Manne: »Ach, lieber Mann, wie können wir das Kind verstecken? Der Riese ist klug (weise), er ist sehr klug. Er wird den Knaben finden. Ja, er wird ihn gewiß finden.«
»Ja wohl,« sagte der Mann, »der Riese ist klug, er ist klüger als wir. Er wird den Knaben gewiß finden. Aber liebe Frau, wenn wir das Kind nicht gut verstecken können, so wird der Gott Wuotan es vielleicht thun können. Wir wollen zu Wuotan um Hülfe beten.«
»Ja,« sagte die Frau, »das ist ein guter Einfall, wir wollen zu Wuotan um Hülfe beten.«
Der Mann und die Frau beteten lange, und endlich hörte Wuotan ihr Gebet.
»Was wollen Sie, meine guten Leute (Männer und Frauen), was wollen Sie? Warum beten Sie so laut?« fragte Wuotan.
»Ach!« sagte der Mann, »wir sind so traurig, lieber Wuotan. Morgen kommt ein Riese, und er will unser Kind nehmen, wenn wir es nicht so gut verstecken, daß er es nicht finden kann. Wir können das Kind nicht gut genug verstecken. Der Riese wird es gewiß finden, denn er ist klug, und er hat sehr gute und scharfe Augen. Helfen Sie uns, lieber Wuotan, helfen Sie uns!«
»Gut,« sagte Wuotan. »Ich werde Ihnen helfen. Wo ist das Kind?«
Dann nahm Wuotan das Kind und er versteckte es. Damit der Riese den Knaben nicht finden konnte, versteckte er ihn in ein Samenkorn. Den Kornsamen versteckte er in eine Ähre. Die Ähre versteckte er in ein Kornfeld, und dann sagte er zu den Eltern:
»Jetzt ist Ihr Kind gut versteckt, gute Leute, und der kluge Riese kann es sicher nicht finden!«
Der Morgen kam. Der kluge Riese kam auch. Er klopfte an die Thür. Die Frau machte die Thür auf.
»Guten Morgen, liebe Frau, ich bin gekommen, um das Kind zu holen. Haben Sie es versteckt?«
»Ja,« sagte die Frau, »das Kind ist versteckt. Finden Sie es, kluger Riese, wenn Sie es finden können.«
Der Riese, der so klug war, sah überall hin. Dann ging er hinaus. Endlich sah er das Kornfeld, das schöne Kornfeld, und sagte: »Ah! da ist schönes Korn. Ich muß das Korn haben.«
Der Riese nahm das Korn und suchte lange, lange. Endlich fand er die Ähre mit dem Samenkorn, worin das Kind versteckt war. Er nahm die Ähre. Er nahm alle Samenkörner. Dann suchte er noch lange. Endlich fand er das Samenkorn, worin das Kind versteckt war. Aber als er es nehmen wollte, nahm Wuotan das Kind. Er nahm es schnell (nicht langsam), und in einigen Minuten war das Kind wieder zu Hause bei seinen Eltern.
Dann kam der Riese. Der Riese war böse, sehr böse, und sagte: »Das war nicht recht (gut). Nein, das war nicht recht. Ich hatte das Kind und Wuotan hat es genommen! Morgen komme ich wieder. Verstecken Sie das Kind wieder und wenn ich es finden kann, so ist es mein!«
Der Riese ging fort, und die Frau sagte zu Wuotan: »Ach, guter Gott Wuotan, helfen Sie uns wieder. Wir können den Knaben nicht gut genug verstecken. Helfen Sie uns wieder!«
»Nein,« sagte Wuotan, »ich habe Ihnen schon einmal geholfen. Jetzt kann ich Ihnen nicht mehr helfen!« und der Gott Wuotan ging fort.
Dann weinte die arme Frau bitterlich, bis der Mann sagte: »Liebe Frau, das Weinen hilft nichts. Wir müssen beten, wir müssen zu Hönir beten. Vielleicht wird uns Hönir helfen!«
Die beiden Eltern beteten zu Hönir, und endlich hörte der Gott Hönir ihr Gebet. Er hörte, kam zu ihnen und fragte:
»Nun, gute Leute, warum beten Sie so laut um Hülfe?«
»Ach, lieber Hönir,« antwortete der Mann. »Helfen Sie uns! Morgen kommt der kluge Riese, um das Kind zu nehmen, wenn wir es nicht so gut verstecken, daß er es nicht finden kann. Wir können das Kind nicht gut genug verstecken, denn wir sind nicht klug genug. Helfen Sie uns, lieber Hönir, helfen Sie uns, bitte, bitte.«
Dann sagte der gute Gott Hönir: »Ja, ich will Ihnen helfen. Ich will den Knaben verstecken, und ich kann ihn so gut verstecken, daß der Riese ihn nie finden kann.«
Hönir nahm das Kind und er versteckte es in eine kleine Feder. Die Feder versteckte er in einen Schwan. Der Schwan konnte gut schwimmen, und der Schwan schwamm immer auf dem See.
