Man kann nie wissen: Komödie in vier Akten

Chapter 6

Chapter 63,587 wordsPublic domain

(Der Kellner philosophisch:) Ja, gnädiger Herr, man kann nie wissen... Das ist mein Wahlspruch, wenn Sie gütigst verzeihen wollen, daß ich so ein Ding habe. (Der Philosoph wird einen Augenblick vom zart fühlenden Kellner zurückgedrängt:) Sie wissen vielleicht selbst nicht, daß Sie Ihr Getränk noch nicht berührt hatten, als die Gesellschaft aufbrach. (Er nimmt das Glas vom Frühstückstisch und setzt es vor McNaughtan hin.) Ja, gnädiger Herr--man kann nie wissen... Sehen Sie nur meinen Sohn: wer hätte je gedacht, daß er es dahin bringen würde, einen seidenen Talar zu tragen als königlicher Anwalt? Und dennoch verdient er heute nicht weniger als sechzig Pfund bei jedem Prozeß, gnädiger Herr. Was für eine Lehre!

(McNaughtan.) Nun, ich hoffe, er ist Ihnen dankbar und weiß, was er Ihnen schuldet.

(Der Kellner.) Wir vertragen uns sehr gut--wahrhaftig, sehr gut in Anbetracht der Verschiedenheit unserer Stellungen. (Mit einem zweiten seiner unwiderstehlichen Übergänge:) Ein Stückchen Zucker wird, ohne den Trank merklich zu süßen, die Fadheit des Sodawassers beseitigen. Erlauben Sie, gnädiger Herr. (Er wirft ein Stückchen Zucker in das Glas:) Aber wie ich ihm sage: worin besteht schließlich der Unterschied? Ich muß einen Frack anziehen, wenn ich zeigen will, was ich bin, und er muß eine Perücke und einen Talar anlegen, wenn er zeigen will, was er ist. Wenn mein Einkommen vorwiegend aus Trinkgeldern besteht und ich doch so tun muß, als ob ich nicht darauf aus wäre, so besteht sein Einkommen vorwiegend aus Gebühren, und auch er muß, wie ich wohl verstehe, so tun, als wäre er nicht darauf aus. --Wenn er Geselligkeit liebt und ihn sein Beruf in Berührung mit allen möglichen Gesellschaftsklassen bringt, der meine tut das auch. Wenn es für einen Advokaten nicht günstig ist, der Sohn eines Kellners zu sein, so ist es auch für einen Kellner nicht günstig, der Vater eines Advokaten zu sein. Ich versichere Ihnen, es gibt Leute, die darin eine große Dreistigkeit sehen!--Kann ich Ihnen sonst noch etwas besorgen, gnädiger Herr?

(McNaughtan.) Nein, danke. (Gedemütigt und bitter:) Ich hoffe, man wird nichts dagegen einzuwenden haben, daß ich hier noch eine Weile sitzen bleibe. Hier stör' ich jedenfalls nicht die Gesellschaft am Strande.

(Der Kellner gerührt:) Es ist sehr gütig von Ihnen, gnädiger Herr, daß Sie tun, als ob Sie nicht wüßten, daß Ihre Anwesenheit hier eine Auszeichnung und eine Ehre für uns alle ist... wirklich sehr gütig! --Je mehr Sie sich hier zu Hause fühlen, desto glücklicher werden wir sein.

(McNaughtan mit scharfer Ironie:) Zu Hause!

(Der Kellner nachdenklich:) Nun ja, gnädiger Herr, das ist auch Ansichtssache. Ich behaupte immer, der große Vorzug eines Hotels besteht darin, daß es Schutz bietet vor dem Familienleben.

(McNaughtan.) Ich habe diesen Segen heute nicht gehabt.

(Der Kellner.) Ja, das haben Sie auch nicht--jawohl, weiß Gott! Immer geschieht das, was man nicht erwartet hat, nicht wahr? (Er schüttelt den Kopf:) Man kann nie wissen, gnädiger Herr--man kann nie wissen! (Er geht ins Hotel.)

