Chapter 15
Da erschrak sie und wollte die roten Schuhe abwerfen, aber sie hingen fest, wie angewachsen, und tanzen mußte sie über Felder und Wiesen, in Regen und Sonnenschein, bei Tag und bei Nacht, aber nachts war es am entsetzlichsten.
Sie tanzte auf den einsamen Kirchhof hinauf, aber die Toten, die dort ruhten, tanzten nicht, sie hatten viel Besseres zu thun, als zu tanzen. Sie wollte sich auf das Grab des Armen setzen, wo das bittere Wurmkraut blühte, aber für sie war weder Ruh noch Rast, und als sie auf die offene Kirchthüre zutanzte, erblickte sie neben derselben einen Engel in langen weißen Kleidern, mit Flügeln, welche von den Schultern bis auf die Erde hinabreichten; sein Antlitz war streng und ernst und in der Hand hielt er ein breites leuchtendes Schwert.
„Tanzen sollst du!“ sagte er, „tanzen mit deinen roten Schuhen, bis du bleich und kalt wirst! Tanzen sollst du von Thür zu Thür, und wo stolze, eitle Kinder wohnen, sollst du anklopfen, daß sie dich hören und sich vor dir fürchten! Tanzen sollst du, tanzen -- -- -- --“
„Gnade!“ rief Karen. Aber sie vernahm nicht, was der Engel antwortete, denn die Schuhe trugen sie durch die Pforte auf das Feld hinaus, über Weg und Steg, und immer mußte sie tanzen.
Eines Morgens tanzte sie vor einer Thür vorüber, die ihr sehr wohl bekannt war. Drinnen tönte Choralgesang, man trug einen blumenbekränzten Sarg hinaus. Da wußte sie, daß die alte Frau gestorben war und es beschlich sie das Gefühl, als ob sie von allen verlassen und von Gottes Engel verdammt wäre.
Tanzen that sie und tanzen mußte sie, tanzen in der dunklen Nacht. Die Schuhe trugen sie über Dornen und Baumstümpfe, und sie riß sich bis aufs Blut; sie tanzte über die Haide nach einem kleinen, einsamen Hause. Hier wohnte, wie sie wußte, der Scharfrichter, und sie klopfte mit den Fingern an die Scheiben und sagte:
„Kommt heraus! Kommt heraus! Ich kann nicht hineinkommen, denn ich muß tanzen.“
„Ich bin der Scharfrichter“, entgegnete es von drinnen, „ich höre, daß meine Axt klirrt.“
„Schlagt mir meine Füße mit den roten Schuhen ab“, bat Karen.
Der Scharfrichter kam aus dem Hause heraus und schlug ihr die Füße mit den roten Schuhen ab, aber die Schuhe tanzten mit den kleinen Füßen über das Feld hin in den tiefen Wald hinein.
Er verfertigte ihr Stelzfüße und Krücken, lehrte sie ein Sterbelied, welches die armen Sünder zu singen pflegen, und sie schritt weiter über die Haide.
„Nun habe ich genug um der roten Schuhe willen gelitten!“ sagte sie, „nun will ich in die Kirche gehen, damit man mich sehen kann!“ Schnell ging sie auf die Kirchthüre zu, als sie sich ihr aber näherte, tanzten die roten Schuhe vor ihr her und sie erschrak und kehrte um.
Die ganze Woche hindurch war sie traurig und weinte viel heiße Thränen, als aber der Sonntag kam, sagte sie: „Fürwahr, nun habe ich genug gelitten und gestritten! Jetzt möchte ich glauben, daß ich eben so gut bin wie viele von denen, welche in der Kirche sitzen und hochmütig auf die andern herabschauen.“ Mutig trat sie den Weg an; aber sie war erst bis zur Eingangsthüre zum Friedhofe gelangt, als sie plötzlich die roten Schuhe vor sich hertanzen sah. Sie erschrak, wandte um und bereute von ganzem Herzen ihre Sünde.
Sie ging zur Pfarre und bot sich als Magd an; sie versprach fleißig zu sein und alles zu thun, was in ihren Kräften stände; auf Lohn sähe sie nicht, sie wünschte nur, wieder ein Obdach zu erhalten und bei guten Menschen zu sein. Die Frau Pfarrerin fühlte Mitleid mit ihr und nahm sie in Dienst. Sie war stets fleißig und in sich gekehrt. Sie saß still da, und lauschte aufmerksam zu, wenn der Pfarrer aus der Bibel vorlas. Alle Kinder gewannen sie lieb; sobald dieselben aber von Putz und Staat und davon sprachen, wie schön es doch sein müßte, eine Prinzessin zu sein, schüttelte sie den Kopf.
