Man kann nie wissen: Komödie in vier Akten
Chapter 9
(McComas.) Er heißt Boon. Frau Clandon kennt ihn nicht, er wird Ihnen also vielleicht seine Karte geben. Wenn er es tut, so vergessen Sie nicht, daß sein Name B. O. H. U. N.[*] geschrieben wird.
[Footnote *: Der Name Bohun wird Boon (spr. Bun) ausgesprochen. Es ist ein hocharistokratischer Name, der auf die Abstammung von den normannischen Eroberern hinweist, die im Jahre 1066 nach England gekommen sind. Der Name Boon ist alltäglicher. McComas sagt dem Kellner, daß er einen Herrn Bohun erwartet. Da fällt ihm ein, daß der Herr dem Kellner wahrscheinlich seine Karte für Frau Clandon geben wird, und da er annimmt, daß William nicht wissen dürfte, daß der Name Bohun auf der Karte "Boon" bedeutet, so macht er ihn aufmerksam, wie der Name buchstabiert wird. (Anm. des Übers.)]
(Der Kellner lächelnd:) Da können Sie sich vollkommen auf mich verlassen, gnädiger Herr. Ich heiße selbst Boon, obgleich ich hier fast nur unter dem Namen Balmy Walters bekannt bin. Eigentlich sollte ich auch ein H. U. einfügen; aber es ist besser, wenn ich mir diese Freiheit nicht herausnehme. Meine Name würde dann auf Normannenblut hindeuten, gnädiger Herr--und Normannenblut ist keine Empfehlung für einen Kellner.
(McComas.) Gut, gut. "Treue Herzen sind mehr wert als Adelskronen, und schlichte Ehrlichkeit mehr als Normannenblut."[*]
(Der Kellner.) Das hängt zum großen Teil von der Stellung ab, die man im Leben einnimmt. Wenn Sie Kellner wären, würden Sie bald finden, daß Ehrlichkeit und Treue Ihnen ebensowenig helfen können wie Normannenblut. Ich finde es am zweckmäßigsten, wenn ich meinen Namen B. OO. N. schreibe und meinen Verstand möglichst zusammennehme.--Aber ich halte Sie auf; verzeihen Sie mir--Ihre Leutseligkeit ist selbst schuld daran. Ich werde den Damen sagen, daß Sie hier sind, gnädiger Herr. (Er geht durch die Fenstertür in des Garten hinaus.)
(McComas.) McNaughtan, ich kann mich auf Sie verlassen, nicht wahr?
(McNaughtan.) Ja, ja; ich werde ruhig bleiben; ich werde geduldig sein; ich werde mein Möglichstes tun.
(McComas.) Bedenken Sie, ich habe Sie nicht preisgegeben. Ich habe Ihrer Familie gesagt, daß sie ganz allein Schuld an allem trüge.
(McNaughtan.) Mir haben Sie gesagt, daß ich einzig und allein der Schuldige wäre.
(McComas.) Ihnen habe ich die Wahrheit gesagt.
(McNaughtan klagend:) Wenn die Kinder nur gerecht gegen mich sein werden!
(McComas.) Mein lieber McNaughtan, sie werden nicht gerecht gegen Sie sein--in ihrem Alter ist das von ihnen gar nicht zu verlangen. Wenn Sie fortfahren, solche unmögliche Bedingungen zu stellen, dann können wir nur ebensogut gleich wieder nach Hause gehen.
(McNaughtan.) Aber ich habe doch sicher das Recht--
[Footnote *: Ein Zitat aus Tennysons "Lady Clara Vere de Vere."]
(McComas ungeduldig:) Sie werden Ihr Recht nicht durchsetzen.--Jetzt frage ich Sie aber ein für allemal, McNaughtan: sollte Ihr Versprechen, sich gut zu benehmen, nur bedeuten, daß Sie nicht ohne Anlaß aufbrausen würden? In diesem Falle... (Er bewegt sich, als ob er geben wolle.)
(McNaughtan jämmerlich:) Nein nein, lassen Sie mich doch! Ich bin genug herumgestoßen und gequält worden--ich verspreche Ihnen, mein Möglichstes zu tun. Aber wenn dieses Mädchen sich wieder erlauben wird, mit mir so zu sprechen und mich so anzusehen--(Er bricht ab und vergräbt den Kopf in die Hände.)
