Man kann nie wissen: Komödie in vier Akten

Chapter 7

Chapter 73,552 wordsPublic domain

(Dr. Valentine. Im Schmerz zurückgehaltener Leidenschaft:) Oh, bemitleiden Sie mich nicht! Ihre Stimme zerreißt mir das Herz! Lassen Sie mich allein, Gloria. Sie wühlen mich in meinen tiefsten Tiefen auf, Sie verwirren und beleben mich zugleich!--Ich kann den Kampf dagegen nicht aufnehmen--ich kann es Ihnen nicht sagen--

(Gloria bricht plötzlich nieder:) Oh, hören Sie auf mir zu sagen, was Sie fühlen: ich kann es nicht ertragen!

(Dr. Valentine springt triumphierend auf, seine ersterbende Stimme klingt jetzt stark und jubelnd:) Ah! Er ist endlich gekommen--der Augenblick meines Mutes!--(Er ergreift ihre Hände; sie blickt ihn entsetzt an.) Der Augenblick *unseres* Mutes! (Er ziebt sie an sich, küßt sie mit ungestümer Kraft und lacht knabenhaft.) Es ist geschehen, Gloria--es ist alles vorüber--wir sind ineinander verliebt! (Sie kann nur nach Luft ringen.) Aber was für ein Ungeheuer waren Sie, und was für ein Hasenfuß bin ich gewesen!

(Philips Stimme vom Strande rufend:) Doktor Valentine!

(Dollys Stimme.) Doktor Valentine!

(Dr. Valentine.) Leben Sie wohl... vergeben Sie mir. (Er küßt ihr rasch die Hände und läuft zu den Stufen, wo er der heraufkommenden Frau Clandon begegnet. Gloria, ganz verloren, kann ihm nur nachstarren.)

(Frau Clandon.) Die Kinder suchen Sie, Herr Doktor. (Sie siebt sich ängstlich um:) Ist er fort?

(Dr. Valentine verwirrt:) Er?... (Sich erinnernd:) Oh, McNaughtan! --Der ist schon längst fort, Frau Clandon. (Er läuft in gehobener Stimmung die Stiegen hinunter.)

(Gloria auf die Bank sinkend:) Mutter!

(Frau Clandon stürzt ängstlich auf sie zu:) Was ist geschehen, mein Kind?

(Gloria mit tief bekümmertem, anklagendem Vorwurf:) Warum hast du mich nicht ordentlich erzogen, Mutter?

(Frau Clandon erstaunt:) Kind, ich habe mein môglichstes getan!

(Gloria.) Oh, du hast mich nichts gelehrt--gar nichts!

(Frau Clandon.) Was ist mit dir?

(Gloria mit dem größten Nachdruck:) Ich schäme mich--schäme mich--schäme mich--(Da sie unerträglich errötet, bedeckt sie ihr Gesicht mit den Händen und wendet sich von ihrer Mutter ab.)

(Vorhang)

DRITTER AKT

(Der Salon der teuern ebenerdigen Wohnung, welche die Clandons im Marinehotel gemietet haben. Eine bis auf den Fußboden reichende zweiflügelige Fenstertür führt in den Garten. In der Mitte des Zimmers steht ein massiver, von Stühlen umgebener Tisch, der mit einer kastanienbraunen Decke bedeckt ist. Kostspielig eingebundene Hotel- und Eisenbahnführer liegen darauf. Ein Besucher, der durch die Fenstertür käme und zu diesem Mitteltisch ginge, würde den Kamin zu seiner Linken haben und einen Schreibtisch an der Wand zu seiner Rechten, in der Nähe die Tür, die weiter hinten ist. Er würde, wenn dies seiner Geschmacksrichtung entspräche, die pflaumen- und bronzelackfarbigen Mauerverzierungen von Lincrusta Walton mit Sockel und Kranzgesims und die Goldbronze-Konsolen in den Ecken bewundern können. Zu beiden Seiten des Fensters sieben Vasen auf Pfeilerpiedestalen aus gesprenkeltem Marmor mit Untersätzen aus poliertem schwarzem Holz. Zunächst der Vase, in der nächsten Nähe des Kamins, steht ein verzierter Schrank, dessen Mittelfach eine Tür aus Holzmosaï[*or i?]k verschließt und dessen durch gewölbte Glasscheiben abgerundete Kanten Gestelle mit billigem blauem und weißem Steingutgeschirr schützen. Ein Teetisch aus Bambusrohr mit zusammenklappbaren Seitenbrettern steht gegenüber auf der andern Seite des Fensters.--An den Wänden hängen Bilder, gemalte Ozeandampfer und Hunde von Landseer. In einer Linie mit der Türe, aber auf der andern Seite des Zimmers befindet sich eine Ottomane; auf dem Kaminteppich stehen zwei bequeme dazu passende Stühle. Über dem Fenster ist eine massive Messingstange angebracht, an der ein Paar rotbraune Ripsvorhänge mit mattgrünen Zierborten hängen. Kurzum, ein Zimmer, das danach eingerichtet ist, den Gefühlen des Bewohners von seiner eigenen Wichtigkeit zu schmeicheln und ihn mit der täglichen Ausgabe eines ganzen Pfundes für die Benützung auszusöhnen.)

