Man kann nie wissen: Komödie in vier Akten

Chapter 5

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(McComas bestimmt:) Nur Apollinaris--ich will lieber nichts Erhitzendes nehmen. (Er wendet sich nach der andern Seite der Terrasse, wie ein Mann, der eine Versuchung von sich gewiesen hat.)

(Philip.) Doktor--?

(Dr. Valentine.) Würde Lagerbier zu gemein gefunden werden?

(Philip.) Wahrscheinlich. Bestellen wir welches. Dolly trinkt es auch. (Wendet sich zu McNaughtan mit heiterer Höflichkeit:) Nun, Herr McNaughtan, was dürfen wir Ihnen bestellen?

(McNaughtan.) Was soll das heißen, Junge?

(Philip.) Junge?... (Sehr feierlich:) Wessen Schuld ist es, daß ich ein Junge bin? (McNaughtan reißt ihm die Weinkarte grob aus der Hand und tut unschlüssig so, als ob er sie lese. Philip überläßt sie ihm mit vollendeter Höflichkeit.)

(Dolly über McNaughtans Schulter blickend:) Der Whisky steht auf der vorletzten Seite.

(McNaughtan.) Laß mich zufrieden, Kind.

(Dolly.) Kind?... Nein, nein, das geht nicht! Sie können mich "Dolly" nennen, wenn Sie wollen; aber Sie dürfen nicht "Kind" zu mir sagen! (Sie hängt sich in Philip ein, und die beiden stehen vor McNaughtan und betrachten ihn wie einen exzentrischen Fremden.)

(McNaughtan wischt sich die Stirn in Schmerz und Wut und dennoch sogar durch ihr Spielen mit ihm erleichtert:) McComas, ha! Das wird ein--ein nettes Frühstück werden!

(McComas kleinmütig:) Ich sehe nicht ein, aus welchem Grunde es nicht nett werden sollte. (Er blickt äußerst trübe drein.)

(Philip.) Das Gesicht von Finch ist schon allein ein Festessen.

(Frau Clandon und Gloria treten aus dem Hotel. Frau Clandon nähert sich mit mutiger Selbstbeherrschung und mit deutlich zur Schau getragenem würdigem Benehmen. Sie hält auf der obersten Stufe inne, um Dr. Valentine anzureden, der ihr gerade in den Weg kommt; Gloria bleibt auch stehen und betrachtet McNaughtan mit einem gewissen Widerwillen.)

(Frau Clandon.) Es freut mich, Sie wiederzusehen, Herr Doktor. (Er lächelt. Sie geht weiter und steht McNaughtan gegenüber in der Absicht, ihn mit vollständiger Selbstbeherrschung anzusprechen; aber sein Anblick erschüttert sie. Sie hält plötzlich inne und sagt ängstlich, mit einem Anflug von Gewissensnot in der Stimme:) Fergus, du hast dich sehr verändert.

(McNaughtan grimmig:) Das will ich meinen! Ein Mann verändert sich in achtzehn Jahren.

(Frau Clandon verwirrt:) So...so habe ich's nich gemeint. Ich hoffe, du bist gesund.

(McNaughtan.) Ich danke.--Nein! nicht meine Gesundheit; mein Glück, da steckt die Veränderung, die du meinst, nicht wahr? (Plötzlich ausbrechend:) Sehen Sie sie an, McComas--sehen Sie sie an und--(Halb lachend, halb schluchzend:) und sehen Sie mich an!

(Philip.) Sch! (Er zeigt auf den Hoteleingang, wo der Kellner eben erschienen ist:) Still! Haltung vor William!

(Dolly berührt McNaughtans Arm warnend:) Hm!