(McComas beschwichtigend:) Na na, es wird schon alles gut werden, wenn Sie nur dulden und sich gedulden wollen. Nehmen Sie sich zusammen, es kommt jemand.
(McNaughtan ist zu sehr entmutigt und niedergeschlagen, sich viel daraus zu machen, er verändert seine Stellung kaum.)
(Gloria kommt aus dem Garten. McComas geht ihr bis an die Fenstertür entgegen, so daß er zu ihr sprechen kann, ohne von McNaughtan gehört zu werden.)
(McComas.) Hier ist Ihr Vater, Fräulein Clandon. Seien Sie gut zu ihm. Ich will Sie einen Augenblick mit ihm allein lassen. (Er geht in den Garten.)
(Gloria tritt ein und geht kühl bis in die Mitte des Zimmers.)
(McNaughtan blickt sich betroffen um:) Wo ist McComas?
(Gloria gleichgültig, aber nicht unliebenswürdig:) Hinausgegangen, um uns allein zu lassen. Wahrscheinlich aus Zartgefühl. (Sie bleibt neben ihm stehen und siebt ihn sonderbar an:) Nun, Vater?
(McNaughtan eine Art Galgenhumor durchbricht seine Hilflosigkeit:) Nun, Tochter? (Sie betrachten einander einen Augenblick mit melancholischem Humor.
(Gloria.) Reichen wir uns die Hände. (Sie reichen einander die Hände.)
(McNaughtan ihre Hand haltend:) Mein liebes Kind, ich habe mich heute nachmittag leider zu sehr ungehörigen Worten über deine Mutter hinreißen lassen.
(Gloria.) O bitte, entschuldigen Sie sich nicht. Ich bin heute selbst sehr hochmütig und eingebildet gewesen; ich bin seitdem zur Vernunft gekommen--o ja, ich bin zur Vernunft gebracht worden! (Sie setzt sich neben seinen Stuhl auf den Boden.)
(McNaughtan.) Was ist dir zugestoßen, mein Kind?
(Gloria.) O sprechen wir nicht davon! Ich habe mich als die Tochter meiner Mutter aufgespielt, aber das bin ich nicht. Ich bin die Tochter meines Vaters. (Sieht ihn an; scherzend:) Das ist ein tiefer Sturz--nicht wahr?
(McNaughtan ärgerlich:) Was! (Sie behält ihren wunderlichen Ausdruck bei. Er streckt die Waffen:) Nun ja, liebes Kind, ich nehme an, daß du recht hast... es wird wohl so sein. (Sie nickt liebenswürdig.) Ich fürchte, ich bin manchmal etwas reizbar, aber ich weiß immer, was recht und billig ist, selbst wenn ich nicht danach handle... Kannst du das glauben?
(Gloria.) Das glauben?... Das ist doch ganz mein Fall--auf ein Haar! Ich weiß auch stets, was recht ist und meiner würdig und stark und edel--genau so gut, wie sie es weiß. Aber, ach! ich tue Dinge... und ich gestatte anderen Leuten, Dinge zu tun--!
(McNaughtan etwas mürrisch, gegen seinen Willen:) "So gut, wie sie es weiß"... du meinst deine Mutter!...
(Gloria rasch:) Ja, meine Mutter. (Sie wendet sich auf den Knien zu ihm hin und ergreift seine Hände.) Nun hören Sie mich an: keinen Verrat an ihr--kein Wort--keinen Gedanken gegen sie! Sie steht über uns--über Ihnen und mir--himmelhoch über uns!--Sind Sie damit einverstanden?
(McNaughtan.) Ja ja, ganz wie du willst, mein liebes Kind.
(Gloria ist nicht befriedigt, läßt seine Hände los und zieht sich von ihm zurück:) Sie mögen sie nicht?
(McNaughtan.) Mein Kind, du bist nicht mit ihr verheiratet gewesen--aber ich! (Sie steht langsam auf und betrachtet ihn mit wachsender Kälte.) Sie hat mir ein großes Unrecht zugefügt, indem sie mich heiratete, ohne mich wirklich zu lieben.--Aber nachher war alles Unrecht auf meiner Seite, das glaube ich selbst. (Er reicht ihr wieder die Hand.)
(Gloria ergreift sie; fest und warnend:) Nehmen Sie sich in acht--das ist ein gefährliches Thema. Mit meinen Gefühlen, meinen elenden, feigen, weiblichen Gefühlen--kann ich auf Ihrer Seite stehen; aber mit meinem Gewissen stehe ich auf der Seite meiner Mutter.