(McNaughtan stützt sein abgehetztes, jammervolles Gesicht mit den hartblickenden Augen in die Hände:) Familie--Familie! (Er legt seine Arme auf den Tisch und neigt den Kopf darauf; aber da er eben jemanden kommen hört, setzt er sich wieder kerzengerade auf. Es ist Gloria, die allein die Stufen heraufkommt, ihren Sonnenschirm und ihr Buch in Händen. McNaughtan sieht sie trotzig an. Die brutale Hartnäckigkeit seines Mundes und die sehnsüchtigen Augen stehen zueinander in pathetischem Widerspruch. Sie geht an das eine Ende der Gartenbank und lehnt sich mit dem Rücken dagegen und sieht auf McNaughtan herab, wie erstaunt über seine Schwäche. Sie ist zu neugierig auf ihn, um kalt zu bleiben, aber das Verwandtschaftverhältniß ist ihr höchst gleichgültig:) Nun?...

(Gloria.) Ich möchte Sie einen Augenblick sprechen.

(McNaughtan sie fest anblickend:) Wirklich? Das ist überraschend! Du begegnest deinem Vater nach achtzehn Jahren und du hast wahrhaftig den Wunsch, ihn "einen Augenblick" zu sprechen!--Das ist rührend--wahrhaftig! (Er bleibt sitzen, den Kopf in die Hand gestützt, und blickt, in düsteres Nachdenken versunken, hinunter und von ihr fort.)*

(Gloria.) Was Sie da sagen, scheint mir alles so unsinnig, so unberechtigt. Was für Gefühle haben Sie von uns erwartet? Was sollen wir für Sie tun? Warum sind Sie gegen uns weniger höflich als andere Leute?... Sie können uns augenscheinlich nicht recht leiden--warum sollten Sie auch?--aber trotzdem sollten wir einander doch begegnen können, ohne zu streiten.

(McNaughtan, über dessen Antlitz ein schwerer grauer Schatten streicht: ) Machst du dir klar, daß ich dein Vater bin?

(Gloria.) Vollkommen.

(McNaughtan.) Begreifst du, was mir als deinem Vater gebührt?

(Gloria.) Zum Beispiel--?

(McNaughtan erbebt sich, als ob er ein Ungeheuer zu bekämpfen hätte:) Zum Beispiel--... zum Beispiel--?... Pflicht--Liebe--Achtung--Gehorsam!

(Gloria gibt ihre sorglose Stellung auf und stellt sich ihm schnell und stolz gegenüber:) Ich gehorche nur meinem Sinn für das Rechte; ich achte nichts, was nicht edel ist! Das ist meine Pflicht. (Sie fügt weniger fest hinzu:) Was Liebe anbelangt, so liegt die nicht in meiner Macht--ich glaube nicht, daß ich genau weiß, was Liebe eigentlich ist. (Sie wendet sich, mit sichtlichem Widerwillen gegen dieses Thema, ab und geht an den Frühstückstisch, zu einem bequemen Stuhl hin, wo sie ihr Buch und ihren Sonnenschirm niederlegt.)

(McNaughtan folgt ihr mit den Augen:) Meinst du wirklich, was du sagst?

(Gloria wendet sich um; rasch und streng:) Entschuldigen Sie: aber das ist eine unhöfliche Frage. Ich spreche ernst mit Ihnen und ich erwarte auch, daß Sie mich ernst nehmen. (Sie nimmt einen der Stühle, wendet ihn fort vom Tisch und setzt sich etwas müde nieder.) Können Sie diese Dinge nicht kühl und vernünftig besprechen?

(McNaughtan.) Kühl und vernünftig?... Nein, das kann ich nicht! Verstehst du? Das kann ich nicht!

(Gloria mit Nachdruck:) Nein--das kann ich nicht verstehen. Ich habe keine Sympathie für--

(McNaughtan fährt nervös zusammen:) Halt, sprich nicht weiter! Du weißt nicht, was du tust! Willst du mich toll machen? (Sie runzelt die Stirn, denn sie findet eine solche Laune unerträglich. Er setzt rasch hinzu:) Nein, ich bin nicht zornig--wirklich nicht! Warte, warte--laß mir nur etwas Zeit, mich zu besinnen. (Er steht einen Augenblick da und runzelt die Stirn und ballt die Hände in seiner Aufregung. Dann nimmt er den Stuhl vom Ende des Frühstückstisches und setzt sich neben Gloria. Mit einer rührenden Anstrengung, sanft und geduldig zu sein, sagt er:) Ich glaube, jetzt bin ich so weit. Jedenfalls will ich es versuchen.