(Der Kellner geht an den Serviertisch und winkt nach dem Kücheneingang, aus dem ein Kellnerjunge mit Suppentellern beraustritt, ein Koch mit weißer Schürze und Kappe folgt ihm mit der Suppenschüssel. Der Kellnerjunge bleibt und serviert, der Koch geht hinaus und kommt von Zeit zu Zeit, die Gänge auftragend, wieder herein. Er tranchiert, aber er serviert nicht. Der Kellner tritt an das in der Nähe der Stufen gelegene Ende des Frühstückstisches.)

(Frau Clandon, nachdem sich alle vor dem Tisch vereinigt haben:) Ich glaube, die Herrschaften sind einander heute alle schon begegnet... doch nein, entschuldigen Sie. (Vorstellend:) Herr Dr. Valentine--Herr Rechtsanwalt McComas. (Sie geht an das Ende des Tisches, das dem Hotel zunächst ist.) Fergus, willst du dich obenan setzen--bitte.

(McNaughtan) Ha! (bitter:) Obenan!

(Der Kellner hält ihm den Stuhl mit harmloser Ermutigung hin:) Hier, ich bitte.

(McNaughtan fügt sich und nimmt Platz.)

(Der Kellner.) Danke schön.

(Frau Clandon.) Herr Doktor, wollen Sie hier Platz nehmen--(Sie weist auf den Stuhl in der Nähe der Balustrade:) neben Gloria. (Dr. Valentine und Gloria nehmen ihre Plätze ein, Gloria neben McNaughtan und Dr. Valentine neben Frau Clandon.) Finch, Sie muß ich auf diese Seite setzen, zwischen Dolly und Phil. Wehren Sie sich, so gut Sie können. (Die drei nehmen die übriggebliebene Seite des Tisches ein; Dolly sitzt neben ihrer Mutter, Philip neben seinem Vater und McComas zwischen ihnen. Die Suppe wird aufgetragen.)

(Der Kellner zu McNaughtan:) Bouillon oder Suppe?

(McNaughtan zu Frau Clandon:) Spricht in dieser Familie niemand ein Tischgebet?

(Philip ihn schnell unterbrechend:) Sehen wir erst einmal zu, was wir zu essen und zu trinken bekommen werden.--William!

(Der Kellner.) Zu Befehl? (er gleitet leise um den Tisch herum an Philips linke Seite; auf dem Wege flüstert er dem Kellnerjungen zu:) Suppe!

(Philip.) Zwei kleine Lager für uns Kinder, wie gewöhnlich, und ein großes für diesen Herrn (er zeigt auf Dr. Valentine), eine große Flasche Apollinaris für Herrn McComas.

(Der Kellner.) Zu dienen.

(Dolly.) Nehmen Sie etwas Whisky dazu, Finch?

(McComas entrüstet:) Nein, nein, ich danke!

(Philip.) Nummer vierhundertdreizehn, wie immer für meine Mutter und Fräulein Gloria, und--(wendet sich fragend zu McNaughtan:) was nehmen Sie?

(McNaughtan mürrisch und im Begriff, beleidigend zu antworten:) Ich--

(Der Kellner honigsüß dazwischentretend:) Es ist schon gut, junger Herr. Wir wissen hier, was Herr McNaughtan liebt. (Er geht ins Hotel.)

(Philip seinen Vater ernst betrachtend:) Sie haben also die schlechte Gewohnheit, Wirtshäuser zu besuchen!

(Der Koch, dem ein Kellner mit übereinandergetürmten heißen Tellern folgt, bringt den Fisch aus der Küche und beginnt, ihn auf dem Serviertisch zu zerlegen.)

(McNaughtan.) Du hast deine Lektion von deiner Mutter gut gelernt.

(Frau Clandon.) Phil! bedenke gefälligst, daß deine Scherze Leute, die nicht daran gewöhnt sind, auf-* zubringen imstande sind und daß dein Vater heute unser Gast ist.

(McNaughtan bitter:) Ja, ein Gast an der Spitze meines eigenen Tisches! (Die Suppenteller werden weggenommen.)