(McNaughtan.) Ich bin mit dieser Teilung sehr zufrieden, liebes Kind. Ich danke dir.
(Dr. Valentine tritt ein, Gloria wird sofort vorsätzlich hochmütig.)
(Dr. Valentine.) Entschuldigen Sie, aber es ist mir nicht gelungen, einen Diener zu finden, mich anzumelden. Selbst der unfehlbare William scheint auf dem Maskenball zu sein. Ich wäre auch gern hingegangen, mir fehlen aber die fünf Schillinge für eine Eintrittskarte.--Wie geht es Ihnen, McNaughtan? Besser--was?
(McNaughtan.) Ja, ich bin wieder Herr meiner Sinne, Doktor, ohne Ihnen dafür Dank schuldig zu sein.
(Dr. Valentine.) Was sagen Sie zu Ihrem undankbaren Vater, Fräulein Clandon? Ich habe ihn von einem qualvollen Schmerz befreit, und er beschimpft mich dafür.
(Gloria kalt:) Ich bedaure, daß meine Mutter nicht da ist, Sie zu empfangen; es fehlen noch ein paar Minuten an neun, und der Herr, von dem Herr McComas sprach, der Rechtsanwalt, ist noch nicht gekommen.
(Dr. Valentine.) Doch, doch--ich bin ihm begegnet und habe ihn gesprochen. (Mit lustiger Bosheit:) Der wird Ihnen gefallen, Fräulein Clandon--er ist der Verstand in Person; man kann sein Gehirn förmlich arbeiten hören.
(Gloria ignoriert die Stichelei:) Wo ist er?
(Dr. Valentine.) Er hat sich eine falsche Nase besorgt und ist auf den Maskenball gegangen.
(McNaughtan knurrig, sieht auf seine Uhr:) Es scheint, daß alle auf diesen Maskenball gegangen sind, statt die festgesetzte Stunde unserer Zusammenkunft einzuhalten.
(Dr. Valentine.) Oh, er wird pünktlich erscheinen--ich traf ihn schon vor einer halben Stunde. Ich mochte ihn nicht um fünf Schillinge anpumpen und ihn begleiten, deshalb schloß ich mich dem Volke an und habe vor dem Gitter so lange zugesehen, bis Fräulein Clandon durch diese Glastür ins Hotel getreten war.
(Gloria.) So weit ist es also gekommen: Sie folgen mir öffentlich, um mich anzustarren?
(Dr. Valentine.) Ja. Man sollte mich anketten. (Gloria wendet ihm den Rücken zu und geht an den Kamin. Er begegnet dieser verachtungsvollen Behandlung mit Gleichgültigkeit und begibt sich auf die entgegengesetzte Seite des Zimmers.)
(Der Kellner erscheint an der Fenstertür und führt Frau Clandon und McComas herein.)
(Frau Clandon hereineilend:) Ich bedaure unendlich, daß ich Sie alle habe warten lassen!
(Ein majestätischer Fremder, dem ein Domino, eine falsche Nase und eine Schielbrille ein groteskes Aussehen verleihen, erscheint in der Glastür.)
(Der Kellner zu dem Fremden:) Verzeihen Sie, Herr--aber das ist eine Privatwohnung. Wenn Sie erlauben, will ich Ihnen die American-Bar und die Speisesäle zeigen. Hier, wenn ich bitten darf!
(Er tritt in den Garten zurück und zeigt den Weg in der Überzeugung, daß der Fremde ihm folgen werde. Der Riese geht jedoch direkt bis an das Ende des Tisches vor, wo er mit ausdrucksvoller Gemächlichkeit zuerst die falsche Nase und dann den Domino ablegt, die Nase in diesen einrollt und das Bündel auf den Tisch wirft, etwa wie ein Preisboxer seinen Handschuh fortschleudert. Man erkennt jetzt einen starken großen Mann, zwischen Vierzig und Fünfzig. Er ist glattrasiert und von einer Blässe, die durch nächtliches Studium verursacht ist und die durch das steife schwarze Haar, das kurzgeschoren und geölt ist, noch verstärkt wird. Seine Augenbrauen gleichen den Roßhaarmöbeln des früheren Viktorianischen Zeitalters. Er ist ein physisch und geistig grobkörniger, schlauer und mit allen Hunden gehetzter Mensch. Sein Auftreten ist recht imponierend und beunruhigend. Wenn er spricht, so erhöht seine mächtige, drohende Stimme, seine eindrucksvolle Redeweise, seine kräftige unerbittliche Manier und die unterjochende Macht seiner äußerst kritischen Art zuzuhören noch den Eindruck, den er hervorruft, bis zum Furchterregenden.)
