Man kann nie wissen: Komödie in vier Akten

Chapter 8

Chapter 83,616 wordsPublic domain

(Frau Clandon mit Nachdruck:) Herr Doktor, Sie sind ein sehr gefährlicher Mensch. Gloria, komm her.(Gloria wundert sich ein wenig über diesen Befehl, gehorcht aber und bleibt mit gesenktem Kopf rechts von ihrer Mutter stehen; Dr. Valentine steht auf der andern Seite. Frau Clandon spricht nun mit nachdrücklichem Hohn:) Frage diesen Mann, den du begeistert und tapfer gemacht hast, wie viele Frauen das vor dir getan haben. (Gloria sieht plötzlich mit einem Aufflammen eifersüchtigen Ärgers und Staunens auf.) Wie oft er die Falle gestellt hat, in die du ihm gegangen bist; wie oft er sie mit ganz denselben Redensarten geködert hat; wieviel Übung er als Duellant im Zweikampf der Geschlechter hat, der seinen eigentlichen Lebensberuf ausmacht.

(Dr. Valentine.) Das ist nicht recht, Frau Clandon! Sie. nützen mein Vertrauen aus!

(Frau Clandon.) Frage ihn, Gloria!

(Gloria gebt in einem Wutausbruch mit geballten Fäusten auf ihn los:) Ist das wahr?!

(Dr. Valentine.) Bitte, seien Sie nicht böse--

(Gloria unterbricht ihn; unerbittlich:) Ist das wahr?! Haben Sie das alles jemals schon gesagt?... haben Sie das alles jemals schon empfunden?... für eine andere Frau?

(Dr. Valentine geradeheraus:) Ja.

(Gloria erbebt ihre geballten Hände.)

(Flau Clandon springt entsetzt an ihre Seite und hält ihre erhobenen Arme auf:) Gloria, liebes Kind--du vergißt dich!

(Gloria gibt mit einem tiefen Seufzer ihre drohende Stellung langsam auf:)

(Dr. Valentine.) Bedenken Sie: eines Mannes Fähigkeit zur Liebe und zur Bewunderung ist wie jede andere seiner Fähigkeiten: er muß sie oft weggeworfen haben, bevor er wissen kann, was ihrer wirklich wert ist.

(Frau Clandon.) Das ist auch eine seiner eingelernten Redensarten. Gloria, nimm dich in acht!

(Dr. Valentine sich verwahrend:) Oh!

(Gloria zu Frau Clandon, mit verachtungsvoller Selbstbeherrschung:) Glaubst du, daß ich jetzt noch gewarnt zu werden brauche? (Zu Dr. Valentine:) Sie haben versucht, mich dahin zu bringen, Sie zu lieben!

(Dr. Valentine.) Jawohl.

(Gloria.) Nun, Sie haben damit nur erreicht, daß ich Sie hasse--leidenschaftlich hasse!

(Dr. Valentine philosophisch:) Es ist überraschend, wie klein doch der Unterschied zwischen Haß und Liebe ist. (Gloria wendet sich entrüstet von ihm ab. Er fährt zu Frau Clandon gewendet fort:) Ich kenne Frauen, die ihre Männer lieben und sich dabei genau so gegen sie benehmen.

(Frau Clandon.) Entschuldigen Sie, Herr Doktor, aber wäre es nicht besser, Sie gingen?

(Gloria.) Meinetwegen brauchst du ihn nicht fortzuschicken! Er ist mir jetzt nichts mehr und er wird Phil und Dolly amüsieren. (Sie setzt sich mit geringschätziger Gleichgültigkeit an den Tisch, in die Nähe des Fensters.)

(Dr. Valentine lustig:) So ist's recht! Das ist die vernünftige Art, es aufzufassen. Gehen Sie, Frau Clandon Sie können einem bloßen Schmetterling, wie ich es bin, nicht ernstlich böse sein.