Am Morgen kam der Riese. Er klopfte an die Thür. Die Frau machte die Thür auf. Der Riese sagte:
»Guten Morgen, liebe Frau. Ist das Kind versteckt?«
»Ja,« sagte die Frau, »das Kind ist gut versteckt, und dieses Mal werden Sie es nicht finden können.«
»Nun, das wollen wir sehen!« sagte der kluge Riese. Er suchte lange, und endlich kam er zu dem See. Er sah den Schwan, der so gut schwimmen konnte, und er fing den Schwan. Er suchte lange unter den Federn. Endlich fand er die Feder, worin das Kind versteckt war. Er wollte die Feder nehmen. Aber da kam ein Wind, ein starker Wind. Der Wind war Hönir. Der Wind blies die Feder aus der Hand des Riesen.
Der Wind blies die Feder in das Haus des armen Fischers.
Dann kam der Riese. Er war böse und sagte laut: »Das war nicht recht. Morgen komme ich wieder. Verstecken Sie das Kind wieder und wenn ich es finden kann, so ist das Kind mein.«
Der Riese ging fort und die Eltern sagten: »Ach Hönir, guter Gott Hönir. Helfen Sie uns wieder, denn wir können das Kind nicht gut genug verstecken.«
»Nein,« sagte Hönir, »das kann ich nicht. Ich habe Ihnen einmal geholfen. Jetzt kann ich nicht mehr helfen,« und der Gott Hönir ging fort.
Dann weinte die arme Frau bitterlich, bis ihr Mann sagte: »Meine Frau, das Weinen hilft nichts. Wir wollen jetzt beten. Wir wollen zu Loge, dem Gott des Feuers, beten. Vielleicht wird uns Loge helfen.«
Die armen Eltern beteten lange, und sie beteten so inbrünstig (so laut und so gut), daß Loge das Gebet endlich hörte. Loge kam und fragte: »Was wollen Sie, gute Leute, warum beten Sie so inbrünstig?«
»Ach,« sagte der Mann, »morgen kommt ein kluger Riese, um unser liebes Kind fortzunehmen, wenn wir es nicht verstecken, so daß er es nicht finden kann. Wuotan und Hönir haben beide das Kind versteckt, und zweimal hat der böse Riese das Kind gefunden. Helfen Sie uns, Loge, und verstecken Sie das Kind, bitte, bitte.«
»Gut,« sagte Loge, »ich will das Kind verstecken, so daß der Riese es nicht finden kann, und wenn er es findet, so werde ich den bösen Riesen töten.« Dann sagte Loge zu dem Fischer: »Wo ist Ihr Boot. Ich muß fischen.«
Der Fischer ging mit Loge auf den See. Loge fischte. Er fing drei Fische. Die Fische waren schön. Loge öffnete einen Fisch. Er fand viele Eier in dem Fische. Er versteckte das Kind in ein kleines Fischei. Dann ließ er die Fische wieder in das Wasser gehen und sagte:
»Nun, Fischer, kann der böse Riese das Kind sicher nicht finden.«
Loge ging dann in das Haus. Da sagte er: »Wo ist eine Stange? Ich muß eine Stange, eine sehr spitzige Stange haben.«
Der Fischer gab Loge eine spitzige Stange. Loge machte die Stange an der Wand des Hauses fest, so daß das spitzige Ende gegen die Thür war. Dann sagte er: »Jetzt kann der böse Riese kommen!«
Am Morgen kam der böse Riese. Der Fischer stand vor der Thür des kleinen Hauses.