(Gloria fest:) Sehn Sie: alles geht, wenn man es nur energisch zu Ende denkt.

(McNaughtan mit plötzlichem Schreck:) Nein, das tu nicht! Denke nichts--ich will, du sollst fühlen! Das ist das einzige, was uns helfen kann. Höre! Weißt du--aber vor allem--ich vergaß: wie heißt du eigentlich? Ich meine deinen Kosenamen. Sie können dich nicht gut Sophronia nennen.

(Gloria mit erstauntem Widerwillen:) Sophronia?...Mein Name ist Gloria. Ich werde immer so genannt.

(McNaughtan, dessen Zorn zurückkehrt:) Dein Name ist Sophronia, Mädchen! Du wurdest nach deiner Tante, meiner Schwester, Sophronia getauft! Sie hat dir deine erst Bibel mit deinem Namen darin geschenkt.

(Gloria.) Dann hat mir meine Mutter einen neuen Namen gegeben.

(McNaughtan ärgerlich:) Sie hatte kein Recht dazu! Ich werde das nicht zugeben!

(Gloria.) Sie hatten kein Recht, mir den Namen Ihrer Schwester zu geben. Ich kenne sie nicht einmal.

(McNaughtan.) Unsinn! Alles lasse ich mir nicht bieten: das hat seine Grenzen! Ich will das nicht haben--verstehst du?

(Gloria erhebt sich; warnend:) Sind Sie entschlossen, in diesem zänkischen Ton fortzufahren?

(McNaughtan entsetzt, bittend:) Nein, nein--setze dich! Willst du? (Sie sieht ihn an und läßt ihn in Ungewißheit. Er zwingt sich, den verhaßten Namen auszusprechen:) Gloria!

(Sie gibt ihrer Befriedigung mit einer leichten Bewegung der Lippen Ausdruck und setzt sich:) Nun also--du siehst, ich habe nur den Wunsch, dir zu zeigen, daß ich dein Vater bin, mein--mein liebes Kind. (Die Zärtlichkeit ist so kläglich unbeholfen, daß Gloria gegen ihren Willen lächelt und sich vornimmt, ein wenig nachsichtig zu sein.) Höre mich an. Was ich dich fragen will, ist folgendes; Entsinnst du dich meiner nicht? Du warst ein ganz kleines Kind, als man dich von mir nahm, aber du konntest schon alles recht gut verstehen. Kannst du dich wirklich an niemanden erinnern, den du geliebt hast, oder-- (schüchtern:) wenigstens auf Kinderart leiden mochtest? Besinnst du dich nicht auf jemanden, in dessen Arbeitszimmer du sein und seine kleinen Schiffe ansehn durftest, die du für Spielzeug hieltest? (Er sieht ihr ängstlich in die Augen, als suchte er nach irgendeiner Antwort. Dann fährt er dringender und weniger hoffnungsvoll fort:) Auf jemanden, der dich tun ließ, was du nur wolltest, und dir nie ein böses Wort gab, dir höchstens sagte, du solltest still sein und nicht sprechen? Auf jemanden, der dir etwas war, was dir sonst niemand gewesen ist--der dein Vater war!

(Gloria ungerührt:) Wenn Sie mir das alles noch lange so schildern, dann werde ich mir zweifellos bald einbilden, daß ich mich daran erinnere. Aber tatsächlich erinnere ich mich an gar nichts.

(McNaughtan sehnsüchtig:) Hat deine Mutter dir nie von mir erzählt?

(Gloria.) Sie hat Ihren Namen mir gegenüber nie erwähnt. (Er stöhnt unwillkürlich auf. Sie blickt ihn ziemlich verachtungsvoll an und fährt fort:) Doch! Ein einziges Mal--und da geschah es, um mich an etwas zu erinnern, was ich auch vergessen hatte.

(McNaughtan blickt hoffnungsvoll auf:) An was?

(Gloria erbarmungslos:) An die Peitsche, die Sie eigens gekauft hatten, um mich zu schlagen.

(McNaughtan mit den Zähnen knirschend:) Oh! Das aufzutischen, um dich mir zu entfremden, wo du es nie zu wissen brauchtest! (Mit pfeifendem, schmerzhaftem Atem:) Fluch ihr!

(Gloria aufspringend:) Sie Elender! (Mit heftigem Nachdruck:) Sie Elender--Sie wagen es, meine Mutter zu verfluchen!