(Der Fremde.) Mein Name ist Bohun. (Allgemeine Ehrfurcht.) Habe ich die Ehre, mit Frau Clandon zu sprechen? (Frau Clandon verbeugt sich, Bohun verbeugt sich.) Fräulein Clandon? (Gloria verbeugt sich, Bohun verbeugt sich.) Herr Clandon?
(McNaughtan besteht so ärgerlich, als er es nur immer wagt, auf seinem wahren Namen:) Ich heiße McNaughtan!
(Bohun.) O wirklich? (Ohne weiter von ihm Notiz zu nehmen, wendet er sich zu Dr. Valentine:) Sind Sie Herr Clandon?
(Dr. Valentine, der sich etwas darauf zugute tut, sich nicht imponieren zu lassen:) Sehe ich danach aus?--Ich heiße Valentine. Ich bin der, der ihn betäubt hat.
(Bohun.) Ach so. Dann ist Herr Clandon noch nicht anwesend?
(Der Kellner kommt ängstlich durch die Fenstertür herein:) Verzeihen Sie, gnädige Frau, aber können Sie mir vielleicht sagen, was aus diesem--(Er erkennt Bohun und verliert seine ganze Selbstbeherrschung. Bohun wartet unbeweglich, bis sich der Kellner wieder gefaßt hat. Nachdem er eine rührende Verwirrung nur Schau getragen hat, rafft er sich soweit auf, Bohun mit schwacher, aber zusammenhängender Stimme anzusprechen:) Entschuldige... warst... warst du das?
(Bohun ohne Gewissensbisse:) Ich war es.
(Der Kellner gebrochen:) Ja. (Unfähig seine Tränen zurückzuhalten:) *Du* mit einer falschen Nase, Walter! (Er sinkt fast ohnmächtig vor dem Tisch in einen Stuhl.) Verzeihen Sie, gnädige Frau--ein kleiner Schwindelanfall.
(Bohun befehlend:) Sie werden ihm verzeihen, Frau Clandon, wenn ich Ihnen sage, daß er mein Vater ist.
(Der Kellner mit gebrochenem Herzen:) O nein, nein, Walter--dein Vater ein Kellner... und dazu noch die falsche Nase... was werden sie von dir denken!
(Frau Clandon geht zu William hin; dann in der liebenswürdigsten Weise: ) Ich bin entzückt, das zu hören, Herr Justizrat. Ihr Vater ist uns während der ganzen Zeit unseres Hierseins ein sehr guter Freund gewesen. (Bohun verneigt sich ernst.)
(Der Kellner den Kopf schüttelnd:) O nein, gnädige Frau! Sie sind zu gütig--sehr vornehm und gnädig, wahrhaftig! Aber ich fühle mich sehr verlegen, sobald ich nicht in meinem eigenen Tun und Lassen bin... Entschuldigen Sie, daß ich der Vater dieses Herrn bin. Es ist doch schließlich nur der Zufall der Geburt--nicht wahr, gnädige Frau? (Er erhebt sich, schwach:) Bitte, verzeihen Sie, daß ich Sie gestört habe. (Mit nach der Tür gerichteten Augen schleicht er von Stuhl zu Stuhl am Tisch entlang.)
(Bohun.) Einen Augenblick! (Der Kellner hält inne, sein Mut sinkt.) Nicht wahr, Frau Clandon, mein Vater war Zeuge dessen, was sich heute zugetragen hat?
(Frau Clandon.) Ich glaube, ja, größtenteils.
(Bohun.) Dann werden wir ihn brauchen.
(Der Kellner bittend:) Ich hoffe, es wird nicht nötig sein. Ich habe heute abend infolge des Maskenballes sehr viel zu tun--wirklich sehr viel zu tun!
(Bohun unerschütterlich:) Wir werden dich brauchen!
(Frau Clandon höflich:) Bitte, nehmen Sie Platz.