(Frau Clandon.) Ich habe gar kein Vertrauen zu Ihnen, Herr Doktor; aber ich will nicht annehmen, daß Ihre beklagenswert leichtsinnige Veranlagung einzig schamlos und nichtswürdig ist--

(Gloria für sich, aber laut:) Ja, schamlos und nichtswürdig!

(Frau Clandon.)--Deshalb ist es vielleicht besser, wenn wir Phil und Dolly rufen lassen und Ihnen gestatten, Ihren Besuch auf die übliche Weise zu beenden.

(Dr. Valentine, als wenn sie ihm das größte Kompliment gemacht hätte:) Sie sind zu liebenswürdig, Frau Clandon--ich danke Ihnen!

(Der Kellner tritt ein:) Herr McComas, gnädige Frau.

(Frau Clandon.) O gewiß! ich lasse bitten.

(Der Kellner.) Er läßt fragen, ob er Sie nicht im Lesezimmer sprechen dürfte, gnädige Frau.

(Frau Clandon.) Warum nicht hier?

(Der Kellner.) Nun, wenn ich es sagen darf, gnädige Frau: ich glaube, Herr McComas fühlt, er hätte leichteres Spiel, wenn er mit Ihnen in Abwesenheit der jüngeren Mitglieder Ihrer Familie sprechen könnte, gnädige Frau.

(Frau Clandon.) Sagen Sie ihm, daß die Kinder nicht hier sind.

(Der Kellner.) Sie behalten die Tür im Auge, gnädige Frau, und passen scharf auf aus irgendeinem Grunde.

(Frau Clandon geht:) Nun gut, so will ich zu ihm gehen.

(Der Kellner hält ihr die Tür auf:) Ich danke, gnädige Frau. (Sie geht hinaus. Er kommt ins Zimmer zurück und begegnet dem Auge Dr. Valentines, der wünscht, daß er sich entferne.) Sofort, Herr Doktor--nur das Teegeschirr. (Er nimmt das Teebrett:) Entschuldigen Sie, Herr Doktor--ich danke sehr. (Er gebt hinaus.)

(Dr. Valentine zu Gloria:) Hören Sie! Früher oder später werden Sie mir verzeihen... verzeihen Sie mir gleich.

(Gloria erbebt sich, um ihre Erklärung an ihn intensiver zu machen:) Niemals! so lange Gras wächst und Wasser fließt--nie--nie--nie!

(Dr. Valentine unerschrocken:) Auch gut. Mich kann nichts unglücklich machen--ich werde nie wieder unglücklich sein, nie, nie, nie, so lange Gras wächst und Wasser fließt!! Der Gedanke an Sie wird mich immer mit jauchzender Freude erfüllen. (Ein höhnisches Wort ist auf ihren Lippen. Er unterbricht sie rasch:) Nein, das habe ich noch zu keiner gesagt... Das ist das erstemal!

(Gloria.) Wenn Sie es der nächsten Frau sagen, wird es nicht zum ersten Male sein!

(Dr. Valentine.) O nicht, Gloria, nicht! (Er kniet vor ihr nieder.)

(Gloria.) Stehen Sie auf--stehen Sie auf! Wie können Sie es wagen?

(Philip und Dolly stürzen, wie gewôhnlich um die Wette laufend, ins Zimmer. Sie prallen zurück, als sie sehen, was vorgeht. Dr. Valentine springt auf.)

(Philip diskret:) O entschuldigen Sie.--Komm, Dolly. (Er wendet sich um und will geben.)

(Gloria geärgert:) Die Mutter wird gleich wieder da sein, Phil. (Streng:) Bitte, wartet hier auf sie. (Sie geht an das Fenster und sieht, mit dem Rücken gegen die andern, hinaus.)

(Philip bedeutungsvoll:) O wirklich--hm hm...

(Dolly.) Aha!

(Philip.) Sie scheinen sehr gut aufgelegt zu sein, Doktor?