(McNaughtan.) Hör' auf, oder du wirst es noch einmal bereuen! Ich bin dein Vater!

(Gloria.) Wie ich dieses Wort hasse! Wie ich das Wort "Mutter" liebe! Es wäre besser, Sie gingen.

(McNaughtan.) Ich--ich ersticke--du willst mich töten! Etwas--ich--(Seine Stimme erstickt, er ist einer Ohnmacht nahe.)

(Gloria gebt zur Balustrade; kühl und nicht verlegen um ein Auskunftsmittel, ruft sie zum Strand hinunter:) Doktor Valentine!

(Valentine antwortet von unten:) Bitte!

(Gloria.) Kommen Sie doch einen Augenblick herauf! Herr McNaughtan braucht Sie. (Sie geht an den Tisch zurück und schenkt ein Glas Wasser ein.)

(McNaughtan seine Sprache wiedererlangend:) Nein! laß mich in Ruhe! Ich brauche ihn nicht. Ich fühle mich vollkommen wohl! Ich brauche seine Hilfe nicht und deine auch nicht! (Er erhebt sich und rafft sich zusammen.) Du hast recht, es ist besser, wenn ich gehe. (Er setzt seinen Hut auf.) Ist das dein letztes Wort?

(Gloria.) Ich hoffe. (Er starrt sie einen Augenblick an, nickt grimmig, als wenn er damit einverstanden wäre, und geht ins Hotel. Sie sieht ihm mit gleicher Festigkeit nach, bis er verschwindet. Dann macht sie eine Bewegung der Befreiung und wendet sich zu Dr. Valentine, der die Stufen heraufgelaufen kommt.)

(Dr. Va1entine keuchend:) Was ist los? (Er siebt sich um:) Wo ist McNaughtan?

(Gloria.) Fort. (Dr. Valentines Gesicht drückt plötzliche Freude, Furcht und Durchtriebenheit aus. Er hat eben bemerkt, daß er mit Gloria allein ist. Sie fährt gleichgültig fort:) Ich glaubte, er fühle sich nicht wohl; aber er hat sich wieder erholt. Er wollte nicht auf Sie warten--es tut mir leid. (Sie geht ihr Buch und den Sonnenschlrm holen.)

(Dr. Valentine.) Um so besser! Er geht mir ohnedies auf die Nerven nach einer Weile. (Tut so, als ob er sich vergäße:) Wie kommt dieser Mann nur zu so einer wundervollen Tochter?

(Gloria stutzt einen Augenblick und antwortet ihm dann mit höflicher, aber absichtlicher Verachtung:) Das scheint der Versuch zu einem Kompliment zu sein. Erlauben Sie mir, Sie gleich darauf aufmerksam zu machen, Doktor, daß Komplimente eine sehr öde Unterhaltung abgeben. Bitte, lassen Sie uns auf eine vernünftige und gesunde Weise Freunde sein, falls wir Freunde werden sollen. Ich habe nicht die Absicht, mich zu verheiraten; und wenn Sie diese Lage der Dinge nicht annehmen wollen, so wäre vorzuziehen, unsere gegenseitige Bekanntschaft nicht fortzusetzen.

(Dr. Valentine vorsichtig:) Ich verstehe. Gestatten Sie mir nur eine einzige Frage?--Sind Sie gegen die Ehe als gesellschaftliche Einrichtung im allgemeinen, oder haben Sie nur etwas dagegen, mich persönlich zu heiraten?

(Gloria.) Ich kenne Sie viel zu wenig, Herr Doktor, um über Ihre persönlichen Vorzüge irgendeine Meinung zu haben. (Sie wendet sich mit unendlicher Gleichgültigkeit von ihm fort und setzt sich mit ihrem Buch auf die Gartenbank:) Ich halte die Bedingungen einer heutigen Ehe nicht für solche, die irgendein Weib annehmen könnte, das sich selbst achtet.