(Dolly teilnahmsvoll:) Ja, das ist peinlich, nicht wahr? Aber uns ist es ebenso peinlich.

(Philip.) Sch! Wir sind beide taktlos. (Zu McNaughtan:) Wir meinen es gut, Herr McNaughtan, aber wir sind noch nicht sehr geübt in unseren Rollen als Kinder. (Der Kellner kommt aus dem Hotel mit den Getränken:) William, kommen Sie und stellen Sie das gute Einvernehmen wieder her.

(Der Kellner ermunternd:) Mit größtem Vergnügen, junger Herr. (Setzt die Getränke vor:) Ihr kleines Lager; (zu McNaughtan:) Ihr Whisky und Soda, (zu McComas:) Ihr Apollinaris; (zu Dolly:) ein kleines Lager, (zu Frau Clandon, Wein einschenkend.) vierhundertdreizehn, gnädige Frau; (zu Dr. Valentine:) Ihr großes Lager; (zu Gloria:) vierhundertdreizehn, gnädiges Fräulein.

(Dolly trinkend:) Auf das Wohl der Familie!

(Philip trinkend:) Auf Heim und Herd! (Der Fisch wird herumgereicht.)

(McComas mit einem sichtlich erzwungenen Versuch, Familiengemütlichkeit anzuregen:) Na, nun geht's ja eigentlich doch ganz gut.

(Dolly kritisierend:) Eigentlich...? Warum "eigentlich", Finch?

(McNaughtan sarkastisch:) Er meint, daß es trotz eures Vaters Anwesenheit doch ganz gut geht.--Habe ich Sie richtig verstanden, Herr McComas?

(McComas aus dem Text gebracht:) Nein, nein--ich habe nur "eigentlich" gesagt, um den Satz abzurunden. Ich--ich--

(Der Kellner taktvoll:) Turbot?

(McComas überaus dankbar für die Unterbrechung:) Bitte, Kellner, bitte.

(Der Kellner halblaut:) Bitte, bitte. (Er geht an den Serviertisch zurück.)

(McNaughtan zu Philip:) Hast du schon an die Wahl einen Berufes gedacht?

(Philip.) Ich sehe mich danach um.--William!

(Der Kellner.) Zu Befehl?

(Philip.) Was glauben Sie: wie lange müßte ich in die Lehre gehen, um ein wirklich tüchtiger Kellner zu werden?

(Der Kellner.) Das kann nicht gelernt werden, junger Herr. Das liegt im Charakter. (Vertraulich zu Dr. Valentine, der etwas zu suchen scheint:) Brot für das gnädige Fräulein?... Hier, bitte. (Er reicht Gloria Brot und fährt im bisherigen Tonfall wieder fort:) Sehr wenige sind dazu geboren, junger Herr!

(Philip.) Sie haben wohl nicht selbst so etwas wie einen Sohn--was?

(Der Kellner.) Jawohl, junger Herr. O ja. (Zu Gloria, seine Stimme wieder senkend:) Noch etwas Fisch, gnädiges Fräulein? Sie dürften sich nicht viel aus Braten machen zum Frühstück.

(Gloria.) Nein, ich danke. (Die Fischteller werden weggenommen.)

(Dolly.) Ist Ihr Sohn ebenfalls Kellner, William?

(Der Kellner bedient Gloria mit Geflügel:) O nein, gnädiges Fräulein. Dafür ist er zu heftig. Er ist vor den Schranken tätig.

(McComas gönnerhaft:) Schenkkellner--was?

(Der Kellner mit einem Anflug von Melancholie; als wenn er sich an eine durch die Zeit gelinderte Enttäuschung erinnerte:) Nein, gnädiger Herr--andere Schranken, Gerichtsschranken. Ihr Gewerbe, Herr Rechtsanwalt. Königlicher Anwalt.

(McComas verlegen:) Oh, entschuldigen Sie.