(Dr. Valentine.) Das bin ich auch. (Er tritt zwischen sie:) Nun so hören Sie: Sie beide wissen doch, was hier vorgefallen ist, nicht wahr? (Gloria wendet sich rasch um, als ahnte sie eine neue Beleidigung.)

(Dolly.) Alles.

(Dr. Valentine.) Nun, es ist alles vorbei. Ich wurde abgewiesen--verachtet. Ich werde hier nur noch geduldet. Sie verstehen doch?... es ist alles vorbei. Ihre Schwester will von meinen Huldigungen absolut nichts wissen, sie will nicht einmal geruhen, auch nur das kleinste Interesse für mich zu haben. (Gloria ist zufrieden und wendet sich verachtungsvoll wieder zum Fenster.) Ist das klar?

(Dolly.) Es geschieht Ihnen recht--Sie haben es gar zu eilig gehabt.

(Philip ihm auf die Schultern klopfend:) Machen Sie sich nichts daraus--nicht einmal Ihre Seele wäre Ihr Eigentum geblieben, wenn Gloria Sie geheiratet hätte. Sie können jetzt ein neues Kapitel Ihres Lebens beginnen.

(Dolly.) Kapitel siebzehn ungefähr, nicht wahr?

(Dr. Valentine durch diesen Scherz aus dem Text gebracht:) Nein--sagen Sie nicht solche Sachen! Gerade gedankenlose Bemerkungen dieser Art richten das größte Unglück an.

(Dolly.) O wirklich? Hm hm!

(Philip.) Aha! (Er geht an den Kamin und pflanzt sich dort in seiner gesuchtesten Stellung als Haupt der Familie auf.)

(McComas, der sehr ernst aussieht, tritt rasch mit Frau Clandon ein, deren erste Sorge Gloria ist. Sie blickt suchend umher und ist im Begriff, zu ihr ans Fenster zu eilen, da kommt ihr Gloria mit deutlichen Zeichen des Vertrauens und der Liebe entgegen. Endlich setzt sich Frau Clandon, Gloria stellt sich hinter ihren Stuhl. McComas wird auf seinem Wege nach der Ottomane von Dolly angerufen.)

(Dolly.) Nun, was bringen Sie Gutes... Finch?

(McComas düster:) Sehr ernste Nachrichten von Ihrem

Vater. Fräulein Clandon,--sehr ernste Nachrichten. (Er gebt zur Ottomane und setzt sich.)

(Dolly, auf die das tiefen Eindruck macht, folgt ihm und setzt sich rechts neben ihn.)

(Dr. Valentine.) Vielleicht ist es besser, wenn ich gehe.

(Mc Contas.) Um keinen Preis, Herr Doktor! Sie geht die Sache sehr an. (Dr. Valentine nimmt einen Stuhl vom Tisch fort und setzt sich rittlings, über den Rücken gelehnt, in die Nähe der Ottomane.) Frau Clandon, Ihr Mann beansprucht die Aufsicht über seine zwei jüngeren Kinder, die nicht majorenn sind, für sich.

(Frau Clandon erschrickt und blickt sich instinktiv sofort nach Dolly um, um zu sehen, ob sie in Sicherheit ist.)

(Dolly ergriffen:) Oh, wie nett von ihm! Er hat uns lieb, Mama!

(McComas.) Es tut mir leid, Sie darüber eines Besseren belehren zu müssen, Fräulein Dorothea.

(Dolly in Ekstase; girrend:) Dorothee-ee-ee-a! (Lehnt sich ganz überwältigt an seine Brust:) O Finch!

(McComas nervös wegrückend:) Nein! nein--nein! nein!

(Frau Clandon zurechtweisend:) Liebste Dolly! (Zu Mc Comas:) Laut unserer Trennungsurkunde fällt mir die Aufsicht über die Kinder zu.

(McComas.) Sie enthält auch die Verpflichtung, daß Sie sich ihm weder nähern noch ihn in irgendeiner Weise belästigen dürfen.

