Man kann nie wissen: Komödie in vier Akten

Chapter 4

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(Frau Clandon.) Nicht im geringsten.

(McComas.) Sie halten noch immer an Ihren alten Ansichten fest?

(Frau Clandon.) Fester denn je.

(McComas.) Was Sie sagen!... Und sind Sie noch immer bereit, öffentlich zu sprechen, trotz Ihres Geschlechts? (Frau Clandon nickt. ) Halten Sie sogar noch immer an der Ansicht fest, eine verheiratete Frau sei berechtigt, ihr eigenes Vermögen von dem ihres Gatten zu trennen? (Frau Clandon nickt wieder.) Sind Sie noch immer Vorkämpferin für die Lehre Darwins von der Abstammung der Arten und für John Stuart Mills Schrift über die Freiheit? (Sie nickt.) Lesen Sie noch immer Huxley, Tyndall und George Eliot? (Sie nickt dreimal.) Und verlangen Sie noch immer für die Frauen so gut wie für die Männer den Zutritt zur Universität, die Ausübung aller Gewerbe und das parlamentarische Wahlrecht?

(Frau Clandon energisch:) Jawohl. Ich bin nicht um Haares Breite davon abgewichen, und ich habe Gloria dazu erzogen, mein Werk dort fortzusetzen, wo ich es abgebrochen habe.--Das ist es auch, was mich nach England zurückgeführt hat. Ich fühlte, daß ich kein Recht hatte, meine Tochter lebend in Madeira zu begraben--mein Sankt Helena, Finch! --Sie wird wohl ausgezischt werden, wie ich es wurde--aber sie ist darauf vorbereitet.

(McComas.) Ausgezischt?... Meine liebe gute Frau Clandon, heutzutage könnte Gloria mit allen diesen Ansichten sogar einen Erzbischof heiraten.--Sie haben mir eben vorgeworfen, daß ich respektabel geworden bin. Sie haben sich geirrt--ich halte an unsern alten Meinungen fest, ebenso wie damals--ich gehe nicht in die Kirche, und ich tue nicht so, als ob ich es täte. Ich bekenne, was ich bin: ein radikaler Philosoph, der für Freiheit und für die Rechte des Individuums eintritt, wie mein Meister Herbert Spencer es mich gelehrt hat. Werde ich ausgezischt?... Nein! Ich werde nachsichtig belächelt, wie ein altmodischer Kauz! Ich bin vollständig erledigt, weil ich mich geweigert habe, das Knie vor dem Sozialismus zu beugen.

(Frau Clandon entsetzt:) Sozialismus!

(McComas.) Ja, Sozialismus--vor Ablauf eines Monats wird Fräulein Gloria bis über die Ohren drin sein, wenn Sie sie hier loslassen.

(Frau Clandon mit Emphase:) Aber ich kann ihr beweisen, daß der Sozialismus ein Trugschluß ist!

(McComas pathetisch:) Dadurch, daß ich es bewies, habe ich alle meine Schüler verloren, Frau Clandon. Nehmen Sie sich in acht, lassen Sie Gloria ihren eigenen Weg gehen. (Etwas bitter:) Wir sind altmodisch geworden, die Welt denkt, wir seien hinter ihr zurückgeblieben! Es gibt nur noch einen einzigen Ort in England, wo Ihre Anschauungen für vorgeschritten gelten würden.

(Frau Clandon spöttisch und nicht überzeugt:) Die Kirche vielleicht?

(McComas.) Nein, das Theater.--Und jetzt zur Sache. Warum haben Sie mich hierher kommen lassen?

(Frau Clandon.) Nun, zum Teil, weil ich Sie wiedersehen wollte.

(McComas mit gutmütiger Ironie:) Danke!

(Frau Clandon.) Und zum Teil, weil ich möchte, daß Sie den Kindern alles erklären. Sie wissen nichts. Und jetzt, wo wir nach England zurückgekehrt sind, ist es unmöglich, sie noch länger im unklaren zu lassen. (Aufgeregt:) Finch, ich kann mich nicht dazu entschließen, es ihnen zu sagen... ich--(Sie wird durch die Zwillinge und Gloria unterbrochen. Dolly kommt hastig die Stufen heraufgestürzt, im Wettlauf mit Philip, der ein schreckliches Tempo mit einer ungestörten Korrektheit des Betragens verbindet, die ihn jedoch das Rennen kostet. Dolly erreicht ihre Mutter zuerst und stößt durch die Heftigkeit ihrer Ankunft die Gartenbank beinahe über den Haufen.)