(Der Kellner.) Es hat nichts zu bedeuten, gnädiger Herr. Ein sehr begreiflicher Irrtum!--Ich habe schon manchmal gewünscht, es wäre ein Schenkkellner aus ihm geworden! Dann hätte er mir nicht halb so lange auf der Tasche gelegen. (Beiseite zu Dr. Valentine, der wieder etwas zu suchen scheint:) Hier ist das Salz, Herr Doktor.

(Fährt wieder fort:) Ja, ich mußte ihn bis zu seinem siebenunddreißigsten Jahr erhalten. Aber jetzt geht es ihm gut--recht zufriedenstellend, wirklich! Er plaidiert nicht unter fünfzig Guineen.

(McComas.) Das ist die Demokratie, McNaughtan, die moderne Demokratie!

(Der Kellner ruhig:) Nein, nicht die Demokratie, bloß Erziehung, gnädiger Herr--Stipendien, Cambridge, Sidney-Sussex Collegium, gnädiger Herr. (Dolly sieht ihn am Armel; er neigt sich zu ihr, und sie flüstert ihm etwas ins Ohr:) Ingwerbier im Steinkrug, gnädiges Fräulein? Sofort! (Zu McComas:) Für ihn war es ein Glück, er hatte nie Lust zu wirklicher Arbeit. (Er geht ins Hotel und läßt die Gesellschaft etwas übermannt von dem vornehmen Stande seines Sohnes zurück.)

(Dr. Valentine.) Wer von uns darf es wagen, diesem Manne noch einen Befehl zu erteilen?

(Dolly.) Ich hoffe, er nimmt es mir nicht übel, daß ich ihn um Ingwerbier geschickt habe.

(McNaughtan halsstarrig:) Solange er Kellner ist, ist Aufwarten sein Geschäft! Wenn ihr ihn behandelt hättet, wie ein Kellner behandelt werden soll, so würde er geschwiegen haben.

(Dolly.) Das wäre jammerschade gewesen! Vielleicht gibt er uns eine Empfehlung an seinen Sohn, der könnte uns doch in die Londoner Gesellschaft einführen.

(Der Kellner erscheint wieder mit dem Ingwerbier.)

(McNaughtan brummt wütend:) Londoner Gesellschaft,... Londoner Gesellschaft!... Du passest in gar keine Gesellschaft, Kind!

(Dolly ihren Gleichmut verlierend:) Wissen Sie, Herr McNaughtan, wenn Sie glauben--

(Der Kellner leise an ihrer Seite.) Ingwerbier, gnädiges Fräulein.

(Dolly abgelenkt, findet ihre gute Laune nach einem tiefen Atemzug wieder und entgegnet sanft:) Ich danke Ihnen, *lieber* William. Sie sind gerade im rechten Augenblick gekommen. (Sie trinkt.)

(McComas, macht eine neuerliche Anstrengung, die Unterhaltung in leidenschaftslose Bahnen zu lenken:) Gestatten Sie, daß ich das Thema wechsle, Fräulein Clandon: welches ist die Landesreligion Madeiras?

(Gloria.) Ich glaube, die portugiesische Religion. Ich habe nie danach gefragt.

(Dolly.) Zur Fastenzeit kommen die Diener und knien vor der Herrschaft nieder und beichten alles, was sie begangen haben, und die Herrschaften müssen so tun, als ob sie ihnen verziehen.--Geschieht das auch in England, William?