(Frau Clandon.) Nun, habe ich das etwa getan?

(McComas.) Ob das Benehmen Ihrer jüngeren Kinder dem Gesetze nach eine Belästigung ist, das ist eine Frage, die vielleicht ein Advokat entscheiden müßte. Jedenfalls beklagt sich Herr McNaughtan, nicht nur belästigt worden zu sein, sondern er behauptet auch, daß er planmäßig hergelockt wurde und daß Herr Dr. Valentine dabei als Ihr Vertreter die Hand im Spiel gehabt hat.

(Dr. Valentine.) Was?... wie??...

(McComas.) Er behauptet, daß Sie ihn betäubt haben, Herr Doktor.

(Dr. Valentine.) Das habe ich allerdings getan. (Sie sind erstaunt.)

(McComas.) Aber zu welchem Zweck?

(Dolly.) Um fünf Schillinge extra zu verdienen!

(McComas zu Dolly kurz angebunden:) Ich muß Sie wirklich bitten, Fräulein Clandon, unsere sehr ernste Unterredung nicht durch ungehörige Unterbrechungen zu stören. (Heftig:) Ich bestehe darauf, daß ernste Angelegenheiten ernst und würdig besprochen werden! (Diesem Ausbruch folgt eine um Entschuldigung bittende Stille, die selbst Herrn McComas aus dem Text bringt. Er hustet und beginnt von neuem, sich an Gloria wendend:) Fräulein Clandon: ich habe ferner die Pflicht, Ihnen zu sagen, daß Ihr Vater auch die Überzeugung gewonnen hat, daß Dr. Valentine Sie zu heiraten wünscht.

(Dr. Valentine geschickt unterbrechend:) Ja, das wünsche ich auch.

(McComas beleidigt:) Dann dürfen Sie nicht erstaunt sein, Herr Doktor, wenn der Vater der jungen Dame Sie für einen Mitgiftjäger hält.

(Dr. Valentine.) Das bin ich auch! Glauben Sie, daß eine Frau von meinen Einkünften leben kann? Einen Schilling pro Woche?

(McComas empört:) Ich habe nichts mehr hinzuzufügen, Herr Doktor. Ich werde zu Herrn McNaughtan zurückkehren und ihm sagen, daß diese Familie kein Ort für einen Vater ist. (Er gebt zur Tür.)

(Frau Clandon mit ruhiger Würde:) Finch! (Er bleibt stehen:) Wenn der Herr Doktor nicht ernst sein kann--Sie können es. Setzen Sie sich. (Nach einem kurzen Kampf zwischen seiner Würde und seiner Freundschaft unterliegt McComas und setzt sich, diesmal zwischen Dolly und Frau Clandon.) Sie wissen so gut wie ich, daß all dies eine Komödie ist und daß Fergus diese Dinge ebensowenig glaubt wie Sie. Geben Sie mir jetzt einen wirklichen Rat--Ihren aufrichtigen freundschaftlichen Rat. Sie wissen, ich habe Ihrem Urteil immer vertraut. Ich verspreche Ihnen, daß die Kinder sich ruhig verhalten werden.

(McComas fügt sich:) Nun, nun.--Was ich sagen möchte, ist dies. Nach der alten Übereinkunft zwischen Ihnen und ihm, Frau Clandon, war Ihr Mann furchtbar benachteiligt.

(Frau Clandon.) Wieso, wenn ich bitten darf?

(McComas.) Nun Sie, eine emanzipierte Frau, waren gewöhnt, die öffentliche Meinung zu verachten und auf das, was die Welt über Sie sagen könnte, keinerlei Rücksicht zu nehmen.

(Frau Clandon stolz darauf:) Ja, das ist richtig! (Gloria beugt sich vor und küßt ihre Mutter auf die Haare--eine Zustimmung, die sie äußerst verwirrt.)