(Dolly atmenlos:) Es ist alles in Ordnung, Mama! Der Zahnarzt kommt, und seinen alten Hausherrn bringt er mit!

(Frau Clandon.) Liebe Dolly, siehst du Herrn McComas nicht?

(McComas erhebt sich lächelnd.)

(Dolly mit langem Gesicht, das offensichtlich die größte Enttäuschung ausdrückt:) Der?!... Wo sind die wallenden Locken?

(Philip sekundiert ihr warm:) Und wo der Bart?!--Der Mantel?--Das poetische Aussehen?!

(Dolly.) Oh, Herr McComas! Sie haben sich ganz und gar verdorben! Warum haben Sie nicht gewartet, bis wir Sie gesehen haben?!

(McComas verdutzt, aber seinen Humor zusammennehmend, um sich der schwierigen Lage gewachsen zu zeigen:) Weil für einen Rechtsanwalt achtzehn Jahre eine zu lange Zeit ist, um sich da nicht die Haare schneiden zu lassen.

(Gloria auf der andern Seite von McComas:) Guten Tag, Herr McComas. (Er wendet sich um, und sie ergreift seine Hand und drückt sie, mit einem geraden, aufrichtigen Blick in seine Augen:) Wir freuen uns, Sie endlich zu sehen.

(McComas.) Fräulein Gloria, nicht wahr? (Gloria lächelt zustimmend und zieht ihre Hand mit einem letzten Druck zurück. Sie tritt hinter die Gartenbank und neigt sich über die Lehne neben Frau Clandon:) Und dieser junge Herr?

(Philip.) Ich wurde in einer verhältnismäßig prosaischen Laune getauft. Ich heiße--

(Dolly ergänzt sein Zitat für ihn, deklamatorisch:) "Ich heiße Norval, auf den Grampianhügeln"...

(Philip ernsthaft deklamierend:) "mein Vater weidet seine Herde, nur ein Schäfer"--[*]

[Footnote *: Norval ist der Sohn eines alten Bauern im Trauerspiel "Douglas" von John Horne (1724-1808).]

(Frau Clandon unterbrechend:) Meine lieben Kinder, seid nicht so albern!--Alles erscheint ihnen hier so neuartig, Finch, daß sie in der tollsten Laune sind. Sie halten jeden Engländer, dem sie begegnen, für einen Witz.

(Dolly.) Ja, das ist er auch! Wir können nichts dafür!

(Philip.) Meine Menschenkenntnis ist recht ausgedehnt, Herr McComas; aber es ist mir unmöglich, die Bewohner dieser Insel ernst zu nehmen.

(McComas.) Ich vermute, Sie sind der junge Herr Philip? (Er bietet ihm die Hand.)

(Philip nimmt McComas' Hand und betrachtet ihn feierlich:) Ich war der junge Philip--das war ich durch viele Jahre. Genau so wie Sie einmal der junge Finch gewesen sind. (Er schüttelt ihm einmal die Hand; dann läßt er sie fallen und ruft gedankenvoll aus:) Wie sonderbar ist es doch, so auf seine Knabenzeit zurückzublicken!

(McComas starrt ihn an, durchaus nicht erfreut.)*

(Dolly zu Frau Clandon:) Hat Finch schon was zu trinken bekommen?

(Frau Clandon abwehrend:) Liebes Kind, Herr McComas wird mit uns frühstücken.

(Dolly.) Hast du sieben Gedecke bestellt? Vergiß nur nicht den alten Herrn!

(Frau Clandon.) Ich habe ihn nicht vergessen, mein Kind. Wie heißt er?

(Dolly.) Gichtknoten.--Er wird um halb zwei hier sein. (Zu McComas:) Sind wir so, wie Sie sich uns vorgestellt haben?

(Frau Clandon ernst, sogar etwas gebieterisch:) Dolly, Herr McComas hat euch etwas Ernsteres mitzuteilen als das.--Kinder: ich habe meinen alten Freund gebeten, die Frage, die ihr heute morgen an mich gerichtet habt, zu beantworten. Er ist sowohl der Freund eures Vaters als auch der meine, und er wird euch die Geschichte meines Ehelebens besser erzählen, als ich es könnte.--Gloria, bist du nun zufrieden?