(Der Kellner.) Für gewöhnlich nicht, gnädiges Fräulein. Vielleicht in einigen Teilen Englands; aber ich habe noch nichts davon gehört. (Er fängt einen Blick der Frau Clandon auf, als der Kellnerjunge ihr die Salatschüssel reicht.) Sie wollen ihn unangemacht, gnädige Frau?--Ja, ja, ich habe welchen für Sie. (Zu seinem jungen Kollegen, ihn anweisend, Gloria zu bedienen:) Hier herüber, Joe. (Er nimmt eine Extraportion Salat vom Serviertisch und setzt sie neben Frau Clandons Teller. Während er das tut, bemerkt er, daß Dolly ein saures Gesicht macht.) Nur etwas Brunnenkresse ist irrtümlicherweise hineingekommen, gnädiges Fräulein. (Er nimmt ihr den Salat fort:) Entschuldigen Sie. (Zum Kellnerjungen, ihn anweisend, Dolly noch einmal zu bedienen:) Joe! (nimmt das frühere Thema wieder auf:) Die meisten sind Mitglieder der anglikanischen Kirche, gnädiges Fräulein.

(Dolly.) Mitglieder der anglikanischen Kirche? Wie hoch ist der Jahresbeitrag?

(McNaughtan springt zum allgemeinen Entsetzen empört auf:) Sie sehen, wie meine Kinder erzogen worden sind... da sehen Sie es... Sie hören es! Ich rufe Sie alle zu Zeugen auf--(Er wird unverständlich und ist im Begriff, mit der Faust auf den Tisch zu schlagen, ohne die Folgen zu berücksichtigen, als der Kellner ihm rücksichtsvoll den Teller fortnimmt.)

(Frau Clandon fest:) Setze dich, Fergus. Es ist gar kein Anlaß zu diesem Auftritt. Du mußt bedenken, daß Dolly hier wie eine Ausländerin ist.--Bitte, setze dich!

(McNaughtan unwillig nachgebend:) Ich bin im Zweifel, ob ich mich noch an diesen Tisch setzen soll, wo ich all das mit anhören muß. Ich bin wirklich im Zweifel.

(Der Kellner.) Käse, gnädiger Herr?... Oder wünschen Sie eine kalte süße Speise?

(McNaughtan verwirrt:) Was?... O Käse--Käse!

(Dolly.) Bringen Sie Zigaretten, William.

(Der Kellner.) Hier, gnädiges Fräulein. (Er nimmt eine Zigarettenschachtel vom Serviertisch und setzt sie neben Dolly, die eine auswählt und sich zu rauchen anschickt. Dann gebt er an den Serviertisch zurück, um Wachshölzer zu holen.)

(McNaughtan starrt Dolly entsetzt an:) Sie raucht?!...

(Dolly am Ende ihrer Geduld:) Wahrhaftig, Herr McNaughtan, ich fürchte, ich verderbe Ihnen das Essen; ich werde meine Zigarette am Strand rauchen. (Sie verläßt plötzlich den Tisch und läuft ärgerlich die Stufen hinunter. Der Kellner will ihr die Wachshölzer geben, aber sie ist fort, bevor er sie erreichen kann.)

(McNaughtan wütend:) Margarete, rufe das Mädel zurück!... rufe sie zurück, sag' ich!

(McComas versucht Frieden zu stiften:) Gehen Sie, McNaughtan, machen Sie sich nichts daraus! Sie ist die Tochter ihres Vaters, weiter nichts.

(Frau Clandon mit tiefem Groll:) Das hoffe ich nicht, Finch. (Sie erhebt sich. Alle erheben sich ein wenig.) Herr Doktor, nicht wahr, Sie entschuldigen mich? Ich fürchte, Dolly ist über diesen Vorfall ganz außer sich, ich muß zu ihr gehen.

(McNaughtan.) Um ihre Partei gegen mich zu ergreifen--was?!

(Frau Clandon ihn ignorierend:) Gloria, willst du mich bei Tisch, so lange Ich fort bin, vertreten, liebes Kind? (Sie geht auf die Stufen zu. McNaughtans Augen folgen ihr mit bitterem Haß; die übrigen beobachten sie in verlegenem Schweigen und fühlen sich von dem Zwischenfall sehr peinlich berührt.)