(McComas.) Andererseits hatte Ihr Mann, Frau Clandon, einen großen Abscheu vor allem, was ihn in die Zeitungen bringen konnte. Er mußte Rücksicht auf sein Geschäft sowohl wie auf die Vorurteile seiner altmodischen Familie nehmen.

(Frau Clandon.) Seine eigenen Vorurteile nicht zu erwähnen.

(McComas.) Er hat sich ja ohne Zweifel schlecht benommen, Frau Clandon.

(Frau Clandon verachtungwoll:) Zweifellos.

(McComas.) War es aber ausschließlich seine Schuld?

(Frau Clandon.) War es die meine?

(McComas rasch:) Nein, selbstverständlich nicht.

(Gloria ihn aufmerksam betrachtend:) Das glauben Sie nicht wirklich, Herr McComas.

(McComas.) Mein liebes Fräulein, Sie setzen mir sehr scharf zu, aber ich will Ihnen nur so viel sagen: Wenn ein Mann eine unpassende Ehe eingeht--dafür kann niemand, wie Sie wissen, das ist oft nur zufällige Unvereinbarkeit der Geschmacksrichtungen--wenn er durch dieses Unglück der häuslichen Liebe beraubt wird, die--wie ich glaube--der Grund ist, warum ein Mann heiratet,--wenn, kurz gesagt, seine Frau schlimmer ist als gar keine Frau--woran sie natürlich unschuldig sein kann--ist es da gar so erstaunlich, daß er die Dinge zuerst verschlimmert, indem er ihr Vorwürfe macht und dann in seiner Verzweiflung sogar gelegentlich zu viel trinkt oder anderweitig Sympathie sucht?

(Frau Clandon.) Ich habe ihm keine Vorwürfe gemacht, ich habe einfach mich und die Kinder von ihm befreit.

(McComas.) Ja. Aber Sie haben harte Bedingungen gestellt, Frau Clandon. Sie hatten ihn in Ihrer Gewalt--Sie haben ihn in die Knie gedrückt, als Sie damit drohten, die Sache zu veröffentlichen, indem Sie die Gerichte um eine gesetzliche Scheidung anriefen. Nehmen Sie an, er hätte diese Macht über Sie gehabt und dazu benützt, Ihre Kinder von Ihnen fortzunehmen und sie so zu erziehen, daß Sie bis auf Ihren Namen vergessen wären... was würden Sie dabei fühlen?... Was würden Sie tun?... Wollen Sie nicht auch seinen Gefühlen etwas Nachsicht zeigen--? aus reiner Menschlichkeit?

(Frau Clandon.) Ich habe nie Gefühle bei ihm entdeckt. Ich habe sein heftiges Temperament entdeckt und seine--(sie schaudert:) alles übrige seiner gewöhnlichen Menschlichkeit.

(McComas gedankenvoll:) Frauen können sehr hart sein, Frau Clandon.

(Dr. Valentine.) Das ist wahr!

(Gloria zornig:) Schweigen Sie! (Er fügt sich.)