(Frau Clandon sitzt am Schreibtisch und liest Korrekturen. Gloria lehnt am Fenster und starrt in gequälter Träumerei ins Weite. Die Uhr auf dem Kaminsims schlägt Fünf mit schwachem Klirren, da die Glocke gegen das marmorne schwarze Ehrengrab, in das sie eingemauert ist, nicht aufkommen kann.)

(Frau Clandon.) Fünf! Ich glaube, wir brauchen nicht länger auf die Kinder zu warten; sie trinken gewiß außer Haus Tee.

(Gloria müde:) Soll ich klingeln?

(Frau Clandon.) Ja, mein Kind.

(Gloria geht an den Kamin und klingelt.)

(Frau Clandon.) Endlich bin ich mit den Korrekturen fertig. Gott sei Dank!

(Gloria durchschreitet das Zimmer unaufmerksam und tritt hinter den Stuhl ihrer Mutter:) Was für Korrekturen?

(Frau Clandon.) Die neue Auflage der "Frauen des zwanzigsten Jahrhunderts".

(Gloria mit einem bittern Lächeln:) Es fehlt noch ein Kapitel.

(Frau Clandon beginnt ihre Korrekturen zu durchstöbern:) Glaubst du?... doch nicht.

(Gloria.) Ich meine ein ungeschriebenes. Vielleicht werde ich es für dich schreiben--sobald ich erst den Schluß weiß. (Sie geht an das Fenster zurück.)

(Frau Clandon.) Gloria! ein neues Rätsel?

(Gloria.) O nein! das alte Rätsel.

(Frau Clandon verlegen und ziemlich verwirrt, nachdem sie ihre Tochter einen Augenblick beobachtet hat:) Mein Kind--

(Gloria zurückkommend:) Ja?

(Frau Clandon>) Du weißt, daß ich niemals Fragen stelle.

(Gloria neben ihrem Stuhl kniend:) Ich weiß, ich weiß! (Sie wirft plötzlich ihren Arm um den Hals ihrer Mutter und umarmt sie beinahe leidenschaftlich.)

(Frau Clandon sanft Lächelnd, aber verlegen:) Aber mein Kind, du wirst ganz sentimental!

(Gloria zurückfahrend:) Nein, nein--o sage das nicht--oh! (Sie erhebt sich und wendet sich mit einer Bewegung von Frau Clandon ab, als ob sie sich losrisse.)

(Frau Clandon sanft:) Liebes Kind, was ist geschehen? Was--(Der Kellner kommt mit dem Teebrett herein.)

(Der Kellner sanft:) Danach haben Sie wohl geklingelt, gnädige Frau?

(Frau Clandon.) Ja, ich danke. (Sie wendet ihren Stuhl vom Schreibtisch fort und setzt sich wieder.)

(Gloria geht an den Kamin und kauert sich dort mit abgewandtem Gesicht in einen Stuhl.)

(Der Kellner setzt das Brett einstweilen auf den Mitteltisch:) Das habe ich mir gedacht, gnädige Frau. Sonderbar, wie die Nerven nachmittags ohne Tee nachzulassen beginnen. (Er holt den Teetisch und setzt ihn vor Frau Clandon bin und spricht dabei:) Der junge Herr und das gnädige Fräulein sind eben zurückgekommen, gnädige Frau. Sie waren in einem Boote auf dem Meer. Sehr angenehm an einem schönen Nachmittag wie heute, sehr kräftigend. (Er nimmt nun das Teebrett vom Mitteltisch fort und setzt es auf den Teetisch.) Herr McComas kommt nicht zum Tee, gnädige Frau. Er ist fortgegangen, Herrn McNaughtan zu besuchen. (Er nimmt zwei Stühle und setzt sie rechts und links vom Teetisch hin.)