(Der Kellner hält Frau Clandon am Rande der Stufen auf und bietet ihr eine Schachtel Wachsbölzer an:) Die junge Dame hat die Streichhölzer vergessen, gnädige Frau. Wenn Sie so gütig sein wollten, gnädige Frau--

(Frau Clandon nimmt, durch den Zauber seiner süßen und ermunternden Stimme überrascht, den Ton dankbarer Höflichkeit an:) Ich danke Ihnen sehr. (Sie nimmt die Wachshölzer und geht hinab an den Strand.)

(Der Kellner zieht seinen Gehilfen durch die Küchentür mit sich ins Hotel und überläßt die Gesellschaft sich selbst.)

(McNaughtan sich in seinen Stuhl zurückwerfend:) Eine Mutter nach Ihrem Geschmack, McComas! Eine Mutter nach Ihrem Geschmack!

(Gloria standhaft:) Ja--eine gute Mutter!

(McNaughtan.) Und ein schlechter Vater--das meinst du doch, was?

(Dr. Valentine erhebt sich entrüstet und wendet sich zu Gloria:) Fräulein Clandon, ich--

(McNaughtan wendet sich zu ihm:) Dieses Mädchen heißt McNaughtan, Herr Doktor--nicht Clandon! Wollen Sie sich meiner Familie in den Beleidigungen meiner Person anschließen?

(Dr. Valentine ihn nicht beachtend:) Ich bin außer mir, Fräulein Clandon! Es ist meine Schuld--ich habe ihn hergebracht--ich bin für ihn verantwortlich, und ich schäme mich für ihn!

(McNaughtan.) Was meinen Sie damit?

(Gloria erhebt sich; kalt:) Es ist nichts geschehen, Herr Doktor.--Ich fürchte, wir sind alle ein bißchen kindisch gewesen; unsere Zusammenkunft ist mißglückt. Wir wollen sie abbrechen und Schluß machen. (Sie schiebt ihren Stuhl zur Seite und wendet sich den Stufen zu; als sie an McNaughtan vorbeikommt, fügt sie mit nachlässiger Ruhe hinzu:) Adieu, Vater. (Sie geht die Stufen mit kalter, verdrießlicher Gleichgültigkeit hinab.)

(Alle blicken ihr nach und bemerken daher die Rückkehr des Kellners nicht, der, mit McNaughtans Rock und Dr. Valentines Stock, mit ein paar Schals, Sonnenschirmen und einem weißen Leinensonnenschirm und einigen Feldstühlen beladen, aus dem Hotel kommt.)

(McNaughtan für sich, Gloria mit verzerrtem Gesichtsausdruck nachblickend:) Vater--Vater!... (Er schlägt mit der Faust heftig auf den Tisch:) Jetzt--

(Der Kellner den Überzieher anbietend:) Ich glaube, das ist der Ihre, gnädiger Herr.

(McNaughtan starrt ihn an, reißt dann den Überzieher grob an sich und geht längs der Terrasse gegen die Gartenbank zu. Er kämpft mit seinem Rock bei seinen ärgerlichen Bemühungen, ihn anzuziehen. McComas erhebt sich und eilt ihm zu Hilfe. Dann nimmt er seinen Hut und Schirm von dem kleinen Eisentisch und wendet sich den Stufen zu. Inzwischen bietet der Kellner, nachdem er McNaughtan mit unveränderter Süßigkeit für die Abnahme des Überziehers gedankt hat, etwas von seiner Last Philip an.)

(Der Kellner.) Die Sonnenschirme für die Damen, junger Herr.--Das Meer blendet heute stark, das ist sehr schädlich für den Teint... Ich werde die Strandstühle selbst hinuntertragen.

(Philip.) Sie sind alt, Vater William, aber Sie sind der aufmerksamste Mensch, den ich kenne.--Nein, behalten Sie die Sonnenschirme und geben Sie mir die Strandstühle. (Er nimmt sie.)

[Footnote: Zitat aus einem Gedicht von Southey.]