(Dr. Valentine schlägt sofort in den Ton herzlicher Aufrichtigkeit um, als ob er Glorias Bedingungen ehrlich annähme und von ihren Grundsätzen entzückt und beruhigt wäre:) Oh, da haben wir denn schon einen Punkt gemeinsamer Sympathie! Ich bin ganz Ihrer Ansicht: die heutigen Eheeinrichtungen sind höchst ungerecht. (Er nimmt seinen Hut ab und wirft ihn fröhlich auf den eisernen Tisch.) Nein! ich für mein Teil möchte all diesen Unsinn loswerden. (Er setzt sich so unbefangen neben sie, daß sie nicht daran denkt, etwas dagegen einzuwenden, und führt mit Enthusiasmus fort:) Finden Sie es nicht auch entsetzlich, daß ein Mann und eine Frau einander nur zu kennen brauchen, um verdächtigt zu werden, daß sie Heiratsabsichten haben? Als ob es keine andern Interessen gäbe--keine andern Unterhaltungsmöglichkeiten-- als wenn die Frauen zu nichts Besserem fähig wären!

(Gloria interessiert:) Ah, nun fangen Sie endlich an, menschlich und vernünftig zu sprechen, Herr Doktor!

(Dr. Valentine mit einem Aufleuchten seiner Augen über den Erfolg seiner Jägerlist:) Selbstverständlich! Zwei intelligente Menschen wie wir...! Ist es nicht erfreulich in dieser dummen, von Konventionen gefesselten Welt, einmal mit jemandem auf demselben Boden zusammenzutreffen?... mit einem vorurteilsfreien, aufgeklärten, hellen Geist?

(Gloria ernst:) Ich hoffe, in England vielen solchen Menschen zu begegnen.

(Dr. Valentine zweifelbaft:) Hm... Es gibt eine Menge Menschen in England--nahezu vierzig Millionen--es sind nicht alles schwindsüchtige Mitglieder der hochgebildeten Klasse, wie die Leute in Madeira.

(Gloria jetzt ganz von ihrem Gegenstand erfüllt:) Oh, in Madeira sind alle Leute dumm und vorurteilsvoll!--Es sind schwache, sentimentale Geschöpfe! Ich hasse Schwäche; und ich hasse Sentimentalität!

(Dr. Valentine.) Das ist der Grund, warum Sie so begeistern können!

(Gloria mit einem leichten Lachen:) Kann ich begeistern?

(Dr. Valentine.) Ja. Stärke ist ansteckend.

(Gloria.) Schwäche ist es--das weiß ich.

(Dr. Valentine mit Überzeugung:) Sie sind stark! Wissen Sie, daß Sie mir heute morgen die Welt ganz umgewandelt haben? Ich war schwermütig und machte mir Gedanken wegen meiner unbezahlten Miete, beunruhigte mich über die Zukunft... da traten Sie ein: ich war geblendet! (Ihre Stirn bewölkt sich ein wenig. Er fährt rasch fort:) Das war natürlich albern--aber wahr und wahrhaftig, es geschah etwas mit mir! Erklären Sie es, wie Sie wollen--mein Blut wurde--(er zögert und sucht nach einem genügend leidenschaftslosen Wort)--mit Sauerstoff vermengt, meine Muskeln spannten sich, mein Geist klärte sich, mein Mut wuchs. --Das ist sonderbar, nicht wahr? Wenn man bedenkt, daß ich durchaus kein sentimentaler Mensch bin.

(Gloria unbehaglich, erhebt sich:) Gehen wir zurück an den Strand.

(Dr. Valentine zu ihr aufblickend, düster:) Wie? Sie haben das auch?

(Gloria.) Was?

(Dr. Valentine.) Angst.

(Gloria.) Angst?...

(Dr. Valentine.) Ja, daß irgend etwas geschehen könnte. Es kam plötzlich über mich, gerade ehe Sie vorschlugen, daß wir weglaufen sollten zu den andern.

(Gloria erstaunt:) Das ist sonderbar--sehr sonderbar! Ich hatte dasselbe Gefühl.

(Dr. Valentine.) Wie merkwürdig! (Er erhebt sich:) Nun, sollen wir fliehen?

(Gloria.) Fliehen?... O nein, das wäre kindisch! (Sie setzt sich wieder. Er setzt sich neben sie und beobachtet sie mit ernster Sympathie. Nachdenklich und etwas verwirrt fügt sie hinzu:) Ich wüßte aber zuweilen gern die wissenschaftliche Erklärung für solche gelegentlichen Einbildungen.

(Dr. Valentine.) Ja, die möchte ich zuweilen auch gern wissen. Es ist ein merkwürdig hilfloses Gefühl--nicht wahr?