(Gloria blickt auf und fragt entsetzt:) Und der andere Herr?...

(Der Kellner verfällt unbewußt einen Augenblick in die Tonart eines Liedes, das er als Knabe gesungen, beruhigend:) Oh, der kommt, gnädiges Fräulein--oh, der kommt. Er hat gerudert und ist eben in die Apotheke gelaufen, sich etwas für seine wunden Handflächen geben zu lassen. Aber er muß gleich hier sein, gnädiges Fräulein!

(Gloria erhebt sich in unbezwingbarer Angst und läuft zur Tür.)

(Frau Clandon sich halb erhebend:) Glo--(Gloria geht hinaus; Frau Clandon starrt den Kellner an, dessen Haltung unbeweglich bleibt.)

(Der Kellner heiter:) Sonst noch etwas gefällig, gnädige Frau?

(Frau Clandon.) Nein, danke.

(Der Kellner.) Ich habe zu danken, gnädige Frau.

(Als er sich zurückziehen will, kommen Philip und Dolly in fröhlichster Laune bereingestürmt; er hält ihnen die Tür auf, geht dann hinaus und schließt sie.)

(Dolly gierig:) Oh, gib mir schnell etwas Tee! (Frau Clandon schenkt ihr eine Tasse ein.) Wir sind in einem Boot auf dem Meer gewesen. Dr. Valentine wird gleich da sein.

(Philip.) Er ist nicht an Seefahrten gewöhnt.--Wo ist Gloria?

(Frau Clandon ängstlich, während sie ihm Tee eingießt:) Phil, mit Gloria ist etwas los. Ist etwas passiert? (Philip und Dolly sehen einander mit unterdrücktem Lachen an.) Was ist es?

(Philip setzt sich an ihre linke Seite:) Romeo--

(Dolly setzt sich an ihre rechte Seite:)--und Julia!

(Philip nimmt seine Teetasse Frau Clandon ab:) Ja, liebe Mama: die alte, alte Geschichte--Dolly, nimm nicht die ganze Milch. (Er reißt ihr die Kanne geschickt fort.) Ja, im Frühling--

(Dolly)--kann eines Jünglings Phantasie--

(Philip)--leicht Liebesblüten treiben... Ich danke. (Zu Frau Clandon, die ihm die Biskuits gereicht hat:) Das kommt übrigens auch im Herbst vor. Diesmal ist der Jüngling--

(Dolly.) Doktor Valentine.

(Philip.) Und seine Phantasie hat Gloria in einem Maße gehuldigt, daß er sie--

(Dolly)--geküßt hat--

(Philip.)--auf der Terrasse--

(Dolly ihn verbessernd:)--auf die Lippen--vor allen Leuten!

(Frau Clandon ungläubig:) Phil--Dolly--spaßt ihr? (Sie schütteln den Kopf.) Hat sie es geduldet?

(Philip.) Wir haben erwartet, ihn vom Blitze ihrer Verachtung zu Boden geschmettert zu sehen--

(Dolly.)--aber es geschah nichts dergleichen--

(Philip.) Es schien ihr ganz recht zu sein.

(Dolly.) Soweit wir es beurteilen konnten... (Sie fällt Philip, der im Begriff ist, sich noch eine Tasse einzugießen, in den Arm:) Nein, du hast die zweite Tasse abgeschworen!

(Frau Clandon sehr beunruhigt:) Kinder, ihr dürft nicht hier sein, wenn Doktor Valentine kommt. Ich muß darüber sehr ernst mit ihm sprechen.

(Philip.) Um ihn nach seinen Absichten zu fragen?... Was für eine Verletzung der "Grundsätze des zwanzigsten Jahrhunderts"!

(Dolly.) Du hast ganz recht, Mama! Stelle ihn zur Rede. Schlage soviel du nur kannst aus dem neunzehnten Jahrhundert heraus, so lange es dauert.

(Philip.) Sch! er kommt!

(Dr. Valentine tritt ein:) Ich bedaure sehr, mich verspätet zu haben, Frau Clandon. (Sie ergreift die Teekanne:) Nein, ich danke, ich trinke niemals Tee. Fräulein Dolly und Phil haben Ihnen wohl schon erzählt, was mir passiert ist.