(Der Kellner mit schmeichlerischer Dankbarkeit:) Zu gütig, junger Herr.

(Philip.) Finch, teilen Sie mit mir. (Er gibt ihm welche.) Kommen Sie! (Sie gehen zusammen die Stufen hinunter.)

(Dr. Valentine zum Kellner:) Lassen Sie mich auch etwas hinuntertragen. .. einen von diesen. (Er will ihm einen Sonnenschirm abnehmen.)

(Der Kellner diskret:) Der gehört der jüngeren Dame, Herr Doktor. (Dr. Valentine überläßt ihn dem Kellner.) Wenn Sie gestatten wollten, so glaube ich, Sie sollten lieber dies hier nehmen. (Er legt den Sonnenschirm auf McNaughtans Stuhl und zieht aus seiner hinteren Fracktasche ein Buch. Ein Damentaschentuch ist zwischen den Blättern als Lesezeichen eingelegt.) Das ist das Buch, in dem die ältere junge Dame jetzt gerade liest. (Dr. Valentine ergreift es eifrig.) Danke schön. Schopenhauer, wie Sie sehen. (Er nimmt die Sonnenschirme wieder auf.) Ein sehr interessanter Autor, Herr Doktor, namentlich was die Damen betrifft. (Er geht die Stufen hinab.)

(Dr. Valentine im Begriff, dem Kellner zu folgen, erinnert sich an McNaughtan und ändert seinen Entschluß. Er geht ziemlich aufgeregt zu McNaughtan:) Nein, wirklich, McNaughtan: schämen Sie sich denn gar nicht?

(Mc Naugthan streitsüchtig:) Mich schämen?... Weshalb?

(Dr. Valentine.) Weil Sie sich betragen haben wie ein Bär!... Was wird Ihre Tochter von mir denken, daß ich Sie hergebracht habe?

(McNaughtan.) Ich habe noch keine Zeit gefunden, darüber nachzusinnen, was meine Tochter von Ihnen denkt.

(Dr. Valentine.) Nein, Sie haben nur an sich gedacht! Sie sind ein krankhafter Egoist!

(McNaughtan tiefbekümmert:) Sie hat Ihnen ja gesagt, was ich bin--ein Vater--ein seiner Kinder beraubter Vater!--Was sind die Herzen dieser Generation?... Muß ich herkommen nach all den Jahren, um zum ersten Male zu sehen, was aus meinen Kindern geworden ist--ihre Stimmen zu hören!... und soll mich dabei wie ein richtiger Gast benehmen!... platze zufällig in das Frühstück herein--heiße Herr McNaughtan!... Was für ein Recht haben meine Kinder, mit mir so zu sprechen?... Ich bin ihr Vater--leugnen sie es?... Ich bin ein Mann mit allgemein menschlichen Gefühlen!... Habe ich keine Rechte, keine Ansprüche?... Was für Menschen habe ich in all den Jahren um mich gehabt?... Diener, Angestellte, Geschäftsfreunde!... Aber ich habe ihre Achtung genossen--ja ihre Güte!... Würde einer von diesen Leuten so mit mir gesprochen haben, wie dieses Mädchen?... Würde einer von denen über mich gelacht haben, wie dieser Junge die ganze Zeit über mich gelacht hat? (Wild:) Meine eigenen Kinder--Herr McNaughtan! Meine--

(Dr. Valentine.) Aber, aber!... Es sind ja nur Kinder! Das einzige von ihnen, das etwas wert ist, hat Sie "Vater" genannt.

(McNaughtan.) Ja, "adieu, Vater"--adieu! O ja! Dies Kind hat sich an mein Herz gewendet--mit einem Dolchstoß.

(Dr. Valentine nimmt das sehr übel auf:) Hören Sie, McNaughtan, lassen Sie die in Ruh! Sie hat Sie sehr gut behandelt. Ich habe eine viel schlimmere Stunde beim Frühstück zugebracht als Sie.