(Der Kellner ernst:) Oh--bitte, bitte, gnädige Frau! Ich darf mich nicht setzen, ich muß eine Grenze ziehen; ich dürfte nicht gesehen werden, wenn ich so etwas täte, gnädige Frau. Ich danke Ihnen trotzdem. (Er blickt mit einem verstörten Gesicht, das ein Herz von Stein rühren müßte, alle Anwesenden der Reibe nach an.)
(Gloria.) Verlieren wir unsere Zeit nicht. William wünscht nur, uns weiter gut bedienen zu dürfen. Ich hätte gern eine Tasse Kaffee.
(Der Kellner wird sichtlich heiterer:) Kaffee, gnädiges Fräulein? (Er stößt einen kleinen Seufzer der Hoffnung aus.) Zu Befehl, gnädiges Fräulein. Das ist sehr zeitgemäß und richtig. (Zu Frau Clandon, furchtsam, aber erwartungsvoll:) Womit kann ich Ihnen dienen, gnädige Frau?
(Frau Clandon.) O ja--es ist hier sehr heiß. Ich glaube, wir könnten eine Rotweinbowle trinken.
(Der Kellner strahlend:) Rotweinbowle, gnädige Frau? Gewiß, gnädige Frau!
(Gloria.) Oh, dann will ich auch lieber Rotweinbowle statt Kaffee. Geben Sie etwas Gurke hinein.
(Der Kellner entzückt:) Gurke, gnädiges Fräulein--ja! (Zu Bohun:) Haben Sie einen besonderen Wunsch, Herr? Sie mögen keine Gurke.
(Bohun.) Wenn Frau Clandon mir gestattet, so nehme ich einen schottischen Whisky mit Soda.
(Der Kellner.) Sehr wohl! (Zu McNaughtan:) Irischen Whisky für Sie--nicht wahr, Herr McNaughtan? (McNaughtan stimmt mit einem Grunzen zu. Der Kellner sieht Dr. Valentine fragend an.)
(Dr. Valentine.) Ich mag gern Weinbowle mit Gurke.
(Der Kellner.) Zu Befehl. (Zusammenzählend:) Weinbowle--einen schottigen Whisky mit Soda--und einen irischen.
(Frau Clandon.) Ich glaube, das ist alles.
(Der Kellner wieder er selbst:) Zu Befehl, gnädige Frau--sofort! (Er tummelt sich durch die Fenstertür hinaus und hat die ganze Stufenleiter der menschlichen Glückseligkeit in wenig mehr als zwei Minuten durchlebt.)
(McComas.) Ich glaube, jetzt können wir anfangen.
(Bohun.) Es wäre besser, wir warteten noch auf Frau Clandons Mann!
(McNaughtan.) Wen meinen Sie? Ich bin ihr Mann!
(Bohun schlägt sofort seine Krallen in den Widerspruch, zwischen dieser und der früheren Behauptung:) Sie haben doch eben behauptet, daß Sie McNaughtan heißen!
(McNaughtan.) So heiße ich auch.
/* (Frau Clandon) ) (alle vier) ( Ich-- (Gloria) ) (sprechen) ( Meine-- (McComas) ) (gleichzeitig:) ( Frau-- (Dr. Valentine)) ( Sie-- */
(Bohun bringt mit zwei Donnerworten alle zum Schweigen:) Einen Augenblick! (Tödliches Schweigen.) Bitte, erlauben Sie mir. Setzen Sie sich alle! (Sie gehorchen demütig. Gloria nimmt den Satteltaschenstubl vom Kamin. Dr. Valentine schleicht nach der dem Fenster gegenüberstehenden Ottomane, von der aus er Gloria sehen kann. McNaughtan setzt sich mit dem Rücken gegen Dr. Valentine auch auf die Ottomane. Frau Clandon, die sich die ganze Zeit möglichst auf der entgegengesetzten Seite des Zimmers zu schaffen gemacht hat, um McNaughtan auszuweichen, setzt sich in die Nähe der Tür. Links von ihr sitzt McComas. Bohun setzt sich wie ein Richter an die Ecke des Tisches auf der selben Seite wie Frau Clandon. Als sie alle sitzen, fixiert er McNaughtan und beginnt:) Wie es scheint, heißt in dieser Familie der Vater McNaughtan und die Mutter Clandon--wir haben also schon auf der Schwelle unseres Falles ein Element der Verwirrung.