(Philip erhebt sich; wichtig:) Ja, Doktor, wir haben es Mama erzählt.

(Dolly erhebt sich gleichfalls; bedeutungsvoll:) Wir haben es Mama sehr genau erzählt.

(Philip.) Es war unsere Pflicht. (Sehr ernst:) Komm, Dolly! (Er bietet Dolly seinen Arm, die sich einhängt. Sie sehen Dr. Valentine mitleidig an und gehen Arm in Arm ernst hinaus. Dr. Valentine sieht ihnen verwirrt nach, dann blickt er Frau Clandon fragend, wie um eine Erklärung bittend an.)

(Frau Clandon erhebt sich und verläßt den Teetisch:) Wollen Sie gefälligst Platz nehmen, Herr Doktor. Ich möchte etwas mit Ihnen besprechen, wenn Sie erlauben. (Dr. Valentine setzt sich langsam auf die Ottamane nieder. Sein Gewissen prophezeit ihm eine schlimme Viertelstunde. Frau Clandon nimmt Philips Stuhl und setzt sich bedächtig in gemessener Entfernung.) Ich muß zunächst ein wenig Nachsicht für mich erbitten. Ich bin im Begriff, über einen Gegenstand zu sprechen, von dem ich sehr wenig, vielleicht gar nichts verstehe. Ich meine--Liebe.

(Dr. Valentine.) Liebe!

(Frau Clandon.) Ja, Liebe.--Oh, Sie brauchen nicht so beunruhigt dreinzuschauen, Herr Doktor--ich bin nicht in Sie verliebt.

(Dr. Valentine überwältigt:) Wahrhaftig, Frau--(Sich erholend:) Es würde mich mehr als stolz machen, wenn Sie es wären.

(Frau Clandon.) Ich danke Ihnen, Herr Doktor; aber ich bin zu alt, jetzt nach damit anzufangen.

(Dr. Valentine.) Anzufangen?!... Haben Sie nie--?

(Frau Clandon.) Niemals. Mein Schicksal ist sehr alltäglich gewesen. Ich habe geheiratet, bevor ich alt genug war, zu wissen, was ich eigentlich tat. Wie Sie sich selbst überzeugt haben, war die Folge davon eine bittere Enttäuschung für uns beide, für meinen Mann und für mich. So kommt es, daß ich, trotzdem ich verheiratet bin, niemals verliebt war... ich habe in meinem ganzen Leben keine einzige Liebesangelegenheit gehabt. Und um ganz aufrichtig zu sein, Herr Doktor, was ich von den Liebesangelegenheiten anderer gesehen habe, hat nicht dazu beigetragen, mich diesen Mangel bedauern zu lassen. (Dr. Valentine, der sehr verdrießlich dreinschaut, blinzelt skeptisch nach ihr hin und sagt nichts. Sie errötet ein wenig und fügt mit unterdrücktem Ärger hinzu:) Sie glauben mir nicht.

(Dr. Valentine bestürzt, da er seine Gedanken erraten sieht:) Aber, warum denn nicht... warum nicht?

(Frau Clandon.) Lassen Sie sich sagen, Herr Doktor, daß ein der Menschheit gewidmetes Leben Begeisterungen bietet und Leidenschaften kennt, die bei weitem die selbstsüchtigen Verblendungen und Sentimentalitäten eines Liebesromanes übersteigen. Ihre Begeisterungen und Leidenschaften--sind das nicht, nicht wahr? (Dr. Valentine weiß wohl, daß Frau Clandon ihn deswegen geringschätzt, und antwortet negativ mit melancholischem Kopfschütteln.) Ich dachte mir's. --Nun, dafür bin ich im Nachteil, wenn ich diese sogenannten Herzensangelegenheiten besprechen muß, in denen Sie ein Fachmann zu sein scheinen.

(Dr. Valentine unruhig:) Worauf spielen Sie an, Frau Clandon?

(Frau Clandon.) Ich glaube, Sie wissen es.

(Dr. Valentine.) Gloria?

(Frau Clandon.) Ja, Gloria.

(Dr. Valentine streckt die Waffen:) Nun ja, ich bin verliebt in Gloria. (Er unterbricht sie, da sie im Begriff ist zu antworten:) Ich weiß schon, was Sie sagen wollen: Ich habe kein Geld.

(Frau Clandon.) Ich frage sehr wenig nach Geld, Herr Doktor.