(McNaughtan.) Sie?...

(Dr. Valentine mit wachsender Heftigkeit:) Ja--ich! Ich habe neben ihr gesessen und habe während der ganzen Zeit nicht ein einziges Wort mit ihr gesprochen--nicht ein einziges Wort konnte ich finden--und nicht ein Wort hat sie für mich gehabt!

(McNaughtan.) Nun?

(Dr. Valentine.) Nun... nun?... (Spricht sehr ernst und immer schneller:) McNaughtan, wissen Sie, was heute mit mir vorgegangen ist?. .. Sie glauben doch nicht, daß ich die Gewohnheit habe, meinen Patienten so mitzuspielen, wie ich Ihnen heute mitgespielt habe?

(McNaughtan.) Hoffentlich nicht.

(Dr. Valentine.) Der Grund ist, daß ich entweder völlig verrückt bin, oder vielmehr früher nie wirklich im Besitze meines gesunden Menschenverstandes gewesen bin. Jetzt bin ich zu allem fähig--ich bin endlich erwachsen--ich bin ein Mann geworden--und Ihre Tochter ist es, die einen Mann aus mir gemacht hat!

(McNaughtan ungläubig:) Sind Sie in meine Tochter verliebt?

(Dr. Valentine, seine Worte ergießen sich nun in einem wahren Strom von seinen Lippen:) Verliebt?... Unsinn!... Es ist viel mehr und viel höher als Liebe... es ist Leben, Glaube, Kraft, Gewißheit, Paradies...

(McNaughtan unterbricht ihn mit beißendem Hohn:) Unsinn, Mensch! Was haben (Sie), um eine Frau zu unterhalten?... Sie können sie nicht heiraten.

(Dr. Valentine.) Wer will sie denn heiraten?... Ich will ihre Hände küssen, ich will zu ihren Füßen knien, ich will für sie leben, ich will für sie sterben... und das soll mir genügen! Sehen Sie ihr Buch an--sehen Sie! (Er küßt das Taschentuch:) Wenn Sie mir Ihr ganzes Geld anböten für diese Gegenstände, die mir als Ausrede dienen, an den Strand hinunterzugehen und mit ihr wieder zu sprechen,--ich würde Ihnen nur ins Gesicht lachen. (Er geht übermütig gegen die Stufen zu, wo er dem vom Strande heraufkommenden Kellner direkt in die Arme läuft. Die beiden bewahren einander vor dem Umfallen, indem sie sich gegenseitig eng um den Leib fassen und sich umschlungen herumdrehen.)

(Der Kellner zart:) Sachte, Herr Doktor--sachte!

(Dr. Valentine über seine eigene Heftigkeit unangenehm berührt:) Entschuldigen Sie!

(Der Kellner.) Bitte, Herr Doktor--bitte. Das ist ganz natürlich in Ihrem Alter.--Das gnädige Fräulein hat mich um ihr Buch heraufgeschickt; dürfte ich mir erlauben, Sie zu bitten, es ihr sofort zu bringen?

(Dr. Valentine.) Mit Vergnügen!--Und wollen Sie mir erlauben, Sie mit der sechswöchentlichen Einnahme eines Zahnarztes zu beschenken... (Er bietet ihm Dollys Fünf-Schilling-Stück an.)

(Der Kellner, als ob diese Summe seine höchsten Erwartungen überträfe: ) Danke vielmals, Herr Doktor--tausend Dank!

(Dr. Valentine stürzt die Stufen hinunter.) Ein sehr übermütiger junger Mann, sehr männlich und gut gewachsen!

(McNaughtan in brummiger Herabsetzung:) Und wird sehr schnell ein Vermögen machen--zweifellos! Ich weiß, wieviel seine sechswöchentlichen Einnahmen betragen. (Er geht über die Terrasse an den eisernen Tisch und setzt sich.)