(McComas nimmt seine ganze Kraft zusammen:) Lassen Sie mich eine letzte Bitte aussprechen, Frau Clandon. Glauben Sie mir, es gibt Männer, die sehr viel Gefühl, ja Güte haben, die aber unfähig sind, sie auszudrücken. Was Sie an McNaughtan vermissen, ist jener bloß äußere Anstrich von Zivilisation, die Kunst, wertlose Aufmerksamkeiten zu erweisen und auf reizende liebenswürdige Art unaufrichtige Komplimente zu machen. Wenn Sie in London lebten, wo die ganze Gesellschaftsordnung auf falscher Kameradschaftlichkeit aufgebaut ist und Sie mit einem Menschen zwanzig Jahre zusammen sein können, ohne herausgefunden zu haben, daß er Sie haßt wie Gift, dann würden Ihnen die Augen bald aufgehen. Dort tut man unfreundliche Dinge auf freundliche Art; man sagt Bitterkeiten mit süßer Stimme; man gibt seinen Freunden immer Chloroform, wenn man sie in Stücke reißt. Aber denken Sie an die Kehrseite der Medaille! Denken Sie an die Leute, die auf unfreundliche Weise Gutes tun--an Leute, deren Berührung schmerzt, deren Stimme schneidet, deren Temperament zuweilen mit ihnen durchgeht--die es fertig bringen, Menschen, die sie lieben, zu verletzen und zu quälen, selbst dann noch, wenn sie sie versöhnen wollen--und die trotzdem ebensoviel Liebe brauchen wie wir andern... McNaughtan hat ein entsetzliches Temperament, ich gebe es zu; er hat keine Manieren, keinen Takt, keine Anmut--er wird nie imstande sein, irgend jemandes Neigung zu gewinnen, wenn dieser nicht seine Sehnsucht danach auf Treu und Glauben hinnimmt. Soll er gar keine Liebe haben, nicht einmal Mitleid?... auch nicht von seinem eigenen Fleisch und Blut?

(Dolly ganz gerührt:) Oh, wie wundervoll, Finch!... wie lieb von Ihnen!

(Philip mit Überzeugung:) Finch, das nenne ich Beredsamkeit--wahrhaftig Beredsamkeit!

(Dolly.) O Mama, geben wir ihm noch eine Chance! Behalten wir ihn zum Essen!

(Frau Clandon unbewegt:) Nein, Dolly: ich habe kaum etwas vom Lunch gehabt.--Mein lieber Finch, es ist ganz zwecklos, mit mir über Fergus zu sprechen. Sie sind nicht mit ihm verheiratet gewesen--aber ich.

(McComas zu Gloria:) Fräulein Clandon, ich habe bis jetzt davon abgesehen, mich an Sie zu wenden, weil Sie sogar noch unbarmherziger als Ihre Mutter gewesen sind, wenn das wahr ist, was mir McNaughtan gesagt hat.

(Gloria trotzig:) Sie wenden sich von der Stärke der Mutter an die Schwäche der Tochter!

(McComas.) Nicht an Ihre Schwäche, Fräulein Clandon--ich wende mich vom Verstande der Mutter an das Herz der Tochter.

(Gloria.) Ich habe gelernt, meinem Herzen zu mißtrauen. (Mit einem zornigen Blick auf Dr. Valentine:) Wenn ich könnte, ich würde mir das Herz aus dem Leibe reißen und es fortwerfen. Meine Antwort ist die Antwort meiner Mutter! (Sie tritt zu Frau Clandon und umarmt sie. Aber Frau Clandon, unfäbig, diese Art zur Schau gestellter Neigung zu ertragen, befreit sich, so rasch sie, ohne Glorias Gefühle zu verletzen, nur kann.)

(McComas besiegt:) Nun, das tut mir leid--sehr leid. Ich habe mein Möglichstes getan. (Er erbebt sich und ist im Begriff, in tiefster Unzufriedenheit fortzugehen.)

(Frau Clandon.) Aber was haben Sie denn erwartet, Finch? Was verlangen Sie?... Was sollen wir tun?

(McComas.) Vor allem sollten Sie beide, Sie und McNaughtan, das Gutachten eines Advokaten einholen, um zu erfahren, inwieweit McNaughtan durch die Trennungsurkunde gebunden ist. Warum nun nicht dieses Gutachten gelegentlich einer freundschaftlichen (ihr Gesicht wird hart)--oder sagen wir neutralen--Zusammenkunft mit McNaughtan einholen, und zwar am besten sofort? Der Einfachheit und Bequemlichkeit halber schlage ich dieses Hotel vor... Gleich heute abend--was meinen Sie dazu?

(Frau Clandon.) Aber woher sollen wir dieses Gutachten so schnell bekommen?