(Gloria ernst und aufmerksam:) Herr McComas ist sehr gütig.

(McComas nervös:) Durchaus nicht, mein Fräulein, durchaus nicht. Doch das kommt ziemlich plötzlich... ich bin kaum darauf vorbereitet--

(Dolly argwöhnisch:) Oh! wir wollen auch gar nichts Vorbereitetes hören.

(Philip ihn ermunternd:) Sagen Sie uns die Wahrheit.

(Dolly nachdrünklich:) Die nackte Wahrheit!

(McComas gereizt:) Ich hoffe, Sie haben die Absicht, ernst zu nehmen, was ich zu sagen habe?

(Philip mit tiefem Ernst:) Ich hoffe, daß es das verdient, Herr McComas. Meine Menschenkenntnis lehrt mich, niemals zuviel zu erwarten.

(Frau Clandon abwehrend:) Phil--

(Philip.) Ja Mutter, schon gut. Entschuldigen Sie, Herr McComas, stoßen Sie sich nicht an uns.

(Dolly versöhnlich:) Wir meinen es gut.

(Philip.) Schweigen wir beide!

(Dolly hält ihre Lippen fest. McComas nimmt einen Stuhl vom Frühstückstisch, setzt ihn zwischen den kleinen Tisch und die Gartenbank, so daß Dolly zu seiner Rechten und Philip zu seiner Linken zu stehen kommt. Er setzt sich mit der Miene eines Mannes, der im Begrift steht, eine lange Auseinandersetzung zu beginnen. Die Clandons beobachten ihn erwartungsvoll.)

(McComas.) Hm!--Ihr Vater--

(Dolly.) Wie alt ist er?

(Philip.) Sch!

(Frau Clandon sanft:) Liebe Dolly, wir wollen Herrn McComas nicht unterbrechen.

(McComas mit Nachdruck:) Ich danke Ihnen, Frau Clandon--ich danke! (Zu Dolly:) Ihr Vater ist siebenundfünfzig Jahre alt.

(Dolly mit einem Satz, überrascht und aufgeregt:) Siebenundfünfzig?!... Wo lebt er?

(Frau Clandon zurechtweisend:) Dolly! Dolly!

(McComas sie unterbrechend:) Lassen Sie mich dies beantworten, Frau Clandon. Die Antwort wird Sie sehr überraschen.--Er lebt hier, an diesem Ort.

(Frau Clandon erhebt sich sehr böse, setzt sich aber wieder sprachlos nieder. Gloria beobachtet sie ganz starr.)

(Dolly mit Überzeugung:) Ich wußte es!... Phil--Gichtknoten ist unser Vater!

(McComas.) Gichtknoten--?!

(Dolly) Oder McNaughty... oder sonst wie--was weiß ich! Er sagte mir, ich sähe seiner Mutter ähnlich; ich wußte es ja, daß er seine Tochter meinte.

(Philip sehr ernst:) Herr McComas: ich möchte Ihre Gefühle auf jede mögliche Art berücksichtigen--aber ich warne Sie! Wenn Sie den langen Arm des Zufalls derart verlängern, daß Sie mir einreden wollen, der hier lebende Herr McNaughtan sei mein Vater, so weigere ich mich, auf Ihre Auskünfte auch noch einen Augenblick weiter einzugehen.

(McComas.) Und warum, wenn ich bitten darf?

(Philip.) Weil ich diesen Herrn gesehen habe und er gänzlich ungeeignet ist, mein Vater, oder Dollys Vater, oder Glorias Vater, oder der Mann meiner Mutter zu sein!

(McComas.) Oh, wirklich?--So. Dann muß ich Ihnen sagen--ob Sie es nun gern hören oder nicht--: er ist tatsächlich Ihr Vater und der Vater Ihrer Schwester und Frau Clandons Gatte.--Nun, was sagen Sie dazu?

(Dolly weinerlich:) Sie brauchen nicht so böse zu sein! Gichtknoten ist ja nicht Ihr Vater!

(Philip.) Herr McComas, Ihr Benehmen ist herzlos. Sie finden hier eine Familie, die den unsagbaren Frieden und die Annehmlichkeit genießt, verwaist zu sein--wir haben niemals das Antlitz eines Verwandten gesehen--niemals ein Band anerkannt, mit Ausnahme des Bandes einer frei gewählten Freundschaft--und jetzt wollen Sie einen Mann in die intimste Verwandtschaft mit uns hineinstoßen, den wir nicht kennen....