Am folgenden Sonntage gingen alle zur Kirche und fragten sie, ob sie sie begleiten wollte, aber traurig und mit Thränen in den Augen sah sie auf ihre Krücken, und nun gingen die andern hin, Gottes Wort zu hören, sie aber ging allein in ihr kleines Kämmerlein, welches nur so groß war, um einem Bett und einem Stuhle Platz zu gewähren. Hier setzte sie sich mit ihrem Gesangbuche hin, und während sie frommen Sinnes darin las, trug der Wind die Orgeltöne von der Kirche zu ihr herüber und sie erhob ihr mit Thränen benetztes Antlitz und sagte: „Gott sei mir Sünderin gnädig!“
Da schien die Sonne hell und klar, und dicht vor ihr stand der Engel Gottes in den weißen Kleidern, derselbe, welchen sie in jener verhängnisvollen Nacht an der Kirchthüre gesehen hatte, aber er hielt nicht mehr das scharfe Schwert, sondern einen herrlichen grünen Zweig voller Rosen. Er berührte mit demselben die Decke, welche sich höher und höher dehnte und dort, wo sie berührt war, einen goldenen Stern hervorleuchten ließ, und er berührte die Wände und sie erweiterten sich allmählich, bis sie die Orgel erblickte, welche gespielt wurde, und die alten Bilder der früheren Pfarrer sah. Die Gemeinde saß in den festlich geschmückten Stühlen und sang aus dem Gesangbuche. So war die Kirche selbst zu der armen Magd in ihre kleine, enge Kammer gekommen; oder auch war sie dahingekommen. Sie saß in dem Kirchstuhle bei den übrigen Leuten des Pfarrers, und als sie nach Beendigung des Chorals aufblickte, nickten sie ihr zu und sagten: „Das war recht, daß du kamst, Karen!“ -- „Das war Gnade!“ erwiderte sie.
Und die Orgel klang und der Chor der Kinderstimmen tönte mild und lieblich. Der klare Sonnenschein strömte warm durch das Fenster in den Kirchenstuhl, in welchem Karen saß. Ihr Herz war so voller Sonnenschein, Friede und Freude, daß es brach. Auf den Sonnenstrahlen flog ihre Seele zu Gott und vor seinem Thron war niemand, der nach den roten Schuhen fragte.
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+Moritz, P.+, Der Waldläufer. Nach +Ferrys+ Roman für die Jugend bearbeitet. Mit 5 feinen Farbdruckbildern nach Aquarellen von _Fritz Bergen_ und 30 Textabbildungen von _W. Zweigle_. 5. Aufl. Ein starker _Oktav_band, gebunden in ganz Kaliko mit reicher Deckenpressung. Preis 3 Mark.
+Ortleb, H.+, Wolfszahn, der Siouxhäuptling. Eine Erzählung aus dem wilden Westen Nordamerikas. Für die reifere Jugend bearbeitet. Mit 3 feinen Farbdruckbildern von _W. Zweigle_. 3. Aufl. 8o. Gebunden in ganz Kaliko mit reicher Deckenpressung. 3 Mark.
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+Pajeken, Fr. J.+, Die Mestize und 3 andere Erzählungen aus Nord- und Südamerika. Für die Jugend herausgegeben. Mit 4 Farbdruckbildern von _A. Richter_. Ein starker _Oktav_band, gebunden in ganz Kaliko mit reicher Deckenpressung. Preis 3 Mark.
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Errata:
und der kalte Schnee seine Decke über / sie breitet. text: ... breitet, drei Stücke zerborsten text: zer/zerborsten _at line break / am Linienende_ ein kleines, totes Kind, welches text: welche auf den rechten Fleck zu setzen? text: ... setzen. „Weg, weg!“ bellte der Kettenhund, ging dreimal im Kreise text: , _missing / fehlt_ Ein Soldat kam auf der Landstraße daher marschiert. text: maschiert man möge ihn doch noch eine Pfeife Tabak rauchen lassen text: ihm ... lassen „Ja, das muß wirklich ein prächtiges Vergnügen sein!“ text: daß muß „Sie haben ein / vortreffliches Äußeres text: Äußere auf eine / silberne Schüssel gelegt text: silberner Mitten in dem Saale text: Sale Dann würden die Vögel ihre / Nester zwischen meinen Zweigen bauen text: zwischen meine Zweigen Ein starker / _Oktav_band, gebunden in ganz Kaliko text: _Oktavband_
Quotation Marks / Anführungszeichen:
„Es war einmal ein Bund Schwefelhölzer text: „„Es war einmal ... über die Regierung / und das Volk.“ text: “ _missing / fehlt_ Im Fenster saß eine alte Feder text: „Im Fenster saß... Neigt nun euren Hals und sagt: „Rap!““ text: ... und sagt: „Rap!“ zum Manne nehmen! -- Ja, ja!“ sagte die Krähe text: „Ja, ja!“ „einige nennen / mich Fliedermütterchen text: „ _missing / fehlt_ von Ivede-Avede.“ text: “ _missing / fehlt_