(McComas.) Es ist beinahe aus den Wolken auf uns herabgefallen. Auf meinem Rückwege von McNaughtan hierher begegnete ich einem hervorragenden Rechtsanwalt, einem Manne, dem ich eine Sache vor Gericht anvertraut habe, die ihn zuerst berühmt gemacht hat. Er bleibt von Samstag bis Montag hier, um Seeluft zu atmen und einen Verwandten, der hier wohnt, zu besuchen. Er war so freundlich, mir sein Erscheinen für den Fall zuzusagen, daß es mir gelänge, eine Zusammenkunft der Parteien zustande zu bringen. Er wird uns mit seinem gewiegten Rat zur Seite stehen.--Lassen Sie uns doch diese Gelegenheit zu einer ruhigen, freundlichen Familienzusammenkunft benützen; gestatten Sie mir, meinen Freund herzubringen, und ich will versuchen, auch McNaughtan zum Kommen zu bewegen. Bitte, stimmen Sie zu! Einverstanden?

(Frau Clandon nach einem Augenblick der Überlegung, bedeutungsvoll:) Finch! ich brauche kein Rechtsgutachten, weil ich die Absicht habe, mich von meinem eigenen Gutachten leiten zu lassen. Ich wünsche nicht, Fergus wieder zu begegnen, weil ich ihn nicht mag und weil ich nicht glaube, daß eine Zusammenkunft irgendwie nützen könnte. (Sie erhebt sich:) Aber da Sie die Kinder überzeugt haben, daß er nicht ganz hoffnungslos ist, tun Sie, was Ihnen beliebt.

(McComas nimmt ihre Hand und schüttelt sie:) Ich danke Ihnen, Frau Clandon.--Paßt Ihnen neun Uhr?

(Frau Clandon.) Vollkommen.--Phil, klingle, bitte.

(Philip klingelt.) Wenn ich aber angeklagt werden soll, mich mit Herrn Dr. Valentine verschworen zu haben, dann würde es, glaube ich, besser sein, er wäre zugegen.

(Dr. Valentine sich erhebend:) Ich bin ganz Ihrer Ansicht. Ich halte meine Anwesenheit für äußerst wichtig.

(McComas.) Ich glaube, dagegen ist nichts einzuwenden. Ich hege die größten Hoffnungen auf eine glückliche Lösung. Inzwischen leben Sie wohl. (Er gebt hinaus und begegnet dem Kellner, der die Tür für ihn offen hält.)

(Frau Clandon.) Wir erwarten um neun Uhr Besuch, William. Könnten wir nicht schon um sieben Uhr statt um halb acht dinieren?

(Der Kellner an der Tür:) Um sieben, gnädige Frau? Gewiß, gnädige Frau. Es wird sogar eine Erleichterung für uns sein heut abend, wo so viel zu tun ist. Wir haben Konzert, und die Illumination ist zu arrangieren und sonst noch allerlei, gnädige Frau.

(Dolly.) Illumination!

(Philip.) Konzert!--William: was ist denn los?

(Der Kellner.) Heute ist Maskenball, gnädiges Fräulein.

(Dolly und Philip stürzen gleichzeitig auf ihn zu:) Maskenball?!

(Der Kellner.) Jawohl, junger Herr. Der Regatta-Klub gibt das Fest zum Besten des Rettungsbootes. (Zu Frau Clandon:) Wir haben oft solche Abende, gnädige Frau; Lampions im Garten, sehr hübsch, sehr lustig und harmlos--wirklich! (Zu Philip:) Eintrittskarten zu fünf Schilling bekommt man unten im Bureau, junger Herr. Damen in Herrenbegleitung zahlen die Hälfte.

(Philip erfaßt seinen Arm, um ihn fortzuziehen:) Fort ins Bureau, William!

(Dolly ergreift atemlos seinen andern Arm:) Schnell, bevor alle Karten weg sind! (Sie zerren ihn mit sich weg aus dem Zimmer.)