(Dolly heftig:) Einen entsetzlichen alten Mann! (Vorwurfsvoll:) Und Sie fingen an, als ob Sie einen ganz netten Vater für uns hätten!

(McComas ärgerlich:) Woher wissen Sie, daß er nicht nett ist? Und welches Recht haben Sie, sich Ihren eigenen Vater zu wählen? (Seine Stimme erhebend:) Ich muß Ihnen sagen, Fräulein Clandon, daß Sie zu jung sind, um--

(Dolly unterbricht ihn plötzlich mit Heftigkeit:) Still! Das hab' ich ja ganz vergessen... hat er Geld?

(McComas.) Er hat sehr viel Geld.

(Dolly entzückt:) Oh, was habe ich immer gesagt, Phil?

(Philip.) Dolly, wir haben den alten Mann vielleicht zu schnell verurteilt.--Fahren Sie fort, Herr McComas.

(McComas.) Ich werde nicht fortfahren, junger Herr. Ich bin zu empört, zu verletzt dazu.

(Frau Clandon kämpft mit ihrem Zorn:) Finch, können Sie die ganze Sachlage mit allen Folgen überblicken? Wissen Sie, daß meine Kinder diesen Mann zum Frühstück eingeladen haben und daß er in einigen Augenblicken hier sein wird? (McComas ganz außer sich:) Was!... Meinen Sie--soll ich wirklich annehmen--ist es...

(Philip nachdrücklich:) Ruhig Blut, Finch! Denken Sie darüber langsam und sorgfältig nach.--Er kommt--kommt zum Frühstück.

(Gloria.) Wer von uns soll ihm die Wahrheit sagen? Habt ihr darüber nachgedacht?

(Frau Clandon.) Finch, Sie müssen es ihm sagen!

(Dolly.) Oh, Finch ist ganz unbrauchbar, um so was zu sagen! Schau doch, was er damit angerichtet hat, daß er es uns gesagt hat!

(McComas.) Man hat mich nicht zu Worte kommen lassen. Ich protestiere.

(Dolly ergreift schmeichlerisch seinen Arm:) Lieber Finch, nicht böse sein!

(Frau Clandon.) Gloria, wir wollen hineingehen; er kann jeden Augenblick kommen!

(Gloria stolz:) Rühr' dich nicht vom Fleck, Mutter. Ich werde mich auch nicht rühren. Wir dürfen nicht davonlaufen.

(Frau Clandon sie zurechtweisend:) Mein Kind, so können wir nicht zu Tisch gehen. Wir kommen gleich wieder. Wir müssen kein Heldentum posieren. (Gloria zuckt zusammen und geht stumm ins Hotel:) Komm, Dolly! (Als sie sich der Hoteltüre nähert, kommt ihr der Kellner daraus entgegen. Er trägt ein Servierbrett, auf dem sich Teller für die zwei hinzugekommenen Gedecke befinden.)

(Der Kellner.) Sind die Herren schon da, gnädige Frau?

(Frau Clandon.) Es kommen noch zwei. Sie werden gleich da sein. (Sie geht ins Hotel. Der Kellner geht mit seinem Geschirr an den Serviertisch.)

(Philip.) Ich habe eine Idee--Herr McComas. Die Mitteilung, die Sie zu machen haben, erfordert doch einen Mann von unendlich viel Takt, nicht wahr?

(McComas.) Es gehört sicherlich Takt dazu.

(Philip.) Dolly, wessen Takt ist dir erst heute morgen aufgefallen?

(Dolly ergreift die Idee mit Begeisterung:) O ja! ich weiß, wen du meinst! William!

(Philip.) Das ist der Mann! (Rufend:) William!

(Der Kellner.) Zu Befehl, junger Herr.

(McComas entsetzt:) Der Kellner?!... Nein! Nein! Das kann ich nicht zugeben, ich--

(Der Kellner taucht zwischen Philip und McComas auf:) Ich stehe zu Diensten.

(McComas setzt sich außer Fassung. Sein Gesicht wird aschfahl, und seine Augen werden bewegungs--und ausdruckslos. Er setzt sich total verdutzt.)

(Philip.) William, erinnern Sie sich an meine Bitte, mich als Ihren Sohn zu betrachten?

(Der Kellner mit respektvoller Nachsicht:) Gewiß, junger Herr?--Alles, womit ich Ihnen dienen kann.