(Dr. Valentine.) Dann sind Sie aber ganz anders als alle andern Mütter, die mit mir gesprochen haben.

(Frau Clandon.) Ah, nun kommen wir zur Hauptsache, Herr Doktor! Sie sind ein alter Praktikus! (Er öffnet die Lippen, um zu widersprechen. Sie unterbricht ihn mit einiger Entrüstung:) Oh, glauben Sie doch nicht, daß ich nicht genug gesunden Menschenverstand besitze, um zu wissen--so wenig ich von solchen Dingen verstehe--daß ein Mann, der bei einer einzigen Begegnung, mit einer Frau wie meine Tochter so weit kommen konnte, kaum ein Neuling sein kann!

(Dr. Valentine.) Ich versichere Ihnen--

(Frau Clandon unterbricht ihn:) Ich mache Ihnen keinen Vorwurf, Herr Doktor. Es war Glorias Sache, sich selbst zu schützen, und Sie haben das Recht, sich nach Gefallen zu unterhalten.

(Dr. Valentine protestierend:) Mich unterhalten?... Oh, Frau Clandon!

(Frau Clandon unnachgiebig;) Bei Ihrer Ehre, Herr Doktor, meinen Sie es ernst?

(Dr. Valentine verzweifelt:) Bei meiner Ehre, ich meine es ernst! (Sie sieht ihn forschend an. Sein Sinn für Humor bricht bei ihm durch, und er fügt verschmitzt hinzu:) Allerdings habe ich es immer ernst gemeint; und dennoch--bin ich hier, wie Sie sehen!

(Frau Clandon.) Das ist es gerade, was ich ahnte. (Streng:) Herr Doktor, Sie sind einer von den Männern, die mit den Gefühlen der Frauen spielen.

(Dr. Valentine.) Warum auch nicht, da doch nur die Sache der Menschheit es verdient, ernst genommen zu werden? Aber ich verstehe. (Er erhebt sich und nimmt seinen Hut; mit förmlicher Höflichkeit:) Sie wünschen, daß ich meine Besuche in Ihrem Hause einstelle.

(Frau Clandon.) Nein. Ich bin klug genug zu wissen, daß für Gloria die beste Möglichkeit, Ihnen zu entkommen, die ist, Sie nur besser kennen zu lernen.

(Dr. Valentine wirklich beunruhigt:) Oh, sagen Sie das nicht, Frau Clandon! Das glauben Sie doch nicht--nicht wahr, nein?

(Frau Clandon.) Ich habe großes Vertrauen zu der gesunden Schule, die Glorias Geist seit ihrer Kindheit durchgemacht hat.

(Dr. Valentine erstaunlich erleichtert:) Oh--oh! oh! dann ist's recht! (Er setzt sich wieder und wirft seinen Hut übermütig beiseite, mit der Miene eines Menschen, der nun nichts mehr zu fürchten hat.)

(Frau Clandon empört über seine Sicherheit:) Wie meinen Sie das?

(Dr. Valentine wendet sich ihr vertraulich zu:) Soll ich Sie auch etwas lehren, Frau Clandon?

(Frau Clandon steif:) Ich bin immer gern bereit zu lernen.

(Dr. Valentine.) Haben Sie jemals das Thema Geschützkunst--Artillerie, Kanonen, Kriegsschiffe und so weiter--studiert, Frau Clandon?

(Frau Clandon.) Hat die Geschützkunst irgendwas mit Gloria zu schaffen?

(Dr. Valentine.) Sehr viel!--Zur Erläuterung nämlich.--Während dieses ganzen Jahrhunderts war der Fortschritt der Artillerie ein Zweikampf zwischen dem Fabrikanten von Kanonen und dem Fabrikanten von kugelsichern Panzerplatten. Man baut ein Schiff, das gegen die besten Geschosse der bekannten Kanonen undurchdringlich ist--da erfindet jemand ein besseres Geschoß und bringt das Schiff zum Sinken. Sofort baut man ein schwereres, gegen die Geschosse der neuen Kanone undurchdringliches Schiff--da erfindet wieder jemand ein noch besseres Geschoß und bringt das Schiff wieder zum Sinken. Und so weiter.--Nun, der Zweikampf der Geschlechter vollzieht sich auf dieselbe Weise.

(Frau Clandon.) Der Zweikampf der Geschlechter?...