(Dr. Valentine steht auf und spricht zu ihm hinüber, mit einem Knie auf der Ottomane:) Aber das ist doch furchtbar einfach--
(Bohun vernichtet ihn mit seiner Donnerstimme:) Jawohl! Frau Clandon hat einen anderen Namen angenommen--das ist die einleuchtende Erklärung, die selbst herauszufinden Sie mir nicht zutrauen. Sie unterschätzen meinen Verstand, Herr Doktor Valentine!
(Dr. Valentine will protestieren, aber Bobun läßt ihn nicht zu Worte kommen.) Nein: ich will nicht, daß Sie darauf antworten; ich will, daß Sie nachdenken, wenn Sie wieder glauben, mich unterbrechen zu müssen.
(Dr. Valentine niedergedrückt:) Das heißt wirklich, einen Schmetterling aufs Rad flechten! Was ist denn da weiter dabei? (Ersetzt sich wieder.)
(Bohun.) Ich will Ihnen sagen, was dabei ist! Es ist dabei, daß--wenn diese Familienzwistigkeit ausgeglichen werden soll, wie wir es alle hoffen--Frau Clandon den Namen ihres Mannes wieder wird annehmen müssen, wie es sich gehört und gesellschaftlich üblich ist.
(Frau Clandons Gesicht nimmt den Ausdruck äußerst entschlossenen Widerstandes an.) Oder Herr McNaughtan wird sich ent-* schließen müssen, sich "Clandon" zu nennen. (McNaughtan sieht fest entschlossen drein, nichts dergleichen zu tun.) Sie halten das zweifellos für eine ganz einfache Angelegenheit, Herr Doktor. (Er sieht erst Frau Clandon und dann McNaughtan scharf an.) Ich bin anderer Ansicht! (Er wirft sich in seinen Stuhl zurück und runzelt heftig die Stirn.)
(McComas furchtsam:) Ich glaube, wir sollten vielleicht lieber erst damit anfangen, die wichtigsten Fragen zur Sprache zu bringen.
(Bohun.) McComas, die wichtigsten Fragen werden uns keinerlei Schwierigkeiten machen--das tun sie niemals. Die Kleinigkeiten sind es, die den Schiffbruch noch im Hafen verursachen. (McComas sieht drein, als ob er dies für ein Paradoxon hielte.) Sie sind nicht meiner Ansicht--was?
(McComas schmeichelnd:) Wenn ich es wäre--
(Bohun ihn unterbrechend:) Wenn Sie es wären, so würden Sie sein, was ich bin, anstatt das zu sein, was Sie sind.
(McComas unterwürfig:) Gewiß, lieber Justizrat, Ihre Spezialität--
(Bohun unterbricht ihn wieder:) Meine Spezialität ist es, recht zu haben, wenn andere Leute unrecht haben. Wenn Sie meiner Ansicht wären, dann würde ich hier unnütz sein. (Er nickt ihm zu, wie um die Sache abzufertigen, und wendet sich dann plötzlich und heftig an McNaughtan: ) Nun, und Sie, Herr McNaughtan? Welcher Punkt dieser Angelegenheit liegt Ihnen am meisten am Herzen?
(McNaughtan beginnt langsam:) Ich möchte in dieser Sache allen Egoismus beiseite lassen--
(Bohun unterbricht ihn:) Das tun wir alle, Herr McNaughtan. (Zu Frau Clandon:) Sie wollen doch auch allen Egoismus beiseite lassen, Frau Clandon?
(Frau Clandon.) Ja. Schon mein Hiersein zeigt, daß ich mich nicht an meine eigenen Gefüllte kehre.
(Bohun.) Das tun Sie wohl ebensowenig, Fräulein Clandon--nicht wahr?
(Gloria.) Gewiß nicht.
(Bohun.) Ich dacht' es mir. Das tun wir alle nicht.
(Dr. Valentine.) Mich ausgenommen. Meine Absichten sind egoistisch.
(Bohun.) Das sagen Sie, weil Sie glauben, daß eine Pose der Aufrichtigkeit auf Fräulein Clandon einen besseren Eindruck machen wird, als eine Pose der Interesselosigkeit. (Dr. Valentine ist durch diese treffende Bemerkung vollkommen entdeckt und vernichtet. Er nimmt seine Zuflucht zu einem schwachen, wortlosen Lächeln. Bobun, zufrieden, jetzt alle Auflehnung vollständig unterjocht zu haben, wirft sich mit einer Miene in seinen Stuhl zurück, als wäre er nun bereit, alle Wünsche der Parteien geduldig anzuhören.) Nun, Herr McNaughtan, beginnen Sie. Es ist abgemacht: aller Egoismus wird beiseite gelassen! Die Menschen beginnen immer damit, das vorauszuschicken.