»Nun, Fischer,« sagte er. »Haben Sie das Kind versteckt?«
»Ja,« sagte der Fischer, »es ist versteckt, finden Sie es, wenn Sie können.«
Der Riese sagte: »Gut, ich will das Kind suchen!« Und er sprang in das Boot, ging auf den See und fischte lange. Endlich fing der Riese drei Fische. Er nahm den einen Fisch, öffnete ihn, sah die vielen Eier und suchte lange. Dann fand er das kleine Ei, worin das Kind versteckt war. Er wollte das Ei nehmen, aber da kam Loge. Er nahm das Ei schnell aus der Hand des Riesen, und in einer Minute war das Kind auf dem Lande.
Loge sagte dann zu dem Kinde: »Springe in das Haus und mache die Thür zu, da kommt der böse Riese!«
Das Kind sprang in das Haus und machte die Thür schnell zu.
Da kam der böse Riese. Er wollte das Kind fangen. Er sprang auch schnell in das Haus, aber da er sehr groß war, durchbohrte ihn die spitzige Stange, und in einigen Minuten war der böse Riese tot.
Jetzt konnte er nie wiederkommen. Jetzt konnte er das Kind nie fortnehmen, und die Eltern waren sehr froh, daß er tot war. Sie küßten das liebe Kind und sagten zu Loge:
»Danke, Loge, danke tausendmal. Sie sind gut, Loge. Sie haben uns gut geholfen und jetzt sind wir froh, sehr froh, denn wir haben den Knaben, den lieben Knaben, und der Riese kann ihn nie mehr nehmen.«
(5) This story is based upon one of the myths of northern literature, and will be found related at length in Simrock's "Deutsche Mythologie," or in the author's "Myths of Northern Lands," in the chapter on Loki.
6. Der Pfeifer von Hameln.(6)
Hameln ist eine schöne, kleine Stadt im Norden Deutschlands. Die Leute von Hameln sind gut, und sie sagen immer: »Unsere Stadt Hameln ist eine wunderschöne, kleine Stadt. Keine Stadt in Deutschland ist so schön, als unsere wunderschöne Stadt!«
Die Einwohner (Leute) von Hameln sind glücklich (froh). Sie sind alle sehr glücklich. Aber einmal waren sie nicht glücklich, nein, sie waren sehr traurig. Sie waren so traurig, weil Mäuse (eine Maus, zwei Mäuse), viele Mäuse in die Stadt gekommen waren. Mäuse und Ratten waren überall. Die Mäuse waren in allen Häusern (ein Haus, zwei Häuser), und sie fraßen das Korn. Ja, die Mäuse und Ratten fraßen alles.
Dann sagten die Hausfrauen: »Die Mäuse müssen fort. Ja, wir müssen diese Mäuse los werden.«
Die Männer (ein Mann, zwei Männer) sagten es auch, und endlich sagten alle Einwohner von Hameln:
»Ja wohl, diese bösen Mäuse müssen wir los werden.«
Die Männer gingen alle in das Stadthaus, und da sprachen sie lange, lange zusammen. »Wie können wir die Mäuse los werden?« fragten sie alle, aber sie konnten kein gutes Mittel finden, um die Mäuse loszuwerden.
Die Männer waren sehr traurig, denn jeden Tag, als sie nach Hause kamen, fragten die Hausfrauen:
»Nun, haben Sie ein Mittel gefunden? Werden wir die Mäuse bald los sein?«
Aber die Männer sagten immer: »Nein, wir haben kein gutes Mittel gefunden, und wir werden die Mäuse noch nicht los werden.«
Endlich sagte der Bürgermeister:
»Dem Manne, der uns helfen kann, die Mäuse los zu werden, geben wir Gold, viel Gold.«
»Ja wohl,« sagten alle Männer. »Dem Manne, der uns helfen kann, die Mäuse los zu werden, geben wir viel, sehr viel Gold.«
Dann kam ein Mann. Der Mann war kein Einwohner von Hameln. Er kam in die Stadt. Er kam zu dem Bürgermeister und sagte: »Ich kann die Mäuse alle fortbringen. Geben Sie mir das Gold, und Sie werden die Mäuse los sein.«
»Gut,« sagte der Bürgermeister. »Wenn Sie die Mäuse und Ratten alle aus der Stadt bringen, so daß sie nicht wiederkommen, so werden wir Ihnen das Gold geben.«
Der Mann hatte eine Pfeife. Er konnte schöne Musik auf seiner Pfeife machen. Die Musik war wunderschön. Die Einwohner von Hameln hatten nie so schöne Musik gehört.
Der Pfeifer ging auf die Straße. Er ging in die schönste und längste Straße in Hameln, und dann begann er auf seiner Pfeife schöne Musik zu spielen.