(Gloria lehnt sich gegen das Wort auf:) Hilflos?...

(Dr. Valentine.) Ja. Ist es nicht, als ob die Natur--nachdem sie uns jahrelang erlaubt hat, uns selbst anzugehören und zu tun, was wir für richtig und vernünftig halten--plötzlich ihre große Hand erhöbe und uns, ihre zwei kleinen Kinder, am Kragen packte, um uns, gegen unsern Willen, auf ihre eigene Weise für ihre eigenen Zwecke dienstbar zu machen?

(Gloria.) Ist das nicht etwas phantastisch?

(Dr. Valentine mit einem neuen und erstaunlichen Übergang zu einem Ton äußerster Sorglosigkeit:) Das weiß ich nicht--ich frage nicht danach! (Vorwurfsvoll losbrechend:) O Fräulein Clandon--Fräulein Clandon--wie konnten Sie nur!

(Gloria.) Was hab' ich getan?

(Dr. Valentine.) Diese Verzückung in meine Seele schleudern!--Ich bemühe mich aufrichtig, vernünftig zu sein--ja wissenschaftlich--wie immer Sie mich wünschen... aber... aber--Oh, sehen Sie nicht, womit Sie meine Phantasie erfüllt haben?!

(Gloria mit empörter verachtungsvoller Härte:) Ich hoffe, daß Sie nicht so albern und nicht so gemein sein werden--von... "Liebe" zu sprechen!

(Dr. Valentine mit ironischer Eile, eine solche Schwäche in Abrede zu stellen:) Nein, nein, nein, nicht Liebe! Wir sind zu gescheit, an so was zu denken! Wir wollen es Chemie nennen! Sie können nicht leugnen, daß es so etwas wie eine chemische Tätigkeit, eine chemische Wahlverwandtschaft, eine chemische Verbindung gibt. Sie ist die unwiderstehlichste aller Naturkräfte... Nun, Sie ziehen mich unwiderstehlich an--chemisch.

(Gloria verachtungsvoll:) Unsinn!

(Dr. Valentine.) Natürlich ist das Unsinn, dummes Mädel! (Gloria weicht mit empörter Überraschung zurück.) Ja, ein dummes Mädel sind Sie!--Das ist eine wissenschaftliche Tatsache! Sie sind ein eingebildeter Philister--ein weiblicher Philister! Das sind Sie! (Er erhebt sich:) Jetzt sind Sie wahrscheinlich fertig mit mir--für immer! (Er geht an den eisernen Tisch und nimmt seinen Hut.)

(Gloria setzt sich mit vollendeter Ruhe, wie eine Lehrerin in einer Hochschule, die dem Photograpben sitzt:) Das beweist mir nur, wie wenig Sie meinen wirklichen Charakter verstehen--ich bin nicht im geringsten beleidigt. (Er schweigt und setzt seinen Hut wieder hin.) Ich bin immer bereit, mich von meinen Freunden auf meine Fehler aufmerksam machen zu lassen, Herr Doktor--selbst wenn diese Freunde mich so ungeheuerlich mißverstehen wie Sie! Ich habe viele Fehler--sehr große Fehler sogar, aber wenn ich etwas nicht bin, so ist es das, was Sie einen Philister nennen.

(Sie preßt ihre Lippen fest zusammen und blickt ihn standhaft und herausfordernd an, während sie gefaßter ist denn je.)

(Dr. Valentine kehrt an das Ende der Gartenbank zurück, um Gloria mit mehr Nachdruck gegenüber zutreten:) O doch, das sind Sie! Mein Verstand sagt es mir--meine Kenntnisse sagen es mir--meine Erfahrung sagt es mir.

(Gloria.) Entschuldigen Sie, wenn ich Sie darauf aufmerksam mache, daß Ihr Verstand und Ihr Gefühl und Ihre Erfahrung nicht unfehlbar sind--ich hoffe es wenigstens.

(Dr. Valentine.) Ich muß diesen aber glauben. Es sei denn, Sie wollten, daß ich meinen Augen, meinem Herzen, meinen Instinkten und meiner Einbildungskraft glaube, die mir alle über Ihre Person die ungeheuerlichsten Lügen erzählen.

(Gloria, deren Fassung anfängt nachzulassen:) Lügen?...