(McNaughtan.) Aber ich meine es wirklich so, Herr Justizrat.
(Bohun..) Gewiß. Jetzt zu Ihrer Sache!
(McNaughtan.) Es handelt sich um die Kinder. Jeder vernünftige Mensch wird zugeben, daß das selbstlos ist.
(Bohun.) Nun, was ist's mit den Kindern?
(McNaughtan mit Ergriffenheit:) Sie haben--
(Bohun fällt wieder über ihn her:) Halt! Sie sind im Begriff, von Ihren Gefühlen zu sprechen--tun Sie das nicht! Ich sympathisiere mit Ihren Gefühlen, aber sie haben nichts mit meinem Geschäft zu tun. --Sagen Sie uns genau, was Sie verlangen. Das ist es, was wir wissen müssen.
(McNaughtan unbehaglich:) Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten, Herr Justizrat.
(Bohun.) Gut, ich will Ihnen helfen. Was haben Sie gegen die gegenwärtige Lage Ihrer Kinder einzuwenden?
(McNaughtan.) Ich verwahre mich gegen die Erziehung, die sie genossen haben! (Frau Clandons Stirn legt sich in bedrohliche Falten.)
(Bohun.) Und was schlagen Sie vor--das geschehen soll, um das jetzt zu ändern?
(McNaughtan.) Ich meine, daß sie sich ruhiger, einfacher kleiden sollten.
(Dr. Valentine.) Unsinn!
(Bohun wirft sich, durch diese Unterbrechung empört, sofort in seinen Stuhl zurück:) Ich warte. Wenn Sie fertig sind... Herr Doktor. Wenn Sie ganz fertig sind!
(Dr. Valentine.) Was haben Sie gegen Fräulein Clandons Kleidung einzuwenden?
(McNaughtan hitzig zu Dr. Valentine:) Meine Ansicht ist ebenso wichtig wie die Ihre!
(Gloria warnend:) Vater!
(McNaughtan gibt kläglich nach:) Dich hab' ich ja nicht gemeint, meine Liebe! (Er wendet sich mit ernster Dringlichkeit zu Bohun:) Aber die beiden jüngeren Geschwister! Sie haben sie nicht gesehen, Herr Justizrat... wahrhaftig, ich bin überzeugt, Sie wären auch der Ansicht, daß in der Art, wie die sich kleiden, etwas sehr Auffallendes, beinahe Herausforderndes und Frivoles liegt.
(Frau Clandon ungeduldig:) Glaubst du, daß ich ihnen ihre Kleider aussuche? Das ist wirklich kindisch!
(McNaughtan erhebt sich wütend:) Kindisch!...
(Frau Clandon steht entrüstet auf.)
/* (McComas) ) (McNaughtan, Sie ) (alle erbeben sich (haben versprochen-- (Dr. Valentine) ) und sprechen (Lächerlich, sie ) gleichzeitig:) (kleiden sich reizend! (Gloria) ) (Bitte, wollen wir uns (nicht vernünftig (benehmen? */
(Lärm. Plötzlich hören sie ein warnendes Gläserklirren aus dem hinter ihnen gelegenen Zimmer. Sie wenden sich schuldbewußt um und sehen, daß der Kellner eben aus dem Gartenschank zurückgekehrt ist und sein Servierbrett erklingen läßt. Während er damit behutsam an den Tisch kommt, wird es totenstill.)
(Der Kellner zu McNaughtan, ein hohes Glas beiseite auf den Tisch stellend:) Ihr irischer Whisky, gnädiger Herr. (McNaughtan setzt sich ein wenig beschämt. Der Kellner stellt einen anderen Kelch und ein Siphon auf den Tisch beiseite und sagt zu Bohun:) Schottischer Whisky mit Soda für den Herrn Rechtsanwalt. (Bohun winkt ungeduldig mit der Hand. Der Kellner setzt eine große Bowle in die Mitte des Tisches.) Die Weinbowle.
(Alle nehmen ihre Plätze wieder ein. Es herrscht Frieden.)