(Philip.) William: Ihre Karriere als mein Vater hat kaum begonnen, und schon ist ein Rivale auf der Bildfläche aufgetaucht.

(Der Kellner.) Ihr wirklicher Vater, junger Herr? Nun, das war früher oder später zu erwarten, nicht wahr? (Er wendet sich mit einem glücklichen Lächeln zu McComas:) Sind Sie es, gnädiger Herr?

(McComas kommt durch seine Entrüstung wieder zu Kräften:) Nein, ganz gewiß nicht, Gott sei Dank! Meine Kinder wissen, wie sie sich zu benehmen haben!

(Philip.) Nein, William, dieser Herr hätte nur mein Vater werden können! Um ein Haar wäre er's geworden. Er hat um meine Mutter angehalten, aber sie hat ihm einen Korb gegeben.

(McComas beleidigt:) Ich muß doch bitten--Wahrhaftig, diese Frechheit--

(Philip.) Sch!--Infolgedessen ist er nur unser Anwalt geworden. --Kennen Sie einen gewissen McNaughtan in dieser Stadt?

(Der Kellner.) Der schieläugige McNaughtan, junger Herr, vom krummen Knüttel--meinen Sie den?

(Philip.) Das weiß ich nicht!--Finch, hält er ein Wirtshaus?

(McC omas erhebt sich empört:) Nein, nein, nein! Ihr Vater, Herr, ist ein sehr bekannter Schiffsrheder, einer der angesehensten Männer der Stadt!

(Der Kellner, auf den das Eindruck gemacht hat:) Oh, verzeihen Sie, gnädiger Herr--ein Sohn des Herrn McNaughtan--meine Güte!

(Philip.) Herr McNaughtan wird mit uns frühstücken.

(Der Kellner verlegen:) Zu Befehl, junger Herr. (Diplomatisch:) Er frühstückt für gewöhnlich wohl nicht mit seiner Familie?

(Philip nachdenklich:) William--er weiß nicht, daß wir seine Familie sind. Er hat uns seit achtzehn Jahren nicht gesehen--er wird uns nicht erkennen. (Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, setzt sich Philip mit einem Sprung auf den Eisentisch und beobachtet den Kellner mit zusammengekniffenen Lippen und baumelnden Beinen.)

(Dolly.) Wir wollen, daß Sie ihm diese Neuigkeit mitteilen, William!

(Der Kellner.) Aber ich sollte meinen, daß er's errät, wenn er Ihre Mutter sieht, gnädiges Fräulein?

(Philip starrt den Kellner hingerissen an; seine Beine stellen ihre Bewegung ein.)

(Dolly verwirrt:) Daran habe ich nicht gedacht!

(Philip.) Ich auch nicht! (Er verläßt den Tisch und wendet sich vorwurfsvoll zu McComas:) Sie auch nicht!

(Dolly.) Und Sie wollen ein Anwalt sein?

(Philip.) Finch, Ihre berufliche Unzulänglichkeit ist erschreckend! --William, Ihr Scharfsinn beschämt uns alle.

(Dolly.) Sie sind wirklich Shakespear sehr ähnlich, William!

(Der Kellner.) Aber nein! Es ist nicht der Rede wert, gnädiges Fräulein... ich schätze mich glücklich, junger Herr. (Er gebt bescheiden zum Frühstückstisch zurück und legt die beiden hinzugekommenen Gedecke auf, das eine an die Schmalseite in der Nähe der Stufen und das andere so, daß noch ein drittes hinzukommen kann an der von der Balustrade am weitesten entfernten Seite.)

(Philip ergreift plötzlich McComas' Arm und führt ihn gegen das Hotel zu:) Finch, kommen Sie und waschen Sie sich die Hände.

(McComas.) Ich bin überaus ungehalten und verletzt, Herr Clandon--

(Philip ihn unterbrechend:) Sie werden sich schon an uns gewöhnen. Komm, Dolly!

(McComas schüttelt ihn ab und geht ins Hotel. Philip folgt ihm mit unerschütterlicher Gemütsruhe.)

(Dolly, die ihnen folgt, wendet sich einen Augenblick auf den Stufen um:) Halten Sie Ihre fünf Sinne beisammen, William--es wird drunter und drüber gehen!

(Der Kellner.) Zu Befehl, Sie können sich auf mich verlassen, gnädiges Fräulein.

(Dolly geht ins Hotel.)