(Dr. Valentine hartnäckig:) Ja, Lügen. (Er setzt sich wieder neben sie.) Oder soll ich vielleicht glauben, daß Sie das schönste Weib der Erde sind? Erwarten Sie das von mir?

(Gloria.) Das ist lächerlich und etwas persönlich noch dazu.

(Dr. Valentine.) Natürlich ist es lächerlich!--Aber es ist das, was mir meine Augen sagen. (Gloria protestiert mit einer verachtungsvollen Bewegung:) Nein, ich schmeichle Ihnen nicht--ich sage Ihnen doch, daß ich meinen Augen nicht traue. (Sie schämt sich darüber, daß ihr das auch nicht ganz recht ist.) Erwarten Sie, daß ich hier sitzen und wie ein Kind heulen werde, wenn Sie aus Widerwillen gegen meine Schwäche nichts von mir wissen wollen?

(Gloria beginnt einzusehen, daß sie, um standhaft zu bleiben, kurz und bündig sprechen muß:) Warum sollten Sie das wohl, bitte?

(Dr. Valentine läßt absichtlich eine Gefühlsbewegung in seiner Stimme zittern:) Natürlich werde ich das nicht! Ich bin kein solcher Esel! --Und doch sagt mir mein Herz, daß ich heulen würde--mein närrisches Herz. Aber ich will ein ernstes Wort mit meinem Herzen reden und es zur Vernunft bringen. Und liebte ich Sie tausendmal, so will ich der Wahrheit dennoch standhaft ins Antlitz sehen... Ist ja doch auch ganz leicht, vernünftig zu sein... Tatsachen sind Tatsachen. Wo sind wir hier? Nicht im Himmel, sondern im Marine-Hotel! Die Zeit ist nicht die Ewigkeit, sondern halb zwei Uhr nachmittags. Was bin ich? Ein Zahnarzt--ein Fünf-Schilling-Zahnarzt!

(Gloria.) Und ich bin ein weiblicher Philister.

(Dr. Valentine leidenschaftlich;) Nein, nein, das kann ich nicht ertragen! Eine Illusion muß mir bleiben--die Illusion über Sie! Ich liebe Sie. (Er wendet sich zu ihr, als ob er der Lust, sie zu berühren, nicht länger widerstehen könnte. Sie erhebt sich zornig und ist auf der Hut. Er springt ungeduldig auf und tritt einen Schritt zurück.) Oh, was bin ich für ein Narr--was für ein Idiot! Sie verstehen mich nicht... Ich könnte ebensogut zu den Steinen am Strand sprechen! (Er wendet sich entmutigt ab.)

(Gloria beruhigter infolge seines Rückzuges und etwas reuig:) Es tut mir leid. Ich möchte nicht teilnahmslos sein, Herr Doktor,--aber was soll ich sagen?

(Dr. Valentine kehrt zu ihr zurück, und an die Stelle seines Sichgehenlassens tritt ein verbindlicher und ritterlicher Respekt:) Sie können nichts sagen, Fräulein Clandon. Verzeihen Sie mir. Ich allein trage alle Schuld--oder richtiger, ich habe eben Pech gehabt. Sehen Sie, es hing alles davon ab, ob Sie mich gern möchten. (Sie ist im Begriff zu sprechen, er unterbricht sie aber mit bittenden Gebärden: ) Oh, ich weiß--Sie dürfen mir nicht sagen, ob Sie mich gern mögen oder nicht; aber--

(Gloria wappnet sich sofort mit ihren Grundsätzen:) Ich darf nicht?... Warum nicht?... Ich bin ein freies Weib! Warum soll ich es Ihnen nicht sagen dürfen?

(Dr. Valentine weicht ängstlich zurück; bittend:) Nicht! Ich könnte es nicht ertragen!

(Gloria nicht länger verachtungsvoll:) Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Ich halte Sie für sentimental und für ein wenig überspannt--aber ich habe Sie gern.

(Dr. Valentine fällt wie zermalmt in den Eisenstubl:) Dann ist alles vorüber! (Er ist ein Bild der Verzweiflung.)

(Gloria nähert sich ihm; verwirrt:) Aber warum denn?

(Dr. Valentine.) Weil gernhaben nicht genügt! Jetzt, wo ich ernstlich darüber nachdenke, weiß ich selbst nicht, ob ich Sie gern habe oder nicht.

(Gloria blickt mit erstauntem Interesse auf ihn herab:) Das tut mir leid.