(Dr. Valentine.) Ja. Sie haben doch vom Zweikampf der Geschlechter gehört, nicht wahr?--Oh, daran habe ich nicht gedacht! Sie sind lange in Madeira gewesen, der Ausdruck ist nach Ihrer Zeit aufgekommen. Brauche ich ihn zu erklären?

(Frau Clandon verachtungsvoll:) Nein.

(Dr. Valentine.) Natürlich nicht.--Was geschieht denn nun in diesem Geschlechterzweikampf?... Die altmodische Mutter bekam eine altmodische Erziehung, um gegen die Ränke des Mannes gerüstet zu sein. Gut. Sie kennen das Resultat. Der altmodische Mann hat sie herumgekriegt. Die altmodische Frau entschloß sich nun, ihre Tochter wirksamer zu wappnen--irgendeine Waffe zu finden, gegen die der altmodische Mann nicht aufkommen könnte. Sie gab ihrer Tochter deshalb eine wissenschaftliche Erziehung--Ihr System! Diese neue Ausrüstung hat den altmodischen Mann mattgesetzt: er jammerte, das sei nicht gerecht, unweiblich und weiß Gott was alles. Aber das half ihm nichts, und so mußte er seinen altmodischen Angriffsplan aufgeben--Sie wissen ja Bescheid--auf die Knie fallen und Liebe und Gehorsam schwören--und so weiter.

(Frau Clandon.) Entschuldigen Sie: das hat das Weib geschworen.

(Dr. Valentine.) Wirklich?--Sie haben vielleicht recht--ja natürlich, es war das Weib!--Nun gut. Was hat der Mann getan? Genau dasselbe, was der Kanonengießer tat--er ging einen Schritt weiter als die Frau, bildete sich wissenschaftlich und schlug sie auf dieser Linie genau so, wie er sie auf der alten Linie geschlagen hatte. Ich war noch nicht dreiundzwanzig Jahre alt und hatte schon gelernt, die frauenrechtlerische Frau herumzukriegen; es ist schon lange her, daß man das herausgefunden hat. Sie sehen, meine Methoden sind gründlich modern.

(Frau Clandon mit ruhigem Widerwillen:) Zweifellos.

(Dr. Valentine.) Aber gerade deswegen gibt es eine Mädchensorte, gegen die diese Methode nutzlos ist.

(Frau Clandon.) Bitte, welche Sorte ist das?

(Dr. Valentine.) Das gründlich altmodische Mädchen. Wenn Sie Gloria in der ehemals üblichen Weise erzogen hätten, so würde ich achtzehn Monate gebraucht haben, um so weit zu kommen, wie ich heute nachmittag in achtzehn Minuten gekommen bin.--Ja, Frau Clandon: die Frauenemanzipation hat Gloria in meine Hände geliefert, und Sie waren es, die sie den Glauben an die Frauenemanzipation gelehrt hat.

(Frau Clandon erhebt sich:) Herr Doktor, Sie sind sehr gescheit.

(Dr. Valentine erhebt sich gleichfalls:) Oh, Frau Clandon!

(Frau Clandon.) Aber Sie haben mich nichts Neues gelehrt. Adieu.

(Dr. Valentine erschrocken:) Adieu?!--Oh, darf ich sie nicht sehen, bevor ich gehe?

(Frau Clandon.) Ich fürchte, sie wird erst zurückkommen, wenn Sie gegangen sind, Herr Doktor. Sie hat das Zimmer eigens verlassen, um Ihnen auszuweichen.

(Dr. Valentine gedankenvoll:) Das ist ein gutes Zeichen. Adieu. (Er verneigt sich und wendet sich offenbar sehr befriedigt zur Tür.)

(Frau Clandon beunruhigt:) Warum halten Sie das für ein gutes Zeichen?

(Dr. Valentine dreht sich in der Nähe der Tür um:) Weil ich eine Todesangst vor ihr habe; und es scheint, daß sie eine Todesangst vor mir hat. (Er will nun gehen, steht aber an der Türschwelle plötzlich Gloria gegenüber, die eben eingetreten ist. Sie sieht ihm standhaft ins Auge. Er starrt sie hilflos an, dann suchen seine Blicke Frau Clandon, dann wieder Gloria; er ist vollkommen außer Fassung.)

(Gloria bleich und sich nur mühsam beherrschend:) Mutter, ist es wahr, was Dolly mir gesagt hat?

(Frau Clandon.) Was hat sie dir gesagt, mein Kind?