(Dr. Valentine kommt leichten Fußes die Stufen vom Strand herauf, McNaughtan folgt ihm störrisch. Dr. Valentine hat einen Spazierstock, McNaughtan trägt--entweder weil er alt ist und friert, oder um seinen unmodernen Seemannsanzug zu verbergen--einen leichten Überzieher. Er bleibt vor dem Stuhl, den McComas eben verlassen hat, in der Mitte der Terrasse stehen, stützt die Hand auf die Lehne und gibt sich so ein bißchen Kraft.)

(McNaughtan.) Die vielen Stufen machen mich schwindlig. (Er fährt sich mit der Hand über die Stirn:) Ich habe dieses höllische Gas noch immer im Leibe. (Er setzt sich in den Eisenstuhl, so daß er seine Ellbogen auf den kleinen Tisch aufstützen und den Kopf in die Hände stützen kann. Er erholt sich bald und beginnt seinen Überrock aufzuknöpfen. Inzwischen fragt Dr. Valentine den Kellner aus.)

(Dr. Valentine.) Kellner!

(Der Kellner tritt vor zwischen die beiden Gäste:) Zu Befehl?

(Dr. Valentine.) Ist Frau Lanfrey Clandon zu Hause?

(Der Kellner mit einem süßen Lächeln des Willkommens:) Zu dienen, Herr Doktor, wir erwarten Sie. Dies ist der bestellte Tisch. Frau Clandon wird gleich da sein.--Die junge Dame und der junge Herr haben soeben von ihrem Freunde gesprochen.

(Dr. Valentine.) Wirklich?

(Der Kellner sanft melodisch:) Zu Befehl. Die jungen Herrschaften sind sehr ausgelassen--eine spaßhafte Ader sozusagen, gnädiger Herr. (Rasch zu McNaughtan, der sich erhoben hat, um seinen Überrock abzulegen:) Verzeihen Euer Gnaden--gestatten Sie... (Er hilft ihm den Überrock ausziehen und nimmt ihn an sich:) Ich danke sehr. (McNaughtan setzt sich wieder, und der Kellner nimmt die unterbrochene Melodie wieder auf:) Des jungen Herrn letzter Witz ist, daß Sie sein Vater sind, gnädiger Herr.

(McNaughtan.) Was?!

(Der Kellner.) Nur ein Spaß, Euer Gnaden--sein Lieblingsspaß. Gestern sollte ich sein Vater sein--heute, als er erfuhr, daß Sie kommen würden, gnädiger Herr, versuchte er sofort mir einzureden, daß Sie sein Vater wären--sein lang verlorener Vater. Achtzehn Jahre lang hat er Sie nicht gesehen--sagt er.

(McNaughtan verblüfft:) Achtzehn Jahre?...

(Der Kellner.) Zu Befehl. (Mit sanfter Schlauheit:) Aber ich war seinen Späßen gewachsen, gnädiger Herr. Ich sah, wie ihm die Idee kam, als er hier stand und über einen neuen Scherz nachdachte, den er sich mit mir machen könnte.--Ja, gnädiger Herr, das ist so seine Art. Sehr vergnügt, liebenswürdig, sehr frei und sehr umgänglich--wahrhaftig, gnädiger Herr! (Verändert wieder seinen Rhythmus, um zu Dr. Valentine, der seinen Stock in eine Ecke der Garunbank lehnt, zu sagen:) Darf ich so frei sein?... (Er nimmt Dr. Valentines Stock.) Danke schön.

(Dr. Valentine geht an den Tisch und studiert das Menü.)

(Der Kellner wendet sich wieder zu McNaughtan und fährt in seinem Liede fort:) Sogar der Herr Anwalt ist auf den Scherz eingegangen, obgleich ich sozusagen im Vertrauen mit ihm über den jungen Herrn gesprochen hatte... Ja, ich versichere Ihnen, Sie würden nicht glauben, wozu die ehrenwertesten Berufsmenschen Londons auf einem Ausflug, wenn die Meerluft sie anbläst, imstande sind!

(McNaughtan.) Oh, sie haben also einen Anwalt bei sich?

(Der Kellner.) Ja, der Familienanwalt, gnädiger Herr. Ein Herr McComas. (Er geht mit Rock und Stock zum Hoteleingang, glücklicherweise ohne zu ahnen, welchen bombenartigen Eindruck er mit diesem Namen auf McNaughtan gemacht hat.)