(Frau Clandon.) Um des Himmels willen, was haben sie vor? (Abgehnd:) Ich muß wirklich nachsehen und sie zurückrufen. (Sie folgt ihnen und spricht im Abgeben weiter.)

(Gloria starrt Dr. Valentine kühl an und sieht dann bedächtig auf ihre Taschenuhr.)

(Dr. Valentine.) Ich begreife, ich bin schon zu lange dageblieben. Ich gehe.

(Gloria mit berablassender Förmlichkeit:) Ich muß mich bei Ihnen entschuldigen. Ich bin mir bewußt, etwas scharf... vielleicht grob gegen Sie gewesen zu sein.

(Dr. Valentine.) Durchaus nicht.

(Gloria.) Meine einzige Entschuldigung ist, daß es sehr schwer fällt, jemandem Respekt und Achtung zu bezeugen, dessen würdeloser Charakter weder Respekt noch Achtung fordert.

(Dr. Valentine prosaisch:) Wie kann ein Mann würdevoll auftreten, wenn er verliebt ist?

(Gloria durch Valentines Redensart von ihrem bochtrabenden Stil abgebracht:) Ich verbiete Ihnen, mir solche Dinge zu sagen. Es sind Beleidigungen.

(Dr. Valentine.) Nein--es sind Torheiten. Aber ich kann nichts dafür, ich muß sie begehen.

(Gloria.) Wenn Sie wirklich verliebt wären, würden Sie nicht töricht sein. Liebe verleiht Würde, Ernst, ja sogar Schönheit.

(Dr. Valentine.) Glauben Sie wirklich, daß ich davon schön werden würde? (Sie wendet ihm mit kältester Verachtung den Rücken.) Ah, Sie sehen, daß Sie es nicht ernstlich meinen! Die Liebe kann dem Manne keine neuen Gaben schenken; sie kann nur die Gaben, mit denen er geboren wurde, entwickeln und erhöhen.

(Gloria geht wieder zu ihm hin:) Mit welchen Gaben sind Sie geboren, wenn ich bitten darf?

(Dr. Valentine.) Mit Leichtigkeit des Herzens.

(Gloria.) Und Leichtigkeit des Verstandes--und Leichtigkeit des Glaubens und Leichtigkeit alles dessen, was einen ganzen Mann ausmacht.

(Dr. Valentine.) Ja, die ganze Welt gleicht jetzt einer Feder, die im Lichte tanzt--und Gloria ist die Sonne. (Sie erbebt ärgerlich den Kopf.) Entschuldigen Sie--ich gehe. Um neun bin ich wieder da. Adieu. (Er läuft lustig hinaus und läßt sie in der Mitte des Zimmers zurück. Sie starrt ihm nach.)

(Vorhang)

VIERTER AKT

(Das gleiche Zimmer. Neun Uhr. Niemand ist da. Die Lampen sind angezündet, aber die Vorhänge sind nicht zugezogen. Das Fenster steht weit offen, und die Girlanden der Lampions leuchten an den Zweigen der Bäume, darüber ein sternbesäter Himmel. Das Orchester im Garten spielt Tanzmusik, die die Meeresbrandung übertönt.)

(Der Kellner tritt ein und führt McNaughtan und McComas in das Zimmer. McNaughtan sieht ängstlich und gedrückt aus. Er setzt sich müde und mutlos auf die Ottomane.)

(Der Kellner.) Die Damen sind in den Garten gegangen und sehen sich die Masken an. Wenn Sie einstweilen gütigst Platz nehmen wollten--ich werde sie rufen. (Er ist im Begriff, durch die Fenstertür in den Garten zu gehen, als ihn McComas aufhält.)

(McComas.) Halt, einen Augenblick.--Wenn noch ein Herr kommt, führen Sie ihn unverzüglich herein. Wir warten auf ihn.

(Der Kellner.) Zu Befehl. Darf ich um seinen Namen bitten?