(Gloria.) Daß du mit diesem Herrn über meine Angelegenheiten gesprochen hast?

(Dr. Valentine murmelnd:) Mit diesem Herrn--oh!

(Frau Clandon scharf:) Herr Doktor--können Sie einen Augenblick schweigen? (Er blickt sie kläglich an, dann geht er mit einem verzweifelten Achselzucken an die Ottomane zurück und wirft seinen Hut darauf.)

(Gloria betrachtet ihre Mutter vorwurfsvoll:) Mutter, was hattest du für ein Recht dazu?

(Frau Clandon.) Ich glaube, ich habe nichts gesagt, wozu ich nicht ein Recht gehabt hätte, Gloria.

(Dr. Valentine bestätigt das dienstfertig:) Nichts... nicht das geringste. (Gloria sieht ihn mit sprachloser Entrüstung an.) Verzeihen Sie. (Er setzt sich beschämt auf die Ottomane.)

(Gloria.) Ich glaube nicht, daß irgend jemand das Recht hat, über Dinge auch nur nachzudenken, die mich allein angehen. (Sie wendet sich ab, einen schmerzlichen Kampf mit ihrer Erregung zu verbergen.)

(Frau Clandon.) Liebe Gloria, wenn ich deinen Stolz verletzt haben sollte--

(Gloria wendet sieb um:) Mein Stolz--mein Stolz--oh, er ist fort! Ich weiß jetzt, daß ich keine Kraft besitze, auf die ich stolz sein könnte. (Wendet sich wieder ab.) Aber eine Frau, die sich nicht selbst zu beschützen weiß, die kann niemand beschützen. Niemand ist auch nur berechtigt, es zu versuchen... nicht einmal ihre Mutter! Ich weiß, daß ich dein Vertrauen verloren habe, genau so wie ich die Achtung dieses Mannes verloren habe--(Sie hält inne, um einen Seufzer zu unterdrücken.)

(Dr. Valentine stöhnend:) Dieses Mannes--! (Er murmelt wieder:) Oh!...

(Frau Clandon mit gedämpfter Stimme:) Bitte, schweigen Sie, Herr Doktor.

(Gloria fährt fort:)--aber ich bin wenigstens berechtigt, mit meiner Schande allein zu bleiben. Ich bin eins von jenen schwachen Geschöpfen, die geboren sind, um von dem erstbesten Mann, der ein Auge auf sie wirft, gemeistert zu werden, und ich muß mein Schicksal erfüllen. Erspare mir wenigstens die Demütigung deiner Rettungsversuche. (Sie setzt sich, das Taschentuch an den Augen, an das entferntere Ende des Tisches.)

(Dr. Valentine aufspringend:) Hören Sie mal--

(Frau Clandon.) Herr Dokt--

(Dr. Valentine unbekümmert:) Nein! Ich will sprechen! Ich habe nahezu dreißig Sekunden geschwiegen. (Er geht zu Gloria hin:) Fräulein Clandon--

(Gloria bitter:) Oh--nicht Fräulein Clandon--Sie wissen ja, daß man es sich ganz gut gestatten darf, mich Gloria zu nennen.

(Dr. Valentine.) Nein, ich will das nicht. Sie werden mir es nachher vorwerfen und mich der Mißachtung beschuldigen. Es ist eine herzzerreißende Lüge, daß ich Sie nicht achte. Es ist wahr, daß ich Ihren früheren Stolz nicht geachtet habe. Warum sollte ich es auch? Er war nichts als Feigheit. Ich habe Ihren Verstand nicht geachtet--davon besitze ich selbst etwas mehr; er ist eine männliche Spezialität. Aber als Sie mich in meinen Tiefen aufgewühlt hatten! --als mein großer Augenblick gekommen war!--als Sie mich tapfer machten!--ah, da, da, da!

(Gloria.) Da achteten Sie mich, meinen Sie.

(Dr. Valentine.) Nein, das nicht:--da betete ich Sie an! (Sie erhebt sich rasch und wendet ihm den Rücken zu.) Und diesen Augenblick werden Sie mir niemals nehmen können. So--nun ist mir einerlei, was geschieht! (Er geht auf und ab und stößt einen frohen Ausruf aus, mit dem er sich an niemand besonders wendet:) Ich weiß sehr gut, daß ich Unsinn rede--aber ich kann nicht anders. (Zu Frau Clandon:) Ich liebe Gloria--und damit basta!