(McNaughtan erhebt sich in wütender Erregung:) McComas! (Ruft:) Dr. Valentine! (Ruft grimmiger:) Dr. Valentine! (Dr. Valentine wendet sich um.) Das ist eine Falle, eine Verschwörung! Das ist meine Familie--meine Kinder--mein Satan von Weib!

(Dr. Valentine kalt:) Was Sie nicht sagen! Ein interessantes Zusammentreffen. (Er geht wieder daran, das Menü zu studieren.)

(McNaughtan.) Zusammentreffen?... Es wird nicht stattfinden! Lassen Sie mich fort! (Ruft den Kellner an:) Geben Sie mir meinen Überzieher!

(Der Kellner.) Ja, gnädiger Herr! (Er kehrt um, lehnt Dr. Valentines Stock vorsichtig an den Frühstückstisch, schüttelt den Überzieher behutsam und hält ihn McNaughtan zum Anziehen hin.) Ich scheine dem jungen Herrn unrecht getan zu haben--ist es so, gnädiger Herr?

(McNaughtan.) Rrrh! (Er hält inne, im Begriff in die Armel au schlüpfen, und wendet sich mit plötzlichem Argwohn zu Dr. Valentine:) Doktor, Sie sind im Einverständnis! Das haben Sie angestiftet! Sie--

(Dr. Valentine entschieden:) Unsinn! (Er wirft das Menü fort, geht um den Tisch herum an die Balustrade und sieht gleichgültig hinaus.)

(McNaughtan ärgerlich:) Was zum Teufel--(McComas kommt aus dem Hotel, Philip und Dolly folgen ihm. Er wankt bei McNaughtans Anblick einen Moment zurück.)

(Der Kellner unterbricht McNaughtan sanft:) Fassung, gnädiger Herr! Hier kommen sie. (Er ergreift Dr. Valentines Stock und eilt, den Rock über seinen Arm werfend, ins Hotel.)

(McComas zieht die Mundwinkel entschlossen herab, geht auf McNaughtan zu, der zurückweicht und mit den Händen auf dem Rücken ihn böse anstarrt. McComas sieht mit offenerer Stirn denn je McNaughtan an, mit der Majestät eines fleckenlosen Gewissens.)

(Der Kellner flüstert Philip während seines Abgangs zu:) Ich hab' es ihm beigebracht, junger Herr.

(Philip.) Unschätzbarer William! (Er tritt vor, an den Tisch.)

(Dolly leise zum Kellner:) Wie hat er's aufgenommen?

(Der Kellner leise zu ihr:) Erst war er erschrocken, gnädiges Fräulein--dann aber in sein Schicksal ergeben... wirklich sehr ergeben. (Er geht mit Stock und Rock in das Hotel.)

(McComas hat McNaughtan durch sein Anstarren aus der Fassung gebracht: ) Da wären Sie also, Herr McNaughtan!

(McNaughtan.) Ja, da bin ich--in einer Falle gefangen--in einer ganz gemeinen Falle!--Sind das meine Kinder?

(Philip mit tödlicher Höflichkeit:) Ist das unser Vater, Herr McComas?

(McComas.) Ja--es--(Er verliert selbst die Fassung und hält inne.)

(Dolly förmlich:) Es freut mich sehr, Ihnen wieder zu begegnen. (Sie kommt nachlässig hinter dem Tisch hervor und tauscht unterwegs mit Dr. Valentine ein Lächeln und ein Wort des Grußes.)

(Philip.) Erlauben Sie mir, meine erste Pflicht dem Gaste gegenüber zu erfüllen und Ihren Wein zu bestellen. (Er nimmt die Weinkarte vom Tisch; seine höfliche Aufmerksamkeit und Dollys achtlose Gleichgültigkeit belassen McNaughtan auf dem Standpunkt der zufälligen Bekanntschaft, die sie am Morgen beim Zahnarzt gemacht haben. Diese Erkenntnis berührt den Vater mit so heftiger Qual, daß er über und über zittert. Seine Stirn wird feucht, und er starrt seinen Sohn schweigend an. Dieser ist sich seiner eigenen Gefühllosigkeit genug bewußt, um sich seines Humors und seiner Gewandtheit außerordentlich zu freuen. Er fährt freundlich fort.) Finch, darf ich für den alten respektablen Familienanwalt irgendeinen alten verstaubten Portwein bestellen?